Faktencheck

Michael Spitzbart liegt falsch – das Coronavirus ist aktuell nicht mit Grippevirus vergleichbar

Der Arzt Michael Spitzbart vergleicht das neuartige Coronavirus auf Facebook und Instagram mit dem Grippevirus. Seine Behauptung: Beide Virentypen seien ähnlich gefährlich. Seine Argumente sind jedoch zum Teil irreführend.

von Lea Weinmann

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Michael Spitzbart vergleicht das Coronavirus bei Facebook und Instagram mit dem Grippevirus. (Quelle: Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)
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Teilweise falsch. Für Vergleiche mit dem Grippevirus oder Schätzungen zur Sterblichkeitsrate ist die Datenlage rund um das neuartige Coronavirus noch nicht ausreichend.

In zwei Beiträgen auf Facebook und auf Instagram verbreitet der Arzt Michael Spitzbart verschiedene Behauptungen, die belegen sollen, dass das neuartige Coronavirus nicht gefährlicher als ein herkömmlicher Grippevirus und mit einem solchen vergleichbar sei.

Die Beiträge wurden am 28. und am 31. März auf dem Instagram- (hier und hier) und dem Facebook-Profil (hier und hier) von Michael Spitzbart veröffentlicht. Die Beiträge auf Facebook wurden zusammengenommen bisher mehr als 2.600 Mal in dem Sozialen Netzwerk geteilt (Stand: 2. April). Schon einige Tage zuvor hatte Spitzbart auf seinen Profilen die Behauptung verbreitet, Vitamin C könne in hoher Dosierung Viren „effektiv abtöten“. Dafür gibt es aber keine Belege – CORRECTIV hat dazu bereits einen Faktencheck veröffentlicht.

Was Spitzbart in den aktuellen Beiträgen über das neuartige Coronavirus schreibt, ist zum Teil irreführend. Seine einzelnen Behauptungen im Faktencheck:


Erste Behauptung: Die Sterblichkeitsrate des Coronavirus sei vergleichbar mit der eines Grippevirus, beide lägen bei einem Prozent

Spitzbart behauptet, die medizinischen Fachzeitschriften Lancet, Nature und das The New England Journal of Medicine rechneten bei Covid-19 mit einer Sterblichkeitsrate von einem Prozent – „also wie bei einer normalen Influenza-Grippe“, schreibt er. Quellen für diese Behauptung führt er nicht an.

Das ist irreführend, denn aktuell lassen sich die Sterblichkeitsraten von Covid-19 und Influenza seriös noch nicht vergleichen, weil sie unterschiedlich gemessen werden.

Die WHO schreibt, auf Basis bisheriger Erkenntnisse scheine die Sterblichkeitsrate für Covid-19 höher zu sein als bei Influenza, insbesondere höher als bei der saisonalen Grippe. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es über die Letalität – also den Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich Erkrankten – für SARS-CoV-2 noch keine verlässlichen Daten (unter Punkt 8), weil nicht klar ist, wie viele Menschen momentan infiziert sind. Die bisherigen Studien liefern je nach Region und Messzeitpunkt sehr unterschiedliche Werte zwischen 0,8 und 7,7 Prozent, schreibt das Institut.

Das ECDC erklärt, an der saisonalen Grippe würden in Europa wegen der hohen Zahl der Ansteckungen jedes Jahr geschätzt zwischen 15.000 und 75.000 Menschen sterben. Dies sei etwa einer von 1.000 Infizierten (0,1 Prozent).

Die Zahl der Grippetoten wird in Deutschland auf Basis der sogenannten Exzess-Mortalität berechnet, erklärte das RKI in seinem Grippe-Saisonbericht 2018 (Seite 21 und 22). Häufig werde Influenza nicht als Todesursache in den Totenschein eingetragen und „verberge“ sich hinter anderen Vorerkrankungen. Deshalb werde die Sterberate statistisch geschätzt: Experten beobachten, wie viele Menschen in der Grippesaison im Vergleich zu den übrigen Monaten im Jahr sterben. Sollte es in der Zeit einen „Mortalitätsanstieg“ geben, werden diese zusätzlichen Todesfälle der Influenza zugeordnet. Dies wird auch als „Übersterblichkeit“ bezeichnet (PDF, Seite 34).

