Faktencheck

Ja, diese Fotos zeigen Rotorblätter von Windkraftanlagen, die in Wyoming lagern

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, dass Rotorblätter von Windkraftanlagen nicht recycelbar seien. Darum würden sie vergraben. Dazu sind einige Fotos zu sehen. Die Bilder sind echt, sie wurden im US-Bundesstaat Wyoming aufgenommen. Windturbinen von benachbarten Windparks werden dort auf einer Mülldeponie gelagert – in Deutschland geht man jedoch anders vor.

von Sarah Thust

Fotos aus Wyoming
Mehrere Fotos aus Wyoming zeigen, wie Rotorblätter von Windkraftanlagen vergraben werden, da sie als nicht recycelbar gelten. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)
Behauptung
Rotorblätter von Windkraftanlagen würden vergraben, da sie als nicht recycelbar gelten würden.
Bewertung
Größtenteils richtig
Über diese Bewertung
Größtenteils richtig. Die Fotos sind echt, sie zeigen Rotorblätter von Windkraftanlagen. Ihnen fehlt jedoch Kontext in Bezug auf Deutschland.

Eine Luftaufnahme zeigt hunderte riesige Rotorblätter von Windrädern aneinandergereiht auf einem Acker. Es wirkt, als würden sie mit Baumaschinen mit Erde bedeckt. Ein Beitrag mit Bildern davon wurde mehr als 6.500 Mal auf Facebook geteilt.

Der Nutzer schreibt dazu: „Hier werden die Rotorblätter von Windkraftanlagen vergraben, da sie als nicht recycelbar gelten – eine riesige Umweltsauerei unter dem Deckmantel alternativer Energie. Die Flügel sind Sondermüll, da es sich um Glasfaserverstärkten Kunststoff (Polyesterharz, kurz GFK) handelt, der nicht recycelbar ist. Das ist schon lange bekannt, wird aber gerne verschwiegen.“ 

Wo die Fotos aufgenommen wurden, steht nicht dabei. Als Quellen werden ein Artikel von Bloomberg und ein Artikel des Blogs ErneuerbareEnergien.NRW verlinkt. 


Ein Facebook-Nutzer schreibt von einer „riesigen Umweltsauerei“.
Ein Facebook-Nutzer schreibt von einer „riesigen Umweltsauerei“. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Recherchen ergaben: Die Fotos zeigen tatsächlich Rotorblätter von Windkraftanlagen, die auf einer Mülldeponie lagern. Allerdings wurde das nicht verschwiegen. Mehrere Medien berichteten darüber. 

Das Foto zeigt eine Deponie in den USA

Die Fotos aus dem Facebook-Beitrag stammen aus dem Bericht von Bloomberg vom 5. Februar 2020. Die Überschrift des Textes lautet: „Windturbinenblätter können nicht recycelt werden, also türmen sie sich auf Mülldeponien“. In einer Bildunterschrift steht: „Teile von Windturbinenblättern warten darauf, auf der regionalen Mülldeponie Casper in Wyoming vergraben zu werden. Fotograf: Benjamin Rasmussen für Bloomberg Green“. 

Auch Focus Online berichtete im Februar 2020 über die Rotorblätter, die in Casper, im US-Bundesstaat Wyoming, gelagert werden. In dem Bericht heißt es auch, die Rotorblätter seien kein großes Umweltrisiko – sie würden einfach nur daliegen. 

Laut Bildunterschrift des ersten Fotos ist die Aufnahme in Wyoming entstanden.
Laut Bildunterschrift des ersten Fotos ist die Aufnahme in Wyoming entstanden. (Quelle: Bloomberg / Screenshot: CORRECTIV)

Die Mülldeponie in Casper, Wyoming, konnten wir auf Google Maps finden. Auch die US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes berichteten am 27. Oktober über die Deponie in Casper. Demnach hieß es in einem Fact Sheet (Seite 27) vom 17. September 2020, das im Council der Stadt besprochen wurde, dass die Mülldeponie bis zum 16. September 2020 insgesamt 1.124 Rotorblätter von drei benachbarten Windparks erhalten habe. Im Geschäftsjahr 2021 wurden weitere Rotorblätter und damit Umsätze erwartet.

An einer Stelle heißt es in dem Dokument, die Gebiete, in denen die Rotorblätter „vergraben“ würden, würden dokumentiert, so dass man sie später wieder bergen könne. 

In diesem Fact Sheet vom 17. September 2020 geht es auch um die Deponie von Casper. (Screenshot: CORRECTIV)
In einem Fact Sheet vom 17. September 2020 geht es um die Deponie von Casper. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch deutschsprachige Faktenchecker von Mimikama hatten bereits im Juni 2020 einen nahezu identischen Beitrag auf Facebook überprüft. Dieser Beitrag bezog sich ebenfalls auf den Bericht von Bloomberg.

Sind Rotorblätter von Windrädern nicht recycelbar? 

