Symbolfoto Reichstag
Eine bundesweite Risikoanalyse aus dem Jahr 2012 spielte eine Virus-Pandemie in Deutschland hypothetisch durch. Dabei handelt es sich um keinen „Geheimplan der Regierung“. (Symbolbild: Pixabay / Bastian Wiedenhaupt)

von Lea Weinmann

Ein Artikel behauptet, zu dem neuartigen Coronavirus sei ein „Geheimplan der Regierung“ entdeckt worden. Das ist falsch. Es handelt sich um eine öffentliche Risikoanalyse aus dem Jahr 2012. Diese lässt sich nur bedingt auf die aktuelle Pandemie übertragen.

In einem Artikel auf Wallstreet-Online behauptet der Autor und Youtuber Heiko Schrang, zu dem neuartigen Coronavirus sei ein „Geheimplan der Regierung“ aus dem Jahr 2012 entdeckt worden. In den „brisanten Unterlagen“ sei die aktuelle Pandemie angeblich schon „fast 1:1“ vorausgesagt worden, heißt es im Text. 

Diese Darstellung ist irreführend: Zwar gibt es eine Risikoanalyse der Bundesregierung, in der eine Pandemie mit einem ausgedachten Virus namens „Modi-SARS“ im Jahr 2012 hypothetisch durchgespielt wurde. Es handelt sich dabei aber nicht um einen „Geheimplan“, sondern einen öffentlich zugänglichen Bericht des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), der der besseren Prävention einer Virus-Pandemie dienen sollte.

Risikoanalyse spielte Virus-Pandemie nur hypothetisch durch

Der „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ der Bundesregierung an den Bundestag wurde am 3. Januar 2013 veröffentlicht. Darin werden zwei Szenarien in der Theorie durchgespielt: ein extremes Schmelzhochwasser und eine „Pandemie durch Virus Modi-SARS“. Das zweite Szenario erarbeitete damals das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeinsam mit anderen Bundesbehörden (Seite 5).

Es ging dabei laut dem Bericht um „ein außergewöhnliches Seuchengeschehen, das auf der Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert“ (Seite 57). Dieser hypothetische Erreger sei „sehr eng an das SARS-Virus angelehnt“. Der Erreger der Infektionskrankheit SARS wurde im Februar 2003 erstmals identifiziert.

Analyse dient laut BBK der „vorsorglichen Beschäftigung mit möglichen Gefahren“

Auf Anfrage von CORRECTIV schreibt eine Sprecherin des BBK per E-Mail: „Die Risikoanalyse […] dient der vorsorglichen Beschäftigung mit möglichen bundesrelevanten Gefahren und den zu erwartenden Auswirkungen auf die Bevölkerung, ihre Lebensgrundlagen und die öffentliche Sicherheit und Ordnung in Deutschland. Ihre Ergebnisse sollen als Informations- und Entscheidungsgrundlage dienen und somit eine risiko- und bedarfsorientierte Vorsorge- und Abwehrplanung im Zivil- und Katastrophenschutz ermöglichen.“

Die E-Mail des BBK
Das BBK erklärt in einer E-Mail an CORRECTIV das Ziel der bundesweiten Risikoanalysen. (Screenshot: CORRECTIV)

Verschiedene solcher Risikoanalysen wurden in Deutschland seit 2012 veröffentlicht. Seitdem wurden neben der Analyse zu einer Virus-Pandemie beispielsweise auch ein Wintersturm (2013), eine Sturmflut (2014) und eine Dürre (2018) theoretisch durchgespielt. Alle Analysen sind auf der Webseite des BBK abrufbar.

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Analyse war laut RKI keine Vorhersage, sondern ein „Maximalszenario“

Grundlage für die Szenarien sind nach Angaben der Bundesamt-Sprecherin „denkbare Extremereignisse“, international auch als „reasonable worst case“ bezeichnet.

Das RKI bestätigt das auf Anfrage von CORRECTIV: „Bei dem damaligen Szenario Modi-SARS handelte es sich NICHT um eine Vorhersage der Entwicklung und der Auswirkungen eines pandemischen Geschehens, sondern um ein Maximalszenario ausgelöst durch einen fiktiven Erreger, um das theoretisch denkbare Schadensausmaß einer Mensch-zu-Mensch übertragbaren Erkrankung mit einem hochvirulenten Erreger zu illustrieren und die hiervon betroffenen Bereiche zu sensibilisieren“, schreibt eine Sprecherin per E-Mail.

Die E-Mail des RKI
Bei dem Szenario einer SARS-Virus-Pandemie handelte es sich laut RKI um ein „Maximalszenario“, schreibt das Institut per E-Mail an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Nationaler Pandemieplan wurde danach überarbeitet

Nach der Risikoanalyse zu einer hypothetischen Coronavirus-Pandemie wurde laut BBK der Nationale Pandemieplan des Robert-Koch-Instituts entsprechend überarbeitet. Was das konkret bedeutet, schreibt die Behörde nicht.

Es ist also richtig, dass eine Virus-Pandemie, die der aktuellen in manchen Punkten ähnelt, schon im Jahr 2012 hypothetisch von den deutschen Behörden durchgespielt wurde: Es wurde angenommen, dass sich ein neues Coronavirus, das unter anderem Fieber und trockenen Husten auslöst, von Asien nach Europa und Nordamerika ausbreiten würde (Seite 58 bis 60). Der Grund der Analyse war, zu prüfen, ob Deutschland auf eine solche Situation gut vorbereitet wäre.

Das fiktive Szenario von 2012 unterscheidet sich aber auch von der aktuellen Covid-19-Pandemie: So nahm man in der Risikoanalyse an, dass alle Altersgruppen gleich betroffen wären (Seite 58). Zudem ging sie davon aus, dass zehn Prozent der Erkrankten sterben würden (Seite 64).

Bei der aktuellen Covid-19-Pandemie zählen ältere Personen (ab etwa 50 bis 60 Jahren) nach Angaben des RKI zur Risikogruppe für schwere Verläufe (unter Punkt 2). Sie sind also stärker betroffen als jüngere Menschen. Über die Letalität – also den Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich Erkrankten – gibt es laut Robert-Koch-Institut noch keine verlässlichen Daten (unter Punkt 8), weil nicht klar ist, wie viele Menschen momentan infiziert sind. Zum Anteil der Verstorbenen an den bisher erfassten Erkrankten liefern Studien sehr unterschiedliche Zahlen, je nach Region, schreibt das Institut. Alle Angaben liegen jedoch deutlich unter den zehn Prozent.

Auch der Bayerische Rundfunk hat zu der Risikoanalyse bereits einen Faktencheck veröffentlicht. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gibt eine Risikoanalyse, aber keinen „Geheimplan der Regierung“ zu einer Virus-Pandemie.

Die Behauptung, eine Studie chinesischer und Schweizer Wissenschaftler belege, 5G könne Krebs erzeugen, ist falsch.
Die Behauptung, eine Studie chinesischer und Schweizer Wissenschaftler belege, 5G könne Krebs erzeugen, ist falsch. (Symbolbild (Neuseeland): Unsplash/ Tony Stoddard)

von Uschi Jonas

In einem Blog-Artikel wird anhand einer Studie behauptet, elektromagnetische Strahlung wie 5G könne Krebs erzeugen. Die Studie lässt jedoch keine Rückschlüsse auf Gesundheitsgefahren für Menschen zu. Zudem wurde sie in einem Frequenzbereich durchgeführt, der außerhalb des zugelassenen 5G-Bereichs liegt.

„Forscher publizieren Studie: Elektromagnetische Wellen erzeugen Krebs“ – ein Blog-Artikel mit dieser Überschrift ist am 27. Juli auf der Webseite Watergate.tv erschienen. Grundlage für die Behauptung sei eine Studie von Wissenschaftlern aus Peking und Zürich, die „angesichts der Corona-Krise eine Studie zur Wirkung elektromagnetischer Wellen auf menschliche Zellen veröffentlicht“ hätten. Der Blog-Artikel wurde bislang laut dem Analyse-Tool Crowdtangle mehr als 1.260 Mal auf Facebook geteilt. 

Die Studie existiert. Allerdings führen die im Blog-Artikel daraus gezogenen Schlussfolgerungen in die Irre. 

 

Die Studie mit dem Titel: „Apoptotische Wirkung von 1800 MHz elektromagnetischer Strahlung auf NIH/3T3-Zellen“ erschien im Januar 2020. In der Zusammenfassung der Studie schreiben die Wissenschaftler, dass elektromagnetische Strahlung im untersuchten Bereich von 1.800 Megahertz (MHz) eine Wirkung auf Zellen gehabt habe. Die Strahlung habe dabei die Apoptose (den planmäßigen Zelltod, Anm. d. Redaktion) beschleunigt. Die Wissenschaftler untersuchten dies in Intervallen von 12, 24, 36 und 48 Stunden, in denen die Zellen der elektromagnetischen Strahlung ungeschützt ausgesetzt wurden.  

Behauptung: Studie zeige, dass Mobilfunkstrahlung wie 5G eine Gesundheitsgefahr darstellt

Im Blog-Artikel wird behauptet, die Studie zeige, dass die Bestrahlung mit 1.800 MHz elektromagnetischer Strahlung, „wie sie bei Mobilfunkwellen und vor allem bei 5G-Wellen“ vorkomme, nach 48 Stunden den Zelltod zur Folge habe. Die Studie bestätige den Verdacht, dass elektromagnetische Strahlung eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstelle. 

Zwar wird im Artikel erwähnt, dass die Gesundheitsgefahr durch elektromagnetische Strahlung unter Forschern umstritten sei – doch die Überschrift des Artikels von Watergate.tv suggeriert, dass die Studie ein Beweis für ihre krebserzeugende Wirkung sei. Auch heißt es im Text, die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) habe elektromagnetische Wellen (EMR) als „möglicherweise krebserregend eingestuft“.

Was bedeuten die Ergebnisse der Studie aus Experten-Sicht? 

Wir haben beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nachgefragt. Pressesprecherin Nicole Meßmer schreibt per E-Mail, dass es sich bei der Studie um eine sogenannte In-vitro-Studie handele. In-vitro bedeutet, dass Versuche außerhalb eines lebenden Organismus durchgeführt werden, im Gegensatz zu In-vivo-Vorgängen, die im lebenden Organismus ablaufen.

BfS: Zahlreiche Studien zu Mobilfunkfrequenzen zeigen keine erhöhten Zelltod-Werte

Der planmäßige Zelltod, der in der Studie untersucht wird, sei häufig Gegenstand der Forschung, erklärt Meßmer: „Apoptose wurde in zahlreichen In-vitro-Studien mit unterschiedlichen Mobilfunkfrequenzen untersucht und es wurden mehrheitlich keine erhöhten Apoptosewerte gefunden.“

Das betreffe derzeit über 3.500 wissenschaftliche Artikel, in denen die vom Mobilfunk genutzten Frequenzbereichen untersucht wurden, erklärt Meßmer. 1.500 davon seien experimentelle oder epidemiologische Studien, wie die im Blog-Artikel aufgeführte. Studien aus aller Welt zu elektromagnetischer Strahlung werden in Deutschland im EMF-Portal gesammelt und geordnet. EMF steht für elektromagnetische Felder. Es wird vom Bundesumweltministerium finanziert und von der Uniklinik RWTH Aachen betrieben.

„Alle Studien werden kontinuierlich vom Bundesamt für Strahlenschutz verfolgt und in die Risikobewertung miteinbezogen. Das heißt, es muss jeweils das Gesamtbild betrachtet werden. Entscheidend für die wissenschaftliche Bewertung ist dabei, dass die Ergebnisse reproduzierbar sind und fachliche Kriterien eingehalten werden, die unabhängig von 5G/Mobilfunk gelten“, beschreibt Meßmer weiter. 

BfS: Eine einzelne In-vitro-Studie eignet sich nicht, um ein Gesundheitsrisiko zu belegen

Was bedeutet das für die im Blog-Artikel angeführte Studie? Dazu sagt Meßmer: „Eine einzelne In-vitro-Studie ist regelmäßig ungeeignet, ein Gesundheitsrisiko zu belegen. Auch die Autoren argumentieren so nicht. Effekte müssen grundsätzlich unabhängig in verschiedenen Laboren reproduziert werden und müssen im Kontext anderer Studienergebnisse und Untersuchungsansätze analysiert und bewertet werden.”

Ein Ausschnitt einer E-Mail des Bundesamts für Strahlenschutz an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt einer E-Mail des Bundesamts für Strahlenschutz an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

5G nutzt andere Frequenzbereiche

Rückschlüsse auf 5G ließen sich aus der genannten Studie ebenfalls nicht ziehen: „Die Versuche wurden bei 1.800 MHz durchgeführt, die 5G-Frequenzbereiche liegen derzeit jedoch bei 700 MHz, 2GHz und 3,6 GHz.” GHz steht für Gigahertz. Details zu den Grenzbereichen für verschiedene Bereiche des elektromagnetischen Spektrums in Deutschland sind hier zu finden. 

Grundsätzlich sei es zwar durchaus möglich, Rückschlüsse von Untersuchungen bestimmter Frequenzbereiche auf benachbarte Frequenzen zu ziehen, schreibt die Sprecherin des Bundesamts für Strahlenschutz. Aber im Fall der vorliegenden Studie sei das nicht möglich. Die Autoren hätten offensichtlich nur eine einzige Expositionsstärke untersucht. (Gemeint ist die Dosis der Strahlung, der die Zellen ausgesetzt waren = Exposition.) 

Der in der Studie gewählte Wert entspreche dem Höchstwert für „Teilkörperexpositionen“. „Für die deutlich niedrigen Expositionen durch Basisstationen liefert die Studie keinen Hinweis auf einen Effekt. Das gilt für 5G und andere Mobilfunktechniken gleichermaßen, die Bänder in dem in der Studie verwendeten Frequenzbereich nutzen”, erklärt Meßmer. 

Ein Ausschnitt aus einer E-Mail des BfS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt aus einer E-Mail des BfS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Unbelegte Behauptungen über 5G sind weit verbreitet

Behauptungen rund um angebliche Zusammenhänge zwischen 5G-Netzen und gesundheitlichen Beschwerden verbreiten sich schon lange im Netz. CORRECTIV hat dazu bereits einige Faktenchecks veröffentlicht, zum Beispiel hier, hier und hier.  

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5G ist die fünfte Mobilfunkgeneration, die Daten schneller übertragen und weniger Strom verbrauchen soll. Das wird laut Bundesamt für Strahlenschutz zu einem „deutlichen Ausbau der Sendeanlagen“ führen. Einige Menschen gehen davon aus, dass dadurch die Strahlenbelastung steigen und gefährlich für den Menschen werden könnte. Dafür gibt es aktuell jedoch keine Belege.

