CNRcollage
Dieser gefälschte Screenshot wird bei Whatsapp und in anderen Messenger-Diensten verbreitet. Richtig ist: Die Supermärkte haben weiter normal geöffnet. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Bei Whatsapp verbreitet sich ein gefälschter Screenshot eines angeblichen Focus-Artikels. Darin wird über tagelange Schließungen von Supermärkten berichtet. Der Focus hat klargestellt: „Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Fake“.

Auf einem im Internet verbreiteten Screenshot eines angeblichen Focus-Online-Artikels steht, die großen Supermarktketten in Deutschland würden neue Öffnungszeiten einführen und künftig nur noch montags und freitags öffnen. Das ist falsch und der Artikel stammt nicht von Focus Online. Es handelt sich um gezielte Desinformation.

Die Focus-Online-Redaktion hat dazu am 16. März in einem Artikel geschrieben: „Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Fake! Ein derartiger Artikel ist nie auf unserer Seite erschienen. Auch die dort abgebildeten Informationen entsprechen in keinem Falle der Wirklichkeit.“

Focus Online stellt auf seiner Webseite klar, dass kein Artikel über angeblich geschlossene Supermarkt veröffentlicht wurde. (Screenshot am 26. März: CORRECTIV)

Supermärkte sind weiter normal geöffnet

Die großen Supermarktketten in Deutschland haben auf die Verunsicherung vieler Kunden reagiert und weisen auf ihren Webseiten ausdrücklich auf ihre weiterhin normalen Öffnungszeiten hin. Unter anderem äußerten sich dazu Aldi, Edeka, Netto, Kaufland und Penny. Aldi schreibt: „Hinweis: Unsere Filialen bleiben weiterhin geöffnet. Aktuell wird eine Falschmeldung über Whatsapp verbreitet, in der eine angebliche Schließung aller Aldi Märkte ab Montag thematisiert wird.“ 

Hinweis auf der Website der Supermarktkette Aldi Nord. (Screenshot am 26. März: CORRECTIV)

Auf den gefälschten Screenshot bei Whatsapp haben uns Leser hingewiesen. Zu dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 sind zahlreiche Falschmeldungen im Umlauf. Um sie effektiv zu bekämpfen, sind wir auf Hilfe angewiesen. In unserem CrowdNewsroom zum Coronavirus kann jeder Nachrichten oder Artikel einreichen, die unser Team sichtet und gegebenenfalls Faktenchecks dazu veröffentlicht. 

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Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Screenshot ist eine Fälschung. Die Supermärkte in Deutschland haben weiterhin normal geöffnet.

Oliver Kahn habe Fußballer „Muschis” genannt, die „gleich“ anfangen würden „zu heulen”, dafür gibt es aber keine Belege.
Oliver Kahn habe Fußballer „Muschis” genannt, die „gleich“ anfangen würden „zu heulen”, dafür gibt es aber keine Belege.(Symbolbild: picture alliance / augenklick/firo Sportphoto)

von Uschi Jonas

Manchmal frage er sich, ob Fußballer „noch Männer oder Muschis“ sind – das habe Ex-Profi-Fußballer Oliver Kahn gesagt, wird auf Facebook behauptet. Für das angebliche Zitat gibt es jedoch keine Belege.

Ein beleidigendes und sexistisches Zitat, das angeblich von Oliver Kahn stammt, verbreitet sich seit Anfang September auf Facebook. Doch dafür, dass der Ex-Profi-Fußballer das jemals so gesagt hat, gibt es keine Belege.

Das Zitat wurde am 1. September in der Facebook-Gruppe AC Milan Deutschland veröffentlicht. Der Beitrag wurde bislang fast 3.200 Mal geteilt. Demnach habe der Ex-Fußballtorwart Fußballer folgendermaßen beschimpft und sich sexistisch geäußert:

„Der heutige Fußball kommt mir wie Ballett vor. Sobald man die Gegenspieler etwas zu hart angeht, fangen sie gleich an zu heulen. Nach 3 aufeinanderfolgenden Spielen beschweren sie sich über ihr Leben, aber wenn sie interviewt werden, sind sie die besten Schauspieler der Welt. Deswegen gefallen mir Typen wie Thomas Müller und Zlatan Ibrahimović. Typen, die kämpfen und sich auf dem Feld schon fast prügeln. Es gibt Leute, die ihnen übel nachreden, aber vor laufender Kamera sagen sie das, was sie denken und nicht das, was die Masse hören will. Manchmal frage ich mich, ob Fußballer noch Männer oder Muschis sind.“

Angebliches Zitat von Oliver Kahn verbreitete sich bereits 2017

Es gibt keine Belege dafür, dass Oliver Kahn, wie hier auf Facebook behauptet, Fußballer mit diesem Zitat beschimpft hat. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)
Es gibt keine Belege dafür, dass Oliver Kahn, wie hier auf Facebook behauptet, Fußballer mit diesem Zitat beschimpft hat. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Eine Google-Suche ergibt, dass das angebliche Zitat bereits im Oktober 2017 und im August 2018 auf Facebook verbreitet wurde. Ansonsten finden sich online keine Hinweise dafür, dass Kahn sich irgendwann einmal so geäußert hätte. Auch die Pressedatenbank Genios liefert keine Suchergebnisse. 

 

CORRECTIV hat sich mehrfach per E-Mail und via Instagram an das Management von Oliver Kahn gewandt und nachgefragt, allerdings bis zur Veröffentlichung des Artikels keine Rückmeldung erhalten. Auch telefonisch konnten wir das Management nicht erreichen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Oliver Kahn das Zitat gesagt hat.

Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier wurde am 12. Februar 2017 zum Bundespräsidenten gewählt, also rund zwei Monate nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz. (Symbolbild: Christian Bueltemann / Pixabay)

von Sarah Thust

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Ende August fünf Polizisten und eine Polizistin ins Schloss Bellevue eingeladen, um sich für ihren Einsatz bei der Corona-Demonstration zu bedanken. Auf Facebook wird behauptet, dass die Helfer des Terroranschlags am Breitscheidplatz keine solche Anerkennung erhalten hätten. Das stimmt nicht.

Der deutsche Bundespräsident hat am Montag, 31. August, fünf Polizisten und eine Polizistin zu seinem Amtssitz im Schloss Bellevue eingeladen. Er bedankte sich für den Einsatz der Polizei bei den Corona-Demonstrationen in Berlin. Ein Blogger suggeriert in einem Facebook-Beitrag, die „Feierstunde“ sei unverhältnismäßig gewesen. Im Vergleich dazu, behauptet er, habe der Bundespräsident vor vier Jahren die Helfer nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz nicht geehrt. Der Beitrag wurde am 1. September auf Facebook veröffentlicht und bislang mehr als 1.400 Mal geteilt. 

Der Facebook-Nutzer ist ein rechter Blogger: Holm Teichert schreibt in dem Facebook-Beitrag, dass er auch für die Deutschlandstimme schreibe. Dort wurden bereits häufiger Falschmeldungen verbreitet, zum Beispiel nach dem Anschlag in Hanau, wie CORRECTIV in einem Faktencheck berichtete

Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass die Behauptungen in dem Facebook-Beitrag über die geehrten Polizisten und Polizistinnen größtenteils falsch sind. Am Tag des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz in Berlin, am 19. Dezember 2016, war Steinmeier noch nicht im Amt. Die Angehörigen der Opfer wurden zwei Monate später ins Schloss Bellevue eingeladen vom damals amtierenden Bundespräsidenten Joachim Gauck.   

Ein rechter Blogger hat diesen Beitrag auf Facebook veröffentlicht. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)
Ein rechter Blogger hat diesen Beitrag auf Facebook veröffentlicht. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Demonstranten durchbrachen Absperrung und stellten sich auf die Treppen vor dem Reichstag – die Polizei reagierte

Den Vorfall am Reichstagsgebäude am 29. August spielt Teichert in seinem Facebook-Beitrag runter: Der Blogger schreibt, dass die „drei Polizisten“ zum Amtssitz des Bundespräsidenten eingeladen worden seien, weil sie „300 oder 400 Gipfelstürmer aufhielten, die in Wahrheit nur (sic!) auf die Treppen des Reichstages wollten“. Teichert bezieht sich auf eine unerlaubte Versammlung, bei der 300 bis 400 Demonstranten laut Polizei eine Absperrung durchbrachen und – teils mit Reichsflaggen – auf die Treppen des Reichstagsgebäudes vordrangen.

Corona-Demo am 29. August 2020: Demonstranten schwenken Reichstagsflaggen vor dem deutschen Bundestag.
Corona-Demo am 29. August 2020: Demonstranten schwenken Reichsflaggen vor dem Deutschen Bundestag. (Quelle: AttilaHildmannTV auf Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Die Menge hatte die Polizisten und Polizistinnen unten an der Absperrung überrascht, sodass anfangs nur drei Beamte am oberen Ende der Treppe standen und die Eingänge blockierten. Wie uns ein Sprecher des Bundespräsidialamts sagte, seien drei weitere Kollegen „schnell zur Stelle“ gewesen. Diese sechs Polizisten, darunter eine Frau, wurden am 31. August zum Hauptsitz des Bundespräsidenten eingeladen.

