Screenshot aus dem Youtube Video der AfD-Berlin© Youtube (https://youtu.be/lrRonqNzx009)

von Cristina Helberg , Jacques Pezet , Tania Röttger

Der Berliner Landesverband der AfD hat ein Video auf Facebook veröffentlicht und behauptet, es handele sich um ein „Fakevideo”, das die AfD diskreditieren solle. Unsere Recherchen haben ergeben: Es handelt sich um ein Video der Dreharbeiten für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“.

„Die #AfD ist entsetzt über den Versuch, Fakevideos an einem falschen Parteistand zu drehen. Durch einen Zufall konnte jetzt ein solches Projekt in Lichtenberg aufgedeckt werden“, schrieb der Landesverband der AfD Berlin in einem Facebookpost am Mittwoch Vormittag. Darunter ein Video mit dem Titel „Neues Fake-Video aufgedeckt“. Um 12:46 Uhr veröffentlichte die AfD zusätzlich eine Pressemitteilung und verwies auf dasselbe Video in ihrem Youtube-Kanal, das dort ebenfalls am 12.9. veröffentlicht wurde.

Durch Recherchen auf Google Maps, in den Sozialen Medien und Presseanfragen an verschiedene Fernsehsender konnten wir belegen, dass das Video Dreharbeiten für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“ gedreht wurde.

Das passiert in dem Video

In dem Video reagieren die AfD-Politiker Dirk Spaniel und Karsten Woldeit „fassungslos“ auf Videoausschnitte, die ein Kamerateam bei Dreharbeiten zeigt. Gefilmt werden Personen an einem AfD-Parteistand, so wie ein von zwei weißen Männern gejagter schwarzer Mann. Eine andere Szene zeigt eine Frau, die in ein oranges Mikrofon spricht, umgeben von Demonstranten mit Deutschlandfahnen.

Auf Twitter vermuteten deshalb gestern viele Nutzer, dass es sich um ZDF-Dreharbeiten handelt. Ob in dem Video tatsächlich ein ZDF-Mikro zum Einsatz kommt, ist aufgrund der schlechten Bildqualität nicht erkennbar.

Das ZDF hat uns gegenüber am 12. September 2018 jedoch dementiert: „Bei den gezeigten Aufnahmen handelt es sich nicht um Dreharbeiten für das ZDF.“

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Screenshot von dem Video

Wo wurde das Video aufgenommen?

Laut dem Facebook-Post der AfD sollen die Dreharbeiten am 7. September 2018 gegen 15 Uhr von Passanten beobachtet worden sein. Während die Partei in ihrer Pressemitteilung nur Berlin als Ort nennt, ist in dem Facebook-Post der Anton-Saefkow-Platz markiert.

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Tatsächlich wurde das Video offenbar am Anton-Saefkow-Platz in Berlin aufgenommen. Die auffälligen roten Markierungen auf dem Boden sind auf Google Maps und im Video gut erkennbar.

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Screenshot von Google Maps

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Screenshot aus dem Video

Wer steckt hinter dem Video?

Bei den Aufnahmen handelt es sich um Dreharbeiten für das Satireformat „Bohemian Browser Ballett“. Wie haben wir das herausgefunden?

Nachdem wir über den Bildervergleich feststellen konnten, dass das Video am Anton-Saefkow-Platz in Berlin gedreht wurde, suchten wir nach Zeugen der Szene im Netz. Dabei fanden wir den folgenden Retweet eines Tweets vom 8. September mit einem Bild des Platzes. Dazu der Text: „Dreharbeiten in #Berlin #Lichtenberg # Satire Sendung #Film #zdf #swr… Dabei wurde eine Demo inszeniert.. nicht jeder Anwohner verstand auf Anhieb um was es dabei ging“. CORRECTIV kontaktierte die Person, die das Bild zuerst gepostet hatte und erfuhr so, dass es sich um einen Dreh für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“ gehandelt haben soll. Nach unserem Gespräch löschte die Person den Tweet.

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Screenshot von Twitter

Auch auf Instagram fanden wir Hinweise auf den Dreh. Der Account @kristin_meyer_official teilte am 7. September 2018 um 16:43 Uhr ein Selfie. Im Hintergrund sind mehrere Personen mit Deutschlandflaggen und Filmequipment zu erkennen. Das rote Muster auf dem Asphaltboden passt zu den Google Aufnahmen des Anton-Saefkow-Platzes in Berlin. Der Account ist mit dem blauen Haken von Instagram verifiziert, offenbar handelt es sich also um den offiziellen Account der Schauspielerin Kristin Meyer, die auch auf dem Selfie zu sehen ist. Als Hashtag nutzt sie unter anderem #bohemianbrowserballett und #satire.

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Screenshot vom Instagram-Profil der Schauspielerin Kristin Meyer

Auf Anfrage von CORRECTIV bestätigte der SWR-Unternehmenssprecher Wolfgang Utz, „dass es sich dabei um Dreharbeiten der zuständigen Produktionsfirma für das satirische Funk-Format ‘Bohemian Browser Ballett’ handelt“. Er betonte, dass das Fernsehteam im Besitz einer Drehgenehmigungen war und ist der Meinung, dass bei den Aufnahmen eindeutig zu erkennen war, „dass es sich um Dreharbeiten mit inszenierten Szenen handelt“ – wegen der aufgestellten Zelte für die Schauspieler und das technische Team. Es ist dem SWR zufolge noch unklar, „ob und in welchem Umfang die gedrehten Szenen für das Satireformat verwendet werden“.

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Antwort von Wolfgang Utz (SWR)

Was ist „Bohemian Browser Ballett“ ?

„Bohemian Browser Ballett“ ist ein Satireformat von Funk, einem Online-Medienangebot von ARD und ZDF. Verantwortlich für die laufenden Geschäfte ist laut Impressum der Funk-Website der SWR. Der Youtube-Kanal „Bohemian Browser Ballett“ stellt in seiner Beschreibung klar: „Das Browser Ballett ist ein staatlich finanziertes Unterhaltungsangebot für Deutschland. Alle Inhalte entstehen in einem satirischen Kontext und bilden weder Fakten noch Überzeugungen ab.“

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Screenshot von Youtube

Hat die AfD Anzeige erstattet?

In ihrer Pressemitteilung kündigte die AfD an: „Noch wissen wir nicht, wer dieses bizarre Schauspiel inszeniert hat, werden aber selbstverständlich Anzeige gegen unbekannt erstatten. So ist das AfD-Logo markenrechtlich geschützt und darf für derartige Fake-Aktionen natürlich nicht verwendet werden. Zudem fühlen wir uns durch die dargestellten und gefilmten Szenen verleumdet. Die widerlichen ‘Jagdszenen’ erfüllen darüber hinaus den Tatbestand des Vortäuschens einer Straftat.“

Auf Facebook und Twitter kommentierte die Partei, sie habe Anzeige erstattet. Wir haben gestern bei der AfD nachgefragt, bei welcher Polizeidirektion sie Anzeige erstattet hat. Nach unserer Anfrage änderte die AfD ihren Kommentar auf Facebook ab. Dort hatte eine Nutzerin kommentiert: „Sofort Anzeige erstatten“. Darauf antwortete die AfD am Mittwoch zunächst „Haben wir“, später änderte sie das in „Machen wir“ ab. Im Bearbeitungsverlauf ist die Änderung dokumentiert.

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Screenshot von Facebook

Der Polizei Berlin lag laut eigener Aussage zum Stand von heute um 14.30 Uhr keine Strafanzeige vor.

AfD will Fragen zum Ursprung des Videos nicht kommentieren

Auf Nachfrage unserer Redaktion wollte die AfD nicht kommentieren, ob sie den Urheber des veröffentlichten Videos kennt. Auch woher die Informationen der Partei zu Datum, Ort und Zeitpunkt der Aufnahme stammen, will die AfD auf unsere Anfrage nicht kommentieren.

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Anfrage von CORRECTIV an die AfD

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Antwort der AfD

Bewertung: größtenteils richtig

Erneut radikale AfD-Zitate auf Facebook im Umlauf

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AfD Symbolbild
Keines der hier überprüften Zitate von AfD-Politikern oder ihren Mitarbeitern ist eindeutig falsch oder erfunden. Doch die Quellenlage ist nicht immer eindeutig. (Symbolbild: Sina Schuldt / dpa) 

von Alice Echtermann

In einem Facebook-Post werden zahlreiche Zitate aufgelistet, die AfD-Politikern oder deren Mitarbeitern zugeschrieben werden. Die meisten von ihnen sind richtig, aber für einige fehlen eindeutige Belege, oder sie wurden leicht verändert. 

In einem Beitrag vom 4. Januar schreibt ein Facebook-Nutzer über eine „Sammlung von Zitaten der AfD der letzten Monate“. Die Aussagen sind zum Teil sehr radikal. Der Facebook-Beitrag wurde bereits mehr als 24.100 Mal geteilt. 

Viele der 19 Aussagen hat CORRECTIV schon in einem anderen Faktencheck überprüft. Unsere Bewertung beruht ausschließlich darauf, ob die Zitate im Wortlaut richtig wiedergegeben wurden. 

Die meisten Zitate in dem Facebook-Post sind korrekt und auch belegbar. Bei fünf fehlen uns Primärquellen, weshalb wir sie als unbelegt einstufen müssen. Ein Zitat wurde stark zugespitzt, aber ohne den Sinn zu entstellen. Drei sind teilweise falsch, weil der Wortlaut verändert wurde oder Kontext fehlt. 

1. Richtiges Zitat von Alice Weidel

Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.

Dieses Zitat sagte Alice Weidel auf dem Bundesparteitag der AfD 2017 in Köln. Auf Youtube gibt es ein offizielles Video der AfD davon. Wörtlich sagte sie: „Und wir werden uns als Demokraten und Patrioten trotz dessen nicht den Mund verbieten lassen. Denn die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.“ (Video, ab Minute 7:55)

2. Größtenteils richtiges Zitat von Jörg Meuthen 

Bescheidenheit bei der Entsorgung von Personen ist unangebracht.

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Es bezog sich auf eine Äußerung von Alexander Gauland über die ehemalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Özoğuz. Meuthen sagte beim Kyffhäusertreffen am 2. September 2017: „Allerdings, lieber Alexander Gauland, habe ich so meine Zweifel, ob man den Anatolen die Gesellschaft dieser Dame zumuten kann. […] Überhaupt, Ihre Bescheidenheit, nur diese eine Person entsorgen zu wollen, erscheint mir hier ausnahmsweise unangebracht.“

3. Zugespitztes Zitat von Mirko Welsch

Antifa? Ab ins KZ!

Mirko Welsch war nie Mitglied eines Landtags, wie in dem Facebook-Post behauptet wird. Er war Sprecher der Homosexuellen in der AfD. Laut Medienberichten trat er 2017 aus der Partei „wegen der jüngsten Eskapaden von Björn Höcke“ aus, und arbeitet aktuell als Geschäftsführer für zwei AfD-Abgeordnete im Landtag Rheinland-Pfalz, Jens Ahnemüller und Gabriele Bublies-Leifert. Die beiden bis dahin Fraktionslosen gründeten im Januar eine „Freie Alternative Fraktionsgruppe im Landtag  Rheinland-Pfalz“.

Die Seite Volksverpetzer zeigt einen Screenshot von Twitter, in dem ein Account namens „Mirkofuerde“ (@mirko1a) auf einen Beitrag der Zeitung Neues Deutschland offenbar folgendermaßen antwortete: „Abschiebung der Antifa nach Buchenwald. Arbeit statt Linksterror.“ Das Zitat „Antifa? Ab ins KZ!“ entspricht also nicht dem Original, der Sinn ist jedoch nicht verändert worden. 

