Faktencheck

Gefälschter Aushang: Aldi Süd ruft nicht dazu auf, auf tierische Produkte zu verzichten

Auf einem Aushang mit dem Aldi-Süd-Logo steht, 80 Prozent aller Pandemien hätten ihren Ursprung in der Tierindustrie. Deswegen solle man beim Einkauf auf tierische Produkte verzichten. Der Aushang ist eine Fälschung – die Behauptungen darauf sind aber teilweise richtig.

von Kathrin Wesolowski

Dieser Aushang, dessen Foto in Sozialen Netzwerken verbreitet wird, stammt nicht von Aldi Süd. (Screenshot: CORRECTIV)
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Teilweise falsch
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Unsere Bewertung: Teilweise falsch. Der Aushang ist eine Fälschung. Die Behauptungen darauf sind teils richtig, teils irreführend.

„Wir bitten Sie (…), auf tierische Produkte zu verzichten“ steht auf einem Aushang mit dem Aldi-Süd-Logo, von dem ein Foto in Sozialen Netzwerken kursiert. In dem Text darunter wird behauptet, 80 Prozent aller Pandemien hätten ihren Ursprung in der Tierindustrie. Zudem begünstige der Konsum von Fleisch, Milch und Eiern Pandemien. 

Aushang stammt nicht von Aldi Süd 

Das Foto wurde am 1. Juli auf Facebook veröffentlicht und mittlerweile rund 600 Mal auf Facebook geteilt. Der Aushang ist nach Recherchen von CORRECTIV gefälscht, die Behauptungen darauf sind jedoch teils richtig, teils falsch und teils unbelegt. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Aktion von Tierschützern.

Ein Foto auf Facebook zeigt einen angeblichen Aushang von Aldi Süd – dieser stammt aber wahrscheinlich von Tierschutz-Aktivisten. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Pressestelle von Aldi Süd: „Wir können Ihnen mitteilen, dass dieses Schreiben nicht von ALDI SÜD stammt.“ 

CORRECTIV hat jedoch zusätzlich auch die Behauptungen auf dem Aushang inhaltlich überprüft.

1. Behauptung: 80 Prozent aller Pandemien haben einen Ursprung in der Tierindustrie

Auf unsere Anfrage schrieb das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, dass diese Behauptung falsch sei. Das FLI verwies zudem auf die Webseite der World Organisation for Animal Health (OIE). Dort heißt es, dass 60 Prozent der existierenden menschlichen Infektionskrankheiten zoonotisch seien – also vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden können. Dabei wird allerdings nicht differenziert, ob es sich um Haus- oder Wildtiere handelt.

Zudem sind laut OIE 75 Prozent der neu auftretenden Infektionserreger, wie beispielsweise Ebola, HIV oder Influenza, auf das Tierreich zurückzuführen. Laut FLI verursachen diese Erreger jedoch nicht alle Pandemien.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Friedrich-Löffler-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), dass zum Beispiel die Ebola-Epidemie in Westafrika keine Verbindung zu Nutztierhaltung gehabt habe. Wenn die Übertragung von Krankheiten durch Stechmücken oder Zecken eine Rolle spiele, seien vorrangig die Kontaktmöglichkeiten mit diesen Tieren von Bedeutung.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Die erste bekannte Ebola-Infektion fand mutmaßlich durch eine Übertragung von Fledermäusen auf den Menschen statt. Ein zweijähriger Junge soll sich beim Spielen oder der Jagd auf Fledermäuse angesteckt haben. 

Covid-19 hat seinen Ursprung vermutlich in Wildtieren

Laut der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen hat das neue Coronavirus, das die Krankheit Covid-19 auslöst, vermutlich seinen Ursprung in Wildtieren und ist damit zoonotisch. Der genaue Ursprung ist noch nicht bekannt, er wird aber ebenfalls bei Fledermäusen vermutet.

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Eine genaue Zahl, wie viele zoonotische Infektionskrankheiten Pandemien auslösen, konnten wir bei der Recherche nicht finden. Zudem müsste auch hier unterschieden werden, ob es sich um Krankheiten handelt, die ihren Ursprung in Tieren aus der Tierindustrie haben, oder in freilebenden Tieren.

Fazit: Es gibt keine Belege dafür, dass 80 Prozent aller Pandemien ihren Ursprung in der Tierindustrie haben.

2. Behauptung: Epidemien werden durch die steigende Anzahl der Nutztiere begünstigt

Deswegen würde die Wahrscheinlichkeit künftiger Pandemien verringert, wenn man auf tierische Produkte verzichte, heißt es auf dem Foto.

So allgemein formuliert deckt sich diese Aussage mit einer aktuellen Auswertung des United Nations Environment Program (UNEP) und des International Livestock Research Institute (ILRI). Sie schreiben in dem Bericht  „Preventing the next pandemic“ (Seite 25), dass schnelle Veränderungen in der Landwirtschaft ohne ausreichende Sicherheitsmaßnahmen Ausbrüche von tierischen Coronaviren begünstigen könnten. 