Bundespräsident Steinmeier bedankte sich bei allen Polizisten und Polizistinnen, die in Berlin im Einsatz waren 

In einer Pressemitteilung des Bundespräsidenten heißt es: „Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Polizistinnen und Polizisten gedankt, die am 29. August bei den Demonstrationen in Berlin im Einsatz waren. Am 31. August empfing er stellvertretend sechs von ihnen zu einem Gespräch in Schloss Bellevue.“

Demnach sagte Steinmeier nach dem Treffen am 31. August: „Sie, die Polizistinnen und Polizisten, haben dafür gesorgt, dass zehntausende Menschen ihr Grundrecht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit ausüben konnten. (…) Als aber die Auflagen willentlich und wissentlich missachtet wurden und Demonstranten zur Gewalt aufriefen, haben Sie unter äußerst schwierigen Bedingungen die Demonstration aufgelöst und das Recht durchgesetzt.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht zwischen fünf Polizisten sowie einer Polizistin, die stellvertretend für den Einsatz der Polizei bei der Corona-Demo in Berlin geehrt wurden.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht zwischen fünf Polizisten sowie einer Polizistin, die stellvertretend für den Einsatz der Polizei bei der Corona-Demo in Berlin geehrt wurden. (Quelle: picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)

Nach Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz: Betroffene, Angehörige und Helfer erhielten Anerkennung 

Im Facebook-Beitrag behauptet Teichert, der Bundespräsident habe vor vier Jahren die „Ersthelfer vom Breitscheidplatz, die Sanitäter, die Feuerwehrmänner, die Notärzte, die Chirurgen und die Opfer“ nicht empfangen. Er bezieht sich auf den Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016, bei dem laut Abschlussbericht des Bundesbeauftragten für die Opfer insgesamt zwölf Menschen ums Leben kamen und Dutzende verletzt wurden. 

Zudem suggeriert Teichert, dass Steinmeier zu diesem Zeitpunkt Bundespräsident gewesen und somit verantwortlich sei. Doch das stimmt nicht. Damaliger Bundespräsident war Joachim Gauck.

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Tatsächlich wurde die Regierung damals für ihren Umgang mit den Angehörigen der Opfer des Anschlags kritisiert, wie mehrere Medien berichteten. Die Angehörigen beklagten vor allem den Mangel an Information. Gauck habe versprochen, in Zukunft die Kommunikation zu verbessern.

Das Bundespräsidialamt teilte uns auf Nachfrage mit: Zwei Monate nach dem Anschlag habe Gauck rund 60 Angehörige der Opfer im Schloss Bellevue empfangen. Zudem gab es eine Trauerfeier unmittelbar nach dem Terroranschlag am 20. Dezember 2016.

Frank-Walter Steinmeier bedankte sich ein Jahr später bei den „Helden“ vom Breitscheidplatz

Ein Jahr nach dem Anschlag fand außerdem eine Gedenkveranstaltung auf dem Breitscheidplatz statt. Mit dabei: der neue, amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. In seiner Rede dankte er unter anderem den Polizisten, Sanitätern und Ersthelfern.

Steinmeier sagte damals: „Unser Dank gilt all denen, die geholfen haben, unmittelbar nach dem Anschlag und in den Wochen und Monaten danach: den stillen Helden, die für die Verletzten und Hinterbliebenen da waren, den Polizisten, Sanitätern und Ersthelfern, den Hilfsorganisationen und Opferbeauftragten.“

Fazit: Die Behauptung, dass der Bundespräsident die „Ersthelfer vom Breitscheidplatz, die Sanitäter, die Feuerwehrmänner, die Notärzte, die Chirurgen und die Opfer“ nicht empfangen habe, ist größtenteils falsch. Der damalige Bundespräsident Gauck hat die Angehörigen der Opfer zwei Monate nach dem Anschlag ins Schloss Bellevue eingeladen. Gaucks Nachfolger Steinmeier hat sich ein Jahr später noch einmal öffentlich bei allen „Helden“ bedankt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch: Der Bundespräsident hat sich bei den Helfern nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz bedankt.

Wladimir Putin
In einem Blog wird behauptet, Wladimir Putin habe die vollständige Unabhängigkeit vom US-Dollar erklärt. Das ist teilweise falsch. Putin hat 2018 lediglich betont, dass Russland unabhängiger von der US-Währung werden sollte. (Symbolbild: Дмитрий Осипенко / Pixabay)

von Sarah Thust

Ein Blog-Artikel stellt den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Helden dar. Er habe die „vollständige Unabhängigkeit“ vom US-Dollar erklärt, der von der Rothschild-Familie kontrolliert werde. Der Artikel bedient damit eine antisemitische Verschwörungstheorie. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

Seit Jahren kursiert im Internet das Gerücht, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Bankiersfamilie Rothschild aus Russland verbannt haben soll. Dahinter steckt ein antisemitischer Verschwörungsmythos. Auch die deutsche Internetseite Sari Blog griff ihn im vergangenen Jahr auf. Der Artikel wird noch immer auf Facebook verbreitet; insgesamt wurde er bisher mehr als 6.600 Mal geteilt. 

Es wird suggeriert, dass die jüdische Familie Rothschild die Finanzmärkte weltweit beherrsche und eine neue „Weltordnung“ schaffen wolle. Die Familie ist seit vielen Generationen im Finanzgeschäft tätig und steht heute zum Beispiel hinter Rothschild & Co., einem großen Finanzberatungsinstitut.  

In dem Text von Sari Blog, der laut dem Analysetool Crowdtangle im März 2019 erstmals auf Facebook geteilt wurde, wird behauptet: Putin habe „die vollständige Unabhängigkeit vom Rothschild-kontrollierten US-Dollar“ erklärt – und die Familie Rothschild aus dem Land vertrieben. Derselbe Text wurde bereits im Mai 2018 in englischer Sprache auf der Seite NewsPunch veröffentlicht.

Unsere Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. Putin hat lediglich 2018 erklärt, dass Russland unabhängiger vom US-Dollar werden müsse. Doch die Rothschilds hat er dabei nicht erwähnt. Ein Unternehmen der Familie ist nach wie vor in Russland tätig.

Der Name des Autors von Sari Blog ist Faktencheckern im englischsprachigen Raum bekannt: Baxter Dmitry schrieb bereits 2016 einen Text über Putins angebliche „Verbannung“ der Rothschilds für die Seite YourNewsWire. Diese Webseite, die inzwischen nicht mehr existiert, galt laut Poynter-Institut als einer „der berüchtigtsten Fehlinformatoren im Internet“. 

1. Behauptung: Putin habe die vollständige Unabhängigkeit vom US-Dollar erklärt

Bis vor wenigen Jahren war die russische Wirtschaft stark vom US-Dollar abhängig. Ob im Außenhandel oder bei Währungsreserven – ein großer Teil davon wurde laut der Bank of Russia in der US-amerikanischen Währung gehandelt beziehungsweise angelegt. 

Doch nachdem Russland nach einem Referendum im Jahr 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert hatte, belegten die USA und die Welthandelsorganisation die russische Föderation mit Zollbeschränkungen und Sanktionen. Präsident Wladimir Putin kritisierte die Sanktionen gegen Russland scharf und sagte in einer Rede vor dem Parlament im Jahr 2018, dass er sich vom US-Dollar lösen wolle.

Etwa ein Jahr danach, im März 2019, erschien der Beitrag der Seite Sari Blog, der in den Sozialen Netzwerken bis heute geteilt wird. Darin hieß es, Putin habe die „Unabhängigkeit vom US-Dollar erklärt“. Der US-Dollar werde angeblich von Familie Rothschild „kontrolliert“, darum wolle ihn Putin abschaffen.

Der Blog-Beitrag über Putin in der Facebook-Gruppe „Menschen für Deutsch Russische Freundschaft“.
Der Blog-Beitrag über Putin in der Facebook-Gruppe „Menschen für Deutsch Russische Freundschaft“. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Es wird behauptet, dass sich Russland angeblich „vom tyrannischen Griff des Bankensystems“ befreit habe 

Der Autor bezieht sich laut dem Artikel auf die von uns bereits erwähnte Rede, die Wladimir Putin am 8. Mai 2018 vor dem russischen Parlament gehalten hat. Der Autor behauptet: „In seiner Ansprache vor dem russischen Parlament nach seiner Amtseinführung (nach der Präsidentenwahl im März 2018) sagte Wladimir Putin, dass die Erklärung der ‘völligen Unabhängigkeit’ vom globalen Bankkartell und den internationalen Geldverleihorganisationen von Rothschild das ‘größte Geschenk’ sei, das er zukünftigen Generationen machen könne.“

Am 8. Mai 2018 hat Putin tatsächlich in einer Rede über den „Ausstieg aus dem Dollar“ gesprochen. Wir haben auf der Webseite des russischen Präsidenten das schriftliche Transkript in russischer Sprache gefunden und übersetzt. Dafür haben wir den Online-Übersetzer DeepL genutzt.

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Putin hat in seiner Rede zwar das „Monopol des Dollars“ kritisiert. Er hat aber nicht die „vollständige Unabhängigkeit“ Russlands vom Dollar erklärt. Wir haben außerdem das gesamte Transkript überprüft, die Familie Rothschild wird darin nicht erwähnt. 

Putin sagte in seiner Rede: „Illegale“ Sanktionen würden dazu beitragen, dass „die ganze Welt sieht, dass das Monopol des Dollars unzuverlässig ist, dass es für viele gefährlich ist und dass es nicht nur um uns geht.“ In einer Tabelle haben wir die Zitate, die im Sari Blog verwendet werden, und einige Sätze aus der Rede von Putin gegenübergestellt. Sinngemäß stimmen sie überein. 

