SWITZERLAND WORLD ECONOMIC FORUM WEF 2019
Bill Gates am 22. Januar 2019 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz. Einen Tag später gab er dem Fernsehsender CNBC ein Interview. (Symbolfoto: picture alliance/KEYSTONE)

von Cristina Helberg

In der Telegram-Gruppe „QAnons Channel Germany“ wird ein aus dem Kontext gerissenes Zitat von Bill Gates verbreitet. Angeblich habe er in einem Interview verraten, er wolle alle Menschen impfen und so einen Gewinn von 2.000 Prozent machen. Das ist irreführend verkürzt.

„Bill Gates hat am Mittwoch bei CNBC verraten, warum er uns alle impfen will: Für einen Gewinn von 2000 Prozent“, schrieb am 20. Mai ein Nutzer in die deutsche Telegram-Gruppe „QAnons Channel Germany“. Dazu veröffentlichte er einen zehn Sekunden langen Videoausschnitt als angeblichen Beleg. Der Post wurde laut den Angaben bei Telegram mehr als 116.00 Mal gesehen. Wir haben die Behauptung geprüft. 

Das Video ist ein Ausschnitt eines Fernsehinterviews des US-amerikanischen Senders CNBC mit dem Microsoft-Gründer Bill Gates am 23. Januar 2019 beim Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz. 

Die Reporterin fragt Bill Gates zu Beginn des Videos mit Verweis auf einen kürzlich von ihm erschienen Artikel: „Sie haben in den letzten zwei Jahrzehnten 10 Milliarden Dollar in Impfungen investiert und Sie haben die Rentabilität der Investition ausgerechnet. Könnten Sie uns die Zahlen erklären?“

Bill Gates antwortet darauf: „Es ist ziemlich beeindruckend, wenn man diese Impfstoffe nimmt, sie sehr preiswert macht, […] ein Liefersystem entwickelt, so dass sie wirklich die Abdeckung da draußen bekommen, rettet man buchstäblich Millionen von Leben. […] Wir sehen eine phänomenale Erfolgsgeschichte. Es waren hundert Milliarden, die die Welt insgesamt investiert hat, unsere Stiftung etwas mehr als 10 Milliarden, aber wir haben das Gefühl, dass es einen Mehrwert von mehr als zwanzig zu eins gegeben hat. Wenn man sich also nur den wirtschaftlichen Nutzen anschaut, ist das eine ziemlich starke Zahl im Vergleich zu allem anderen, der menschliche Nutzen in Millionen von geretteten Leben […]“. 

Der Teil der Antwort, in dem deutlich wird, dass Bill Gates als Wertsteigerung den immateriellen Wert geretteter Leben betrachtet, ist in der Telegram-Nachricht abgeschnitten. So wird suggeriert, Bill Gates wolle durch Impfprogramme extrem hohe finanzielle Gewinne machen. 

Die Reporterin fragt in dem Interview weiter nach: „Ich denke, die Zahlen, die Sie durchgespielt haben, waren, wenn Sie das Geld in den S&P 500 [Anmerkung der Redaktion: Aktienindex von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen] investiert und die Dividende reinvestiert hätten, würden Sie auf etwa 17 Milliarden Dollar kommen, aber Sie denken, es sind 200 Milliarden Dollar? 

Bill Gates antwortet: „Hier, ja. Wissen Sie, kleinen Kindern zu helfen, zu leben, die richtige Ernährung zu bekommen, einen Beitrag für ihre Länder zu leisten, das hat eine Rückvergütung, die über jeden typischen finanziellen Ertrag hinausgeht”.

Bill Gates veröffentlichte Artikel in Wall Street Journal 

Bei dem von der Reporterin zu Beginn erwähnten Artikel, handelt es sich um einen Text, den Bill Gates wenige Tage vor dem CNBC-Interview, am 16. Januar 2019, im Wall Street Journal veröffentlicht hatte.

Darin schreibt er über seine Investitionen in drei internationalen Gesundheitsorganisationen: Die Impfallianz Gavi, den Global Fund und die Global Polio Eradication Initiative (GPEI). Diese hätten mit ihrem Ziel, Leben zu retten und Leid zu beenden, nicht nur alle Erwartungen übertroffen, sondern seien auch in einem traditionellen Sinn von Investitionen erfolgreich gewesen: „Sie haben eine Menge Wohlstand geschaffen, denn wenn die Menschen nicht krank im Bett liegen, können sie zur Arbeit oder zur Schule gehen.“

Darauf folgt ein Gedankenexperiment von Gates, in dem er auf ein Rechenmodell des Copenhagen Consensus Center verweist. 

„Nehmen wir an, unsere Stiftung hätte nicht in Gavi, den Global Fund und GPEI investiert und stattdessen diese 10 Milliarden Dollar in den S&P 500 gesteckt und versprochen, den Rest 18 Jahre später den Entwicklungsländern zukommen zu lassen. In der vergangenen Woche hätten diese Länder etwa 12 Milliarden Dollar erhalten, inflationsbereinigt, oder 17 Milliarden Dollar, wenn wir die reinvestierten Dividenden mit einbeziehen.“

Weiter rechnet Gates vor, eine Investition der 10 Milliarden Dollar in Energieprojekte in den Entwicklungsländern hätte eine Rendite von 150 Milliarden Dollar gebracht. Eine Investition der Summe in Infrastruktur 170 Milliarden Dollar. 

„Durch Investitionen in globale Gesundheitsinstitutionen haben wir jedoch all diese Renditen übertroffen: Die 10 Milliarden Dollar, die wir für die Bereitstellung von Impfstoffen, Medikamenten, Moskitonetzen und anderen Hilfsgütern in den Entwicklungsländern zur Verfügung stellten, brachten einen geschätzten sozialen und wirtschaftlichen Nutzen von 200 Milliarden Dollar“, so Gates. 

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Die Telegram-Gruppe „QAnons Channel Germany“, in der die falsche Behauptung verbreitet wurde, hat mehr als 22.000 Abonnenten. „QAnon“ ist ein Netzwerk US-amerikanischer Verschwörungsanhänger, die glauben, es gebe einen „Tiefen Staat“ („Deep State“) von Eliten, und Donald Trump gehe gegen diese vor. Teil dieses Mythos ist auch die Behauptung, eine Elite aus Politikern und Stars entführe Kinder in unterirdische Lager, um sie dort sexuell zu missbrauchen und das Stoffwechselprodukt Adrenochrome aus Ihnen zu sammeln und sich so zu verjüngen. 

Immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang Falschmeldungen auf, zum Beispiel Bilder dieser angeblichen Untergrundlager, die wir unter anderem hier geprüft haben.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Zitat ist irreführend verkürzt. Bill Gates bezieht sich auf einen theoretischen sozialen und wirtschaftlichen Mehrwert durch Gesundheitshilfe.

Stoycho Katsarov (links), Vorsitzender des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen, interviewte den bulgarischen Pathologen Stoyan Alexov am 12. Mai 2020.
Stoycho Katsarov (links), Vorsitzender des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen, interviewte den bulgarischen Pathologen Stoyan Alexov am 12. Mai 2020. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In mehreren Blog-Artikeln und Facebook-Beiträgen werden Behauptungen eines bulgarischen Pathologen verbreitet: Niemand sei durch das Coronavirus gestorben, es gebe keine Covid-19-spezifischen Antikörper und es sei unmöglich, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Diese Behauptungen sind falsch.

Das Coronavirus sei nicht tödlich, es gebe keine Antikörper und es sei unmöglich, einen Impfstoff herzustellen Dr. Stoyan Alexov ist Präsident der bulgarischen Pathologenvereinigung (BPA) und verbreitet in einem Video-Interview zahlreiche Behauptungen über die Corona-Pandemie. Interviewt wurde er von Stoycho Katsarov, dem Vorsitzenden des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen und ehemaligen stellvertretenden Gesundheitsminister, am 12. Mai.

In Sozialen Netzwerken und auf Blogs werden in mehreren Sprachen (zum Beispiel hier, hier oder hier) einige der Behauptungen, die der Pathologe Alexov in dem Interview aufstellte, verbreitet. Auch auf deutschsprachigen Blogs finden sich seit Juli seine Behauptungen (zum Beispiel hier). Ein Artikel auf der Seite Sariblog mit dem Titel „Niemand ist am Coronavirus gestorben“ wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 9.000 Mal auf Facebook geteilt.

CORRECTIV hat die Behauptungen von Alexov, die auf der Webseite der Pathologie-Vereinigung BPA schriftlich zusammengefasst und auf den deutschen Blogs veröffentlicht wurden, geprüft. Die Aussagen beziehen sich auf die Tödlichkeit des Coronavirus, Antikörper und die Entwicklung eines Impfstoffes. Laut unserer Recherche sind sie falsch.

Die Faktenchecker von Health Feedback haben Alexovs Behauptungen ebenfalls geprüft und als falsch eingestuft. Health Feedback ist eine Webseite, die wissenschaftliche Behauptungen in Medien prüft. Sie ist Teil des von der WHO geleiteten Projekts „Vaccine Safety Net“ und (wie CORRECTIV) Mitglied im International Fact-Checking Network.

Behauptung 1: Das Coronavirus sei nicht tödlich und niemand sei daran gestorben

Laut der schriftlichen Zusammenfassung des Interviews behauptete Alexov, Pathologen kämen zu der Schlussfolgerung, dass das Coronavirus nicht tödlich und niemand daran gestorben sei. Er behauptete laut Health Feedback zudem, das sei Konsens der Teilnehmenden eines Webinars der Europäischen Gesellschaft für Pathologie (ESP) am 8. Mai gewesen. Das ist falsch. 

Alexov ist zwar Mitglied der ESP und es gab ein Webinar am 8. Mai 2020. Ob Alexov wirklich daran teilnahm, ist unklar. Health Feedback hat jedoch nach eigenen Angaben Mitglieder der ESP-Führung zur Richtigkeit von Alexovs Behauptungen befragt. Diese hätten im Namen der Gesellschaft eine offizielle Klarstellung zu Alexovs Interview abgegeben, die bei Health Feedback zu lesen ist. 

Pathologen und Rechtsmediziner bestätigen das Coronavirus als mögliche Todesursache

Darin heißt es von Seiten der ESP: „Wie in den beiden ESP-Webinaren zu diesem Thema (8. Mai und 25. Juni 2020) diskutiert wurde, sind die auffälligen Autopsiebefunde in der Lunge und anderen Organen von COVID-19-Patienten nicht als Folge einer gleichzeitigen Erkrankung zu erklären und sprechen für das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) als Todesursache in diesen Fällen. In Übereinstimmung damit haben Autopsiestudien von COVID-19-Patienten das Vorhandensein des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) in einer Vielzahl von Geweben, hauptsächlich in der Lunge und der Innenauskleidung von Blutgefäßen, nachgewiesen. Es gibt Hinweise auf eine spezifische COVID-19-assoziierte Koagulopathie (Anm. d. Red.: Blutgerinnungsstörung), die tödliche Thromboembolien verursachen kann.“ 

Die Gesellschaft für Pathologie bestätigte demnach, dass Menschen an der Infektion mit dem Coronavirus sterben können. CORRECTIV hat sich am 10. August ebenfalls an die ESP gewandt und nachgefragt, ob das Statement weiterhin aktuell ist, doch bislang keine Rückmeldung erhalten.

Obduktionen in Deutschland zeigen Covid-19 als Todesursache in zahlreichen Fällen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt über Covid-19: „Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren in ihrer Symptomatik und Schwere stark, sie reichen von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod.“ 

Seit Beginn der Pandemie weist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion aus. Am 8. Mai dem Tag des Interviews mit Alexov lag die Zahl der Todesfälle laut WHO weltweit bei 259.474. 

Todesfälle definiert die WHO wie folgt: „Ein Covid-19-Todesfall wird für Überwachungszwecke als ein Tod infolge einer klinisch kompatiblen Krankheit in einem wahrscheinlichen oder bestätigten Covid-19-Fall definiert, es sei denn, es gibt eine eindeutige alternative Todesursache, die nicht mit der Covid-19-Krankheit in Zusammenhang gebracht werden kann (z.B. Trauma). Zwischen der Erkrankung und dem Tod sollte es keine Zeitspanne der vollständigen Genesung geben.“ 

Bereits Mitte Mai zeigte auch eine Studie Hamburger Mediziner um Klaus Püschel, den Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), dass Menschen am Coronavirus sterben können. Für die Studie wurden die ersten 80 Autopsien von Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19 in Hamburg untersucht. 

In 57 der 80 Fälle sind die Patienten demnach an einer Lungenentzündung oder akutem Lungenversagen durch das Coronavirus gestorben. In 19 Fällen sind die Patienten wahrscheinlich oder möglicherweise durch das Coronavirus gestorben. In vier Fällen wurde das Coronavirus nachgewiesen, die Todesursache war jedoch eine andere.

Die UKE-Studie kategorisiert die Autopsien in vier verschiedene Kategorien: Kategorie 1: definitiver COVID-19-Tod; Kategorie 2: wahrscheinlicher COVID-19-Tod; Kategorie 3: möglicher COVID-19-Tod bei gleicher alternativer Todesursache; Kategorie 4: SARS-CoV-2-Nachweis mit nicht mit COVID-19 assoziierter Todesursache (Quelle: UKE, Screenshot: CORRECTIV)
Die UKE-Studie kategorisiert die Autopsien in vier verschiedene Kategorien: Kategorie 1: definitiver COVID-19-Tod; Kategorie 2: wahrscheinlicher COVID-19-Tod; Kategorie 3: möglicher COVID-19-Tod bei gleicher alternativer Todesursache; Kategorie 4: SARS-CoV-2-Nachweis mit nicht mit COVID-19 assoziierter Todesursache (Quelle: UKE, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Eine Erkrankung in Folge einer Infektion mit dem Coronavirus kann zum Tod führen. Rechtsmediziner, Pathologen sowie andere Wissenschaftler und ihre Forschung bestätigen das. 

Behauptung 2: Es gebe keine medizinische Möglichkeit, den Tod durch das Coronavirus vom Tod durch eine andere Virusinfektion zu unterscheiden

Alexov behauptet, bei der Autopsie sei keine Unterscheidung zwischen einer Person, die am Coronavirus gestorben ist, und einer Person, die an einer saisonalen Virusinfektion gestorben ist, möglich. Das ist nach Aussage von Experten falsch. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärt Karl-Friedrich Bürrig, Professor für Pathologie und Präsident des Bundesverbands Deutscher Pathologen per E-Mail, dass es durch eine klinische Obduktion möglich sei, Aussagen zur Todesursache eines Verstorbenen zu machen. Dies gelte für SARS-CoV-2-Infekte genauso wie für alle anderen Todesursachen. 