Der Twitter-Account „Mirkofuerde“ (@mirko1a) ist noch aktiv, der Original-Tweet wurde jedoch gelöscht. Auf eine Anfrage von CORRECTIV bestätigte Welsch per E-Mail, dass der Tweet von ihm ist. Er verteidigte dessen Inhalt und schrieb gleichzeitig, er sei satirisch überspitzt formuliert gewesen.

4. Teilweise falsches Zitat von Andreas Gehlmann

Homosexuelle ins Gefängnis? Das sollten wir in Deutschland auch machen! 

In einer Sitzung des Landtags von Sachsen-Anhalt am 2. Juni 2016 rief der AfD-Abgeordnete Andreas Gehlmann laut Protokoll einen Satz dazwischen, der sinngemäß dem Zitat entspricht. Allerdings ist unklar, ob er sich wirklich auf die Gefängnisstrafe bezog. 

In der Sitzung ging es um die Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer. So steht im Protokoll (Seite 64), dass Henriette Quade (Linke) gerade eine Rede hielt und sagte: „Insbesondere für Homosexuelle ist die Sicherheitslage mehr als prekär. Sie ist verboten und in höchstem Maße tabuisiert. Wer Homosexualität offen auslebt, dem droht dafür eine Gefängnisstrafe.“ Daraufhin kam laut Protokoll der Zwischenruf von Andreas Gehlmann: „Das sollten wir in Deutschland auch machen!“ Der erste Teil des Zitats fehlt also. 

Darüber gab es mehrere Medienberichte, Henriette Quade prangerte an, dass Gehlmann gefordert habe, Homosexuelle ins Gefängnis zu stecken. Die AfD-Fraktion veröffentlichte daraufhin eine Pressemitteilung. Das Zitat sei falsch interpretiert worden: „Gehlmann hatte sich dahingehend geäußert, dass ‘tabuisiert sein soll, wer Homosexualität offen auslebt’. Zu dieser Aussage steht Herr Gehlmann auch uneingeschränkt, da er Sittenverfall und sogar allgemein offen ausgelebte Sexualität scharf ablehnt.“

5. Drei richtige Zitate von Marcel Grauf

Ich würde niemanden verurteilen, der ein bewohntes Asylantenheim anzündet!

Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.

Ich wünsche mir so sehr einen Bürgerkrieg und Millionen Tote. Frauen, Kinder. Mir egal. Es wäre so schön. Ich will auf Leichen pissen und auf Gräbern tanzen. SIEG HEIL!

Diese Zitate hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Sie stammen aus einem privaten Facebook-Chat von Marcel Grauf, einem Mitarbeiter zweier AfD Landtagsabgeordneter aus Baden-Württemberg. Die Echtheit sah ein Gericht als hinreichend erwiesen an. 

6. Unbelegtes Zitat von Andreas Geithe

Wir sollten eine SA gründen und aufräumen!

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Laut Medienberichten warfen Andreas Geithes’ Parteikollegen ihm vor, auf Twitter „eine verfängliche Nachricht“ verschickt zu haben. Es ist jedoch unklar, ob Geithe den Account selbst anlegte und den Tweet verfasste. Geithe hat in der AfD Berlin nach Aussage eines Sprechers kein Amt mehr inne. 

7. Teilweise falsches Zitat von Egbert Ermer

Drecksack-Antifakindern bekiffter Eltern gehört eine verpasst und sie in den Dreck geworfen. Ihnen gehört gedroht, dass sie nächstes Mal unter der Erde liegen!

Es gibt ein Video auf Youtube von der Szene, wo dieses Zitat gefallen sein soll. Es war im Wortlaut anders: keine Forderung, sondern die Schilderung eines Vorfalls. 

Bei einer Veranstaltung sagte Ermer demnach (ab 8:15): „Dieser selbe Drecksack – ja, wahrscheinlich Antifa, von bekifften Eltern oder sowas – hat dann abends in einer Kneipe versucht, da er über den Tag nicht zum Zuge gekommen ist, dort für Stimmung zu sorgen, und war leider an die falschen Norweger geraten. Diese Norweger haben noch einen etwas höheren Nationalstolz als wir. […] Die Norweger haben diesen Typen gepackt, haben ihm vor laufenden Leuten dort links und rechts derartig eine verpasst, dass ihm Hören und Sehen vergangen ist, haben ihn rausgeschleppt auf die Straße, haben ihn auf der Straße in den Dreck geschmissen, haben jeder auf diesen Typen draufgespuckt und haben ihm zu verstehen gegeben: Wenn er nochmal in die Kneipe kommt, dann liegt er nicht mehr auf der Straße, sondern ein Stück tiefer.“

Laut MDR ist Ermer Anfang 2019 aus der AfD Sachsen ausgetreten. Er wurde stellvertretender Vorsitzender von André Poggenburgs neuer Partei „Aufbruch deutscher Patrioten“. 

8. Teilweise falsches Zitat von Heiko Hessenkemper

Wir müssen die Printmedien und den öffentlich-rechtlichen Propagandaapparat angreifen und abschaffen. 

Dieses Zitat des Bundestagsabgeordneten Heiko Hessenkemper findet sich so in einem Artikel von Vice über den AfD-Parteitag 2017: „Wenn sie den Tatbestand der Umvolkung ansprechen, gibt es auch in der Partei einige mediale Zuckungen. Wir müssen die Printmedien und den öffentlich-rechtlichen rot-grünen Propagandaapparat angreifen und abschaffen.“ 

Es gibt von der Rede einen Video-Mitschnitt auf Youtube, der zeigt, dass das Zitat nicht wörtlich so gefallen ist. Er sagt nicht direkt, dass die Printmedien oder die Öffentlich-Rechtlichen abgeschafft werden sollen. Der Inhalt ist aber ähnlich, er spricht davon, die Medien anzugreifen und den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen. 

Den ersten Teil des Zitats sagt Hessenkemper (im Video ab Minute 0:45): „Wenn Sie den Tatbestand der Umvolkung hier nennen, gibt es einige mediale Zuckungen auch innerhalb unserer Partei. Ich kann es natürlich auch anders sagen: Resettlement und Replacement, wie es im CDU-Programm drinsteht. Wir müssen uns dann allerdings später bei der Schuldfrage von Historikern fragen lassen, warum wir wieder einmal etwas nicht beachtet haben, was vorher klar angekündigt wurde.“

Der zweite Teil der Aussage fällt dann mit einigem Abstand. Hessenkemper sagt (im Video etwa ab Minute 2:45): Wir müssen die zwei Ms der Machtbasis dieser Struktur angreifen und schwächen. Das erste M sind die Medien. Sie sind nicht unsere Freunde. Die Printmedien werden gerade vom Markt abgestraft, daran müssen wir auch vom Vorstand aus weiter arbeiten. Das zweite M ist der öffentlich-rechtliche, rot-grüne Propaganda-Apparat. Hier wird es ein wesentliches strategisches Ziel sein, mit dem ersten Ministerpräsidenten in einem Bundesland – und ich habe da Sachsen im Auge – den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen.“ Hiernach wird Hessenkemper vom Moderator unterbrochen, der ihn auffordert, zum Schluss zu kommen. 

9. Richtiges Zitat von Hans-Thomas Tillschneider, aber Kontext fehlt

Wer versucht, die AfD zu richten, den richtet die AfD! 

Auch dieses Zitat findet sich in dem Vice-Artikel über den AfD-Parteitag 2017. Tillschneider hat diese Worte gesagt, allerdings ist entscheidend, was beziehungsweise wen er in seiner Rede damit meinte. Er spricht laut einem Video-Mitschnitt (ab 04:08:14) darüber, dass die AfD in seinen Augen eine Programmpartei sei. Bernd Lucke und Frauke Petry hätten versucht, die AfD zu einer „Personenpartei“ zu machen. Beide seien gescheitert: „Die AfD hat überlebt! Wer versucht, die AfD zu richten, den richtet die AfD!“ Tillschneider ist derzeit Abgeordneter des Landtags Sachsen-Anhalt. 

10. Richtiges Zitat von Markus Frohnmaier

Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet! 

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Es ist richtig. Markus Frohnmaier, Bundestagsabgeordneter der AfD, war am 28. Oktober 2015 laut Medienberichten bei einer AfD-Kundgebung in Erfurt. Dort sprach er über die Asylpolitik der Bundesregierung. Dieser Auftritt ist mit einem Video-Mitschnitt belegt, in dem auch das Zitat fällt (ab 4:27). Er sagte: „Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und zwar nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“

11. Nicht belegbares Zitat von Sandro Hersel

Brennende Flüchtlingsheime sind kein Akt der Aggression. 

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Der AfD-Landtagsabgeordnete Sandro Hersel aus Mecklenburg-Vorpommern soll diese Aussage in Chats mit dem AfD-Politiker Holger Arppe getroffen haben. Über die Chatprotokolle berichteten 2017 die Taz und der NDR. CORRECTIV kann die Echtheit nicht überprüfen. Allerdings wurde Holger Arppe wegen seiner Äußerungen in den Chats unter anderem aus der Partei ausgeschlossen (siehe auch Zitat Nr. 17).

12. Unbelegtes Zitat von Dubravko Mandic

Von der NPD unterscheiden wir uns nicht durch Inhalte.

In einem Beitrag der MDR-Sendung Monitor von Januar 2016 zitiert der Sprecher (ab Minute 6:09) eine Aussage, die der Freiburger Rechtsanwalt Dubravko Mandic auf Facebook getroffen haben soll: „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützer-Umfeld, nicht so sehr durch Inhalte.“ Es wird auch ein Screenshot des Beitrags auf Facebook gezeigt. 

Den Original-Post konnten wir nicht finden. Eine Google-Suche nach dem Stichwort „NPD“ auf Mandics Facebook-Profil oder seiner Facebook-Seite ergibt keine Treffer. Auch mit einer zeitlich beschränkten Google-Suche auf ganz Facebook nach „von der NPD unterscheiden wir uns“ vor dem 31. Dezember 2016 konnten wir den Beitrag nicht finden. Im Internet Archive ist der Post ebenfalls nicht gespeichert. 

Die Sendung mit dem Screenshot des Facebook-Beitrags von Mandic. (Quelle: Monitor. Screenshot: CORRECTIV).

Zahlreiche Medien berichteten jedoch über das Zitat, und ein Dementi von Mandic oder der AfD dazu fanden wir nicht. Auch der Verfassungsschutz zitierte den Satz in seinem Gutachten über die AfD. Als Quelle wird ein Bericht der Badischen Zeitung von April 2016 genannt.

13. Unbelegtes Zitat von Beatrix von Storch

Wenn jemand kommt, und den ganz großen Knüppel rausholt und das damit schafft, innerhalb von zwei Tagen zu beenden, bin ich sofort dabei.

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch soll diesen Satz bei einer Veranstaltung am 21. Februar 2015 zum Thema „Bürgerrechte, Politikkorrektheit und Gender-Mainstreaming“ gesagt haben. Allerdings fanden wir dafür keine Belege. 

14. Richtiges Zitat von Petr Bystron

Solche Menschen müssen wir selbstverständlich entsorgen.

