Faktencheck

Vulkanausbrüche wie der auf La Palma produzieren nur einen Bruchteil der CO2-Emissionen Deutschlands

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der Vulkan Cumbre Vieja auf der Insel La Palma stoße mehr CO2 aus, als Deutschland in den nächsten hundert Jahren sparen wolle. Der Vergleich führt in die Irre. Vulkane produzieren generell weniger CO2 als der Mensch – ein einzelner Ausbruch verursacht daher viel weniger Emissionen als Deutschland in den nächsten Jahren einsparen will.

von Sarah Thust

Emissionen durch den Vulkan Cumbra Vieja auf La Palma 2021
Am 4. Oktober um 13:40 Uhr westeuropäischer Zeit schoss ein Astronaut an Bord der Internationalen Raumstation dieses Foto vom Vulkan Cumbre Vieja auf La Palma (Foto vom 4. Oktober: NASA / ISS)
Behauptung
Der Vulkan auf La Palma blase im Moment soviel CO2 in die Luft, wie Deutschland in den nächsten 100 Jahren sparen wolle.
Bewertung
Falsch. Generell verursachen Vulkanausbrüche laut Experten nur einen Bruchteil dessen, was Deutschland in den nächsten Jahren an Treibhausgas-Emissionen sparen will. Wie viel CO2 der Vulkan auf La Palma aktuell ausstößt, lässt sich noch nicht sagen.

In einem Facebook-Beitrag heißt es: Der Vulkan auf La Palma stoße aktuell mehr Kohlendioxid (CO2) aus, als Deutschland in den nächsten hundert Jahren an Emissionen sparen wolle. Mehrere Beiträge mit der Behauptung wurden zusammen mehr als 2.400 Mal geteilt (hier und hier). Es geht um den Vulkan Cumbra Vieja, der am 19. September erstmals seit Jahrzehnten wieder ausgebrochen ist und auch einen Monat später noch brodelt. 

Die Aussage zu der ausgestoßenen CO2-Menge ist irreführend: Laut Experten stoßen alle Vulkane weltweit lediglich 200 bis 300 Millionen Tonnen CO2 aus. Deutschland will jedoch alleine bis 2030 seine jährlichen Treibhausgasemissionen um 300 Millionen Tonnen reduzieren. Zahlen, wie viel CO2 Deutschland in den nächsten hundert Jahren sparen will, gibt es nicht. 

Facebook-Beitrag zum Vulkan auf La Palma
Diese falsche Behauptung wird auf Facebook verbreitet (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Im Jahr 2020 hat Deutschland mehr als 739 Millionen Tonnen Treibhausgase verursacht

In Deutschland gibt es keine Vorgabe, wie viel CO2 in den kommenden hundert Jahren eingespart werden soll. Die deutschen Treibhausgasminderungsziele wurden im Klimaschutzgesetz bis 2040 verbindlich festgelegt. Bis spätestens 2045 will Deutschland die sogenannte „Treibhausgasneutralität“ erreichen, also keine Emissionen mehr verursachen.

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Es gibt mehrere Treibhausgase, das wichtigste ist jedoch CO2. Deshalb werden die Emissionen oft in CO2-Äquivalenten angegeben. 

Auf seiner Internetseite erklärte das Umweltbundesamt am 3. September, dass die CO2-Äquivalenten Emissionen Deutschlands bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent gesenkt werden sollen – Deutschland dürfte also 2030 pro Jahr noch 438 Millionen Tonnen CO2 verursachen. Bis 2040 sollten die Emissionen um 88 Prozent gesenkt werden. 

Da die Treibhausgasemissionen Deutschlands im Jahr 2020 laut Schätzungen des Umweltbundesamtes noch bei mehr als 739,49 Millionen Tonnen lagen, müssten den Vorgaben zufolge 2030 rund 301 Millionen Tonnen weniger ausgestoßen werden als 2020. So groß wäre also die Ersparnis allein in zehn Jahren.  

Vulkanologe: CO2-Ausstoß des Cumbre Vieja sei nur „ein winziger Bruchteil der menschlichen Produktion“

Wie viel CO2 speziell bei dem Ausbruch des Cumbre Vieja ausgestoßen wurde, dazu gibt es bisher keine Daten. Der Vulkanologe Matthias Hort von der Universität Hamburg erklärte den Faktencheckern der Nachrichtenagentur AFP: Genaue CO2-Messungen in der Atmosphäre mit Bezug auf Vulkane seien grundsätzlich schwierig, weil dort bereits CO2 vorhanden sei und deshalb eine genaue Zuordnung der Gase – zum Beispiel zum Vulkanausbruch – schwierig sei.

