Faktencheck

Schweizerische Webseite verbreitet irreführende Behauptungen über Polio-Impfungen

In einem Online-Artikel wird behauptet, es würden mehr Menschen durch Impfungen mit Polio infiziert als durch natürlich vorkommende Polio-Viren. Das stimmt, die Zahlen sind jedoch, anders als in dem Text behauptet, sehr gering. Die Viren aus den Impfstoffen selbst verursachen für gewöhnlich keine Symptome.

von Steffen Kutzner

CDC flickr.com CC BY 2.0
Ein Mädchen bekommt eine Schluckimpfung gegen Polio. (Quelle: CDC/Flickr CC BY 2.0)
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Es gibt tatsächlich mehr Fälle von Polio-Infektionen durch den Impfstoff als durch Wildviren, jedoch sind die Fallzahlen viel geringer als von „Legitim“ dargestellt.

Ein Online-Artikel auf der schweizerischen Webseite Legitim titelte im Dezember 2019 „WHO bestätigt: Mehr Kinderlähmungen durch Impfstoffe als durch Wildviren!“ Das stimmt, es wird aber entscheidender Kontext weggelassen. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 7.400 Mal auf Facebook geteilt.

Impfstoff-basierte Viren, die zirkulieren und Erkrankungen auslösen können, werden als cVDPV bezeichnet – circulating vaccine-derived poliovirus. Solche Fälle sind aber laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sehr selten.

Laut Angaben der Global Polio Eradication Initiative, einem 1988 ins Leben gerufenen Gemeinschaftsprojekt der WHO, Unicef und verschiedenen anderen Institutionen, gab es im Jahr 2019 weltweit 176 Polio-Infektionen durch Wildviren und 368 Infektionen durch Polio-Viren aus Impfstoffen. 

Im Jahr 2020 sind es bisher (Stand: 9. Juni) 61 Fälle durch Wildviren und 134 durch Impfviren. Für den Vorjahreszeitraum ist das Verhältnis knapp umgekehrt: Vom 1. Januar bis zum 9. Juni 2019 waren es 43 Fälle durch Wildviren und 42 durch Impfviren. 

Die Behauptung in der Überschrift stimmt also nicht für jeden beliebigen Zeitraum, ist aber überwiegend richtig. Ein Bericht der Global Polio Eradication Initiative aus dem Jahr 2019 wird auch von Legitim als Quelle angegeben.

Screenshot des Datensatzes der Global Polio Eradication Initiative (Screenshot: CORRECTIV)

Legitim nennt diese Zahlen nicht und deutet stattdessen an, dass es durch die Polio-Impfungen tausende Fälle von Polio-Infektionen gebe. Das stimmt jedoch nicht. Die Zahlen bewegen sich auf das ganze Jahr gerechnet und weltweit gesehen im dreistelligen Bereich. Außerdem wiederholt Legitim eine Behauptung, die CORRECTIV bereits überprüft hat: Dass angeblich in Indien 500.000 Kinder durch Polio-Impfungen gelähmt worden seien. Das ist falsch, wie unser Faktencheck zeigte

Dass es mehr Polio-Fälle durch Impfviren gibt, als durch natürlich vorkommende Polio-Erreger, bedeutet nicht, dass die Impfung gefährlich oder unnütz wäre, wie es der Beitrag auf Legitim impliziert. Denn die Impfung schützt vor eben jenen Wildviren. 

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) konnte die Zirkulation wilder Polio-Viren nur in drei Ländern nicht beendet werden: Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Infektionen durch Impfstoff-Polio-Viren (cVDPV) treten laut RKI nur auf, wenn in einer bestimmten Region nicht genügend Menschen geimpft wurden. 

Impfstoff-Viren verursachen meist keine Symptome und tragen zur Herdenimmunität bei

Die Impfstoff-Polio-Viren selbst verursachen laut RKI gewöhnlich keine Erkrankung. Sie können zwar von der geimpften Person auf Dritte übertragen werden, verursachen aber meistens keine Symptome. Die Viren werden nach der Impfung ausgeschieden und können sich über Schmierinfektionen verbreiten, wenn die hygienischen Umstände schlecht sind. Die so infizierten Personen entwickeln Antikörper, erklärt das RKI auf einer Informationsseite: „Zirkulierende Polio-Impf-Viren tragen somit zum Auf­bau einer ‘Herden­immuni­tät’ in der Bevölkerung und zur Elimination der Erkrankung bei.“

Erst wenn das Virus längere Zeit im Umlauf sei und gegebenenfalls mutiere, entstehe die Gefahr einer symptomatischen Polio-Erkrankung bei nicht geimpften Menschen. Von einem „Schlamassel“, das die WHO „selbst verursacht“ habe und „Millionen Menschenleben“, die durch „giftige Impfstoffe“ ruiniert würden, wie es bei Legitim heißt, kann also keine Rede sein. 

Seit die Global Polio Eradication Initiative gegründet wurde, konnten die weltweit vorkommenden Polio-Erkrankungen laut WHO um 99 Prozent reduziert werden. Das hat nach Angaben des RKI schätzungsweise 10 Millionen Fälle von Kinderlähmung durch Polio-Viren verhindert. Erst im Oktober 2019 verkündete die WHO, dass der zweite der drei existierenden Wildvirenstämme weltweit ausgerottet sei.

Fazit: Es ist richtig, dass es inzwischen mehr Polio-Infektionen durch Impfstoffe gibt, als durch Wildviren. Beide Fallzahlen sind jedoch sehr gering. Legitim lässt wesentlichen Kontext weg. Durch den Impfstoff hervorgerufene Polio-Ausbrüche treten laut RKI und WHO nur dort auf, wo die Impfquote zu niedrig ist.