Faktencheck

Keine Belege dafür, dass eine Zweijährige gegen Covid-19 geimpft und gestorben wäre

In Sozialen Netzwerken kursiert aktuell die Behauptung, ein zweijähriges Mädchen aus den USA sei verstorben, nachdem sie Ende Februar den Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer erhalten habe. Dafür gibt es keine Belege. Keiner der Covid-19-Impfstoffe ist bislang für Kinder unter 16 Jahren zugelassen. Klinische Studien mit Kindern unter sechs Jahren begannen erst im März 2021.

von Uschi Jonas

Keiner der Covid-19-Impfstoffe ist bislang für Kinder unter 16 Jahren zugelassen. (Symbolbild: Unsplash/ Braňo)
Keiner der Covid-19-Impfstoffe ist bislang für Kinder unter 16 Jahren zugelassen. (Symbolbild: Unsplash/ Braňo)
Behauptung
Ein zweijähriges Mädchen aus den USA sei Ende Februar mit dem Covid-19-Impfstoff von Pfizer/Biontech geimpft worden und sechs Tage später gestorben.
Bewertung
Unbelegt. Die Behauptung basiert auf einem nicht verifizierten Eintrag in einer US-Datenbank. Pfizer/Biontech hat erst Ende März mit einer klinischen Studie an Kindern in diesem Alter begonnen.

Nach der zweiten Dosis von Pfizer stirbt ein zweijähriges Mädchen sechs Tage später“, so lautet die Überschrift eines Artikels vom 20. April auf dem Blog Uncut-News einen, der laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 2.600 Mal auf Facebook geteilt wurde und sich dort auch als Screenshot verbreitet. Beleg für den angeblichen Todesfall soll ein Eintrag im U.S. Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) sein, einer Datenbank der US-Regierung.

Unsere Recherche zeigt: Es gibt keinen Beleg, dass ein zweijähriges Kind in den USA Ende Februar mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech geimpft wurde. Keiner der Covid-19-Impfstoffe ist bislang für Kinder zugelassen, klinische Studien mit Kindern im Alter unter sechs Jahren begannen erst im März 2021. In der Datenbank VAERS kann jeder Einträge verfassen, die Inhalte werden nicht vorab geprüft.

VAERS-Datenbank umfasst nicht verifizierte Berichte über unerwünschte Ereignisse nach Impfungen

Im Text von Uncut-News steht der Hinweis: „Wer diesen Eintrag bei VAERS gemeldet hat ist leider nicht ersichtlich (angeblich kann dort jeder ohne Kontrolle Einträge vornehmen), daher besteht die Möglichkeit, dass dieser Eintrag von einem Impfgegner als Abschreckung gemacht wurde.“


Die VAERS-Datenbank umfasst nach eigenen Angaben „nicht verifizierte Berichte“ über unerwünschte Ereignisse nach Impfungen mit in den USA zugelassenen Impfstoffen. Berichte können Bürgerinnen und Bürger elektronisch einreichen. Die Daten werden ungeprüft auf den Internetseiten MedAlerts und CDC Wonder veröffentlicht. 

Die Ärztin Harriet Hall kritisierte das VAERS bereits im Jahr 2018 in dem Blog The SkepDoc. „Impfgegner lieben das U. S. Vaccine Adverse Event Reporting System“, schrieb sie. „Sie verstehen nicht, wie VAERS funktioniert. Es sammelt weder systematisch Daten, noch ist es ein Beweis für Schäden durch Impfstoffe.“ Jeder könnte lügen und dort einen falschen Bericht einreichen. 

Der Eintrag, auf den im Text von Uncut-News verwiesen wird, ist unter der ID 1074247 in der VAERS-Datenbank zu finden. Es ist von einem zweijährigen Mädchen aus Virginia die Rede, das angeblich am 25. Februar 2021 mit dem Covid-19-Vakzin von Biontech/Pfizer geimpft wurde und am 3. März verstorben sei. Es sei zudem 17 Tage im Krankenhaus gewesen. 

Von wem der Eintrag stammt und ob er glaubwürdig ist, ist unklar. Manches an dem Eintrag wirft schon beim ersten Blick Fragen auf, etwa dass das Mädchen angeblich 17 Tage im Krankenhaus war. Das würde bedeuten, dass sie im Krankenhaus geimpft wurde – denn vom 25. Februar bis zum 3. März sind es nur sechs Tage. 

Keine seriösen Medienberichte über den Tod einer Zweijährigen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Impfung

Eine Google-Suche auf Englisch nach den Stichworten Tod“, 2-Jährige“, Impfung“ und Pfizer“ ergibt keine Treffer für Berichte etablierter Medien aus den USA oder anderen Ländern über einen solchen Vorfall. 

