Faktencheck

Keine Belege für Zusammenhang zwischen Grippeschutz-Impfung und 13 Todesfällen in Italien

In einem Artikel von Zentrum der Gesundheit wird behauptet, in Italien seien 13 Personen in Folge einer Grippeschutz-Impfung gestorben. Der Fall ist von 2014, die zuständigen Behörden sehen keinen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Impfung.

von Bianca Hoffmann

syringe-and-pills-on-blue-background-3786156
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Tod von 13 Menschen aus Italien und der Grippeschutz-Impfung. (Symbolbild: Anna Shvets/Pexels.com)
Bewertung
Es gibt keine Belege, dass 2014 13 Menschen in Italien durch die Grippeschutz-Impfung verstorben sind.

„Über zehn Menschen starben in Italien unmittelbar nach der Grippeschutz-Impfung“, heißt es in einem Artikel von Zentrum der Gesundheit. Der Artikel ist schon mehrere Jahre alt, wurde aber laut der Zeitangabe der Webseite am 11. März 2020 aktualisiert. Dem Text zufolge hat der Impfstoff „Fluad“ des Pharmakonzerns Novartis 2014 angeblich dazu geführt, dass insgesamt 13 Todesfälle in „unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit der Grippeschutzimpfung“ stehen. 

Nach Angaben des Analysetools Crowdtangle wurde der Artikel schon mehr als 8.600 Mal auf Facebook geteilt. Seit Februar wird er wieder verstärkt verbreitet, nachdem er unter anderem in der Gruppe „Qanon deutsch Blumenberger“ geteilt wurde. 

Unsere Recherche zeigt: Die Todesfälle gab es tatsächlich, zuständige Behörden haben aber einen Zusammenhang zur Grippeschutzimpfung ausgeschlossen. 


Zwei Chargen des Grippe-Impfstoffes wurden vorsichtshalber zurückgerufen

Der Inhalt bezieht sich auf Vorfälle im Jahr 2014. Verschiedene Fachmedien wie das Ärzteblatt und die Pharmazeutische Zeitung berichteten, es habe insgesamt 13 Todesfälle in Italien gegeben, die mutmaßlich in zeitlichem Zusammenhang mit Grippe-Impfungen mit dem Impfstoff Fluad stehen würden. Es handele sich vor allem um ältere Menschen. 

Als Vorsichtsmaßnahme hat die italienische Arzneimittelbehörde (AIFA) zwei Chargen des Impfstoffes am 27. November 2014 zurückgerufen. Am 29. November berichtete die Behörde von 12 Todesfällen und einem weiteren per E-Mail gemeldeten Fall, der noch nicht überprüft worden sei. 

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) untersuchte den Impfstoff und gab am 3. Dezember 2014 in einer Pressemitteilung Entwarnung: „Es gibt keine Beweise dafür, dass Fluad, ein von Novartis hergestellter Grippe-Impfstoff, schwerwiegende Ereignisse einschließlich Todesfälle in Italien verursacht hat.“ Auch die AIFA teilte am 23. Dezember mit, die Sperre für den Impfstoff sei wieder aufgehoben, alle Tests hätten seine Sicherheit bestätigt.

Die gestorbenen Patienten hatten laut EMA aufgrund ihres hohen Alters diverse Vorerkrankungen, sodass es keine Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Tod gebe. Acht der Verstorbenen seien nach Angaben der AIFA älter als 80 Jahre gewesen, acht von den 13 Patienten starben aus kardiovaskulären Gründen, also wegen Herz-Kreislauf-Problemen.  

Keine Hinweise auf Verunreinigung von Impfstoffen

Das wird auch in dem Artikel von Zentrum der Gesundheit erwähnt, aber in einen anderen Kontext gesetzt. Dort wird gemutmaßt, die „Lobby der Pharmakonzerne“ würde mögliche Qualitätsprobleme mit den betroffenen Chargen verbergen. In diesem Zusammenhang wird auf die angebliche Gefahr von Quecksilber in Impfstoffen hingewiesen. 

