Faktencheck

Akte zu Coronaviren in der DDR bezieht sich auf Zuchtschweine

In einem aktuellen Facebook-Beitrag wird behauptet, es habe „Corona“ schon in der DDR gegeben. Das Dokument, das dafür als Beleg dienen soll, handelt jedoch vom Coronavirus bei Schweinen.

von Steffen Kutzner

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Angeblich gab es in der DDR 1985 einen Ausbruch von SARS-CoV-2. Das suggeriert ein Dokument, das auf Facebook verbreitet wird. Darin geht es jedoch um einen Ausbruch bei Schweinen. (Symbolbild: Pascal Debrunner / Unsplash)
Behauptung
Ein Dokument belege, dass es „Corona“ schon 1985 in der DDR gegeben habe.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. In dem Dokument geht es um Coronavirus-Infektionen bei Zuchtschweinen.

„1985 gab es schon Corona in der DDR. Wacht auf“, schreibt eine Facebook-Nutzerin am 2. April. Belegen soll dies ein Auszug eines Dokuments an das Veterinärwesen des Bezirksrats Potsdam von Juli 1985, worin Coronavirus-Infektionen erwähnt werden. Der Beitrag wurde etwa 2.500 Mal geteilt. 

Unsere Recherchen ergaben, dass sich das Dokument auf einen Coronavirus-Ausbruch bei Zuchtschweinen bezieht. SARS-CoV-2 oder ein Coronavirus beim Menschen spielt darin keine Rolle.

Die „Stasi-Akte“ bezieht sich auf einen Corona-Ausbruch bei Zuchtschweinen

Das Dokument in dem Facebook-Beitrag ist vermutlich ein schlechter Screenshot aus einem kostenpflichtigen Artikel von Bild Online vom 17. August 2020. In dem Bericht geht es um die „Stasi-Akte Coronavirus“. 


In der Einleitung des Bild-Artikels wird nicht erklärt, von welchem Coronavirus die Rede ist. Es heißt nur: „Das Dokument stammt vom Juli 1985 – aber die Überschrift liest sich wie ein aktueller Lagebericht … Die Akte der Stasi-Hauptabteilung 18 trägt den Stempel ‚Nur für den Dienstgebrauch‘ und den Titel ‚Information zum Infektionszeitpunkt und zur Übertragung der Coronavireninfektion im Kreis Brandenburg‘.“ 

Lediglich aus dem Titelfoto, das für den Bericht verwendet wird, geht hervor, dass es offenbar um Infektionen bei Tieren geht. In der Kopfzeile ist das Wort „Veterinärwesen“ zu lesen und es ist von „Beständen“ die Rede, die mit dem Virus infiziert seien. Zudem ist von einer „Einschleppung über TKVB-Fahrzeuge“ die Rede. TKVB war in der DDR die Bezeichnung für Tierkörperverwertungsbetriebe, wie sich etwa im Sächsischen Staatsarchiv nachlesen lässt. In dem Screenshot auf Facebook sind diese Details aber kaum zu erkennen.

Kopfzeile des Bild-Artikels vom 17. August 2020
Kopfzeile des Bild-Artikels vom 17. August 2020 (Quelle: Bild Online / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Erst wenn man den Artikel kauft, erfährt man in der darauffolgenden Bildunterschrift: „1985 brach in der DDR-Landwirtschaft eine Coronavirus-Infektion unter Zuchtschweinen aus“. Es geht in dem Dokument also nicht um das auf Menschen übertragbare Coronavirus SARS-CoV-2.

Bild Online zitiert dazu Dagmar Hovestädt, Sprecherin der Stasi-Unterlagenbehörde: „Im Stasi-Unterlagen-Archiv befinden sich Akten, die einen Ausbruch des Coronavirus in der DDR belegen, allerdings war dieser auf Schweine beschränkt. Im Jahr 1985 wurden dort laut Unterlagen etliche Fälle in Halle und Potsdam festgestellt. Die Stasi wurde eingeschaltet, um den Ursprung und die Verbreitung zu untersuchen und die Kommunikation zum Ausbruch zu kontrollieren‘.“

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR erstellte die Akte als Bericht zum Coronavirus-Ausbruch der Jahre 1985 und 1986, der laut der Dokumente, die Bild veröffentlichte, mehr als 100.000 Schweine betraf. 

Schon seit den 1960er Jahren gab es Fälle von Coronaviren bei Schweinen in BRD und DDR

Coronaviren sind als Virenfamilie schon seit den 1960er Jahren bekannt, wie wir bereits im Juni 2020 berichteten. Coronavirus-Ausbrüche bei Schweinen waren auch nicht auf die DDR beschränkt: Schon Jahre vor dem Ausbruch in der DDR gab es einen Ausbruch, der als Oldenburger Schweineseuche bekannt wurde und sich über Westdeutschland ausbreitete, wie auf der Webseite des Landesuntersuchungsamtes Rheinland-Pfalz nachzulesen ist. Bei Schweinen verursachte das Coronavirus teils starken Durchfall. 

Redigatur: Sarah Thust, Till Eckert





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