Faktencheck

Nein, während der Pandemie wurden nicht „nonstop“ Intensivbetten abgebaut

Werden in der Pandemie Intensivbetten abgebaut, damit Knappheit herrscht? Das wird in einigen Beiträgen in Sozialen Netzwerken unterstellt, als Beleg dient eine Grafik von Bodo Schiffmann. Doch die Grafik ist irreführend und die Behauptung größtenteils falsch.

von Sarah Thust

Irreführende Grafik von Bodo Schiffmann
Diese Grafik führt in die Irre. Richtig ist: Die Zahl der betreibbaren Intensivbetten in Deutschland ist seit Anfang August leicht gesunken, doch „abgebaut“ wurden sie nicht. (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTIV)
Behauptung
Eine Statistik aus dem DIVI-Intensivregister zeige, dass seit dem 24. Juli „nonstop“ Intensivbetten abgebaut wurden.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Die Zahl der betreibbaren Intensivbetten in Deutschland ist seit Anfang August leicht gesunken, doch es gibt keine Hinweise, dass sie „abgebaut“ wurden. Der Rückgang ist offenbar vor allem auf eine geänderte Zählweise zurückzuführen.

Seit dem 24. Juli werden angeblich „nonstop“ Intensivbetten abgebaut, behauptet der umstrittene Arzt Bodo Schiffmann in einem Video. Er spekuliert: „Also hier möchte wohl jemand gerne, dass die Betten nicht ausreichen.“ Damit unterstellt er, der Abbau der Kapazitäten geschehe vorsätzlich. Als angeblichen Beleg zeigt er eine Grafik, die sich anschließend in den Sozialen Netzwerken verbreitete. 

Das Video wurde am 9. November auch im Telegram-Kanal „Ken Jebsen – Aufklärung und Information“ geteilt, wo es mehr als 100.000 Mal gesehen wurde. Auch auf Facebook und Instagram teilten mehrere Nutzer das Video beziehungsweise die Grafik (zum Beispiel hier, hier, hier oder hier).

Diese Grafik von Bodo Schiffmann ist irreführend: Sie stellt ausgewählte Daten aus dem DIVI-Intensivregister verzerrt dar.
Diese Grafik von Bodo Schiffmann ist irreführend: Sie stellt ausgewählte Daten aus dem DIVI-Intensivregister verzerrt dar. (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Recherche ergibt: Die Gesamtzahl der Intensivbetten in Deutschland ist zwar Anfang August leicht gesunken. Doch es gibt keine Belege dafür, dass die Betten absichtlich abgebaut wurden. Der Rückgang ist offenbar vor allem auf eine veränderte Zählweise der Statistik zurückzuführen. Zudem kann Personalmangel eine Rolle spielen. Wird die sogenannte Notfallreserve hinzugezählt, ist die Zahl der theoretisch verfügbaren Betten seit Juli sogar gestiegen.


Intensivbetten in Deutschland: Zahlen werden irreführend dargestellt 

Die von Bodo Schiffmann veröffentlichte Grafik zeigt die Zahl der Intensivbetten in Deutschland laut DIVI-Intensivregister am 24. Juli und für den Zeitraum vom 26. Oktober bis 7. November. Doch die Daten sind unseriös dargestellt: Der Zeitsprung von etwa drei Monaten suggeriert künstlich einen steilen Abfall. Die vertikale Achse beginnt zudem erst bei 25.000. Dadurch entsteht der Eindruck, die Zahl der Intensivbetten sei etwa um die Hälfte gesunken. Tatsächlich beträgt die Differenz zwischen dem 24. Juli und dem 26. Oktober in der Grafik aber 3.566 Betten, was nur einem Rückgang von rund 11 Prozent entspräche. 

Außerdem wirkt es durch die verkürzte Achse in der Grafik auf den ersten Blick, als seien von Ende Oktober bis Anfang November nur etwa die Hälfte aller verfügbaren Intensivbetten belegt gewesen. Doch das stimmt nicht, wie das ursprüngliche Diagramm der DIVI zeigt.

