Faktencheck

Sind ungeimpfte Kinder gesünder? Artikel bezieht sich auf fehlerhafte Auswertungen

In einem Online-Artikel wird behauptet, geimpfte Kinder wären häufiger krank als Kinder, die nicht geimpft wurden. Der Autor stützt sich primär auf einen mehr als zehn Jahre alten Gegenentwurf zu einer Studie des Robert-Koch-Instituts, den eine Impfkritikerin erstellt und dabei Rechenfehler gemacht hatte.

von Steffen Kutzner

Vesna_Pixi Pixabay
Ungeimpfte Kinder sind nicht gesünder als geimpfte. (Symbolbild: Vesna_Pixi/Pixabay)
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Unbelegt. Der Beitrag bezieht sich auf eine laut RKI fehlerhafte Auswertung und nicht belastbare Quellen.

Die schweizerische Webseite Legitim hat am 18. Februar 2019 einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem behauptet wird, dass ungeimpfte Kinder seltener unter Krankheiten und Allergien leiden würden. Das hätten „verschwiegene Studien“ enthüllt. „In diesem Artikel möchte ich anhand von sehr guten Statistiken zeigen, wie schädlich Impfungen sind und welche Folgen sie haben können“, schreibt der Autor. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.700 Mal auf Facebook geteilt, zuletzt im Februar 2020. 

Dabei handelt es sich bei der von Legitim zitierten Auswertung weder um eine eigene Studie, noch wurde etwas verschwiegen. Zudem war die Auswertung auch inhaltlich laut Robert-Koch-Institut (RKI) falsch.

Der Beitrag von Legitim bezieht sich primär auf eine Auswertung von Angelika Müller (die früher Angelika Kögel-Schauz hieß). Sie betreibt die impfkritische Webseite „Eltern für Impfaufklärung und ist nach eigenen Angaben Informatikerin. Sie hatte die öffentlichen Ergebnisse des ersten Teils der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), einer Studie des RKI, neu ausgewertet und dabei laut RKI mehrere Rechenfehler gemacht. 

Bei der ersten KiGGS-Umfrage wurden von Mai 2003 bis Mai 2006 bundesweit repräsentative Gesundheitsdaten von insgesamt 17.641 Kindern und Jugendlichen erhoben. Müller stützt sich auf diese Daten und behauptet, sie würden zeigen, dass ungeimpfte Kinder gesünder seien als geimpfte. Geimpfte Kinder bekämen angeblich häufiger Krankheiten wie Skoliose, Mittelohrentzündung, Lungenentzündung, Heuschnupfen, Neurodermitis oder eine Nickelallergie. 

Der Artikel wurde in Ausgabe 14/2009 des Magazins Mehr wissen besser leben veröffentlicht. Der Text ist auch auf der Seite der Union deutscher Heilpraktiker Hessen zu finden. Die Behauptung von Legitim, es handele sich um eine „verschwiegene Studie“, ist also falsch.

Berechnungen laut RKI falsch

Das RKI schrieb uns, dass in der Auswertung von Müller „grundlegende Standards der wissenschaftlichen Datenanalyse nicht eingehalten“ und eine „zwingend notwendige Gewichtung der Daten unterlassen“ wurden. Deshalb seien „alle berechneten Häufigkeitswerte falsch“ gewesen.

Auszug der E-Mail des RKI. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Februar 2011 veröffentlichte Müller eine zweite, überarbeitete Version des Textes unter dem Titel „Ungeimpfte Kinder sind gesünder“ auf der Webseite Eltern für Impfaufklärung. Hier sind einige Ergebnisse anders als in der ersten Veröffentlichung. So wird der Prozentwert für geimpfte Kinder, die an Heuschnupfen erkranken, beispielsweise in der ersten Fassung mit 16,2 Prozent (Seite 3 im Dokument) angegeben, in der zweiten Fassung mit 16,8 Prozent (Seite 2 im Dokument). Auch bei den anderen Erkrankungen und Allergien gibt es solche Abweichungen. Erklärt werden die Unterschiede nicht. 

