Faktencheck

Es gibt keine Belege für die Gerüchte, dass Kinder gestorben sind, weil sie Masken trugen

Mehrere Kinder seien angeblich gestorben, weil sie einen Mund-Nasen-Schutz trugen, behaupten Nutzer tausendfach in Sozialen Netzwerken. Die Rede ist von vier Fällen. Der Polizei und Krankenhäusern sind diese jedoch nicht bekannt. Sie warnen vor Falschmeldungen.

von Kathrin Wesolowski

Im Netz kursiert die Behauptung, bereits vier Kinder seien wegen des Tragens von Masken verstorben. Für keinen der angeblichen Fälle gibt es jedoch Belege.
Im Netz kursiert die Behauptung, bereits vier Kinder seien wegen des Tragens von Masken verstorben. Für keinen der angeblichen Fälle gibt es jedoch Belege. (Symbolbild: Unsplash / Volodymyr Hryshchenko)
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Unbelegt. Es gibt bisher keinerlei Belege dafür, dass Kinder gestorben sind, weil sie einen Mund-Nasen-Schutz trugen.

„Es sind leider schon 4 tote Kinder!“, schreibt ein Facebook-Nutzer und verbreitet damit eine Behauptung weiter, die vielfach im Netz kursiert: Insgesamt vier Kinder seien angeblich in Deutschland gestorben, weil sie eine Maske trugen. Häufig werden weder Ort noch Todeszeitpunkt in den Beiträgen angegeben. Mal ist von zwei Kindern die Rede, mal von drei, mal von vier (zum Beispiel hier und hier). 

Auch der bekannte Corona-Leugner und Arzt Bodo Schiffmann verbreitet die Behauptung von toten Kindern, ebenso wie die AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann. Sie teilte Anfang September ein Foto auf Facebook mit der Aufschrift „13-jährige stirbt nach Zusammenbruch im Schulbus! Erstes Todesopfer durch Maske?“

CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft. Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass vier Kinder in Deutschland gestorben sind, weil sie einen Mund-Nasen-Schutz getragen haben. 


Ein Kind in Büchelberg starb – die Todesursache ist aber unklar

Im Zusammenhang mit den Gerüchten über Todesfälle fanden wir in unserer Recherche vier Orte oder Gebiete, in denen die Kinder angeblich gestorben sind: Büchelberg, die Gegend um Schweinfurt, Wiesbaden und Nordfriesland. Zu Büchelberg und Schweinfurt veröffentlichten wir bereits separate Faktenchecks (hier und hier).

Tatsächlich ist Anfang September eine 13-jährige Schülerin in Büchelberg im Landkreis Germersheim in Rheinland-Pfalz verstorben. Sie trug im Schulbus einen Mund-Nasen-Schutz. Die zuständige Staatsanwaltschaft Landau erklärte in einer Pressemitteilung am 1. Oktober, dass eine Obduktion durchgeführt wurde, die Todesursache aber bisher noch unklar sei: „Die Staatsanwaltschaft Landau hat weitere rechtsmedizinische Untersuchungen in Auftrag gegeben. Deren Ergebnis ebenso wie das endgültige Gutachten über die Obduktion liegt bisher noch nicht vor.“ 

 

In Schweinfurt oder Umgebung gibt es keinen belegten Todesfall, auf den sich die Behauptung beziehen könnte. Laut Beiträgen im Netz brach ein sechsjähriges Mädchen in einem Schulbus zusammen und starb später in einem Krankenhaus. Der angebliche Grund: eine „CO2-Vergiftung“.

Schweinfurt: Polizei, Krankenhaus und Stadt sprechen von Falschmeldung

Sowohl die Polizei Schweinfurt, eine Pressesprecherin der Stadt Schweinfurt als auch das Leopoldina Krankenhaus in Schweinfurt bezeichnen das Gerücht gegenüber CORRECTIV als Falschmeldung.

Das Polizeipräsidium Unterfranken veröffentlichte am 1. Oktober eine Pressemitteilung mit dem Titel „Masken-Kritiker verbreiten mit Falschmeldungen Angst und Schrecken auf Social Media“. 

In der Mitteilung heißt es zu den Behauptungen: „Seit Dienstag (29. September, Anm. der Red.) verbreiten sich auf Social Media Falschmeldungen über den angeblichen Tod eines 6-jährigen Mädchens in Schweinfurt. In den Beiträgen wird behauptet, das Kind wäre aufgrund der Maskenpflicht gestorben. Ein derartiger Fall ist in ganz Unterfranken, insbesondere im Raum Schweinfurt nicht bekannt.“ Auch auf Twitter schrieb die Polizei, dass es sich um eine Falschmeldung handele. Sie bat darum, die Behauptung nicht weiterzuverbreiten.