BfS: Spekulationen über gesundheitliche Schäden durch 5G entbehren wissenschaftlicher Grundlage

In einer Stellungnahme des BfS steht, dass Spekulationen über mögliche gesundheitliche Schäden im Zusammenhang mit 5G jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren würden: „Weder in der Biologie noch in der Physik gibt es entsprechende Anhaltspunkte: 5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome. Auch eine negative Wirkung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern – und damit auch Mobilfunkstrahlung – auf das Immunsystem ist bislang nicht wissenschaftlich nachgewiesen.“

Die einzige nachgewiesene Wirkung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern sei eine Erwärmung des Körpergewebes: „Eine Erhöhung der Körperkerntemperatur um weniger als ein Grad gilt jedoch als gesundheitlich unproblematisch. Die geltenden Grenzwerte sorgen dafür, dass diese Erwärmung gering und damit unschädlich bleibt.“

Die Behauptung im Blog-Artikel, die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Organisation der WHO, habe elektromagnetische Wellen (EMR) für den Menschen als „möglicherweise krebserregend” eingestuft, wird oft als Beleg dafür herangezogen, dass Mikrowellenstrahlung Krebs auslösen könne, wie wir bereits 2019 in einem Hintergrundbericht über 5G beschrieben haben. 

Im Jahr 2011 (PDF) stufte die IARC Mikrowellenstrahlung als „Class 2B carcinogen“ ein – krebserzeugend nach Kategorie 2B. Diese Klassifizierung bedeutet zwar, dass die Strahlungsart prinzipiell Krebs auslösen könnte – doch so stufte die Organisation zum Beispiel auch Essiggurken und Aloe Vera ein (PDF).

Fazit: Die einzelne In-vitro-Studie ist ungeeignet, ein Gesundheitsrisiko durch Mobilfunkstrahlung zu belegen. Zudem lässt sich von der genannten Studie nicht auf 5G schließen, weil der genutzte Frequenzbereich außerhalb des (in Deutschland zulässigen) Grenzbereichs für 5G liegt. Die einzige bisher nachgewiesene Wirkung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern ist eine Erwärmung des Körpergewebes.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die Studie belegt nicht, dass elektromagnetische Strahlung wie 5G Krebs erzeugt.

94 Prozent der Corona-Toten in den USA hatten mindestens eine Vorerkrankung – diese Aussage des CDC bedeutet nicht, dass die Todesfallzahlen nach unten korrigiert wurden.
94 Prozent der Corona-Toten in den USA hatten mindestens eine Vorerkrankung – diese Aussage des CDC bedeutet nicht, dass die Todesfallzahlen nach unten korrigiert wurden. (Symbolbild:Unsplash/ Engin Akyurt)

von Uschi Jonas

In mehreren Artikeln wird behauptet, die USA hätten ihre Corona-Todesfallzahlen um 94 Prozent nach unten korrigiert. Das ist falsch. Die US-Gesundheitsbehörde hat keine Todesfallzahlen korrigiert. 94 Prozent der Corona-Toten hatten mindestens eine weitere Vorerkrankung, das schließt Covid-19 aber nicht als Todesursache aus.

„CDC (USA) muss Corona-Todesrate um 94% nach unten korrigieren!“ – mit dieser Zeile ist ein Blog-Artikel vom 4. September auf der Webseite Schild-Verlag überschrieben. In einem Artikel vom 3. September auf der Webseite Deutsche Wirtschaftsnachrichten heißt es: „USA korrigieren Corona-Todeszahlen drastisch nach unten – Die US-Seuchenschutzbehörde CDC hat mitgeteilt, dass in dem Land nicht wie bisher angegeben rund 165.000 Personen an Covid-19 gestorben sind, sondern weniger als 10.000.“ Laut dem Analysetool Crowdtangle wurden die Artikel bisher insgesamt mehr als 5.000 Mal auf Facebook geteilt.

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Überschriften der Artikel sind faktisch falsch und die Schlussfolgerungen darin irreführend. Anders als bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten behauptet wird, hat das CDC seine Zählweise nicht „modifiziert“ und die Todeszahlen nicht nach unten korrigiert. Der Bericht der US-Gesundheitsbehörde zeigt lediglich, dass 94 Prozent der im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen in den USA auch mindestens eine Vorerkrankung hatten. Das schließt Covid-19 als Todesursache nicht aus. Für die Behauptung in dem Artikel des Schild-Verlags, dass diese Menschen „in der nächsten Zeit sehr wahrscheinlich sowieso verschieden“ wären, gibt es keine Belege. 

Bei sechs Prozent der Todesfälle in den USA wurde Covid-19 als einzige Erkrankung auf dem Totenschein angeführt

Im Lagebericht des CDC zu den „Vorläufige[n] Sterbefällen für die Coronavirus-Krankheit 2019 (Covid-19)“ vom 2. September ist unter dem Punkt „Komorbiditäten“ (Anm. d.Red. Erkrankungen, die bei Patienten zusätzlich zu einer Grunderkrankung auftreten) zu lesen: 

„Bei sechs Prozent der Todesfälle war Covid-19 die einzige erwähnte Ursache. Bei Todesfällen, bei denen zusätzlich zu Covid-19 noch weitere Erkrankungen oder Ursachen genannt wurden, gab es im Durchschnitt 2,6 zusätzliche Erkrankungen oder Ursachen pro Todesfall”. 

 

Diese Tatsache wird auch in den Artikeln von Deutsche Wirtschaftsnachrichten und Schild-Verlag aufgeführt, allerdings ziehen die Verfasser daraus falsche Schlüsse. Denn das bedeutet nicht, dass nur sechs Prozent der Patienten an Covid-19 gestorben sind oder die USA ihre Todeszahlen nach unten korrigiert hätten. 

Vorerkrankungen erhöhen das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung

Laut CDC sind Menschen mit Vorerkrankungen wie beispielsweise Krebs und Typ-2-Diabetes einem höheren Sterberisiko ausgesetzt als andere, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren. 

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Webseite (Punkt 15), dass schwere Verläufe auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung auftreten können und auch bei jüngeren Patienten beobachtet würden. Aber einige Vorerkrankungen erhöhen laut RKI das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung. Darunter fallen beispielsweise Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, chronische Lungenerkrankungen, chronische Nieren- und Lebererkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen und Patienten mit geschwächtem Immunsystem.

Immer wieder kursieren seit Beginn der Corona-Pandemie Behauptungen, dass nur ein geringer Teil der Corona-Toten tatsächlich an Covid-19 gestorben sei. Dass diese Behauptungen unbelegt sind, recherchierten wir beispielsweise in einem Faktencheck im Mai über Todesfälle in Italien.

Der Bundesverband Deutscher Pathologen, die Deutsche Gesellschaft für Pathologie und die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie haben Ende August eine Auswertung von 154 klinischen Obduktionen an 68 pathologischen Instituten veröffentlicht. Demnach war bei 86 Prozent der untersuchten Patienten in Deutschland Covid-19 die wesentliche oder alleinige Todesursache. 

In 92 Prozent der Fälle ist Covid-19 als Ursache auf dem Totenschein gelistet

Und wie ist die Situation in den den USA? Den aktuellen Angaben des CDC ist zu entnehmen, dass die Corona-Todesfälle anhand von Angaben auf Totenscheinen registriert werden. In 92 Prozent der Fälle ist Covid-19 als Todesursache oder wahrscheinliche Todesursache auf dem Totenschein eingetragen worden. 

Das CDC erläutert auf seiner Webseite, dass die Sterblichkeitsstatistik in Anlehnung an die Vorschriften der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt werde. Todesfälle durch Coronavirus-Krankheit würden anhand des ICD-10-Codes U07.1 identifiziert. ICD-10 ist die internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und damit zusammenhängenden Gesundheitsproblemen (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Im Februar legte die WHO den Code U07.1 explizit für Covid-19 fest. 

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Die Todesfälle würden mit diesem Code versehen, wenn Covid-19 als Ursache, die zum Tod beigetragen habe, auf dem Totenschein angegeben werde, schreibt das CDC. Die Todesfälle können sowohl Fälle mit laborbestätigter Infektion als auch Fälle ohne Laborbestätigung umfassen. Wenn der zertifizierende Arzt Covid-19 vermutet oder für wahrscheinlich hält (zum Beispiel wenn die Umstände mit hinreichender Sicherheit zwingend waren), kann er Covid-19 als „wahrscheinliche“ oder „vermutete“ Todesursache auf der Sterbeurkunde angeben.

Ein Pressesprecher des National Center for Health Statistics (NCHS), das Teil des CDC ist, schrieb CORRECTIV per E-Mail: „Auf Sterbeurkunden können eine oder mehrere Ursachen oder Bedingungen aufgeführt sein, die auf der Grundlage des medizinischen Fachwissens des betreffenden Fachmanns bestimmt werden. Die zugrunde liegende Todesursache ist der Zustand, mit dem die Kette von Ereignissen begann, die schließlich zum Tod der Person führte.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des NCHS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des NCHS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

In durchschnittlich 92 Prozent der Fälle sei Covid-19 als zugrunde liegende Ursache auf dem Totenschein aufgeführt, schreibt der Sprecher des NCHS. Auch in einer tabellarischen Übersicht auf der Webseite des CDC ist diese Angabe zu finden. Im dortigen Text ist die Rede von 94 Prozent, der NCHS-Sprecher erklärte jedoch, dass 92 Prozent der richtige Wert sei.  

Die Tabelle des CDC zeigt den Anteil der Todesfälle, bei denen Covid-19 als Todesursache aufgeführt wird. (Quelle: CDC, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Die Tabelle des CDC zeigt den Anteil der Todesfälle, bei denen Covid-19 als Todesursache aufgeführt wird. (Quelle: CDC, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Fazit: Laut den Statistiken des CDC hatten 94 Prozent der Corona-Toten mindestens eine weitere Vorerkrankung. Das lässt jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, wie viele Patienten an und nicht nur mit Covid-19 verstorben sind. Es bedeutet nicht, dass die US-Gesundheitsbehörde die Todeszahlen nach unten korrigiert hätte.

Update 15. September 2020: Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten haben ihren Artikel nach Veröffentlichung unseres Faktenchecks korrigiert.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die USA haben ihre Corona-Todeszahlen nicht um 94 Prozent nach unten korrigiert. Die Angaben zu Vorerkrankungen werden falsch interpretiert.

Corona-Virus
Diese Virus-Illustration zeigt, wie Coronaviren aufgebaut sind. (Symbolbild: CDC / Pexels)

von Sarah Thust

In einem viralen Video auf Youtube behauptet ein Psychologiestudent aus Ulm, dass die Maßnahmen gegen Covid-19 wenig bis keinen Effekt hatten. Er will mit Fakten überzeugen. Doch die Berechnungen, die er anstellt, stellen teils Daten falsch dar. Der einstündige Film ist dadurch irreführend.

Ein Youtuber namens Sebastian Götz, nach eigenen Angaben Psychologiestudent in Ulm, glaubt, führende Virologinnen und Virologen liegen falsch: In einem Video auf Youtube hat er im Juni deshalb die „Zerstörung des Corona-Hypes“ gefordert. Er behauptet zu Beginn: „Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffen wirst, dieses Video bis zum Ende anzuschauen, ohne am Ende der Meinung zu sein, dass die Maßnahmen, der Lockdown und die Kontaktsperren zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt waren.“ Die Maßnahmen gegen Covid-19 hätten angeblich wenig bis keinen Effekt.

Das einstündige Video wurde bisher mehr als 600.000 Mal aufgerufen. Veröffentlicht wurde es auf dem Youtube-Kanal „Teil der Lösung“, der zuvor eher esoterische und unpolitische Videos hochgeladen hatte. Das änderte sich nach einer langen Pause von elf Monaten am 28. Juni, als der Youtuber dort sein Video veröffentlichte. Seitdem geht es auf seiner Seite um angeblichen Impfzwang und die Anti-Corona-Proteste.

Wir haben uns das Video angesehen und die zentralen Behauptungen überprüft. Der Mann aus Ulm nennt etliche Statistiken, zitiert angebliche Experten und wirft den Medien Manipulation vor (ab Minute 06:45). Doch viele Behauptungen sind unbelegt oder irreführend und Statistiken werden aus dem Kontext gerissen.

Mit dem Video „Die Zerstörung des Corona Hypes“ hat der Youtuber hunderttausende Aufrufe generiert. Er kritisiert die Corona-Maßnahmen.
Von Lebenserfahrung zu Corona: Mit dem Video „Die Zerstörung des Corona Hypes“ hat der Youtuber hunderttausende Aufrufe generiert. (Quelle: Youtube / Screenshot vom 11.08.2020: CORRECTIV)

Der Youtuber hat sein Video in fünf Abschnitte unterteilt: die Zahlen, die Argumente, die Tests, die Maßnahmen und die Experten. Die Liste seiner Quellen stellt er auch zum Download bereit. In jedem Abschnitt des Videos wiederholt er mehrere Behauptungen. Vier davon werden besonders durch Grafiken und Videoausschnitte unterstützt. Auf diese vier Behauptungen haben wir uns in diesem Faktencheck konzentriert.

Inhaltsverzeichnis

 

Behauptung 1: Statistiken zu Covid-19 würden falsch dargestellt

Im Abschnitt „Zahlen“ wirft Götz den Medien und der Wissenschaft Manipulation, teilweise „Fälschung“ und „Angstkommunikation“ vor (ab Minute 04:30). Die Berichterstattung über Covid-19 sei „grob unwissenschaftlich“ und „manipulativ“. 

1.1 Falsche Angaben zur Zahl der Infizierten?

Am Beispiel der Tagesschau vom 7. April 2020 will er belegen, dass darin eine „grob irreführende“ Angabe gemacht wurde. Sein Kritikpunkt: Statt von Infizierten müsste von „positiv Getesteten“ die Rede sein. Denn die Anzahl derjenigen, die positiv getestet wurden, bilde nicht alle Infizierten ab. Damit hat er grundsätzlich recht, die Zahl aller tatsächlich Infizieren ist unbekannt; es gibt eine Dunkelziffer. 

An dem Tagesschau-Bericht ist aber nichts grundsätzlich falsch: Es wird in der Sendung ausdrücklich darauf hingewiesen (ab Minute 0:50), dass es sich um „bestätigte Corona-Fälle“ handelt, also um Menschen, die bisher positiv auf das Virus getestet wurden. 

Ein Screenshot der Tagesschau vom 7. April 2020 zeigt die Zahl der bestätigten Corona-Fälle. In dem Youtube-Video wird er als Beispiel für angebliches Fehlverhalten der Medien verwendet.
Ein Screenshot der Tagesschau vom 7. April 2020 zeigt die Zahl der bestätigten Corona-Fälle. In dem Youtube-Video wird er als Beispiel für angebliches Fehlverhalten der Medien verwendet. (Screenshot: CORRECTIV)

Außerdem sagt der Youtuber, dass „Medien und Fernsehen“ die Zahl der positiv Getesteten ins Verhältnis zur Menge der Tests setzen müssten, um ein realistisches Bild zu vermitteln. Seine Argumentation baut er auf dieser Behauptung auf: Werde öfter getestet, würden mehr Corona-Infektionsfälle entdeckt. Das hieße aber nicht, dass es auch mehr Fälle gibt (ab 05:22).