Das RKI kommentiert uns gegenüber, dass die Auswertungen nun zwar mit gewichteten Daten vorgenommen wurden, aber „nach wie vor nicht korrekt“ seien. Unter anderem, weil Kinder, die wegen häufiger Krankheit nicht geimpft wurden, sowie Kinder im ersten Lebensjahr und solche mit Migrationshintergrund, bei denen die Impfangaben unklar seien, nicht von der Analyse ausgeschlossen wurden.

Laut Legitim hatte Müller bei ihrer Gegenauswertung diese „Tricks“ absichtlich weggelassen, weil sie der Meinung war, dass sie die Statistik verfälschen.

Auszug der E-Mail vom RKI. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

RKI sieht „keine signifikanten Unterschiede“ beim Gesundheitszustand von geimpften und ungeimpften Kindern

Das RKI hatte als Reaktion auf die Auswertung den Gesundheitszustand von geimpften Kindern im Vergleich zu ungeimpften Kindern untersucht und die Ergebnisse 2011 im Ärzteblatt veröffentlicht. Das RKI schrieb uns dazu: „Unsere Nachprüfungen haben ergeben, dass bei korrekter Auswertung keine signifikanten Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Kindern nachweisbar sind.“ 

In der Auswertung des RKI von 2011 heißt es, die Bedenken mancher Eltern, aber auch Ärzte, dass das Immunsystem von geimpften Kindern schwächer auf andere Erkrankungen reagiere und sie deshalb häufiger an Erkältungen, Bronchitis oder Magen-Darm-Infektionen leiden würden, ließen sich mit den Daten nicht bestätigen. Zudem ergebe die Studie auch in Bezug auf Allergien, Herzkrankheiten, Epilepsie oder ADHS keine signifikanten Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Kindern.

Die Aussage, dass es keine Unterschiede gebe, bezieht sich jedoch nur auf Krankheiten, gegen die nicht geimpft wird, wie grippale Infekte. In der Untersuchung des RKI heißt es dazu: „Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die schon einmal Keuchhusten, Masern, Mumps und/oder Röteln hatten, ist bei ungeimpften wesentlich größer als bei ausreichend gegen die jeweilige Krankheit geimpften Kindern und Jugendlichen.“

Auch andere Quellen des Beitrags nicht belastbar

Als weitere Quelle für die Behauptung von Legitim wird die von einem Homöopath und Naturheilpraktiker namens Andreas Bachmair betriebene Webseite „Impfschaden.infogenannt. Dort werden jedoch keine Studien angeführt, sondern eine eigene Umfrage gemeinsam mit einer englischen Initiative namens „Vaccine Injury“ und eine weitere Auswertung der KiGGS-Studie des RKI. Diese werden mit einer Untersuchung des Homöopathen und Impfkritikers Rolf Kron verglichen.

Die Aufstellung ist fragwürdig. Teils handelt es sich nicht um offizielle und geprüfte Studien oder Umfragen, teils sind die Auswertungen viele Jahre alt. Da die Daten alle unterschiedlich erhoben wurden, sind die Ergebnisse nicht vergleichbar. Zudem widersprechen die dargestellten Ergebnisse zur KiGGS-Studie der Untersuchung des RKI. So wird auf „Impfschaden.info“ etwa behauptet, die KiGGS-Studie habe ergeben, dass geimpfte Kinder doppelt so häufig an Mittelohrentzündungen erkrankten wie ungeimpfte. Wie das RKI in dem Artikel im Ärzteblatt explizit erklärte, gebe es jedoch für das Auftreten von Mittelohrentzündungen „keine wesentlichen Unterschiede“ bei geimpften und ungeimpften Kindern.

Fazit: Es gibt keine Belege für die Behauptung, dass ungeimpfte Kinder gesünder seien als geimpfte. Das RKI kommt zu dem Schluss, dass Krankheiten wie grippale Infekte, Mittelohrentzündungen oder Bronchitis weder wesentlich häufiger noch seltener bei geimpften Kindern auftreten. Die angeblich „verschwiegenen Studien“ sind nicht belastbar. Bezogen auf impfbare Kinderkrankheiten wie Mumps, Röteln, Keuchhusten oder Masern erkranken nicht geimpfte Kinder zudem laut RKI deutlich häufiger als geimpfte.

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