Diese Daten stammen aus dem DIVI-Intensivregister. Sie zeigen die Zahl der gemeldeten Intensivbetten seit Beginn der Pandemie. Die Meldung der Kapazitäten ist für Krankenhäuser erst seit Mitte April verpflichtend, deshalb steigt die Kurve zunächst so steil an.
Diese Daten stammen aus dem DIVI-Intensivregister. Sie zeigen die Zahl der gemeldeten Intensivbetten seit Beginn der Pandemie. Die Meldung der Kapazitäten ist für Krankenhäuser erst seit Mitte April verpflichtend, deshalb steigt die Kurve zunächst so steil an. (Quelle: DIVI / Screenshot vom 2. Dezember: CORRECTIV)

Im Intensivregister erfasst die Deutsche Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) die Anzahl der Intensivbetten in Deutschland. Der Bericht der DIVI wird täglich veröffentlicht, die Daten zeigen den gemeldeten Ist-Zustand der tatsächlich betreibbaren Intensivbetten. Dafür spielt es beispielsweise eine Rolle, ob ausreichend Personal und Ressourcen zum Betrieb eines Intensivbetts vorliegen. Das Register existiert erst seit dem Frühjahr, und die Meldung der Kapazitäten ist für Krankenhäuser erst seit Mitte April verpflichtend.

Gemeldete Bettenkapazität sank nicht ab Juli, sondern Anfang August

Bodo Schiffmann spricht im Video von einem „Rückgang der gemeldeten Intensivbetten“ ab Juli. Er bezieht sich dabei auf eben jene Zahl der insgesamt verfügbaren betreibbaren Intensivbetten (freie und belegte Betten zusammen).

Betrachtet man nur die Zahlen in der Grafik der DIVI, ist zu sehen, dass die Gesamtzahl der betreibbaren Betten (ohne die „Notfallreserve“) tatsächlich gesunken ist. Allerdings nicht – wie im Diagramm von Bodo Schiffmann suggeriert – ab dem 24. Juli, sondern am 4. August. An diesem Tag waren es insgesamt 28.943 Betten, einen Tag zuvor waren es noch 33.029 Betten. 

Für diesen Rückgang gibt es zwei Erklärungen seitens der DIVI und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG): Zum einen eine Umstellung der Erfassung der Intensivbetten und zum anderen Personalmangel.

Anfang August wurde die Erfassungsmethode geändert – ein Teil der Betten wird nun mutmaßlich als „Notfallreserve“ gemeldet

Auf ihrer Internetseite weist die DIVI darauf hin, dass vom 3. auf den 4. August eine neue ICU-Kapazitätserfassung eingeführt wurde. (Die Abkürzung ICU steht für „Intensive Care Unit“, Englisch für Intensivstation.) Seit Anfang August wird im Intensivregister zusätzlich zu den betreibbaren Intensivbetten eine „Notfallreserve“ angegeben. Das sind laut DIVI Intensivbetten, die „zusätzlich geschaffen wurden, aktuell inaktiv gehalten werden und nicht Gegenstand der täglichen Bettenplanung sind“.

Auf der Erklärungsseite zum Register heißt es: „Die Angaben zur Anzahl der freien betreibbaren Bettenkapazitäten haben sich in den folgenden Meldungen reduziert. Die Daten legen nahe, dass ein Teil der vorher gemeldeten freien Bettenkapazitäten nun als Notfallreservekapazität gemeldet wird.“

Diese Notfallreserve taucht in der Grafik von Schiffmann nicht auf. Würde sie mitgezählt, gäbe es seit Anfang August insgesamt mehr Betten als im Juli. Auf die Umstellung der Erfassung hat Schiffmann nicht hingewiesen, obwohl sie in den von ihm dargestellten Zeitraum fällt.