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Der Bundestagsabgeordnete Petr Bystron äußerte sich so bei seiner Abschiedsrede als Landesvorsitzender der AfD Bayern 2017. In einem in einem Mitschnitt auf Youtube (ab Minute 13:30) ist dokumentiert, dass er über Menschen wie die ehemalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, sagte: „Wenn jemand, der eigentlich dafür zuständig sein sollte, dass sich Ausländer hier integrieren, sagt, für ihn ist keine deutsche Kultur außer der Sprache wahrnehmbar, dann ist der auf seinem Posten falsch. […] Und da hat mein Freund Dr. Gauland 100-prozentig Recht – solche Menschen müssen wir selbstverständlich entsorgen.“ 

15. Größtenteils richtiges Zitat von Björn Höcke

Das große Problem ist, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt.

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Es stammt aus einem Interview des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke mit dem Wall Street Journal und wurde nur leicht verändert. Im Original sagte Höcke: „Das große Problem ist, dass man Hitler als absolut böse darstellt.“ Er argumentierte, dass kein Mensch durch und durch nur schlecht sei. 

16. Größtenteils richtiges Zitat von Dieter Görnert

Das Pack erschießen oder zurück nach Afrika prügeln.

Dieses Zitat hat CORRECTIV bereits in einem Faktencheck überprüft. Es ist aus zwei Tweets zusammengesetzt: „Am besten das Pack zurück nach Afrika prügeln“ und „Auf der Stelle erschießen, dann wird sich das ganz schnell legen“. Es gibt Belege, dass Görnert (ehemals zweiter Kreisvorsitzender der AfD in Nürnberg) der Autor war und die Tweets unter einem Pseudonym verfasste. So heißt es in einer Pressemitteilung der AfD, er habe die Tweets ohne Klarnamen abgesetzt. Er wurde wegen der Aussagen aus seiner Partei ausgeschlossen. Als ein Twitter-Nutzer ihn 2019 auf eine Collage mit seinen radikalen Tweets hinwies, twitterte Görnert außerdem: „Danke für die Sammlung. Allerdings lief diese nicht unter dem Namen Görnert.“

17. Nicht belegbares Zitat von Holger Arppe

Wir müssen ganz friedlich und überlegt vorgehen, uns ggf. anpassen und dem Gegner Honig ums Maul schmieren, aber wenn wir endlich soweit sind, dann stellen wir sie alle an die Wand. (…) Grube ausheben, alle rein und Löschkalk oben rauf.

Dieses Zitat stammt aus den bereits erwähnten Chatprotokollen des AfD-Landtagsabgeordneten in Mecklenburg-Vorpommern, Holger Arppe. Über die Chats hatten die Taz und der NDR berichtet, sie liegen CORRECTIV nicht vor.  

Arppe bestreitet offenbar die Urheberschaft der Aussagen. Auf seiner Webseite schreibt er über sich: „Im August 2017 initiierte die linke Presse gegen meine Person eine beispiellose Rufmordkampagne der perfidesten Art, ohne mich jedoch nachhaltig kleinzukriegen.“ 

Laut Medienberichten wurde er jedoch 2018 wegen der Chatprotokolle aus der Partei ausgeschlossen. 2019 stellte zudem laut Taz die Staatsanwaltschaft Rostock einen Strafbefehl für eine Geldstrafe von 6.000 Euro wegen Beleidigung gegen ihn – aufgrund von Äußerungen von ihm in den Chats gegen andere AfD-Mitglieder. Der Landtag Mecklenburg-Vorpommern hatte dafür Arppes Immunität aufgehoben. Der Strafbefehl wurde jedoch vom Amtsgericht Rostock nicht erlassen, wie der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, Harald Nowack, auf Nachfrage von CORRECTIV am 17. Februar am Telefon mitteilte. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Von den 19 Zitaten sind die meisten richtig oder größtenteils richtig. Bei fünf fehlen Belege, vier weitere wurden leicht verändert oder es fehlt Kontext. 

Indymedia Trauerkränze
Auf dem Dresdener Annenfriedhof sind am 13. Februar Trauerkränze einer Gedenkveranstaltung angezündet worden. (Foto: Indymedia, CC BY-SA 3.0 DE)

von Bianca Hoffmann

In einem Artikel von Compact wird behauptet, „die Antifa“ habe sich bekannt, Trauerkränze für die Dresden-Opfer verbrannt zu haben. Dafür gibt es derzeit keine Belege. Die Polizei geht aber von einem „politischen Hintergrund“ der Tat aus.

Das Magazin Compact behauptet auf seiner Webseite, es sei nach einer Gedenkveranstaltung am 13. Februar zu einem Vorfall auf dem Alten Annenfriedhof in Dresden gekommen. Dort wurde an die Menschen erinnert, die vor 75 Jahren im Zweiten Weltkrieg bei der Bombardierung durch die Alliierten ums Leben gekommen sind. Trauerkränze, die von Politikern abgelegt wurden, seien verbrannt worden, schreibt Compact. Es existiere ein „Bekennerschreiben“ der „Antifa“, das am 14. Februar auf der Webseite Indymedia veröffentlicht worden sei. Auch die Bild berichtete und schrieb, die Täter seien „mutmaßlich Linksextreme“. 

Dafür gibt es zwar Anhaltspunkte, aber keine Belege.

„Der Sachverhalt ist uns seit dem 15. Februar bekannt und wurde zur Anzeige gebracht“, sagt Norbert Schilling, Polizeihauptkommissar aus Dresden, gegenüber CORRECTIV am Telefon. Die Ermittlungen dazu führe das Dezernat für Staatsschutz. „Es wird ein politischer Hintergrund vermutet.“ Das mutmaßliche Bekennerschreiben werde in die Ermittlungen mit einbezogen.

Auf Indymedia kann jeder Texte verfassen und Inhalte veröffentlichen. Es ist unklar, von wem das mutmaßliche Bekennerschreiben stammt. Es gibt keine Hinweise darauf, ob der Text von der „Antifa“ oder „mutmaßlich Linksextremen“ geschrieben wurde. In dem Schreiben, das von anonymen Autoren verfasst wurde, sind Bilder der brennenden Kränze zu sehen. „Die Kranzniederlegung stellt in unseren Augen eine Verhöhnung aller Opfer der Shoah [Anm. d. Redaktion: Holocaust] und des deutschen Angriffskrieges, als auch eine Verklärung der historischen Ereignisse dar.“ Unterschrieben worden ist der Beitrag mit „Eure Putzfrauen“. 

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Jedes Jahr wird bei Gedenkveranstaltungen der Menschen, die bei der Bombardierung Dresdens ums Leben gekommen sind, gedacht. Rund um den Tag kommt es immer wieder zu Demonstrationen von Rechtsextremen und Gegendemonstrationen durch demokratische Bündnisse, aber auch durch linke Gruppierungen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Auf einem Dresdener Friedhof wurden Kränze angezündet. Die Polizei vermutet einen politischen Hintergrund, es ist aber unklar, wer die Täter sind.

Ministerpr‰sidentenwahl Th¸ringen
Susanne Hennig-Wellsow, nachdem sie Thomas Kemmerich (FDP) Blumen vor die Füße geworfen hat. (Foto: Martin Schutt / dpa)

von Till Eckert

Die Linken-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow sprach bei Markus Lanz darüber, wie AfD-Abgeordnete Mitglieder ihrer Fraktion im Thüringer Landtag bedrohen. In einem Facebook-Beitrag wurde ihre Aussage irreführend verkürzt – außerdem wurde ein Foto von ihr manipuliert.

Susanne Hennig-Wellsow, Linken-Politikerin im Thüringer Landtag und Landesvorsitzende, war am 12. Februar zu Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Dort berichtete sie von Bedrohungen durch die AfD, denen die Fraktion der Linken im Landtag ausgesetzt sei. 

In diesem Kontext verbreitet sich derzeit eine Bildcollage auf Facebook, unter anderem geteilt von der Seite „DDR Produkte“, vom AfD-Kreisverband Coesfeld und dem AfD-Politiker Thomas Hartung. Darauf ist ein angebliches Zitat von Hennig-Wellsow zu lesen, das vermuten lässt, sie bezeichne die AfD-Abgeordneten im Landtag als „Faschisten“, weil diese so höflich seien. 

Die Aussage von Hennig-Wellsow wird aber stark verkürzt und in einigen Punkten falsch dargestellt – außerdem wurde ein manipuliertes Foto von ihr verwendet.

Zitat um essentielle Punkte verkürzt und verfälscht

Die verkürzte und verfälschte Aussage von Hennig-Wellsow. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Original bei Markus Lanz sagte Hennig-Wellsow ab Minute 34

„Wenn ich Ihnen erzählen würde, wie die AfD im Thüringer Landtag unsere Abgeordneten bedroht. Immer in Situationen, in denen niemand dabei ist, wo es immer perfide ist. [Lanz: Können Sie mal ein Beispiel geben?] Es ist einfach Fakt, dass die AfD faschistische Methoden anwendet. Zwei Beispiele: Das eine: wir haben eine junge Abgeordnete, die war neulich im Fahrstuhl, dann kam eine Reihe von AfD-Abgeordneten in den Fahrstuhl hinein und stellten sich so [zeigt vor die Nase] mit ihren Gesichtern vor sie und grinsten sie an und hörten nicht auf. Eine Situation, aus der sie nicht herauskommen konnte. Das andere Beispiel ist das extreme Gegenbeispiel, aber auch das eine Methode der Nazis: Übertriebene Freundlichkeit. ‘Gehen Sie doch mit uns Kaffee trinken’, ‘Sollen wir Sie nicht da und dort mitnehmen und fahren’ und so weiter. Ich selbst wurde neulich von einem AfD-Abgeordneten bedrängt, der körperlich meinen Weg begleiten musste. Ich will damit nur sagen, das ist keine bürgerliche Partei und das kann man schon wissen, wenn man nur Björn Höcke zuhört.“

Im verkürzten Zitat im Facebook-Beitrag wird es so dargestellt, als habe Hennig-Wellsow die AfD in Erfurt zweifach als „ganz klare Faschisten“ bezeichnet. Das stimmt nicht – die Politikerin sprach bei zwei konkreten Beispielen von „faschistischen“ beziehungsweise „Nazi“-Methoden. Das erste Beispiel ist in der Bildcollage zudem falsch dargestellt: Hennig-Vellsow sprach nicht von sich, sondern einer anderen Abgeordneten – zudem beschrieb sie den Fall sehr viel konkreter, so dass eine Bedrohungslage ersichtlich wird.

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Ob die Beispiele  von Hennig-Wellsow so stimmen, können wir nicht überprüfen, weil die Fälle sich laut ihr immer dann zugetragen hätten, als „niemand dabei“ gewesen ist. 

Hennig-Wellsows Bild wurde offensichtlich manipuliert

Weiter wurde das verwendete Foto von Hennig-Wellsow offensichtlich bearbeitet und dahingehend manipuliert, dass unter anderem ihr Mund stark nach links verzerrt aussieht (an der Brille ist das am besten erkennbar). Ein Foto, das unter anderem in einem Artikel von Südthüringen.de vom November 2019 verwendet wurde, scheint das Original zu sein – dort allerdings wirken die Gesichtsproportionen ganz normal. 

Links das Original-Foto von Susanne Hennig-Wellsow, rechts die manipulierte Version aus dem Facebook-Beitrag: das ist unter anderem an den Mundwinkeln, am besten an der Brille zu erkennen. (Screenshots / Collage: CORRECTIV)

Wer das Foto manipulierte, können wir nicht nachprüfen – der Beitrag tauchte aber zuerst bei der Seite „DDR Produkte“ auf und wurde erst dann von dem AfD-Kreisverband und -Politiker geteilt. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Aussage wurde stark verkürzt und verfälscht, zudem wurde das verwendete Foto manipuliert.