Der Grippe-Impfstoff Fluad ist auch in Deutschland zugelassen. Inzwischen hat ein Hersteller namens Seqirus das Geschäft mit den Grippe-Impfstoffen von Novartis übernommen. Derselbe Impfstoff, der in Italien 2014 verwendet wurde, kam auch in Deutschland zum Einsatz. „Die jährliche Stammanpassung bezieht sich auf die sich verändernde Antigenzusammensetzung, die sonstige Zusammensetzung bleibt unverändert“, schreibt Corinna Volz-Zang vom Paul-Ehrlich-Institut per E-Mail an CORRECTIV. 

In den Inhaltsstoffen zur momentanen Zusammensetzung der Stammwirkstoffe, die durch die WHO jedes Jahr neu festgelegt wird, findet sich kein Hinweis auf die Quecksilberverbindung Thiomersal, die früher zur Konservierung von Impfstoffen verwendet wurde. Das wird auch noch einmal von Volz-Zang vom PEI bestätigt: „Wie Sie der Auflistung entnehmen können, ist in Fluad kein Thiomersal enthalten.“ 

Zu diesem Thema haben wir bereits im Oktober 2019 einen Faktencheck veröffentlicht – normale Grippe-Impfstoffe enthalten kein Quecksilber. 

Artikel zu Grippe-Impfung erstmals 2015 gesichert

Eine Suche nach dem Artikel von Zentrum der Gesundheit im Internet Archive zeigt, der Artikel wurde am 8. Januar 2015 zuerst gesichert. Das bedeutet, er ist mindestens fünf Jahre alt, nur das Datum wird offenbar regelmäßig aktualisiert. Der Inhalt wurde jedoch nie angepasst, obwohl bereits Ende 2014 offiziell bekannt gegeben wurde, dass der Impfstoff sicher sei. 

Eine Version des Artikels mit der Zeitangabe 3. August 2016. (Screenshot: CORRECTIV)
Eine Version des Artikels mit der Zeitangabe 3. August 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Durch die Untersuchung der Impfstoff-Chargen durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und die italienische Arzneimittelbehörde (AIFA) kann eine Verunreinigung ausgeschlossen werden. Bei acht der 13 Verstorbenen waren die Todesursache ein Herz-Kreislauf-Probleme. Ob diese durch eine Vorerkrankung oder die Grippeschutz-Impfung hervorgerufen wurden, ist nicht untersucht worden.

Die Untersuchungen der europäischen und italienischen Arzneimittelbehörden liefern keine Hinweise darauf, dass die 13 gemeldeten Todesfälle in 2014 durch eine Grippeschutz-Impfung mit Fluad zurückzuführen sind.  

Fakten für die Demokratie.

Fakten sind die Grundlage informierter Entscheidungen in unserer Demokratie. Gezielte Desinformation wird genutzt, um unsere Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten und damit womöglich Geschäfte zu machen. Einseitige oder falsche Informationen kreieren verzerrte Weltbilder. Als Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern wirkt CORRECTIV.Faktencheck dem entgegen und deckt Falschinformationen und Halbwahrheiten auf.

Unser Ziel ist aufzuklären, wie gezielte Falschmeldungen erkannt und eingedämmt werden. Wir stellen uns mit Fakten gegen Spaltung und wollen mit unserer Arbeit den Dialog ermöglichen. Das ist nicht immer leicht –
Hassnachrichten, Beleidigungen und Drohungen gehören zum Alltag unseres Faktencheck-Teams. Aber die Arbeit wirkt: Falschmeldungen werden deutlich weniger geteilt.

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion innerhalb des gemeinnützigen Recherchezentrums. CORRECTIV steht für investigativen Journalismus. Wir bringen systematische Missstände ans Licht und stärken eine demokratische und offene Zivilgesellschaft. Leisten Sie einen Beitrag und unterstützen Sie uns mit einer Spende!


Was ist Fake? Was ist Fakt?
Es wird immer wichtiger, zuverlässige Quellen erkennen zu können und seriöse Informationen einzuordnen. Das Programm unserer Online-Akademie richtet sich an Schülerinnen und Schüler, sowie deren Lehrer. Deutschlandweit werden Journalisten an Schulen vermittelt, um im Unterricht die Medienkompetenz zu stärken. Mit Online-Workshops und zugehörigem Unterrichtsmaterial können die Themen auch selbstständig erarbeitet werden.