Wichtig ist auch: In einem Leitfaden weist die DIVI darauf hin, dass Zahlen aus unterschiedlichen Zeitfenstern nicht direkt vergleichbar seien. Eine Meldung von den Krankenhäusern werde zwar täglich erwartet. „Ein gleichmäßiges ‘Meldeverhalten’ ist allerdings nicht immer gegeben, nicht alle Meldebereiche melden immer regelmäßig täglich und natürlich nicht immer zwingend zur selben Uhrzeit. […] Diese Veränderung der Meldebereichs-Zusammensetzung ist beim Vergleich jeglicher aggregierter Zahlen […] unbedingt zu berücksichtigen. Dies gilt auch für jegliche mehrtägige Zeitverlaufs-Auswertungen der Zahlen.“ 

Was zählt als Intensivbett?

Der Darstellung von Bodo Schiffmann fehlt zudem wichtiger Kontext, denn Intensivbetten dürfen laut des DIVI-Registers nur gezählt werden, wenn entsprechendes Personal vorhanden ist. Das könnte eine weitere Erklärung für den leichten Rückgang seit Anfang August sein.

Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) schrieb uns per E-Mail: „Dass derzeit Intensivbetten abgebaut werden, ist eine besonders häufige Falschbehauptung aus verschwörungsideologischen Kreisen. Sie beruht auf Unwissen über die Funktionsweise eines Intensivbetts. Wenn wir von Intensivbetten sprechen, meinen wir nicht nur das physisch vorhandene Bett mit Matratze und Gerätschaften. Vielmehr geht es um ein betreibbares Bett, zu dem ausreichend Personal gehört.“

Die Gesamtzahl der Intensivbetten könne darum „stark schwanken“, so der Sprecher. Dies sei unter anderem abhängig vom Krankenstand des Personals und vom Anteil der „Patienten mit besonders hohem Personalbedarf“, wozu unter anderem Covid-19-Patienten gehörten. Es könne sein, dass ein Covid-19-Patient „statistisch gesehen“ mehr als ein Bett „verbraucht“.

Auszug aus der E-Mail eines Sprechers der Deutschen Krankenhausgesellschaft.
Auszug aus der E-Mail eines Sprechers der Deutschen Krankenhausgesellschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Laut dem DKG-Sprecher hätten Krankenhäuser sogar Betten aufgebaut und die Zahl der für Covid-19 geeigneten Intensivbetten von rund 22.000 auf rund 28.000 erhöht. Zudem gebe es eine Reserve von 11.000 Intensivbetten. Eine Sprecherin des RKI schrieb in einer E-Mail am 1. Dezember, es gebe etwa „27.500 aktuell betreibbare Intensivbetten (Stand Anfang Dez. 2020)“ mit rund 12.000 weiteren Reservebetten.

Zudem berichtete die DPA am 17. November, etliche Pflegekräfte seien inzwischen selbst infiziert. Pro erkrankter Pflegekraft könnten 2,5 Betten nicht als „betreibbar“ gemeldet werden.

Redigatur: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Update, 8. Dezember: In der ersten Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, der Telegram-Kanal des Bloggers Ken Jebsen habe die Behauptung geteilt. Wir haben das korrigiert. Der Telegram-Kanal „Ken Jebsen – Aufklärung und Information“ ist nach Angaben von KenFM inoffiziell. 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • DIVI-Intensivregister: Link
  • DIVI-Leitfaden „Worauf ist bei der Interpretation und beim Vergleich von Zahlen zu achten?“: Link
  • DIVI zur geänderten Kapazitätserfassung (3. August 2020): Link 1, Link 2
  • Relevante Tagesberichte der DIVI von 2020: 24. Juli (Link), 4. August (Link), 26. Oktober (Link), 27. Oktober (Link), 28. Oktober (Link), 29. Oktober (Link), 30. Oktober (Link), 31. Oktober (Link), 1. November (Link), 2. November (Link), 3. November (Link), 4. November (Link), 5. November (Link), 6. November (Link), 7. November (Link)
  • Verordnung des Bundesgesundheitministeriums zum DIVI-Intensivregister (4. April 2020): Link

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