Mann kauft Mundschutz in Sambia/Afrika
Auf dem afrikanischen Kontinent wurde eine Task Force im Kampf gegen das Coronavirus Covid-19 eingerichtet. (Symbolbild: picture alliance / AP Photo)

von Bianca Hoffmann

In einem Text des Deutschland-Kuriers wird behauptet, Migranten aus Afrika könnten eine Coronavirus-Epidemie in Deutschland auslösen. Dafür gibt es aktuell keine Hinweise. Experten sind allerdings besorgt, dass sich das Virus in Afrika ausbreiten könnte.

Update, 14. Februar, 19:30 Uhr: Unmittelbar nach Veröffentlichung dieses Faktenchecks berichteten Medien, dass Ägypten den ersten Fall von Coronavirus gemeldet habe. Wir haben den Text daher aktualisiert. Zuvor war kein Fall in Afrika bekannt gewesen. 

Bislang konzentriert sich die Verbreitung des neuartigen Coronavirus Covid-19 vor allem auf China. Die AfD-nahe Zeitung Deutschland-Kurier behauptet allerdings in einem Artikel vom 10. Februar, ihm würde ein „Geheimbericht” des Bundesgesundheitsministeriums vorliegen: Darin werde vor einer Coronavirus-Epidemie durch afrikanische Migranten gewarnt.  

Die Länder Afrikas seien durch schwache Gesundheitssysteme besonders gefährdet. Und gerade dort würden sich angeblich rund eine Million chinesische Gastarbeiter und Entwicklungshelfer aufhalten, die das Virus potenziell weiterverbreiten könnten. 

Laut dem Analyse-Tool Crowdtangle wurde der Artikel des Deutschland-Kuriers schon mehr als 1.200 Mal geteilt. Die Behauptungen sind unbelegt.

Es gibt bisher laut Medienberichten nur einen bestätigten Fall von Coronavirus in Afrika. Diesen habe die ägyptische Regierung am 14. Februar gemeldet. Zum Zeitpunkt, als der Text des Deutschland-Kuriers erschien, war noch kein Fall bekannt. 

Es gibt laut Gesundheitsministerium keinen „Geheimbericht“ 

Wir haben beim Bundesministerium für Gesundheit gefragt, ob das Szenario einer Coronavirus-Epidemie durch afrikanische Migranten plausibel ist. Oliver Ewald, Pressesprecher des Bundesministeriums für Gesundheit, schrieb daraufhin in einer E-Mail an CORRECTIV: „Diese Berichterstattung ist frei erfunden und entbehrt jeder Grundlage.”

Asylsuchende, die nach Deutschland kommen, sind gesetzlich verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung zuzulassen. Das schreibt das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge auf Anfrage von CORRECTIV. 

Coronavirus Covid-19 wird in Afrika als Bedrohung wahrgenommen

Wie die Zeit berichtet, sei die Stimmung unter den afrikanischen Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei der Sitzung des Exekutivrats am 3. Februar „sehr nervös“ gewesen. 

Dr. John Nkengasong, Direktor des Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) schreibt in einer Pressemitteilung: „Diese Krankheit ist eine ernsthafte Bedrohung für die soziale Dynamik, das Wirtschaftswachstum und die Sicherheit Afrikas.“ Es wurde eine Task Force eingerichtet, um die Lage zu überwachen. Die Situation in Afrika ist in dem Artikel des Deutschland-Kuriers demnach weitestgehend richtig dargestellt. 

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Die im Text des Deutschland-Kuriers genannte Zahl von einer Million chinesischen Gastarbeitern in China lässt sich zudem nicht belegen. Die aktuellste Studie dazu wurde 2017 von der China Africa Research Initiative der Johns Hopkins School angefertigt. Damals haben nach offiziellen Angaben 202.689 Menschen aus China in Afrika gearbeitet, die meisten in Algerien, Angola, Nigeria, Äthiopien und Sambia. 

Update, 14. Februar, 19:30 Uhr: Unmittelbar nach Veröffentlichung dieses Faktenchecks berichteten Medien, dass Ägypten den ersten Fall von Coronavirus gemeldet habe. Wir haben den Text daher aktualisiert. Zuvor war kein Fall in Afrika bekannt gewesen. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt laut Gesundheitsministerium keinen Geheimbericht, der vor einer Coronavirus-Epidemie durch afrikanische Migranten warnt. Bisher gibt es einen bestätigten Fall in Afrika.

Eine mutmaßlich ältere Frau mit Rollator
Rente nur auf Grundsicherungsniveau trotz 45 Beitragsjahren? CORRECTIV ist der Behauptung in einem Facebook-Beitrag nachgegangen. (Symbolfoto: cocoparisienne / Pixabay)

von Lea Weinmann

Trotz 45 Beitragsjahren bleibe im Alter für die Hälfte aller Deutschen nur eine Rente auf „Grundsicherungsniveau“ übrig – so lautet die Behauptung in einem Facebook-Beitrag von Anfang Februar. Die Berechnungen darin treffen teilweise zu, aber nur auf ein Drittel aller Beschäftigten.

In einer Bildmontage auf Facebook wird behauptet, „jeder zweite Deutsche“ verdiene „weniger als 2.500 Euro brutto“. Mit diesem Gehalt erhalte man eine „Rente in Höhe des Grundsicherungsniveaus (795 Euro)“ – selbst wenn man 45 Jahre einzahle.

Die Facebook-Seite „Der Wächter“ hatte die Collage am 3. Februar veröffentlicht. Bisher wurde sie laut Facebook mehr als 4.100 Mal geteilt. Nach Recherchen von CORRECTIV sind die aufgestellten Berechnungen zwar nicht ganz korrekt, die Grundaussage ist aber richtig.

Jeder zweite Deutsche verdient weniger als 2.701 Euro brutto im Monat

In der Fotocollage auf Facebook werden Behauptungen zur Rente aufgestellt. (Screenshot: CORRECTIV)

Gemäß der aktuellsten Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit verdienten im Jahr 2018 nur 45,3 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten maximal 2.500 Euro brutto monatlich. Etwa die Hälfte der Beschäftigten (50,2 Prozent) hatte demnach einen Bruttoverdienst von weniger als 2.701 Euro.

Die Behauptung, jeder zweite Deutsche verdiene weniger als 2.500 Euro brutto ist demnach – bezogen auf sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Jahr 2018 – nicht richtig.

Die Entgeltstatistik der Arbeitsagentur zeigt: 45,3 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verdiente im Jahr 2018 weniger als 2.500 Euro brutto im Monat. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Screenshot: CORRECTIV)

Das Grundsicherungsniveau schwankt

Der Beitrag nennt anschließend ein „Grundsicherungsniveau“ von 795 Euro. Doch stimmt das auch? 

Wie hoch die Grundsicherung im Alter ist, hängt nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung (DRV) vom jeweiligen Einkommen und Vermögen (unter: „Wie wird die Grundsicherung berechnet?“) ab: Der Bedarf basiert auf sogenannten Regelbedarfsstufen und Zulagen, die individuell berechnet werden. Laut Statistischem Bundesamt lag er im vierten Quartal 2018 bei durchschnittlich 792 Euro und im dritten Quartal 2019 – das sind die aktuellsten Zahlen – bei durchschnittlich 808 Euro brutto monatlich.

Der durchschnittliche monatliche Bruttobedarf in der Grundsicherung im Alter lag nach Angaben des Statischen Bundesamts im dritten Quartal 2019 bei durchschnittlich 808 Euro. (Quelle: Statistisches Bundesamt, Screenshot: CORRECTIV)

Wer 2.500 Euro verdient, erhält 979 Euro Rente

Die Altersrente wird anhand von „Entgeltpunkten“ für jedes Beitragsjahr ermittelt, erklärt DRV-Sprecherin Gundula Sennewald auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail: „Versicherte, deren Verdienst genau in Höhe des Durchschnittsverdienstes liegt, erhalten einen Entgeltpunkt“, schreibt Sennewald.

Zur Berechnung der Rente werden alle Entgeltpunkte pro Kalenderjahr addiert und dann mit unterschiedlichen Faktoren multipliziert. Diese sind laut DRV:

  • der Rentenartfaktor (Faktor 1 bei Altersrenten)
  • der Zugangsfaktor (Faktor 1 bei regulärem Rentenbeginn)
  • und der Rentenwert (aktuell 33,05 Euro in den alten Bundesländern und 31,89 Euro in den neuen Bundesländern).
CORRECTIV hat die DRV gebeten, die Zahlen im Facebook-Beitrag nachzurechnen. Sprecherin Gundula Sennewald berechnet in einer E-Mail eine Nettorente von „rund 979 Euro“. (Screenshot: CORRECTIV)

Daraus berechnet die DRV für den im Facebook-Bild genannten Verdienst von 2.500 Euro eine Bruttorente von rund 1.100 Euro. Abzüglich des Anteils für die Kranken- und Pflegeversicherung bleibe (in den alten Bundesländern) eine Nettorente von rund 979 Euro übrig. Steuern fallen bei dieser Rentenhöhe nicht an, wie der Lohnsteuerhilfeverein gegenüber CORRECTIV per E-Mail mitteilte.

Im Umkehrschluss hieße das, schreibt Sennewald weiter: „Um nach 45 Arbeitsjahren eine Nettorente in Höhe von 795 Euro zu erwerben, müsste aus heutiger Sicht der Bruttoverdienst bei rund 2.000 Euro monatlich liegen.“

Laut Lohnsteuerhilfeverein fallen bei einer Rente von 979 Euro netto keine Steuern an. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Berechnung stimmt für ein Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten

Ein zweiter Blick in die Entgeltstatistik zeigt: Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die im Jahr 2018 maximal 2.000 Euro brutto verdienten, liegt bei 32 Prozent. Aus heutiger Sicht würde also fast ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach 45 Beitragsjahren eine Nettorente von 795 Euro oder weniger erhalten.

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Nach Angaben der Rentenversicherung (Rentenversicherung in Zeitreihen, Seiten 118 und 119) betrug die durchschnittliche Altersrente für „besonders langjährig Versicherte“ – also Menschen, die mindestens 45 Jahre in die Rente eingezahlt haben – im Jahr 2018 1.429 Euro netto für Männer und 1.096 Euro netto für Frauen (beide Beträge vor Abzug von Steuern).

Rente allein reicht nicht aus

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bestätigt die Berechnungen der Rentenversicherung per E-Mail und fügt hinzu: „Bei der Betrachtung dieser Werte ist zu berücksichtigen, dass die gesetzliche Rentenversicherung zwar die Hauptsäule, aber nicht die alleinige Basis der Alterssicherung in Deutschland ist. Um den Lebensstandard auch im Alter angemessen aufrechtzuerhalten, ist eine ergänzende Absicherung notwendig.“

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales kommt bei seiner Berechnung zum gleichen Ergebnis: Es bleibt eine Nettorente von „gut 980 Euro“. (Screenshot: CORRECTIV)

Um die gesetzliche Rentenversicherung zu stärken, plane das Ministerium, eine Grundrente einzuführen, schreibt ein Sprecher des Ministeriums weiter. Das Arbeitsministerium hat dazu einen Gesetzentwurf erarbeitet. Darin heißt es, die Grundrente sei „als Rentenzuschlag konzipiert und soll von einer nachzuweisenden Bedürftigkeit wie in den Fürsorgesystemen unabhängig sein“. Das Bundeskabinett will den Entwurf am 19. Februar 2020 diskutieren.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Angaben zum Verdienst der Deutschen stimmen nicht ganz. Die darauf basierende Rentenprognose ist ungenau und trifft aktuell auf ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland zu.

