Faktencheck

Das RKI stufte Menschen mit unbekanntem Impfstatus als ungeimpft ein – das hat Schätzung zur Impfeffektivität leicht beeinflusst

Im Netz wird behauptet, das RKI habe bei symptomatischen Covid-19-Fällen mit unbekanntem Impfstatus angenommen, diese Menschen seien ungeimpft. Das ist richtig. Das RKI hat die statistische Erfassung Ende September geändert. Die Auswirkungen auf die Berechnung der Impfeffektivität waren aber geringer, als suggeriert wird.

von Hatice Kahraman

Das RKI hat nach eigenen Angaben an Covid-19 erkrankte Menschen in Krankenhäusern, bei denen der Impfstatus nicht bekannt war, als ungeimpft eingestuft. Die Methode wurde Ende September geändert. (Foto: Unsplash / Marcelo Leal)
Das RKI hat nach eigenen Angaben an Covid-19 erkrankte Menschen in Krankenhäusern, bei denen der Impfstatus nicht bekannt war, als ungeimpft eingestuft. Die Methode wurde Ende September geändert. (Foto: Unsplash / Marcelo Leal)
Behauptung
Das RKI habe Menschen mit Covid-19-Symptomen, die in Krankenhäusern behandelt wurden und deren Impfstatus unbekannt war, als ungeimpft eingestuft. Daher seien die Zahlen zur Impfeffektivität „falsch“.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Es stimmt, dass das RKI Menschen mit Covid-19-Symptomen und unbekanntem Impfstatus als „ungeimpft“ eingestuft hat. Das wurde im September geändert. Die Berechnungen zur Impfeffektivität wurden dadurch aber nur um zwei bis vier Prozentpunkte nach unten korrigiert. Insgesamt ist die Schätzung der Impfeffektivität des RKI mit Unsicherheit behaftet.

In einem Youtube-Video vom 30. September, das bisher rund 68.000 Mal angesehen wurde, heißt es, das Robert-Koch-Institut (RKI) habe Covid-19-Erkrankte mit unbekanntem Impfstatus als ungeimpft eingestuft. Der Youtuber spricht von einem „Impfstatus-Gate“, suggeriert also, es handele sich um einen Skandal. 

Die Behauptung wurde auch auf der Seite Reitschuster.de aufgegriffen, der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als 3.200 Mal auf Facebook geteilt. Dort wird die Änderung der Datenerfassung des RKI als „Daten-GAU“ bezeichnet. Sie lasse angeblich „alle Zahlen der Impfeffektivität, mit der sich die Bundesregierung regelmäßig brüstet, in einem völlig anderen Licht erscheinen“. Die Zahlen zur Impfeffektivität seien somit „falsch“.

Diese Schlussfolgerung führt nach unseren Recherchen ohne Kontext in die Irre. Es stimmt zwar, dass das RKI seine Daten zur Impfeffektivität im Rahmen einer Änderung in der statistischen Erfassung Ende September nach unten korrigiert hat – allerdings nur um wenige Prozentpunkte. Dieser Kontext fehlt in dem Youtube-Video und im Artikel von Reitschuster.de

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Grundsätzlich ist die Berechnung der Impfeffektivität durch das RKI eine Schätzung, bei der es Unsicherheiten gibt. Bei etwa 20 Prozent der symptomatischen Covid-19-Fälle ist der Impfstatus dem RKI unbekannt

RKI stufte Menschen mit unbekanntem Impfstatus bis 30. September als ungeimpft ein

Im Video und dem Artikel werden zwei Lageberichte des RKI verglichen: der Wochenbericht vom 23. September 2021 und der Wochenbericht vom 30. September 2021. Bei dem Vergleich fällt auf, dass es große Sprünge in den Daten gibt. 