Das Robert-Koch-Institut (RKI) antwortete uns auf die Frage, ob eine erhöhte Zahl an positiven Tests etwas mit der Ausweitung der Testkapazitäten zu tun haben kann, per E-Mail: „Eine Ausweitung der Testindikationen oder eine Erhöhung der Zahl durchgeführter Tests kann zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Infizierte erkannt werden. Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die beobachteten steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären wären, geschweige denn mit einem vermeintlich hohen Anteil an falsch-positiven Ergebnissen der PCR-Testung.“ Über die Fehlerquote der PCR-Tests hat CORRECTIV bereits berichtet.

Aus der E-Mail des RKI.
Aus der E-Mail des RKI. (Screenshot: CORRECTIV)

1.2 Haben die Medien Angst verbreitet?

Gab es „zu viel Panikmache“ in den Medien, wie im Youtube-Video behauptet? Da das Empfinden von „Panikmache“ subjektiv ist, ist diese Aussage schwer überprüfbar.

Die Journalistik-Forscher Michael Haller und Klaus Meier im April festgestellt, dass in den Medien „durch dramatische Einzelfälle und vor allem durch dramatische Bilder aus anderen Ländern (z.B. Särge von Bergamo) Angst erzeugt wurde“. Professor Meier wies uns am 10. September per E-Mail darauf hin, dass solche Bilder vor allem in den TV-Nachrichten und den TV-Sondersendungen „intensiv verwendet“ wurden. Zwei weitere Inhaltsanalysen von anderen Wissenschaftlern würden diese Thesen bestätigen.

Der Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt veröffentlichte im Juni eine andere Studie,in der er Beiträge von Nachrichtenmedien auf Facebook – also hauptsächlich Texte – in einer automatischen Inhaltsanalyse untersucht hat. Einer seiner Schlüsse: „Einige Kritiker behaupteten, der Journalismus sei Panikmache, was weder durch die Negativitätsanalyse noch durch das aktuelle Spektrum, das wir in unserer Analyse gefunden haben, gestützt wird“, heißt es in der Studie (Seite 23). „Im Wesentlichen gab es also keine offensichtlichen systemischen Dysfunktionen, auch wenn einige Aspekte in Zukunft möglicherweise einen verbesserten Umgang verdienen.“

1.3 Werden Influenza-Statistiken verfälscht?

Nach dem Angriff gegen die Medien ist im Video sogar von „Fälschung wissenschaftlicher Daten“ die Rede (ab Minute 07:18). Youtuber Götz stellt die Frage: „Ich werde positiv auf Corona und Influenza getestet. Woran bin ich dann gestorben?“ Damit suggeriert er, dass zum Beispiel die Influenza-Statistiken verfälscht werden, weil Tote mit einer nachgewiesenen SARS-CoV-2-Infektion immer als Corona-Tote gezählt würden.

CORRECTIV hat beim Statistischen Bundesamt nachgefragt, das die diese Statistiken anfertigt. Es widerspricht der Behauptung teilweise: „Bei einer vorliegenden Doppeldiagnose (Influenza und Covid-19) wird NICHT automatisch das eine durch das andere ersetzt, sondern es wird diejenige Erkrankung zugrunde gelegt, die letzten Endes tödlich war. Das ist im Einzelfall nicht unbedingt klar voneinander zu trennen, einen Automatismus bei der Zuordnung der Todesursachen gibt es hingegen nicht.“

Eine Sprecherin des Statistischen Bundesamtes bestätigt in einer E-Mail, dass Influenza-Fälle nicht „automatisch“ als Covid-19-Fälle gezählt werden.
Eine Sprecherin des Statistischen Bundesamtes bestätigt in einer E-Mail, dass Influenza-Fälle nicht „automatisch“ als Covid-19-Fälle gezählt werden. (Screenshot: CORRECTIV)

Tatsächlich wurden Influenza-Todesfälle bisher nur „selten“ als Corona-Fälle gezählt, schrieb das Robert-Koch-Institut an CORRECTIV.Faktencheck. Während der Influenzasaison habe es „einen Nachweis einer Doppelinfektion von SARS-CoV-2 und Influenza“ gegeben. „Daraus lässt sich schließen, dass Doppelinfektionen vor dem Ende der Influenzasaison zwar vorkamen, aber selten waren.“ 

Eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts schreibt in einer E-Mail, dass Doppelinfektionen in der Influenza-Saison 2019/2020 zwar vorkamen, aber selten waren.
Eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts schreibt in einer E-Mail, dass Doppelinfektionen in der Influenza-Saison 2019/2020 zwar vorkamen, aber selten waren. (Screenshot: CORRECTIV)

1.4 Sterbefallstatistik und Sterblichkeitsrate

Zum Verständnis: In der Sterbefallstatistik zu Covid-19 werden Menschen aufgeführt, bei denen SARS-CoV-2 nachgewiesen wurde. Dazu zählen sowohl die, die direkt an der Erkrankung gestorben sind („gestorben an“), als auch Patienten mit Grundkrankheiten, die infiziert waren und bei denen sich nicht klar nachweisen lässt, was letzten Endes die Todesursache war („gestorben mit“). Das erklärt das RKI auf seiner Webseite (unter Fallzahlen und Meldungen).

Ein anderer Faktor ist die Sterblichkeitsrate: Sie werde „massiv überschätzt“, behauptet Götz, wenn für ihre Berechnung die Zahl der „positiv Getesteten“ verwendet werde. Stattdesse müsse die Zahl aller mit Covid-19 Infizierten verwendet werden (ab Minute 05:10). Das ist grundsätzlich richtig, doch mit seiner Aussage suggeriert Götz, die Zahl aller tatsächlich Infizierten sei bekannt. Das ist nicht der Fall. 

Der Student unterstellt in seinem Video, dass für die Berechnung der „Sterberate“ die Zahl der Todesfälle durch die Zahl aller Infizierten geteilt werden müsste. Diese Zahl ist aber unbekannt.
Der Student unterstellt in seinem Video, dass für die Berechnung der „Sterberate“ die Zahl der Todesfälle durch die Zahl aller Infizierten geteilt werden müsste. Diese Zahl ist aber unbekannt. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Sterblichkeitsrate zu berechnen:

Die erste ist die Infektions-Sterblichkeitsrate (Infection Fatality Ratio; IFR) – der Anteil der Verstorbenen an allen Infizierten (über die „Sterblichkeitsrate“ hat CORRECTIV hier berichtet). Hierzu liegen laut WHO noch nicht genügend Daten vor; es sei nicht bekannt, wie viele Menschen insgesamt infiziert sind.

Die zweite Möglichkeit ist der Fall-Verstorbenen-Anteil (Case Fatality Ratio; CFR): Er wird danach berechnet, wie viel Prozent derjenigen, von denen man weiß, dass sie sich mit Covid-19 laborbestätigt infiziert haben, versterben. Am 8. September lag der Fall-Verstorbenen-Anteil in Deutschland beispielsweise bei 3,7 Prozent, wie das RKI in seinem täglichen Lagebericht mitteilte.

Für die Schätzung, wie tödlich eine Krankheit ist, gibt es zwei Modelle - die Infektions-Sterblichkeitsrate (IFR) und den Fall-Verstorbenen-Anteil (CFR).
Für die Schätzung, wie tödlich eine Krankheit ist, gibt es zwei Modelle – die Infektions-Sterblichkeitsrate (IFR) und den Fall-Verstorbenen-Anteil (CFR). (Quelle: WHO / Screenshot: CORRECTIV)

Ein dritter Begriff ist die „Letalität“ – diese definiert das RKI als den Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich erkrankten Fälle. Denn nicht jeder Infizierte wird auch krank. Hierzu gebe es bisher ebenfalls nicht genügend Daten. 

1.5 WHO sagt, Covid-19 sei tödlicher als Influenza

Sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll die Sterblichkeitsrate falsch berechnet haben, heißt es im Video (ab Minute 09:50). Sebastian Götz sagt: „Einen Satz, den wir unter anderem von der WHO am Anfang gehört haben ist: Covid-19 ist bis zu zehnmal tödlicher als die Influenza.“ Mittlerweile wisse man mehr und „es drängt sich der Verdacht auf“, dass die „Anzahl der mit Covid-19 Verstorbenen durch die Anzahl der positiv Getesteten geteilt wurde“.

Wir haben bei der WHO nachgefragt, ob das Zitat korrekt ist. Ein Sprecher der Organisation konnte uns nicht bestätigen, dass die WHO zu Anfang der Pandemie eine solche Behauptung aufgestellt hat. Unsere Internetrecherchen ergaben lediglich, dass WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einem Pressebriefing im April laut Medienberichten gesagt haben soll, dass das neuartige Coronavirus zehnmal tödlicher sei als die Schweinegrippe, die von der WHO 2009 als Influenza-Pandemie eingeschätzt wurde.

Fall-Verstorbenen-Anteil bei saisonaler Grippe schätzungsweise 0,1 Prozent

Wie steht die WHO heute allgemein zu der Frage, ob Covid-19 gefährlicher oder tödlicher als Influenza ist? 

Ein Sprecher antwortete uns per E-Mail am 14. August: „Obwohl die Schätzungen variieren, deuten die Daten darauf hin, dass der Schweregrad der Influenza viel niedriger ist als der von Covid-19.“ Gemeint ist die saisonale Grippe, die jedes Jahr auftritt. Der Fall-Verstorbenen-Anteil (CFR) liege hier schätzungsweise bei 0,1 Prozent. Da es viele asymptomatische Grippeinfektionen gebe, liege die tatsächliche Infektions-Sterblichkeitsrate (IFR) vermutlich noch niedriger.

Sind die Corona-Maßnahmen nötig? Ein Sprecher der WHO schrieb CORRECTIV, dass die Infektions-Sterblichkeitsrate (IFR) etwas über die „wahre Schwere“ von Krankheiten aussagt. Sie könne aber noch nicht exakt berechnet werden.
Ein Sprecher der WHO schrieb CORRECTIV, dass die Infektions-Sterblichkeitsrate (IFR) etwas über die „wahre Schwere“ von Krankheiten aussagt. Sie könne aber noch nicht exakt berechnet werden. (Screenshot: CORRECTIV)

Die tatsächliche Sterblichkeitsrate für Covid-19 steht noch nicht fest, doch die WHO schätzt sie auf 0,6 Prozent

Tatsache ist, dass die WHO bereits eine vorläufige Infektions-Sterblichkeitsrate (IFR) angibt, die den Anteil der Todesfälle an allen infizierten Personen zeigen soll. Dafür wird aber nicht „einfach“, wie im Youtube-Video behauptet, die Zahl der Covid-19-Todesfälle durch die Anzahl der Infektionen geteilt. 

Stattdessen stützt sich die WHO „auf gut konzipierte serologische Untersuchungen“ von repräsentativen Zufallsstichproben aus der Bevölkerung. Wie die WHO diese Rate konkret berechnet, wird hier erklärt.

Der geschäftsführende Direktor des WHO-Programms für Gesundheitsnotfälle, Mike Ryan, hat die IFR des neuartigen Coronavirus erst vor Kurzem auf etwa 0,6 Prozent geschätzt. Zum Vergleich von SARS-CoV-2 und der Influenza-Pandemie von 2009 sagte er am 3. August: „Diese 0,6 Prozent bedeuten, dass etwas mehr als einer von 200 infizierten Menschen möglicherweise sterben könnten. Das ist altersabhängig, in älteren Altersgruppen ist das Risiko viel höher. Wenn man das mit der (Influenza)-Pandemie 2009 vergleicht, war es da eher einer von 10.000 oder einer von bis zu 100.000. […] Wenn Sie an einen von 200 denken, gegenüber einem von 100.000, bekommen Sie ein Gefühl dafür, wie viel tödlicher dieses Virus für die Gemeinden ist.“

1.6 Dokumentation über Schweinegrippe säte Zweifel an der WHO

Das Youtube-Video „Die Zerstörung des Corona-Hypes“ enthält außerdem Aufnahmen einer Dokumentation über die Schweinegrippe-Pandemie 2009, die laut des Films von der WHO als Pandemie eingeschätzt worden sei und dann doch relativ glimpflich verlaufen sei (ab Minute 02:10). Damals berichteten mehrere Medien, wie der Spiegel: „Hat die Pharmaindustrie die Schweinegrippepanik mit Zahlungen an Wissenschaftler geschürt?“ Angeblich hätten drei Seuchenexperten der WHO Geld von Konzernen erhalten.

Panikmache von Medien und Politik? 2009 verbreitete sich das Virus H1N1, auch bekannt als Schweinegrippe, und die WHO rief eine Pandemie aus.
Panikmache von Medien und Politik? 2009 verbreitete sich das Virus H1N1, auch bekannt als Schweinegrippe, und die WHO rief eine Pandemie aus. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Ein Gremium unabhängiger Experten hat den Umgang der WHO mit der H1N1-Epidemie im Jahr 2011 geprüft. Beweise, dass die Einstufung als Pandemie manipuliert wurde, fand das Gremium nicht (Seite 9). Im Bericht hieß es: Im Frühjahr in Mexiko-Stadt schien das Virus schwerwiegend zu sein und es sei nicht klar gewesen, wie verhältnismäßig mild es wirklich war, bis zum Spätsommer, nachdem die Länder schon den Impfstoff bestellt hatten.

Die Weltgesundheitsorganisation und das Robert-Koch-Institut dementieren die Vorwürfe. „Es ist auch durchaus möglich, dass sich die pandemische Influenza in Deutschland auch darum vergleichsweise moderat entwickelt hat, weil die ergriffenen Maßnahmen erfolgreich waren“, schreibt das RKI dazu auf seiner Webseite.

Das Robert-Koch-Institut klärt auf seiner Internetseite über die Schweinegrippe-Pandemie im Jahr 2009 auf.
Das Robert-Koch-Institut klärt auf seiner Internetseite über die Schweinegrippe-Pandemie im Jahr 2009 auf. (Screenshot: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Werden also die Statistiken zu Covid-19 von Medien, Wissenschaft und Politik falsch dargestellt, wie der Student auf Youtube behauptet? Nein, wie unsere Recherchen anhand der genannten Beispiele ergaben. Medien und Experten verwenden jene Daten zu Covid-19, die bisher verfügbar sind. 

Berechnungen der absoluten Sterblichkeitsrate sind bisher nicht möglich, was WHO und RKI auch transparent machen. Alternative Berechnungsmodelle ermöglichen erste Schätzungen, wie die WHO auf ihrer Internetseite beschreibt. Für die Behauptung des Youtubers, dass die Sterblichkeitsrate „massiv überschätzt“ werde, gibt es keine Belege. 