In der Grippesaison 2017/2018 beispielsweise errechnete man so 25.000 Tote in Deutschland – was eine „ungewöhnlich starke“ Grippewelle gewesen sei, heißt es in dem Bericht des RKI (Seite 7 und 8). In der aktuellen Grippesaison wurden bisher (Stand: 3. April) 377 Todesfälle mit Influenzavirus-Infektion an das Institut übermittelt (Wochenbericht, KW 13/20 Seite 1).

Beim Coronavirus ist es für solche statistischen Schätzungen zu früh. Es werden aktuell nur die Covid-19-positiv getesteten Todesfälle gemeldet.

Zweite Behauptung: In Wuhan gebe es deshalb so viele Covid-19-Tote, weil die dortige schlechte Luftqualität zu Lungenschäden führe

„Die Region Wuhan hat eine katastrophale Luftqualität mit den dadurch verbundenen Vorerkrankungen der Lunge. Natürlich sterben Menschen an COVID-19“, schreibt Spitzbart weiter. Diese Behauptung ist bisher nicht belegt, Forscher vermuten aber einen möglichen Zusammenhang: So bringen epidemiologische Studien (beispielsweise hier und hier) eine erhöhte Feinstaubbelastung mit einer größeren Anfälligkeit für Atemwegsinfektionen in Verbindung. Bereits im Jahr 2003 ergab eine Studie zu dem Coronavirus, das die Krankheit SARS auslöst, dass die unterschiedlich hohe Zahl der SARS-Todesfälle in China unter Umständen mit der verschieden starken Luftverschmutzung in den Gebieten zusammenhängen könnte.

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Zudem gibt es die These, dass Feinstaubpartikel die Ausbreitung von Viren möglicherweise begünstigen könnten: Forscher verschiedener italienischer Universitäten sowie der italienischen Gesellschaft für Umweltmedizin haben dazu im März ein gemeinsames Positionspapier veröffentlicht, in dem sie diese These auf die schlechte Luftqualität in Norditalien und die dortige hohe Zahl an Covid-19-Patienten übertragen. Belegt ist aber auch diese Überlegung bisher nicht.

Dritte Behauptung: In Italien würden fünfmal mehr Menschen an im Krankenhaus erworbenen multiresistenten Keimen sterben, diese Verstorbenen füllten fälschlicherweise die Corona-Statistik

Die hohen Todeszahlen in anderen Ländern, wie beispielsweise Italien, sind laut Spitzbart angeblich auch auf mangelnde Krankenhaushygiene zurückzuführen: „In Italien sterben 5 x mehr Menschen an den erst im Krankenhaus erworbenen multiresistenten Keimen“, schreibt er und gibt als Quelle das European Center of Desease Control (ECDC) an. Diese Verstorbenen füllten fälschlicherweise die Corona-Statistik, behauptet er. Das ist irreführend.

Es gibt zwar Hinweise darauf, dass die Hygiene in italienischen Krankenhäusern schlechter ist als in anderen Ländern. So sagte beispielsweise ein Gesundheitssoziologe, Claus Wendt, am 24. März gegenüber dem ZDF, dass Italien im europäischen Vergleich besonders schlecht abschneide.

Das ECDC, das Spitzbart anführt, hat im Jahr 2018 auch eine Studie veröffentlicht, in der Todesfälle in Folge aller Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien geschätzt wurden. Die Daten dazu wurden schon im Jahr 2015 erhoben. Zwar kommt die Untersuchung tatsächlich zu dem Ergebnis, dass es in Italien etwa 4,5 Mal so viele Todesfälle gab wie in Deutschland (10.762 Fälle in Italien zu 2.363 Fällen in Deutschland, Seite 61).