Die Tabelle zeigt links zwei Absätze aus dem Sari Blog und rechts die Originalzitate von Putin, übersetzt mit dem Online-Übersetzer DeepL.
Die Tabelle zeigt links zwei Absätze aus dem Sari Blog und rechts die Originalzitate von Putin, übersetzt mit dem Online-Übersetzer DeepL. (Quelle: Sari Blog, Rede von Putin / Tabelle: CORRECTIV)

Staatsreserven wurden diversifiziert, aber von einem Ausstieg aus dem Dollar kann nicht die Rede sein 

In seiner Rede 2018 kündigte Putin an, dass Russland seine Staatsreserven [Anm. d. Red. Devisen- und Goldvermögen des Staates] stärker auf unterschiedliche Währungen verteilen wolle. Mit anderen Worten: die Zentralbanken halten Werte vor, mit denen sie – unabhängig vom Wert der heimischen Währung – international agieren können. 

Eine Statistik des Devisen- und Goldvermögens der Zentralbank der Russischen Föderation (Bank of Russia) nach Währung zeigt, dass der Anteil des US-Dollars in den Staatsreserven von 43,7 Prozent 2018 auf 23,6 Prozent im Jahr 2019 gefallen ist (Seite 7). 

Grafik vom März 2019: Vorhandenes Devisen- und Goldvermögen der Bank von Russland nach Währung laut eines Berichts der Bank of Russia.
Grafik vom März 2019: Vorhandenes Devisen- und Goldvermögen der Bank von Russland nach Währung laut eines Berichts der Bank of Russia. (Quelle: Bank of Russia, Foreign Exchange and Gold Asset Management Report / Screenshot: CORRECTIV)

Verzichten kann Russland auf den Dollar aber vorerst nicht, wie Putin selbst in seiner Rede 2018 andeutete: „Wir müssen das Niveau unserer wirtschaftlichen Souveränität erhöhen. Aber das sind mehrdimensionale Entscheidungen, da beispielsweise Öl an der Börse in Dollar gehandelt wird, und natürlich denken wir darüber nach, was wir tun müssen, um uns von dieser Last zu befreien.“ 

Auch was den Handel mit anderen Ländern betrifft, ist Russland nach wie vor auf den US-Dollar als Währung angewiesen. Daten der Bank of Russia zeigen, dass die Einnahmen des Landes durch Exporte im Außenhandel im ersten Quartal 2020 zu mehr als 60 Prozent aus US-Dollar bestanden (Stand: 24. Juli 2020). (Hinweis: Diese Zahl stammt von der Webseite der Bank of Russia aus der Tabelle „Currency Composition of Settlements for Goods and Services“ im Abschnitt „External Trade in Goods“.)

Russlands Einnahmen durch Außenhandel mit anderen Ländern nach Währung: Die Grafik zeigt die Entwicklung vom ersten Quartal 2013 bis zum ersten Quartal 2020.
Russlands Einnahmen durch Außenhandel mit anderen Ländern nach Währung: Die Grafik zeigt die Entwicklung vom ersten Quartal 2013 bis zum ersten Quartal 2020. (Quelle: Bank of Russia, Tabelle „Currency Composition of Settlements for Goods and Services“ / Diagramm: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Wladimir Putin hat nicht, wie bei Sari Blog behauptet, die vollständige Unabhängigkeit vom Dollar erklärt. Daten der Bank of Russia zeigen, dass Russland den Anteil der US-Währung zwar beispielsweise im Außenhandel reduzieren konnte. Dennoch spielt der Dollar für Russland weiterhin eine bedeutende Rolle. 

2. Behauptung: Putin habe die Rothschilds aus Russland vertrieben

Putin habe die Familie „durch die Hintertür Russlands hinausgeworfen“, wird im Artikel von Sari Blog behauptet. Dazu ist ein anderer Text des Autors Dmitry aus dem Jahr 2016 verlinkt. Bereits damals schrieb er, Putin hätte die Rothschilds aus Russland verbannt und geschworen, die „Neue Weltordnung“ zu zerstören. Dabei bezog er sich auf eine anonyme „Quelle aus dem Kreml“.

Dass Putin die Rothschilds „hinausgeworfen“ habe, ist nicht korrekt. Die börsennotierte Finanzholding Rothschild & Co. hat laut eigenen Angaben nach wie vor einen Sitz in Moskau und ist dort geschäftlich tätig. 

Zudem gibt es für die Behauptung, dass die Familie den US-Dollar „kontrolliert“, keine Belege. Der Dollar wird von der Zentralbank der Vereinigten Staaten überwacht. Die Entscheidungen beim Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, die angeblich ebenfalls unter Kontrolle der Rothschilds stünden, werden von den jeweiligen Mitgliedsländern getroffen.

In Verschwörungsmythen wird häufig über eine geheime Machtelite spekuliert, die eine neue Weltordnung plane oder die Weltherrschaft ergreifen wolle. So ist es auch in dem Artikel von Sari Blog. Er nährt die antisemitische Vorstellung, dass eine jüdische Elite das weltweite Finanzwesen kontrolliere. Solche Verschwörungsmythen waren laut der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit bereits ein wesentlicher Bestandteil der Rassenpolitik der Nationalsozialisten. Diese hatte den Tod von Millionen Menschen zur Folge.

Fazit

Putin hat im Mai 2018 angekündigt, dass die russische Wirtschaft unabhängiger vom US-Dollar werden solle. Doch die vollständige Unabhängigkeit des Landes vom Dollar hat er nicht erklärt; die Währung spielt aktuell immer noch eine wichtige Rolle für die russische Wirtschaft. Die Behauptung, dass Russland sich vom Dollar befreit habe, ist folglich falsch. 

Darüber hinaus sind die weiteren Behauptungen im Blog falsch oder unbelegt. Die Firma der Familie Rothschild wurde nicht aus Russland vertrieben, sondern ist dort immer noch tätig. Dass „internationale Bankenorganisationen“ von der „Rothschild-Bankenfamilie privat kontrolliert werden“, ist ein Verschwörungsmythos, für den es keine Beweise gibt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es stimmt nicht, dass Putin die Rothschilds aus Russland vertrieben hat. Er forderte mehr Unabhängigkeit vom US-Dollar, es gab aber keinen kompletten Ausstieg.

Markus Söder
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat öfter über das Thema Rente gesprochen. Doch er hat nicht gesagt, dass ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren in Ordnung sei. (Quelle: picture alliance/augenklick/Minkoff)

von Sarah Thust

Auf Facebook wird ein angeblicher Twitter-Beitrag von Markus Söder verbreitet. Es entsteht der Eindruck, er habe darin Kritikern der Corona-Maßnahmen mit harten Strafen gedroht. Doch bei dem Tweet handelt es sich um eine Fälschung.

Ein Screenshot soll angeblich einen Twitter-Beitrag des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) zeigen. Darin wird der Ministerpräsident wie folgt zitiert: „Keine Strafe ist hoch genug, um die Kritiker und Verweigerer unserer Coronavorschriften zur Räson zu bringen.“ Er fordere „Gefängnisstrafen für Wiederholungstäter“.

Das Bild des vermeintlichen Tweets haben mehrere Nutzer Anfang September auf Facebook geteilt (hier, hier oder hier). Die Beiträge wurden zusammengenommen knapp 1.000 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen ergaben, dass es sich bei dem Tweet um eine Fälschung handelt. Der bayerische Ministerpräsident hat diesen Twitter-Beitrag nicht veröffentlicht.  

Links der gefälschte Tweet von Markus Söder, rechts zum Vergleich ein echter Tweet.
Links der gefälschte Tweet von Markus Söder, rechts zum Vergleich ein echter Tweet. (Quellen: Facebook, Twitter / Bildbearbeitung und Screenshots: CORRECTIV)

Der Beitrag kann gar nicht auf Twitter veröffentlicht worden sein – er ist zu lang

Wir haben uns den Screenshot genau angesehen. Dabei fielen zwei Details ins Auge, die auf eine Fälschung des Tweets schließen lassen. 

Die Schriftart: Auf dem Screenshot ist zu erkennen, dass sich die Schriftart von der Schriftart auf Twitter unterscheidet. Der Text und auch der Tag der Veröffentlichung – die 22 – sind anders formatiert. Die Schrift des Twitter-Namens, des Monats und der Jahreszahl ähnelt hingegen einem echten Twitter-Beitrag. Das deutet auf eine nachträgliche Bearbeitung des Screenshots hin.

Die Länge: Ein Beitrag auf Twitter darf maximal 280 Zeichen lang sein, sonst kann er nicht veröffentlicht werden. Der auf Facebook veröffentlichte „Tweet“ umfasst aber 361 Zeichen, er ist also 81 Zeichen zu lang. 

Der Text ist 81 Zeichen zu lang, um auf Twitter veröffentlicht zu werden.
Der Text ist 81 Zeichen zu lang, um auf Twitter veröffentlicht zu werden. (Quelle: Twitter / Screenshot: CORRECTIV)

Anderer Tweet, gleicher Tag – Söder schrieb: „Daher muss man die Vernünftigen vor den Unvernünftigen schützen“

Wir haben uns außerdem die Seite von Markus Söder auf Twitter angesehen. Laut Screenshot wurde der angebliche Beitrag um „8:40 vorm. 22 August 2020“ veröffentlicht. Auf Söders Profil ist aber aktuell kein Tweet vom 22. August zu finden. Ein Beitrag wurde am 17. August veröffentlicht, der nächste dann am 23. August. 

