Faktencheck

Nein, durch verstärktes Testen steigt nicht automatisch die Zahl der Corona-Fälle

Gibt es nur mehr Corona-Fälle, weil mehr getestet wird? Diese Frage kursiert immer wieder im Internet. Eine pauschale Antwort gibt es darauf aber nicht. Durch mehr Tests werden zwar mehr Infizierte entdeckt – doch das bedeutet nicht, dass ein Anstieg der Fallzahlen allein darauf zurückzuführen wäre.

von Sarah Thust

Corona-Test
Nein, durch verstärktes Testen steigt die Zahl der Corona-Fälle nicht immer an. (Symbolbild: Pixabay / Hermann Kollinger)
Behauptung
Es gebe mehr Corona-Fälle, weil mehr getestet werde.
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Fehlender Kontext
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Fehlender Kontext. Der aktuelle Anstieg der Corona-Fallzahlen lässt sich nicht allein mit mehr Tests erklären.

Ein altbekannter Spruch über die Corona-Pandemie verbreitet sich seit März erneut in mehreren Varianten auf Facebook. Er lautet: „Klar gibt es mehr Corona-Fälle, da mehr getestet wird. Wenn es mehr IQ-Tests gäbe, hätten wir auch mehr Idioten.“ Die Beiträge unterscheiden sich durch die Bilder, die den Spruch zum Beispiel auf einer Schreibtafel oder neben einer Figur aus den „Peanut“-Comics mit Charlie Brown darstellen (Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4, Bild 5, Bild 6).

CORRECTIV.Faktencheck berichtete bereits im November 2020 über ein ähnliches Bild. Auch damals gab es in Deutschland einen Anstieg der Corona-Fallzahlen, und die Beiträge versuchten offenbar, diesen mit mehr Tests zu erklären. Damit wird suggeriert, dass es gar nicht mehr Infizierte gibt. 

Im November 2020 galt und auch im März 2021 gilt jedoch: Der Anstieg der Corona-Fallzahlen lässt sich nicht allein mit mehr Tests erklären. 


Zwei der Beiträge, die seit Mitte März auf Facebook verbreitet werden.
Zwei der Beiträge, die seit Mitte März auf Facebook verbreitet werden (Quelle: Facebook / Screenshot-Collage vom 29. März: CORRECTIV.Faktencheck)

Nationale Teststrategie beeinflusst die Fallzahlen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) sieht einen Zusammenhang zwischen der Nationalen Teststrategie und der Anzahl der gemeldeten Infektionen. Veränderungen der Teststrategie – zum Beispiel das Testen von Reiserückkehrern – oder eine Erhöhung der Testzahlen können Auswirkungen auf die Fallzahlen haben, schreibt das RKI auf seiner Webseite („Welchen Zusammenhang gibt es generell zwischen erhöhten Testzahlen und erhöhten Fallzahlen?“). 

„Dass die Zahl der Tests einen gewissen Einfluss auf die Zahl der positiven Fälle hat, ist unstrittig“, schrieb uns eine Sprecherin des RKI bereits im November (zum Faktencheck). Die Anzahl der nachgewiesenen SARS-CoV-2 Infektionen hänge aber generell nicht nur von der Anzahl der durchgeführten Tests ab, sondern auch vom Vorkommen dieser Infektionen in der Bevölkerung und der Nationalen Teststrategie.

Diese Teststrategie wird an die jeweilige epidemiologische Lage angepasst, zuletzt am 18. Februar. Sie sieht vor, dass Menschen in Deutschland nicht zufällig mit PCR-Tests getestet werden, sondern dass entweder ein konkreter Verdacht wie Krankheitssymptome oder Kontakt zu einem Infizierten vorliegen sollten.

Mehr Tests bedeuten nicht zwangsläufig viel mehr Fälle

Die Zahl der wöchentlich durchgeführten Tests und deren Positivenquote veröffentlicht das RKI immer mittwochs in seinen Lageberichten. Die Positivenquote ist der Anteil der durchgeführten Tests, die positiv ausfallen. Laut dem aktuellsten Bericht des RKI vom 24. März lag diese Quote in der 11. Kalenderwoche 2021 bei rund acht Prozent. Anfang Januar lag der Anteil bei über zehn Prozent, zwischenzeitlich war er im Februar auf etwa sechs Prozent gefallen.  

Vergleichen wir die zweite Kalenderwoche mit der achten Kalenderwoche 2021: In diesen Wochen wurden etwa gleich viele Corona-Tests dokumentiert (rund 1,2 Millionen). Anfang Januar waren jedoch deutlich mehr Tests positiv als Ende Februar. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz lag in der 2. Kalenderwoche bei 155, in der 8. Kalenderwoche nur bei 59. Es gab also im Januar nicht mehr Tests, aber viel mehr Fälle.  

Die Positivenquote zeigt: Es besteht kein linearer Zusammenhang zwischen mehr Tests und höheren Fallzahlen, oder weniger Tests und niedrigeren Fallzahlen. 

Auszug aus dem Lagebericht des RKI vom 24. März 2021
Auszug aus dem Lagebericht des RKI vom 24. März 2021 (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Das RKI schrieb dazu: „Je höher der Positivenanteil bei gleichzeitig anhaltend hohen Fallzahlen ist, desto höher wird die Anzahl unerkannter Infizierter in einer Population geschätzt (Untererfassung).“ (PDF, Seite 12) 

Tatsächlich ist oft unklar, was genau der Grund dafür ist, wenn die Zahl der Tests pro Woche im Lagebericht des RKI zu- oder abnimmt. Die Meldung der wöchentlich durchgeführten Tests ist für Labore freiwillig; 259 haben sich dafür laut RKI registriert, aber pro Woche melden meist weniger Labore ihre Zahlen (CORRECTIV.Faktencheck berichtete). Wenn die Zahl der durchgeführten Tests sinkt, ist die Frage: Gibt es weniger Corona-Verdachtsfälle, oder haben weniger Labore oder andere Labore in dieser Woche ihre Zahlen gemeldet? 

Das RKI weist in seinem Lagebericht zu den Testzahlen selbst darauf hin: „Die hier veröffentlichten aggregierten Daten erlauben keine direkten Vergleiche mit den gemeldeten Fallzahlen.“

Fazit: Mehr Tests bedeuten zwar, dass mehr Infektionen entdeckt werden. Ein starker Anstieg der Fallzahlen wie aktuell lässt sich damit aber nicht erklären. 

Redigatur: Alice Echtermann, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • „Nationale Teststrategie – wer wird in Deutschland auf das Vorliegen einer SARS-CoV-2 Infektion getestet?“, veröffentlicht vom Robert-Koch-Institut: Link
  • RKI-Lagebericht vom 24. März 2021: Link
  • Erfassung der SARS-CoV-2-Testzahlen in Deutschland: Link

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