Chemotherapie Tropf
Chemotherapie wird selten als die einzige Behandlungsmethode gegen Krebs eingesetzt. (Symbolfoto: Stux/Pixabay)

von Bianca Hoffmann

Ein Artikel des Gesund-Magazins behauptet, dass Chemotherapie gegen Krebs angeblich in 97 Prozent der Fälle versage. Diese Zahl findet sich in keiner Statistik oder Studie.

Krebs kann heutzutage auf unterschiedlichste Arten behandelt werden. Eine davon ist die Chemotherapie. Ein Artikel des Gesund-Magazins behauptet jetzt, dass diese angeblich in 97 Prozent der Fälle versage. Außerdem werden in dem Text die Vorzüge einer Behandlung mit Cannabis gegen Krebs angepriesen. 

Für viele Behauptungen nennt der Artikel keine Quellen. Unsere Recherchen zeigen: Sie lassen sich nicht belegen oder sind falsch. 

Chemotherapie wirkt bei jedem Patienten unterschiedlich

Angelina Gromes, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft, schreibt in einer E-Mail an CORRECTIV: „Eine generelle Aussage, in wieviel Prozent aller Krebsfälle eine Chemotherapie versagt, ist so pauschal nicht zu beantworten, denn meist kommt eine Chemotherapie in Kombination mit weiteren Therapien oder Maßnahmen zum Einsatz.“ Dabei sei jede Erkrankung individuell zu betrachten. 

„Chemotherapien können bei vielen Krebsarten auf vielfältige Weise zum Einsatz kommen“, schreibt Gromes. So werde sie beispielsweise als Ergänzung zu einer Operation verwendet, oder in Situationen, in denen es nicht um eine Heilung geht, sondern darum, eine Verschlimmerung zu verhindern oder Beschwerden zu lindern. 

Bei Hodenkrebs gibt es mit Chemotherapie eine aktuelle 5-Jahres-Überlebensrate von 97 Prozent. Das schreibt das Robert-Koch-Institut auf seiner Webseite. 

E-Mail von Angelina Gromes, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
E-Mail von Angelina Gromes, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Keine Quelle für Behauptung von Peter Glidden

Bei Peter Glidden, der im Text des Gesund-Magazin als Quelle genannt wird, handelt es sich um einen amerikanischen Alternativmediziner. In einem Interview im Jahr 2011 sagte er: „Der einzige Grund, aus dem Chemotherapie immer noch genutzt wird ist, dass Ärzte damit Geld verdienen. Wirklich, sie funktioniert nicht, und zwar in 97 Prozent der Fälle! Wenn Ford ein Auto herstellen würde, das in 97 Prozent der Fälle explodieren würde, wären sie dann immer noch im Geschäft?“ (Video, ab Minute 2:13) Dabei bezieht er sich auf eine angebliche Studie, die 1994 erschienen sein soll. Für uns ist nicht nachvollziehbar, um welche Studie es sich handelt. 

Die US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes haben die Aussage von Peter Glidden in dem Interview bereits 2016 überprüft. Sie schrieben, er berufe sich auf eine Studie aus Australien von 2004, die auf Daten von 1998 beruhe. Darin kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass der Beitrag der Chemotherapie zu einer 5-Jahres-Überlebensrate bei Erwachsenen in Australien auf 2,3 Prozent und in den USA 2,1 Prozent geschätzt werde. Allgemein liege die 5-Jahres-Überlebensrate bei Krebs in Australien im Jahr 1998 bei über 60 Prozent, also sei der Beitrag der Chemotherapie eher gering. Die Studie zeigt also nicht, dass Patienten in 97 Prozent der Fälle trotz Chemotherapie sterben. Zudem unterscheidet sie nicht zwischen verschiedenen Krebsarten. Die Studie wurde deshalb unter anderem von diesem Blog kritisiert. 

CORRECTIV untersuchte in der Vergangenheit auch schon Behauptungen, dass Chemotherapie Krebspatienten angeblich früher sterben ließe, zum Beispiel hier. Sie erwiesen sich jedoch als falsch. 

Kritik an Chemotherapie verbunden mit Verkauf von alternativen Produkten

Während Gidden dafür plädiert, an alternativen Heilmethoden gegen Krebs zu forschen, scheint im Text des Gesund-Magazins schon eine Lösung gefunden zu sein – Cannabis. Dazu schreibt Angelina Gromes von der Krebsgesellschaft: „Bisher gibt es nur Zellexperimente, die zeigen, dass Cannabinoide das Wachstum von Tumorzellen gehemmt haben sollen.“ Diese Experimente hätten aber keine Aussagekraft für den menschlichen Organismus. Cannabis zeige eher zur Bekämpfung der Begleitsymptome einer Chemotherapie wie Übelkeit und Erbrechen positive Effekte.  

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Gromes bewertet den Text des Gesund-Magazins insgesamt kritisch: „Der Text arbeitet ohne Quellen, die die Aussagen belegen.“ Zudem sei fraglich, ob es der Webseite wirklich um das Vermitteln von Informationen gehe. „Informationsseiten, auf denen man gleichzeitig gegen Bezahlung Produkte bestellen kann, geht es möglicherweise nicht vorrangig um die Verbreitung nützlicher Empfehlungen, sondern um die Vermarktung bestimmter Produkte.“ Seriöse Webseiten würden klar zwischen redaktionellen Hinweisen und Anzeigen unterscheiden. Wer sich über Krebs informieren wolle, solle sich lieber an die Deutsche Krebsstiftung wenden.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Eine pauschale Aussage in wieviel Prozent aller Fälle eine Chemotherapie versagt, ist nicht möglich. Chemotherapie ist meist eine von mehreren Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs.

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In Hong Kong auf der Straße: Ein Mann und eine Frau mit ihren Hunden am 4. Februar 2020. (Symbolbild: picture alliance / AP Photo)

von Tania Röttger

Ein angeblicher Aufruf verschiedener chinesischer Behörden soll das Töten von Haustieren zum Schutz vor der Verbreitung des neuen Coronavirus fordern. Wir konnten aber nur einen Aufruf finden, in dem es um Straßentiere geht.

Ein Artikel auf der Webseite Deine Tierwelt behauptet am 4. Februar, China habe die Schlachtung von Haustieren angeordnet – im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus (Covid-19). Der Beleg seien Aufrufe in der Provinz Hebei und „anderen Städten“. Bisher wurde der Text mehr als 13.000 Mal auf Facebook geteilt.

Die Quelle für den Text ist eine Webseite, die auf Englisch in Spanien publiziert: Euro Weekly News. Die Redaktion habe ein Schreiben „von einer lokalen Quelle vor Ort“ erhalten, laut dem ein nicht genannter Ort in der Provinz Hebei dazu aufrufe, Haushalte sollten sich innerhalb von fünf Tagen mit ihren Haustieren befassen („to deal with“). Außerdem habe ein Komitee in der Provinz Shaanxi gefordert, dass Anwohner sofort ihre Haustiere entsorgen sollen.

Das ist die angebliche Faktenlage von Euro Weekly News, auf der die Behauptung basiert. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben die Betreiber der Webseite am 11. Februar per E-Mail angefragt, ob sie uns die genannten Schreiben zuschicken können, damit wir sie verifizieren können. Bisher haben wir keine Antwort erhalten.

Keine Haustiere – aber Straßenhunde 

Huian Ho, eine chinesischsprachige Kollegin vom Taiwan FactCheck Center, suchte außerdem für uns nach offiziellen Meldungen von chinesischen Behörden. Sie fand keine konkreten Anweisungen für Haustiere, dafür aber für Straßenhunde. 

Zum Beispiel im Kreis Jinzhai, der laut Google Maps etwa drei Stunden mit dem Auto von der Stadt Wuhan entfernt liegt, wo das Virus zuerst entdeckt wurde. Auf der offiziellen Regierungswebseite von Jinzhai findet sich das Schreiben eines Bürgers, in dem er fordert, die Tötung von Hunden und Katzen zu beenden. Er meint, sie geschehe als Folge von Gerüchten.

Das Schreiben eines Bürgers, übersetzt mit Google Translate. (Screenshot: CORRECTIV)

Doch die Stadtverwaltung stimmte ihm nicht zu. Sie antwortete, Straßenhunde zu töten solle die Ausbreitung des Virus verhindern.

Die Antwort der Stadtverwaltung, übersetzt mit Google Translate – eine genauere Übersetzung erhielten wir von unserer Kollegin aus Taiwan. (Screenshot: CORRECTIV)

WHO: Von Haustieren geht keine Gefahr aus 

Der Artikel von Deine Tierwelt verweist selbst auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Denn diese hat sich mit dem Gerücht beschäftigt, Haustiere könnten das Virus übertragen. Sie kommt daraufhin zu dem Schluss, dass es im Moment keine Belege dafür gebe, dass Haustiere wie Hunde oder Katzen mit dem Virus infiziert werden können.

Die WHO entkräftet das Gerücht, Haustiere könnten das Coronavirus übertragen. (Screenshot: CORRECTIV)

Allerdings empfiehlt die WHO auch, sich unter anderem von Straßenhunden und -katzen fern zu halten, wenn man sich auf einem Tiermarkt befindet.

Aus den Empfehlungen der WHO, wie man sich vor dem Virus schützen kann. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch – es gibt keine Belege, dass chinesische Behörden das Töten von Haustieren fordern, dafür aber, dass sie die Tötung von Straßenhunden hinnehmen. Die WHO sagt, von Haustieren gehe keine Gefahr aus.

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Meereis vor der Küste der Antarktis. (Foto: NASA/Jeff Schmaltz, LANCE/EOSDIS Rapid Response)

von Alice Echtermann

Eine Webseite streut Zweifel am Klimawandel, weil angeblich laut Nasa-Daten ein Gletscher in Grönland wachse und das Eis in der Antarktis zunehme. Letzteres stimmt nicht – und aus dem Gletscher-Wachstum zieht der Artikel falsche Schlüsse. 

Ein Gletscher auf Grönland wächst wieder. Gibt es also doch keinen Klimawandel? Das behauptet die Seite Happy Times in einem Artikel, der laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 13.200 Mal auf Facebook geteilt wurde. Es geht darin um den Jakobshavn-Gletscher auf Grönland und um die Eismenge am Südpol, die angeblich zu- statt abgenommen habe. 

Die Seite beruft sich für beide Behauptungen auf die US-Weltraumbehörde Nasa und schreibt von der „neuesten Fehlprognose der Klimawissenschaft“. Mit dieser Einschätzung liegt sie falsch. Zwar wächst der Gletscher auf Grönland tatsächlich – dies lässt aber keine Schlüsse über den Klimawandel zu. Die Ausdehnung des Meereises sowie die Eismasse der Antarktis schrumpfen.

Gletscher wächst seit 2016, weil ihn durch Meeresströmung kaltes Wasser erreichte 

Tatsächlich teilte die Nasa im März 2019 mit, der Jakobshavn-Gletscher auf Grönland werde dicker und bewege sich langsamer. Der Gletscher mündet ins Meer. Die Nasa erklärte den Grund für das Wachstum mit seit 2016 deutlich kühler gewordenem Wasser, das durch Meeresströmungen zu ihm gelangt sei. 