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Behauptung 2: Covid-19 sei weder tödlicher noch gefährlicher als Influenza

Es ist richtig, wie im Video anfangs behauptet, dass Coronaviren seit Jahren bekannt sind und sich wie andere Viren auch ständig verändern. Der Autor des Youtube-Videos behauptet aber: Covid-19 sei nicht wesentlich tödlicher oder gefährlicher als Influenza.

Götz’ Argumente: Die Heinsberg-Studie würde bestätigen, dass die Sterblichkeitsrate von SARS-CoV-2 im Bereich der Grippe liege. Die Reproduktionszahl sei nicht höher als bei Influenza. Und: Eine Übersterblichkeit und eine Grippewelle habe es in diesem Jahr „quasi“ nicht gegeben. Wir haben uns diese Aussagen nacheinander angeschaut.

2.1 Keine Übersterblichkeit?

Der Student behauptet in seinem Video: „Wir haben in diesem Jahr keine Übersterblichkeit. Das belegt, dass mit den Maßnahmen ganz gehörig übertrieben wurde.“ Dazu zeigt er ein Diagramm, das Covid-19-Todesfälle und Nicht-Covid-19-Todesfälle pro Tag in diesem Jahr zeigt (ab Minute 08:30). Ob es eine Übersterblichkeit durch das Coronavirus gibt, lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Übersterblichkeit bedeutet, dass in einem bestimmten Zeitraum mehr Menschen starben als im langjährigen Durchschnitt. 

Diese Grafik zeigt, dass Zahl der Todesfälle pro Woche in Deutschland und die Zahl der Covid-19-Todesfälle.
Diese Grafik zeigt, dass Zahl der Todesfälle pro Woche in Deutschland und die Zahl der Covid-19-Todesfälle. (Quelle: Statistisches Bundesamt / Grafik: CORRECTIV)

Die wöchentlichen Sterbefallzahlen in Deutschland waren laut Statistischem Bundesamt vom 23. März bis 3. Mai 2020 tatsächlich höher als im Durchschnitt der Vorjahre. Am stärksten war die Abweichung mit 14 Prozent im April. 

Eine Übersterblichkeit, die zeitlich mit der Covid-19-Pandemie korreliert, könne „in einigen Ländern beobachtet werden“, schrieb das RKI im Juni (Seite 11). Unter anderem in Belgien und Spanien war die Übersterblichkeit zeitweise sehr hoch, wie Daten des Portals Euromomo (European Mortality Monitoring Project) zeigen. Das Portal wertet die Mortalitätsraten europäischer Länder aus. 

Ob die sogenannte Übersterblichkeit durch das Coronavirus höher ausfällt als durch die saisonale Influenza, kann bisher noch nicht ermittelt werden. Über die sogenannte Exzess-Mortalität oder Übersterblichkeit hat CORRECTIV auch hier berichtet

2.2 Infektions-Sterblichkeit von Influenza und Coronavirus nicht vergleichbar

Wie bereits in diesem Faktencheck erwähnt wurde, schätzt die WHO die Infektions-Sterblichkeitsrate (anhand der verfügbaren Daten) als höher ein als bei der saisonalen Influenza. Ein Experte schätzte sie kürzlich auf 0,6 Prozent. Schon am 17. März veröffentlichte die WHO ihre Einschätzung, SARS-CoV-2 sei gefährlicher, auf ihrer Internetseite

Der Youtuber verweist in seinem Video auf die „Letalität“ in der Heinsberg-Studie, womit er eigentlich die Infektions-Sterblichkeit (IFR) meint. Die Studie bezieht sich auf die Gemeinde Gangelt in Nordrhein-Westfalen und nannte eine IFR von rund 0,4 Prozent.

„Mit unseren Daten kann nun zum ersten Mal sehr gut geschätzt werden, wie viele Menschen nach einem Ausbruchsereignis infiziert wurden. In unserer Studie waren das 15 Prozent für die Gemeinde Gangelt. Mit der Gesamtzahl aller Infizierter kann die Infektionssterblichkeit (IFR) bestimmt werden. Sie liegt für SARS-CoV-2 für den Ausbruch in der Gemeinde Gangelt bei 0,37 Prozent“, zitierte die Universität Bonn den Leiter der Studie Hendrik Streeck in einer Pressemitteilung am 4. Mai.

Damit wäre die Sterblichkeit aber auch nicht ähnlich wie bei der Grippe, wie der Youtuber behauptet hatte. Diese hat (wie erwähnt) einen geschätzten Fall-Verstorbenen-Anteil (CFR) von 0,1 Prozent, und der IFR wird laut WHO noch niedriger vermutet.

2.3 Youtuber stellt Impfeffektivität gegen Influenza irreführend dar

Der nächste Punkt auf der Liste des Youtubers ist die Impfung: Das Argument, Covid-19 sei gefährlicher als Grippe werde auch damit begründet, dass es ja einen Impfstoff gegen die Grippe gebe, erklärt er. Das mache aber wenig Sinn, denn der Impfstoff gegen die Grippe müsse jedes Jahr neu entwickelt werden und wirke trotzdem nicht richtig (ab Minute 12:18). 

Tatsächlich wird die Wirkweise des Influenza-Impfstoffes jedes Jahr aufs Neue bewertet. In der Grippe-Saison 2018/19 war die Impfeffektivität laut Saisonbericht des RKIs zum Beispiel eher niedrig und lag insgesamt bei 21 Prozent (Seite 105). Sie variiert aber je nach Virustyp und Altersgruppe.

Der Youtuber zeigt im Video ein Diagramm mit Daten, die sich nur auf über 60-Jährige beziehen. Er hat die Impfeffektivität in den verschiedenen Grippesaisons in dieser Risikogruppe seit 2013/2014 zusammengetragen. Daraus berechnete er, dass die Impfeffektivität im Durchschnitt nur zehn Prozent betrage. Er lässt dabei aber alle anderen Altersgruppen außer Acht. Laut RKI ist die Impfeffektivität am höchsten bei jungen Menschen und nimmt mit zunehmendem Alter ab. 

Die Grafik oben stammt aus dem Youtube-Video und soll die Entwicklung der Impfeffektivität seit 2013 zeigen, bezieht sich aber nur auf die über 60-Jährigen. Das Diagramm darunter vom RKI zeigt jedoch, dass die Impfeffektivität bei jungen Menschen wesentlich höher ist als bei alten.
Die Grafik oben stammt aus dem Youtube-Video und soll die Entwicklung der Impfeffektivität seit 2013 zeigen, bezieht sich aber nur auf die über 60-Jährigen. Das Diagramm darunter vom RKI zeigt jedoch, dass die Impfeffektivität bei jungen Menschen wesentlich höher ist als bei alten. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Robert-Koch-Institut bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass „die Wirksamkeit der Influenzaimpfung nicht optimal ist“. Dennoch könnten aufgrund der Häufigkeit der Influenza viele Erkrankungsfälle verhindert werden. „In zahlreichen Studien wurde außerdem gezeigt, dass eine Influenzaerkrankung bei geimpften Personen milder, also mit weniger Komplikationen verläuft als bei Ungeimpften“, schreibt ein Sprecher des RKI.

2.4 Reproduktionszahl nicht höher als bei Influenza?

Der Youtuber behauptet auch, die Reproduktionszahl des Coronavirus sei nicht höher als die von Influenza (Video, ab Minute 10:55). Das ist nach Aussage des RKI und der WHO falsch.

Die Reproduktionszahl bezeichnet die Anzahl der Personen, die eine infizierte Person im Mittel ansteckt. Laut Robert-Koch-Institut liegt die Basis-Reproduktionszahl bei SARS-CoV-2 zwischen 2,4 und 3,3. Sie sei höher als bei der Influenza, schrieb das RKI bereits im April (Seite 3). 

Die saisonale Grippe hat laut RKI eine Basis-Reproduktionszahl von etwa 1 bis 1,5 Personen, wie uns das Institut auf Nachfrage mitteilte. Sie sei unter anderem abhängig davon, wie gut die Grippeimpfung in dem Jahr wirke. Studien zufolge lagen die R-Werte bei Grippe-Pandemien in der Vergangenheit etwas höher als bei der saisonalen Influenza. Zum Beispiel lag der Median-R-Wert der Spanischen Grippe im Jahr 1918 bei 1,8 (Bandbreite: 1,47 bis 2,27).

Die WHO schrieb im März auf ihrer Webseite: „Die Anzahl der Ansteckungen, die von einem Infizierten erzeugt werden, liegt beim Covid-19-Virus (sic) zwischen 2 und 2,5 und ist damit höher als bei der Influenza. Schätzungen sowohl für Covid-19 als auch für Influenzaviren sind jedoch sehr kontext- und zeitspezifisch, was direkte Vergleiche erschwert.“

Die Reproduktionszahl basiert auf Schätzungen und ist abhängig von den verfügbaren Daten. Darum nennen unterschiedliche Institute und Behörden teils verschiedene Werte – so wie das RKI und die WHO.

Eine Grafik des Robert-Koch-Instituts zur Reproduktionszahl, die der Youtuber in seinem Video zeigt, belegt zudem nicht, dass der „Lockdown“ der Regierung unnötig und unwirksam gewesen sei. Angeblich lasse sich daran erkennen, dass die Reproduktionszahl des Virus schon vor dem 23. März (dem Tag, an dem das Kontaktverbot eingeführt wurde) unter 1 gefallen sei. Diese Behauptung ist jedoch irreführend, wie CORRECTIV bereits in einem Faktencheck recherchiert hat. Die Wirksamkeit oder Notwendigkeit der Corona-Maßnahmen nur auf den R-Wert zurückzuführen, greift laut RKI zu kurz.

Diese Grafik des RKI zeigt die Entwicklung der Reproduktionszahl seit Beginn der Pandemie (Epidemologisches Bulletin 17/2020, Seite 14). Immer wieder wird behauptet, die Grafik würde zeigen, dass die Maßnahmen nicht nötig gewesen seien.
Diese Grafik des RKI zeigt die Entwicklung der Reproduktionszahl seit Beginn der Pandemie (Epidemologisches Bulletin 17/2020, Seite 14). Immer wieder wird behauptet, die Grafik würde zeigen, dass die Maßnahmen nicht nötig gewesen seien. (Screenshot: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Verbindung von Fakten mit falschen Schlussfolgerungen

In dem Abschnitt „Argumente“ fällt immer wieder auf, dass der Youtuber korrekte Fakten mit irreführenden Grafiken und Schlussfolgerungen verknüpft und sie so in einem falschen Kontext erscheinen lässt. 

Ab Minute 13 spekuliert er sogar, „dass Grippe-Geimpfte ein höheres Risiko haben, die Grippe zu bekommen“. Das RKI stellte in seiner Antwort an CORRECTIV richtig: „Wenn die Impfung schlechter schützt, steigt das Risiko für Erkrankungen, aber es wird nicht schlechter als ohne Impfung. In zahlreichen Studien wurde außerdem gezeigt, dass eine Influenzaerkrankung bei geimpften Personen milder, also mit weniger Komplikationen verläuft als bei Ungeimpften (z.B. VanWormer JJ et al., BMC Infect Dis. 2014; 14: 231).

Bisher ist vieles über SARS-CoV-2 noch unklar, weil es kaum vergleichbare Daten gibt. Dennoch gehen unter anderem die Experten vom Robert-Koch-Institut davon aus, dass Covid-19 gefährlicher und tödlicher als die saisonale Influenza ist. 

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Behauptung 3: Durch PCR-Tests wird eine Epidemie gemessen, die es gar nicht gibt

Im Abschnitt „Test“ suggeriert das Video, dass die Covid-19-Pandemie gar keine Pandemie sei. Darin behauptet der Autor: „Es wäre nicht das erste Mal, dass durch einen überempfindlichen PCR-Test eine Epidemie gemessen wird, die es gar nicht gibt.“ Dabei übernimmt er einige Argumente, die auch der Lungenarzt und ehemalige Bundestagsabgeordnete der SPD, Wolfgang Wodarg, vertritt. Über seine Thesen haben wir hier ausführlich berichtet.

3.1 „Pseudo-Pandemie“ durch falsche Testergebnisse?

„Pseudo-Epidemien passieren ständig“, behauptet der Youtuber. Als Beispiel nennt er eine Keuchhusten-Epidemie aus dem Jahr 2006 in Dartmouth, USA. Das RKI definiert eine Pseudo-Epidemie so: „Stärkere Erfassung von Erkrankungsfällen im Vergleich zu vorherigen Perioden ohne Ablauf eines epidemischen Prozesses (z. B. durch eine erhöhte diagnostische Aktivität oder das häufigere Manifestwerden von Infektionen durch Resistenzminderung in der Populationen, sodass eine Epidemie vorgetäuscht wird).“

Auf Nachfrage bestätigte die WHO gegenüber CORRECTIV, dass die aktuelle Pandemie keine Pseudo-Pandemie sei. Das lasse sich in einem Zeitstrahl nachvollziehen. 

Falsch-positive Tests in der Praxis laut Experten so gut wie ausgeschlossen

Wie CORRECTIV bereits für einen Faktencheck recherchiert hat, sind PCR-Tests auf SARS-CoV-2 sehr genau. Sie erkennen das Erbgut des Virus zuverlässig und haben eine hohe Spezifität. Spezifität bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test ein negative Probe korrekt als negativ erkennt. Fehler könnten hier zu falsch-positiven Ergebnissen führen. 

Der Youtuber bezieht sich in seinem Video auf ein mathematisches Problem, das tatsächlich existiert: Kommt das Virus in der Bevölkerung nur noch selten vor (niedrige Durchseuchung), sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test ein korrektes Ergebnis liefert. Auch geringe Fehlerquoten fallen dann unter Umständen stärker ins Gewicht. 

Dabei handelt es sich jedoch um eine rein theoretische Annahme. In der Praxis sind falsch-positive Testergebnisse laut Experten sehr selten. Denn positive Testergebnisse werden in Deutschland in vielen Laboren nicht nur einmal, sondern mehrfach geprüft. CORRECTIV hat dazu einen ausführlichen Hintergrundbericht veröffentlicht. 

Während diese Tabelle eingeblendet wird, spekuliert der Youtuber über die Durchseuchung und PCR-Tests.
Während diese Tabelle eingeblendet wird, spekuliert der Youtuber über die Durchseuchung und PCR-Tests. (Screenshot: CORRECTIV)

3.2 Reagiert der PCR-Test positiv auf Papayas und Ziegen?

Zusätzlich stellt der Youtuber auch die Behauptung auf, dass in Tansania eine Papaya und eine Ziege positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Hierzu zeigt er im Video eine Ansprache von Tansanias Präsident John Magufuli, der genau das behauptet. Es gibt jedoch nach unseren Recherchen viele Gründe für Zweifel an dieser Aussage, und keine Belege. 

