Faktencheck

Youtube-Video: Nein, das Infektionsrisiko für Covid-19 steigt nicht durch das Tragen von Mundschutz 

In einem Video auf Youtube behauptet ein junger Sanitäter namens Philipp Stehling, das Tragen eines selbstgenähten Mundschutzes sei gefährlich und sinnlos. Dafür führt er einige Studien an, deren Ergebnisse er allerdings falsch wiedergibt. 

von Bianca Hoffmann

Philipp Stehling
Der Youtuber Philipp Stehling stellt in seinem Video einige Behauptungen zum Tragen von Mundschutz auf. (Screenshot: CORRECTIV)
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Unsere Bewertung: Größtenteils falsch. Stehling zieht falsche Schlussfolgerungen aus den genannten Studien. 

Das Youtube-Video eines Notfallsanitäters wird gerade tausendfach angeschaut. Ein junger Mann namens Philipp Stehling behauptet darin, das Tragen eines Mundschutzes sei gefährlich. Die Wahrscheinlichkeit sei höher, sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 anzustecken, als wenn man keine Maske trage. Bei diesen Aussagen handelt es sich um falsche Interpretationen wissenschaftlicher Studien. 

Mittlerweile wurde das Video vom 8. April mehr als 368.000 Mal auf Youtube abgerufen. 

Stehling betreibt seinen Youtube-Kanal seit Januar 2014. Darauf gibt es vor allem Videos über seine Arbeit als Rettungssanitäter, in denen er Begriffe oder Gegenstände erklärt. Die meisten seiner Videos haben weniger als 4.000 Abrufe. Auf dem Instagram-Profil von Stehling kann man außerdem entdecken, dass er bereits Fernsehauftritte unter anderem bei RTL hatte. Auch Bild interviewte Stehling im Februar zur Corona-Pandemie. 

Seit zwei Monaten berichtet Stehling bei Youtube über das Coronavirus. Die Überschriften zu seinen Videos sind dabei oft reißerisch. So heißt es beispielsweise: „Haben die EXPERTEN VERSAGT? – REALTALK zum CORONAVIRUS! Wacht endlich auf!“ Seine Antwort lautet: Die Experten hätten alles richtig gemacht, aber „selbsternannte Experten“ in den Sozialen Netzwerken hätten versucht, das Virus zu verharmlosen. Eine Beobachtung, die wir bei CORRECTIV ebenfalls gemacht haben

Am 8. April beginnt er ein Video dann mit folgenden Worten: „Es gibt einen ganz gefährlichen, dramatischen, lebensgefährlichen Trend, nämlich das Tragen von Mundschutz.“ Das Video trägt den Titel „Wer Mundschutz trägt, steckt sich an! Neue Studie!“

Erste Behauptung: Studie belegt, Mundschutz hält die Coronaviren nicht auf  

Stehling erzählt, es gebe eine Studie, in der Covid-19-Patienten untersucht worden wären. Das Ergebnis: Sie husten die Viren durch einen chirurgischen oder Baumwollmundschutz hindurch. Der Youtuber blendet die Studie dann auch ein. (ab Minute 1:11) Allerdings handelt es sich dabei lediglich um eine kontrollierte Untersuchung von vier Patienten. Diese haben je fünfmal ohne Mundschutz, mit chirurgischem Mundschutz, mit einer Stoffmaske und noch einmal ohne Mundschutz in eine Petrischale gehustet. 

Die im Versuch gemessene Viruslast in der Petrischale nach dem Husten mit und ohne Mundschutz hat sich nicht wesentlich verändert. Das Ergebnis bei einem Mundschutz aus Baumwolle war dabei in zwei der vier Ergebnisse besser als das bei einem chirurgischen Mundschutz. 

Abschließend schreiben die Autoren der Studie: „Dieses Experiment beinhaltete keine N95-Masken und spiegelt nicht die tatsächliche Übertragung der Infektion durch Patienten mit Covid-19 wider, die verschiedene Arten von Masken tragen. Wir wissen nicht, ob Masken die zurückgelegte Strecke der Tröpfchen beim Husten verkürzen. Es sind weitere Studien erforderlich, um zu empfehlen, ob Gesichtsmasken die Übertragung des Virus von asymptomatischen Personen oder von Personen mit Verdacht auf Covid-19, die nicht husten, verringern.“

Dem Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks sagte der Infektiologe Bernd Salzberger des Universitätsklinikums Regensburg, er halte die Studie nicht für einen Beweis für die Unwirksamkeit von Masken. Das starke Husten in die Maske sei nicht mit einer realen Situation zu vergleichen. Im Alltag würde der Mundschutz vor allem helfen, beim Sprechen Tröpfchen aufzufangen, so der Infektiologe gegenüber Faktenfuchs

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie wurde vom Robert-Koch-Institut klargestellt, dass nur filtrierende Halbmasken ab FFP2 und höher einen wirksamen Schutz vor SARS-CoV-2 bieten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wie diese Übersicht der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz zeigt. 

Die Studie stützt die Behauptung von Stehling nicht, da nur vier Personen untersucht wurden. 

Zweite Behauptung: Es bringt keinen Vorteil, wenn man eine selbstgenähte Maske trägt

Als nächstes schaut sich Stehling eine Studie an, in der die Wirksamkeit von selbstgenähten Masken untersucht wurde. Seine Schlussfolgerung: Da die meisten Menschen im Umgang mit Masken nicht geübt seien, bringe das Tragen keine Vorteile (ab Minute 3:42). 