So schreibt der Pathologe: „Durch eine Klinische Obduktion kann ganz überwiegend festgestellt werden, ob der Tod durch Covid-19 verursacht worden ist. Dazu werden alle bekannten Methoden zum Virusnachweis genutzt. Hinzu kommt, dass bei tödlichen Covid-19-Erkrankungen charakteristische Organveränderungen bei einer Obduktion festgestellt werden können.“ 

Tod durch das Coronavirus ist durch eine klinische Obduktion nachweisbar

Deshalb sei es auch möglich zu unterscheiden, ob Patienten an und nicht nur mit dem Coronavirus verstorben sind. Bürrig sagt: „Bei einer Klinischen Obduktion werden alle krankhaften Veränderungen eines Verstorbenen bewertet und in ihrer Schwere beurteilt. Daraus ergibt sich eine Kausalkette des Krankheitsverlaufes, wobei in dem in Deutschland bekannten Obduktionsgut (Anm. d. Red.: bei den durchgeführten Obduktionen) bei Covid-19 -Verstorbenen dieser Infekt bei mehr als 4/5 der Verstorbenen Todesursache war.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des Bundesverbands Deutscher Pathologen an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des Bundesverbands Deutscher Pathologen an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

All das gilt auch für die oben beschriebene Studie aus Hamburg. Eine weitere Studie aus Deutschland, die als Preprint im Juni 2020 erschienen ist, zeigt, dass „die Todesursachen bei der Mehrzahl der Verstorbenen in direktem Zusammenhang mit Covid-19 standen, während sie anscheinend keine unmittelbare Folge von bereits bestehenden Gesundheitszuständen und Komorbiditäten waren.“ Die Mehrheit der Patienten sei daher an Covid-19 gestorben.

Die Ergebnisse deckten sich insgesamt mit den Publikationen aus der Pathologie im deutschsprachigen Gebiet, die sich in den Ergebnissen einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Pathologen widerspiegeln würden, erklärt Pathologe Bürrig in seiner E-Mail an CORRECTIV. Der Bundesverband Deutscher Pathologen werde die Ergebnisse der verbandsinternen Umfrage zu Covid-19-Obduktionen der Öffentlichkeit am 20. August vorstellen, teilte der Bundesverband CORRECTIV mit.

In Deutschland gibt es seit Mai zudem ein zentrales Register der Obduktionen von Covid-19-Erkrankten am Universitätsklinikum der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Fazit: Falsch. Wie auch bei anderen Todesursachen ist es laut Experten durch eine klinische Obduktion möglich, SARS-CoV-2-Infekte als Todesursache zu identifizieren und von anderen Ursachen zu unterscheiden.

Behauptung 3: Die WHO habe angewiesen, keine Autopsien durchzuführen

Alexov behauptet, die WHO habe angewiesen, keine Autopsien durchzuführen. Das ist falsch. Zu Beginn der Pandemie gab es zwar immer wieder Diskussionen über die Durchführung von Autopsien so hatte beispielsweise das RKI laut Medienberichten im April noch empfohlen, bei Covid-19-Verstorbenen auf eine Obduktion zu verzichten, um eine Gefahr der Ausbreitung des Virus zu verringern. 

Damals gab es viel Kritik, zum Beispiel von Seiten der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin und dem Berufsverband Deutscher Rechtsmediziner. Noch im April änderte das RKI seine Einschätzung und veröffentlichte Empfehlungen zum Umgang mit Sars-CoV-2-Verstorbenen und bei der Leichenschau. 

Die WHO dagegen hatte bereits am 24. März 2020 einen Leitfaden für Autopsien von Covid-19-Erkrankten veröffentlicht. Darin ist nirgends von einem Obduktions-Verbot die Rede. In einem früheren Leitfaden zu Laboruntersuchungen im Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen vom 19. März 2020 empfahl die WHO explizit, Proben von Autopsien zu sammeln.

Die WHO empfiehlt am 19. März, Autopsie-Gewebeproben zu entnehmen (Quelle: WHO, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Die WHO empfiehlt am 19. März, Autopsie-Gewebeproben zu entnehmen (Quelle: WHO, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Die WHO hat nicht angewiesen, keine Autopsien an Covid-19-Verstorbenen durchzuführen. Auch in Deutschland gab es kein Verbot.

Behauptung 4: Es seien keine Antikörper identifiziert worden, die spezifisch für SARS-CoV-2 sind

Auch behauptete Alexov, europäische Pathologen hätten keine Antikörper gefunden, die spezifisch für SARS-CoV-2 seien. Das ist falsch. Mehrere veröffentlichte wissenschaftliche Studien berichten über spezifische Antikörper, die an SARS-CoV-2, den Erreger von COVID-19, binden.

Antikörper sind Proteine (Eiweiße), die vom Immunsystem eingesetzt werden, um Krankheitserreger wie Bakterien und Viren zu neutralisieren. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) erklärt in einer Pressemitteilung vom 8. Juli, wie wichtig die Bildung neutralisierender Antikörper im Kampf gegen Covid-19 sei: „Diese können die Eindringlinge ausschalten und haben ein großes Potenzial, zum Schutz und zur Therapie von Covid-19 effektiv eingesetzt zu werden.“ Dem Forscherteam um Professor Florian Klein von der Uniklinik Köln und dem DZIF sei es gelungen, „Teile der Entwicklung dieser Antikörper zu entschlüsseln und gleichzeitig hochpotente neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu isolieren“.

Die Forscher haben im Blut von zwölf genesenen Covid-19 Patienten gezielt nach Antikörpern gegen SARS-CoV-2 gesucht. Insgesamt fanden die Wissenschaftler so 28 Antikörper, die SARS-CoV-2 effektiv neutralisieren konnten.

Studien beweisen, dass Antikörper gegen SARS-CoV-2 existieren und bei Menschen nachgewiesen wurden

Es finden sich weltweit weitere zahlreiche Studien, die sich mit der SARS-CoV-2-Antikörperforschung beschäftigen. Bereits im März beschrieb beispielsweise eine internationale Gruppe Wissenschaftler in einer Studie sogenannte validierte Assays (Anm. d. Red.: Untersuchung zum Nachweis bestimmter Substanzen), die für den Nachweis von SARS-CoV-2-spezifischen Antikörpern für diagnostische, sero-epidemiologische und Impfstoff-Evaluierungsstudien genutzt werden könnten. 

Andere Studien haben Antikörper gegen SARS-CoV-2 bei Menschen nachgewiesen, die zuvor mit Covid-19 infiziert gewesen sind. Beispielsweise eine Studie vom 6. Juli 2020, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschienen ist. Experten haben für die Studie 35.883 Haushalte in Spanien untersucht und kamen unter anderem zu dem Ergebnis: „Die meisten PCR-bestätigten Fälle weisen nachweisbare Antikörper auf.“

Spezifische Antikörper sind wichtig, um einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln

Auch Anja Brandt, eine Sprecherin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) schreibt auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass es SARS-CoV-2 spezifische Antikörper gebe. Während einer SARS-CoV-2 Infektion könnten unterschiedliche Antikörper gebildet werden. 

„Da es aber auch andere zirkulierende Corona-Viren mit unterschiedlichen Verwandtschaftsgrad zu SARS-CoV-2 gibt, die den Menschen infizieren können, kann es sein, dass ein Teil der unter der SARS-CoV-2-Infektion gebildeten Antikörper diese ebenfalls gut erkennt und umgekehrt. Dieses Phänomen nennt man Kreuz-Reaktivität. Ein (möglicherweise kleiner) Teil der gegen SARS-COV-2 gebildeten Antikörper wird aber diese verwandten Coronaviren nicht oder nur sehr schwach erkennen.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb ebenfalls, dass es spezifische SARS-CoV-2 Antikörper gebe: „Das gehört zu den Anforderungen in den klinischen Prüfungen (Anm. d. Red.: von Impfstoffen) der Phasen I und II, dass die Bildung von spezifischen Antikörpern gegen SARS-CoV-2 gezeigt wird. Bevorzugt neutralisierende Antikörper, die verhindern, dass das Virus an die Zellrezeptoren binden kann.“ 

Zudem gebe es klinische Prüfungen mit Blutserum von genesenen Personen, aus denen man spezifische Antikörper isoliere, um Patienten damit direkt zu behandeln.

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Und diagnostische Tests (Antikörper-Tests) seien ebenfalls auf spezielle Antikörper gegen SARS-CoV-2 ausgerichtet, schreibt die US-amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC). 

Fazit: Falsch. Mehrere Studien zeigen, dass Wissenschaftler SARS-CoV-2-spezifische Antikörper entdeckt haben auch bereits zum Zeitpunkt des Interviews mit Alexov.

Behauptung 5: Es sei derzeit unmöglich, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln 

Laut einem deutschen Blog-Artikel behauptet Alexov zudem, es sei derzeit nicht möglich, einen Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln. Das ist falsch. 

„Der beste Schutz vor Covid-19 ist eine wirksame Impfung“, erklärte Klaus Cichutek, Virologe und Präsident des Paul-Ehrlich Instituts (PEI), des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, am 17. Juni in einem Presse-Briefing.

Einen Impfstoff gegen eine Krankheit zu entwickeln ist immer dann möglich, wenn Krankheiten von Erregern wie Viren oder Bakterien verursacht werden. „Es ist grundsätzlich möglich, Impfstoffe und antivirale Medikamente gegen eine Vielzahl, theoretisch wahrscheinlich sogar gegen alle Erreger von infektiösen Erkrankungen zu entwickeln, ebenso für Krankheiten, die von Viren oder Bakterien hervorgerufen werden“, erklärt eine Sprecherin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gegenüber CORRECTIV. 

Covid-19 ist eine Infektionskrankheit – folglich ist es möglich, einen Impfstoff zu entwickeln

Ein Impfstoff hilft dem Immunsystem dabei, Antikörper zu bilden. Da Covid-19 eine Infektionskrankheit ist, die von einem Virus ausgelöst wird, ist es grundsätzlich möglich, einen Impfstoff zu entwickeln.

Voraussetzung, um einen Impfstoff entwickeln zu können, sei, den Erreger einer Krankheit und idealerweise auch seine genetische Information zu kennen, erklärt die Sprecherin des UKE. 

Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Bevor ein Impfstoff entwickelt werden kann, müssen Forscher Antigene identifizieren und isolieren. Antigene sind körperfremde Substanzen, die von Antikörpern auf Immunzellen erkannt werden. „Gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 hat man das Spike-Protein auf der Oberfläche des Virus als Antigen identifiziert, auf das unser Immunsystem mit der Bildung von schützenden Antikörpern reagiert“, erklärt das PEI auf seiner Webseite. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärte auch Susanne Stöcker vom PEI, dass die Aussage, es sei derzeit unmöglich, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln, falsch sei und „jeder wissenschaftlichen Grundlage“ entbehre. Sie verweist darauf, dass derzeit zahlreiche Impfstoff-Kandidaten weltweit in der klinischen Prüfung sind. 

29 Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19 werden derzeit laut WHO klinisch getestet

Bislang gibt es zwar keinen Impfstoff, aber laut WHO sind aktuell (Stand 13. August) 29 Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19 in der Phase der klinischen Prüfung, werden also bereits an Menschen getestet. Weitere 138 potenzielle Impfstoffe sind noch in der Entwicklung. Auch zum Zeitpunkt des Interviews mit Alexov im Mai befanden sich bereits Impfstoffe in der klinischen Prüfung. Am 22. April wurde laut PEI die erste klinische Prüfung eines Covid-19-Impfstoffes in Deutschland genehmigt. 

Ausführliche Erläuterungen, wovon die Entwicklung eines neuartigen, sicheren und wirksamen Impfstoffs im Allgemeinen abhängt, finden sich hier in einem Artikel der Österreichischen Ärztezeitung von 2017

Fazit: Falsch. Es gibt bislang zwar noch keinen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Es ist jedoch laut Wissenschaftlern möglich, einen solchen Impfstoff zu entwickeln.

CORRECTIV hat Alexov mit den Fakten und Argumenten, die seinen Behauptungen widersprechen, per E-Mail konfrontiert und nachgefragt, ob er diese Ansichten weiterhin vertritt. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels haben wir darauf keine Antwort erhalten.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es sterben Menschen am Coronavirus, es wurden Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen und es ist laut Experten möglich, einen Impfstoff zu entwickeln.

world economic forum grafik
Eine interaktive Grafik, in der das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) auf seiner Webseite Informationen bereitstellt, wird in einem Youtube-Video fälschlich als Beweis dafür interpretiert, dass die Corona-Pandemie geplant gewesen sei. (Quelle: WEF / Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Video auf Youtube wird behauptet, Informationen auf der Webseite des Weltwirtschaftsforums seien Beweise für den Plan einer Weltregierung, für Menschenzucht und die Steuerung des freien Willens. Die Schlussfolgerungen, die gezogen werden, sind alle falsch. 

„Keine Verschwörungstheorie – Masterplan, schaut’s euch an“, sagt eine Frau in einem Youtube-Video des Kanals „Kulturstudio“ mit dem Titel „Der perfide Plan des World Economic Forum“. Es wurde am 1. August veröffentlicht und bisher fast 250.000 Mal angesehen. 

Zu sehen ist, wie die Sprecherin sich durch die Webseite des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum, WEF) klickt und zu einer interaktiven Grafik gelangt, die Strategien und Wissen rund um Covid-19 bereitstellen soll. Sie klickt auf verschiedene Punkte und zieht Schlussfolgerungen. Zum Beispiel, dass die Covid-19-Pandemie geplant gewesen sei, Menschen gezüchtet und ihr freier Wille durch 5G ferngesteuert werden solle. Das alles steht jedoch überhaupt nicht in der Grafik. 

Nur, wer sich auf der Webseite des World Economic Forum anmeldet, erhält alle Informationen

Das WEF ist eine internationale Organisation, die einmal im Jahr eine große Konferenz in Davos veranstaltet. Ihr Ziel ist es nach eigenen Angaben, Kooperationen zwischen staatlichen und privaten Akteuren in Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Kultur aufzubauen.

Wie im Video auf Youtube zu sehen ist, ist es erforderlich, sich auf der Webseite anzumelden, um alle Informationen hinter den einzelnen Punkten der interaktiven Grafik lesen zu können. CORRECTIV hat sich für die Recherche angemeldet. Es zeigt sich, dass die Behauptungen der Frau in dem Video haltlos sind. 

In dem Video des Kanals „Kulturstudio“ ist zu sehen, dass die Sprecherin nicht auf der Webseite des World Economic Forum angemeldet war und daher keinen Zugriff auf die vollen Informationen hatte. (Screenshot: CORRECTIV)

Bevor die Sprecherin zum eigentlichen Teil des Videos übergeht, erwähnt sie beiläufig (Minute 2:10), dass das Logo des World Economic Forum für Covid-19 angeblich dasselbe sei wie von „Black Lives Matter“. Das ist falsch. Das Logo der Bewegung gegen Rassismus sieht anders aus: 

Das Logo auf der Webseite des WEF, das laut der Frau im Video angeblich genauso aussieht wie das von „Black Lives Matter“. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)
Suchergebnis bei Google nach „Black Lives Matter Logo“. (Quelle: Google / Black Lives Matter, Screenshot: CORRECTIV)

In der interaktiven Grafik des WEF ist Covid-19 nur eines von vielen Themen. Es ist mit anderen Bereichen verknüpft („related topics“), weil es Überschneidungen gibt. Naheliegenderweise zählt dazu zum Beispiel „Global Health“, also globale Gesundheit. CORRECTIV hat sich die Punkte, die die Frau im Video anklickt, angesehen.