Unter anderem wurde der Corona-PCR-Test nur für den Gebrauch am Menschen entwickelt, nicht für den Gebrauch an Papayas. Er reagiert auf ganz bestimmte Sequenzen des Virus-Erbguts und hat – wie erwähnt – eine hohe Spezifität.   

Eine Papaya hat Corona? Das hat Tansanias Präsident John Magufuli behauptet.
Eine Papaya hat Corona? Das hat Tansanias Präsident John Magufuli behauptet. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Die Aussage, dass die PCR-Tests eine Epidemie messen, die es gar nicht gibt, ist größtenteils falsch. 

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Behauptung 4: Die Maßnahmen gegen Covid-19 haben wenig bis keinen Effekt

Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt und Suizid – die Maßnahmen gegen das Virus würden mehr Schaden anrichten, als Virus es je könnte, wird in dem Video behauptet. Mit diesem Eindruck soll gegen Kontaktverbote, Maskenpflicht, Schulschließungen und Grenzschließungen Stimmung gemacht werden. 

Zuerst heißt es im Video-Abschnitt „Maßnahmen“, die WHO habe bereits im Jahr 2019 Schutzmaßnahmen wie Social Distancing, Schutzmasken und Schulschließungen untersucht. Sie soll damals, wie auch das European Center for Disease Control (ECDC), zu dem Ergebnis gekommen sein, dass diese wenig bis keinen Effekt haben.

4.1 Hat die WHO ihre Meinung über Schutzmasken, Schulschließungen und Social Distancing geändert? 

Die Studie der WHO von 2019 existiert, darin wird der damalige Forschungsstand in Bezug auf „nicht-pharmazeutische Maßnahmen“ während einer „epidemischen und pandemischen Influenza“ untersucht. Wir haben uns die Aussagen in der Studie zu Social Distancing, Maskenpflicht und Schulschließungen angesehen.

Zeigt die Studie, dass Social Distancing wenig bis keinen Effekt hat?

Laut der Studie der WHO waren bis zum damaligen Zeitpunkt nur begrenzt Daten verfügbar, inwiefern Abstandsregeln wirksam seien (Seite 43). Sie kommt zu keinem eindeutigen Ergebnis. Es gebe Hinweise darauf, dass Kontaktverfolgung, Quarantäne, Isolation und antivirale Medikamente in Kombination die Erkrankungsrate senken könnten. Andere Forscher hätten jedoch herausgefunden, dass es wegen prä- oder asymptomatischer Übertragung des Virus dennoch schwierig wäre, eine Influenzapandemie unter Kontrolle zu halten.

Zeigt die Studie, dass Schutzmasken wenig bis keinen Effekt haben?

Die WHO schrieb tatsächlich 2019 zur Maskenpflicht (Seite 6): „Es gibt eine Reihe hochwertiger randomisierter kontrollierter Studien, die zeigen, dass persönliche Maßnahmen (z. B. Händehygiene und Gesichtsmasken) bestenfalls einen geringen Einfluss auf die Übertragung haben, mit der Einschränkung, dass eine höhere Befolgung bei einer schweren Pandemie die Wirksamkeit verbessern könnte.“

Zeigt die Studie, dass Schulschließungen wenig bis keinen Effekt haben?

Entgegen der Behauptung im Video hat die WHO 2019 nicht angegeben, dass Schulschließungen keinen Effekt hätten (Seite 6). Im Gegenteil steht in der Studie: „Schulschließungen können die Übertragung verringern, müssten jedoch sorgfältig geplant werden, um die Minderungsziele zu erreichen, während möglicherweise ethische Fragen zu berücksichtigen sind.“

Tatsächlich ist der einzige Punkt, bei dem die WHO ihre Haltung geändert hat, das Tragen von Alltagsmasken – nachdem es anfänglich eher nicht befürwortet wurde, wird es jetzt ausdrücklich empfohlen, wenn Abstand nicht eingehalten werden kann. Auch das EDCD rät inzwischen dazu. 

4.2 Keine Rechtfertigung der Maßnahmen? 

Mit einer Reihe von Beispielen, die aufzeigen sollen, wie sehr Menschen unter der Corona-Krise leiden, versucht der Youtuber, die Nachteile der Maßnahmen in den Vordergrund zu stellen. Seine Meinung: „Es gab zu keinem Zeitpunkt eine Rechtfertigung für Maßnahmen, die in die elementarsten Grundrechte von gesunden Menschen eingreifen.“ Eine solche subjektive Einschätzung ist nicht überprüfbar. 

Doch bei der Behauptung, die Maßnahmen hätten keinen Effekt, geht er von mehreren falschen und unbelegten Annahmen aus. 

Youtuber: „Die Maskenpflicht hat keine Auswirkung auf die Ausbreitung des Virus“

Zum einen behauptet der Youtuber, die Maskenpflicht habe keine Auswirkung auf die Ausbreitung des Virus gehabt. Dies soll mit einem Diagramm belegt werden, das die täglich gemeldeten Infektionsfälle zeigt. Am Tag nach der Einführung der Maskenpflicht (29. April) sinkt die Kurve ab – und fällt danach weiter. Das würde angeblich zeigen, dass die Maßnahmen keine Wirkung hätten, behauptet der Youtuber. Doch einen Beweis dafür liefert er nicht.

Der rote Pfeil im Diagramm zeigt auf den Tag an dem die Corona-Maßnahmen in Kraft traten. Das Diagramm soll beweisen, dass die Maßnahmen keine Auswirkungen gehabt hätten. Doch das tut es jedoch nicht.
Der rote Pfeil im Diagramm zeigt auf den Tag an dem die Corona-Maßnahmen in Kraft traten. Das Diagramm soll beweisen, dass die Maßnahmen keine Auswirkungen gehabt hätten. Das tut es jedoch nicht. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Laut einer im Juni veröffentlichten Studie sollen einfache Mund-Nasen-Masken durchaus eine Schutzwirkung gegen die Covid-19-Ausbreitung haben (CORRECTIV berichtete). Einige deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben dafür die Entwicklung der Infektionszahlen in Jena mit denen ähnlicher Städte verglichen. „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Einführung der Maskenpflicht in den jeweiligen Kreisen zu einer Verlangsamung der Ausbreitung von Covid-19 beigetragen hat“, hieß es in einer Pressemitteilung

Was war die „Rechtfertigung“ für die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus? 

Bund und Länder erklärten in ihrem Beschluss zu den Maßnahmen vom 15. April zur Maskenpflicht: „Sie schützen insbesondere die Umstehenden vor dem Auswurf von festen oder flüssigen Partikeln durch den (möglicherweise asymptomatischen, aber infektiösen) Träger der Masken. Insofern wird den Bürgerinnen und Bürgern die Nutzung entsprechender Alltagsmasken insbesondere im öffentlichen Personennahverkehr und beim Einkauf im Einzelhandel dringend empfohlen.“

Auch das RKI empfiehlt Masken unter anderem mit der Begründung, dass sie die Übertragung infektiöser Partikel mindern könnten: „Diese Empfehlung beruht auf einer Neubewertung aufgrund der zunehmenden Evidenz, dass ein hoher Anteil von Übertragungen unbemerkt erfolgt.“

Die Ansicht des Youtubers, dass die negativen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen (Stress, Arbeitslosigkeit, Kontaktbeschränkungen) schwerer wiegen würden als die positiven Effekte, ist eine Meinung, die nicht mit Fakten belegbar ist. 

Der Deutsche Ethikrat befürwortete laut einer ad-hoc-Empfehlung am 27. März die „aktuell zur Eindämmung der Infektionen ergriffenen Maßnahmen, auch wenn sie allen Menschen in diesem Land große Opfer abverlangen“. Allerdings stellt der Rat dafür eine Bedingung: „Freiheitsbeschränkungen müssen jedoch kontinuierlich mit Blick auf die vielfältigen sozialen und ökonomischen Folgelasten geprüft und möglichst bald schrittweise gelockert werden.“

4.3 Youtuber: Angeblich hat sich die Regierung nicht an „Zielvorgaben“ gehalten – doch solche gab es nie

Mit dem Beschluss bezüglich der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland haben Bund und Länder am 15. April zahlreiche Maßnahmen umgesetzt. Darin hieß es: „Rechtzeitig vor dem 4. Mai werden die Bundeskanzlerin und die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder die Entwicklung des Infektionsgeschehens sowie die wirtschaftliche und soziale Lage in Deutschland gemeinsam erneut bewerten und im Lichte der Ergebnisse weitere Maßnahmen beschließen.“

Der Youtuber behauptet, die Regierung habe sich nicht an die „Zielvorgaben zur Beendigung der Maßnahmen“ gehalten. Das ist falsch. In ihrem Maßnahmen-Beschluss vom 15. April haben Bund und Länder erklärt, dass die im Beschluss beschriebenen Schritte zunächst bis zum 3. Mai gelten sollten. Gemeinsam wurden danach weitere Maßnahmen beschlossen.

4.4 Anwältin in Psychiatrie eingeliefert wegen Kritik an Maßnahmen?

Als Beispiel für die seiner Ansicht nach elementare Einschränkung der Grundrechte nennt der Student die Rechtsanwältin Beate Bahner. Er behauptet: Sie sei in die Psychiatrie gesteckt worden, weil sie gegen die Corona-Rechtsverordnungen vorging. 

Tatsächlich wird auch gegen Bahner ermittelt – weil sie auf ihrer Webseite vor Ostern öffentlich zu Demonstrationen und damit zum Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen aufgerufen hatte. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft hatte ihre kurzzeitige Einweisung in eine Psychiatrie damit aber nichts zu tun. Vielmehr hielten die Beamten es wegen ihres Verhaltens „für erforderlich, medizinische Hilfe einzuholen“, hieß es in einer Polizeimeldung.

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Gesamtfazit

In seinem Video will der Student Sebastian Götz auf Youtube davon überzeugen, dass die Maßnahmen der Regierung zum Schutz vor Covid-19 nicht gerechtfertigt waren. Belege für diese Behauptung liefert er jedoch nicht. Stattdessen interpretiert er Grafiken und Statistiken teils falsch oder ohne den nötigen Kontext. 

Zum einen argumentiert er, dass das Coronavirus nicht so gefährlich sei, sondern eher vergleichbar mit Influenza. Diese Vergleiche führen aber in die Irre. Das Fachmagazin The Lancet hat hier in einer Studie die beiden Infektionskrankheiten verglichen.

Das Video wurde zwar in Verbindung mit einer siebenseitigen Quellenliste veröffentlicht, doch diese enthält neben Primärquellen wie Berichten des RKI auch zahlreiche Youtube-Videos oder Medienberichte. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Zudem zitiert Götz mehrere Mediziner, die ihrerseits in den vergangenen Wochen unbelegte Behauptungen über Covid-19 aufgestellt haben. Wir haben diese bereits in mehreren Faktenchecks überprüft. Dazu zählen unter anderem Wolfgang Wodarg, der in mehreren Videos behauptete, dass die Coronavirus-Pandemie Panikmache sei (zum Faktencheck). Darüber, welche Behauptungen der Internist Claus Köhnlein verbreitet, haben wir im Text „Die Stunde der fragwürdigen Youtube-Doktoren“ ausführlich berichtet.

Die zweite Haupt-Argumentationslinie des Youtubers ist, dass die Maßnahmen der Regierung nicht gerechtfertigt oder wirkungslos waren. Hier ist das Video stark von Meinungen geprägt. Es kann nicht beziffert werden, welche der Maßnahmen gegen das Coronavirus welchen Effekt hatte. Denn oft traten mehrere Maßnahmen zeitgleich in Kraft. Es gibt aber erste Studien dazu, dass zum Beispiel die Maskenpflicht einen Effekt auf die Ausbreitung des Coronavirus hat. Und: Es gibt bisher auch keine Belege für Götz Andeutungen, dass die Maßnahmen wirkungslos waren. 

Update, 10. September 2020: Wir haben den Absatz zur Kritik an der Berichterstattung während der Corona-Pandemie umformuliert. In einer älteren Version des Textes wurden die Studien von Michael Haller und Klaus Meier mit der wissenschaftlichen Inhaltsanalyse von Thorsten Quandt verglichen. Das ist jedoch nicht möglich, da sich die Methodik der Studien stark unterscheidet. Zudem haben wir ein Zitat zur Einordnung von Professor Klaus Meier ergänzt.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Im Video werden mehrere irreführende oder falsche Behauptungen aufgestellt und relevanter Kontext weggelassen.

94 Prozent der Corona-Toten in den USA hatten mindestens eine Vorerkrankung.
94 Prozent der Corona-Toten in den USA hatten mindestens eine Vorerkrankung. (Symbolbild: Unsplash/ SJ Objio)

von Uschi Jonas

In Sozialen Netzwerken verbreitet sich die Behauptung, nur sechs Prozent der Corona-Toten in den USA seien an Covid-19 gestorben. Das ist falsch. Die Prozentzahl bezieht sich lediglich auf die Anzahl derjenigen, die ohne weitere Vorerkrankung verstorben sind.

94 Prozent der Corona-Toten seien nicht an Covid-19 gestorben diese Behauptung verbreitet sich seit Anfang September in Sozialen Netzwerken, zum Beispiel hier oder hier auf Facebook oder auf der Webseite Alles Schall und Rauch. Auch auf dem Facebook-Account der AfD-Bundestagsfraktion wurde die Behauptung veröffentlicht. Angeblich würde ein Bericht der Centers for Disease Control (CDC), einer Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums, die Behauptung stützen. 

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Behauptung ist falsch. Der Bericht zeigt lediglich, dass 94 Prozent der im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen in den USA auch mindestens eine Vorerkrankung hatten.

 

Konkret wird in dem Artikel auf Alles Schall und Rauch behauptet: „Von den rund 165’000 ‘COVID-Todesfällen’ in den USA starben weniger als zehntausend an COVID, steht dort [im CDC-Bericht]. Also nur 6 Prozent. Der Rest die überwiegende Mehrheit hatte im Durchschnitt 2,6 schwere zusätzliche Erkrankungen, wobei in den meisten Fällen ein extrem hohes Alter hinzukam.“ Der Autor verweist dazu auf den wöchentlich erscheinenden Lagebericht des CDC zu den „Vorläufige[n] Sterbefällen für die Coronavirus-Krankheit 2019 (Covid-19)“ vom 2. September. 

Bei sechs Prozent der Todesfälle in den USA ist Covid-19 als einzige Ursache angeführt

Darin ist unter dem Punkt „Komorbiditäten“, fast wortgleich zu finden, worauf sich der Artikel bezieht: „Bei sechs Prozent der Todesfälle war Covid-19 die einzige erwähnte Ursache. Bei Todesfällen, bei denen zusätzlich zu Covid-19 noch weitere Erkrankungen oder Ursachen genannt wurden, gab es im Durchschnitt 2,6 zusätzliche Erkrankungen oder Ursachen pro Todesfall”. 

