Faktencheck

Nein, eine Grippeimpfung erhöht nicht das Risiko, an Covid-19 zu erkranken

Im Netz und in Messenger-Diensten wie Whatsapp kursiert die Behauptung, eine Grippeimpfung erhöhe das Risiko einer Erkrankung an der Lungenkrankheit Covid-19. Das ist falsch.

von Cristina Helberg

Grippeimpfung
Ein Arzt impft am 13. November 2019 einen Patienten gegen Grippe in Berlin. (Symbolfoto: Robert Guenther/picture alliance / dpa Themendienst)
Bewertung
Falsch. Influenza-Impfungen machen nicht anfälliger für Coronaviren.

Per Whatsapp erhielt einer unser Leser am 30. März eine Nachricht, die ihm seltsam vorkam: „Grippeimpfungen erhöhen das Risiko an Corona zu erkranken“. Was hatte ihn misstrauisch gemacht? „Jemand zitierte einen Artikel aus der Daily Mirror. Der Originaltext fehlt in der Whatsapp“, schrieb er uns über unseren CrowdNewsroom zum Coronavirus. Dort kann jeder Nachrichten oder Artikel einreichen, die unser Team dann sichtet und gegebenenfalls Faktenchecks dazu veröffentlicht. 

Erhöht die Grippeimpfung also das Risiko, an Covid-19 zu erkranken? Wir haben die Behauptung geprüft. 

Irreführende Überschrift im Daily Mirror

In der Whatsapp-Nachricht wird als angeblicher Beleg ein Artikel der britischen Zeitung Daily Mirror angeführt. Welcher Artikel genau, wird nicht gesagt. Eine Google-Suche nach dem Stichwort „flu vaccine“ (Deutsch: Grippeimpfung) und Artikeln, die zwischen dem 31. Dezember 2019 und dem 15. April 2020 auf der Webseite der Zeitung erschienen, liefert nur zwölf Treffer. In keinem der Artikel wird die Behauptung der Whatsapp-Nachricht bestätigt. Ein Artikel, der am 17. März 2020 erschien, scheint jedoch die Ursache der Falschmeldung zu sein. Der Grund ist die missverständlich formulierte Überschrift des Artikels: „Coronavirus: Top-Mediziner warnt: Wer eine Grippeimpfung bekommt, sollte zu Hause bleiben“. In dem Artikel geht es um Unsicherheiten in der britischen Bevölkerung, wer zur Risikogruppe während der Corona-Pandemie gehört. 

„Briten, die die jährliche winterliche Grippeimpfung erhalten, fallen in die Kategorie ‘hohes Risiko’ der Regierung und sollten sich selbst isolieren, warnt ein Top-Mediziner“, schreibt die Autorin des Artikels. Weiter steht dort: „Jonathan Van-Tam, stellvertretender Chief Medical Officer für England, sagte heute Morgen im Frühstücksfernsehen der BBC: ‘Ich möchte nicht auf jede einzelne Risikogruppe im Detail eingehen, aber wir sagen, dass es die Menschen sind, denen Grippeimpfstoffe angeboten werden, mit Ausnahme von Kindern, die in diese Risikokategorie passen, Menschen, für die der Ratschlag zur sozialen Distanzierung sehr eindrücklich ist.’“. 

Aus dem Kontext wird deutlich, dass nicht vor der Grippeimpfung an sich gewarnt wird, sondern erklärt wird, dass die Risikogruppen für Grippeerkrankungen und schwere Verläufe von Covid-19 mit Ausnahme von Kindern dieselben sind. 

Der britische Gesundheitsdienst National Health Service empfiehlt Grippeimpfungen für Personen ab 65 Jahren, Schwangere, Kinder und Erwachsene mit einer Vorerkrankung (zum Beispiel langfristige Herz- oder Atemwegserkrankungen) und medizinisches Personal. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission die saisonale Grippeschutzimpfung schon ab 60 Jahren.

Virologe Drosten: Man ist nach einer Influenza-Impfung nicht anfälliger für Viren

Der Hinweis in der Whatsapp-Nachricht auf einen Artikel des Daily Mirror ist demnach kein Beleg. Aber was ist dran an der Behauptung, Grippeimpfungen könnten das Risiko einer Corona-Erkrankung erhöhen? 

