Faktencheck

Nein, Jens Spahn hat nicht gesagt, dass Apotheker „keine Bedenken“ zu Corona-Impfstoffen äußern sollen

Apotheker hätten eine „Anweisung“, gegenüber Patienten keine Bedenken bezüglich Corona-Impfstoffen zu äußern, wird in einem Blog-Artikel behauptet. Gesundheitsminister Jens Spahn und der Chef der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hätten dies gesagt. Doch das stimmt nicht, die Zitate wurden aus dem Kontext gerissen.

von Sarah Thust

Jens Spahn
In einem Blog wird behauptet, Gesundheitsminister Jens Spahn habe gesagt, Ärzte und Apotheker sollten gegenüber Patienten keine Bedenken zu Corona-Impfstoffen äußern. Das stimmt nicht. (Quelle: Youtube/ ABDA / Screenshot: CORRECTIV)
Behauptung
Jens Spahn und Friedemann Schmidt hätten in einem Gespräch mehrfach darauf hingewiesen, dass Apotheker (und Ärzte) gegenüber Patienten keine Bedenken zu Corona-Impfstoffen äußern sollten.
Bewertung
Manipuliert. Eine solche Aussage haben die beiden Männer nicht getroffen. Ihre Zitate wurden aus dem Kontext gerissen.

Hinweis, 27. Januar 2021: Corona-Transition hat den Artikel am 13. Dezember 2020 aktualisiert. Dort ist nun zu lesen, dass das Zitat von Spahn „eine zusammenfassende, jedoch unstimmig formulierte Überspitzung“ sei. Der Text enthalte „Formulierungen, die wir korrigieren und unsere Leserinnen und Leser dafür um Entschuldigung bitten“. Unser Faktencheck bleibt zur Dokumentation unverändert.

Ein Text auf der Internetseite Corona-Transition titelt: „Amtliche Anweisung an Ärzte und Apotheker: ‘Bitte sprechen Sie die Risiken nicht an’“. In dem Text vom 7. Dezember heißt es, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Friedemann Schmidt, hätten in einem Live-Chat mehrfach darauf hingewiesen: Apotheker sollten in Beratungsgesprächen mit Patienten „keine Bedenken bezüglich der Covid-19-Vakzine äußern“. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 5.300 Mal auf Facebook geteilt. 

Es gibt aber keine solche „amtliche Anweisung“. Die in dem Text verwendeten Zitate von Jens Spahn und ABDA-Präsident Schmidt wurden manipulativ dargestellt. Keiner von beiden hat in dem Gespräch gesagt, dass Apotheker in Beratungsgesprächen mit Patienten möglichst keine Bedenken äußern sollten. 


Der Bericht von Corona-Transition wurde häufig auf Facebook geteilt.
Der Bericht von Corona-Transition wurde häufig auf Facebook geteilt. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Jens Spahn gab Apothekern keine „Anweisung“

In dem Blog-Beitrag wird als Quelle das Video „Lass uns reden! – Der ABDA-Talk“  angegeben, das am 4. Dezember von der Apotheker-Bundesvereinigung auf Youtube veröffentlicht wurde. Darin sprechen Spahn und Schmidt aber kein einziges Mal von einer „amtlichen Anweisung“ oder von einer Vorschrift für Apotheker oder Ärzte. Auch das Zitat aus der Überschrift – „Bitte sprechen Sie die Risiken nicht an“ – kommt nirgendwo vor. 

Es findet sich nur ein wörtliches Zitat von Jens Spahn in dem Text von Corona-Transition, das allerdings verkürzt und aus dem Kontext gerissen wurde. Als Zeitmarke wird Minute 23 genannt. 