Verbindung zwischen Covid-19-Bekämpfung und „Global Governance“

Der erste Punkt, auf den die Frau klickt, ist „Avoiding Covid-19 Infection and Spread“ (Vermeiden der Infektion mit und Ausbreitung von Covid-19 ) (ab Minute 2:45 im Video). Die Tatsache, dass von dort eine Verbindungslinie zu „Global Governance“ geht, interpretiert die Frau so, dass Corona der „Weltregierung auf den Thron helfen“ solle. Deshalb heiße es angeblich auch „Corona“, was auf Spanisch „Krone“ bedeutet. „Dann wissen wir eigentlich jetzt schon an diesem Punkt, dass es keine Pandemie ist, sondern eine Plandemie. Dass alles Absicht ist“, behauptet die Sprecherin (Minute 3:14).

Ihre Aussagen zur Bedeutung der Begriffe sind jedoch falsch. Coronaviren sind eine Virenfamilie und werden so bezeichnet, weil sie auf der Oberfläche sogenannte Spike-Proteine haben, die wie Zacken einer Krone abstehen. „Global Governance“ bedeutet nicht „Weltregierung“, sondern ist nach der Definition der Bundeszentrale für politische Bildung „ein internationaler Rahmen von Prinzipien, Regeln und Gesetzen inklusive einer Reihe von Institutionen um diese aufrechtzuerhalten, die notwendig sind, um globale Probleme zu bewältigen“.

Die interaktive Grafik informiert über alle wichtigen Themen des Weltwirtschaftsforums und zeigt, wie sie zusammenhängen – darunter ist auch Covid-19. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

„Human Enhancement“: Das menschliche Leben durch Technologie verbessern

Die Frau klickt dann über die Verbindungslinien weiter über „Global Health“ zu „Biotechnology“ und von dort zu „Human Enhancement“ (ab Minute 4:00). Damit hat sie sich schon völlig von Covid-19 entfernt, denn direkte Verbindungen zwischen diesen Themen gibt es in der Grafik nicht. 

„Human Enhancement“ bedeute „Menschenverbesserung“, also „Menschenzucht“, behauptet die Frau. Dann spricht sie davon, dass 5G-Strahlung die Menschen unfruchtbar machen werde. Wegen dieser Massensterilisation müssten Menschen dann künstlich (industriell) hergestellt werden.

Von all dem steht aber nichts in der Grafik. Wie CORRECTIV bereits in einem Faktencheck dargelegt hat, gibt es keine Belege, dass durch den neuen Mobilfunkstandard 5G in irgendeiner Art gesundheitliche Probleme auftreten können. 

In der Beschreibung zu „Human Enhancement“ und den damit verknüpften Themen wird klar, dass es um verschiedene Möglichkeiten geht, das menschliche Leben durch Technologie zu verbessern. So wird beschrieben, dass Menschen länger leben und mehr Leistung bringen könnten (zum Beispiel durch Prothesen). Es sei laut Forschern sogar möglich, Gedächtnisfunktionen durch Implantate zu verbessern. Beim Thema „Genome Engineering“ (frei übersetzt: Genmanipulation) wird auch darauf hingewiesen, dass es zahlreiche Bedenken gebe bei dieser Forschung, unter anderem ethische. 

In der Beschreibung steht, worum es bei „Human Enhancement“ geht – jedenfalls nicht um „Menschenzucht“. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

„Neuroscience“: Das Gehirn verstehen, um auf Fehlfunktionen reagieren zu können

Von „Human Enhancement“ klickt die Frau weiter zu „Neuroscience“, also Neurowissenschaft. Weil es von dort eine Verbindungslinie zum Thema „Behavior and Decision Making“ (Verhalten und Entscheidungsfindung) gibt, behauptet sie, es gehe hier darum, den freien Willen der Menschen fernzusteuern (ab Minute 5:41).

Auch dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. In der Rubrik Neurowissenschaft geht es laut der Beschreibung in der Grafik darum, das menschliche Gehirn zu verstehen, um auf Fehlfunktionen besser reagieren zu können. 

Worum es bei dem Thema „Neuroscience“ geht. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

Somit geht es auch bei „Behavior and Decision Making“ nicht um Fernsteuerung, wie die Frau im Youtube-Video behauptet, sondern darum, zu verstehen, wie Gehirnaktivitäten das menschliche Verhalten und die Art, wie wir Entscheidungen treffen, beeinflussen. Davon könne zum Beispiel auch die Sozialwissenschaft profitieren. 

Neurowissenschaft soll dazu dienen, das Gehirn und somit Entscheidungsprozesse besser zu verstehen. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

Angebliche Studie über Mikropartikel, die das Gehirn per Mobilfunkstrahlung fernsteuern? 

Die Sprecherin des Videos zeigt dann noch eine Studie mit dem Titel „Non-viral gene transfection nanoparticles: Funktion and applications in the brain“ (ab Minute 6:30). Sie behauptet, dabei ginge es um Nanopartikel, die ans Gehirn „andocken“, sodass dann mit 5G-Mobilfunkwellen der freie Wille beeinflusst werden könne. „Das ist das Ende der Menschheit“, sagt die Frau.

Die Studie hat jedoch weder etwas mit 5G, noch mit Mobilfunkstrahlen allgemein oder Gedankenbeeinflussung zu tun. Sie wurde 2008 veröffentlicht, damals gab es noch kein 5G. Außerdem wird in der Studie nirgends Mobilfunk erwähnt; es geht um Gentherapie – die Behandlung oder Verhinderung von Krankheiten durch einen sogenannten Gentransfer. 

Es handelt sich dabei laut der Definition auf der Webseite der US National Library of Medicine, wo die Studie veröffentlicht wurde, um eine experimentelle Methode. Zum Beispiel könnte ein neues Gen in den Körper eingebracht werden, das dabei hilft, eine Krankheit zu bekämpfen. Nanopartikel könnten laut der Studie für diesen Transfer eingesetzt werden und fungierten gleichzeitig als „Echtzeit-Sonden“, mit denen der Vorgang visualisiert werden könne. Damit könne sei es zum Beispiel möglich, im Gehirn neuronale Störungen zu untersuchen.

Fazit: In dem Video werden Verbindungen gezogen, die nicht existieren. Begriffe werden nicht erklärt, sondern eigene Bedeutungen erfunden. Insgesamt baut die Sprecherin einen Verschwörungsmythos über eine geplante Pandemie und eine Weltregierung auf, ohne einen einzigen Beleg dafür zu liefern.  

Unsere Bewertung:
Falsch. In dem Video werden Informationen auf der Webseite des World Economic Forum völlig falsch interpretiert. 

steinmeier collage
Unter anderem die Webseite „Politikstube“ veröffentlichte das Foto von Frank-Walter Steinmeier in Südtirol. Ein Sprecher des Bundespräsidenten bestätigte uns die Echtheit. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Mehrere Webseiten veröffentlichten kürzlich ein Foto, auf dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier inmitten mehrerer Menschen ohne Abstand oder Maske zu sehen ist. Das Foto entstand tatsächlich kürzlich in Südtirol – Steinmeier entschuldigte sich dafür.

„Steinmeier macht Urlaub in Südtirol – natürlich ohne Maske und Abstand“, schreibt die Webseite „Politikstube“ in der Überschrift zu einem Artikel vom 3. August. Dazu zu sehen: Ein Foto des Bundespräsidenten inmitten mehrerer Menschen, offensichtlich dicht aneinander stehend und ohne Mund-Nasen-Schutz. 

Auch der Blog Tichy’s Einblick berichtete über das Foto, der Kolumnist Jan Fleischhauer teilte es ohne Quellenangabe ebenfalls auf Twitter. 

Mehrere Nutzer meldeten uns die Artikel von Politikstube und Tichy’s Einblick bei Facebook als mögliche Falschmeldungen. Die Berichte stimmen jedoch: Sie entstanden tatsächlich während Steinmeiers Sommerurlaub in Südtirol. Er traf sich dort laut der Webseite der Südtiroler Landesverwaltung am 22. Juli mit Landeshauptmann Arno Kompatscher. Das Foto ist dort ebenfalls zu sehen, Kompatscher steht ganz links.

Steinmeier entschuldigt sich für den Vorfall im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung

Laut der Südtiroler Landesregierung galt zu diesem Zeitpunkt nach wie vor eine Abstandspflicht von einem Meter, sowie eine Maskenpflicht, wenn dieser Abstand nicht eingehalten werden kann, und zwar „überall im Freien und in geschlossenen Räumen“. Mehrere Medien berichteten über den Vorfall, darunter die Süddeutsche Zeitung. Steinmeier sagte gegenüber der Zeitung: „In meinem Urlaub bin ich beim Verlassen einer Bergalm dem spontanen Wunsch nach einem gemeinsamen Foto an der frischen Luft nachgekommen.“ Dabei sei jedoch die Abstandsregel nicht eingehalten worden. „Fünf Sekunden Unaufmerksamkeit, die ich mir selbst vorwerfe und die nicht hätte passieren dürfen“, sagte Steinmeier der Süddeutschen Zeitung. „Das tut mir leid.“

Gegenüber CORRECTIV teilte ein Sprecher des Bundespräsidialamts per E-Mail mit, dass der Bundespräsident auch im Urlaub darauf achte, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. An Orten, an denen das nicht möglich sei, trage er eine Mund-Nasen-Bedeckung. „Dass das nicht immer ideal klappt, zum Beispiel wenn der spontane Wunsch nach einem gemeinsamen Foto an der frischen Luft entsteht, zeigt umso mehr: Es ist sehr wichtig, dass wir alle uns jeden Tag aufs Neue darauf besinnen, vorsichtig und achtsam zu sein“, sagte der Sprecher.

Unsere Bewertung:
Richtig. Das Foto entstand kürzlich in Südtirol – Steinmeier entschuldigte sich dafür, den Abstand nicht eingehalten zu haben.

Symbolbild Grippeschutzimpfung
Ein Patient wird zur Vorbeugung gegen eine Krankheit geimpft. (Symbolbild: Katja Fuhlert / Pixabay)

von Sarah Thust

Einer der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2, der derzeit an Menschen getestet wird, ist der Impfstoff mRNA-1273. In einem Artikel wird behauptet, dass viele Probanden davon „ernsthaft krank“ geworden seien. Dabei zeigten nur vier von 45 Probanden stärkere Symptome wie Übelkeit oder Kopfschmerzen.

Zu mRNA-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 kursieren mehrere Falschbehauptungen im Internet. Eine davon bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273, der seit März an einigen Probanden getestet wird. Die Bloggerin Niki Vogt behauptete in einem Text für den Schild- Verlag am 26. Mai: Jeder fünfte der Impfprobanden sei „ernsthaft krank“ geworden. 

Das stimmt so nicht. Zudem wird in dem Text die Wirkweise des Impfstoffs falsch erklärt. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 11.300 Mal auf Facebook geteilt – unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen“.

Wir haben die Behauptungen zum Impfstoff mRNA-1273 geprüft. Es stimmt nicht, dass jeder fünfte Proband „ernsthaft krank“ geworden ist. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg.

Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt.
Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Behauptung: „Jeder fünfte der Impfprobanden wurde ernsthaft krank“

Die Kernbehauptung steht in der Überschrift des Textes. Die Behauptung bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273 vom US-Hersteller Moderna. Angeblich habe das Unternehmen am 3. März „zusammen mit Dr. Fauci eine Versuchsreihe an Freiwilligen in Seattle“ gestartet. Dabei seien bei 20 Prozent der Probanden „ernste Komplikationen” aufgetreten.

Eine Recherche von CORRECTIV ergab: Die Studie gibt es, doch die Ergebnisse werden verzerrt dargestellt. Zudem sind einige Details und Erklärungen zur Studie falsch.

Der mRNA-Impfstoff wird derzeit getestet

Der Impfstoff mRNA-1273 befand sich bis Ende Mai in der ersten Phase der klinischen Prüfung, wie aus einer Pressemitteilung von Moderna vom 18. Mai hervorgeht. Das heißt, er wird an Menschen getestet. „Die klinische Prüfung von Impfstoffen ist ein zentraler Schritt bei der Entwicklung von Impfstoffen“, heißt es in einem Dokument des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Institut ist in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig.

Was in der ersten Phase der klinischen Prüfung geschieht, beschreibt zum Beispiel das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline auf seiner Internetseite: „Ein neues Arzneimittel oder ein neuer Impfstoff wird bei der ersten Prüfung am Menschen in der Regel nur einer kleinen Gruppe freiwilliger gesunder Testpersonen verabreicht.“

Phasen der klinischen Prüfung von GlaxoSmithKline
Ein Screenshot zeigt eine Übersicht über die Phasen der klinischen Prüfung vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Autorin suggeriert hingegen in ihrem Text über den Impfstoff mRNA-1273, dass die Auswahl gesunder Probanden eine „Vorsichtsmaßnahme“ von Moderna gewesen sei. Dann bezieht sie sich auf die Pressemitteilung des Konzerns vom 18. Mai, in der Moderna vorläufige positive Testergebnisse für Phase 1 verkündet hat. Die Mitteilung belegt die Aussage, dass „jeder fünfte Proband ernsthaft krank“ wurde, jedoch nicht.

Vier Probanden von 45 zeigten „Symptome der Stufe 3“, das ist nicht jeder fünfte

Durchgeführt wurde die klinische Phase-1-Studie für den Impfstoff am Kaiser Permanente Washington Health Research Institute in Seattle. Laut der Pressemitteilung von Moderna gab es drei Kohorten (Gruppen) mit jeweils 15 Probanden. Sie waren zwischen 18 und 55 Jahre alt. Die Probanden bekamen entweder eine Dosis von 25 Mikrogramm, 100 Mikrogramm oder 250 Mikrogramm verabreicht. Alle wurden jeweils zweimal geimpft. Die höchste Dosis war mit den meisten Impfreaktionen („unerwünschte Ereignisse“) verbunden.

Bei 20 Prozent der Probanden in der dritten Kohorte (drei von 15 Personen, die die Dosis 250 Mikrogramm erhielten) traten nach der zweiten Impfung „systemische Symptome der Stufe 3“ auf. Die gesamte Versuchsgruppe war aber viel größer: Von insgesamt 45 Probanden berichteten vier Personen „Symptome der Stufe 3“. Das sind rund 8,9 Prozent.

Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273
Ein Screenshot zeigt einen Absatz aus der Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Überschrift des Artikels beim Schild-Verlag führt also in die Irre, denn sie suggeriert, dass bei 20 Prozent aller Probanden ernste Komplikationen aufgetreten sind. Das stimmt nicht. Die Information, dass sich die 20 Prozent nur auf die dritte Kohorte und die zweite Impfung beziehen, folgt erst später und weit unten im Text.

„Systemische Symptome“ sind zum Beispiel Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Muskelschmerzen

Welche Symptome konkret auftraten, ging aus der Pressemitteilung nicht hervor. Das erwähnt auch die Autorin des Artikels, schreibt aber: „‘Systemische Symptome der Stufe 3’ bedeutet laut Definition der FDA: ‘Verhinderung täglicher Aktivitäten und die Notwendigkeit einer medizinischen Intervention’.“ Dann behauptet sie: „Dabei handelt es sich also nicht um ein bisschen Temperatur oder Schnupfen. Diese drei Probanden wurden ernsthaft krank.“

Die Einordnung ist irreführend, weil sie auslässt, welche Art von Symptomen gemeint sind.

