Faktencheck

Macht Maske Tragen krank? Irreführende Behauptungen im Umlauf

In den Sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Flyer, der vor angeblichen Gesundheitsgefahren beim Tragen von Masken warnt. Die Behauptungen darin sind falsch oder stark verkürzt dargestellt. Der Autor des Papiers zweifelt die Existenz des Coronavirus generell an, sagt er gegenüber CORRECTIV.

von Lea Weinmann

Symbolbild Maske
Auf Facebook und Whatsapp verbreiten sich teilweise falsche Behauptungen zum Tragen von Masken. (Symbolbild: Adam Nieścioruk / Unsplash)
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Unter Stoffmasken sammelt sich kein gefährliches CO2, und sie fördern auch keine Lungenkrankheiten.

Das Foto eines Informationspapiers zum Thema Masken verbreitet sich auf Facebook. Auf diesem Flyer werden verschiedene angeblich gesundheitsschädliche Gefahren aufgelistet, die beim Tragen von Masken entstehen würden. Der Facebook-Beitrag wurde am 15. Mai veröffentlicht und bisher mehr als 3.700 Mal geteilt.

Auch über Whatsapp wird der Aushang offensichtlich verbreitet. Die Behauptungen darin sind jedoch teilweise falsch.

Ein Foto dieses Flyers verbreitet sich auf Facebook und Whatsapp. Die Behauptungen zum Tragen von Masken sind jedoch teilweise falsch. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Grundsätzlich unterscheidet man drei verschiedene Maskentypen, die allesamt während der Covid-19-Pandemie zum Einsatz kommen: Community- oder Stoffmasken (auch Mund-Nasen-Bedeckung genannt), medizinische OP-Masken (auch Mund-Nasen-Schutz genannt) und die filtrierenden Halbmasken (FFP-Masken). Die beiden letzteren sind für den Einsatz im medizinischen Bereich vorgesehen.


Unser Faktencheck bezieht sich deshalb vorrangig auf die Stoffmasken, die meist aus handelsüblichen Stoffen genäht werden und für den privaten Gebrauch gedacht sind.

Erste Behauptung: Man atme seine Atemluft wieder ein und habe dadurch mehr Kohlendioxid und Stickoxide im Blut

Das ist falsch.

In dem Aushang sind keine Belege für diese Behauptungen genannt. Sie könnten aber auf einer 15 Jahre alten Studie beruhen. Tatsächlich erschien im Jahr 2005 – also lange vor der Corona-Pandemie – eine Studie an der Technischen Universität (TU) München, die sich mit der „Rückatmung von Kohlendioxid bei Verwendung von Operationsmasken als hygienischer Mundschutz an medizinischem Fachpersonal“ beschäftigte.

Studie untersuchte zwei Modelle von OP-Masken

Die Studie kam damals zu dem Ergebnis, dass das CO2 beim Ausatmen durch die OP-Maske nur teilweise entweichen könne. „Dieser Effekt führte zu dem Ergebnis, dass die Probanden Luft einatmeten, deren CO2-Gehalt höher war als derjenige der umgebenden Raumluft.“ Dadurch steige die Kohlendioxid-Konzentration im Blut (PDF, Seite 35). Die Autorin der Studie empfahl Herstellern von OP-Masken damals, ihre Produkte durchlässiger für Kohlendioxid zu machen (PDF, Seite 41 und 42).

Die Untersuchung beschäftigte sich allerdings ausschließlich mit zwei Modellen von OP-Masken, also dem klassischen Mund-Nasen-Schutz (PDF, Seite 18 bis 20). Das Tragen von filtrierenden Halbmasken (FFP-Masken) oder selbstgenähten Stoffmasken wurde nicht untersucht. Seit 2005 gab es keine weitere Studie mehr, die zu ähnlichen Ergebnissen kam.

