Faktencheck

Nein, französische Behörden wollen Covid-19-Impfungen nicht stoppen

Angeblich fordere eine französische Behörde namens CTIAP, alle Covid-19-Impfstoffe abzusetzen, weil sie weder sicher noch wirksam seien – so lautet eine Behauptung in verschiedenen Sozialen Netzwerken. Das stimmt nicht. Hinter den Aussagen steckt der private Blog eines impfkritischen Pharmazeuten. Französische Behörden beurteilen die Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe als zuverlässig.

von Sarah Thust

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Eine Helferin bereitet am 31. Mai Impfungen in einem Impfzentrum in Mülhausen in Frankreich vor (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Maxppp / Darek Szuster)
Behauptung
Die französische Arzneimittelbehörde CTIAP fordere, alle Covid-19-Impfstoffe abzusetzen, weil sie weder sicher noch wirksam seien.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Das CTIAP ist keine Arzneimittelbehörde, sondern eine Informations- und Arzneimittelberatungsstelle eines französischen Krankenhauses. Die Behauptungen basieren auf einem Blog-Beitrag eines Pharmazeuten. Französische Behörden bezeichnen die Impfstoffe gegen Covid-19 als sicher und wirksam.

Hinweis, 15. Juni 2021: Report24 hat den Artikel und einen Facebook-Beitrag am 14. Juni 2021 korrigiert. Dort ist nun zu lesen, das CTIAP sei eine Arzneimittel-Beratungsstelle in Frankreich. Im Artikel wurden relevante Informationen zu bedingten Zulassungen ergänzt. Unser Faktencheck bleibt zur Dokumentation unverändert.

In mehreren Blog-Beiträgen, auf Facebook und Telegram wird behauptet, das Centre Territorial d’Information Indépendante et d’Avis Pharmaceutiques (CTIAP – „Territoriales Zentrum für unabhängige Information und Arzneimittelberatung“) in Frankreich habe mitgeteilt, alle Covid-19-Impfstoffe sollten „sofort abgesetzt“ werden, weil diese nicht sicher und wirksam seien. Es gebe „nur Notfall-Zulassungen mit unzureichenden klinische Beweisen“ und die „Wirkstoffe, Hilfsstoffe und Herstellungsverfahren“ seien „mangelhaft“. Die Beiträge kursieren seit Ende April, einer der Texte wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 10.200 Mal auf Facebook geteilt. 

In den Beiträgen wird CTIAP als französische Arzneimittelbehörde oder als „Zentrum für Medikamentenbewertung“ bezeichnet. CTIAP ist aber keine Bundesbehörde und auch keine nationale Einrichtung, sondern eine Informations- und Arzneimittelberatungsstelle eines Krankenhauses im französischen Cholet. Ein Blog mit demselben Namen wird privat vom leitenden Pharmazeuten des CTIAP betrieben. Von den in Frankreich zuständigen Behörden werden alle vier Impfstoffe werden als sicher und wirksam bewertet.


Facebook-Beitrag mit den falschen Behauptungen zur CTIAP
Dieses Bild kursiert in deutschsprachigen Sozialen Netzwerken und stellt falsche Behauptungen über die Sicherheit und Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe auf (Quelle: Facebook / Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Die deutschsprachigen Beiträge verlinken auf einen französischen Text auf der Webseite CTIAP vom 2. April, aus dem sie die angeblichen Behauptungen zitieren. Derselbe Text erschien auf der französischen Internetseite France Soir, in dem Amine Umlil als Autor genannt wird.

CTIAP ist keine Arzneimittel- oder Bundesbehörde 

Pierre Vollot, Direktor des Krankenhauses von Cholet, wo die Beratungsstelle CTIAP angesiedelt ist, schreibt auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck: „Das CTIAP ist ein Zentrum, das mit Zustimmung der Einrichtung geschaffen wurde, um Angehörigen der Gesundheitsberufe und Anwendern klare, unabhängige und objektive Informationen über Arzneimittel zur Verfügung zu stellen.“ Geleitet werde es von Amine Umlil, der als Pharmazeut für das Krankenhaus arbeitet. Die gleichnamige CTIAP-Internetseite sei jedoch ein persönlicher Blog von Umlil, erklärt der Krankenhausdirektor.