Als Beispiel wird das Virus der Infektiösen Bronchitis der Hühner genannt, das mit der Intensivierung der Geflügelhaltung in den USA nach dem ersten Weltkrieg (mehr Stress und mehr Kontakt) und neuen Zuchttechniken (weniger genetische Vielfalt) aufgetaucht sei. Dieses Geflügel-Coronavirus überträgt sich jedoch bisher nicht auf Menschen.

Ein Ausschnitt aus dem Bericht der UNEP. (Screenshot: CORRECTIV)

Grundsätzlich seien der gestiegene Fleischkonsum, nicht-nachhaltige Landwirtschaft sowie die Ausbeutung von Wildtieren und ihres Lebensraumes jedoch begünstigende Faktoren für Krankheiten, schreiben die Autoren des UNEP-Berichts (Seite 7). 

Es sei möglich, dass auch die Krankheitserreger SARS-CoV und SARS-CoV-2 mit gestiegenem Konsum von Wildtierfleisch und dessen Handel in Ostasien in Verbindung gebracht werden können (Seite 25). „Das Risiko einer Krankheitsübertragung in Wildtierfarmen ist signifikant, und es sind weitere Anstrengungen zur Risikominderung erforderlich.“ Das liegt dem Bericht zufolge (Seite 33) beispielsweise daran, dass der enge Kontakt zwischen Menschen und verschiedenen Spezies die Virusübertragung von Tier zu Mensch fördern könne. 

Dies könne Krankheitsereignisse mit einem höheren Pandemie-Potenzial fördern, „da sich diese Viren eher über die Übertragung von Mensch zu Mensch vermehren und sich somit weit verbreiten“, heißt es in dem Bericht weiter.

In einem Bericht, u.a. des UN Environment Program steht, dass erhöhter Kontakt zu Wildtieren die Verbreitung von Krankheiten fördern kann. (Screenshot: CORRECTIV)

Zudem gebe es die Sorge, dass Wildtierfarmer nicht ausreichend für Biosicherheit sorgen. Als Biosicherheit werden laut Cambridge Dictionary Methoden bezeichnet, die eine Verbreitung von Krankheiten oder Infektionen, beispielsweise von einem Menschen oder einem Tier, stoppen sollen. In der Schweine- und Hühnerzucht ist eine Methode der Biosicherheit in Deutschland beispielsweise, dass Viehhändler nicht mit den Tieren in Kontakt kommen, also den Bestand nicht betreten. 

Geringe Biosicherheit begünstigt Ausbruch zoonotischer Krankheiten

In dem Bericht der UNEP wird die Sorge geäußert (Seite 25), dass Wildtierfarmer Tiere illegaler Viehzucht als „legal gehaltene“ Tiere verkaufen. Das und die geringe Biosicherheit würden das Risiko zoonotischer Krankheitsausbrüche vergrößern.

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Fazit: Größtenteils richtig. Epidemien können laut einem aktuellen Bericht der UN unter bestimmten Voraussetzungen durch intensive Nutztierhaltung und -zucht begünstigt werden. Zudem steige das Risiko mit erhöhtem Kontakt zu Wildtieren, die zum Beispiel in Asien ebenfalls gezüchtet würden. Hier gilt allerdings, dass eingehaltene Biosicherheit und Gesetze die Viehzucht regulieren und sicherer machen sollen.

3. Behauptung: Fleisch-, Milch- und Eierkonsum begünstigt Pandemien

Dieser pauschalen Behauptung fehlt wesentlicher Kontext. Es kommt darauf an, unter welchen Bedingungen die tierischen Produkte hergestellt werden, die konsumiert werden. 

Krankheitsausbrüche durch Tierhaltung und damit auch indirekt durch den Konsum tierischer Produkte, werden dem UNEP-Bericht zufolge (Seite 16) vor allem durch eine geringe Biosicherheit und schlechte Hygiene-Bedingungen gefördert. Die Autoren beziehen sich dabei vor allem auf traditionelle Märkte und Wildtier-Märkte und schlecht kontrollierte Tierhaltung. Aber auch industrielle Fleischverarbeitung könne zur Verbreitung von Krankheiten beitragen – ein Beispiel seien die Covid-19-Ausbrüche (Übertragung von Mensch zu Mensch) in großen Schlachthöfen.

Fazit: Teilweise falsch. Der Konsum von Milch, Eiern oder Fleisch ist nicht pauschal problematisch. Laut dem UNEP-Bericht begünstigt der Konsum tierischer Produkte nur Pandemien, wenn die Tierhaltung oder Fleischverarbeitung niedrige Standards hat.