Faktencheck

Corona-Demo in Berlin: Keine Belege, dass dieser Mann durch Polizeigewalt verletzt wurde

Nach den Protesten in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen kursieren in den Sozialen Netzwerken verschiedene Berichte über angebliche Polizeigewalt. Ein Beitrag auf Facebook zeigt einen am Boden liegenden Mann, der angeblich von der Polizei verletzt oder gar getötet worden sei. Dafür gibt es keine Belege.

von Sarah Thust

In den Sozialen Netzwerken kursieren Berichte über angebliche Polizeigewalt. Einer davon zeigt Bilder von einem Mann, der angeblich von der Polizei verletzt wurde.
In den Sozialen Netzwerken kursieren Berichte über angebliche Polizeigewalt. Einer davon zeigt Bilder von einem Mann, der angeblich von der Polizei verletzt wurde. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)
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Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass der Mann auf den Fotos Opfer von Polizeigewalt wurde oder starb.

Am Samstag und Sonntag, 29. und 30. August 2020, haben in Berlin zehntausende Menschen gegen Coronavirus-Schutzmaßnahmen protestiert. In mehreren Beiträgen auf Facebook von jenem Wochenende sind sechs Fotos zu sehen, die einen am Boden liegenden Mann zeigen. Der Mann scheint bewusstlos zu sein und wird in einen Krankenwagen verlegt. Es wird behauptet, dass er von Polizisten niedergeschlagen worden sei. Und es wird spekuliert, ob der Mann „noch am Leben ist“. Weder Ort und Zeit des Vorfalls noch konkrete Beweise werden im Text zu den Bildern genannt. 

Veröffentlicht wurde der Beitrag am 30. August. Seitdem wurde er mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt. Wie eine Stichwortsuche auf Twitter ergab, wurde ein ähnlicher Beitrag auch dort veröffentlicht.

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Es gibt keine Belege dafür, dass der Mann von Polizisten niedergeschlagen wurde. Ein Video zeigt lediglich, wie er bewegungslos auf dem Boden liegt und mehrere Polizisten versuchen, ihn hochzuheben. Laut Polizei spielte sich die Szene am Sonntag während einer polizeilichen Räumung an der Siegessäule ab. Tote gab es dort laut Polizei und Feuerwehr im Rahmen der Proteste nicht.

In dem Beitrag auf Facebook ist zu sehen, wie der Mann in einen Rettungswagen geschoben wird. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)
In dem Beitrag auf Facebook ist zu sehen, wie der Mann in einen Rettungswagen geschoben wird. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Die Fotos des Mannes wurden am 30. August auf Facebook veröffentlicht. Wir haben weder Fotos noch Videos im Netz gefunden, die zeigen würden, dass der Mann von der Polizei verletzt wurde. Ein Video in den Facebook-Kommentaren zeigt lediglich, wie der Mann von den Bildern (erkennbar an der Kleidung und auch anhand der Nummern auf den Jacken der Polizisten) bewegungslos am Boden liegt. Er atmet erkennbar, Sanitäter sind zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht vor Ort. Mehrere Polizisten versuchen, den Mann hochzuheben, doch es gelingt ihnen nicht. 

Ein Screenshot aus einem Video, mit dem eine Nutzerin den Facebook-Beitrag bei einer Coronavirus-Maßnahmen-Demo kommentiert hat. Es zeigt keine Polizeigewalt.
Ein Screenshot aus einem Video, mit dem eine Nutzerin den Facebook-Beitrag bei einer Coronavirus-Maßnahmen-Demo kommentiert hat. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Berliner Polizei räumte den Platz wegen einer „unerlaubten Ansammlung von Personen“, die keinen Abstand hielten

Ein Sprecher der Berliner Polizei schrieb CORRECTIV per E-Mail, dass es sich vermutlich um eine Aufnahme vom Sonntag am Großen Stern in Berlin handele. Dies schlussfolgerte er aufgrund der Nummern, die auf den Jacken der Polizisten zu erkennen sind. Der Kreisverkehr an der Siegessäule wurde am Sonntagnachmittag geräumt. 

Grund für die Räumung war laut dem Polizeisprecher und laut Medienberichten, dass sich dort tausende Teilnehmer ohne Erlaubnis versammelt hatten. An jenem Sonntag um 14:20 Uhr schrieb die Polizei auf Twitter, dass die Teilnehmer „ganz überwiegend weder Abstände einhalten noch [einen Mund-Nasen-Schutz] tragen“. 

Bildrecherche bestätigt: Die Fotos entstanden am 30. August an der Siegessäule in Berlin

Mit einem Vergleich der Bilder auf Facebook mit einem Video des Protests am 30. August bestätigt sich: Der Vorfall geschah am 30. August bei der Siegessäule. Eines der Facebook-Bilder zeigt einen großen schwarzen Aufsteller und einen Steinbau. Der Steinbau ist der Eingang zum Tunnel, der zur Siegessäule führt. 