Wir haben die drei Behauptungen auf Facebook überprüft, die sich auf den Blog-Beitrag von Umlil stützen. 

1. Behauptung: Es handele sich bei den Zulassungen für die Impfstoffe um „Notfall-Zulassungen mit unzureichenden klinischen Beweisen“

Diese Behauptung ist falsch. Es handelt sich nicht um Notfallzulassungen, sondern um sogenannte bedingte Zulassungen. Die Wirksamkeit und Sicherheit aller vier aktuell zugelassener Impfstoffe von Astrazeneca, Biontech/Pfizer, Moderna und Johnson & Johnson wurde in klinischen Studien geprüft.

Für die Impfstoff-Zulassung in der Europäischen Union ist die Europäische Kommission gemeinsam mit der europäischen Arzneimittelagentur EMA zuständig. Allen Covid-19-Impfstoffen wurde eine bedingte Marktzulassung erteilt. Das bedeutet, die EMA hat die bisher vorliegenden Studienergebnisse analysiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass der Nutzen des Impfstoffs die Risiken nach aktuellem Wissensstand überwiegt. 

„Eine bedingte Marktzulassung erfolgt innerhalb eines kontrollierten und robusten Rahmens, der Schutzmaßnahmen bietet, den Notfallzulassungen möglicherweise nicht bieten“, schreibt die EU-Kommission auf ihrer Webseite über den Unterschied zwischen den beiden Formen der Zulassung. Und sie erklärt: „In solchen Notsituationen ist das Verfahren für die bedingte Marktzulassung speziell so konzipiert, dass Marktzulassungen so schnell wie möglich erteilt werden, sobald ausreichende Daten vorliegen.“

Entscheidend für eine solche Beschleunigung seien fortlaufende Überprüfungen, die es der EMA ermöglichen, Daten zu den Impfstoffen zu bewerten, sobald sie verfügbar werden, anstatt abzuwarten, bis alle Versuche abgeschlossen sind. An den Grundsätzen von Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit ändere sich jedoch nichts.

Richtig ist, die Impfstoffe haben alle für die Zulassung notwendigen klinischen Studien abgeschlossen und danach eine bedingte Marktzulassung erhalten. Es werden weitere klinische Studien bis mindestens 2025 durchgeführt und mögliche Nebenwirkungen werden kontinuierlich und weltweit beobachtet.

2. Behauptung: Keiner der Covid-19-Impfstoffe sei sicher oder wirksam

Die vier aktuell in der EU zugelassenen Corona-Impfstoffe werden von der französischen Arzneimittelbehörde ANSM, die für die Zulassung von Impfstoffen in Frankreich zuständig ist und Impfstoffe überwacht, und von der Behörde HAS, die Empfehlungen zu Impfstoffen ausstellt, als sicher und wirksam bewertet. 

Die HAS erklärte zuletzt in einer Pressemitteilung am 30. April, dass „Impfstoffe, die eine Marktzulassung erhalten haben, nachweislich Krankenhausaufenthalte und die Sterblichkeit aufgrund von Covid-19 reduzieren“. 

PEI und RKI stufen Covid-19-Impfstoffe von Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson als hochwirksam ein

Die vier auch in Deutschland zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19 sind laut RKI und Paul-Ehrlich-Institut wirksam. Wenn eine mit einem Covid-19-Impfstoff geimpfte Person mit dem Erreger in Kontakt kommt, werde sie mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ nicht erkranken, schreibt das RKI. Wie lange der Impfschutz anhält, ist derzeit noch nicht bekannt. Der Schutz setzt auch nicht sofort nach der Impfung ein, und einige geimpfte Personen bleiben ungeschützt.