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Offenbar wurde hier ein Tweet gelöscht. Das zeigt eine am 30. August archivierte Version des Twitter-Profils von Markus Söder über die Seite „Wayback Machine. Dort haben wir einen Beitrag vom 22. August entdeckt, der jedoch nicht das angebliche Zitat enthält. Er wurde auch nicht um 8:40 Uhr vormittags veröffentlicht, sondern erst um 23:26 Uhr.

In dem Tweet schrieb Söder: „Danke an die vielen Vernünftigen, die für sich und andere vorsorgen. Aber es gibt auch Menschen, die Corona nicht ernst nehmen, und daher muss man die Vernünftigen vor den Unvernünftigen schützen. Wir können aktuell keine weiteren Lockerungen beschließen.“ Um Strafen für Kritiker der Maßnahmen ging es nicht. 

Auf der Twitter-Seite von Söder ist der Beitrag vom 22. August nicht mehr zu sehen. Allerdings wurde dort am 23. August ein Tweet mit demselben Wortlaut veröffentlicht. Dazu wurde ein Link ergänzt, der auf ein Interview Söders mit dem Deutschlandfunk verweist. Mutmaßlich fehlte dieser Link in dem ersten Tweet vom 22. August, weshalb er entfernt und am 23. August noch einmal neu veröffentlicht wurde. 

Links der gelöschte Tweet vom 22. August, rechts der am darauffolgenden Tag veröffentlichte Beitrag mit demselben Text.
Links der gelöschte Tweet vom 22. August, rechts der am darauffolgenden Tag veröffentlichte Beitrag mit demselben Text. (Quellen: Wayback Machine, Twitter / Screenshot und Collage: CORRECTIV)

Wir fanden das Zitat zudem weder durch eine Google-Recherche noch in einer Suche in der Pressedatenbank Genios.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Tweet ist eine Fälschung.

Jens Spahn
Gesundheitsminister Jens Spahn hat schon öfter über das Thema Rente gesprochen. Doch er hat nicht gesagt, dass ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren in Ordnung sei. (Quelle: picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)

von Sarah Thust

Eine angebliche Aussage von Jens Spahn verbreitet sich auf Facebook. Demnach habe er gesagt, ein Renteneintritt mit 70 Jahren sei „genug“. Doch das Zitat ist erfunden.

In den Sozialen Netzwerken wird ein bearbeitetes Bild von Gesundheitsminister Jens Spahn geteilt. Darauf ist der Satz zu lesen: „Mit 70 Jahren haben die Leute noch gute Chancen 10 Jahre Rente zu erhalten, das ist doch genug“. Das habe der Minister gesagt, wird in einem Beitrag auf Facebook behauptet. Er wurde am 2. September veröffentlicht und bereits mehr als 1.800 Mal geteilt. Zuvor wurde das Bild am 30. August hier auf Facebook geteilt.

Diesen Satz hat Jens Spahn nicht gesagt, bestätigte uns eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums.
Diesen Satz hat Jens Spahn nicht gesagt, bestätigte uns eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Jens Spahn hat diesen Satz nicht gesagt

Wir haben bei der Pressestelle des Bundesgesundheitsministeriums nachgefragt, ob Jens Spahn diesen Satz je gesagt hat. Eine Sprecherin schrieb uns: „Minister Spahn hat sich in dieser Form nicht geäußert.“ 

Wir fanden das Zitat zudem weder durch eine Google-Recherche noch in einer Suche in der Pressedatenbank Genios

Jens Spahn hat sich in der Vergangenheit zwar schon öfter zum Renteneintrittsalter geäußert, doch der Satz stammt nicht von ihm. Es existieren mehrere Medienberichte, in denen der Minister ein höheres  Renteneintrittsalter forderte – doch er sprach nicht von 70 Jahren. 

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In einem Interview mit der Bild-Zeitung sagte Spahn 2019 zum Beispiel: „Ich hab immer schon gesagt, dass wenn wir länger leben werden, wir auch länger arbeiten werden müssen.“ Zudem berichteten 2018 mehrere Medien, Spahn habe bei der Vorstellung der Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz gesagt: „Mit der steigenden Lebenserwartung muss auch das Renteneintrittsalter ab 2030 weiter steigen.“ Eine exakte Altersgrenze nannte er dabei offenbar nicht.

2020: Reform der Grundrente – doch das Renteneintrittsalter blieb gleich

Der deutsche Bundestag hat am 2. Juli 2020 die Grundrente beschlossen. Die Koalitionspartner SPD und die CDU, in der Spahn Mitglied ist, stimmten für das Gesetz. Dagegen stimmten AfD und FDP; die Linken und Grünen enthielten sich.

Durch das neue Gesetz hat sich aber am Alter für den Renteneintritt nichts verändert.  Derzeit ist geregelt, dass das Renteneintrittsalter (Regelaltersgrenze) schrittweise auf 67 Jahre ansteigen soll. Für alle, die vor 1947 geboren sind, bleibt es bei dem regulären Renteneintritt mit 65 Jahren. Für alle nach 1963 geborenen Menschen gilt die Grenze von 67 Jahren. Der Jahrgang 1964 wird also 2031 in Rente gehen

Über das falsche Zitat von Jens Spahn hat auch die DPA in einem Faktencheck berichtet.

Unsere Bewertung:
Falsch. Gesundheitsminister Spahn hat nicht gesagt, dass ein Renteneintritt mit 70 Jahren „doch genug“ sei.

Im Netz verbreitet sich die Falschbehauptung, die Polizei dürfe unter Gebrauch einer Schusswaffe gegen Quarantäne-Verweigerer vorgehen.
Im Netz verbreitet sich die Falschbehauptung, die Polizei dürfe unter Gebrauch einer Schusswaffe gegen Quarantäne-Verweigerer vorgehen. (Symbolbild: Unsplash / Jonathan Kemper)

von Uschi Jonas

Im Internet verbreitet sich ein Ausschnitt eines SWR-Artikels. Darin wurde suggeriert, Polizisten dürften Gebrauch von einer Schusswaffe machen, wenn eine SARS-CoV-2-infizierte Person das Haus verlasse. Das ist falsch. Der SWR hat den Text inzwischen überarbeitet.

„Unglaublich! Coronavirus: und Quarantäne! Als letzte Möglichkeit dürfte sogar von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden“, heißt es in einem Facebook-Beitrag vom 8. September. Zu sehen ist ein Screenshot aus einem Artikel des SWR vom 10. März. 

Darin hieß es wörtlich unter der Zwischenüberschrift „Was passiert, wenn ein Infizierter das Haus verlässt?“: „Gelingt dem Infizierten dennoch die Flucht, darf die zuständige Behörde diesen im Rahmen des Verwaltungszwangs mit Gewalt wieder in Gewahrsam nehmen und in Quarantäne unterbringen. Als letzte Möglichkeit dürfte sogar von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden, denn die Ansteckungsgefahr für eine Vielzahl von Personen wäre so hoch, dass zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung geboten sein kann, flüchtige Patienten unschädlich zu machen.“

Obwohl der SWR-Artikel bereits mehrere Monate alt ist, verbreitet sich sein Inhalt aktuell in Sozialen Netzwerken und wird in zahlreichen Blog-Artikeln, zum Beispiel bei Reitschuster.de oder 1984 Magazin. Die Seite Wochenblick aus Österreich schreibt im Titel: „Wenn ein Infizierter das Haus verlässt – Deutscher SWR: Quarantänebrecher erschießen, unschädlich machen“. 

Die Aussage, wenn sich jemand nicht an die Quarantäne halte, dürfe die Polizei Schusswaffen gebrauchen, ist jedoch nach Recherchen von CORRECTIV falsch. Es stimmt nicht, dass Polizeibeamte schießen dürften, nur weil eine infizierte Person das Haus verlässt. Das wäre nur erlaubt, wenn die Person zum Beispiel Polizisten mit einer Waffe angreift.

Der SWR hat den Artikel inzwischen aktualisiert

Der SWR hat den Artikel inzwischen aktualisiert. Die Passage wurde komplett umformuliert. Dort steht nun, dass der Schusswaffengebrauch nur in „absoluten Ausnahmefällen“ vorstellbar sei. Zum Beispiel, wenn die Person selbst „mit Waffengewalt gegen die Polizisten vorginge“.

Am 9. September war der Text noch mit dem ursprünglichen Absatz online. Wir haben beim SWR nachgefragt, wie es zur Aktualisierung des Artikels kam. Wolfgang Utz, Unternehmenssprecher des Südwestrundfunks, schreibt per E-Mail, dass die Redaktion festgestellt habe, dass der Absatz missverständliche Formulierungen enthalten habe: 

„Es war der Eindruck entstanden, dass der Schusswaffengebrauch bei allgemeinen Corona-Verstößen (etwa wenn eine infizierte Person die Quarantäne verlässt) zulässig sei. Das ist unzutreffend, weil die Polizeigesetze einen Schusswaffengebrauch nur unter engen, hier nicht gegebenen Voraussetzungen zulassen.“

Ein Sprecher des SWR erläutert in einer E-Mail an CORRECTIV, wie es zur Überarbeitung des Artikels kam. (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Sprecher des SWR erläutert in einer E-Mail an CORRECTIV, wie es zur Überarbeitung des Artikels kam. (Screenshot: CORRECTIV)

Bundesinnenministerium: Schusswaffengebrauch ist ein sehr unwahrscheinliches Szenario

CORRECTIV hat zur genauen rechtlichen Lage das Bundesinnenministerium (BMI) angefragt. Ein Sprecher schreibt per E-Mail, dass Personen, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind oder im Verdacht stehen, infiziert zu sein, sich gemäß dem Infektionsschutzgesetz von anderen Menschen isolieren müssen. 