Die Studie des ECDC von 2018 schätzte 10.762 Todesfälle in Italien und 2.363 Todesfälle in Deutschland in Folge antibiotikaresistenter Bakterien. (Quelle: ECDC, Screenshot: CORRECTIV)

Doch in der Untersuchung ging es nicht, wie Spitzbart behauptet, um Infektionen, die Menschen sich im Krankenhaus eingefangen haben. Nach Angaben der Autoren stehen lediglich zwei Drittel dieser Infektionen (63,5 Prozent) mit einer medizinischen Behandlung im Zusammenhang (PDF, Seite 61 sowie Angaben des RKI, Frage: „Wie viele Infektionen werden durch multiresistente Erreger verursacht?“).

Umgekehrt machen antibiotikaresistente Bakterien, um die es in der Studie geht, laut RKI auch nur einen Teil aller Krankenhausinfektionen aus. Zahlen zu diesen Infektionen als Beleg für eine mangelnde Krankenhaushygiene anzuführen, ist also irreführend. Wie viele Krankenhausinfektionen (und daraus resultierende Todesfälle) es in Italien wirklich gibt, konnte CORRECTIV nicht herausfinden.

Es gibt zudem keine Belege für die These, dass Krankenhauskeime statt SARS-CoV-2 für die Todesfälle in Italien verantwortlich sind; dies ist Spekulation. Im Widerspruch dazu steht außerdem, dass laut den italienischen Behörden die bestätigten Todesfälle mit dem Coronavirus infiziert waren (Bericht des italienischen Gesundheitsinstituts vom 30. März).

Vierte Behauptung: In Europa messe man aktuell eher eine Untersterblichkeit, nur in Italien sehe man eine Übersterblichkeit bei Menschen über 65 Jahren

Laut dem Portal Euromomo verzeichne aktuell nur Italien eine Übersterblichkeit bei Menschen über 65 Jahren, behauptet Spitzbart außerdem. Sonst messe man „eher eine Untersterblichkeit“.

Das Portal Euromomo (European Mortality Monitoring Project) wertet wöchentlich die Mortalitätsraten europäischer Länder aus. Die interaktiven Karten zeigen, dass in Italien in den Kalenderwochen elf, zwölf und 13 tatsächlich eine (teils sehr hohe) Übersterblichkeit gemessen wurde.

Nach den aktuellsten Daten auf dem Portal Euromomo gab es in Italien und Spanien in der Kalenderwoche 13 eine deutliche Übersterblichkeit. (Quelle: Euromomo, Screenshot: CORRECTIV)

Die Herausgeber machen auf der Homepage deutlich: Die übermäßige Gesamtmortalität in einigen Ländern sei durch eine besonders hohe Übersterblichkeit bedingt, die vor allem in der Altersgruppe der über 65-Jährigen zu beobachten sei (Stand: 3. April). Zudem warnt das Portal, man solle die Zahl der Todesfälle in den letzten Wochen mit Vorsicht interpretieren, da sie ungenau sein könnten und je nachdem, welche Länder an der Auswertung teilnehmen, variieren könnten.

Euromomo mahnt, die Todeszahlen der vergangenen Wochen mit Vorsicht zu interpretieren. (Quelle: Euromomo, Screenshot: CORRECTIV)

Es stimmt also, dass in Italien aktuell laut Euromomo eine Übersterblichkeit bei Menschen im Alter von 65 Jahren an beobachtet wird. Daraus lassen sich aber keine seriösen Schlüsse auf die Entwicklung der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 ziehen.

Die Graphen zur nationalen Sterblichkeit in den europäischen Ländern lassen zudem aktuell keinen Trend erkennen, der darauf hindeutet, dass in Europa aktuell „eher eine Untersterblichkeit“ gemessen werde: Einzelne Graphen liegen unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahren („z-Score“ genannt), die meisten liegen momentan leicht darüber.





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