Die Autorin hat zur „Definition der FDA“ keine Quelle verlinkt, also haben wir gesucht und ein Dokument von 2007 gefunden: die Skala zur Toxizitätseinstufung der US-Behörde Food and Drug Administration (FDA). Demnach gehören zu „systemischen Symptomen der Stufe 3“ theoretisch Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Müdigkeit oder Muskelschmerzen, die stark genug sind, um tägliche Aktivitäten zu verhindern oder die Einnahme von Schmerzmitteln nötig machen.

Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen
Ausschnitt aus der Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen. (Quelle: US Food and Drug Administration / Screenshot: CORRECTIV)

Die am 14. Juli veröffentlichte Studie zum Impfstoff mRNA-1273 zeigt, dass mit den „schweren systemischen Symptomen“ Schüttelfrost, Müdigkeit und Kopf- oder Muskelschmerzen gemeint waren. Sie traten nach der zweiten Impfdosis bei der Gruppe mit der höchsten Dosierung auf. Die Einstufung der Symptome erfolgte laut einer Fußnote im Anhang der Studie ebenfalls auf Grundlage der Toxizitätsskala der FDA.

Nach der ersten Impfung hatte laut der Studie keiner der 45 Probanden Fieber. Nach der zweiten Impfung trat leichtes Fieber bei sechs Personen der zweiten Kohorte und acht Personen der dritten Kohorte auf. In einem Fall wurde das Fieber mit 39,6 Grad als „schwer“ eingestuft.

Diagramm: Klinische Prüfung von mRNA-1270 - Häufigkeit der Symptome
Screenshot zweier Diagramme: Hier haben die Forscher die Häufigkeit der Symptome grafisch dargestellt. Die gelben Abschnitte markieren Symptome der Stufe 3. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hersteller Moderna schrieb dazu in der Pressemitteilung vom 18. Mai: „Alle unerwünschten Ereignisse waren vorübergehend und verschwanden von selbst. Es wurden keine unerwünschten Ereignisse des Grades 4 oder schwerwiegende unerwünschte Ereignisse gemeldet.“ 

Wie funktionieren mRNA-Impfstoffe?

Pressesprecherin Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut erklärte CORRECTIV, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert: „[mRNA-Impfstoffe] werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen. Die Körperzellen nutzen die RNA als Vorlage, um das oder die Virusproteine selbst zu produzieren.“ Dabei werde aber nur ein Bestandteil des Virus gebildet, vermehrungsfähige Viren könnten nicht entstehen.

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„Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden.

Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen.
Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Text für den Schild-Verlag wird außerdem behauptet, dass diese Erbinformationen des Virus die menschlichen Erbanlagen dauerhaft verändern könnte. Sie könnten sogar vererbt werden, heißt es dort. Es gibt für diese Aussage jedoch keine Belege. 

Das sei kaum vorstellbar, sagte Susanne Stöcker CORRECTIV am Telefon. „Selbst wenn die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde, dann wäre das Ergebnis, dass das SPIKE-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde.“ Und: Könnten diese Eigenschaften weitervererbt werden? „Nein.“

Faktenchecker der DPA haben Veränderungen in der DNA nach einer mRNA-Impfung als nach Einschätzung von Experten „extrem unwahrscheinlich“ eingestuft. Ein Faktencheck von MDR Wissen kam zu dem Schluss, dass so ein Prozess nicht die gesamte menschliche DNA erfassen könnte, sondern nur einzelne Zellen.

mRNA-1273 ist einer von sechs RNA-Impfstoffen, die derzeit klinisch geprüft werden

Mehrere Impfstoff-Kandidaten gegen SARS-CoV-2 befinden sich laut Robert-Koch-Institut in der Entwicklungsphase. Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 31. Juli 2020 zeigte, trifft das auf 139 Impfstoffe zu. 26 Impfstoffe wurden zu diesem Stichtag in klinischen Studien an Menschen untersucht, sechs davon sind RNA-Impfstoffe.

Die erste Phase der klinischen Prüfung für mRNA-1273 war Ende Mai, als der Text beim Schild-Verlag erschien, noch nicht abgeschlossen. Im April war die Studie auf Erwachsene über 55 Jahre ausgeweitet worden, teilte das Forschungsinstitut Kaiser Permanente in einer Pressemitteilung am 14. Juli mit. Phase 2 der klinischen Prüfung hat Ende Mai begonnen, Phase 3 läuft seit dem 27. Juli.

„Die Daten zu Nebenwirkungen und Immunreaktionen bei verschiedenen Impfstoffdosen gaben Aufschluss darüber, welche Dosen in den klinischen Studien der Phase 2 und 3 des Prüfimpfstoffs verwendet werden oder für den Einsatz geplant sind“, hieß es weiter in der Mitteilung.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg. Insgesamt wurden weniger Probanden krank als in der Überschrift behauptet.

Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor.
Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor. (Symbolbild: Pixabay / fernando zhiminaicela)

von Sarah Thust

Hat die EU mit einer Ausnahmegenehmigung einen mRNA-Impfstoff „mit genmanipulierten Organismen” gegen Covid-19 erlaubt, wie derzeit in Sozialen Netzwerken behauptet wird? Nein. Bei dem Erlass geht es nicht um mRNA-Impfstoffe. Genetisch veränderte Organismen enthalten sie auch nicht. 

Ein Aufruf zum Protest, Vorwürfe gegen Angela Merkel und wütende Worte gegen das „System“: Die Bloggerin Anja Heussmann behauptete in einem Video auf Facebook am 16. Juli, die Europäische Union (EU) habe mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit „genmanipulierten Organismen“ erlaubt. Ihr Video wurde bisher mehr als 5.300 Mal geteilt. 

Ähnliche Behauptungen stellt auch eine Facebook-Nutzerin in einem Beitrag vom 15. Juli auf. Die Ausnahmeregelung sei „viel schlimmer als der Virus“, heißt es darin. Denn „der neue geplant und in der Prüfung stehende Corona Impfstoff ist von einer Art, die nicht mehr korrigierbar ist. Es handelt sich um einen mRNA Impfstoff, der unseren genetischen Code verändert.“ 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. Die EU-Verordnung ist keine Zulassung für einen mRNA-Impfstoff, und solche Impfstoffe enthalten keine „genmanipulierten Organismen“. Beide Beiträge sollen offenbar Stimmung gegen Impfungen machen.

Behauptung: EU-Ausnahmeregelung erlaube „mRNA-Impfstoff mit genmanipulierten Organismen“ 

Anja Heussmann fordert im Beitragstext zum Video den „Rücktritt der gesamten Regierung“. Im Video sagt sie nach 25 Sekunden: „In der EU erlassen sie jetzt die Ausnahmeregelung für den Covid-19-Impfstoff. Denken Sie eigentlich, dass wir Menschen verblödet sind, oder was? Wissen Sie was? Man sollte Sie endlich entmündigen.“ Mit „Sie“ ist offenbar Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeint.

Anja Heussmann spricht im Video über einen mRNA-Impfstoff
Anja Heussmann behauptet in ihrem Video vom 16. Juli, dass eine EU-Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit genmanipulierten Organismen erlaubt haben soll. (Quelle: Facebook-Seite „Lovestorm People“ / Screenshot am 29. Juli: CORRECTIV)

Das Video von Heussmann besteht hauptsächlich aus Meinung und Spekulationen. Und für die einzige überprüfbare Behauptung – nämlich die,dass die EU angeblich mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen das Virus SARS-CoV-2 erlaubt habe und dieser genetisch veränderte Organismen enthalte –, nennt sie keine Belege.

mRNA-Impfstoff enthält keine gentechnisch veränderten Organismen

Eine Ausnahmeregelung hat die EU tatsächlich am 15. Juli erlassen, doch darin geht es nicht um die Zulassung eines Impfstoffes. Stattdessen geht es um eine Vereinfachung im Entwicklungsprozess. Die Regelung betrifft „Humanarzneimittel“, die gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthalten oder daraus bestehen, und deren Wirkung am Menschen geprüft werden soll („klinische Prüfung“). Das betrifft laut einer Pressemitteilung der EU auch einige Impfstoffe, die zum Beispiel mit genetisch veränderten abgeschwächten Viren arbeiten.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

mRNA-Impfstoffe enthalten jedoch keine GVO. Das bestätigte das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland unter anderem für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, gegenüber CORRECTIV. „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO. Sie werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen (Bei SARS-CoV-2 für das SPIKE-Protein oder Teile davon)“, schrieb Pressesprecherin Susanne Stöcker per E-Mail.

E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts
E-Mail der Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts in Deutschland: „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO.“ (Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

EU-Verordnung bezieht sich laut Behörden nicht auf mRNA-Impfstoffe

Die Umweltverträglichkeitsprüfung gelte hingegen nur für Impfstoffe, die GVO enthalten. „Da weder mRNA-Impfstoffe noch DNA-Impfstoffe vermehrungsfähige Organismen darstellen, sind sie weder von der Prüfung noch von der Ausnahmeregelung betroffen“, so Stöcker.

Ein Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland bestätigte CORRECTIV ebenfalls: „Der Verzicht auf die Umweltverträglichkeitsprüfung bezieht sich auf Medikamente zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19, die mithilfe von GVOs entwickelt werden. mRNA-Impfstoffe sind keine GVOs.“ Ob bestimmte Impfstoffe mit Hilfe von GVO hergestellt würden, könne er nicht sagen; das hänge von dem jeweiligen Impfstoff ab.

Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten.
Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten. (Quelle: CORRECTIV)

Was bedeutet die Ausnahmeregelung für die Covid-19-Medikamente?

Gentechnisch hergestellte Arzneimittel gab es schon vor Covid-19. Dazu gehört laut dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland VFA unter anderem die Schutzimpfung gegen Hepatitis B.

Bevor klinische Prüfungen mit Arzneimitteln mit genetisch veränderten Organismen beginnen können, müssen zahlreiche Tests durchgeführt werden. Einer davon ist die Umweltverträglichkeitsprüfung, bei der es um die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt geht. 

Die neue EU-Regelung erlaubt nun, dass vor klinischen Prüfungen von Medikamenten zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19 keine solche Umweltverträglichkeitsprüfung erfolgen muss. 

Auszug aus der EU-Verordnung
Auszug aus der EU-Verordnung 2020/1043. (Quelle: Amtsblatt der Europäischen Union / Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

Durch die Ausnahmeregelung soll der Prozess der Entwicklung eines Impfstoffes beschleunigt werden. Denn die Umweltverträglichkeitsprüfung sei komplex und nehme viel Zeit in Anspruch, heißt es in der Verordnung. „Es ist von allergrößter Bedeutung, dass klinische Prüfungen mit GVO enthaltenden oder aus GVO bestehenden Prüfpräparaten zur Behandlung oder Verhütung von COVID-19 in der Union […] sich nicht wegen der Komplexität der unterschiedlichen nationalen Verfahren […] verzögern.“

Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut schreibt uns, die EU-Verordnung bedeute „keine Abstriche in der Sicherheitsbewertung“, sondern solle die Verfahrensabläufe beschleunigen.

Die Ausnahmeverordnung soll laut einer Pressemitteilung des EU-Rats vom 14. Juli nur gelten, solange „die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Covid-19 als Pandemie betrachtet oder ein Durchführungsrechtsakt der Kommission gilt, wonach eine gesundheitliche Notlage aufgrund von Covid-19 besteht.“

Pressemitteilung
In einer Pressemitteilung vom 14. Juli informiert der Rat der Europäischen Union über die Verordnung. (Quelle: Internetseite vom Rat der EU / Screenshot: CORRECTIV)

Was ist ein mRNA-Impfstoff?

Das Paul-Ehrlich-Institut schreibt auf seiner Webseite: „mRNA-Impfstoffe enthalten Teile des Erbmaterials der Viren, die Baupläne für das Oberflächenprotein des Coronavirus-2 oder einem Teil davon umfassen.“ Die genetische Information des Virus könnte demnach durch die Impfung in einige Körperzellen des Geimpften gelangen. Die Zellen produzieren dann die entsprechenden Proteine. Das Immunsystem reagiert auf diese Proteine und bildet Abwehrstoffe wie Antikörper gegen das Virus. Die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen wird auch hier vom Science Media Center erklärt.  

Auszug Presse-Briefing PEI
Aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

Die mRNA werde nicht in „Trägerviren“ transportiert, sondern in flüssigen Fetttröpfchen. „Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden

Es ist nicht sicher, ob es für Covid-19 einen mRNA-Impfstoff geben wird

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) steht bisher kein Impfstoff zur Verfügung, der vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus schützt, somit auch kein mRNA-Impfstoff.

Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, befanden sich am 31. Juli 139 Impfstoff-Kandidaten in der Entwicklung. 26 weitere Impfstoff-Kandidaten wurden bereits in klinischen Studien an Menschen untersucht. Dazu zählen auch sechs mRNA-Impfstoffe.

Fazit

Anders als in den Beiträgen von Anja Heussmann und hier auf Facebook dargestellt, geht es in der EU-Ausnahmeregelung nicht um die Zulassung einer bestimmten Substanz oder eines mRNA-Impfstoffes. Das Paul-Ehrlich-Institut und ein Sprecher der Europäischen Kommission bestätigten CORRECTIV, dass mRNA-Impfstoffe keine genetisch veränderten Organismen enthalten.

Die Behauptung auf Facebook, der „geplante Impfstoff“ sei ein mRNA-Impfstoff, ist ebenfalls falsch. Es steht noch nicht fest, welche Art von Impfstoff letztlich für Covid-19 zugelassen wird – es werden verschiedene Varianten geprüft.

Beiträge werden im Netzwerk der „Corona Rebellen“ verbreitet

Beiträge wie dieser von Anja Heussmann werden häufig in Facebook-Gruppen der „Corona Rebellen“ verbreitet, wie hier oder hier zu sehen ist. Die Bloggerin produziert seit Jahren Videos, die auf der Facebook-Seite von „Lovestorm People“ und auf Youtube veröffentlicht werden. In einem etwa drei Jahre alten Video von ihr heißt es, „Lovestorm People“ sei ein soziales Kunstprojekt. Im Impressum der Internetseite wird Heussmann als Verantwortliche genannt.´

Anja Heussmann hat in ihrem Video über den mRNA-Impfstoff und in weiteren Beiträgen auf Facebook eine Demonstration in Berlin am 1. August 2020 beworben, bei der das angebliche „Ende der Pandemie“ ausgerufen wurde. Laut Medienberichten wurde anschließend Kritik laut, weil tausende Menschen dort ohne Masken und ohne Abstand demonstrierten.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Mit der EU-Ausnahmeregelung wurde kein mRNA-Impfstoff erlaubt – und solche Impfstoffe enthalten keine gentechnisch veränderten Organismen.

Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf.
Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In einem Beitrag eines türkischen Nachrichtensenders, der auch in deutscher Übersetzung verbreitet wird, wird behauptet, Kinder würden entführt, um ihnen Haut und ein Stoffwechselprodukt zu entnehmen, womit sich Erwachsene die Haut verjüngen ließen. Das ist falsch.