Das bedeutet jedoch nicht, dass nur sechs Prozent der Patienten an Covid-19 gestorben sind. Unter Komorbiditäten sind in der Medizin Erkrankungen zu verstehen, die bei Patienten zusätzlich zu einer Grunderkrankung auftreten. 

Vorerkrankungen erhöhen das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung

Laut CDC sind Menschen mit Vorerkrankungen wie beispielsweise Krebs und Typ-2-Diabetes einem höheren Sterberisiko ausgesetzt als andere, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren. 

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Webseite (Punkt 15), dass schwere Verläufe auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung auftreten können und auch bei jüngeren Patienten beobachtet würden. Aber einige Vorerkrankungen erhöhen laut RKI das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung. Darunter fallen beispielsweise Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, chronische Lungenerkrankungen, chronische Nieren- und Lebererkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen und Patienten mit geschwächtem Immunsystem.

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Immer wieder kursieren seit Beginn der Corona-Pandemie Behauptungen, dass nur ein geringer Teil der Corona-Toten tatsächlich an Covid-19 gestorben sei. Dass diese Behauptungen falsch sind, recherchierten wir beispielsweise in einem Faktencheck im Mai über Todesfälle in Italien.

Der Bundesverband Deutscher Pathologen, die Deutsche Gesellschaft für Pathologie und die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie haben Ende August eine Auswertung von 154 klinischen Obduktionen an 68 pathologischen Instituten veröffentlicht. Demnach sei bei 86 Prozent der untersuchten Patienten in Deutschland Covid-19 die wesentliche oder alleinige Todesursache. 

In 92 Prozent der Fälle ist Covid-19 als Ursache auf dem Totenschein gelistet

Und wie ist die Situation in den den USA? Den aktuellen Angaben des CDC ist zu entnehmen, dass die Corona-Todesfälle anhand von Angaben auf Totenscheinen registriert werden. In 92 Prozent der Fälle ist Covid-19 als Todesursache oder wahrscheinliche Todesursache auf dem Totenschein eingetragen worden. 

Das CDC erläutert auf seiner Webseite, dass die Sterblichkeitsstatistik in Anlehnung an die Vorschriften der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt werde. Todesfälle durch Coronavirus-Krankheit würden anhand des ICD-10-Codes U07.1 identifiziert. ICD-10 ist die internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) Im Februar legte die WHO den Code U07.1 explizit für Covid-19 fest. 

Die Todesfälle würden dann mit diesem Code versehen, wenn Covid-19 als Ursache, die zum Tod beigetragen habe, auf dem Totenschein angegeben werde, schreibt das CDC. Diese können sowohl Fälle mit Laborbestätigung als auch Fälle ohne Laborbestätigung umfassen. Wenn der Zertifizierende Covid-19 vermutet oder für wahrscheinlich hält (zum Beispiel wenn die Umstände mit hinreichender Sicherheit zwingend waren), kann er Covid-19 als „wahrscheinlich“ oder „vermutet“ auf der Sterbeurkunde angeben.

Ein Pressesprecher des National Center for Health Statistics (NCHS), das Teil des CDC ist, schrieb CORRECTIV per E-Mail: „Auf Sterbeurkunden können eine oder mehrere Ursachen oder Bedingungen aufgeführt sein, die auf der Grundlage des medizinischen Fachwissens des betreffenden Fachmanns bestimmt werden. Die zugrunde liegende Todesursache ist der Zustand, mit dem die Kette von Ereignissen begann, die schließlich zum Tod der Person führte.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des NCHS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des NCHS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

In durchschnittlich 92 Prozent der Fälle sei demnach Covid-19 als zugrunde liegende Ursache auf dem Totenschein aufgeführt, schreibt der Sprecher des NCHS. Auch in einer tabellarischen Übersicht auf der Webseite des CDC ist diese Angabe zu finden. Im dortigen Text ist die Rede von 94 Prozent, der NCHS-Sprecher erklärte jedoch, dass 92 Prozent die richtige Kennziffer sei. 

Die Tabelle des CDC zeigt den Anteil der Todesfälle, bei denen Covid-19 als Todesursache aufgeführt wird. (Quelle: CDC, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Die Tabelle des CDC zeigt den Anteil der Todesfälle, bei denen Covid-19 als Todesursache aufgeführt wird. (Quelle: CDC, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Fazit: Laut den Statistiken des CDC sind es folglich lediglich sechs Prozent der Corona-Toten, bei denen neben Covid-19 keinerlei sonstigen Vorerkrankungen festgestellt wurden. Das lässt jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, wie viele Patienten an und nicht nur mit Covid-19 verstorben sind. Der Anteil derjenigen, die tatsächlich aufgrund einer Covid-19-Erkrankung verstorben sind, liegt momentan in den USA bei durchschnittlich 92 Prozent.

Unsere Bewertung:
Falsch. In den USA sind nicht nur sechs Prozent der Corona-Toten in Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Symbolbild PCR-Test Abstrich
Immer wieder wird versucht, PCR-Tests als unbrauchbar darzustellen. Nun wird fälschlich behauptet, er weise keine Infektion mit dem Coronavirus nach. (Symbolfoto: Aurelien Morissard / picture alliance / Xinhua News Agency)

von Alice Echtermann

In Sozialen Netzwerken und Blogs wird ein Satz aus einem Merkblatt des Bundesamts für Gesundheit in der Schweiz verbreitet. Angeblich belege dieser, dass PCR-Tests keine Infektion mit SARS-CoV-2 nachweisen können. Die Aussage wurde jedoch falsch interpretiert.

„Der Nachweis der Nukleinsäure gibt jedoch keinen Rückschluss auf das Vorhandensein eines infektiösen Erregers“ – dieser Satz aus einem Merkblatt zu Covid-19-Tests aus der Schweiz wird aktuell tausendfach in Sozialen Netzwerken und Blogs verbreitet. Das Dokument stammt vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der Arzneimittelbehörde Swissmedic in der Schweiz. 

Am 17. August behauptet ein Nutzer dazu auf Facebook: „PCR-Tests weisen keine Infektionen nach.“ Das habe das schweizerische BAG offiziell bestätigt. Somit weise der PCR-Test „allenfalls ein Fragment eines Virus“ nach und stelle keinen Beleg dar, ob ein infektiöser Erreger vorhanden oder die Person ansteckend sei. Der Beitrag wurde bereits mehr als 3.000 Mal geteilt.

Ein anderer Facebook-Beitrag vom 27. August, der mehr als 1.500 Mal geteilt wurde, zieht aus dem Satz in dem Merkblatt die Schlussfolgerung: „Der PCR-Test taugt nichts!“ Und auch die Webseite „Corona-Transition“ und die Organisation „Anwälte für Aufklärung“ zitieren aus dem Merkblatt, um zu argumentieren, die PCR-Tests seien nicht aussagekräftig.  

Nach Recherchen von CORRECTIV sind diese Beiträge irreführend. Die Behauptung, es könne „keine Infektion“ nachgewiesen werden, ist falsch: PCR-Tests weisen Infektionen zuverlässig nach. Das BAG hat nichts Gegenteiliges bestätigt. Richtig ist aber: Ein positiver PCR-Test muss nicht bedeuten, dass ein Mensch noch ansteckend ist. 

Facebook-Beitrag über PCR-Tests
Screenshot des Facebook-Beitrags vom 17. August. Der Nutzer zeigt ein echtes Dokument des Bundesamts für Gesundheit in der Schweiz – interpretiert den von ihm rot markierten Satz aber falsch. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV).

PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Mit diesem Verfahren werden im Labor ganz bestimmte Sequenzen des Erbguts (DNA oder RNA) vervielfältigt, um sie nachweisen zu können. Aktuell wird dieses Testverfahren genutzt, um nachzuweisen, ob Erbgut von SARS-CoV-2 im Menschen vorhanden ist. Dafür werden mit einem Abstrich Proben aus den oberen Atemwegen (meist durch die Nase im Rachen) entnommen und untersucht. 

BAG hat Merkblatt aktualisiert, um Missverständnisse zu verhindern

Auf diesen PCR-Test bezog sich also der Satz in dem „Merkblatt zur aktuellen Covid-19 Testung in der Schweiz“. Das Dokument ist immer noch auf der Webseite des BAG zu finden (Download als PDF). Allerdings wurde es am 1. September aktualisiert. 

In der alten Version des Merkblatts stand: „Der Nachweis der Nukleinsäure gibt jedoch keinen Rückschluss auf das Vorhandensein eines infektiösen Erregers. Dies kann nur mittels eines Virusnachweises und einer Vermehrung in der Zellkultur erfolgen.“ Das ursprüngliche Dokument kann noch archiviert im Google Cache gelesen werden.

In der neuen Version (PDF, Seite 2) steht in dem Absatz über PCR-Tests nun stattdessen: „Mit dieser sehr empfindlichen Methode wird in Patientenproben spezifisch die Nukleinsäure eines Erregers nachgewiesen, was eine Infektion mit dem Erreger belegt.“ Das BAG betont nun also, dass der PCR-Test eine Infektion belege. 

Merkblatt zu Covid-19 Tests Schweiz
Der Absatz über PCR-Tests wurde in der Version des Merkblatts vom 1. September 2020 verändert. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Auf Anfrage von CORRECTIV erklärte ein Sprecher von Swissmedic, Lukas Jaggi, per E-Mail, warum der Satz angepasst wurde: Er sei „aus dem Zusammenhang gerissen, vor allem in Sozialen Medien missbräuchlich als ,Beleg für die Unwirksamkeit’ dieser Testmethode zur Erkennung von SARS-CoV-2“ verwendet worden. 

Jaggi betont: „PCR-Tests können Nukleinsäure des neuen Coronavirus und damit eine Infektion mit dem Virus empfindlich nachweisen und zeigen, dass ein infektiöses Virus auf den Patienten übertragen worden ist.“ 

E-Mail Swissmedic zu PCR-Tests
Auszug aus der E-Mail des Sprechers von Swissmedic an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

PCR-Tests weisen Infektionen nach

Eine Infektion ist laut Definition im Infektionsschutzgesetz die „Aufnahme eines Krankheitserregers und seine nachfolgende Entwicklung oder Vermehrung im menschlichen Organismus“. Eine Infektion ist demnach nicht gleichzusetzen mit einer Infektionskrankheit, kann aber dazu führen. Das heißt: Ist das Virus in den Proben der Atemwege nachweisbar, ist der Mensch infiziert. Er muss sich dabei aber nicht automatisch krank fühlen. 

Auch das deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Webseite, dass PCR-Tests dem „Erregernachweis“ beziehungsweise dem Nachweis einer Infektion mit SARS-CoV-2 dienten.

Potenziell ansteckend sind laut RKI auch Infizierte, die nie Symptome entwickeln (asymptomatische Fälle) – auch wenn diese Fälle mutmaßlich nicht die wichtigste Rolle bei der Ausbreitung des Coronavirus spielten. 

PCR-Tests weisen nicht nach, ob eine infizierte Person ansteckend ist 

Der Hinweis in der mittlerweile veralteten Version des BAG-Merkblatts wurde also irreführend interpretiert. Der Satz an sich war aber korrekt. PCR-Tests ermöglichen „keine zuverlässige Aussage, in welchem Umfang der Patient zum Zeitpunkt des Tests ansteckend (also infektiös) ist“, erklärt Lukas Jaggi von Swissmedic in seiner E-Mail an CORRECTIV.

Infektiosität beschreibt die Fähigkeit des Erregers, auf andere Menschen überzuspringen und sie zu infizieren (PDF, Seite 75). 

Laut Jaggi gehe man in der Praxis davon aus, „dass eine Person mit positivem PCR-Resultat die meiste Zeit während der Infektion ansteckend ist“. Im Verlauf der Krankheit werde die Vermehrungsfähigkeit des Virus im Körper aber gebremst; es seien also immer weniger intakte (infektiöse) Viren vorhanden. Da der PCR-Test sehr empfindlich sei, könne er auch noch auf diese „Restfragmente“ der Viren reagieren. 

So steht es auch auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts. Demnach fällt der PCR-Test vor allem während der infektiösen Phase positiv aus, aber auch noch kurze Zeit danach.

Infektiosität kann mit zusätzlichen Tests nachgewiesen werden

Mit weiteren Tests, zum Beispiel in einer Zellkultur, könne die Infektiosität der vorhandenen Viren geprüft werden, schreibt Swissmedic-Sprecher Jaggi. Für die Diagnose einer Infektion mit SARS-CoV-2 sei ein PCR-Test in der Regel aber ausreichend. „Die zusätzlichen Methoden machen mehr Sinn, um beispielsweise bei einem Patienten mit eingeschränkter Immunantwort feststellen zu können, ob eine Therapie erfolgreich die Vermehrung des Virus im Körper hemmt.“

Auch die Sprecherin des RKI, Susanne Glasmacher, schrieb uns per E-Mail, die Infektiosität könne mit einer Virusanzucht in Zellkulturen bewertet werden. Die Infektiosität werde aber nicht standardmäßig überprüft. Jeder labordiagnostische Nachweis von SARS-CoV-2 werde gezählt.  

Auf der Webseite des RKI gibt es zu diesem Thema ausführliche Erklärungen – die Informationen wurden also nicht exklusiv in der Schweiz veröffentlicht. 

Fazit: Die Schlussfolgerungen, die aus dem Merkblatt des Schweizerischen BAG gezogen wurden, sind irreführend. PCR-Tests weisen Infektionen nach. Sie weisen nicht nach, ob das Virus infektiös ist – aber laut RKI kommen positive PCR-Testergebnisse vor allem während der infektiösen Phase vor. Also während der Zeit, in der ein Mensch ansteckend ist. Auch das BAG bestätigt, dass in der Regel ein PCR-Test für die Diagnose ausreiche. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. PCR-Tests weisen Infektionen nach. Sie zeigen allerdings nicht, ob eine infizierte Person noch ansteckend ist. 

Demo
Am 29. August fand in Berlin-Tiergarten eine Demonstration und Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung statt. (Credit: Uschi Jonas / CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook wird behauptet, eine schwangere Frau sei von Polizeibeamten „niedergeknüppelt“ worden. Daraufhin sei sie ins Krankenhaus eingeliefert worden, in dem das Kind verstorben sei. Diese Aussagen sind falsch. Für den Tod des Kindes gibt es zudem keine Belege.

Eine schwangere Frau sei am Samstag, 29. August, „von der Schlägertruppe“ niedergeknüppelt worden und ihr Kind sei später verstorben, wird in einem Facebook-Beitrag behauptet. Dazu wurde ein virales Video veröffentlicht, in dem zu sehen ist, wie Polizisten eine Frau zu Boden drücken (zum Beispiel hier). Dazu zeigt der Beitrag den Ausschnitt eines Messenger-Chats mit der Aussage: „Schwangere Frau wird von der Polizei […] Sie wurde später ins KH [Krankenhaus] eingeliefert. Das Kind ist gestorben.“

Der Beitrag wurde am 30. August auf Facebook veröffentlicht und bisher mehr als 500 Mal geteilt. Er bezieht sich auf die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung in Berlin.