Im Blog-Artikel von Uncut-News wird zudem behauptet, das Mädchen habe den Impfstoff als experimentelle Injektion“ erhalten. Bislang ist keiner der Covid-19-Impfstoffe für Kinder unter 16 Jahren zugelassen, weder in den USA noch in Deutschland. 

In den USA sind laut der US-Gesundheitsbehörde CDC aktuell drei Impfstoffe zugelassen: die Vakzine von Moderna und Janssen (Johnson & Johnson) für Personen ab 18 Jahren, der von Biontech/Pfizer ab 16 Jahren. 

In der EU ist neben diesen drei Impfstoffen das Vakzin von Astrazeneca zugelassen. Keiner der Impfstoffe ist in Deutschland bislang für Minderjährige zugelassen. Dazu heißt es beim Robert-Koch-Institut (RKI): Zunächst stehen die Impfstoffe nur für Erwachsene zur Verfügung, da sie bei Kindern und Jugendlichen noch nicht genügend auf Wirksamkeit und Sicherheit untersucht werden konnten.“

Covid-19-Impfstoff von Pfizer/Biontech wird erst seit März an Kindern unter 16 getestet

Alle vier Impfstoffhersteller haben Medienberichten zufolge angekündigt oder sind bereits dabei, ihre Impfstoffe an Minderjährigen oder Kindern zu testen. 

Biontech/Pfizer hat eine klinische Studie mit 12 bis 15-Jährigen in den USA durchgeführt. Ersten Ergebnissen zufolge, über die das Unternehmen in einer Mitteilung vom 31. März 2021 berichtete, zeigte der Impfstoff in dieser Altersgruppe eine sehr hohe Wirksamkeit. In der Pressemitteilung heißt es zudem: Pfizer und Biontech haben letzte Woche die ersten gesunden Kinder in einer globalen, fortlaufenden Phase-1/2/3-Studie geimpft, um die Sicherheit, Verträglichkeit und Immunogenität des Pfizer-Biontech Covid-19-Impfstoffs bei Kindern ab dem 6. Lebensmonat bis zum 11. Lebensjahr zu untersuchen.“ 

Demnach hat die klinische Studie mit Pfizer/Biontech bei Kindern unter 12 Jahren in der Woche ab dem 22. März 2021 begonnen. Ende Februar, als die Zweijährige angeblich nach der zweiten Dosis verstorben sein soll, fanden also laut Angaben des Unternehmens noch keine Impfungen mit Pfizer/Biontech statt. 

Auch andere Impfstoffhersteller testeten den Impfstoff Ende Februar nicht an Kindern in diesem Alter. Moderna hat seine klinische Studie an Unter-12-Jährigen nach eigenen Angaben Anfang März begonnen, Johnson & Johnson führt laut einer Mitteilung vom 2. April eine klinische Studie bei 12- bis 17-Jährigen durch, und die Universität Oxford hatte im Februar angekündigt, den Impfstoff von Astrazeneca in Großbritannien bei Kindern zwischen sechs und 17 Jahren zu testen. Die Studie wurde Medienberichten zufolge jedoch Anfang April pausiert.

Uncut-News hat bereits mehrfach Falschinformationen verbreitet

Es gibt also keine Belege dafür, dass eine Zweijährige in den USA Ende Februar gegen Covid-19 geimpft wurde, geschweige denn, dass sie in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung gestorben wäre. 

Zu diesem Ergebnis kamen im deutschsprachigen Raum auch Faktenchecks von Mimikama und dem Volksverpetzer. Auch im englischsprachigen Raum kursiert das Gerücht. Uncut-News erwähnt als Quelle die britische Webseite The Daily Expose. Dort wird die Behauptung vom Tod des Mädchens in einem Artikel vom 18. April erwähnt. Die US-Faktenchecker von Snopes stuften das Gerücht ebenfalls als unbelegt ein. 

Der Blog Uncut-News hat seit Beginn der Corona-Pandemie bereits mehrfach irreführende und falsche Behauptungen verbreitet, die wir in Faktenchecks recherchiert haben. Auch The Daily Expose verbreitet immer wieder Desinformation, wie zahlreiche Artikel englischsprachiger Faktencheck-Redaktionen belegen.

Redigatur: Tania Röttger, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Klinische Studie von Biontech/Pfizer an Unter-12-Jährigen: Link
  • Mitteilung von Pfizer/Biontech am 31. März 2021 über klinische Studie an 12- bis 15-Jährigen: Link

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