„Ich habe Ihnen gesagt, die heutigen Nachrichten werden Sie erschüttern“ – mit diesen Worten beginnt die deutsche Übersetzung eines Beitrags des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber auf Youtube. Der Sender gilt als regierungsnah. Sechs Minuten lang zeigt der Nachrichtensprecher Fotos von Prominenten und von einem Kleinkind mit schwarz-blau unterlaufenen Augen. 

Im Video ist immer wieder die Rede davon, dass Kinder in Angst versetzt würden, um ihnen Adrenochrom, ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin, zu entnehmen. Dieses werde dann Prominenten als Verjüngungs- und Hautsstraffungsmittel gespritzt. 

CORRECTIV hat den Beitrag geprüft, die Übersetzung aus dem Türkischen ins Deutsche ist korrekt. Der Inhalt ist jedoch fragwürdig. Wann die Nachrichtensendung ausgestrahlt wurde, ist nicht ersichtlich. Das Video mit der deutschen Übersetzung wurde am 28. Juni auf Youtube veröffentlicht und bisher mehr als 177.000 Mal aufgerufen und mehr als 10.000 Mal auf Facebook geteilt. Eine Bilder-Rückwärtssuche mit Google ergibt keine Treffer vor dem 28. Juni. Es finden sich zudem auch Übersetzungen des Videos in andere Sprachen, zum Beispiel Englisch. Auf der Webseite des Senders selbst oder seinen Youtube-Kanälen ist das Video nicht zu finden, das Studio und der Moderator weisen aber darauf hin, dass das Video wirklich von TGRT Haber stammt.

Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass die Behauptungen im Beitrag in die Irre führen und einen bekannten Verschwörungsmythos wiederholen. 

1. Behauptung: Prominente würden sich mit „Hautfetzen von koreanischen Babys“ die Haut verjüngen

Zu Beginn des Beitrags (ab Minute 00:58) wird ein Ausschnitt aus der US-amerikanischen Talkshow The Ellen DeGeneres Show von Mitte Mai 2018 gezeigt. Dort sprach Schauspielerin Sandra Bullock darüber, dass sie Fan der sogenannten Penis Facial-Methode sei. Weltweit berichteten Medien (zum Beispiel hier oder hier) bereits seit März 2018 darüber, dass sich Prominente wie Sandra Bullock oder Cate Blanchett mit dieser Methode die Gesichtshaut behandeln lassen würden.

Der Sprecher des türkischen TV-Senders kommentiert dazu (ab Minute 1:47): Wie unschuldig sie es doch erzählen. Was ist es? Hautfetzen von koreanischen Kindern, die unter die Gesichtshaut injiziert werden, um jung und schön zu bleiben.“ Damit stellt er den Sachverhalt irreführend dar. Es werden keine Hautfetzen injiziert, sondern Stammzellen.

Die von Sandra Bullock angeführte Schönheitsbehandlung existiert tatsächlich. Angeboten wird sie Medienberichten zufolge in New York von der Kosmetikerin Georgia Louise. Sie hat sich auf Gesichtsbehandlungen spezialisiert und betreibt ein Studio in Manhattan.

Bullock ließ sich in einem  Kosmetikstudio in New York mit Microneedling und EGF-Serum behandeln

Die Behandlungsmethode nennt sich The Hollywood EGF Facial. Auf der Webseite von Georgia Louise ist zu lesen, dass es sich um eine TCA-Peel-Microneedling-Behandlung handelt. Es werde ein Epidermal Growth Factor (EGF)-Serum aufgetragen, um die Bildung von Kollagen und Elastin zur Straffung und Festigung der Haut zu unterstützen“.

Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)
Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)

Microneedling beziehungsweise Mesotherapie wird beispielsweise bei Durchblutungsstörungen, Rheuma, Arthrose oder Rückenschmerzen angewandt. Aber auch in der Dermatologie und in der ästhetischen Medizin wird Microneedling eingesetzt. Wirkstoffe und Medikamente werden dabei mit winzigen Nadeln direkt in die Haut gespritzt. 

Die Kommission für kosmetische Mittel des Bundesinstituts für Risikobewertung schreibt in einem Protokoll von Mai 2013, die Methode sei kritisch zu bewerten, da Infektionen oder allergische Reaktionen auftreten können.

EGF epidermale Wachstumsfaktoren – spielen eine wichtige Rolle bei der Wundheilung, indem sie die Heilung der äußeren Zellschicht der Haut stimulieren. Auch bei der Behandlung von Krebs spielen Therapien, die epidermale Wachstumsfaktoren einsetzen, eine Rolle. EGF-Serum findet aber auch in der Kosmetikindustrie Verwendung, zahlreiche Hersteller verkaufen das Serum als Anti-Aging-Produkt oder bieten es in Kombination mit einer Mesotherapie an.

Die Stammzellen für die Gesichtsbehandlung werden angeblich aus der Vorhaut von Babys gewonnen

Gewonnen werden die EGF aus Stammzellen. Auf der Webseite von Georgia Louise sind dazu nicht direkt in der Behandlungsbeschreibung Details zu finden, aber auf der Webseite wird ein Artikel des People-Magazins verlinkt. Darin bestätigt eine Angestellte des Kosmetikstudios Sandra Bullocks Ausführungen, dass das Serum von der Vorhaut koreanischer Babys extrahiert werde. Die Angestellte von Georgia Louise erklärt People: Ja, sie hat recht. Das Serum wird aus der Vorhaut des Penis eines Babys gewonnen. […] EGF werden aus den Vorläuferzellen (Anm. d. Red.: Abkömmling einer Stammzelle) menschlicher Fibroblasten (Anm. d. Red.: Hauptbestandteil des Bindegewebes) von der Vorhaut koreanischer Neugeborener gewonnen.

Fremde Haut wird vom Körper abgestoßen, nicht jedoch embryonale Stammzellen

Professor Lukas Prantl, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen Chirurgen, erklärt im Gespräch mit CORRECTIV, dass selbst die Transplantation kleinster Hautpartikel eigentlich vom Körper abgestoßen werde. Die Haut ist ein Immunorgan mit verschiedenen Abwehrspezialisten. Immer wenn ich Zellen von fremden Personen nehme, kommt es zu  einer Abstoßungsreaktion. 

Anders sei das jedoch bei embryonalen Stammzellen. In Deutschland ist die Verwendung embryonaler Stammzellen streng reglementiert und wird als ethisch bedenklich eingestuft. Aber grundsätzlich besitzen sie ein hohes Potenzial zur Regeneration zum Beispiel von Sehnen, Knorpel oder der Verbesserung von Hautstrukturen. Eine Alternative bieten hier die Stammzellen aus dem Fettgewebe, sagt Prantl.

Im Zusammenhang mit der Penis Facial-Methode ist die Rede davon, dass dafür Stammzellen aus der Vorhaut bei der Beschneidung Neugeborener verwendet würden. Facharzt Prantl berichtet zudem davon, dass die Zellen auch entnommen werden könnten, wenn ein Embryo im Mutterleib stirbt und ausgeschabt werde.

Fazit: Hier fehlt wesentlicher Kontext. Es werden keine Hautfetzen von Babys injiziert. Es stimmt aber, dass eine Gesichtsbehandlungs-Methode existiert, bei der embryonale Stammzellen in Form eines Serums verwendet werden. Die Behauptung, dass diese von der Vorhaut koreanischer Babys stammen könnten, lässt sich lediglich in Medienberichten über ein Kosmetikstudio in New York wiederfinden. 

2. Behauptung: Kinder würden in Stress- oder Angstsituationen versetzt, um ihnen Adrenochrom zu entnehmen und dieses dann zur Verjüngung zu verkaufen

Im Beitrag spricht der Moderator des türkischen TV-Senders immer wieder davon, dass Kindern Adrenochrom entnommen werde und sie dazu in außerordentliche Stresssituationen versetzt würden. Denn Adrenochrom entstehe bei Kindern, wenn sie Schmerz oder Angst verspüren würden (zum Beispiel ab Minute 2:20). Es werde an Reiche und Berühmte teuer verkauft, behauptet er weiter. Zu diesem Zweck würden angeblich täglich weltweit tausende Kinder entführt, gefoltert und getötet, um ihnen im Augenblick des Todes das Blut zu entnehmen und das Hormon den Reichen zu verkaufen (ab Minute 5:32). 

Zur Stützung der Behauptung werden immer wieder Fotos von Prominenten und das Foto eines Kleinkindes mit Blutergüssen unter den Augen gezeigt. Eine Bilder-Rückwärtssuche des Kinderfotos führt lediglich immer wieder zum Video des türkischen TV-Senders. Der genaue Ursprung lässt sich nicht ausmachen.

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Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin ­ Erwachsene und Kinder produzieren es gleichermaßen

Die Behauptung, Kinder müssten Schmerz oder Angst verspüren, um Adrenochrom zu produzieren, ist falsch. Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin. Adrenalin  produziert jeder Mensch, wenn er unter psychischem oder physischem Stress steht. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene produzieren dann in geringen Mengen Adrenochrom, erklärt Lukas Prantl im Gespräch mit CORRECTIV. Adrenalin ist ein Hormon, und dieses Hormon hat eine feste chemische Struktur und die ist bei einem Kind nicht besser oder schlechter als bei einem Erwachsenen. Es ergebe folglich rein biologisch keinerlei Sinn, Adrenochrom nur in Zusammenhang mit Kindern zu betrachten. 

Dass Adrenochrom genutzt werden könnte, um die Haut zu verjüngen und beispielsweise über Microneedling zu injizieren, ist dem Facharzt nicht bekannt. Und ich wüsste auch nicht, welchen Nutzen das haben sollte. Zudem gibt es viele andere gute Möglichkeiten, wie die Anwendung von körpereigenen Vorläuferzellen aus dem Fettgewebe oder Blutplättchen.

Der Verschwörungsmythos um Adrenochrom hat seinen Ursprung in antisemitischen Motiven

Immer wieder kursieren Behauptungen im Netz, die die angebliche Entführung von Kindern mit Adrenochrom und einem vermeintlichen Verjüngungselixier in Verbindung bringen. Sie sind Teil des weltweiten QAnon-Verschwörungsmythos. Deren Anhänger glauben unter anderem daran, dass eine satanistische Elite die Welt beherrsche. Diese entführe Kinder, halte sie in unterirdischen Gefängnissen und versuche mit ihrem Blut, das eigene Leben zu verlängern und sich aufzuputschen. CORRECTIV hat schon in mehreren Faktenchecks gezeigt, dass diese Theorien auf falschen Annahmen beruhen (zum Beispiel hier, hier und hier).

Die Behauptungen über Adrenochrom und das Entführen von Kindern hat seinen Ursprung auch in alten antisemitischen Motiven. Ein Vorläufer sei der antisemitische Mythos der „Hexensalbe“, wie Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt. „In Werken wie dem Nürnberger ‘Formicarius’ von 1430 wurde vor allem Frauen vorgeworfen, gemeinsam mit Juden und Teufeln den ‘Hexensabbat’ zu begehen und aus ermordeten, christlichen Kindern eine teuflische, mächtige Salbe herzustellen“, sagt Blume. 

Fazit: 

Der türkische Fernsehbeitrag vermischt Informationen über eine umstrittene Gesichtsbehandlung mit embryonalen Stammzellen mit einem Verschwörungsmythos über Adrenochrom. Beides hat jedoch nichts miteinander zu tun.

Dafür, dass Kinder entführt und in Angst versetzt würden, um ihnen das Stoffwechselprodukt Adrenochrom zu entnehmen und es als Verjüngungsmittel an Prominente zu verkaufen, gibt es keine Belege. Auch aus medizinischer Sicht ergibt das laut einem Experten für Plastische Chirurgie keinen Sinn.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der türkische Fernsehbeitrag verbreitet einen Verschwörungsmythos über entführte, gefolterte Kinder und Adrenochrom.

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Ein Corona-Test am 15. Juli in Sacramento in den USA. (Symbolbild: picture alliance/ZUMA Press)

von Cristina Helberg

In einem Artikel wird spekuliert, die Aufregung um das Coronavirus sei „ein riesiger Fake“. Denn in den USA könnten zehntausende Menschen fälschlich als Covid-19-Todesfälle deklariert worden sein. Damit solle die Sterberate angeblich „künstlich nach oben getrieben werden“. Für diese Schlussfolgerung gibt es keine Belege.

Die Webseite Schweizer Morgenpost behauptet in einem Artikel, dass in den USA zehntausende Menschen als „falsche Coronatote“ gezählt worden sein könnten. „In amerikanischen Städten und Bundesstaaten wird offenbar die Sterblichkeit unter den am Coronavirus erkrankten Menschen künstlich nach oben getrieben“, heißt es weiter. Zudem wird behauptet, es sei eine „bekannte Tatsache“, dass positiv auf das Coronavirus getestete Menschen auch dann als Coronatote zählen, wenn sie bei einem Unfall oder durch andere Erkrankungen sterben würden. 

Der Artikel vom 21. Juli wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 2.600 Mal geteilt. Die Webseite Schweizer Morgenpost hat in der Vergangenheit wiederholt Falschmeldungen verbreitet, die wir geprüft haben. (Zum Beispiel hier, hier und hier)

Wir haben die Behauptungen zur Zählweise der Covid-19-Todesfälle in den USA geprüft. Es gibt keine Belege, dass die Zahlen viel zu hoch sind.

Anweisung des CDC widerspricht der Behauptung

Auf seiner Webseite schreibt das US-amerikanische Zentrum für Krankheitsbekämpfung und Prävention (CDC) deutlich: „Wenn COVID-19 als Todesursache auf dem Totenschein angegeben wird, wird die Angabe codiert und als Tod aufgrund von COVID-19 gezählt. COVID-19 sollte nicht auf dem Totenschein angegeben werden, wenn es den Tod nicht verursacht oder dazu beigetragen hat.“ Der Hinweis ist dort mindestens seit dem 28. Mai zu lesen, wie eine archivierte Version der Webseite zeigt. 

Schon am 3. April 2020 veröffentlichte das CDC außerdem eine detaillierte Anleitung, wie Totenscheine im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgefüllt werden sollen. Dort steht: „Zweck dieses Berichts ist es, Sterbebeglaubigern eine Anleitung für die ordnungsgemäße Bescheinigung der Todesursache in Fällen zu geben, in denen bestätigte oder vermutete Covid-19-Infektionen zum Tod geführt haben.“ Weiter wird in dem Dokument deutlich gemacht, dass im oberen, ersten Teil des Totenscheins die „unmittelbare Ursache für den Tod“ anzugeben sei. Bei einem tödlichen Unfall, wäre das demnach die tödliche Unfallverletzung und nicht eine eventuell vorliegende Coronavirus-Infektion. 