Die angesprochene Studie wurde im Jahr 2008 veröffentlicht, also lange, bevor das Coronavirus SARS-CoV-2 in Deutschland aufgetreten ist. Darin wurde die Wirksamkeit von selbstgemachten Masken (hier aus Teetüchern), chirurgischem Mundschutz und filtrierenden Halbmasken untersucht. Und zwar darauf, ob sie im Falle einer möglichen Influenza-Epidemie „als zugängliche und erschwingliche Intervention“ effektiv im Alltag sein könnten. (PDF, S. 1)

Anders als von Stehling behauptet, lautet die Antwort auf diese Frage: Ja. Zwar gebe es Abstufungen in der Wirksamkeit, einerseits bedingt durch eine geübte Benutzung und andererseits durch die Art der Maske. Aber: „Obwohl dies bedeuten könnte, dass einzelne Probanden aus Sicht der öffentlichen Gesundheit möglicherweise nicht immer optimal geschützt sind, kann jede Art der allgemeinen Verwendung von Gesichtsmasken immer noch die Virusübertragung verringern.“ (PDF, S. 4)

Die von Stehling aufgestellte Behauptung, das Tragen von selbstgenähten Masken bringe keine Vorteile, ist somit falsch. In der von ihm zitierten Studie werden die Vorteile des Masketragens eindeutig herausgearbeitet. 

Dritte Behauptung: Wer eine Maske trägt, wird schneller krank

Dann wird es im Video von Stehling nach eigenen Aussagen „dramatisch“ (ab 3:45). Eine Studie besage: „Pflegekräfte mit einem Stoffmundschutz, also mit Baumwollmundschutz oder mit einem chirurgischen Mundschutz, die während der gesamten Schicht den getragen haben, wurden häufiger krank als die, die ihn nicht getragen haben.“ Dieses Ergebnis leitet der Notfallsanitäter aus einer Studie ab, die 2015 erschien und den Gebrauch von Stoffmasken im Vergleich zu medizinischen Masken bei Beschäftigten im Gesundheitswesen untersuchte.  

Darin wurden 1.607 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus vietnamesischen Krankenhäusern untersucht. Diese wurden in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe trug während ihrer gesamten Schicht einen medizinischen Mundschutz, eine weitere einen Stoffmundschutz. und die dritte Gruppe konnte selbst entscheiden, ob sie einen Mundschutz tragen wollte. In der Studie wird darauf hingewiesen, dass diese Kontrollgruppe aus ethischen Gründen nicht dazu aufgefordert wurde, keinen Mundschutz zu tragen. (PDF, S. 2)

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Insgesamt dauerte die Studie vier Wochen, in denen die Teilnehmer jeden Tag ihren Gesundheitsstatus protokollierten. (PDF, S. 3) Die Rate aller Atemwegserkrankungen und grippeähnlichen Erkrankungen war demnach am höchsten in der Gruppe mit Stoffmasken. (PDF, S. 1).

In der Diskussion zur Studie heißt es: „Die physikalischen Eigenschaften einer Stoffmaske, die Wiederverwendung, die Häufigkeit und Wirksamkeit der Reinigung sowie die erhöhte Feuchtigkeitsspeicherung können möglicherweise das Infektionsrisiko für HCWs [Anm. d. R.: Health Care Workers] erhöhen.“ (PDF, S. 6) 

Im Alltag ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Menschen eine Stoffmaske stundenlang tragen. Die Maskenpflicht schreibt das Tragen lediglich in Bus und Bahn und beim Einkaufen vor. Sollte das längere Tragen erforderlich sein, rät das Robert Koch-Institut dazu, die Maske zu wechseln, sobald sie durchfeuchtet ist. 

Aus den FAQ des RKI zur Frage: Ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in der Öffentlichkeit zum Schutz vor SARS-CoV-2 sinnvoll?
Aus den FAQ des RKI zur Frage: Ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in der Öffentlichkeit zum Schutz vor SARS-CoV-2 sinnvoll? (Screenshot: CORRECTIV)

Philipp Stehling hat also diese Studie aus Vietnam richtig zitiert, allerdings auf die Einordnung verzichtet. Am Ende des Videos rät der Youtuber dann: „Legt euch einen FFP2-Mundschutz zu.“ (ab 5:19) Sie seien die einzigen Masken, die gegen das Virus helfen würden. 

Das ist richtig. Allerdings schreibt das RKI dazu ganz klar: „Mehrlagiger medizinischer (chirurgischer) Mund-Nasen-Schutz (MNS) und medizinische Atemschutzmasken, z.B. FFP-Masken, müssen medizinischem und pflegerischem Personal vorbehalten bleiben.“

Nach der Veröffentlichung des Videos hagelt es negative Kommentare für Stehling

Dass Stehling in seinem Video Ergebnisse von Studien falsch zitiert und falsche Schlussfolgerungen zieht, ist auch seinen Zuschauern aufgefallen. In den Kommentaren ist beispielsweise zu lesen: „Wer mit Verständnis lesen kann, ist klar im Vorteil! Dieses Video ist nichts weiteres, als gefährliche Panikmache von jemandem, der gar keine Fachkompetenz hat.“ 

Kommentar zu Stehling
Kommentar unter dem Youtube-Video von Stehling (Screenshot: CORRECTIV)

Mittlerweile hat Stehling sogar ein Video veröffentlicht, in dem er auf die, wie er es nennt, „Hate-Kommentare“ reagiert. Darin erklärt er seinen Zuschauern, dass sie etwas falsch verstanden hätten. Er habe mit seinem Video einfach nur sagen wollen, dass sich die Menschen durch den selbstgenähten Mundschutz in falscher Sicherheit wiegen würden. Seine Zuschauer hätten seine Worte „fehlinterpretiert“ und das Video auch nicht ganz angeschaut.