Die Ursache für das kalte Wasser sei ein bekanntes Klimaphänomen namens Nordatlantische Oszillation (North Atlantic Oscillation, NAO). Wenn es sich verändere, werde der Gletscher wieder stärker schmelzen. 

Die Veränderung des Jakobshavn-Gletschers. Rot bedeutet Ausdünnung, Blau eine Zunahme. Die Bilder wurden laut Nasa mit GLISTIN-A Radardaten erstellt. (Bildquelle: NASA/JPL-Caltech / NASA Earth Observatory)

Ähnliches führte die Nasa auch in einem Blogartikel von Oktober 2019 aus. Das Wachstum des Gletschers klinge nur auf den ersten Blick nach guten Nachrichten für die globale Erwärmung. „Die NAO ist ein ozeanisches Klimaphänomen, das die Wassertemperaturen im Nordatlantik alle fünf bis 20 Jahre zwischen Warm und Kalt wechseln lässt.“ Es sei nicht von Dauer – der Klimawandel jedoch passiere langfristig.

Auf Nachfrage bekräftigt einer der verantwortlichen Forscher der Nasa-Studie, Josh Willis, dies per E-Mail an CORRECTIV: „Obwohl dieser Gletscher gewachsen ist, hat Grönland insgesamt an Eis verloren; 2019 verlor es die zweitgrößte Menge in den letzten zwei Dekaden.“ Die Forschung zeige, wie empfindlich Gletscher auf Veränderungen des Ozeans reagieren. Langfristig werde sich dieser unvermeidlich durch den Klimawandel erwärmen. Und an der Ursache der globalen Erwärmung gebe es keinen Zweifel: „Wir sind es.“

Antwort des Forschers Josh Willis auf eine Anfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Erst kürzlich, Anfang Februar, teilte das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung mit, der Eispanzer Grönlands schmelze insgesamt immer schneller: „Zum einen taut der Eispanzer an der Oberseite, weil er der Sonne und den steigenden Temperaturen ausgesetzt ist. Doch schmilzt das Eis inzwischen auch von unten – und zwar auch im Nordosten Grönlands, wo sogenannte Gletscherzungen zu finden sind.“

Wir haben die Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts um eine Einschätzung zum Wachstum des Jakobshavn-Gletschers im Westen Grönlands gebeten. Die Antwort des Glaziologen Veit Helm: „Der Artikel zeigt in keinster Weise die von Klimaskeptikern gern gesehene Fehlprognose der Klimawissenschaft, sondern verdeutlicht vielmehr den großen Einfluss von geringen Ozeantemperaturschwankungen auf das dynamische Verhalten der Gletscher, umso mehr im Hinblick auf sich gobal erwärmenden Ozeane!“

Das Meereis am Südpol nahm laut Nasa lange leicht zu, inzwischen schrumpft es jedoch

Die zweite Behauptung des Artikels von Happy Times lautet, die Eisfläche am Südpol nehme angeblich zu, sie habe sich um 17.000 Quadratkilometer vergrößert. Als Quelle wird die Nasa genannt, wir konnten diese Daten jedoch nicht finden. Auf unsere Nachfrage sagen die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts, ihnen sei keine Studie bekannt, die diese konkrete Aussage stützt. 

Es gebe lediglich eine Nasa-Studie von 2015 des Forschers Jay Zwally: Darin ist von einem Zuwachs der Eismasse im Osten der Antarktis die Rede. Dieser sei so groß, dass er den Verlust durch die schmelzenden Gletscher im Westen aufwiege. Die Studie sei jedoch umstritten, schreibt uns Veit Helm vom Alfred-Wegener-Institut. „Alle anderen Wissenschaftler, die mit derselben Datengrundlage gearbeitet haben, kommen auf eine nur geringe Massenzunahme oder sich im Gleichgewicht befindende Ostantarktis. Eine Vergleichsstudie (IMBIE), die Massenbilanzen verschiedener Wissenschaftler Teams und Methoden zusammenfasst, zeigt sehr deutlich, dass die Werte von Zwally in keinster Weise bestätigt werden konnten.“

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Josh Willis, der die Nasa-Studie über den Jakobshavn-Gletscher verfasste, schreibt uns auf Nachfrage zu der Antarktis: „Das Eis auf dem Land in der Antarktis schrumpft seit 20 Jahren.“ Bei dem schwimmenden Eis – dem Meereis – rund um den Kontinent gebe es keinen eindeutigen Trend, aber in den vergangenen Jahren sei es ebenfalls auf einem Rekord-Minimum gewesen.

Die Nasa schrieb im April 2019 in einem Blogartikel, die schwimmende Eisfläche rund um die Antarktis nehme ab, nachdem sie die Jahre zuvor eher zugenommen habe. Der Grund sei, dass sich „langfristige, großflächige Windphänomene“ umgekehrt hätten, die zuvor das Eis von der Antarktis weggeschoben hatten. Globale Klimamodelle hätten dieses Verhalten vorhergesagt.

Darstellung der Entwicklung des Meereises in der Arktis (blau) und Antarktis (rot). (Quelle: Nasa. Screenshot: CORRECTIV)

Auch aus den Daten auf der Webseite der Nasa (bis 2017) geht hervor, dass die Masse des Land-Eises in der Antarktis seit 2002 insgesamt abnimmt, ebenso wie die Eismasse in Grönland. Am Nordpol schrumpft das Meereis ebenfalls seit Jahren stark. In dem Beitrag von 2019 erklärte die Nasa, die Ausdehnung des Eises in der Arktis sei auf dem niedrigsten Stand seit 1850.  

Die Größe der Eisfläche an den Polen sei wichtig in Bezug auf den Klimawandel, schreibt die Nasa: Das Eis reflektiere mit seiner hellen Oberfläche 50 bis 70 Prozent der Energie der Sonne zurück ins Weltall. Wenn es im Sommer schmelze, entblöße es die dunkle Oberfläche des Meeres, die 90 Prozent des Sonnenlichtes absorbiere. „Wenn der Ozean sich erwärmt, steigen die Temperaturen weiter.“ Dies habe einen Effekt auf die gesamte Erde, auf Ozeanströmungen und somit das Klima. 

Auch eine weitere Frage, die der Artikel von Happy Times aufwirft („Erwärmt sich die Erde wirklich?“) ist klar zu beantworten: Die globale Oberflächentemperatur hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts laut Nasa um 0,9 Grad Celsius erhöht. Die größte Erwärmung fand in den letzten 35 Jahren statt. Die fünf wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen ereigneten sich alle seit 2010.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der Gletscher in Grönland wächst seit ein paar Jahren, das lässt jedoch keine Schlüsse über den Klimawandel zu. Insgesamt nehmen sowohl die Eismengen in Grönland als auch der Antarktis ab.

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Der Artikel stützt sich auf ein Interview der Linken-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow im ZDF-Morgenmagazin am 10. Februar. (Screenshot: CORRECTIV)

von Lea Weinmann

Die Linken-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow sagt im ZDF-Morgenmagazin, wie sie verhindern möchte, dass Parteikollege Bodo Ramelow mit Hilfe der Stimmen der AfD zum Ministerpräsident Thüringens gewählt wird. Sie spricht aber nicht davon – wie in einem Artikel von PI-News behauptet – geheime Wahlen abzuschaffen.

In einem Artikel auf der Webseite PI-News wird im Titel behauptet, die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Thüringer Landtag, Susanne Hennig-Wellsow, wolle geheime Wahlen abschaffen. Der Text wurde am 11. Februar veröffentlicht und laut dem Analysetool Crowdtangle bisher etwa 1.000 Mal auf Facebook geteilt.

Die Behauptung ist teilweise falsch. Eine solche Forderung hat Hennig-Wellsow nie getroffen. Die Überschrift des Artikels ist demnach irreführend. 

Der Artikel bezieht sich auf ein Interview, das am 10. Februar im ZDF-Morgenmagazin ausgestrahlt wurde. Das Video dazu ist in kompletter Länge auf der Webseite des ZDF zu finden. Der Moderator Mitri Sirin interviewte Susanne Hennig-Wellsow zur aktuellen politischen Lage in Thüringen.

Gauland: Thüringer AfD soll Ramelow wählen

Der ZDF-Moderator fragte Hennig-Wellsow, ob Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow, der erneut für die Thüringer Linkspartei antritt, eine Wahl zum Ministerpräsidenten annehmen würde, sollte er mit Hilfe der Stimmen der AfD gewählt werden. Vorausgegangen war die Empfehlung von Alexander Gauland (AfD) an seine Parteikollegen in Thüringen, bei der nächsten Wahlrunde Ramelow ihre Stimmen zu geben. Das hatte der AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag laut Medienberichten der Deutschen Presse-Agentur gesagt. 

Hennig-Wellsow sagte dazu im Wortlaut (im Video etwa ab Minute 02:35):

„Wir werden Bodo Ramelow nur aufstellen, wenn wir wissen, dass wir demokratische Mehrheiten haben. Das heißt, wenn wir Zusicherungen von CDU- und möglicherweise FDP-Abgeordneten haben, dass wir gemeinsam die notwendigen 46 Stimmen, also die absolute Mehrheit, stellen können. Wir werden nicht auf die Stimmen der AfD setzen und weisen das auch scharf zurück. Insofern hat Gauland mal wieder gezeigt, was die AfD eigentlich will: Sie will die Demokratie als Werkzeug benutzen, um sie zu zerstören, und das werden wir nicht zulassen.“

Hennig-Wellsow: „Das kann ich ausschließen, wenn Stimmen dokumentiert sind“

Sirin gab zurück, Hennig-Wellsow könne nicht ausschließen, dass die AfD Bodo Ramelow mitwähle. Die Landespolitikerin entgegnete: „Das kann ich ausschließen, wenn die Stimmen dokumentiert sind.“

Das Interview im ZDF-Morgenmagazin vom 10. Februar. (Screenshot: CORRECTIV)

Aus diesem Gesprächsverlauf schlussfolgert der Autor des Artikels auf PI-News, Hennig-Wellsow wolle geheime Wahlen abschaffen. Diese sind in Artikel 70 der Landesverfassung Thüringens vorgeschrieben. Deshalb sei die Aussage so zu interpretieren, dass ein Verfassungsbruch angestrebt werde.

Der Sprecher der Thüringer Linken, Paul Becker, erklärt dazu am 12. Februar in einer E-Mail an CORRECTIV: „Frau Susanne Hennig-Wellsow möchte geheime Wahlen nicht abschaffen und hat dies auch nicht behauptet.“ 

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Mit „Dokumentation der Stimmen“ habe sie die öffentliche Unterstützung Bodo Ramelows durch die CDU gemeint. Die Linke wolle Ramelow nur dann erneut für eine Wahl aufstellen, wenn ihm „eine demokratische Mehrheit (durch Stimmen von CDU und FDP) sicher ist“, schreibt der Sprecher. Andernfalls werde man den ehemaligen Ministerpräsidenten nicht aufstellen, sondern strebe Neuwahlen an.

Becker fügt hinzu: „Vor der Wahl seine Unterstützung für einen Kandidaten kundzutun, ist vollkommen normal und entspricht den demokratischen Gepflogenheiten.“

Der Thüringer Linken-Sprecher Paul Becker antwortete am 12. Februar mit dieser E-Mail auf eine Anfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Der am 5. Februar mit Stimmen von FDP, CDU und AfD gewählte Thüringer Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) war am Samstag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Zuvor hatte es laut Medienberichten heftigen Protest daran gegeben, dass er mit Hilfe der thüringischen AfD gewählt worden war.