CDC weist auf mögliche spätere Änderungen hin 

Das CDC weist auf seiner Webseite außerdem daraufhin, dass es zwei Zählweisen der Covid-19-Todesfälle gibt, die voneinander zu unterscheiden sind. Zunächst laufen vorläufige Zählungen der Todesfälle bei der Behörde ein und werden veröffentlicht. Diese provisorischen Zählungen werden laufend überprüft und aktualisiert und können sich deshalb erhöhen oder verringern, wenn neue Daten zu Sterbeurkunden übermittelt wurden. Mit Stand 29. Juli 2020 zählte das CDC 148.866 Covid-19-Todesfälle in den USA.

Bundesstaat Washington änderte Zählweise im Juni 

Soweit die Anweisungen der Bundesbehörde. Allerdings wurden in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten offenbar trotzdem eine Zeitlang alle positiv getesteten Personen automatisch zu den Covid-19-Todesfällen gezählt. Die Gesundheitsbehörde des US-Bundesstaat Washington veröffentlichte am 20. Juni eine Ankündigung, die Zählweise zu ändern. „Bisher haben wir alle Menschen, die starben und zuvor positiv auf Covid-19 getestet wurden, gezählt. Diese Methode identifiziert Personen, die das Virus hatten, sagt uns aber nicht, ob Covid-19 ihren Tod verursacht hat“, heißt es darin. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Als Grund für diese Vorgehensweise gibt die Behörde an, sie habe versucht, von Beginn des Ausbruchs an, Daten möglichst in Echtzeit zu veröffentlichen, um dem Gesundheitssystem und der Politik Zugang zu den aktuellsten Informationen zu ermöglichen. Der reguläre Prozess für die Erhebung der Daten dauere bis zu 18 Monate. 

Im Zuge der Umstellung der Zählweise Mitte Juni löschte die Behörde im Staat Washington am 17. Juni sieben Todesfälle aus der Corona-Statistik: zwei Suizide, drei Tötungsdelikte und zwei Todesfälle durch Überdosis. Außerdem wurden in der Statistik neue Kategorien eingeführt: „bestätigter Covid-19-Tod“, „große Wahrscheinlichkeit auf Covid-19-Tod“, „Verdacht auf Covid-19-Tod“ und „kein Corona-Tod“ (Beispiele dafür sind Mord, Überdosis, Selbstmord, Autounfall oder Krankheit mit klarem Ausschluss einer Covid-19-Erkrankung). 

Opfer eines Motorradunfalls in Florida als Covid-19-Todesfall gezählt?

Die Schweizer Morgenpost nennt in ihrem Artikel nur zwei Einzelfälle als angebliche Belege für „zehntausende“ falsch zugeordnete Todesfälle. Zum Beispiel den Fall eines Motorradunfalls in Florida: Ein dabei getöteter Mann sei wegen eines vorherigen positiven Corona-Tests als Coronatoter gezählt worden. Als Quelle bezieht sich die Seite auf die Berichterstattung des Fernsehsenders FOX35. Erst nach deren Berichterstattung sei der Mann von der Liste der Coronatoten genommen worden. 

Die US-Faktenchecker von Lead-Stories haben in einem Faktencheck analysiert, dass der Sender FOX35 den Fall aufgebauscht hatte. Die Faktenchecker schreiben: „Ein Beamter des öffentlichen Gesundheitswesens, den FOX35 mit den Worten aufzeichnete, er wisse nicht, ob der Tod des Motorradfahrers in die Covid-19-Zählung aufgenommen wurde oder nicht, ist nicht die Person, die die Todesursache bestimmt. Staats- und Bundesbeamte sagen, dass der Tod nicht zur Gesamtzahl der Todesfälle des Staates addiert wurde.“ 

Familie in Oklahoma streitet um Todesursache 

Außerdem verweist die Schweizer Morgenpost auf einen Bericht der Webseite The Oklahoman über einen Mann, der an Alzheimer erkrankt war und positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Familie glaubt laut dem Bericht, er sei an Alzheimer gestorben, weil seine Coronavirus-Symptome schon abgeklungen waren. Auf seinem Totenschein gab ein Arzt jedoch das Coronavirus als Todesursache an. 

Aus diesen beiden Einzelfällen zieht die Schweizer Morgenpost den Schluss: „Mittlerweile befürchten viele Amerikaner, dass Zehntausende auf den Todeslisten stehen könnten, die zwar am Coronavirus erkrankt waren, aber nicht daran gestorben sind. Das könnte auch in Europa der Fall sein und das Chaos um das Virus als einen riesigen Fake entlarven.“ 

Sterbefallzahlen werden offenbar eher unterschätzt 

Auch wenn in Einzelfällen die Frage, ob Personen an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, streitig sein kann, gibt es keinerlei Belege, dass „zehntausende Menschen“ in den USA falsch als Corona-Tote deklariert worden sein könnten und die Corona-Sterberate damit „künstlich“ nach oben getrieben werden soll. Stattdessen sind die US-Behörden offensichtlich darum bemüht, möglichst genaue Daten zu dokumentieren und arbeiten deshalb mit einem zweistufigen Verfahren. 

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In Deutschland werden vom Robert-Koch-Institut (RKI) auch Todesfälle in die Statistik aufgenommen, die nicht an, aber mit dem Virus gestorben sind. Wir haben einen ausführlichen Faktencheck dazu veröffentlicht. Eine Sprecherin des RKI teilte uns mit, Fälle, in denen ein Infizierter zum Beispiel durch einen Unfall sterbe, seien sehr selten, so dass die Statistik nicht verzerrt werde. Obduktionen von verstorbenen Covid-19-Patienten in Hamburg zeigen außerdem, dass die überwiegende Mehrheit tatsächlich an Covid-19 starb.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Todesfälle im Zusammenhang mit Corona eher unterschätzt werden. Das sagte zum Beispiel der RKI-Chef Lothar Wieler am 3. April, als er auf die Kritik an der Zählweise in einer Pressekonferenz angesprochen wurde.Für Italien bestätigen diese Vermutung auch erste wissenschaftliche Untersuchungen, die kürzlich veröffentlicht wurden. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Corona-Todeszahlen in den USA „künstlich“ in die Höhe getrieben werden.

Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen
Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen (Symbolbild: Picture Alliance/ Robin Utrecht)

von Uschi Jonas

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der Corona-Test schädige die Blut-Hirn-Schranke und könne zu Infektionen im Gehirn führen. Das ist falsch. Ein Neurologe erklärt, warum.

Wer engen Kontakt zu einer mit Covid-19 infizierten Person hatte, Symptome zeigt oder in einer Risikoregion war, sollte sich auf das Coronavirus testen lassen. So sieht es die Nationale Teststrategie des Robert-Koch-Instituts (RKI) vor. 

Doch auf Facebook kursieren mehrere Beiträge (zum Beispiel hier, hier und hier), in denen behauptet wird, die Einführung des Stäbchens für den Test in die Nase würde eine hämato-enzephalitische Barriereschädigung der Schädeltiefe verursachen. Weiter wird behauptet, die Schädigung sei auch der Grund, weswegen das Einführen des Stäbchens schmerzen würde. Zudem diene der Test lediglich dazu, einen „direkten Eingang zum Gehirn für jede Infektion zu schaffen

Insgesamt wurden die Beiträge bislang mehr als 8.800 Mal auf Facebook geteilt. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Behauptungen sind falsch. Durch den Abstrich für den sogenannten PCR-Test kann es zu keinen Verletzungen kommen. Dass das Einführen des Stäbchens schmerzhaft sein kann, liegt an der Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut.

Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Für einen adäquaten Corona-Test empfiehlt das RKI Proben aus den oberen und tiefen Atemwegen

Um auf das Coronavirus zu testen, empfiehlt das Robert-Koch-Institut, dass möglichst Proben parallel aus den oberen und den tiefen Atemwegen entnommen werden. Diese dienen der PCR-Diagnostik zum direkten Erregernachweis. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion und ist eine Methode, die zur Diagnostik von Infektionskrankheiten eingesetzt wird.

Für die Entnahme der Proben schlägt das RKI jeweils verschiedene Möglichkeiten vor. Für die oberen Atemwege solle entweder ein Rachenabstrich (Oropharynx) oder ein Nasenrachenabstrich (Nasopharynx) oder eine Nasenrachenspülung erfolgen. Das Deutsche Ärzteblatt schreibt, dass die aktuelle wissenschaftliche Literatur zeige, dass ein Nasenrachenabstrich einem Rachenabstrich vorzuziehen sei, denn „die Erregerkonzentration im Abstrich des Nasenrachens (Nasopharynx) [ist] im Vergleich 10 bis 100-fach höher“.

Nasenrachenabstriche wurden auch 2018 bei der Diagnostik des Coronavirus MERS-CoV durchgeführt und sind auch bei Influenza üblich. Dafür müssen Tupfer entlang der Nasenscheidewand tief in die Nase bis zur Rachenwand eingeführt werden, dann dort wenige Sekunden belassen und in rotierender Bewegung herausgezogen werden, wie das RKI schreibt. 

Neurologe: Corona-Test birgt kein Verletzungsrisiko für Schädeldecke oder Gehirn

Wider den Behauptungen in den Facebook-Beiträgen sei daran nichts gefährlich, schreibt Peter Berlit, Neurologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, CORRECTIV in einer E-Mail. Schmerzhaft könne das Einführen des Stäbchens für den Nasopharynx-Abstrich zwar sein: Die Nasenschleimhaut ist empfindlich, vor allem bei Entzündungen. Aber der Test könne keinerlei Schaden verursachen, erklärt Berlit.

Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine wie in den Facebook-Beiträgen beschriebene „hämato-enzephalische Barriere“ gebe es nicht, so Berlit. „Es gibt eine Blut-Hirn-Schranke, die dafür sorgt, dass Blutbestandteile nicht in den Nervenwasser-Raum gelangen können.“ Diese befinde sich aber nicht in der Nase, erklärt der Neurologe. 

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Auch könne der Corona-Test keine Schädigung der Schädeldecke verursachen: Zwischen Gehirn und Nase sind unter anderem Knochen und Hirnhaut eine Schädigung durch Abstrichröhrchen ist unmöglich. 

Lediglich bei einer Verletzung der Schädelbasis, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall, könne es zu einer Verbindung zwischen Nasen- und Nervenwasserraum kommen. Dies birgt das Risiko von Hirnhautentzündungen. Eine solche Beschädigung könne nur dann dazu führen, dass Bakterien ins Gehirn gelangen, wenn der Knochen kaputt sei und ein Leck entstehe nicht durch den Abstrich mit einem Stäbchen für den Corona-Test, sagt der Neurologe.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Corona-Test kann keine Verletzung der Schädelbasis verursachen. Auch kann der Test nicht dazu führen, dass Bakterien direkt ins Hirn gelangen.

Bierstraße Mallorca
Aufnahme vom Sonntag, 12. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras“ in der „Bierstraße“ auf Mallorca gemacht. Die Absperrungen zur Straße waren an den Tagen zuvor dort noch nicht aufgestellt worden. (Foto: picture alliance/dpa/Clara Margais)

von Sarah Thust

Sind Medienberichte über Partys ohne Einhaltung der Corona-Regeln auf Mallorca gelogen? Unter anderem die Seite „Journalistenwatch“ behauptet, es habe gar keine Partys gegeben, die Darstellungen feiernder Touristen seien frei erfunden. Das stimmt nicht. 

Die Seite Journalistenwatch behauptet, Medien hätten die Berichte über feiernde Touristen auf Mallorca erfunden. Und in einem Video des Deutschland-Kurier suggeriert Youtuber Oliver Flesch ähnliches („Alles Quatsch!“ / „erstunken und erlogen“). Es wurde am 16. Juli auf Facebook hochgeladen und mehr als 4.600 Mal geteilt. Der Text von Journalistenwatch wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 800 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Vorwurf, die Medien hätten die Partys erfunden, ist falsch. Hauptsächlich geht es um die Nacht vom 10. auf den 11. Juli. In dieser Freitagnacht sind Videos und Fotos entstanden, die feiernde Touristen in der „Bierstraße“ auf Mallorca zeigen sollen. CORRECTIV konnte für einen anderen Faktencheck bereits mehrere dieser Aufnahmen verifizieren, darunter ein Foto der DPA und ein Instagram-Video

Wir haben die vier zentralen Behauptungen von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch einzeln überprüft. Sie sind größtenteils irreführend.

1. Behauptung: Die Darstellungen „zügellos feiernder Corona-Ignoranten“ sind frei erfunden

Journalistenwatch berichtete am 16. Juli, dass „die Darstellungen zügellos feiernder Corona-Ignoranten offenbar nicht nur überzogen, sondern frei erfunden“ seien. Belegt werden soll dieser Vorwurf mit einem Videokommentar von Schlagersänger Mickie Krause und veralteten Bildern, die in einigen Medien verwendet wurden (CORRECTIV hat darüber berichtet). 

Tatsächlich hat Schlagersänger Mickie Krause am 16. Juli ein Video auf Facebook gepostet und dazu geschrieben: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!“ In dem Video spricht er vor allem über die Ereignisse am Freitag, 10. Juli in Playa de Palma. Mickie Krause bestätigt in seinem Kommentar jedoch, dass einige Touristen auf Mallorca gefeiert haben und dies in einem Video zu sehen ist.

Mickie Krause Mallorca
Schlagersänger Mickie Krause kritisiert in einem Video die Berichterstattung einiger deutscher Medien über Mallorca. (Quelle: Facebook / Screenshot am 22. Juli: CORRECTIV)

Journalistenwatch stellt die Zitate des Schlagersängers so dar, als hätte dieser die Medienberichte als „erfunden“ bezeichnet. Tatsächlich sagt Mickie Krause in seinem Video: „Ja, am Freitag wurde in der Bierstraße gefeiert und es gibt ja dieses berühmt-berüchtigte Video. Aber ich kann nur sagen: Das ist eine Momentaufnahme, sicherlich haben dort die Leute Sicherheitsabstände nicht eingehalten, aber machen wir uns nichts vor, das war wirklich nur eine Momentaufnahme.“

Oliver Flesch war zum Zeitpunkt der Partys nicht in der „Bierstraße“ 

Für den Deutschland-Kurier hat Oliver Flesch ein Video aus Mallorca produziert. Es trägt den Titel: „Ausschweifende Partys auf Mallorca? Alles Quatsch!“ Darin suggeriert er, dass die Medien die Situation auf Mallorca falsch dargestellt hätten. Allerdings sagt er selbst: „Ich lebe ja in Cala Rajada, Cala Rajada ist siebzig Kilometer vom Ballermann entfernt, ich krieg davon also genauso viel oder genauso wenig mit wie ihr in Deutschland.“

Deutschlandkurier Mallorca
Deutschland-Kurier auf Facebook: Oliver Flesch sagt im Video, dass er im mehr als 70 Kilometer entfernten Ort Cala Rajada lebe. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Fotos und Videos einer Nacht zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In den Medienberichten ging es um das Wochenende vom 10. bis 12. Juli: Hunderte Menschen hatten demnach am Freitagabend in einer Straße an der Playa de Palma gefeiert und die Corona-Regeln ignoriert. Darüber hatte zuerst die Mallorca-Zeitung berichtet. 

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. Es gibt ein Pressefoto der Deutschen Presse-Agentur (DPA), das am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen wurde. „So steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der DPA auf Nachfrage von CORRECTIV.