Außerdem schreibt die Autorin selbst am Ende: „Eine kompensatorische Erhöhung der Atemfrequenz oder ein Abfall der Sauerstoffsättigung wurde dabei nicht nachgewiesen.“

Verschiedene Experten widersprechen der Behauptung

Dominic Dellweg, Experte bei der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), schreibt auf Anfrage von CORRECTIV: „Die Maske ändert die Zusammensetzung der eingeatmeten Luft nicht. Alle Moleküle der Raumluft; und das sind im wesentlichen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid; können die Maske passieren und werden nicht abgefiltert.“

Eine eng anliegende Maske habe keinen „wesentlichen Totraum“ – Totraum meint die Menge an Luft, die nach der Ausatmung in der Maske bleibt und wieder eingeatmet wird. Wenn eine Maske eng am Gesicht anliege, sei dieser zu vernachlässigen, schreibt Dellweg: „Daher kommt es nicht zu einem Anstieg von CO2 im Blut.“ Auch Stickstoff beziehungsweise Stickoxid-Konzentrationen würden durch die Maske nicht beeinflusst, da Stickstoff gar nicht am Gasaustausch [Anm. d. Red: also dem Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid beim Atmen] teilnehme.

Die München Klinik, ein Verbund städtischer Krankenhäuser in der Landeshauptstadt, hat die Behauptung zu Kohlendioxid in einem Facebook-Beitrag ebenfalls als falsch bewertet. CO2 sei ein Gas, das nicht am Stoff hängen bleibe. Mit jedem Atemzug komme genug frische, sauerstoffreiche Luft in die Lungen, heißt es in dem Beitrag vom 19. Mai.

Die München Klinik erklärt am 19. Mai auf Facebook: Die Behauptung, unter Masken sammele sich gefährliches CO2, sei falsch. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) widerspricht auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail: „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon.“

Zweite Behauptung: Man atme weniger Sauerstoff ein, die Lunge sei nicht mehr „belüftet“, das fördere Lungenkrankheiten

Diese Behauptung ist teilweise falsch, teilweise unbelegt.

Richtig ist, dass man beim Tragen von Stoffmasken schlechter Luft bekommt – das kann jeder nachvollziehen, der beim Einkaufen schon eine Maske benutzt hat. Die RKI-Sprecherin bestätigt das in ihrer E-Mail. Mund-Nasen-Bedeckungen, also Stoffmasken, umfassten eine sehr weite Bandbreite von Materialien und Verarbeitungsweisen, schreibt sie. Mehrlagige, sehr dichte und enganliegende Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen, könne gerade für ältere Menschen oder für Menschen mit Lungenkrankheiten sehr anstrengend sein.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in Stuttgart schreibt in einer Stellungnahme zum Thema Masken Anfang Mai: „Eine geringere Luftdurchlässigkeit ist in der Regel mit einer besseren Filterleistung verbunden, erhöht aber auch die Belastung der Atempumpe. Bei der Materialauswahl sollte darauf geachtet werden, dass längeres (dauerhaftes) Atmen durch die anliegende Maske möglich ist.“

Per E-Mail ergänzt DGP-Experte Dellweg: „Jede Atemmaske hat einen gewissen Luftwiderstand. Gesunde Menschen können diesen erhöhten Widerstand aber problemlos kompensieren, eine Minderbelüftung der Lunge findet so nicht statt. Somit werden auch keine Lungenkrankheiten gefördert.“

Patienten mit schweren Lungen- oder Herzerkrankungen sollten sich jedoch individuell durch ihren Arzt beraten lassen – um zu klären, ob der Atemwiderstand einer Maske die Atmung behindere.

Unklar ist, ob das langzeitige Tragen von Atemmasken insgesamt das Risiko, krank zu werden, erhöhen könnte. In einer Studie von 2015, die den Gebrauch von Stoffmasken im Vergleich zu medizinischen Masken untersuchte, sollten Mitarbeiter vietnamesischer Krankenhäuser während ihrer gesamten Schicht einen Mundschutz tragen. Eine Gruppe nutzte einen medizinischen Mundschutz, die andere Gruppe einen Stoffmundschutz. Einer Kontrollgruppe wurde freigestellt, ob sie einen Mundschutz tragen wollte. Das Ergebnis nach vier Wochen: Die Rate aller Atemwegserkrankungen und grippeähnlichen Erkrankungen war in der Gruppe mit Stoffmasken am höchsten (PDF, Seite 1).