Tatsächlich sind einige Bauteile von Windrädern nicht leicht zu entsorgen. Das steht auch in einer Zusammenfassung des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie (ICT) und der Technischen Universität Dresden: „Für fast alle, in einer WKA [Windkraftanlage] verwendeten Materialien existieren geeignete Entsorgungswege, wodurch eine Recyclingquote von 80-90 % erreicht werden kann. Eine Ausnahme bildet die Rotorblattentsorgung, hierbei besteht weiter Forschungsbedarf nach einer ökonomisch und ökologisch sinnvollen Verwertung.“ 

Rotorblätter werden in Deutschland aber anders entsorgt, als es in dem Facebook-Beitrag zu sehen ist. 

In dem Blog Erneuerbare Energien.NRW im Jahr 2018, der auch in dem Facebook-Beitrag verlinkt wurde, hieß es, eine Deponie-Lagerung sei nicht möglich. „Weil seit 2005 die Deponierung von GFK-Abfällen gesetzlich verboten ist, kommt eine Lagerung des Materials nicht in Frage. Rotorblätter werden deshalb geschreddert und darin enthaltene Metallreste abgeschieden. Die übrigen Abfälle werden bislang als Brennstoff und Sandsubstitut in der Zementindustrie thermisch eingesetzt oder in konventionellen Müllverbrennungsanlagen verbrannt.”

Deutschland arbeitet an Entsorgungswegen

Auch die Bund/Länder Arbeitsgemeinschaft Abfall (Laga) schrieb in einem Bericht im Juli 2019, dass sich für die zur Entsorgung in Deutschland anfallenden Rotorblätter inzwischen ein geeignetes Entsorgungssystem etabliert habe: in Zementwerken. 

Wie das Wissenschaftsmagazin Spektrum im Februar 2020 berichtete, können Zementwerke das Material der Flügel wegen des hohen Heizwertes verwenden. Darauf spezialisiert habe sich unter anderem das Bremer Unternehmen Neocomp.

In einer Auswertung vom Umweltbundesamt im Oktober 2019 hieß es (Seite 92), für den Bereich der Entsorgung und Verwertung sei eine gute Dokumentation geschaffen worden, „vereinzelt gaben Akteure jedoch auch an, dass Entsorgungsnachweise nicht durchgehend eingefordert werden“. „So wurde auch beschrieben, dass bspw. das Vergraben von ganzen Rotorblättern in Einzelfällen praktiziert worden sei.“ 

Beim zukünftigen Recycling der Rotorblätter gebe es noch Ungewissheit, schrieb das Umweltbundesamt in einer Pressemitteilung im November 2019.

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Dokument des Fraunhofer Instituts für chemische Technologie zum Recycling von Windkraftanlagen (Link)
  • Faktencheck von Snopes (Link)
  • Blog Erneuerbare Energien.NRW, 2018 (Link)
  • Abschlussbericht der Bund/Länder Arbeitsgemeinschaft Abfall, Juli 2019 (Link)
  • Studie des Umweltbundesamts: „Entwicklung eines Konzepts und Maßnahmen für einen ressourcensichernden Rückbau von Windenergieanlagen“, Oktober 2019 (Link)

Redigatur: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Fakten für die Demokratie.

Fakten sind die Grundlage informierter Entscheidungen in unserer Demokratie. Gezielte Desinformation wird genutzt, um unsere Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten und damit womöglich Geschäfte zu machen. Einseitige oder falsche Informationen kreieren verzerrte Weltbilder. Als Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern wirkt CORRECTIV.Faktencheck dem entgegen und deckt Falschinformationen und Halbwahrheiten auf.

Unser Ziel ist aufzuklären, wie gezielte Falschmeldungen erkannt und eingedämmt werden. Wir stellen uns mit Fakten gegen Spaltung und wollen mit unserer Arbeit den Dialog ermöglichen. Das ist nicht immer leicht –
Hassnachrichten, Beleidigungen und Drohungen gehören zum Alltag unseres Faktencheck-Teams. Aber die Arbeit wirkt: Falschmeldungen werden deutlich weniger geteilt.

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion innerhalb des gemeinnützigen Recherchezentrums. CORRECTIV steht für investigativen Journalismus. Wir bringen systematische Missstände ans Licht und stärken eine demokratische und offene Zivilgesellschaft. Leisten Sie einen Beitrag und unterstützen Sie uns mit einer Spende!


Was ist Fake? Was ist Fakt?
Es wird immer wichtiger, zuverlässige Quellen erkennen zu können und seriöse Informationen einzuordnen. Das Programm unserer Online-Akademie richtet sich an Schülerinnen und Schüler, sowie deren Lehrer. Deutschlandweit werden Journalisten an Schulen vermittelt, um im Unterricht die Medienkompetenz zu stärken. Mit Online-Workshops und zugehörigem Unterrichtsmaterial können die Themen auch selbstständig erarbeitet werden.