Eine Schwangere wurde angeblich von der Polizei „niedergeknüppelt“ und das Kind sei daraufhin verstorben, heißt es auf Facebook. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Es gibt keine Belege dafür, dass das ungeborene Kind gestorben ist. Tatsächlich wurde eine schwangere Frau bei einem Polizeieinsatz im Berliner Tiergarten am Sonntag, 30. August auf den Boden gedrückt, nicht am Samstag. Sie wurde auch nicht „niedergeknüppelt“ und nicht ins Krankenhaus eingeliefert. 

Videos und Fotos von diesem Polizeieinsatz in Berlin-Tiergarten kursieren im Netz. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

Polizei unterlief bei der Pressemitteilung zum Einsatz zunächst ein Fehler beim Datum

Die Berliner Polizei nahm zu dem viralen Video auf Twitter und auch auf Facebook Stellung. Sie verwies dabei auch auf eine Mitteilung auf ihrer Webseite. Dort schrieb die Polizei zunächst, der Einsatz hätte am Samstag (29. August) stattgefunden (Archiv). So könnte das falsche Datum im Facebook-Beitrag zustande gekommen sein.

Mittlerweile hat die Polizei die Mitteilung aber korrigiert, und spricht von Sonntag. Ein Polizeisprecher bestätigte uns telefonisch, dass die erste Version fehlerhaft war.

Zu dem Einsatz mit der schwangeren Frau schrieb die Polizei in der aktuellen Pressemitteilung, das Video zeige die Festnahme einer schwangeren Frau im Bereich des Großen Sterns in Tiergarten am Sonntag, 30. August. Auf Facebook teilte die Polizei mit, die Frau habe einen Platzverweis erhalten und daraufhin einem Polizisten gegen das Visier seines Helms geschlagen.

Polizei: „Einen Transport ins Krankenhaus lehnte die Schwangere ab“

In der Mitteilung auf der Webseite der Polizei steht, Einsatzkräfte hätten angegeben, dass die 42-jährige Frau gegen 13:45 Uhr versucht habe, eine Absperrung zu durchbrechen. Sie habe zudem einen Beamten geschlagen und angespuckt. „Einsatzkräfte brachten die Frau zu Boden und nahmen sie fest“, schrieb die Polizei weiter. „Sanitäter eines Rettungswagens stellten keine Verletzungen fest. Einen Transport in ein Krankenhaus lehnte die Schwangere ab.“ 

Gegen sie werde nun wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung ermittelt. Anders als in den Sozialen Netzwerken behauptet werde, gebe es „keine Anhaltspunkte für eine Gesundheitsbeeinträchtigung der Mutter und des ungeborenen Kindes“.

Feuerwehr bestätigt: Ein Rettungswagen für eine Schwangere wurde zwischen 13 und 14 Uhr nach Berlin-Tiergarten gerufen

Auf unsere Anfrage teilte die Berliner Feuerwehr, die die Einsätze von Rettungswagen in Berlin koordiniert, mit, dass an dem Sonntag zwischen 13 und 14 Uhr fünf Alarme für den Großen Stern in Berlin-Tiergarten in der Rettungsstelle eingegangen seien. „Des Weiteren wurde ein Einsatz angelegt, bei dem es sich um eine schwangere Frau handeln sollte. Diese Person wurde nicht von der Berliner Feuerwehr transportiert“, schrieb uns ein Sprecher. 

Telefonisch teilte er uns mit, der Alarm sei um 13:56 Uhr eingegangen. Dabei ging es vermutlich um den besagten Polizeieinsatz. Ob die Frau verletzt wurde, und wenn ja, welche Verletzungen sie erlitt, teilte uns der Sprecher der Feuerwehr aus Datenschutzgründen nicht mit.

Laut der Berliner Feuerwehr wurde die schwangere Frau nicht ins Krankenhaus gebracht. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass das ungeborene Kind der Frau nach dem Polizeieinsatz verstorben ist.

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Es gibt keine Belege für ein angebliches Zitat von Karl Lauterbach (Quelle: Deutscher Bundestag / Achim Melde)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook wird behauptet, Karl Lauterbach habe gesagt, dass Kinder frühzeitig an das Tragen einer Maske gewöhnt werden müssten, da dies bald für immer gesetzlich verankert sein würde. Unsere Recherchen ergeben: Für dieses angebliche Zitat gibt es keine Belege.

Wir müssen Kinder frühzeitig an das Tragen einer Maske gewöhnen, denn in naher Zukunft wird das Tragen einer Maske gesetzlich für immer verankert sein“. Diese Aussage kursiert zusammen mit einem Foto des SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach auf Facebook (zum Beispiel hier und hier). Die Beiträge wurden insgesamt mehr als 380 Mal geteilt.

Dieses Bild mit einem angeblichen Zitat des SPD-Politikers Karl Lauterbach kursiert auf Facebook. Für das angebliche Zitat gibt es allerdings keine Belege. (Quelle: Facebook. Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Es gibt keine Belege dafür, dass Karl Lauterbach diese Aussage getroffen hat. Wir fanden das Zitat weder durch eine Google-Recherche noch in einer Suche in der Pressedatenbank Genios

Auf Anfrage per E-Mail schrieb uns ein Sprecher des Politikers: „Nein, das hat Herr Lauterbach nicht gesagt.“

Laut dem Sprecher von Karl Lauterbach hat dieser die Aussage nicht getroffen. (Screenshot: CORRECTIV)

 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege für das angebliche Zitat von Karl Lauterbach.

Ärzte bei einer Operation
In einem Facebook-Beitrag wird fälschlicherweise behauptet, dass Ärzte dafür bezahlt werden würden, wenn Sie Covid-19 im Totenschein eintragen. (Symbolbild: Pixabay/Sasin Tipchai)

von Sarah Thust

In Sozialen Netzwerken wird behauptet: Trägt ein Arzt Covid-19 als Todesursache im Totenschein ein, werde er dafür extra bezahlt. Diese Behauptung ist falsch. Unsere Recherchen haben ergeben, dass Ärzte in Deutschland dadurch keinen finanziellen Vorteil haben.

Angeblich würden Ärzte in Deutschland dafür bezahlt, wenn sie als Todesursache Covid-19 eintragen – diese Behauptung verbreitet sich auf Facebook, zum Beispiel hier am 20. August.  Der Beitrag wurde mehr als 15.500 Mal geteilt. Die Behauptung ist falsch. Ärzte haben keinen finanziellen Vorteil, wenn sie explizit Covid-19 als Todesursache eines Patienten oder einer Patientin eintragen.

Im Facebook-Beitrag wird die angebliche Geschichte eines Mannes beschrieben, der an Krebs gestorben sei. Doch der Arzt habe Covid-19 als Todesursache eingetragen. Auf Nachfrage habe der zuständige Arzt gesagt: „Ich diskutiere das nicht mit Ihnen, er ist an Covid-19 gestorben.“ Und weiter: „Das ganze ging zum Anwalt und dieser fand nun heraus, das [sic] deutsche Ärzte dafür bezahlt werden, wenn diese als Todesursache Covid-19 eintragen.“

Dieser Text verbreitet sich auf Facebook.
Dieser Text verbreitet sich auf Facebook. (Quelle: Facebook / Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

Die Vergütung der Leichenschau ist nicht an bestimmte Todesursachen gebunden

Die Behauptung ist falsch. Verstirbt ein Patient, muss ein Arzt eine ärztliche Leichenschau durchführen. Dabei beurteilt er anhand äußerer Zeichen, wann und woran die Person gestorben ist. Und er überprüft die Identität des Verstorbenen. Anders als bei einer Obduktion, die von Pathologen oder Rechtsmedizinern durchgeführt wird, wird die Leiche dabei nicht geöffnet.

Nach der ärztlichen Leichenschau stellt der Arzt den Tod des Verstorbenen fest und dokumentiert alle wichtigen Informationen wie die Todesursache und den Todeszeitpunkt im Totenschein. Doch bekommt der Arzt einen Zuschlag, wenn er Covid-19 dort einträgt?

Ein Pressesprecher der Bundesärztekammer teilte uns mit: „Die Vergütung der Leichenschau richtet sich nach der Gebührenordnung für Ärzte und ist selbstverständlich nicht an bestimmte Todesursachen gebunden.“ 

Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) regelt die Abrechnung privatärztlicher Leistungen außerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung. Am 7. Mai wurde die GÖA ergänzt: Im Rahmen der Covid-19-Pandemie können Privatärzte nun unter anderem „aufwändige Hygienemaßnahmen“ berechnen, jedoch nicht unbedingt bei der Leichenschau. Lediglich ein erhöhter (Zeit-)Aufwand bei besonderen Todesumständen ist demnach eventuell berechnungsfähig (Abschnitt 8). Genauer erläutert wird dies auch in einem Artikel der Medical Tribune, einem Verlag für medizinische Fachinformationen. Von einer zusätzlichen Vergütung für die Feststellung der Todesursache Covid-19 ist nicht die Rede.

Auch ein Sprecher des Bundesministeriums für Gesundheit schrieb uns: „Eine wie auch immer geartete ‘Prämie’ für die Diagnose bzw. die Todesfeststellung Covid-19 gibt es weder seitens des Bundes noch seitens der GKV [Gesetzlichen Krankenversicherung, Anm. d. Red.].“ 

Krankenhäuser rechnen Fallpauschalen für Diagnosen ab

In Krankenhäusern erfolge die Abrechnung von Behandlungen nach dem Fallpauschalensystem, schreibt das Bundesministerium für Gesundheit auf seiner Webseite. Die Todesursache spielt für die Berechnung aber keine Rolle. Denn: Wie viel Geld ein Krankenhaus für eine Leistung erhalte, werde „insbesondere durch die Diagnose, den Schweregrad der Krankheit sowie die erbrachten Leistungen des Arztes bestimmt“.

Für die Krankenhäuser bedeutet das: „Bei Patientinnen und Patienten mit leichten Erkrankungen sind die Vergütungen in der Regel geringer als bei schweren, aufwändig zu behandelnden Erkrankungen.“

Die Fallpauschale wird von jedem Krankenhaus nach einem Fallpauschalenkatalog abgerechnet. Jedem Patientenfall wird eine Diagnosen-Gruppe (Diagnosis Related Groups, kurz: DRG) zugeordnet, die wiederum die Höhe des Erlöses für das Krankenhaus bestimmt. Das sogenannte DRG-System wird von der Inek-GmbH (Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus) verwaltet. Jeder Diagnose-Gruppe ist in diesem System ein Code zugeordnet, mit dem sie verschlüsselt wird.

Selbst wenn die Diagnose Covid-19 festgestellt wird, werde dies momentan nicht zusätzlich vergütet, bestätigte Jörn Wegener, Pressereferent der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in Berlin gegenüber CORRECTIV. „Das Abrechnungssystem wird nur zum Wechsel des Kalenderjahres angepasst. Diagnostiziert ein Arzt also als Todesursache Covid-19, hat er dadurch keinerlei Vor- oder Nachteile.“

Dies schrieb uns auch eine Sprecherin der Inek-GmbH per E-Mail: „Im Jahr 2020 wirkt sich die Verschlüsselung der Covid-Erkrankung nicht auf die Vergütung in deutschen Krankenhäusern aus.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Deutsche Ärzte werden nicht extra dafür bezahlt, wenn sie Covid-19 als Todesursache eintragen.

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Im Netz kursiert das Gerücht, Hersteller von Impfstoffen gegen das Coronavirus könnten nicht rechtlich belangt werden, falls Nebenwirkungen auftreten. Das stimmt so nicht. (Symbolbild. Bildquelle: Unsplash/ L N)

von Kathrin Wesolowski

Im Netz kursiert die Behauptung, Hersteller von Impfstoffen gegen Covid-19 könnten bei potenziellen Nebenwirkungen nicht rechtlich belangt werden. Das stimmt nicht.

In einem Artikel der Webseite Cashkurs wird behauptet, Herstellern eines Impfstoffs gegen Covid-19 werde bei potenziellen künftig auftretenden Nebenwirkungen Haftungsfreistellung gewährt. Als Nachweis dafür wird auf einen Artikel der Nachrichtenagentur Reuters verwiesen. Demnach habe ein Vorstands-Repräsentant des Pharmakonzerns AstraZeneca bestätigt, dass der eigene Konzern justizrechtlich nicht belangt werden könne, falls es im Zuge einer Covid-19-Impfkampagne zu potenziellen Nebenwirkungen unter den geimpften Personen kommen sollte.

Der Artikel von Cashkurs wurde am 4. August veröffentlicht und laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 11.300 Mal geteilt. Ähnliche Behauptungen kursieren auch auf anderen Seiten, zum Beispiel hier und in Sozialen Netzwerken, zum Beispiel hier.

CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft. Sie sind größtenteils falsch. 

Titel und Teaser des Reuters-Artikels sind irreführend

AstraZeneca ist ein internationaler Pharmakonzern. Ruud Dobber, leitender Angestellter des Pharmakonzerns, hat laut dem Blog-Artikel zu Reuters gesagt: „In all unseren vertraglichen Vereinbarungen haben wir uns das Recht auf Immunität ausbedungen. Aus Sicht der meisten Länder ist es akzeptabel, wenn sie selbst dieses Risiko übernehmen, weil die Entwicklung eines Impfstoffs in deren nationalem Interesse ist. Es handelt sich um eine einzigartige Situation, in der wir als Unternehmen ein solches Risiko einfach nicht eingehen können vor allem dann nicht, wenn ein Impfstoff über Jahre Nebenwirkungen zur Folge haben sollte.“

Zudem hätten einige Nationen bereits „Spezialfonds aus der Taufe gehoben“, um potenziell Geschädigten eine „finanzielle Kompensation zukommen zu lassen“, heißt es im Blog-Artikel weiter. Die WHO unterstütze dieses Modell, dass die Steuerzahler die potenziell zu leistenden Entschädigungszahlungen auf sich nehmen müssten.

 

Das Zitat bezüglich der Immunität, wie es im Artikel von Cashkurs zu lesen ist, ist nicht im Reuters-Artikel zu finden. Im Text steht aber: „AstraZeneca wurde von den meisten Ländern, mit denen es Liefervereinbarungen getroffen hat, vor künftigen Produkthaftungsansprüchen im Zusammenhang mit seinem Covid-19-Impfstoff geschützt, sagte ein leitender Angestellter gegenüber Reuters“. 