Die schwarzen Aufsteller standen am Samstag und am Sonntag auf mehreren Seiten der Siegessäule, zu sehen ist das in einem Video ab Minute 16:51. Das Video wurde laut Angaben bei Youtube am 30. August in Echtzeit (als Livestream) übertragen. Laut der Seite Youtube Dataviewer wurde es um 14:42 Uhr hochgeladen.

Oben das Facebook-Foto, unten ein Screenshot aus einem Youtube-Video vom 30. August.
Oben das Facebook-Foto, unten ein Screenshot aus einem Youtube-Video vom 30. August. (Quellen: Facebook; Youtube / Screenshots: CORRECTIV)

Die Berliner Zeitung hat am Sonntag, 30. August, ebenfalls ein Foto veröffentlicht, auf dem der liegende Mann zu sehen ist. Aus dem Artikel geht aber nicht hervor, was mit dem Mann geschehen ist. In der Bildunterschrift steht eine allgemeine Beschreibung: „Mehrere Personen wurden am Sonntag rund um die Siegessäule festgenommen.“

Ein Bericht der Berliner Zeitung zeigt ein Foto desselben Mannes wie im Facebook-Beitrag.
Ein Bericht der Berliner Zeitung zeigt ein Foto desselben Mannes wie im Facebook-Beitrag. (Quelle: Berliner Zeitung / Screenshot: CORRECTIV)

Augenzeuge berichtet: „Es gab keinerlei Anzeichen für eine Auseinandersetzung“

Wir haben am Telefon mit dem Fotografen Eric Richard von der Berliner Zeitung gesprochen, der das Foto laut eigenen Angaben um 14:37 Uhr gemacht hat. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Polizisten die Menschen zurückdrängen wollen. Richard sagte auch, dass er seit 30 Jahren Demonstrationen in Berlin fotografiere. Und aus seiner Erfahrung heraus vermute er, dass der Mann sich freiwillig auf den Boden gelegt habe.

Tatsächlich sieht man auf einem anderen Foto der Berliner Zeitung die Beine einer weiteren Person, die offenbar ebenfalls auf dem Boden lag.

„Als ich ankam, lag der Mann schon am Boden“, sagte Richard über den Mann, der von Einsatzkräften weggetragen wurde. „Die Polizei stand um ihn herum und versuchte, mit ihm zu sprechen. Es gab keinerlei Anzeichen für eine vorherige Auseinandersetzung zwischen dem Mann und der Polizei. Die Polizisten wirkten eher erstaunt und unsicher, was absolut untypisch wäre, wenn es vorher Zwangsmaßnahmen gab. (…) Soweit ich mich erinnere, löste sich die Situation auf, als die Polizei einen Rettungswagen anforderte.“

Laut Polizei wurde der Mann aufgrund von Kreislaufproblemen in ein Krankenhaus gebracht 

Laut der Berliner Polizei wurde der Mann aufgrund von Kreislaufproblemen vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht. „Einsatzkräfte berichteten, dass sich der abgebildete Mann in einer unerlaubten Ansammlung aufhielt, die er trotz mehrmaliger Aufforderung nicht verlassen wollte. Aus diesem Grund mussten ihn Einsatzkräfte wegtragen“, schrieb uns ein Sprecher am 8. September.

Die Nachfrage bei der Berliner Polizei und der Feuerwehr hat auch ergeben, dass keine Todesfälle am Großen Stern – dem Platz, auf dem die Siegessäule steht – im Rahmen der Demonstrationen gegen die Coronavirus-Maßnahmen bekannt seien. „Nein, wir haben keine leblose Person an dem Wochenende gehabt“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr auf Nachfrage von CORRECTIV.  

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Die Berliner Feuerwehr, die an dem Wochenende die Rettungseinsätze koordinierte, bestätigte uns lediglich, dass es am Sonntag mehrere Einsätze im Bereich um den Großen Stern gab. Eine Differenzierung nach Anlass sei „an dieser Stelle nicht ohne Weiteres möglich“. 

Seit den Demonstrationen am 29. und 30. August in Berlin wurden mehrere Bilder und Videos in den Sozialen Medien verbreitet, die angeblich unangemessene Polizeigewalt zeigen sollen. Berichte über den vermeintlichen Tod einer Frau haben wir bereits in einem Faktencheck widerlegt; den Vorwurf von Polizeigewalt gegen eine schwangere Frau haben wir hier überprüft. Beide Vorfälle ereigneten sich am Sonntag in Berlin-Tiergarten.

Fazit: Die Bilder stammen von Corona-Protesten am Sonntag, 30. August. Es gibt aber keine Belege dafür, dass die Polizei dem Mann auf den Fotos Gewalt angetan hat. Sie zeigen lediglich einen Mann, der am Großen Stern auf der Straße liegt und später von Sanitätern weggebracht wird. Weder die Polizei noch die Feuerwehr haben an jenem Wochenende einen Todesfall im Zusammenhang mit den Corona-Demos registriert.