„Kommt der Betroffene der Anordnung zur Absonderung nicht nach, wird er auf Anordnung des zuständigen Gerichts zwangsweise durch Unterbringung in einem abgeschlossenen Krankenhaus, Krankenhausteil oder einer anderen geeigneten abgeschlossenen Einrichtung abgesondert“, schreibt der Sprecher weiter. Rechtsgrundlage dafür seien die jeweiligen Polizei- und Ordnungsgesetze der Länder. 

Zum Schusswaffengebrauch betont der BMI-Sprecher: „Ein Schusswaffengebrauch zur Durchsetzung von Absonderungsmaßnahmen ist ein sehr unwahrscheinliches Szenario. Hier liegen keinerlei Erkenntnisse darüber vor, ob es im Zusammenhang mit Corona-Quarantäne-Maßnahmen bereits zum Gebrauch einer Schusswaffe durch Polizeibeamte gekommen ist.“

Die E-Mail des BMI an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail des BMI an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Innenministerium Baden-Württemberg: Schusswaffengebrauch ohne zusätzliche Umstände ausgeschlossen

CORRECTIV fragte auch beim baden-württembergischen Innenministerium nach. Ein Sprecher schrieb uns per E-Mail, dass der Schusswaffengebrauch gegen Menschen strengen Voraussetzungen unterliege, und das äußerste und folgenschwerste Mittel des unmittelbaren Zwangs darstelle. 

„Ohne das Hinzukommen weiterer Umstände (zum Beispiel ein tätlicher Angriff mittels Waffe auf Vollstreckungsbeamte), sind keine Fallgestaltungen ersichtlich, nach denen der Schusswaffengebrauch zur zwangsweisen Durchsetzung einer häuslichen Quarantäne – auch nicht als letzte Möglichkeit – zulässig sein könnte“, schreibt der Sprecher. 

Die E-Mail des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Auch eine Sprecherin der Deutschen Polizeigewerkschaft schrieb in einer E-Mail an CORRECTIV, dass sie es für äußerst unwahrscheinlich halte, dass ein Schusswaffengebrauch in Erwägung gezogen werde. „Uns ist auch kein derartiger Fall bekannt.“

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Wer gegen eine Anordnung im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes verstößt, kann mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft werden

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Polizeibeamte dürfen nicht von einer Schusswaffe Gebrauch machen, nur weil sich eine SARS-CoV-2-infizierte Person nicht an die Quarantäne hält.

Frauen im Nikab
Mehrere Frauen im Nikab laufen durch eine Gasse. Das Foto soll angeblich den „Islam 2020 in der Türkei“ zeigen. Diese Behauptung ist größtenteils falsch, denn das Bild wurde schon vor zwei Jahren in Indonesien geteilt. Es soll ein Dorf auf der Insel Java zeigen. (Quelle: Twitter / Screenshot: CORRECTIV)

von Sarah Thust

Ein Foto von verschleierten Frauen zeige den „Islam 2020 in der Türkei“, wird in Sozialen Netzwerken behauptet. Diese Behauptung ist falsch, denn das Bild wurde schon vor zwei Jahren in Indonesien geteilt. Es könnte ein Dorf auf der Insel Java zeigen.

Ein Foto von verschleierten Frauen wird in unterschiedlichen Kontexten in Sozialen Netzwerken verbreitet. Das Foto zeige angeblich den „Islam 2020 in der Türkei“, behauptete ein Mann am 16. August auf Facebook. Sein Beitrag wurde mehr als 600 Mal geteilt. 

Der angebliche Bezug des Bildes zur Türkei wurde zuvor am 9. August 2020 in einem Tweet hergestellt. Der Autor schrieb auf Türkisch zum Foto: „Als Fatih [gemeint ist der osmanische Sultan Mehmed II., Anm. d. Red.] 1453 Istanbul einnahm, existierten diese Rächer nicht. Woher kommen sie im Jahr 2020?“ 

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Sie ist falsch. Das Foto ist schon mindestens zwei Jahre alt und hat keinen Bezug zur Türkei. Den genauen Ort der Aufnahme konnten wir nicht verifizieren. Das Foto könnte aber aus Indonesien oder Saudi-Arabien stammen. 

Links ein Beitrag auf Twitter von 2018, rechts der Facebook-Beitrag eines Mannes aus diesem Jahr.
Links ein Beitrag auf Twitter von 2018, rechts der Facebook-Beitrag eines Mannes aus diesem Jahr. (Quellen: Twitter, Facebook / Fotomontage: CORRECTIV)

Im Bild befinden sich keine Hinweise auf die Türkei

Die zu sehenden Frauen laufen in einer großen Gruppe eine Treppe hinunter durch eine enge Gasse, die Gesichter der meisten sind verdeckt. Daneben sind nur zwei Männer zu sehen. Im Hintergrund stehen mehrere Motorroller unter einem grünen Vorbau. Dahinter hängt Wäsche auf einer Leine. Zudem steht links hinten im Bild ein Auto, dessen Kennzeichen unverdeckt ist. Hinweise auf die Türkei fehlen in dem Bild.

Auf Twitter wurde das Bild in den vergangenen Jahren schon mehrfach geteilt. In einem Tweet wird behauptet, das Bild stamme aus Indonesien. 

Die Gesichtszüge der wenigen erkennbaren Personen und der Baustil deuten durchaus auf Indonesien hin. 

Dieses Foto zeigt nicht dieselbe Straße, aber einen ähnlichen Baustil wie den der Gebäude auf dem Bild mit den verschleierten Frauen. Es stammt aus Indonesien, den Angaben zufolge von der Insel Java.
Dieses Foto zeigt nicht dieselbe Straße, aber einen ähnlichen Baustil wie den der Gebäude auf dem Bild mit den verschleierten Frauen. Es stammt aus Indonesien, den Angaben zufolge von der Insel Java. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Aufschrift auf dem Kennzeichen des Autos ist auch mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms nicht zu erkennen. Doch es fällt auf, dass das Nummernschild besonders hoch ist. 

Das Nummernschild des Autos ist nicht flach, sondern relativ hoch. Nummernschilder in der Türkei sind hingegen eher flach und haben meist einen farbigen Streifen an der Seite.
Das Nummernschild des Autos ist nicht flach, sondern relativ hoch. Nummernschilder in der Türkei sind hingegen eher flach und haben meist einen farbigen Streifen an der Seite. (Quelle: Twitter / Geschärftes Foto: CORRECTIV)

Das Nummernschild des Autos ist nicht flach, sondern relativ hoch. Nummernschilder in der Türkei sind hingegen eher flach und haben meist einen farbigen Streifen an der Seite. (Quelle: Twitter / Geschärftes Foto: CORRECTIV)

Türkische Kennzeichen sind hingegen eher schmal – und haben teils einen blauen oder roten Balken auf der linken Seite. Die höheren weißen Kennzeichen kommen zum Beispiel in Saudi-Arabien vor.

Links sind Beispiele für Kennzeichen aus der Türkei, rechts Beispiele für Kennzeichen aus Saudi-Arabien.
Links sind Beispiele für Kennzeichen aus der Türkei, rechts Beispiele für Kennzeichen aus Saudi-Arabien. (Quelle: Worldlicenseplates.com / Screenshot: CORRECTIV)

Bilder-Rückwärtssuche auf Google bestätigt, dass das Foto mindestens zwei Jahre alt ist

Eine Bilder-Rückwärtssuche widerlegt die Behauptung, dass das Foto eine Szene in der Türkei im Jahr 2020 zeigt. Wir suchten nach dem Foto auf Google, Yandex und Tineye

Der älteste Beitrag, den wir finden konnten, wurde schon im Juli 2018 auf Twitter geteilt – auf Indonesisch von einem Nutzer, der offenbar ein Blogger oder Journalist ist und angibt, in Indonesien zu leben. Er schrieb, dass das Foto vermutlich Mitglieder der sunnitisch-islamischen Glaubensbewegung „Tablighi Jama’at“ im Bezirk Magetan auf der indonesischen Insel Java zeige. 

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Er erwähnt aber auch, es könnte ein „Dorf“ namens „Madinah“ sein. Eine Suche nach „Madinah Indonesien“ ergibt auf Google Maps keine Treffer. Stattdessen wird die Stadt Medina in Saudi-Arabien angezeigt. 

Allerdings gibt es wohl tatsächlich ein Dorf namens Madinah auf Java. An erster Stelle wird in der Google-Bildersuche ein Youtube-Video aus Indonesien von Oktober 2019 angezeigt. Es soll einen Dorfteil namens Madinah in Temboro zeigen, das im indonesischen Bezirk Magetan liegt. Das Bild der Frauen ist in dem Video nicht zu sehen, aber es zeigt, dass schwarze Verschleierung in diesem Dorf offenbar von vielen Frauen getragen wird.

