Faktencheck

Nein, Gurgeln mit Mundspülungen tötet das Coronavirus nicht zu 100 Prozent ab

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, Gurgeln mit Listerine oder ähnlichen Mundspülungen töte Coronaviren hundertprozentig ab. Als Quelle wird ein Beitrag von „Antenne Thüringen“ genannt. Die Behauptung wurde dort allerdings so gar nicht aufgestellt – und sie ist falsch.

von Till Eckert

Ein Symbolbild zeigt Fußballer beim Gurgeln am 25. November 1938. Das Coronavirus kann mit Mundwasser jedoch nicht abgetötet werden. (Symbolfoto: Imago / Austrian Archives / Picture Alliance)
Ein Symbolbild zeigt Fußballer beim Gurgeln am 25. November 1938. Das Coronavirus kann mit Mundwasser jedoch nicht abgetötet werden. (Symbolfoto: Imago / Austrian Archives / Picture Alliance)
Behauptung
Gurgeln mit Mundspülungen oder Kochsalzlösungen töte das Coronavirus „zu 100 Prozent“ ab. Darüber habe „Antenne Thüringen“ berichtet, später habe der Sender den Beitrag aber nicht mehr ausstrahlen dürfen.
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Größtenteils falsch
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Größtenteils falsch. „Antenne Thüringen“ hat berichtet, dass einige Mundspülungen die Viruslast im Mund- und Rachenraum senken können. Das bedeutet nicht, dass Coronaviren zu 100 Prozent abgetötet werden. Zudem wurde dem Sender nicht untersagt, über das Thema zu berichten.

„Durch Gurgeln mit Lysterine, Odol, 2%iger Kochsalzlösung mit Zusätzen“ werde das Coronavirus „zu 100 Prozent abgetötet“, heißt es in einem Facebook-Beitrag vom 16. April. Das sei so bei dem Radiosender Antenne Thüringen ausgestrahlt worden. Die Aussage sei von Forschenden der Humboldt-Universität und einer „Vereinigung der niedergelassenen Zahnärzte“ bestätigt worden. Der Beitrag dürfe aber nicht weiter gesendet werden, weil er „von der Politik“ nicht „gewollt“ sei.

Der Beitrag wurde mehr als 290 Mal auf Facebook geteilt und verbreitete sich auch viral auf Telegram. CORRECTIV.Faktencheck hat ihn überprüft: Die Behauptung, Mundspülungen könnten Coronaviren vollständig abtöten, ist irreführend, weil sie suggeriert, dass man damit eine Infektion verhindern oder die Krankheit Covid-19 heilen könne. Das stimmt nicht und wurde so auch nicht im Beitrag von Antenne Thüringen berichtet. Der Sender hat außerdem dementiert, dass der Beitrag nicht mehr ausgestrahlt werden durfte.

Antenne Thüringen hat nicht berichtet, Gurgeln töte Coronaviren „zu 100 Prozent“ ab

Bei dem genannten Beitrag handelt es sich offenbar um eine Folge von „Antenne Thüringen Nachgefragt“ vom 16. April, in der es unter anderem um Gurgeln als mögliche Vorbeugung gegen eine Corona-Infektion ging. Die Sendung umfasst Interviews mit mehreren Expertinnen und Experten und ist nach wie vor im Internet verfügbar.


Allerdings wird es in der Sendung nicht so dargestellt, dass das Coronavirus durch Gurgeln mit verschiedenen Mitteln hundertprozentig „abgetötet“ werden könnte. 

Tatsächlich werden sehr unterschiedliche Einschätzungen abgebildet: Klaus Zastrow, Facharzt für Hygiene- und Umweltmagazin, spricht etwa sehr überspitzt davon, die Coronapandemie könne bereits beendet sein, wenn alle regelmäßig mit desinfizierenden Mitteln gurgeln würden. Er ist der einzige befragte Experte, der von „abgetöteten Viren“ im Mundraum spricht. Diese seien durch das Gurgeln „nicht mehr ansteckungsfähig“. „Darum geht es: Wir senken die Last der ansteckungsfähigen Viren“, sagt Zastrow in den ersten Minuten der Sendung. 

Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGK) kritisierte die Aussagen von Klaus Zastrow gegenüber Antenne Thüringen: „Herr Zastrow neigt dazu, dass er Dinge behauptet, die nun wirklich gar nicht bewiesen sind. Wir haben uns von der DGK in Bezug auf diese hundertprozentige Sicherheit und das Verhindern von schwerer Krankheit, wenn man infiziert ist und regelmäßig gurgelt, nicht geäußert. Das ist auch nicht unsere Meinung. Da würden wir uns weit in dem Bereich der Spekulation bewegen“, sagte er.