In der Diskussion zur Studie heißt es: „Die physikalischen Eigenschaften einer Stoffmaske, die Wiederverwendung, die Häufigkeit und Wirksamkeit der Reinigung sowie die erhöhte Feuchtigkeitsspeicherung können möglicherweise das Infektionsrisiko für HCWs [Anm. d. R.: Health Care Workers] erhöhen“ (PDF, Seite 6).

Dritte Behauptung: Wenn man die Maske länger als eine halbe Stunde trage, werde sie durch Bakterien verkeimt

Das ist grundsätzlich möglich.

Eine Mund-Nasen-Bedeckung sollte spätestens dann gewechselt werden, wenn sie durch die Atemluft durchfeuchtet ist, rät die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in einem Merkblatt zum Thema Masken: „Denn dann können sich zusätzliche Keime ansiedeln.“

Auch das RKI empfiehlt, Masken zu wechseln, wenn sie feucht geworden sind. Es könne sonst zu einer Kontamination der Maske mit der Mund-Nasen-Rachenflora kommen, bei der man sich mit Bakterien infizieren könne. „Systematische und vergleichbare Studien gibt es hierzu bislang aber nicht“, schreibt die RKI-Sprecherin.

Das RKI rät in seiner E-Mail, den Mundschutz nicht dauerhaft, sondern zeitlich begrenzt zu tragen, zum Beispiel beim Einkauf oder in Bus und Bahn. „Ein MNB (Anm. d.R.: Mund-Nasen-Bedeckung) ist nicht dauerhaft erforderlich“, schreibt die Sprecherin.

Zudem muss der Mundschutz regelmäßig gewechselt und gereinigt werden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt, selbstgenähte Masken nach der Nutzung in einem Beutel luftdicht verschlossen aufzubewahren oder sofort zu waschen. Idealerweise bei 95 Grad, mindestens aber bei 60 Grad.

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Vierte Behauptung: Die Maske kann keine Viren zurückhalten

Auch das stimmt nach bisherigen Erkenntnissen so nicht, die Datenlage zu Stoffmasken ist aber sehr gering.

In dem „Infopapier“ sind auch dafür keine Belege genannt. Wie einer unserer früheren Faktenchecks zeigt, könnte sich die Behauptung auf eine kontrollierte Untersuchung von vier Patienten stützen, die Anfang April veröffentlicht wurde. Die Patienten haben je fünfmal ohne Mundschutz, mit chirurgischem Mundschutz, mit einer Stoffmaske und noch einmal ohne Mundschutz in eine Petrischale gehustet.

Die im Versuch gemessene Viruslast in der Petrischale nach dem Husten mit und ohne Mundschutz hat sich laut den Autoren nicht wesentlich verändert. Das Ergebnis bei einem Mundschutz aus Baumwolle war dabei in zwei der vier Ergebnisse besser als das bei einem chirurgischen Mundschutz.

Infektiologe zweifelt Aussagekraft der Studie an

Abschließend schreiben die Autoren der Studie: „Dieses Experiment beinhaltete keine N95-Masken und spiegelt nicht die tatsächliche Übertragung der Infektion durch Patienten mit Covid-19 wider, die verschiedene Arten von Masken tragen. Wir wissen nicht, ob Masken die zurückgelegte Strecke der Tröpfchen beim Husten verkürzen. Es sind weitere Studien erforderlich, um zu empfehlen, ob Gesichtsmasken die Übertragung des Virus von asymptomatischen Personen oder von Personen mit Verdacht auf Covid-19, die nicht husten, verringern.“

Dem Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks sagte der Infektiologe Bernd Salzberger des Universitätsklinikums Regensburg im April, er halte die Studie nicht für einen Beweis für die Unwirksamkeit von Masken. Das starke Husten in die Maske sei nicht mit einer realen Situation zu vergleichen. Im Alltag würde der Mundschutz vor allem helfen, beim Sprechen Tröpfchen aufzufangen, so der Infektiologe.