Die Aufnahme mit den verschleierten Frauen könnte also aus Saudi-Arabien oder Indonesien stammen. Doch sicher lässt sich das nicht sagen.

Das Video zeigt einen Dorfteil namens „Madinah“ in Temboro in Indonesien.
Das Video zeigt einen Dorfteil namens „Madinah“ in Temboro in Indonesien. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto ist mindestens zwei Jahre alt und stammt nicht aus der Türkei. Es könnte Frauen in Indonesien oder Saudi-Arabien zeigen.

In den Sozialen Netzwerken kursieren Berichte über angebliche Polizeigewalt. Einer davon zeigt Bilder von einem Mann, der angeblich von der Polizei verletzt wurde.
In den Sozialen Netzwerken kursieren Berichte über angebliche Polizeigewalt. Einer davon zeigt Bilder von einem Mann, der angeblich von der Polizei verletzt wurde. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Sarah Thust

Nach den Protesten in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen kursieren in den Sozialen Netzwerken verschiedene Berichte über angebliche Polizeigewalt. Ein Beitrag auf Facebook zeigt einen am Boden liegenden Mann, der angeblich von der Polizei verletzt oder gar getötet worden sei. Dafür gibt es keine Belege.

Am Samstag und Sonntag, 29. und 30. August 2020, haben in Berlin zehntausende Menschen gegen Coronavirus-Schutzmaßnahmen protestiert. In mehreren Beiträgen auf Facebook von jenem Wochenende sind sechs Fotos zu sehen, die einen am Boden liegenden Mann zeigen. Der Mann scheint bewusstlos zu sein und wird in einen Krankenwagen verlegt. Es wird behauptet, dass er von Polizisten niedergeschlagen worden sei. Und es wird spekuliert, ob der Mann „noch am Leben ist“. Weder Ort und Zeit des Vorfalls noch konkrete Beweise werden im Text zu den Bildern genannt. 

Veröffentlicht wurde der Beitrag am 30. August. Seitdem wurde er mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt. Wie eine Stichwortsuche auf Twitter ergab, wurde ein ähnlicher Beitrag auch dort veröffentlicht.

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Es gibt keine Belege dafür, dass der Mann von Polizisten niedergeschlagen wurde. Ein Video zeigt lediglich, wie er bewegungslos auf dem Boden liegt und mehrere Polizisten versuchen, ihn hochzuheben. Laut Polizei spielte sich die Szene am Sonntag während einer polizeilichen Räumung an der Siegessäule ab. Tote gab es dort laut Polizei und Feuerwehr im Rahmen der Proteste nicht.

In dem Beitrag auf Facebook ist zu sehen, wie der Mann in einen Rettungswagen geschoben wird. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)
In dem Beitrag auf Facebook ist zu sehen, wie der Mann in einen Rettungswagen geschoben wird. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Die Fotos des Mannes wurden am 30. August auf Facebook veröffentlicht. Wir haben weder Fotos noch Videos im Netz gefunden, die zeigen würden, dass der Mann von der Polizei verletzt wurde. Ein Video in den Facebook-Kommentaren zeigt lediglich, wie der Mann von den Bildern (erkennbar an der Kleidung und auch anhand der Nummern auf den Jacken der Polizisten) bewegungslos am Boden liegt. Er atmet erkennbar, Sanitäter sind zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht vor Ort. Mehrere Polizisten versuchen, den Mann hochzuheben, doch es gelingt ihnen nicht. 

Ein Screenshot aus einem Video, mit dem eine Nutzerin den Facebook-Beitrag bei einer Coronavirus-Maßnahmen-Demo kommentiert hat. Es zeigt keine Polizeigewalt.
Ein Screenshot aus einem Video, mit dem eine Nutzerin den Facebook-Beitrag bei einer Coronavirus-Maßnahmen-Demo kommentiert hat. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Berliner Polizei räumte den Platz wegen einer „unerlaubten Ansammlung von Personen“, die keinen Abstand hielten

Ein Sprecher der Berliner Polizei schrieb CORRECTIV per E-Mail, dass es sich vermutlich um eine Aufnahme vom Sonntag am Großen Stern in Berlin handele. Dies schlussfolgerte er aufgrund der Nummern, die auf den Jacken der Polizisten zu erkennen sind. Der Kreisverkehr an der Siegessäule wurde am Sonntagnachmittag geräumt. 

Grund für die Räumung war laut dem Polizeisprecher und laut Medienberichten, dass sich dort tausende Teilnehmer ohne Erlaubnis versammelt hatten. An jenem Sonntag um 14:20 Uhr schrieb die Polizei auf Twitter, dass die Teilnehmer „ganz überwiegend weder Abstände einhalten noch [einen Mund-Nasen-Schutz] tragen“. 

Bildrecherche bestätigt: Die Fotos entstanden am 30. August an der Siegessäule in Berlin

Mit einem Vergleich der Bilder auf Facebook mit einem Video des Protests am 30. August bestätigt sich: Der Vorfall geschah am 30. August bei der Siegessäule. Eines der Facebook-Bilder zeigt einen großen schwarzen Aufsteller und einen Steinbau. Der Steinbau ist der Eingang zum Tunnel, der zur Siegessäule führt. 

Die schwarzen Aufsteller standen am Samstag und am Sonntag auf mehreren Seiten der Siegessäule, zu sehen ist das in einem Video ab Minute 16:51. Das Video wurde laut Angaben bei Youtube am 30. August in Echtzeit (als Livestream) übertragen. Laut der Seite Youtube Dataviewer wurde es um 14:42 Uhr hochgeladen.

Oben das Facebook-Foto, unten ein Screenshot aus einem Youtube-Video vom 30. August.
Oben das Facebook-Foto, unten ein Screenshot aus einem Youtube-Video vom 30. August. (Quellen: Facebook; Youtube / Screenshots: CORRECTIV)

Die Berliner Zeitung hat am Sonntag, 30. August, ebenfalls ein Foto veröffentlicht, auf dem der liegende Mann zu sehen ist. Aus dem Artikel geht aber nicht hervor, was mit dem Mann geschehen ist. In der Bildunterschrift steht eine allgemeine Beschreibung: „Mehrere Personen wurden am Sonntag rund um die Siegessäule festgenommen.“

Ein Bericht der Berliner Zeitung zeigt ein Foto desselben Mannes wie im Facebook-Beitrag.
Ein Bericht der Berliner Zeitung zeigt ein Foto desselben Mannes wie im Facebook-Beitrag. (Quelle: Berliner Zeitung / Screenshot: CORRECTIV)

Augenzeuge berichtet: „Es gab keinerlei Anzeichen für eine Auseinandersetzung“

Wir haben am Telefon mit dem Fotografen Eric Richard von der Berliner Zeitung gesprochen, der das Foto laut eigenen Angaben um 14:37 Uhr gemacht hat. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Polizisten die Menschen zurückdrängen wollen. Richard sagte auch, dass er seit 30 Jahren Demonstrationen in Berlin fotografiere. Und aus seiner Erfahrung heraus vermute er, dass der Mann sich freiwillig auf den Boden gelegt habe.

Tatsächlich sieht man auf einem anderen Foto der Berliner Zeitung die Beine einer weiteren Person, die offenbar ebenfalls auf dem Boden lag.

„Als ich ankam, lag der Mann schon am Boden“, sagte Richard über den Mann, der von Einsatzkräften weggetragen wurde. „Die Polizei stand um ihn herum und versuchte, mit ihm zu sprechen. Es gab keinerlei Anzeichen für eine vorherige Auseinandersetzung zwischen dem Mann und der Polizei. Die Polizisten wirkten eher erstaunt und unsicher, was absolut untypisch wäre, wenn es vorher Zwangsmaßnahmen gab. (…) Soweit ich mich erinnere, löste sich die Situation auf, als die Polizei einen Rettungswagen anforderte.“

Laut Polizei wurde der Mann aufgrund von Kreislaufproblemen in ein Krankenhaus gebracht 

Laut der Berliner Polizei wurde der Mann aufgrund von Kreislaufproblemen vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht. „Einsatzkräfte berichteten, dass sich der abgebildete Mann in einer unerlaubten Ansammlung aufhielt, die er trotz mehrmaliger Aufforderung nicht verlassen wollte. Aus diesem Grund mussten ihn Einsatzkräfte wegtragen“, schrieb uns ein Sprecher am 8. September.

Die Nachfrage bei der Berliner Polizei und der Feuerwehr hat auch ergeben, dass keine Todesfälle am Großen Stern – dem Platz, auf dem die Siegessäule steht – im Rahmen der Demonstrationen gegen die Coronavirus-Maßnahmen bekannt seien. „Nein, wir haben keine leblose Person an dem Wochenende gehabt“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr auf Nachfrage von CORRECTIV.  

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Die Berliner Feuerwehr, die an dem Wochenende die Rettungseinsätze koordinierte, bestätigte uns lediglich, dass es am Sonntag mehrere Einsätze im Bereich um den Großen Stern gab. Eine Differenzierung nach Anlass sei „an dieser Stelle nicht ohne Weiteres möglich“. 

Seit den Demonstrationen am 29. und 30. August in Berlin wurden mehrere Bilder und Videos in den Sozialen Medien verbreitet, die angeblich unangemessene Polizeigewalt zeigen sollen. Berichte über den vermeintlichen Tod einer Frau haben wir bereits in einem Faktencheck widerlegt; den Vorwurf von Polizeigewalt gegen eine schwangere Frau haben wir hier überprüft. Beide Vorfälle ereigneten sich am Sonntag in Berlin-Tiergarten.

