Faktencheck

Grippetote in Deutschland 2018 und 2020: Warum man diese Zahlen nicht miteinander vergleichen kann

Auf Facebook wird behauptet, es habe dieses Jahr etwa 24.500 weniger Grippetote gegeben als vor zwei Jahren. Das stimmt so nicht. Die aufgeführten Zahlen lassen sich nicht miteinander vergleichen. Trotzdem verlief die Grippewelle dieses Jahr milder als sonst.

von Lea Weinmann

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Starben vor zwei Jahren sehr viel weniger Menschen an der Grippe als in diesem Jahr? Das wird auf Facebook behauptet. Die Vergleichszahlen sind jedoch irreführend. (Symbolbild: Pixabay/Renate Köppel)
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Teilweise falsch. Die Zahlen zu den Grippetoten lassen sich nicht vergleichen.

In einem Sharepic, das am 14. April auf Facebook veröffentlicht wurde, werden die Zahlen der bisherigen Grippetoten in diesem Jahr mit einer Zahl von vor zwei Jahren verglichen. Die Behauptung: Vor zwei Jahren seien wesentlich mehr Menschen an der Grippe gestorben als in der aktuellen Saison. Das Bild wurde bisher mehr als 1.300 Mal auf Facebook geteilt. Ein ähnliches Bild wurde am 16. April von der Facebook-Seite Wissen ist Macht veröffentlicht und bisher fast 1.000 Mal geteilt (Stand: 16. April).

Der Vergleich ist allerdings irreführend.

Behauptung: „24.589 weniger Grippetote als vor zwei Jahren“

„Nur 411 Todesfälle durch die Grippe“ habe es nach aktuellen Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in diesem Jahr gegeben, wird in dem Beitrag behauptet. Im Vergleich dazu seien vor zwei Jahren 25.100 Menschen an der Grippe gestorben, „das sind 24.589 weniger“, heißt es weiter.


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Es habe in diesem Jahr wesentlich weniger Grippetote gegeben, als vor zwei Jahren, wird in dem Bild behauptet. Der Vergleich ist irreführend. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Davon abgesehen, dass es gemäß dieser Rechnung nicht 24.589, sondern 24.689 weniger Grippetote gegeben haben müsste, werden hier zwei Zahlen verwendet, die unterschiedlich erhoben werden und sich deshalb nicht vergleichen lassen.

Das RKI hat die Grippewelle dieses Jahres für beendet erklärt

Im Gegensatz zur Grippesaison, die den Zeitraum bezeichnet, in dem Influenzaviren hauptsächlich zirkulieren (normalerweise von Oktober bis Mitte Mai) spricht man von einer Grippewelle, wenn es eine erhöhte Influenza-Aktivität gibt, also mehr Grippefälle als üblich in einem Zeitraum auftreten. Die jährliche Grippewelle hat in den vergangenen Jahren meist im Januar begonnen und drei bis vier Monate gedauert, schreibt das RKI.

Die Grippewelle 2020 hat die Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI in ihrem aktuellen Wochenbericht (PDF, KW15/2020) für beendet erklärt. Nach Definition der Arbeitsgemeinschaft begann sie in der zweiten Kalenderwoche 2020 und endete bereits Mitte März (in der 12. KW, Seite 1).

Seit Anfang Oktober 2019 wurden insgesamt 434 Todesfälle mit Influenzavirus-Infektion an das Institut übermittelt. Das entspricht also zumindest ungefähr der Behauptung in dem Facebook-Beitrag.

Im Saisonbericht des RKI von vor zwei Jahren war von rund 25.000 „Influenza-bedingten Todesfällen“ die Rede – es sei eine „ungewöhnlich starke“ Grippewelle gewesen, heißt es in dem Papier (Seite 7 und 8). Tatsächlich „mit laborbestätigter Influenza-Infektion“ an das RKI gemeldet wurden damals jedoch 1.674 Todesfälle (Seite 35) – und das ist die Zahl, die man für einen Vergleich der Grippewellen richtigerweise heranziehen müsste.

Die Zahl von 25.000 Grippetoten basiert auf statistischen Schätzungen

Um die große Differenz zu verstehen, muss man wissen, wie die Arbeitsgemeinschaft diese Zahlen erhebt:

Die 25.000 Todesfälle basieren – im Gegensatz zu den tatsächlich gemeldeten Grippetoten – auf statistischen Schätzungen, erklärt das RKI in seinem Grippe-Saisonbericht 2018/19 (Seite 21 und 22). Grundlage für diese Schätzung bildet die sogenannte Exzess-Mortalität: Experten beobachten dabei, wie viele Menschen in der Grippesaison im Vergleich zu den übrigen Monaten im Jahr sterben. Sollte es in der Zeit einen „Mortalitätsanstieg“ geben, werden diese zusätzlichen Todesfälle der Influenza zugeordnet. Dies wird auch als „Übersterblichkeit“ bezeichnet (PDF, Seite 34).

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Influenza wird oft nicht als Todesursache eingetragen

Häufig werde Influenza nicht als Todesursache in den Totenschein eingetragen und „verberge“ sich hinter anderen Vorerkrankungen. Deshalb werde die Sterberate statistisch geschätzt, begründet das Institut sein Vorgehen.

Tatsächlich liegt die statistische Schätzung oft weitaus höher als die Zahl der als Grippetote gemeldeten Fälle. Diese Zahlen direkt miteinander zu vergleichen, ist also irreführend.

Für die Grippesaison 2019/2020 wurden noch keine Schätzungen zu den Todesfällen veröffentlicht.

Grippewelle hatte dieses Jahr einen milderen Verlauf als in den vergangenen zwei Jahren

Trotzdem gab es in der aktuellen Saison wesentlich weniger tatsächlich gemeldete Grippe-Todesfälle als vor zwei Jahren (434 zu 1.674). Zudem endete die Grippewelle zwei Wochen früher als in den beiden Jahren davor (PDF für 2018/2019, PDF für 2017/2018, jeweils Seite 7). Das deutet darauf hin, dass die Grippewelle in diesem Jahr schwächer ausfiel als in den vergangenen beiden Jahren.

Wie eine Analyse von MDR Wissen zeigt, könnte der milde Verlauf auch mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie zusammenhängen. Im Wochenbericht der 13. Kalenderwoche schrieb das RKI dazu: „Die wegen der COVID-19-Pandemie geschlossenen Kitas und Schulen und die von der Bundesregierung beschlossenen Kontaktbeschränkungen scheinen zu einer deutlichen Reduzierung der ARE-Aktivität (Anm.: Akute Atemwegserkrankungen) vor allem in den jüngeren Altersgruppen beizutragen.”





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