Walger sagte weiter: „Regelmäßiges Gurgeln schützt zwar nicht garantiert vor einer Übertragung oder auch einer Ansteckung mit Corona, ist aber durchaus sinnvoll zur Vorbeugung vor bestimmten Situationen und zum Schutz der eigenen Schleimhäute.“

Laboruntersuchung der Ruhr-Universität Bochum zeige, dass Viruslast durch Gurgeln gesenkt werden kann

Antenne Thüringen hat außerdem mit Toni Luise Meister von der Ruhr-Universität Bochum gesprochen. Sie berichtet von den Ergebnissen einer Studie, an der sie beteiligt war. 

In einer Pressemitteilung zur Studie schreibt die Universität, bestimmte handelsübliche Mundspülungen könnten Coronaviren „inaktivieren“. Laut der Universität handelte es sich um eine Laboruntersuchung. Eine Überprüfung der Ergebnisse in klinischen Studien stehe noch aus.

In der Mitteilung der Ruhr-Universität zur Studie heißt es: „Im Mund-Rachenraum von Covid-19-Patienten können zum Teil hohe Viruslasten nachgewiesen werden. Die Anwendung von Sars-Cov-2-wirksamen Mundspülungen könnte somit helfen, kurzzeitig die Viruslast und damit eventuell das Risiko einer Übertragung der Coronaviren zu senken.“ 

Meister weist allerdings darauf hin, dass Mundspülungen nicht zur Behandlung von Covid-19-Erkrankungen geeignet sind: „Das Gurgeln mit einer Mundspülung kann nicht die Produktion der Viren in den Zellen hemmen, könnte aber die Viruslast kurzfristig dort senken, wo das größte Ansteckungspotential herkommt, nämlich im Mund-Rachen-Raum – und das könnte in bestimmten Situationen wie beim Zahnarzt oder der medizinischen Versorgung von Covid-19-Patienten nützlich sein.“ 

Antenne Thüringen weist Behauptung zurück, der Sender dürfe nicht berichten  

In einer Stellungnahme, in der der Sender die Behauptung in Sozialen Netzwerken zurückweist, die Politik „verbiete“ ihm den Beitrag, schreibt Antenne Thüringen zusammenfassend: „Wir haben uns, was das Gurgeln angeht, bei verschiedenen Stellen abgesichert. Das Ergebnis: Es gibt keine Generalwirksamkeit, aber es kann unterstützen im Kampf gegen Corona.“

Stellungnahme von „Antenne Thüringen“ zu der Behauptung, wonach die Politik dem Sender eine Berichterstattung „verbiete“ (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

In einem Hintergrund-Bericht zum Thema kam CORRECTIV.Faktencheck im Dezember 2020 zu folgendem Ergebnis: Die Viruslast kann zwar durch Mundspülungen im Mund- und Rachenbereich kurzfristig gesenkt werden; laut Deutscher Krankenhausgesellschaft können manche Mundwasser auf Basis ätherischer Öle das Virus inaktivieren. Die größte Viruslast ist jedoch am Nasenrachen vorhanden – und dort kommt Mundwasser nicht hin. Zudem sitzt das Virus auch in den Zellen, Gurgeln ist also keine Heilung und bietet keinen zuverlässigen Schutz davor, dass man selbst krank wird.  

Behauptung über angebliche Bestätigung durch mehrere Studien der Humboldt-Universität ist falsch

Die Behauptung, Gurgeln mit Mundspülungen töte das Coronavirus zu 100 Prozent ab, wurde laut des Facebook-Beitrags angeblich in Studien von Virologen der Humboldt-Universität und einer sogenannten „Vereinigung der niedergelassenen Zahnärzte in Deutschland“ bestätigt und nachgewiesen. Eine Vereinigung mit diesem Namen gibt es jedoch nicht

Eine Suche im Forschungsportal der Berliner Humboldt-Universität, wo auch Publikationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Uni aufgeführt werden, nach den Stichworten „gurgeln“, „gargle“, „Mundspülung“ und „mouthwash“ führte außerdem zu keinen aktuellen Ergebnissen. Dasselbe gilt auch für eine Suche in der Forschungsdatenbank der Berliner Charité. Die Humboldt-Universität hat demnach nicht „durch mehrere Studien nachgewiesen“, dass Gurgeln das Coronavirus abtöte. 

Redigatur: Sarah Thust, Alice Echtermann





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