Fazit: Die Bilder stammen von Corona-Protesten am Sonntag, 30. August. Es gibt aber keine Belege dafür, dass die Polizei dem Mann auf den Fotos Gewalt angetan hat. Sie zeigen lediglich einen Mann, der am Großen Stern auf der Straße liegt und später von Sanitätern weggebracht wird. Weder die Polizei noch die Feuerwehr haben an jenem Wochenende einen Todesfall im Zusammenhang mit den Corona-Demos registriert.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass der Mann auf den Fotos Opfer von Polizeigewalt wurde oder starb.

Polizeihauptkommissar Karsten Bonack ist kein Schauspieler, aber er war Protagonist in einer TV-Sendung.
Polizeihauptkommissar Karsten Bonack ist kein Schauspieler, aber er war Protagonist in einer TV-Sendung. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Karsten Bonack ist einer der Polizisten, der Protestierende am 29. August daran hinderte, in das Reichstagsgebäude einzudringen. In Sozialen Netzwerken kursiert die Behauptung, er sei TV-Darsteller. Dabei wird angedeutet, die Geschehnisse auf den Stufen des Reichstags seien inszeniert gewesen. Das ist irreführend. Bonack ist Polizeihauptkommissar, kein Schauspieler.

Reichsflaggen schwingend stürmten Protestierende am 29. August auf die Treppen des Reichstagsgebäudes in Berlin. Drei Polizisten stellten sich ihnen entgegen, um sie davon abzuhalten, in das Gebäude einzudringen. Über einen der Polizisten, der in Videos der Ereignisse zu sehen ist, verbreiten sich Behauptungen in Sozialen Netzwerken. 

Mehrere Facebook-Nutzer (zum Beispiel hier, hier oder hier) geben an, ihn als angeblichen TV-Darsteller identifiziert zu haben und deuten daher an, die Geschehnisse vor dem Reichstag seien inszeniert gewesen. 

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Der Mann vor dem Reichstag ist Polizeihauptkommissar und war tatsächlich 2017 in Doku-Sendungen als Protagonist zu sehen. Er arbeitet aber nicht als Schauspieler. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass die Geschehnisse am 29. August in Berlin inszeniert waren. Eine Demonstrantin bei den Anti-Corona-Protesten hatte dazu aufgerufen, zu den Stufen zu laufen.

Polizeihauptkommissar Bonack ist kein Schauspieler, aber war als Protagonist in Doku-TV-Sendungen zu sehen

In den Facebook-Beiträgen ist zu lesen, dass der Mann „scheinbar Regie zu führen schien bei dieser Live-Inszenierung vor dem RT“. Zudem wird  er als „der schauspielende Polizist aus diversen Polizeisendungen bei RTL, Sat1 und Kabel1“ bezeichnet. In einem anderen Beitrag wird behauptet, dass er „Darsteller bei ‚Achtung Kontrolle’“ sei und dort den „Hauptkommissar spielte“.

 

Was steckt hinter diesen Behauptungen? Ein Sprecher der Polizei Berlin sagte CORRECTIV am Telefon: „Wir können eindeutig dementieren, dass der Mann ein Schauspieler ist. Er ist Beamter bei der Polizei Berlin.“ Es handele sich um Polizeihauptkommissar Karsten Bonack, er sei schon mehrere Jahrzehnte bei der Polizei in der Hauptstadt tätig. Weiter erklärte der Sprecher, dass Bonack tatsächlich in der TV-Sendung „Achtung Kontrolle“ des Privatsenders Kabel Eins zu sehen war. 

Kabel Eins: TV-Sendung „Achtung Kontrolle“ ist ein Reportageformat

„Es handelt sich dabei um eine von der Pressestelle vermittelte sogenannte Medienbegleitung. Das heißt, wir ermöglichen es Journalistinnen und Journalisten von verschiedenen Medienunternehmen, Einsatzkräfte der Polizei Berlin während ihrer Tätigkeit zu begleiten”, sagt der Sprecher. Bonack führe keinerlei Nebentätigkeit aus.

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Auch eine Sprecherin des Senders Kabel Eins bestätigte auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail: „Bei ‘Achtung Kontrolle’ handelt es sich um ein Reportageformat. Entsprechend zeigt die Sendung reale Ereignisse mit realen Protagonisten. Karsten Bonack war und ist Polizist in Berlin und taucht als solcher am 9.5.2017 in einer Begleitreportage über einen Polizeieinsatz am Kottbusser Tor in Berlin in der Sendung ‘Achtung Kontrolle’ auf.“

Auf Nachfrage von CORRECTIV bei der RTL Group sagte ein Pressesprecher, dass Bonack im Mai 2017 in seiner Funktion als Polizeibeamter in einer Doku-Sendung von Stern TV mit dem Titel „2300 Verbrechen in einem Jahr: Warum die Kriminalität am Kottbusser Tor dramatisch zunimmt” zu sehen war. Ob Bonack darüber hinaus in weiteren Doku- oder Reality-Formaten der RTL Group zu sehen war, konnte der Sprecher ohne konkrete Hinweise auf Sendeformate nicht weiter recherchieren.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Polizeibeamter Karsten Bonack war 2017 als Protagonist in zwei Doku-TV-Sendungen zu sehen, er ist aber kein Schauspieler.

Demo
Am 29. August fand in Berlin-Tiergarten eine Demonstration und Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung statt. (Credit: Uschi Jonas / CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook wird behauptet, eine schwangere Frau sei von Polizeibeamten „niedergeknüppelt“ worden. Daraufhin sei sie ins Krankenhaus eingeliefert worden, in dem das Kind verstorben sei. Diese Aussagen sind falsch. Für den Tod des Kindes gibt es zudem keine Belege.

Eine schwangere Frau sei am Samstag, 29. August, „von der Schlägertruppe“ niedergeknüppelt worden und ihr Kind sei später verstorben, wird in einem Facebook-Beitrag behauptet. Dazu wurde ein virales Video veröffentlicht, in dem zu sehen ist, wie Polizisten eine Frau zu Boden drücken (zum Beispiel hier). Dazu zeigt der Beitrag den Ausschnitt eines Messenger-Chats mit der Aussage: „Schwangere Frau wird von der Polizei […] Sie wurde später ins KH [Krankenhaus] eingeliefert. Das Kind ist gestorben.“

Der Beitrag wurde am 30. August auf Facebook veröffentlicht und bisher mehr als 500 Mal geteilt. Er bezieht sich auf die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung in Berlin.

Eine Schwangere wurde angeblich von der Polizei „niedergeknüppelt“ und das Kind sei daraufhin verstorben, heißt es auf Facebook. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Es gibt keine Belege dafür, dass das ungeborene Kind gestorben ist. Tatsächlich wurde eine schwangere Frau bei einem Polizeieinsatz im Berliner Tiergarten am Sonntag, 30. August auf den Boden gedrückt, nicht am Samstag. Sie wurde auch nicht „niedergeknüppelt“ und nicht ins Krankenhaus eingeliefert. 

Videos und Fotos von diesem Polizeieinsatz in Berlin-Tiergarten kursieren im Netz. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

Polizei unterlief bei der Pressemitteilung zum Einsatz zunächst ein Fehler beim Datum

Die Berliner Polizei nahm zu dem viralen Video auf Twitter und auch auf Facebook Stellung. Sie verwies dabei auch auf eine Mitteilung auf ihrer Webseite. Dort schrieb die Polizei zunächst, der Einsatz hätte am Samstag (29. August) stattgefunden (Archiv). So könnte das falsche Datum im Facebook-Beitrag zustande gekommen sein.

Mittlerweile hat die Polizei die Mitteilung aber korrigiert, und spricht von Sonntag. Ein Polizeisprecher bestätigte uns telefonisch, dass die erste Version fehlerhaft war.

Zu dem Einsatz mit der schwangeren Frau schrieb die Polizei in der aktuellen Pressemitteilung, das Video zeige die Festnahme einer schwangeren Frau im Bereich des Großen Sterns in Tiergarten am Sonntag, 30. August. Auf Facebook teilte die Polizei mit, die Frau habe einen Platzverweis erhalten und daraufhin einem Polizisten gegen das Visier seines Helms geschlagen.

Polizei: „Einen Transport ins Krankenhaus lehnte die Schwangere ab“

In der Mitteilung auf der Webseite der Polizei steht, Einsatzkräfte hätten angegeben, dass die 42-jährige Frau gegen 13:45 Uhr versucht habe, eine Absperrung zu durchbrechen. Sie habe zudem einen Beamten geschlagen und angespuckt. „Einsatzkräfte brachten die Frau zu Boden und nahmen sie fest“, schrieb die Polizei weiter. „Sanitäter eines Rettungswagens stellten keine Verletzungen fest. Einen Transport in ein Krankenhaus lehnte die Schwangere ab.“ 

Gegen sie werde nun wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung ermittelt. Anders als in den Sozialen Netzwerken behauptet werde, gebe es „keine Anhaltspunkte für eine Gesundheitsbeeinträchtigung der Mutter und des ungeborenen Kindes“.