Im NDR-Corona-Podcast befragte die Journalistin Anja Martini am 11. März den Virologen Christian Drosten zu dem Thema: „Ist es noch sinnvoll, sich jetzt gegen Grippe impfen zu lassen? Wenn man danach, wenn man diese Impfung bekommen hat, ja zwei Wochen lang, ein bisschen anfälliger ist für Viren?“ 

Drosten antwortete: „Man ist nicht nach einer Influenza-Impfung anfälliger für Viren. Das stimmt nicht.“ Weiter sagte er: „Es ist nie schädlich, sich gegen die Grippe impfen zu lassen, zumal man dann in einer guten Startsituation ist, wenn man sich im nächsten Herbst gegen die Grippe impfen lässt. Dann hat man eine gute Reaktion auf die Impfung für die dann kommende Saison, wo das pandemische SARS-2-Virus zusammenfallen wird mit der Grippesaison.“ 

RKI: Kein Hinweis auf höheres Risiko durch Grippeimpfung 

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete das Robert-Koch-Institut per E-Mail: „Dem Robert Koch-Institut liegen bislang keine Hinweise dazu vor, dass Grippe-Impfungen das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, erhöht. Dem RKI ist auch kein physiologischer Mechanismus bekannt, der einen solchen Einfluss plausibel erklären könnte.“  

Weiter schreibt das RKI: „Gerade im Kontext der Covid-19-Pandemie – der Anfang der Covid-19-Epidemie fiel in die Grippewelle – war es essentiell, dass die Risikogruppen gegen Grippe geimpft waren, um schwere Influenza-Verläufe zu verhindern und Engpässe in Krankenhäusern (u. a. bei Intensivbetten, Beatmungsplätzen) zu vermeiden.“ Das werde auch für die kommende Influenzasaison von großer Bedeutung sein. 

Die Risikogruppen für schwere Verläufe von Influenza und Covid-19 seien sehr ähnlich: insbesondere ältere Menschen ab 60 Jahren, hochaltrige Menschen und Menschen mit Grunderkrankungen. Diesen Menschen werde eine Influenza-Impfung empfohlen. „Es ist denkbar, dass sich Personen aus den oben genannten Gruppen gegen Grippe impfen lassen haben und – unabhängig davon – an Covid-19 erkrankt sind und vielleicht auch schwer erkrankt sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen einer Grippe-Impfung und dem Risiko einer Covid-19-Erkrankung gibt“, schreibt das RKI.  

E-Mail-Antwort des Robert-Koch-Instituts auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Paul-Ehrlich-Institut: Immunsystem nur bei Lebend-Impfstoffen geschwächt 

Auch das Paul-Ehrlich-Institut schreibt auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Uns liegen keine Informationen darüber vor, dass Grippeimpfungen das Risiko erhöhen, an COVID-19 zu erkranken.“ Das Immunsystem sei bei bestimmten Impfungen wie gegen Masern durch die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Lebendvirus etwas geschwächt. Daher gelte die Empfehlung des RKI, Lebendimpfstoffe entweder gleichzeitig zu impfen oder einen Mindestabstand von vier Wochen einzuhalten. Das sei bei Totimpfstoffen nicht notwendig. 

Weiter schreibt das Paul- Ehrlich-Institut: „Bei den Grippeimpfstoffen handelt es sich mit Ausnahme des lebend-attenuierten Impfstoffes Fluenz Tetra, der nur im Alter von zwei bis einschließlich 17 Jahren eingesetzt werden darf, um Totimpfstoffe.“

E-Mail-Antwort des Paul-Ehrlich-Instituts auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Falsche Behauptung auch bei Facebook

Auch auf Facebook kursiert die falsche Behauptung. Der bei Allgemeinmedizinern umstrittene Mediziner und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke behauptet ebenfalls unter Verweis auf den Daily Mirror-Artikel in einem Facebook-Beitrag vom 24. März: „In England reihen Regierung und höchste Stellen des Gesundheitswesens all jene über 65-Jährigen, die die normale Grippe-Impfung erhalten haben, in die Gruppe der Höchstgefährdeten ein“.

Das ist, wie der Faktencheck zeigt, falsch. Der Beitrag, in dem er auf sein eigenes Seminarangebot verlinkt, wurde mehr als 1.100 Mal geteilt. Die Faktenchecker der DPA haben zu den falschen Behauptungen ebenfalls einen Artikel veröffentlicht.   

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Update, 20. April 2020: Wir haben den Text um die Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts ergänzt.