Es gibt jedoch viel Forschung zu Vulkanen generell. Bei Vulkanausbrüchen wird demnach wesentlich weniger CO2 freigesetzt als Deutschland an Treibhausgasemissionen verursacht. 

Wir haben bei einem Experten nachgefragt: Boris Behncke ist Vulkanologe am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) in Italien und erforscht aktuell den dortigen Vulkan Ätna. Selbst die größten Vulkanausbrüche der letzten Jahrzehnte hätten nur relativ wenig CO2-Emissionen verursacht, so der Vulkanologe. 1991 habe die Eruption des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen zum Beispiel 50 Millionen Tonnen CO2 produziert. „Um der jährlichen Menge (im Jahr 2010) von Menschen erzeugten CO2 zu entsprechen, bräuchte es 700 Pinatubo-Eruptionen.“ Der Vulkan in La Palma sei „um Größenordnungen kleiner als Pinatubo“.

Behncke schreibt, es sei sicher, dass der CO2-Ausstoß des Cumbre Vieja nur „ein winziger Bruchteil der menschlichen Produktion“ sei. Alle Vulkane der Welt würden insgesamt nur ein bis drei Prozent der menschengemachten CO2-Produktion ausstoßen. 

E-Mail zum Vulkan
Auszug aus der E-Mail des Vulkanologen Boris Behncke vom 19. Oktober 2021 (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Bereits 2019 erklärte Christian von Savigny, geschäftsführender Direktor und Professor am Institut für Physik der Ernst-Moritz-Arndt Universität in Greifswald, gegenüber CORRECTIV.Faktencheck: Der durchschnittliche weltweite CO2-Ausstoß von Vulkanen liege zwischen 200 und 300 Millionen Tonnen im Jahr. Der jährliche CO2-Ausstoß durch den Menschen betrage dagegen zwischen 30 und 35 Milliarden Tonnen und sei somit etwa hundertmal größer als die gesamten vulkanischen CO2-Emissionen pro Jahr.

Nochmal zum Vergleich: Im Jahr 2020 verursachte allein Deutschland laut Umweltbundesamt mehr als 739 Millionen Tonnen Treibhausgase, und das Land will diese Emissionen in zehn Jahren um 300 Millionen Tonnen reduzieren.

Vulkane stoßen ständig Gase wie CO2 aus – das ist normal

Der Vergleich mit dem Vulkanausbruch ist noch aus einem anderen Grund irreführend. Boris Behncke erklärte uns ebenfalls 2019 für einen anderen Faktencheck, dass Vulkane auch dann CO2 in die Luft abgeben, wenn sie nicht ausbrechen. CO2-Messungen des vulkanologischen Instituts der Kanarischen Inseln (Involcan) aus dem Jahr 2017 ergaben, dass der damals ruhige Vulkan Cumbre Vieja täglich etwa 800 Tonnen CO2 ausstieß. Der Durchschnittswert liege bei etwa 530 Tonnen pro Tag – somit könnte der Vulkan allein durch diese diffusen Emissionen pro Jahr rund 193.000 Tonnen CO2 ausstoßen.

Der Vulkanologe Behncke schrieb uns in einer E-Mail am 19. Oktober 2021: „Die Frage sollte nicht sein, was Vulkane da so anstellen – die machen das, was sie immer schon gemacht haben – sondern wie sich unsere zusätzliche Umweltverschmutzung auswirken wird.“

Das Umweltbundesamt (UBA), die Faktencheck-Organisation „Eurekalert“ und auch die von uns kontaktierte Experten waren sich schon 2019 einig, dass es wesentlich weniger vulkanisches Kohlendioxid in der Atmosphäre gibt als Kohlendioxid, das von Menschen produziert wurde. Daran hat sich auch durch den Ausbruch des Vulkans auf La Palma nichts geändert.

Redigatur: Matthias Bau, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Umweltbundesamt über Treibhausgas-Emissionen in Deutschland (21. Juni 2021): Link
  • Umweltbundesamt beantwortet die Frage „Ist der vulkanische CO2-Ausstoß nicht bedeutender als der des Menschen?“: Link
  • Umweltbundesamt „Klimaschutzgesetz: Emissionen der in die Zieldefinition einbezogenen Handlungsfelder für 2020 und 2030“: Link
  • 2017 schätzte Involcan, dass die CO2-Emissionen des Cumbre Vieja damals 800 Tonnen pro Tag betrugen: Link

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