Nun soll ein neuer Ministerpräsident gewählt werden. Kemmerich bleibe vorerst geschäftsführend im Amt, berichten Medien. Auch Neuwahlen stehen demnach im Raum.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Susanne Hennig-Wellsow hat nie gefordert, geheime Wahlen abzuschaffen. Die Zitate aus dem Interview sind richtig, ihre Aussagen werden jedoch irreführend interpretiert.

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Wolfgang Schäuble am 5. Februar 2020 bei der Deutsch-Französischen Versammlung in Straßburg. (Foto: Deutscher Bundestag / Pascal Bastien)

von Till Eckert

Im Netz kursiert ein angebliches Zitat des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble. Er soll gesagt haben, dass die Not Menschen zwingen werde, „sich zu beugen“. Dafür gibt es aber keine Belege – im Gegenteil wurde der Spruch offenbar aus einer anderen Aussage des Politikers konstruiert.

Not werde Menschen zwingen, sich zu beugen; das soll laut eines Facebook-Beitrags vom 18. Januar der Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble (CDU) einmal gesagt haben. Dazu steht, dass dies der „bösartigste Satz“ sei, den je ein deutscher Politiker sagte. Eine Quelle zum angeblichen Zitat wird nicht angegeben.

Hat Schäuble das jemals so gesagt? Wir konnten dafür keine Belege finden.

Der Facebook-Beitrag mit dem angeblichen Schäuble-Zitat. (Screenshot: CORRECTIV)

Das angebliche Schäuble-Zitat wurde offenbar aus einer anderen Aussage von ihm konstruiert

Eine Google-Suche nach dem angeblichen Zitat im Wortlaut führt zu einer möglichen Quelle: einem knapp 50-sekündigen Youtube-Video von 2015, offenbar ein Mitschnitt eines Gesprächs, das auf dem TV-Sender Phoenix ausgestrahlt wurde. Oben links ist dessen Logo zu sehen. Der Titel des Videos: „Schäuble: ‘Die Not wird die Menschen zwingen, sich zu beugen’“.

Ab Sekunde 00:20 sagt Schäuble, dass man aus Fehlern und Irrtümern lerne und er deshalb „bei allen krisenhaften Zuspitzungen im Grunde entspannt“ sei. Als er gefragt wird, warum, antwortet Schäuble: „Weil, wenn die Krise größer wird, werden die Fähigkeiten, Veränderungen durchzusetzen, größer.“

Hier wird im Video ein Untertitel eingeblendet, in dem steht: „Oder anders gesagt: ‘Die Not wird die Menschen zwingen, sich zu beugen’“. Dies sagt Schäuble aber nicht.

Das Youtube-Video, in dem aus Schäubles Aussage ein anderes Zitat konstruiert wird. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Suche nach der entsprechenden Phoenix-Sendung zeigt, dass es sich um eine Diskussion über die Finanzstabilität in Europa im September 2011 handelte. Schäuble (damals Finanzminister) sprach dabei mit Helmut Schmidt (SPD). 

Das angebliche Zitat lässt sich nirgends finden

Schäuble hat die Aussage in der Sendung demnach nicht so getätigt, sondern das Zitat wurde in einem nachbearbeiteten Video als Untertitel eingeblendet; es handelt sich um eine Interpretation seiner eigentlichen Aussage.

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Eine Suche im Google-News-Archiv und der Pressedatenbank Genius führte zu keinem Ergebnis. Wir können demnach auch keine Belege dafür finden, dass Schäuble sich jemals öffentlich so geäußert hat. Die Faktenchecker der DPA kamen zum gleichen Ergebnis. Sie haben beim Büro von Schäuble angefragt und um eine Einschätzung gebeten, jedoch keine Antwort erhalten.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Schäuble jemals dieses Zitat sagte. Es wurde offenbar aus einer anderen Aussage von ihm konstruiert.

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Dieses Plakat wurde offenbar in Erfurt aufgehängt. Es ist weder eine Aktion der Ahmadiyya-Gemeinde noch der Linken. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook und Twitter kursiert ein Foto, das angeblich ein Plakat der Ahmadiyya-Gemeinde in Thüringen zeigt. Bodo Ramelow und der Kommunalpolitiker Mohammad Suleman Malik aus Erfurt sind zu sehen. Darunter steht „Bis jedes Dorf eine Moschee hat“. Das Plakat wurde von Unbekannten erstellt, um Stimmung zu machen. 

Unbekannte haben offenbar in Erfurt ein Plakat aufgehängt, auf dem der ehemalige Ministerpräsident Thüringens, Bodo Ramelow (Linke), mit Mohammad Suleman Malik (parteilos), einem stellvertretenden Ortsteilbürgermeister aus Erfurt, zu sehen ist. Darunter steht der Spruch „Bis jedes Dorf eine Moschee hat“ und „Ahmadiyya Thüringen“. Ein Foto des Plakats kursiert derzeit auf Facebook und Twitter. Es wurde CORRECTIV zudem von einer Leserin per E-Mail zugeschickt. 

Die Verbreiter verstehen das Plakat offenbar als Aktion der Ahmadiyya-Gemeinde, oder auch der Partei Die Linke. So schrieb Peter Weber von der Initiative „Hallo Meinung“ auf Twitter, die Linken würden eine Moschee in jedem Dorf fordern. Mohammad Suleman Malik und ein Sprecher der Linken in Thüringen sagten auf Nachfrage von CORRECTIV jedoch, es sei kein offizielles Plakat. 

Ein Tweet mit dem Foto des Plakats. (Screenshot: CORRECTIV)

Zum Hintergrund: Mohammad Suleman Malik setzt sich seit Jahren für einen Moschee-Neubau der Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt ein. Laut Medienberichten gab es gegen diesen Bau Widerstand und islamfeindliche Aktionen. Bodo Ramelow legte 2018 unter Polizeischutz den Grundstein. 

Ende Dezember 2019 berichtete Malik auf Twitter, er habe Aufkleber mit Sprüchen gegen die Moschee gefunden, und schrieb: „’Kein Moschee Neubau in Erfurt.’ Kleben Nazis an Laternen auf unserem Moscheegelände. Doch. Die Moschee wird stehen, dann wird eine weitere gebaut, und dann noch eine und dann noch viele weitere. Bis jedes Dorf eine Moschee hat! Nazis werden uns daran bestimmt nicht hindern.“

Der Tweet von Suleman Malik mit einem Video, in dem er einen Aufkleber mit einem Spruch gegen den Moschee-Neubau abreißt. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Satz „Bis jedes Dorf eine Moschee hat“ ist also seine Reaktion auf den Widerstand gegen den Moschee-Neubau gewesen. Malik sagt uns am Telefon, er habe dazu bereits ein Statement verfasst. In einem Text, den er uns per E-Mail schickte, erklärt er: „Der Tweet und meine Reaktion ist als ‘jetzt erst recht!’ zu verstehen. Deutschland ist ein freies Land, ein Land, das religiösen Menschen Schutz bietet und bieten muss, weil es seine Pflicht ist. Unter diesem Schutz Moscheen zu bauen ist keine Straftat und schon gar nicht, wenn man Moscheen in jedem Dorf bauen will.“

Foto ist von 2017 und wurde ohne Erlaubnis verwendet

Das Foto von Malik und Ramelow stammt von Maliks eigenem Facebook-Profil. Auf Nachfrage schickte Malik uns einen Screenshot des Beitrags vom 2. Juli 2017 per E-Mail zu. Er habe Ramelow bei einem Interkulturellen Abendessen in der Staatskanzlei getroffen und ihm einen Koran geschenkt. Das Foto sei ohne seine Erlaubnis kopiert worden. 

Der Facebook-Beitrag von Malik, in dem er das Foto veröffentlichte. (Quelle: Suleman Malik. Screenshot: CORRECTIV)

Der Satz „Bis jedes Dorf eine Moschee hat“ ist also aus dem Kontext gerissen worden, ebenso wie das Foto. 

Antwort der Linken: Plakat wird genutzt, um zu hetzen

Auch die Linke in Thüringen bestätigt, dass es sich nicht um ein offizielles Plakat handelt. Pressesprecher Paul Becker teilt uns auf unsere Anfrage per E-Mail mit: „Das Foto ist uns bekannt und wurde am 2. Juli 2017 auf der Facebookseite von Herrn Suleman Malik veröffentlicht. Es ist im Rahmen eines interkulturellen Abendessens entstanden. Das Plakat selbst stammt nicht von DIE LINKE. Thüringen. Offenbar wird es in den sozialen Netzwerken genutzt, um gegen Suleman Malik und Bodo Ramelow zu hetzen.“

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Auf Nachfrage teilte die Landespolizeidirektion Thüringen CORRECTIV per E-Mail mit, man kenne das Plakat bisher nur aus den Sozialen Netzwerken. Daher seien auch die Urheber unbekannt. „Da wahrscheinlich die Eigentümer der beklebten Flächen wohl kaum zur Plakatierung eine Erlaubnis gegeben haben, kommt hier jedoch eine Ordnungswidrigkeit in Betracht. Falls wir solche Plakate im Original befestigt vorfinden, wird dies geprüft.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Plakat ist eine Fälschung. Es stammt nicht von der Ahmadiyya-Gemeinde oder den Linken in Thüringen.  

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Frauen leisteten mehr – und verdienten wesentlich weniger, lautet die Behauptung in dem Post, der auf Instagram verbreitet wird. (Quelle: Instagram, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Lea Weinmann

Ein Beitrag, der derzeit vielfach auf Instagram geteilt wird, will anhand verschiedener Zahlen eine weltweite Benachteiligung von Frauen verdeutlichen. Die Zahlen sind größtenteils unbelegt. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Geschlechterungleichheit gibt.

Frauen seien auf der Welt noch immer deutlich im Nachteil – und das, obwohl sie mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr als Männer leisteten. So lautet die Botschaft einer englischsprachigen Collage, die derzeit auf Instagram von verschiedenen Nutzerinnen und Nutzern geteilt wird. Darin werden Zahlen genannt, die die weltweite Ungleichheit der Geschlechter deutlich machen sollen. 

Es stimmt, dass Frauen weltweit und auch in Deutschland in vielen Lebensbereichen weiterhin benachteiligt sind. Darin sind sich unter anderem Sozialforscher der Weltbank, die Vereinten Nationen und das Bundesfamilienministerium einig. Die in dem Instagram-Beitrag genannten Zahlen sind aber größtenteils nicht belegt, zwei davon sind falsch.

Übersetzt heißt es im Beitrag: „Frauen sind 51 Prozent der Population, aber 70 Prozent der Armen und 83 Prozent aller Alleinerziehenden, machen 66 Prozent der Arbeit, produzieren 50 Prozent des Essens, aber verdienen nur 11 Prozent des Lohns und nur 1 Prozent des Landes.“ Darunter steht der Satz: „Für den Fall, dass du dich fragst, warum wir immer noch Feminismus brauchen.“

Unter anderem die Unternehmerin und Amorelie-Gründerin Lea-Sophie Cramer sowie die Kolumnistin Mirna Funk (Edition F und Vogue Germany) teilten die Zahlen auf ihren Accounts. (Funk hat ihren Beitrag inzwischen wieder gelöscht.) Die Beiträge der beiden erzielten zusammen mehr als 8.000 Likes. Mirna Funk hatte auf Nachfrage in den Kommentaren unter ihrem Post eine Webseite der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als Quelle angegeben. Dort sind die meisten der Zahlen auch wiederzufinden. Allerdings heißt es, Frauen bekämen zehn Prozent des Lohns, nicht elf. 

