Faktencheck

Dieses Video-Interview eines Arztes aus Italien ist von Februar und enthält veraltete Zahlen

In einem Interview, das aktuell auf Youtube verbreitet wird, sagt der italienische Virologe Matteo Bassetti, dass in Italien bisher niemand ursächlich am Coronavirus gestorben sei. Das Interview wurde jedoch schon Ende Februar aufgenommen.

von Steffen Kutzner

Matteo Bassetti
Der italienische Arzt Matteo Bassetti erklärte in einem Interview Ende Februar, dass noch niemand in Italien am Coronavirus gestorben sei. (Screenshot: CORRECTIV)
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Größtenteils falsch. Das Interview wurde schon Ende Februar aufgezeichnet.

Auf Youtube wurde am 15. März ein Video hochgeladen, in dem ein italienischer Arzt vermeintlich die aktuelle Lage durch das Coronavirus in Italien erklärt. 

Matteo Bassetti, Direktor der auf Infektionskrankheiten spezialisierten Universitätsklinik Ospedale San Martino im norditalienischen Genua, sagt darin laut dem deutschen Übersetzer, dass das Virus nur wie eine „starke Grippe“ sei. Es habe bisher keine Fälle gegeben, in denen eine Coronainfektion ohne Vorerkrankung zum Tod geführt habe. Er sagt auch, dass bisher insgesamt erst elf Todesfälle bekannt seien. Am Ende des Videos wird als Text eingeblendet „Der Corona Virus ist Quatsch“.


Das Video, das bereits mehr als 209.000 Aufrufe auf Youtube hat, scheint im krassen Gegensatz zu den offiziellen Zahlen der WHO über Italien zu stehen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Youtube-Videos am 15. März 1.441 Tote zählte. Bis zum 19. März verdoppelte sich diese Zahl auf 2.978 Tote.

Das Video-Interview mit Bassetti ist von Ende Februar

Der Grund für Bassettis Aussagen wird klarer, wenn man das Video zu seiner ersten Veröffentlichung zurückverfolgt: Es wurde schon am 26. Februar von der Genova Post auf Facebook gestellt und dort seitdem 2,4 Millionen Mal aufgerufen. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Italien laut WHO tatsächlich erst elf Todesfälle.

Auf unsere Anfrage nach einer Einschätzung des Arztes in der italienischen Öffentlichkeit schrieben uns die italienischen Faktenchecker von Pagella Politica, dass Bassetti zu Beginn des Ausbruchs in Italien bekannt geworden sei, weil es den Anschein erweckt habe, er würde die Gefahr der Epidemie herunterspielen. 

Auszug der Mail von Pagella Politica zur Einschätzung von Matteo Bassetti. (Screenshot: CORRECTIV)
Auszug der Mail von Pagella Politica zur Einschätzung von Matteo Bassetti. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung, dass in Italien niemand allein am Coronavirus gestorben sei, also ohne Vorerkrankungen zu haben, ist nach heutigem Stand falsch.

Studien zu Vorerkrankungen mit unterschiedlichem Ergebnis

Das italienische Istituto Superiore de Sanità, die Gesundheitsbehörde, die ähnlich wie das Robert-Koch-Institut in Deutschland Handlungsempfehlungen an die Bevölkerung und die Regierung Italiens ausgibt, hat am 17. März eine Studie veröffentlicht, für die 2003 gestorbene Corona-Patienten untersucht wurden. Bei einer Stichprobe von 355 dieser Patienten wurden die Vorerkrankungen aufgeschlüsselt: Drei von ihnen hatten keinerlei Vorerkrankungen. Das entspricht einem Anteil von 0,8 Prozent.

Auszug aus der Studie des Istituto Superiore de Sanità. „Patologie“ bedeutet Krankheiten, die die infizierten Patienten zusätzlich zum Coronavirus hatten. (Screenshot: CORRECTIV)
Auszug aus der Studie des Istituto Superiore de Sanità. „Patologie“ bedeutet Krankheiten, die die infizierten Patienten zusätzlich zum Coronavirus hatten. (Screenshot: CORRECTIV)

Ob und wie diese Vorerkrankungen tatsächlich einen Einfluss auf Verlauf oder Ausgang der Infektion hatten, geht aus der Studie nicht hervor. Ein mit dem Coronavirus infizierter Patient, der eine Vorerkrankung hat, muss nicht zwingend an dieser Vorerkrankung gestorben sein. Diese können unterschiedlich schwer sein. Viele der 355 Patienten in der italienischen Studie hatten zum Beispiel Bluthochdruck (76,1 Prozent) oder Diabetes (35,5 Prozent). 

Die Zahlen zu den Vorerkrankungen sind zudem von Land zu Land verschieden. Eine andere Studie, die am 17. Februar von der chinesischen Gesundheitsbehörde Chinese Center for Disease Control and Prevention veröffentlicht wurde, gibt bei 1.023 Todesfällen durch das Coronavirus bei 133 keine Vorerkrankung an. Das entspricht einem Anteil von 13 Prozent.

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Fazit: Die Angaben von Matteo Bassetti zu den Todeszahlen in Italien waren zum Zeitpunkt des Interviews korrekt, die Situation hat sich aber seit dem 26. Februar verändert. Das Youtube-Video vom 15. März wurde aus dem zeitlichen Kontext gerissen und führt deshalb in die Irre.

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