Das RKI schreibt aber auch, dass „in der Regel geimpfte Personen nur leichte Symptome der Covid-19-Erkrankung aufwiesen oder häufig gänzlich symptomlos blieben“, falls sie dennoch erkranken.

Wie wirksam eine Corona-Impfung ist, hängt vom Einzelfall ab, wie mehrere Studien zeigen. Zwei vorläufige Studien aus Großbritannien ergaben, dass bereits die erste Impfung das Risiko einer Corona-Infektion um etwa zwei Drittel senken könne – sowohl beim Impfstoff von Astrazeneca als auch bei der Biontech-Impfung. Die Zahl symptomatischer Infektionen, also Covid-19-Erkrankungen, sei demnach um 72 Prozent gesunken. Es gibt aber auch Veröffentlichungen von Ärzten, die beobachtet haben, dass sich vollständig Geimpfte in seltenen Fällen neu mit Corona infizieren könnten, wie die Pharmazeutischen Zeitung berichtete.

Eine aktuelle Grafik des Paul-Ehrlich-Instituts zeigt, die Wirksamkeit für die Impfstoffe von Biontech und Moderna liegt bei 95 Prozent und für Johnson & Johnson bei bis zu 70 Prozent.  

Grafik des Paul-Ehrlich-Instituts zur Wirksamkeit der Covid-19 Impfstoffe
Eine Grafik des Paul-Ehrlich-Instituts zeigt die Wirksamkeit der Impfstoffe (Screenshot am 2. Juni: CORRECTIV.Faktencheck)

3. Behauptung: Wirkstoffe und Produktionsverfahren seien mangelhaft

Für die Behauptung, Wirkstoffe oder Herstellungsverfahren der Impfstoffe seien mangelhaft, gibt es keine Belege. Der aktuelle Stand aller Studien lässt sich auf der Internetseite der EMA einsehen. Auch das Robert-Koch-Institut aktualisiert die Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Impfstoffe regelmäßig.

Lediglich Anfang Mai meldeten Forscher der Universitätsmedizin Ulm, sie hätten in einigen Astrazeneca-Impfstoffdosen Verunreinigungen durch Proteine entdeckt. Das Paul-Ehrlich-Institut gab laut Medienberichten vom 2. Juni Entwarnung, die nachgewiesenen Eiweiße haben demnach keine Auswirkungen auf die Gesundheit oder auf die Wirksamkeit.

Pharmazeut Umlil gilt als Impfkritiker und hat bereits häufiger Desinformation verbreitet

Laut Medienberichten trat Umlil während der Pandemie als Kritiker einer Impfpflicht auf, hat aber weder laut Researchgate noch laut Google Scholar Forschungsarbeiten zum Thema Impfen und Corona veröffentlicht. Zudem behauptete er laut den französischen Faktencheckern der AFP mehrfach fälschlicherweise, dass Impfstoffe keine schweren Corona-Fälle verhindern könnten.

Krankenhausdirektor Vollot schreibt in seiner E-Mail: „Die Ärzteschaft und die Leitung des Krankenhauses Cholet sind mit einer Reihe von Aussagen, die im Blog gemacht wurden, nicht einverstanden.“

Redigatur: Uschi Jonas, Tania Röttger

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Fragen und Antworten der EU-Kommission zur bedingten Marktzulassung: Link
  • Stand der Impfforschung und -Bewertung laut EMA: Biontech/Pfizer (Link), Moderna (Link), Astrazeneca (Link) und Johnson & Johnson (Link)
  • Informationen der Haute Autorité de Santé (HAS) über die Impfstoffe: Link
  • Informationen der Arzneimittelbehörde ANSM über die Impfstoff-Zulassung: Link
  • Sicherheitsberichte des Paul-Ehrlich-Instituts in Deutschland: Link
  • Das RKI zu Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe: Link

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