So wurde das Zitat in dem Blog verkürzt.
So wurde das Zitat in dem Blog verkürzt. (Quelle: Corona Transition / Screenshot: CORRECTIV)

An dieser Stelle sprach Spahn darüber, dass Menschen im Gesundheitssystem eine wichtige Rolle spielen. Ab Minute 23:13 sagte er: „Die Frage sozusagen, wie wird in Apotheken auf das Thema reagiert, wie wird damit umgegangen, wird Stimmung oder nicht Stimmung, oder Gegenstimmung dazu gemacht, hat einen Rieseneinfluss, da bin ich mir sehr, sehr sicher, auf die Impfbereitschaft generell.“ Spahn ergänzte, er befürworte einen fachlichen Austausch mit Ärzten und Apothekern und wolle bei ihnen auch für eine „positive Grundstimmung“ werben: „Impfen ist Fortschritt.“

ABDA-Präsident sagte, Apotheker bräuchten Informationen zum Impfstoff, um das Thema beurteilen zu können 

Auch über ABDA-Präsident Schmidt wird in dem Internet-Blog behauptet, er habe Apothekerinnen und Apotheker dazu aufgefordert, keine Bedenken bezüglich der Impfstoffe zu äußern. Doch auch er hat das nicht gesagt. 

Schmidt sagte zwar in dem Gespräch, er erwarte von seinen Kolleginnen und Kollegen, dass sie sich für das Impfen einsetzten, „dass sie klar machen, hier gibt es eine Rationale für die Impfung, da gibt es ein Maß an Sicherheit“ (ab Minute 25:43). Er ergänzte direkt im Anschluss aber: „Da erwarten wir natürlich aber auch, dass die Zulassungsbehörden dann die entsprechenden Informationen auch zur Verfügung stellen, dass man das beurteilen kann.“ Diese Ergänzung wird im Text von Corona-Transition jedoch weggelassen. 

Es ging auch um die Frage, ob Apotheker Covid-19-Impfungen durchführen sollten

Wörtlich zitiert wird Schmidt in dem Blog nur zu der Frage, ob auch in Apotheken Covid-19-Impfungen stattfinden werden. Er sagte (ab Minute 34:22): „Ich glaube nicht, dass wir bei Covid-19 ins Spiel kommen müssen, weil die (Impf-)Quote hoffentlich hoch genug sein wird. Das kann dann später mal anders aussehen, wenn wir Covid-19-Regelimpfungen haben.“

Das Wort „Covid-19-Regelimpfungen“ hat Corona-Transition im Text fett hervorgehoben und behauptet, Jens Spahn habe Schmidt anschließend unterbrochen, weil ihm diese „Zusatzinformation“ wohl nicht passe.

ABDA-Präsident Friedemann Schmidt spricht darüber, ob auch in Apotheken Covid-19-Impfungen stattfinden werden.
ABDA-Präsident Friedemann Schmidt spricht darüber, ob auch in Apotheken Covid-19-Impfungen stattfinden werden. (Quelle: ABDA / Screenshot: CORRECTIV)

Die Szene ist jedoch völlig aus dem Kontext gerissen: Es ging vorher im Gespräch darum, dass Grippeimpfungen in Modellversuchen auch von Apothekern durchgeführt werden können. Das habe man beschlossen, um das Angebot für die Menschen zu erweitern und die Impfbereitschaft zu fördern. Schmidt sagte jedoch, bei Covid-19 erwarte er erstmal nicht, dass das nötig sei. Denn im kommenden Jahr werde es große Covid-19-Impfzentren geben, also eine zusätzliche Infrastruktur. Und ab Mitte des Jahres gebe es dann noch die „klassische Infrastruktur“ mit den Arztpraxen. 

Mit den „Regelimpfungen“ bezog sich Schmidt also auf die Zukunft, wenn es keine Impfzentren mehr gibt und Menschen ihre Covid-19-Impfung nur noch regulär beim Arzt erhalten. Spahn warf daraufhin ein: „Jetzt machen Sie nicht gleich schon alle nervös. Wir machen jetzt erstmal die Modellprojekte da.“ 

Fazit

Die „amtliche Anweisung“, die in der Überschrift erwähnt wird, gibt es nicht. Im Blog-Text wird auch nicht erläutert, von wem sie stammen soll. Weder Spahn noch Schmidt haben in dem Gespräch gesagt, dass Ärzte und Apotheker gegenüber Patienten keine Bedenken zu Corona-Impfstoffen äußern sollten. Ihre Zitate wurden aus dem Kontext gerissen.

Beide betonten die Verantwortung beziehungsweise Rolle der Beratung in Apotheken während der Covid-19-Pandemie und äußerten die Hoffnung, dass Apotheker sich für das Impfen einsetzen. 

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • „Lass uns reden! – Der ABDA-Talk“ mit Jens Spahn (4.12.2020): Link




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