Nach einem mutmaßlichen Kindesmissbrauch veröffentlichte die Seite „Truth 24“ eine abgeänderte Polizeimeldung mit falschen Behauptungen. Die Autoren berichten darin von einer möglichen HIV-Infektion des Opfers und extremen HIV-Raten in Subsahara-Afrika. Warum die Behauptungen falsch sind, erklären wir in unserem Faktencheck.

Am 25. Juli hat die Seite „Truth 24“ eine Meldung über einen mutmaßlichen Missbrauchsfall veröffentlicht. Im saarländischen Lebach habe ein Nigerianer am 8. Juni in einer Landesaufnahmestelle für Asylsuchende ein 10-jähriges Mädchen missbraucht. Es sei außerdem möglich, dass das Opfer sich mit HIV infiziert habe. Im Titel der Meldung heißt es dazu: „Nun droht ihr HIV“. Weiter behauptet das Portal 80 Prozent der Menschen aus Subsahara-Afrika seien mit dem Virus infiziert.

EchtJetzt hat mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft Saarbrücken gesprochen. Beide Stellen bestätigten, dass derzeit wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch gegen einen Nigerianer ermittelt wird. Die Polizei habe den Mann in der Nacht zum 9. Juni  in einer Wohnung der Landesaufnahmestelle Lebach festgenommen, nachdem die Mutter des Mädchens die Beamten alarmiert hatte. Alle Beteiligten stammen laut der Polizei aus Nigeria. Das Mädchen sei nach einer ärztlichen Untersuchung wieder in die Obhut ihrer Eltern übergeben worden. Der Tatverdächtige sitzt nach Polizeiangaben derzeit in Untersuchungshaft.

„Truth24“ verbreitet abgeänderte Polizeimeldung

Die saarländische Polizei verschickte am 9. Juni per Email eine Pressemeldung zu dem Vorfall an Journalisten. Diese Polizeimeldung hat „Truth 24“ übernommen und mit eigenen Behauptungen vermischt. Die Polizei erwähnt in ihrer Meldung an keiner Stelle eine mögliche HIV-Infektion des Opfers. Auch die vermeintlichen Zahlen zu HIV-Infektionen in Afrika stammen nicht aus der offiziellen Polizeimeldung.

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Screenshot der Polizeimeldung vom 9. Juni 2018

Auf eine Presseanfrage von EchtJetzt teilte die Staatsanwaltschaft Saarbrücken mit, dass es keinerlei Hinweise auf eine HIV-Infektion des Opfers gebe. Es sei durch den Ablauf der Tat „ausgeschlossen, dass es zu einer Übertragung gekommen ist“, erklärte ein Sprecher.

Wir haben auch bei „Truth 24“ nachgefragt, auf welchen Quellen die aufgestellten Behauptungen beruhen, doch der Betreiber des Blogs antwortete bis Redaktionsschluss nicht auf die Anfrage.

Falsche Behauptungen über HIV-Raten in Subsahara-Afrika

Immer wieder behauptet „Truth 24“ in Artikeln, dass in Subsahara-Afrika 70, 80 oder sogar 90 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv sind. EchtJetzt hat sich in einem eigenen Artikel ausführlich mit diesen Behauptungen auseinandergesetzt. Im Artikel über den Missbrauchsfall in Lebach heißt es, 80 Prozent der Menschen in Subsahara-Afrika seien mit dem Virus infiziert. Das ist falsch.

UNAIDS, das Programm der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Aids, liefert aktuelle Zahlen. Im Subsahara-Raum leben 69,6 Prozent der weltweit HIV-infizierten Menschen. Von den 36,9 Millionen weltweit Infizierten lebten 2017 25,7 Millionen in Subsahara-Afrika. Auch bei den Neuinfektionen belegt die Region den ersten Platz. In Subsahara-Afrika traten im Jahr 2017 65 Prozent aller weltweiten Neuinfektionen auf.

Die Statistiken von UNAIDS aus dem Jahr 2017 zeigen: Die höchste Prozentzahl an HIV-Infizierten liegt in Swasiland, hier sind 27,4 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Im Subsahara-Raum, also West-Zentral-Ost- und Südafrika zusammengenommen, sind insgesamt 25,7 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Bei einer Bevölkerung von 1,06 Milliarden Menschen ergibt das eine Rate von 2,4 Prozent. Die Rate der infizierten Erwachsenen in Nigeria liegt nach UNAIDS Daten bei 2,8 Prozent. In Deutschland leben 91.000 HIV-Infizierte. Das sind etwa 0,11 Prozent der Bevölkerung.

Die von „Truth 24“ verbreiteten HIV-Raten in Subsahara-Afrika sind falsch. Das Portal vermischt eine offizielle Polizeimeldung mit nicht belegten Behauptungen und falschen Zahlen. 

Unsere Bewertung: Teilweise falsch. Die Staatsanwaltschaft ermittelt tatsächlich wegen eines Missbrauchsfalles. Laut Staatsanwaltschaft gibt es jedoch keinerlei Hinweise auf eine mögliche HIV-Infektion des Opfers. Die genannte HIV-Rate für Subsahara-Afrika ist falsch.

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