Schutzwirkung für andere laut RKI wissenschaftlich nicht belegt, aber plausibel

Das RKI erklärt auf seiner Webseite, das Risiko, andere Personen durch Husten, Niesen oder Sprechen anzustecken, könne mit einer Mund-Nasen-Bedeckung verringert werden (Fremdschutz). Allerdings macht das Institut auch deutlich: „Eine solche Schutzwirkung ist bisher nicht wissenschaftlich belegt, sie erscheint aber plausibel.“

In einem RKI-Bulletin vom 7. Mai zum Thema Masken steht zudem: „Die Filterwirkung von MNB [Anm. d. Red: Mund-Nasen-Bedeckung] auf Tröpfchen und Aerosole wurde nur in wenigen Studien untersucht und war im Vergleich zu medizinischem MNS geringer“ (PDF, Seite 3 und 4). Wegen der unterschiedlichen Materialien und fehlender Daten zur Schutzwirkung seien Mund-Nasen-Bedeckungen „nicht für den Arbeitsschutz empfohlen“, schreibt das RKI. Bei einem Hustenstoß sei die Filterwirkung – sowohl von selbstgenähten Stoffmasken als auch von OP-Masken – reduziert.

Stoffmasken schützen nicht den Träger

Generell schützen selbstgenähte Stoffmasken den Träger nicht vor einer Infektion durch andere, informiert das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Sie sind nur als Spuckschutz gedacht und sollen damit die Weiterverbreitung von Viren eindämmen. Dadurch solle jedoch kein „trügerisches Sicherheitsgefühl“ entstehen, warnt die BZgA. Sowohl das RKI, als auch die BZgA bekräftigen, dass eine Maske zusätzlich zu den bisherigen Empfehlungen in bestimmten Situationen getragen werden sollte. Das Tragen einer Maske hebe die Empfehlungen bezüglich Kontaktreduktion, Abstandhalten, Händehygiene und Husten- und Nies-Etikette nicht auf (PDF, Seite 4).

Fazit

Die Behauptungen, die auf dem Flyer als „Medizinische Information“ verbreitet werden, sind teilweise falsch oder es fehlen Daten.

Verbreitet wurde das Papier von einem Daniel Stoica, der laut dem Papier dem „Studienkreis 5BN“ angehört. 5BN steht offensichtlich für „5 biologische Naturgesetze“, die auch auf dem Flyer erwähnt werden. Dahinter steht ein Denkansatz, mit dem sich angeblich alle Krankheiten „von der Erkältung bis zum Krebs“ erklären ließen. Auf einer anderen Webseite dazu steht, es gehe darum, „zu zeigen, wie biologische Organismen gemäß den 5 biologischen Naturgesetzen funktionieren“.

Am Telefon hat Stoica gegenüber CORRECTIV bestätigt, dass er den Flyer „um den 10. Mai“ per E-Mail an die Mitglieder seines Vereins verschickt habe. „Irgendjemandem muss es dann gut gefallen haben und dann hat es jemand hochgeladen.“ Er sei selbst kein Arzt, sondern habe den Inhalt mit dem Arzt Franz Gradnig, der im Nachbarort praktiziere, zusammengestellt – um die Leute vor den Masken zu warnen. Im unteren Teil des Aushangs sind Name und Adresse von Gradnig genannt, einem „Praktischen Arzt“ in Fürstenfeld (Österreich).

Zum Ende unseres Telefonats zweifelte Stoica die Existenz des Coronavirus an: „Sie kriegen 1.000 Euro, wenn Sie mir eine wissenschaftliche Arbeit liefern, die belegt, dass es das Virus gibt und es die Krankheit Covid-19 auslöst.“

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