Diese Aussagen wurden von Cashkurs teilweise falsch wiedergegeben – der Titel „AstraZeneca ist in den meisten Ländern von Haftungsansprüchen für Coronavirus-Impfstoffe befreit“ und der Teaser des Artikels von Reuters sind aber auch irreführend. Zum richtigen Verständnis: Im Artikel von Reuters wird erläutert, dass das Pharmaunternehmen in seinen Verträgen mit den Ländern eine finanzielle Risikoabsicherung fordert. Wenn also jemand aufgrund von Impfschäden gegen das Unternehmen klagen würde, hätte dieses durch die Verträge mit den Ländern eine Absicherung, dafür nicht allein finanziell aufkommen zu müssen.

EU-Kommission bestätigt: Impfstoffhersteller können weiterhin rechtlich belangt werden

Wir haben AstraZeneca am 19. August mit den Inhalten des Reuters-Artikels und den Vorwürfen des Blog-Beitrags konfrontiert, doch von Seiten des Pharmakonzerns erhielten wir bis zur Veröffentlichung unseres Faktenchecks keine Antwort. 

Auch die Europäische Kommission haben wir angefragt: Diese schließt laut Aussage einer Sprecherin Vorverträge mit den Impfstoffherstellern ab, die den Mitgliedstaaten das Recht vorbehalten, Impfstoffe zu kaufen, sobald sie verfügbar sind. Ein Vorvertrag ist ein Vertrag, der die Verpflichtung der Vertragsschließenden zur beiderseitigen Mitwirkung bei dem später zu schließenden Hauptvertrag begründet.

Die Vorverträge würden Entschädigungsklauseln vorsehen für den Fall, dass ein Hersteller zu Schadensersatzzahlungen verurteilt würde, erklärt die Sprecherin der Europäischen Kommission. Pharmaunternehmen könnten also weiterhin rechtlich belangt werden, so die Sprecherin. Wenn jemand gegen den Hersteller klagen würde, käme jedoch unter bestimmten Voraussetzungen nicht das Unternehmen selbst, sondern das Land des Geschädigten für eine mögliche finanzielle Entschädigung auf.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der Europäischen Kommission an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Grund dafür sei, dass die Impfstoffhersteller einen Impfstoff viel schneller produzieren müssten als unter normalen Umständen. „Wir sprechen hier von 12-18 Monaten statt von einem Jahrzehnt oder mehr. Um solch hohe Risiken, die die Hersteller eingehen, auszugleichen, sehen die Vorverträge vor, dass die Mitgliedstaaten den Hersteller unter bestimmten Voraussetzungen für eventuelle Verbindlichkeiten entschädigen.“ Mit Verbindlichkeiten sind hier beispielsweise Entschädigungszahlungen gemeint. 

Diese Entschädigungsklauseln seien auch nicht unbegrenzt, schrieb die Sprecherin weiter. „Insbesondere kann eine Entschädigung nicht erfolgen, wenn der Mangel auf rechtswidrige Handlungen des Herstellers zurückzuführen ist.“

Bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Covid-19 blieben dennoch alle Regeln der Produkthaftungsrichtlinie in Kraft. Das bedeutet: „Jeder Impfstoff, der auf den Markt gebracht wird, muss die notwendigen Sicherheitsanforderungen und die Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur als Teil des EU-Marktzulassungsverfahrens erfüllen“, schrieb die Sprecherin der Kommission CORRECTIV. Durch den kürzeren Zeitraum, in dem der Impfstoff entwickelt werden muss, bestehe aber die Möglichkeit, dass bestimmte seltene Nebenwirkungen nicht erkannt werden, da sie erst nach einer gewissen Zeit auftreten könnten.

WHO: Einige Länder haben Entschädigungsprogramme für mögliche gesundheitliche Schäden durch Impfungen 

In dem Blog-Artikel wird zudem behauptet, dass einige Länder bereits „Spezialfonds“ eingerichtet hätten, um den potenziell Geschädigten nach der Impfung gegen Covid-19 oder deren „verbliebenen Angehörigen finanzielle Kompensation zukommen zu lassen“. Die WHO unterstütze dieses Modell, in dem Steuerzahler die potenziell zu leistenden Entschädigungszahlungen auf sich nehmen würden. Als Beleg wird auf einen Link der WHO verwiesen. 

Doch diese Behauptung führt in die Irre. Hinter der Verlinkung auf die WHO findet sich ein Artikel, der im Bulletin of the World Health Organization erschienen ist und bereits im März 2011 veröffentlicht wurde also viele Jahre bevor SARS-CoV-2 entdeckt wurde. Das Bulletin ist eine Zeitschrift der WHO zum Thema öffentliche Gesundheit, die seit 1948 veröffentlicht wird. 

In der Einleitung des Artikels heißt es, die WHO schätze, dass allein im Jahr 2008 mehr als zweieinhalb Millionen Todesfälle durch Impfungen verhindert worden seien. Gleichzeitig seien Impfungen nicht risikofrei, wobei die geringen Risiken durch die „Vorteile einer weit verbreiteten Immunisierung der Bevölkerung“ ausgeglichen würden.

Bei Impfschäden gebe es zudem nicht immer eindeutige Hinweise auf Fahrlässigkeit, weshalb Schadenersatzforderungen juristisch schwierig durchzusetzen seien. Deswegen hätten einige Länder Programme für Entschädigungen eingeführt, heißt es weiter. Laut eines wissenschaftlichen Artikels von 2019 haben mindestens 25 Mitgliedsstaaten der WHO ein Programm für Entschädigungen möglicher gesundheitlicher Beeinträchtigungen in Folge von Impfungen. „Spezialfonds“, die in dem Blog-Artikel erwähnt werden, gibt es also in Form von Entschädigungsprogrammen schon länger und nicht erst seit der Corona-Pandemie.

Programme zur Entschädigung von Patienten bei Impfnebenwirkungen gibt es schon seit Jahrzehnten

Die Programme sind in den einzelnen Ländern unterschiedlich. In Deutschland beispielsweise gilt seit dem 1. Januar 2001 das Infektionsschutzgesetz.Anspruch auf eine Entschädigung hat demnach, wer durch eine empfohlene Schutzimpfung eine über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung erleidet, entweder gesundheitlich oder wirtschaftlich. 

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) schrieb CORRECTIV dazu per E-Mail: „Ein Antrag auf Anerkennung eines Impfschadens kann bei dem für die betreffende Person zuständigen Versorgungsamt in seinem Bundesland beantragt werden.“

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

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In den USA gibt es dagegen beispielsweise seit den 1980ern das National Vaccine Injury Compensation Program. Dort können Menschen, bei denen nach einer Impfung Nebenwirkungen auftreten, wie beispielsweise eine ernste, allergische Reaktion, einen Antrag auf finanzielle Entschädigung stellen. Der US-Bundesgerichtshof entscheidet, wer entschädigt wird. 

Fazit: Es stimmt nicht, dass Hersteller der Impfung gegen Covid-19 nicht rechtlich belangt werden können, wenn potenzielle Nebenwirkungen auftreten. Für die EU gilt: In den Vorverträgen mit der Kommission wird lediglich verhandelt, dass AstraZeneca bei möglichen Klagen finanzielle Unterstützung der jeweiligen Länder erhält. 

 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Hersteller der Impfung gegen Covid-19 können bei potenziell auftretenden Nebenwirkungen rechtlich belangt werden.

Corona-Demonstration in Berlin (01.08.2020)
Ein Mann wird bei einer Corona-Demonstration am 1. August in Handschellen abgeführt. Das ZDF hat am 28. August einen Text über Gewalt bei Corona-Protesten veröffentlicht Der Text wurde allerdings mit dem falschen Datum versehen, wodurch es so aussah, dass er sich auf die Demonstration in Berlin am 29. August bezog. (Quelle: Picture Alliance/dpa / Fotograf: Christoph Soeder)

von Sarah Thust

Das ZDF hat am 28. August einen Artikel über Gewalt bei Corona-Demos mit dem falschen Datum 29. August veröffentlicht. Nun wird behauptet, der Sender habe die Demo in Berlin am 29. August schon am Tag vorher als gewalttätig bezeichnet. In dem ZDF-Bericht ging es aber nicht um diese Demonstration.

In einem Blog-Artikel auf der Webseite Philosophia Perennis wird behauptet, das ZDF habe einen für Samstag, 29. August „um 16 Uhr geplanten Artikel zur Corona-Demo“ bereits einen Tag zuvor, am 28. August, veröffentlicht. Es wird unterstellt, das ZDF habe den Beitrag über die Demonstration vorproduziert und wisse „heute schon, was Sie morgen denken sollen!“ Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.000 Mal auf Facebook geteilt. Auch auf Facebook kursiert ein Beitrag mit dieser Behauptung.

Richtig ist: Das ZDF hat am Freitag, 28. August, einen Artikel veröffentlicht, in dem ein Polizist über die Gewaltbereitschaft mancher Corona-Leugner spricht. In dem Artikel berichtet Polizeihauptkommissar Jan-Patrick Huke, „dass verstärkt von Gruppierungen, wie den Corona-Leugnern, Gewalt gegen [die Polizei] verübt wird, bei denen man es zunächst nicht vermutet hätte“. 

Das ZDF soll angeblich einen Text vorab veröffentlicht haben, in dem es um Gewalt bei den Corona-Demo geht. Doch bei dieser Behauptung fehlt wichtiger Kontext. Der Text bezog sich nicht auf die Demonstration in Berlin am 29. August.
Philosophia Parennis unterstellt, das ZDF habe einen Beitrag über die Corona-Demonstration vorproduziert. (Quelle: Philosophia Perennis / Screenshot: CORRECTIV)

In dem ZDF-Bericht ging es nicht um die Corona-Demo am Samstag, 29. August 

Ein Abruf des Artikel-Links über die Seite „Wayback Machine“ zeigt eine archivierte Version des ZDF-Artikels vom Freitag mit dem Veröffentlichungsdatum „29.08.2020, 16:59 Uhr“. Später wurde das Datum auf den 28. August geändert. In einer aktuellen Version des Textes hat das ZDF dazu Stellung bezogen. Dort heißt es: „Dieser Text wurde am 28.8.2020 versehentlich mit Datum 29.8.2020 veröffentlicht. Wir haben das Datum korrigiert.“

Fazit: Der Text wurde am 28. August veröffentlicht und zeitweise vom ZDF mit dem falschen Datum versehen. Wer nur das Datum und Überschrift betrachtete, konnte den Eindruck gewinnen, der Beitrag behandele die Demonstration vom 29. August. In dem Text wird diese aber nicht thematisiert. In dem Artikel geht es allgemein um die Gewaltbereitschaft einiger Corona-Leugner. 

Die Behauptung, dass das ZDF schon einen Tag vorher wusste, was bei der Demonstration am 29. August geschehen würde, ist also irreführend. Das wurde dem ZDF unter anderem bei Philosophia Perennis unterstellt. Die Behauptung ist demnach teilweise falsch.

Auf dem Blog Philosophia Perennis wurden schon häufiger Falschmeldungen veröffentlicht. Hinter dem Blog steht der Theologe David Berger, über den CORRECTIV bereits berichtete.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das ZDF hat am 28. August einen allgemeinen Bericht über Gewalt bei Corona-Demos mit einem falschen Datum veröffentlicht, doch darin geht es nicht um die Demonstration in Berlin am 29. August.

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Screenshot des Facebook-Beitrags. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook kursiert eine angebliche Bild-Schlagzeile zu falsch-positiven Corona-Tests. Die Schlagzeile ist echt – das Titelblatt ist jedoch nie in Druck gegangen. Die Schlagzeile führt zudem in die Irre.

Am 13. August 2020 wurde auf Facebook ein Foto veröffentlicht, das scheinbar die Schlagzeile einer Bild-Ausgabe zeigt. „Statistikerin warnt vor extremer Fehlerquote: Jeder zweite positive Corona-Test ist falsch“, heißt es dort. Das Foto zeigt jedoch keine tatsächlich erschienene Schlagzeile. 

Stattdessen ist ein sogenanntes Händlerplakat zu sehen. Ein Händlerplakat ist das Plakat für Werbung einer Zeitung im Einzelhandel, zum Beispiel an einem Kiosk. Die Schlagzeile wurde letztlich aber gar nicht gedruckt.

Die Bild-Zeitung erscheint beim Axel-Springer-Verlag. Auf unsere Anfrage teilte dieser mit, dass die Schlagzeile in der Hamburger Ausgabe vom 12. August erscheinen sollte. Kurz vor der Drucklegung sei sie jedoch ersetzt worden. Stattdessen sei auf der Titelseite ein Beitrag zu einer Aktion mit Schwimmhilfen für Kinder erschienen.

Ein Auszug aus der E-Mail des Sprechers des Axel-Springer-Verlags. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Sprecher erklärte in der E-Mail, dass die Schlagzeile auf einer Aussage der Statistikerin Katharina Schüller basiere und korrekt sei. Als Beleg verweist er auf zwei Online-Beiträge, einen von der Tagesschau und einen von Focus Online

Tatsächlich heißt es in Schüllers Gastbeitrag bei Focus Online: „Umgekehrt deuten die derzeit extrem niedrigen Anteile positiver Tests in der RKI-Statistik, die bei unter ein Prozent aller durchgeführten Tests liegen, darauf hin, dass etwa die Hälfte der positiven Testergebnisse falsch sein dürfte.“ 

Hohe Fehlerquoten bei PCR-Tests sind Ergebnis statistischer Besonderheit 

Schüller betont jedoch auch, dass es sich dabei um eine statistische Besonderheit handele, die von der Verbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung – der sogenannten Prävalenz – abhänge: „Bleiben Sensitivität und Spezifität über die Zeit konstant, weil die verwendeten Tests und Testbedingungen nicht wesentlich besser (oder schlechter) werden, dann hängt die Wahrscheinlichkeit falsch positiver Testergebnisse nur noch von der Prävalenz ab.“ 

Zur Problematik der Prävalenz und den vermeintlich sehr ungenauen PCR-Tests hat CORRECTIV bereits mehrere Artikel veröffentlicht, zum Beispiel hier oder hier. Die Aussage der Wissenschaftlerin ist demnach richtig, wenn auch die Überschrift auf dem Händlerplakat den Sachverhalt sehr verkürzt und dadurch irreführend darstellt.

Mit den Fehlerquoten von Corona-Tests befasste sich bereits im Mai die so genannte Unstatistik des Monats. Darin geht es um Antikörpertests, bei denen die statistische Besonderheit ebenfalls auftritt. Auch Antikörpertests haben eine bestimmte Spezifität und Sensitivität. Falsch-positive Ergebnisse (Nachweis von Antikörpern, obwohl die Person nicht mit SARS-CoV-2 infiziert war) oder falsch-negative Ergebnisse seien möglich. Die Unstatistik des Monats wird von einem vierköpfigen Wissenschaftler-Team herausgegeben, zu dem auch Schüller gehört.

Update, 2. September 2020: Wir haben ergänzt, dass sich die Unstatistik des Monats im Mai auf Antikörpertests bezog.

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Das Bild zeigt ein echtes Händlerplakat. Kurz vor Drucklegung war jedoch ein anderer Beitrag für das Titelblatt bestimmt worden.