Feuerwehr bestätigt: Ein Rettungswagen für eine Schwangere wurde zwischen 13 und 14 Uhr nach Berlin-Tiergarten gerufen

Auf unsere Anfrage teilte die Berliner Feuerwehr, die die Einsätze von Rettungswagen in Berlin koordiniert, mit, dass an dem Sonntag zwischen 13 und 14 Uhr fünf Alarme für den Großen Stern in Berlin-Tiergarten in der Rettungsstelle eingegangen seien. „Des Weiteren wurde ein Einsatz angelegt, bei dem es sich um eine schwangere Frau handeln sollte. Diese Person wurde nicht von der Berliner Feuerwehr transportiert“, schrieb uns ein Sprecher. 

Telefonisch teilte er uns mit, der Alarm sei um 13:56 Uhr eingegangen. Dabei ging es vermutlich um den besagten Polizeieinsatz. Ob die Frau verletzt wurde, und wenn ja, welche Verletzungen sie erlitt, teilte uns der Sprecher der Feuerwehr aus Datenschutzgründen nicht mit.

Laut der Berliner Feuerwehr wurde die schwangere Frau nicht ins Krankenhaus gebracht. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass das ungeborene Kind der Frau nach dem Polizeieinsatz verstorben ist.

Rigaer Straße Berlin
Dieses Foto wird in falschem Kontext auf Facebook verbreitet. Es stammt von 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein Bild, das hundertfach bei Facebook geteilt wird, soll angeblich das Resultat heftiger Krawalle der „Antifa“ in Berlin zeigen. Angeblich hätten diese am selben Abend wie die großen Corona-Proteste stattgefunden. Das ist falsch: Das Foto ist von 2017, und es gab an dem Wochenende auch keine ähnlichen Vorfälle. 

Auf Facebook wird ein Bild einer nächtlichen Straße verbreitet, auf der verbrannte Autos stehen. Es stamme aus der Rigaer Straße in Berlin von „gestern Abend“, so der Nutzer, der es am 30. August 2020 hochgeladen hat. „Nur mal so zum Vergleich“, schrieb die Person und setzte dazu den Hashtag #b2908, der auf die großen Proteste gegen die Corona-Maßnahmen am 29. August in Berlin verweist. Der Facebook-Beitrag wurde bereits knapp 800 Mal geteilt. 

Es wird also behauptet, am 29. August hätte „die Antifa“ die Rigaer Straße verwüstet, und dieses Foto zeige das Resultat. Das ist falsch.

Das Foto der Rigaer Straße ist von 2017

Mit einer Bilder-Rückwärtssuche bei der Suchmaschine Bing fanden wir das Foto in einem Facebook-Beitrag der Jungen Gruppe der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Hamburg vom 18. Juni 2017. Der Text „Junge Gruppe GdP“ ist sogar in dem Facebook-Beitrag vom 30. August 2020 zu sehen.

Facebook-Beitrag über Rigaer Straße 2017
Ein Screenshot des Facebook-Beitrags, der das Foto in falschen Kontext stellt. Im Bild ist unten am Rand mittig zu lesen „Junge Gruppe GdP“. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Text des Beitrags der GdP steht, das Bild stamme vom Vortag aus Berlin, also dem 17. Juni 2017. Tatsächlich hatte es an dem Wochenende in der Rigaer Straße in Friedrichshain Krawalle gegeben: Laut Polizei seien brennende Barrikaden errichtet und die Beamten unter anderem mit Flaschen und Steinen beworfen worden. Darüber gab es am 17. Juni auch mehrere Medienberichte. Darin sind weitere Fotos der mit Pflastersteinen übersäten Straße zu sehen.  

Auf Nachfrage, ob es am 29. oder 30. August in Berlin ähnliche Vorfälle gegeben habe, antwortete eine Polizeisprecherin am Telefon: „Nein. Und wenn so etwas passiert wäre, wüssten wir davon.“ 

Den veröffentlichten Polizeimeldungen ist ebenfalls nichts zu entnehmen. Es gibt lediglich einzelne Meldungen über brennende Autos, Täter und Gründe sind stets unklar: eine aus Neukölln (qualmender BMW), eine aus Mitte (Feuer in einer Tiefgarage), eine aus Marzahn-Hellersdorf (brennender Reifen eines parkenden Autos), und eine über zwei brennende Autos in Marzahn-Hellersdorf und Steglitz-Zehlendorf (ein Opel und ein Smart). 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto zeigt keine Krawalle in der Rigaer Straße am 29. August 2020. Es gab an diesem Tag in Berlin keine solchen Vorfälle. 

Bild von iOS (2)
Am 29. August fand in Berlin-Tiergarten eine Demonstration und Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung statt. (Credit: Uschi Jonas / CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Im Netz kursieren Videos, in denen eine schwangere Frau von Polizeibeamten auf den Boden gedrückt wird. Die Szene soll sich bei einer Demo am 29. August in Berlin zugetragen haben. Das Video ist authentisch, allerdings war der Vorfall am Sonntag, 30. August.

Die Berliner Polizei habe bei einer „Corona-Demo“ am Wochenende eine schwangere Frau auf den Boden gedrückt: Videos, diese Behauptung stützen sollen, wurden auf Youtube veröffentlicht (zum Beispiel hier) und kursieren in Sozialen Netzwerken (zum Beispiel hier oder hier). 

In einem der Facebook-Beiträge wird behauptet, der Einsatz habe sich am 29. August in Berlin-Tiergarten ereignet: „Brutale Demokratie im Tiergarten / Berlin am 29.08.2020 im Einsatz gegen eine schwangere Frau…Da fehlen einem die Worte!“ Der Beitrag wurde am 30. August auf Facebook veröffentlicht und bisher 1.100 Mal geteilt.

Videos und Fotos von diesem Polizeieinsatz in Berlin-Tiergarten kursieren im Netz. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Sie ist größtenteils richtig. Das Video stammt tatsächlich von den Corona-Protesten am vergangenen Wochenende. Eine schwangere Frau wurde bei einem Polizeieinsatz im Berliner Tiergarten auf den Boden gedrückt. Der Einsatz fand allerdings am Sonntag, 30. August, statt, und es fehlt der Kontext des Vorfalls.

Polizei unterlief bei der Pressemitteilung zum Einsatz zunächst ein Fehler beim Datum

Die Berliner Polizei nahm zu dem viralen Video auf Twitter und auch auf Facebook Stellung. Sie verwies dabei auch auf eine Mitteilung auf ihrer Webseite. Dort schrieb die Polizei zunächst, die Einsätze hätten am Samstag (29. August) stattgefunden (Archiv). Mittlerweile hat die Polizei die Mitteilung korrigiert, und spricht von Sonntag. Ein Polizeisprecher bestätigte uns telefonisch, dass die erste Version fehlerhaft war.

Zu dem Einsatz mit der schwangeren Frau schrieb die Polizei in der aktuellen Pressemitteilung, das Video zeige die Festnahme einer schwangeren Frau im Bereich des Großen Sterns in Tiergarten. Auf Facebook teilte die Polizei mit, sie habe einen Platzverweis erhalten und daraufhin einem Polizisten gegen das Visier seines Helms geschlagen.

Polizei: 42-jährige Schwangere habe einen Beamten geschlagen und angespuckt

In der Mitteilung auf der Webseite der Polizei steht, Einsatzkräfte hätten angegeben, dass die 42-jährige Frau versucht habe, eine Absperrung zu durchbrechen. Sie habe zudem einen Beamten geschlagen und angespuckt. „Einsatzkräfte brachten die Frau zu Boden und nahmen sie fest“, schrieb die Polizei weiter. „Sanitäter eines Rettungswagens stellten keine Verletzungen fest. Einen Transport in ein Krankenhaus lehnte die Schwangere ab.“ 

Gegen sie werde nun wegen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung ermittelt. Anders als in den Sozialen Netzwerken behauptet werde, gebe es „keine Anhaltspunkte für eine Gesundheitsbeeinträchtigung der Mutter und des ungeborenen Kindes“.

Feuerwehr bestätigt: Es gab einen Einsatz wegen einer schwangeren Frau

Auf unsere Anfrage teilte die Berliner Feuerwehr, die die Einsätze von Rettungswagen in Berlin koordiniert, mit, dass an dem Sonntag zwischen 13 und 14 Uhr fünf Alarme für den Großen Stern in Berlin Tiergarten in der Rettungsstelle eingegangen seien. „Des Weiteren wurde ein Einsatz angelegt, bei dem es sich um eine schwangere Frau handeln sollte. Diese Person wurde nicht von der Berliner Feuerwehr transportiert“, schrieb uns ein Sprecher. 

Telefonisch teilte er uns mit, der Alarm sei um 13:56 Uhr eingegangen. Dabei ging es vermutlich um den besagten Polizeieinsatz. Ob die Frau verletzt wurde, und wenn ja, welche Verletzungen sie erlitt, teilte uns der Sprecher der Feuerwehr aus Datenschutzgründen nicht mit.

Laut der Berliner Feuerwehr wurde die schwangere Frau nicht ins Krankenhaus gebracht. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Videos im Netz zeigen einen Polizeieinsatz vom 30. August am Großen Stern in Berlin Tiergarten. Dabei wurde eine schwangere Frau auf den Boden gedrückt. Laut Polizei soll sie zuvor einen Platzverweis erhalten und einen Beamten geschlagen und angespuckt haben. Sie wurde nicht in ein Krankenhaus gebracht.

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Das Video zeigt einen Polizeieinsatz am 30. August in Tiergarten, bei dem Beamte eine schwangere Frau zu Boden drückten.