Bierstraße Mallorca
Ein Foto der DPA zeigt die Bierstraße vor dem „Las Palmeras“ am Freitag, 10. Juli. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße“ zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck“ und dem Lokal „Et Dömsche“.

Bierstraße Mallorca Streetview
„Bierstraße“ bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Instagram-Video zeigt Szenen des Abends 

Ein Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und ein Instagram-Video vom 10. Juli zeigen ebenfalls Szenen auf der „Bierstraße“. 

CORRECTIV konnte das Instagram-Video in einem Faktencheck verifizieren. Es wurde laut Quelltext am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr veröffentlicht. Der Sprecher im Video sagt, dass es sich um ein Live-Video handele und es kurz vor der „Sierra Madre“ sei. Die „Sierra Madre“ ist eine tägliches Ritual um 23 Uhr auf der „Bierstraße“, bei dem die Menschen Wunderkerzen anzünden und gemeinsam das gleichnamige Lied singen. Das ist auch am Ende des Videos zu sehen. Ebenfalls mehrfach im Bild: das Lokal „Las Palmeras“.

Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße“. Das Restaurant „Deutsches Eck“ und das Restaurant „Al Faro“ sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras“ befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks“. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Abgleich des Instagram-Videos mit dem Bild der DPA vom 10. Juli bestätigt, dass es sich um Aufnahmen desselben Abends handelt. Mehrfach sind dieselben Personen mit derselben Kleidung zu sehen. Besonders auffällig: eine Frau mit einem roten Top und ein Mann in einem bunt-gemusterten Oberteil. 

Collage Instagram-Video und DPA-Foto
Links oben das Foto der DPA, daneben und darunter sind Screenshots aus dem Instagram-Video zu sehen. (Quelle: DPA und Instagram / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten, sind also nicht – wie behauptet – frei erfunden, sondern stammen aus der „Bierstraße“ (Carrer de Miquel Pellisa). Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder dort aufgenommen wurden. Ein Augenzeuge hat CORRECTIV ebenfalls bestätigt, dass es in der Bar „Las Palmeras“ am 10. Juli voll wurde, aber auch kritisiert, einzelne Medien hätten die Situation „ausgenutzt“ und kurzzeitige Nadelöhre auf der Straße gefilmt. 

Wie viele Verstöße gegen die Corona-Regeln es am Abend des 10. Juli wirklich gab, kann abschließend nicht geklärt werden. Die Mallorca-Zeitung berichtet, dass die Polizei an diesem Abend nicht eingegriffen habe. CORRECTIV hat bei der Polizei Guardia Civil nachgefragt, hat jedoch bisher keine Antwort erhalten. Laut einer Pressemitteilung der Regierung der Balearischen Inseln wurden an jenem Wochenende Inspektionen an zehn Örtlichkeiten in Playa de Palma durchgeführt. Daraus ergaben sich fünf Sanktionsmaßnahmen im Bereich Playa de Palma wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen. 

Fazit: Die Behauptung, dass die Darstellungen von feiernden Touristen auf Mallorca frei erfunden seien, ist falsch. 

2. Behauptung: Die Medien erzählen eine „Mär“ vom „Corona-Hotspot“ Mallorca

Journalistenwatch unterstellt den Medien eine „konzertierte Kampagne“, in der eine „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ erzählt werde. Doch diese „Mär“ gibt es nicht.

Das Gegenteil ist der Fall: In zahlreichen Medienberichten, unter anderem bei T-Online und im Merkur, war zu lesen, dass Mallorca bisher kein „Corona-Hotspot“ sei. „Im Vergleich zum spanischen Festland stehen die Balearen weiterhin gut da“, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 24. Juli 2020.

Gesundheitsexperten forderten Quarantäne und Pflichttests für Mallorca-Urlauber

 Die Berichte von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch sind erschienen, nachdem Gesundheitsexperten angesichts der Bilder von feiernden Mallorca-Urlaubern Quarantäne und Pflichttests für deutsche Mallorca-Rückkehrer gefordert haben. Dies schlug unter anderem der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, vor. „Ein verrückter Urlauber am Ballermann kann doch nicht hinterher seine ganze Community gefährden“, sagte er dem Deutschlandfunk (Audio). Darüber haben auch Medien wie der Spiegel berichtet. Es ging darum, die Gefahr einer zweiten Infektionswelle in Deutschland zu reduzieren. Doch davon, dass Mallorca ein „Corona-Hotspot“ sei, war in den Medienberichten nicht die Rede.

Aktuelle Daten der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut zeigen am 24. Juli insgesamt 2.333 Infektionsfälle auf den Balearen, davon 122 aktive Fälle, die mit PCR-Tests bestätigt worden sind. Regionale Corona-Schwerpunkte in Spanien liegen derzeit auf dem Festland, in Katalonien und Aragón, wie das Auswärtige Amt schreibt. Bisher verläuft die Corona-Pandemie für die Balearischen Inseln eher mild – und so wird es auch in den CORRECTIV bekannten Medienberichten dargestellt.

Fazit: Die „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ gibt es nicht. CORRECTIV ist kein Medienbericht bekannt, in dem Mallorca als „Corona-Hotspot“ bezeichnet wurde.

3. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Deutschland-Kurier-Reporter Oliver Flesch kritisierte die Medien im Text unter seinem Video: Diese hätten berichtet, „auf den Stränden hätten sie dicht an dicht wie Sardinen in der Sonne gebrutzelt“. Bei Journalistenwatch heißt es, dass teilweise Fotos von 2018 verwendet worden seien.  

In Einzelfällen kam es tatsächlich zu Fehlern in der Berichterstattung. CORRECTIV fiel zum Beispiel eine irreführende Zwischenüberschrift im Merkur auf, in der es hieß „Illegale Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’“, obwohl die feiernden Touristen in der „Bierstraße“ gefilmt wurden. Unter anderem von Focus-Online wurde ein Archivbild von einem überfüllten Strand verwendet, das nicht als Archivbild gekennzeichnet wurde. Wir haben bereits einen detaillierten Faktencheck dazu veröffentlicht. 

4. Behauptung: In den Aufnahmen sind keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen

Im Video-Bericht für den Deutschland-Kurier sagt Oliver Flesch, dass auf in den Medien veröffentlichten Bildern keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen seien: „Da war genügend Abstand.“ Er selbst spricht übrigens auch fälschlich von der „Schinkenstraße“ statt von der „Bierstraße“, wo die Bilder tatsächlich herkommen. 

Zum Hintergrund: Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen bereits am Abend des 10. Juli. Sie galt nur dort, wo kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. 

Das bereits erwähnte Instagram-Video vom 10. Juli zeigt jedoch deutlich, dass Mindestabstände auf der „Bierstraße“ teilweise aus Platzgründen nicht eingehalten werden konnten. Gelegentlich standen wartende Gruppen mitten auf der Straße, oder Straßenverkäufer sprachen Touristen an. Dadurch wurde es eng, und einige Gruppen schoben sich teils nah aneinander vorbei. Masken trugen nur wenige Menschen. Hinter dem „Las Palmeras“, dem „Deutschen Eck“ und dem „Et Dömsche“ war die Straße dann wieder leer.  

Menschen auf der Bierstraße Mallorca
Screenshots des Instagram-Videos am 21. Juli 2020: Sie zeigen, dass teilweise die Mindestabstände nicht eingehalten werden. (Quelle: Instagram / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

In seinem Video spricht Oliver Flesch außerdem von einer „erneuten Maskenpflicht“ auf Mallorca und suggeriert, diese sei auf die Partys zurückzuführen. Das ist ebenfalls nicht richtig. Es gab zwar ab dem 13. Juli eine Verschärfung der Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera). Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“.

Fazit: Die Menschen laufen in dem Video teilweise sehr nah aneinander vorbei. Wo im Freien zwei Meter Mindestabstand nicht eingehalten werden konnte, bestand auch am 10. Juli schon Maskenpflicht auf Mallorca.

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Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Vorwürfe von Journalistenwatch und dem Deutschland-Kurier sind größtenteils falsch; die Bilder von feiernden Touristen sind echt. Sie stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. 

Bei dieser Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Medien haben die feiernden Touristen auf Mallorca nicht erfunden und auch nicht von einem „Corona-Hotspot“ berichtet.

Impfungen Symbolbild
Aktuell wird gegen Impfungen in Sozialen Netzwerken Stimmung gemacht. Dafür werden Beispiele wie die Schweinegrippe herangezogen. (Symbolbild: picture alliance/imageBROKER)

von Alice Echtermann

Ein Facebook-Nutzer vergleicht Impfungen mit einem „Genozid“ und zieht verschiedene Beispiele heran. Es geht um die Schweinegrippe-Impfung, Impfungen in Indien, die angeblich tausenden Menschen geschadet hätten oder Bill Gates. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

In einem Facebook-Beitrag vom 2. Juli, der mehr als 1.100 Mal geteilt wurde, wird unter der Überschrift „Genozid am deutschen Volk?“ Stimmung gegen Impfungen gemacht. Er enthält zahlreiche Spekulationen in Bezug auf einen zukünftigen Corona-Impfstoff. Es werden aber auch mehrere konkrete Behauptungen über Impfungen gegen die Schweinegrippe oder Fälle in Indien oder Afrika aufgestellt, die sich überprüfen lassen. 

CORRECTIV hat recherchiert: Die überprüfbaren Behauptungen sind alle falsch, irreführend oder unbelegt. 

1. Behauptung: Bei der Schweinegrippe habe es einen Impfstoff für die Bevölkerung und einen für die Regierung gegeben. Ersterer habe Giftstoffe enthalten und für schwere Impfschäden gesorgt.

Die Behauptungen sind teilweise falsch. Richtig ist, dass es zwei verschiedene Impfstoffe gab – irreführend ist jedoch, dass suggeriert wird, der für die Bevölkerung habe gefährliche Giftstoffe enthalten.

Das Influenza-Virus H1N1, auch als Schweinegrippe bezeichnet, löste 2009/2010 eine Pandemie aus. Rückblickend schätzt das Robert-Koch-Institut, dass es in Deutschland etwa 350 Todesfälle gab. 

2009 gab es Medienberichte über die Bestellung eines anderen Impfstoffes für die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr als für den Rest der Bevölkerung. Es war die Rede von einer angeblichen „Zwei-Klassen-Impfung“. Für die Bevölkerung seien 50 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix des Herstellers Glaxo-Smith-Kline bestellt worden. Das Innenministerium habe dagegen 200.000 Dosen eines anderen Impfstoffes namens Celvapan von der Firma Baxter bestellt. 

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, bestätigte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass der Bund sich über das Bundesinnenministerium einer Bestellung der Bundeswehr bei der Firma Baxter angeschlossen habe. Für Bundesbeamte wurde demnach Celvapan bestellt.

E-Mail des Sprechers des Bundesgesundheitsministeriums über die Schweinegrippe-Impfung (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesinnenministerium hat nicht auf eine Presseanfrage von CORRECTIV nach den Gründen für die Bestellung von Celvapan geantwortet. Laut einem Bericht der Welt im Oktober 2009 steckte dahinter aber ein älterer Liefervertrag der Bundeswehr mit Baxter. Dasselbe berichtete die FAZ: Die Bundesregierung habe den Vorwurf eines „Regierungsimpfstoffes“ zurückgewiesen. Die Bundeswehr und Bundespolizisten würden Celvapan wegen des Vertrags mit Baxter bekommen, der noch aus Zeiten der Vogelgrippe stamme. Der Grund sei nicht, dass Celvapan unbedenklicher sei oder weniger Nebenwirkungen hervorrufe. Mitglieder der Bundesregierung würden im Falle einer Impfung Pandemrix erhalten. 

Unterschied der Schweinegrippe-Impfstoffe: Pandemrix enthielt Wirkverstärker

Der Unterschied der Impfstoffe bestand den Medienberichten zufolge darin, dass Pandemrix Wirkverstärker enthalte, mit denen typische Impf-Nebenwirkungen häufiger auftreten könnten. Wirkverstärker sorgen dafür, dass auch geringere Dosen eines Impfstoffes eine starke Immunreaktion des Körpers auslösen. Diese Wirkverstärker sind offenbar mit den angeblichen „Giftstoffen“ in dem Facebook-Beitrag gemeint.

Die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV: „Bei Pandemrix gab es tatsächlich deutlich mehr Lokalreaktionen (Schmerzen an der Einstichstelle, Hautrötungen), aber auch mehr und stärkere systemische Reaktionen wie Kopfweh, leichtes Fieber, starke Abgeschlagenheit. Das ist aber eine normale und letztlich auch zu erwartende Reaktion, denn der Wirkverstärker soll ja die Reaktion des Immunsystems verstärken.“

Die Bezeichnung dieser Wirkverstärker (Adjuvanzien) als „Giftstoffe“, die „schwere Impfschäden“ verursachten, ist demnach irreführend. Der Wirkverstärker in Pandemrix habe Squalen, Polysorbat 80 und Vitamin E enthalten, so Stöcker. Bereits 2009 gab es Bedenken gegen Squalen, deshalb hat das PEI zu diesem Thema einen Artikel veröffentlicht. 

Demnach handelt es sich bei Squalen um einen natürlichen Bestandteil von Körperzellen, ein Zwischenprodukt des menschlichen Cholesterin-Stoffwechsels. Es sei in vielen Lebensmitteln wie Fisch oder Olivenöl enthalten. „Die Menge an Squalen, die in einer Dosis Impfstoff enthalten ist, liegt nicht höher als die durchschnittliche Menge, die täglich mit der Nahrung aufgenommen wird“, schrieb das PEI. 

Pandemrix erhöhte laut Studien das Risiko für Narkolepsie

Auf einem anderen Blatt steht, dass Pandemrix später in die Kritik geriet, weil die Impfung offenbar das Risiko für Narkolepsie bei jungen Menschen erhöhte. 2011 machte Schwedens Gesundheitsbehörde laut PEI darauf aufmerksam. Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung. 

Das PEI hat nach eigenen Angaben auch in Deutschland Untersuchungen durchgeführt. Bis Ende Oktober 2016 seien 86 Meldungen von Narkolepsie-Verdachtsfällen nach einer Pandemrix-Impfung eingegangen. Eine bundesweite Studie des PEI zu dem Thema bestätigte die erhöhten Narkolepsie-Zahlen bei den geimpften Kindern und Jugendlichen.

Ein Zusammenhang mit dem Wirkverstärker sei jedoch nicht nachgewiesen, erklärt PEI-Sprecherin Susanne Stöcker per E-Mail: „Die Vermutung, dass der Wirkverstärker in Pandemrix die Ursache für die sehr seltene Nebenwirkung Narkolepsie war, hat sich bis heute nicht bestätigt. Zudem war der Grippeimpfstoff Fluad (für Menschen über 65) mit dem ebenfalls squalenhaltigen Wirkverstärker MF59 schon seit 1997 millionenfach im Einsatz gewesen, ohne dass Narkolepsiefälle gemeldet worden wären.“

Pandemrix war ein Impfstoff speziell gegen die sogenannte Schweinegrippe und ist aktuell nicht mehr in der EU zugelassen.

2. Behauptung: In Afrika seien Impfungen Stoffe hinzugefügt worden, die mehr als eine Million Frauen bis zu zehn Jahre unfruchtbar machten.

