Faktencheck

Nein, die Gegenüberstellung zweier Artikel von „Zeit Online“ zeigt nicht, dass diese sich widersprechen

In Messenger-Diensten kursiert ein Screenshot zweier Artikel der Nachrichtenseite Zeit Online über die Bildung von Geflüchteten. Es wird suggeriert, dass sich die Artikel inhaltlich selbst widersprechen. Das ist irreführend.

von Kathrin Wesolowski

Dieses Bild zweier Artikel von Zeit Online soll zeigen, dass sich die Nachrichtenseite widerspricht - das stimmt aber nicht.
Dieses Bild zweier Artikel von Zeit Online soll zeigen, dass sich die Nachrichtenseite widerspricht - das stimmt aber nicht. (Screenshot: CORRECTIV)
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Die beiden Artikel von Zeit Online widersprechen sich nicht, der Vergleich ist irreführend.

In den Messenger-Diensten Whatsapp und Telegram kursiert ein Foto, auf dem Titel und Teaser zweier Artikel der Nachrichtenseite Zeit Online gegenübergestellt werden. In dem Artikel mit dem Titel „Wie die AfD mit falschen Zahlen Vorurteile schürt“ wird die Aussage von Alice Weidel (AfD), dass zwei Drittel aller Flüchtlinge keine Schulausbildung hätten, als wissenschaftlich unbelegt eingestuft. 

Der andere Artikel (kostenpflichtig) trägt den Titel „,Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben’“ und handelt laut Teaser davon, dass viele Geflüchtete laut einer Analyse eines Bildungsökonomen eine „miserable Schulbildung“ hätten. 

Die Gegenüberstellung beider Artikel in einer Collage suggeriert, dass Zeit Online sich selbst in den Artikeln inhaltlich widerspreche, beziehungsweise, dass der Artikel über Alice Weidel falsch sei. CORRECTIV hat das überprüft: Die Gegenüberstellung der Artikel führt in die Irre. Sie beziehen sich auf ganz unterschiedliche Daten. 

Aussagen in beiden Artikeln stammen nicht von Zeit Online

Es fängt an mit der Reihenfolge der Artikel in der Collage:. Das Erscheinungsdatum ist darin nicht sichtbar. Da der Text „Wie die AfD mit falschen Zahlen Vorurteile schürt“ links steht, wird suggeriert, er sei älter als „Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben“. Tatsächlich erschien der Text über Alice Weidel jedoch 2017 – und das Interview mit dem Bildungsökonomen zwei Jahre vorher, nämlich 2015. Das löst den scheinbaren inhaltlichen Widerspruch aber nicht auf. CORRECTIV hat sich daher den Inhalt der Artikel genauer angeschaut.

Das Interview mit dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann ist vom 19. November 2015. Der Titel ist in Anführungsstrichen geschrieben und bezieht sich damit auf ein Zitat Wößmanns über syrische Schüler in dem Interview. Zeit Online selbst stuft die Aussagen des Interviewpartners weder als richtig noch als falsch ein, sondern gibt sie nur wieder. 

Der Artikel über Alice Weidel von 2017 ist ein Gastbeitrag, und zwar von dem Integrationsforscher Herbert Brücker. Bei beiden Texten handelt es sich also nicht um Recherchen der Zeit-Online-Redaktion.

Wößmann bezog sich auf ältere Daten

In dem Interview bezog sich Wößmann unter anderem auf eine Studie zum Thema Grundkompetenzen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2015. Er sagte, dass in Syrien 65 Prozent der Schüler nicht den Sprung über das schafften, was die OECD als „Grundkompetenzen“ definiere. „Das heißt, dass zwei Drittel der Schüler in Syrien nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können, dass sie nur einfachste Rechenaufgaben lösen können.“

In der OECD-Studie steht tatsächlich (auf Seite 98), dass der Anteil der Schüler in Syrien, die weniger als 420 PISA-Punkte erreichen, 64,6 Prozent sei. 420 PISA-Punkte sind in dieser Studie die Grenze zwischen Level 1 und Level 2. In Deutschland liegt der Anteil der Schüler unter 420 Punkten laut OECD bei 16,1 Prozent (Seite 97). Diese Zahlen beziehen sich auf alle Menschen in Syrien und sagen über den Bildungsstand der Gruppe, die nach Deutschland gekommen ist, nur bedingt etwas aus.

Wößmann bezog sich zudem auf „ältere Zahlen“ der Bundesagentur für Arbeit, die zeigen sollen, dass rund zwei Drittel der Asylbewerber aus Kriegsländern keine berufsqualifizierende Ausbildung hätten. 

Auf unsere Anfrage schrieb uns Wößmann per E-Mail, dass er sich auf den Bericht des Bundesinstituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung „Flüchtlinge und andere Migranten am deutschen Arbeitsmarkt: Der Stand im September 2015“ bezogen habe. 