Die Polizei Unterfranken bezeichnete den angeblichen Tod einer Sechsjährigen offiziell als Falschmeldung. (Quelle: Twitter, Screenshot: CORRECTIV)
Die Polizei Unterfranken bezeichnete den angeblichen Tod einer Sechsjährigen offiziell als Falschmeldung. (Quelle: Twitter, Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV  fragte auch bei den beiden Krankenhäusern in Schweinfurt nach. Das Leopoldina Krankenhaus schrieb uns per E-Mail: „Bei der verbreiteten Meldung handelt es sich um eine Falschmeldung.“ Das Krankenhaus St. Josef meldete sich bisher noch nicht auf unsere Anfrage zurück.

Eine Sprecherin der Stadt Schweinfurt teilte uns mit, das es sich auf jeden Fall um eine Falschmeldung handle. „Es gab überhaupt keinen Vorfall dieser Art. Es gibt kein totes Kind, auch kein umgekipptes und schon gar kein verunglücktes.“

Es gibt keine Hinweise auf Todesfälle in Wiesbaden oder im Kreis Nordfriesland 

In den meisten Beiträgen zu einem angeblichen dritten und vierten Todesfall werden keine konkreten Angaben zu Ort und Zeitpunkt gemacht. Auf dem Blog „Franzi Proske“ werden Wiesbaden und Nordfriesland erwähnt. 

Das Hessische Landeskriminalamt schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass der hessischen Polizei kein solcher Fall bekannt sei. Es handele sich um „Falschmeldungen“. 

Ein Ausschnitt aus der Mail des Landeskriminalamts Hessen vom 5. Oktober 2020 an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt aus der Mail des Landeskriminalamts Hessen vom 5. Oktober 2020 an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Sprecher der Berufsfeuerwehr Wiesbaden teilte telefonisch ebenfalls mit, dass ihm ein solcher Fall nicht bekannt sei. 

Zu dem angeblichen Fall in Nordfriesland fragten wir beim Kreis an. Der Pressesprecher schrieb CORRECTIV, er habe das Gesundheitsamt befragt, dem ein solcher Fall nicht bekannt sei. „Sicherheitshalber habe ich die Polizeidirektion Flensburg ebenfalls um Überprüfung gebeten und von dort folgende Auskunft erhalten: Eine Abfrage aller Kriminalpolizeistellen in Nordfriesland plus Mordkommission Flensburg verlief negativ. Uns ist ein solcher Fall nicht bekannt.“

WHO und Unicef: Kinder ab sechs Jahren können Masken tragen

Für gesunde Kinder ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes genauso wie für Erwachsene laut Experten unbedenklich, wie wir bereits in einem Faktencheck erläuterten. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin schrieb uns per E-Mail: „Für gesunde Kinder, die ein Jahr oder älter sind, sind solche Masken ungefährlich, solange das Kind wach ist und man es nicht zwingt, die Masken auf zu behalten, wenn es diese nicht mehr haben will.“ 

Die Weltgesundheitsorganisation und Unicef empfehlen, dass Kinder unter fünf Jahren nicht verpflichtend Masken tragen sollten. Weiter heißt es: „Dies basiert auf der Sicherheit und dem allgemeinen Interesse des Kindes sowie auf der Fähigkeit, eine Maske mit minimaler Unterstützung angemessen zu verwenden.“ 

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Kinder zwischen sechs und elf Jahren sollten einen Mund-Nasen-Schutz nur unter bestimmten Bedingungen aufsetzen. Risiken seien dabei aber nicht Atemprobleme sondern beispielsweise „mögliche Auswirkungen des Tragens einer Maske auf das Lernen und die psychosoziale Entwicklung“.

Kinderschutzbund kritisiert Gerüchte zum Tod durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes scharf

Am 2. Oktober hat der Kinderschutzbund Behauptungen über wegen Masken verstorbenen Kindern scharf kritisiert. In einem Beitrag auf Twitter schrieb die Organisation: „Wir sind erschüttert darüber, dass es in unserem Land eine Gruppe von Menschen gibt, die den Tod von Kindern für ihre eigenen politischen Zwecke instrumentalisiert. Diese Menschen haben vieles, aber ganz sicher nicht das Wohl der Kinder im Sinn.“

Der Kinderschutzbund hat sich auf Twitter zu den Falschmeldungen geäußert.
Der Kinderschutzbund hat sich auf Twitter zu den Falschmeldungen geäußert. (Quelle: Twitter / Screenshot: CORRECTIV)

Redigatur: Uschi Jonas, Alice Echtermann

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