Die Behauptung, in Afrika seien Frauen durch Impfungen unfruchtbar gemacht worden, kursiert schon seit vielen Jahren und ist falsch. Die Aussage in dem Facebook-Beitrag ist sehr allgemein gehalten, bezieht sich aber mutmaßlich auf Tetanus-Impfungen in Kenia. 

Die katholische Kirche dort hatte behauptet, in Tetanus-Impfstoffen 2014 das Hormon HCG nachgewiesen zu haben. Die Kombination mache Frauen angeblich unfruchtbar. Die Kirche hatte sechs Ampullen in Laboren untersuchen lassen. In dreien sei angeblich das Hormon gefunden worden. 

An den Vorwürfen war jedoch nichts dran. Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten Labore, die mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt worden waren, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. 

Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprachen dem Vorwurf

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade.

Das kenianische Gesundheitsministerium schrieb in einer Pressemitteilung 2017, man habe nach den Vorwürfen ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. Es seien Impfstoff-Proben gesammelt worden, um, sie untersuchen zu lassen. Dabei sei festgestellt worden, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Und auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) erklärte 2015 in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig gewesen, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. 

Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ (Der Link zur Pressemitteilung, der von Africa Check genutzt wurde, funktioniert nicht mehr, ist aber archiviert verfügbar.)

3. Behauptung: Nach einer Impfkampagne von Bill Gates sei es in Indien bei mehr als 450.000 Kindern zu Impfschäden gekommen.

Für die Behauptung, nach einer Impfkampagne von Bill Gates hätten mehr als 450.000 Kinder Schäden erlitten, gibt es keine Belege. Es werden erneut keine konkrete Angaben gemacht, sie bezieht sich aber mutmaßlich auf irreführende Informationen über Polio-Impfungen in Indien, die seit Jahren im Netz kursieren. Angeblich sollen die Impfungen Lähmungen bei tausenden Kindern verursacht haben. 

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung angeschlossen hat. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff (Schluckimpfung).

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 gemeldete Fälle im Jahr 2019. 

Viren aus Polio-Impfstoffen können mutieren

In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus“ (cVDPV).

Die Fallzahlen sind jedoch gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es 2020 weltweit bisher 81 Fälle „wilder Polio“ und 194 Fälle von „Impfstoff-Polio“ (Stand: 9. Juli 2020). Als „wilde Polioviren“ werden normale Polioviren bezeichnet, die nicht aus Impfstoffen stammen.

Insgesamt 17 Fälle von „Impfstoff-Polio“ in Indien seit 2009 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 von der WHO für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). 

Daten der WHO für Indien zeigen die Fälle von „wilder Polio“ und cVDPV von 2000 bis 2020. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Woher kommt also die angebliche Zahl von „über 450.000 Kindern mit Impfschäden“? Sie beruht mutmaßlich auf einer irreführenden Interpretation einer Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio zwischen 2000 und 2017 in Indien (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). 

Die Wissenschaftler merkten an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre und spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte. Für einen Nachweis sei aber mehr Forschung nötig. 

Keine Belege für Zusammenhang von AFP-Fällen mit Polio-Impfung

Ein Zusammenhang könnte allenfalls indirekt sein, denn in diesen 491.000 Fällen wurden explizit keine Polioviren nachgewiesen – das sagt bereits der Begriff „Nonpolio Acute Flaccid Paralysis“. Es waren also weder wilde Polioviren noch Impfstoff-Viren vorhanden. 

Acute Flaccid Paralysis (AFP) ist definiert als eine Lähmung mit unbekannter Ursache, bei der Polio-Verdacht besteht (PDF, Seite 12). Wird ein AFP-Fall in Indien registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative

Für die Behauptung, es habe „450.000 Impfschäden“ durch Impfungen in Indien gegeben, gibt es demnach keine Belege. Die WHO hat auch eine andere Erklärung für den Anstieg der registrierten AFP-Fälle: Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten, schreibt uns die WHO-Pressestelle per E-Mail. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ 

4. Behauptung: Bill Gates wolle durch Impfungen eine Reduktion der Weltbevölkerung um 15 Prozent erreichen.

Die Behauptung, Bill Gates wolle die Weltbevölkerung durch Impfungen um 15 Prozent reduzieren, ist, wie die anderen, mehrere Jahre alt und wird oft wiederholt. Sie ist jedoch falsch. Wie wir bereits 2017 in einem Faktencheck recherchiert haben, beruht sie auf einer verzerrten Interpretation eines Zitat von Bill Gates. Bei einem Vortrag von 2010 sagte Gates (etwa ab Minute 4:20):

„Zuerst haben wir die Bevölkerung. Heute leben 6,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Es geht auf etwa 9 Milliarden zu. Wenn wir sehr erfolgreich mit neuen Impfstoffen, der Gesundheitsversorgung und Reproduktionsmedizin sind, könnten wir das wohl um 10 Prozent bis 15 Prozent senken, aber zur Zeit sehen wir eine Steigung um 1,3.“

Gates sprach also von einer Reduktion des Bevölkerungswachstums – nicht davon, die aktuelle Bevölkerung zu dezimieren. Auf der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation heißt es explizit, die Stiftung wolle mit Impfungen und anderen Gesundheitsprogrammen in Entwicklungsländern Leben retten. 

Auszug aus der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie das nach Ansicht von Gates mit einem langsameren Bevölkerungswachstum zusammenhängt, erklärt ein Schreiben der Stiftung von 2009. Darin steht: „Eine überraschende Erkenntnis war für uns, dass die Verringerung der Zahl der Todesfälle das Bevölkerungswachstum tatsächlich reduziert. […] Im Gegensatz zur malthusianischen Sichtweise, dass die Bevölkerung wächst, solange Kinder ernährt werden können, bekommen Eltern tatsächlich so viele Kinder, dass die Chancen hoch genug sind, dass einige von ihnen überleben, um sie im Alter zu unterstützen. Wächst die Zahl der Kinder, die das Erwachsenenalter erreichen, können Eltern dieses Ziel erreichen, ohne so viele Kinder zu bekommen.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Zwei der vier Behauptungen sind falsch, eine ist teilweise falsch und eine unbelegt. 

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Das Foto aus dem Facebook-Beitrag zeigt ein spitzes Objekt, das zwischen die Sitzpolster geklemmt wurde. (Quelle: Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Spritzen würden so in die Sitze von Bussen und Bahnen geklemmt, dass sie Menschen verletzen, womöglich vergiften oder mit Krankheiten infizieren könnten, behauptet ein Nutzer auf Facebook. In Deutschland sind solche Fälle jedoch nicht bekannt.

Seit zwei Monaten geht ein Warnhinweis auf Facebook viral: In einem Beitrag vom 18. Mai 2020 wurde behauptet, in die Sitze von Bussen und Bahnen würden absichtlich Spritzen gesteckt, die „vergiftet oder auch mit anderen Mitteln injektiert“ seien. Der Beitrag wurde bisher mehr als 29.000 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Warnung führt in die Irre, weil sie eine aktuelle Gefahr suggeriert. Im Jahr 2016 gab es in Wien tatsächlich zwei Vorfälle dieser Art. Von einem stammt auch das im Beitrag verwendete Foto.

Dass das im Facebook-Beitrag von Mai 2020 verwendete Bild nicht aktuell ist, zeigt eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google. Das Foto tauchte beispielsweise im Januar 2018 in einem Blogbeitrag auf. Damals ging es um Spritzen, die angeblich in den Sitzen von Bussen in Nairobi versteckt würden. 

Zwei Vorfälle in Wien im Jahr 2016

Gibt man bei Google den Text des Facebook-Beitrags ein, findet sich ein Beitrag, der noch älter ist und der Ursprung zu sein scheint: Am 6. Mai 2016 veröffentlichte ein Facebook-Nutzer das Bild mit dem Kommentar, dass die Aufnahme in einer Straßenbahn in Wien entstanden sei. In einem weiteren Bild ist zu sehen, dass es sich um mindestens zwei Spritzen handelte. 

Der Bahnbetreiber, die Wiener Badner-Bahn, bestätigte CORRECTIV, dass der Vorfall tatsächlich stattgefunden habe. Wie Pressesprecherin Kirstin Pimpel per E-Mail schrieb, handelte es sich um einen einmaligen Vorfall, bei dem niemand verletzt wurde.

Screenshot der E-Mail einer Pressesprecherin der Wiener Badner-Bahn. (Screenshot: CORRECTIV)

Ebenfalls im Mai 2016 verletzte sich laut Polizei in einer Wiener S-Bahn eine junge Frau an gebrauchten Einwegspritzen, die in den Sitz geklemmt waren. 

In Deutschland ist kein Fall von Spritzen in Bussitzen bekannt

Der Facebook-Beitrag von Mai 2020 führt also in die Irre, weil die Warnung als scheinbar aktuell präsentiert wird, sich aber auf einen Vorfall 2016 bezieht. 

In Deutschland ist der Polizei zudem kein Fall bekannt, bei dem sich jemand in öffentlichen Verkehrsmitteln an in die Polster geklemmten Spritzen verletzt hätte. CORRECTIV fragte für alle 16 Bundesländern in den jeweiligen Landespolizeidirektionen, Landeskriminalämtern oder Innenministerien nach: Keine Behörde konnte einen solchen Fall bestätigen. Einzig in einer Antwort aus dem nordrhein-westfälischen Innenministerium heißt es, es sei „nicht auszuschließen, dass es Einzelfälle gegeben hat.“

Ähnlich irreführende Meldungen über präparierte Spritzen, die zum Beispiel in Kinosessel gesteckt würden, um Menschen mit HIV zu infizieren, kursieren seit spätestens 2000 im Internet.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Momentan sind keine Fälle von Spritzen in Sitzen von Bussen oder Bahnen bekannt. Das Foto stammt von einem Fall in Wien aus dem Jahr 2016.

Facebook-Video von Adriana Borgo aus dem Krankenhaus in Brasilien
Das Video wurde am 4. Juni 2020 von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo gedreht. Anfang Juli kursiert es dann mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Quelle: Adriana Borgo/Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Instagram wird ein Video aus Brasilien verbreitet, das ein angeblich völlig leeres Not-Krankenhaus für Covid-19-Patienten zeigt. Doch die Politikerin, die es aufgenommen hat, führte ihre Zuschauer in die Irre: Das Krankenhaus in São Paulo war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht leer – und ist es auch aktuell nicht.  

Am 8. Juli teilte das Profil „Die Corona Lüge“ auf Instagram ein Video einer Frau mit Mund-Nasen-Bedeckung, die durch ein provisorisches Krankenhaus läuft. Auf Portugiesisch ruft sie verärgert aus, es sei völlig leer. Das Video mit deutschen Untertiteln wurde bereits mehr als 11.800 Mal angesehen. Es führt jedoch in die Irre. In dem Krankenhaus in São Paulo im Anhembi Parque waren zum Zeitpunkt der Aufnahme zahlreiche Covid-19-Patienten.

CORRECTIV konnte mit Hilfe der brasilianischen Faktenchecker von Agência Lupa den Ursprung des Videos finden: Es ist ein Ausschnitt eines längeren Facebook-Live-Videos von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo am 4. Juni. Das Video war also zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf Instagram bereits einen Monat alt. 

Video aus dem Krankenhaus in Brasilien auf Instagram
Ausschnitt aus dem Video mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Screenshot: CORRECTIV)

Politiker drangen Anfang Juni in das Not-Krankenhaus in Brasilien ein

Adriana Borgo ist Mitglied des Parlaments des Bundesstaates São Paulo. In dem Video ruft sie sarkastisch, die Zuschauer sollten sich mal diese Massen an Erkrankten ansehen. Sie sagt außerdem, dass sie das provisorische Krankenhaus für Geldverschwendung halte, weil es dort ja gar keine Patienten gebe. 

Der Journalist Maurício Moraes von Agência Lupa hat bereits am 5. Juni einen Faktencheck zu diesem Thema veröffentlicht. Demnach seien einige Politikerinnen und Politiker am 4. Juni in ein großes Not-Krankenhaus eingedrungen, das im Parque Anhembi (einem Kongresszentrum) in São Paulo für Covid-19-Patienten eingerichtet wurde. Sie filmten unfertige, leere Teile des Gebäudes und behaupteten, es gebe keine Patienten. Eine Lokalzeitung aus São Paulo berichtete ebenfalls am 4. Juni darüber, dass die Abgeordneten in das Krankenhaus eingedrungen seien. Sie hätten behauptet, eine „Inspektion“ durchzuführen, und dass die Regierung von São Paulo über die Zahl der Fälle und Todesfälle lüge.   

Am 4. Juni lagen in dem Krankenhaus mehr als 400 Covid-19-Patienten

Die Darstellung im Video von Adriana Borgo ist irreführend. Sie filmte in einem Teil des Gebäudes, in dem keine Menschen waren. Am 4. Juni gab es jedoch mehrere hundert Patienten in dem Not-Krankenhaus. Der Faktencheck von Agência Lupa weist darauf hin, dass laut dem offiziellen Corona-Lagebericht für São Paulo vom 4. Juni an jedem Tag in diesem Krankenhaus (Anhembi) 407 Covid-19-Patienten lagen (PDF, Seite 2). Das städtische Gesundheitssekretariat von São Paulo veröffentlicht täglich Corona-Lageberichte

Ein anderes Facebook-Video von Adriana Borgo vom selben Tag zeigt sogar einige dieser Patienten – die Politikerinnen und Politiker haben also selbst gesehen, dass das Krankenhaus nicht komplett leer war. 

Facebook-Video Adriana Borgo Brasilien
Ihre „Inspektion“ führte die Politikerinnen und Politiker am 4. Juni auch in den Bereich des Krankenhauses, in dem Patienten lagen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das provisorische Krankenhaus im Anhembi Parque ist laut brasilianischen Medienberichten für 1.800 Patienten ausgelegt worden. So viele Betten wurden tatsächlich nicht gebraucht, deshalb werde die Anzahl verkleinert, schrieb die Seite Globo kürzlich (16. Juli). 

Aktuell 207 Patienten im Not-Krankenhaus

Die Patientenzahl in dem Krankenhaus schwankte im Juni und Juli. CORRECTIV überprüfte die Lageberichte für São Paulo stichprobenartig. Am 15. Juni lagen dort 272 Patienten. Am 1. Juli waren es 197. Aktuell liegen in dem Krankenhaus laut dem Lagebericht vom 21. Juli insgesamt 207 Patienten. 

Dem WHO-Lagebericht vom 21. Juli zufolge gibt es in Brasilien aktuell rund 2,1 Millionen bestätigte Corona-Infizierte und rund 79.500 Todesfälle. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Das Video von Adriana Borgo wurde auch in Italien als angeblicher Beleg verbreitet, dass eine „zweite Welle“ in Brasilien nicht existiere. Die Faktenchecker von Facta stuften es in einem Bericht Ende Juni ebenfalls als Falschinformation ein. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Not-Krankenhaus in Brasilien war nicht leer. Zudem wird auf Instagram verschwiegen, dass das Video bei Veröffentlichung schon einen Monat alt war.