Dort steht tatsächlich in einer Tabelle (Seite 13, Tabelle 2), dass 71 Prozent der erwerbsfähigen und sozialversicherungspflichtigen Menschen aus Kriegs- und Krisenländern keine abgeschlossene Berufsbildung hätten. Das sind laut der Studie nicht nur Menschen aus Syrien, sondern auch aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia. Insgesamt 22 Prozent hatten keinen Hauptschulabschluss, und 32 Prozent machten keine Angabe zu ihrem Schulabschluss. 

 Alice Weidel bezog sich 2017 jedoch auf ganz andere Daten als die, die Wößmann nannte.

Alice Weidel nannte 2017 als Quelle eine Studie des Bundesinstituts für Berufsausbildung

In dem Gastbeitrag von Herbert Brücker vom 18. September 2017 geht es um eine Aussage von Alice Weidel. Die damalige AfD-Spitzenkandidatin soll im ZDF gesagt haben: „…wenn man sich die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsausbildung anguckt, die sprechen eben eine deutliche Sprache und zwar, dass fast zwei Drittel der arbeitsuchenden Flüchtlinge eben nur nicht mal eine Schulausbildung haben.“ 

Wörtlich konnten wir das Zitat so nicht finden, aber in einem Youtube-Video der ZDF-Sendung „Wie geht’s Deutschland?“ (hier, ab Minute 40:45) vom 5. September 2017 ist zu sehen, dass Alice Weidel sagte, „60 Prozent“ der arbeitsuchenden Flüchtlinge seien laut den Zahlen des BIIB ohne Schulausbildung. 

Die Studie des Bundesinstituts für Berufsausbildung (BIIB) von 2017 ist im Internet nicht mehr zu finden. CORRECTIV hat sie sich daher vom BIIB zuschicken lassen. Darin steht, dass sich der Anteil der „unzureichend Gebildeten“ auf knapp 60 Prozent erhöhe, wenn man diejenigen „ohne Angabe“ zu ihrer Schulausbildung dazu zähle. Dies sei aufgrund fehlender Zeugnisse oder Unvergleichbarkeit der Bildungssysteme nicht unwahrscheinlich, heißt es in der Studie. 

Zahlen zeigen nicht, wie viele arbeitsuchende Geflüchtete keinen Schulabschluss haben 

Herbert Brücker unterzog jedoch diese Aussage einem Faktencheck und urteilte, sie sei falsch. Er schrieb, die BIIB-Studie habe sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bezogen. In dieser Statistik hätten 24 Prozent der befragten arbeitsuchenden Geflüchteten keine Angabe zu ihrer Schulausbildung gemacht. Daraus könne man nicht interpretieren, dass diese gar keinen Schulabschluss hätten. Denn nach dieser Logik müssten auch 23 Prozent der deutschen Erwerbspersonen keinen Schulabschluss haben. Laut Mikrozensus seien das jedoch nur vier Prozent.

Ein Ausschnitt aus dem Zeit Online-Faktencheck von Gastautor Herbert Brücker. (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt aus dem Zeit Online-Faktencheck von Gastautor Herbert Brücker. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die Bundesagentur für Arbeit mit, dass sich Brücker unter anderem auf die Daten der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (Stand Juni 2017) bezogen habe. Dort heißt es in Tabelle 4 „Bestand an arbeitsuchenden und arbeitslosen Personen im Kontext von Fluchtmigration“, dass 490.208 Geflüchtete arbeitsuchend waren. 122.979 davon machten keine Angabe zu ihrem Schulabschluss. Das sind rund 25,1 Prozent (und nicht, wie Brücker schrieb, 24 Prozent).

Brückers Schlussfolgerung war dennoch richtig: Aus diesen Zahlen der Arbeitsagentur kann man nicht schließen, wie viele arbeitsuchende Geflüchtete insgesamt keinen Schulabschluss haben. 

Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Die Aussage, 60 Prozent der arbeitsuchenden Geflüchteten hätten keinen Schulabschluss, ist also tatsächlich unbelegt. 

Andere Studien kommen zudem zu anderen Ergebnissen. Es gibt beispielsweise eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2016, die besagt (Seite 78), dass 61 Prozent der erwachsenen Geflüchteten eine abgeschlossene Schulbildung hätten. 

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Fazit: Der Vergleich der Titel, Teaser und Inhalte zweier Artikel von Zeit Online führt in die Irre. Die Artikel sind in unterschiedlichen Jahren (2015 und 2017) veröffentlicht worden und beziehen sich auf unterschiedliche Studien und Personengruppen. Zudem handelt es sich bei beiden Artikeln um Aussagen einer dritten Person (ein Gastbeitrag und ein Interview) und nicht Recherchen von Zeit Online.