Amnesty wiederum verweist auf zwei Webseiten. Eine davon ist nicht mehr abrufbar; sie gehörte Unifem (United Nations Development Fund for Women), eine Abteilung der Vereinten Nationen, die seit 2010 in UN Women aufgegangen ist. Die letzte archivierte Version der Webseite ist von März 2014. Der Artikel von Amnesty International muss also schon etwa sechs Jahre alt sein. Die Zahlen sind veraltet. 

Der zweite Link führt auf eine Webseite des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef. Auf der Seite sind die konkreten Zahlen aber auch nicht zu finden.

Viele Bloggerinnen, darunter Mirna Funk und Lea-Sophie Cramer haben den Post auf Instagram geteilt. (Quelle: Instagram, Screenshot: CORRECTIV)

Woher die Zahlen ursprünglich stammen, lässt sich nicht nachvollziehen. Sie tauchten in den vergangenen Jahren auch in Büchern auf, beispielsweise „Women Leadership in Emerging Markets: Featuring 46 Women Leaders“ (Seite 195). Dort wird als Quelle „OECD 2012“ angegeben. 

CORRECTIV hat die Angaben in dem Instagram-Beitrag einzeln anhand der aktuellsten verfügbaren Daten geprüft:

„Frauen sind 51 Prozent der Population“: Falsch

Das stimmt nur ungefähr. Gemäß den aktuellsten Zahlen der Weltbank waren im Jahr 2018 rund 49,6 Prozent aller Menschen weiblich.

„…aber 70 Prozent der Armen“: Falsch

Die Angabe, dass 70 Prozent der Armen weltweit Frauen sind, wird offenbar seit Jahren  verbreitet. Die Weltbank schreibt in einem Blogartikel von März 2018, diese Zahl sei falsch: „Tatsächlich wissen wir aus den vorhandenen Daten, dass Frauen etwa 50 Prozent und nicht 70 Prozent der extrem Armen der Welt ausmachen“, schreiben Sozialwissenschaftlerin Ana Maria Munoz-Boudet und Carolina Sánchez-Páramo, Leiterin des Bereichs Armut bei der Weltbank, in dem Artikel. Das bedeute aber nicht, dass Armut geschlechtsneutral und nicht sexistisch sei, betonen die Autorinnen. 

Wie viele Menschen weltweit von Armut betroffen sind, wird auf der Ebene einzelner Haushalte erfasst. Statistisch geht man davon aus, dass alle Menschen innerhalb eines Haushalts – also Männer und Frauen – gleichermaßen von Armut betroffen sind. „Belege und der gesunde Menschenverstand sagen uns aber, dass das selten der Fall ist“, heißt es in dem Text weiter.

Laut einer Auswertung der Weltbank ist es für Frauen zwischen 25 und 34 Jahren wahrscheinlicher, in Armut zu leben, als für Männer derselben Altersgruppe. (Quelle: Weltbank, Screenshot: CORRECTIV)

Die Forscherinnen führen eine eigene Auswertung von Zahlen der Global Micro Database  an, die sich auf geschlechterspezifische Wohlstandsunterschiede konzentrierte. Das Papier stützt sich auf Umfragen aus 89 Ländern. Demnach kommen auf 100 Männer zwischen 25 bis 34 Jahren, die in Armut leben, 122 Frauen derselben Altersgruppe. Auch UN Women  spricht in einer Mitteilung von 2017 davon, dass Frauen zwischen 20 und 34 Jahren ein höheres Armutsrisiko haben, und verweist auf die Auswertung der Weltbank.

„…und 83 Prozent der Alleinerziehenden“: Unbelegt

CORRECTIV hat keine Statistik gefunden, die die Zahl aller alleinerziehenden Mütter weltweit erhebt und diese Behauptung belegen könnte.

Betrachtet man allein die USA, sind die 83 Prozent allerdings korrekt: Dort hat das United States Census Bureau erhoben, dass im Jahr 2019 rund 19 Millionen Kinder unter 18 Jahren nur bei einem Elternteil aufwuchsen (Table C2, Household Relationship and Living Arrangements of Children Under 18 Years, by Age and Sex: 2019). Etwa 15,8 Millionen davon lebten demnach nur bei ihrer Mutter – das sind umgerechnet etwa 83 Prozent.

Etwa 15,8 Millionen Kinder in den USA lebten im Jahr 2019 nur bei ihrer Mutter. Das sind circa 83 Prozent aller Kinder in den USA, die in diesem Jahr bei Alleinerziehenden aufwuchsen. (Quelle: United States Census Bureau, Screenshot: CORRECTIV)

In Deutschland ist der Anteil noch höher. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums leben aktuell 18 Prozent aller 13,1 Millionen Kinder unter 18 Jahren mit nur einem Elternteil im Haushalt. In 90 Prozent der Fälle sei dies hierzulande die Mutter, schreibt das Ministerium.

„…machen 66 Prozent der Arbeit“: Unbelegt

Auch zu dieser Zahl gibt es keine Statistik. Definiert man den Begriff Arbeit aber als wirtschaftliche Beschäftigung, kann man zur Überprüfung einen Blick auf die Zahl der Erwerbstätigen weltweit werfen.

Nach Angaben der International Labour Organization (PDF, Seite 6) waren im Jahr 2018 drei Viertel aller Männer, aber nur knapp die Hälfte aller Frauen erwerbstätig – ein Unterschied von 26,5 Prozent. Es gingen also viel weniger Frauen als Männer einer Beschäftigung nach. Vor diesem Hintergrund ist es aber unwahrscheinlich, dass Frauen zwei Drittel der weltweiten Arbeit im wirtschaftlichen Sinn leisten.

Andererseits leisten Frauen auch in Deutschland abseits wirtschaftlicher Tätigkeiten mehr unbezahlte Sorgearbeit. Darunter fallen beispielsweise Haushaltsarbeiten, die Pflege und Betreuung von Kindern sowie ehrenamtliches Engagement. Das Bundesfamilienministerium beziffert die Gender Care Gap in Deutschland auf aktuell 52,4 Prozent. Das bedeutet, dass Frauen täglich durchschnittlich 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit als Männer verwenden. Umgerechnet seien das laut Ministerium 87 Minuten Unterschied – jeden Tag.

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„…produzieren 50 Prozent des Essens“: Unbelegt

Wie viel der weltweiten Nahrung von Frauen produziert wird, kann laut Food and Agriculture Organization of United Nations (FAO) empirisch nicht beantwortet werden. 

In einem Bericht zu Frauen in der Agrarwirtschaft von 2011 erklärt die Organisation,  „unterschiedliche Definitionen von Nahrung und Produktion würden zu unterschiedlichen Antworten auf diese Frage führen“ (Seite 8). Außerdem sei eine Trennung der Nahrungsmittelproduktion nach Geschlecht nicht sinnvoll, da viele der dafür notwendigen Ressourcen in Entwicklungsländern von Männern und Frauen gemeinsam kontrolliert würden.

Die Frage, wie viel Nahrung Frauen weltweit produzieren, lässt sich empirisch nicht eindeutig beantworten. (Quelle: FAO, Screenshot: CORRECTIV)

Andererseits machen Frauen laut FAO im Durchschnitt „43 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in den Entwicklungsländern aus, wobei die Spanne von 20 Prozent in Lateinamerika bis zu 50 Prozent in Ostasien und Subsahara-Afrika“, in einzelnen Länder sogar bis 60 Prozent reiche (PDF, Seite 8).

„…aber verdienen nur 11 Prozent des Lohns“: Unbelegt

CORRECTIV konnte keine Belege für diese Behauptung finden. Wie viel Lohn die Menschen weltweit absolut erwirtschaften, ist nicht bekannt. Dementsprechend ist auch keine Aussage darüber möglich, welcher Anteil davon auf Frauen entfällt. 

Fakt ist aber: Frauen bekommen weniger Geld. Laut dem aktuellen Global Wage Report 2018/2019 bewegt sich die sogenannte Gender Pay Gap, also das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern, weltweit zwischen 16 und 22 Prozent. Das bedeutet, dass Frauen im weltweiten Durchschnitt zwischen 16 und 22 Prozent weniger Geld verdienen als Männer – je nachdem, ob die Lücke anhand des Stunden- oder des Monatslohns berechnet wird.

In Deutschland lag die (unbereinigte) Gender Pay Gap im Jahr 2018 bei 21 Prozent, hat das Statistische Bundesamt berechnet.

„…und [besitzen] nur ein Prozent des Landes“: Unbelegt

Es liegen (noch) nicht ausreichend Daten zur aktuellen Verteilung des weltweiten Grundbesitzes auf Männer und Frauen vor. Die Food and Agriculture Organization of United Nations (FAO) hat jedoch im Jahr 2015 ausgewertet, wie die Geschlechterverteilung unter landwirtschaftlichen Grundbesitzern weltweit aussieht. 

Basierend auf Zahlen der Gender and Land Rights Database berechnete die FAO 2015, dass etwa 12,8 Prozent aller landwirtschaftlichen Grundbesitzer Frauen sind. (Quelle: FAO, Screenshot: CORRECTIV)

Das Ergebnis demnach: Etwa 12,8 Prozent aller landwirtschaftlichen Grundbesitzer sind Frauen. Die FAO stützt sich auf Zahlen der Gender and Land Rights Database und hat für die Analyse Daten aus 104 Ländern ausgewertet. 

Wie viel Fläche die Frauen anteilig wirklich besitzen, lässt sich aus diesen Zahlen nicht ablesen. Die Forscher folgern aber: „Die Daten […] zeigen, dass die Geschlechterungleichheit in der Verwaltung landwirtschaftlicher Betriebe recht offensichtlich ist.“

„Die Ungleichheiten zwischen Geschlechtern sind nach wie vor tief verwurzelt“

Die in dem Beitrag genannten Zahlen sind teils falsch oder statistisch nicht belegbar. Das bedeutet aber nicht, dass es keine weltweite Geschlechterungleichheit gibt. 

Sozialforscher sind sich einig, dass es weiterhin große Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt: „Große Herausforderungen – vom Klimawandel, erzwungener Migration und Pandemien bis hin zur Verlangsamung des Investitionswachstums und steigenden Armutsraten in vielen Entwicklungsländern – betreffen […] Männer und Frauen unterschiedlich (oft zum Nachteil von Frauen)“, schreibt etwa die Weltbank im Oktober 2019. Als Gründe führt sie diskriminierende Gesetze, sowie geschlechtsspezifische und soziale Normen an, welche die wirtschaftliche Rolle und Verantwortung von Frauen negativ beeinflussen.

Die UN Women schreiben dazu auf ihrer Webseite: „Die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sind nach wie vor in jeder Gesellschaft tief verwurzelt.“ Das United Nations Development Programme nennt die weltweite Geschlechterungleichheit ein „wesentliches Hindernis menschlicher Entwicklung“. 

Auch das Bundesfamilienministerium schreibt in seinem dritten Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland (Seite 1): „Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist noch lange nicht verwirklicht. Trotz beachtlicher Fortschritte auf einigen Gebieten sind die Chancen von Frauen und Männern in vielen gesellschaftlichen Bereichen immer noch sehr unterschiedlich.“

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Den Zahlen liegen keine Statistiken zugrunde. Dass es weltweit große Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt – meist zum Nachteil von Frauen –, ist aber richtig.