Ausschnitt aus dem wöchentlichen Lagebericht vom 23. September 2021. Die Zahl der hospitalisierten Covid-19-Fälle bei Über-60-Jährigen liegt in dieser Woche noch bei knapp 65.000 (Quelle: RKI / Screenshot, Collage und rote Markierung: CORRECTIV.Faktencheck).
Ausschnitt aus dem wöchentlichen Lagebericht vom 23. September 2021. Die Zahl der hospitalisierten Covid-19-Fälle bei Über-60-Jährigen liegt in dieser Woche noch bei knapp 65.000 (Quelle: RKI / Screenshot, Collage und rote Markierung: CORRECTIV.Faktencheck).
Ausschnitt aus dem wöchentlichen Lagebericht vom 30. September 2021, eine Woche später. Bei den Über-60-Jährigen liegt die Zahl jetzt nur noch bei knapp 32.000 (Quelle: RKI / Screenshot, Collage und rote Markierung: CORRECTIV.Faktencheck).
Ausschnitt aus dem wöchentlichen Lagebericht vom 30. September 2021, eine Woche später. Bei den Über-60-Jährigen liegt die Zahl jetzt nur noch bei knapp 32.000 (Quelle: RKI / Screenshot, Collage und rote Markierung: CORRECTIV.Faktencheck).

Der Grund hierfür ist tatsächlich, dass das RKI an der Erfassungsmethode der Daten etwas geändert hat. Gegenüber CORRECTIV.Faktencheck bestätigte eine Sprecherin des RKI per E-Mail, dass man „in der Tat“ davon ausgegangen sei, dass Menschen „bei denen der Impfstatus nicht bekannt war“ ungeimpft gewesen seien.

Weiter schrieb die Pressesprecherin: „Der Impfstatus eines Infizierten wird vom Gesundheitsamt erhoben. Es kann sein, dass die Gesundheitsämter diesen Aspekt bei einigen Fällen nicht klären konnten oder die Information wegen Überlastung nicht ans RKI weiterleiten konnten.“ Zu den Problemen bei der Datenerfassung haben wir kürzlich einen ausführlichen Hintergrundbericht veröffentlicht.

Das RKI schreibt per E-Mail, dass der Impfstatus nicht immer geklärt werden konnte (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Das RKI schreibt per E-Mail, dass der Impfstatus nicht immer geklärt werden konnte (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Seit dem 30. September 2021 werden laut dem RKI nur noch Covid-19-Fälle zur Berechnung der Impfeffektivität berücksichtigt, bei denen der Impfstatus tatsächlich bekannt sei. Im Wochenbericht vom 30. September heißt es, dass bei „einem Teil der Covid-19-Fälle die Angaben zum Impfstatus unvollständig“ gewesen seien und deswegen von „einer Untererfassung der geimpften Covid-19-Fälle“ auszugehen sei. In älteren Berichten könne die Impfeffektivität „in einigen Fällen“ deshalb überschätzt worden sein (PDF Seite 19). 

RKI korrigierte nach der Änderung die Angaben zur Impfeffektivität leicht nach unten

Die methodische Anpassung Ende September hat zwar einen großen Sprung in den Daten verursacht, allerdings nur einen geringen Einfluss auf die vom RKI berechnete Impfeffektivität gehabt. Im Wochenbericht vom 23. September lag sie bei der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen für den gesamten Beobachtungszeitraum seit Februar bei 87 Prozent – nach der Korrektur am 30. September lag sie bei 84 Prozent. 

Bei der Altersgruppe der Über-60-Jährigen lag sie in dem Bericht vom 23. September bei 86 Prozent – und eine Woche später bei 82 Prozent. 

Diese konkreten Zahlen zur Impfeffektivität werden in dem Youtube-Video und im Artikel von Reitschuster.de nicht erwähnt. Es fehlt also Kontext. 

Insgesamt stimmt aber, dass die vom RKI berechnete Impfeffektivität mit Unsicherheit behaftet ist – da dem RKI bei einer großen Zahl Covid-19-Fälle der Impfstatus nicht bekannt ist. 

Covid-19-Impfstoffe schützen auch weiterhin sehr gut vor einer schweren Erkrankung

Im November, rund zwei Monate später, liegt die vom RKI geschätzte Impfeffektivität nochmal niedriger. Dass der Anteil der Impfdurchbrüche steigt, ist laut RKI damit begründet, dass mit steigender Impfquote unter den Erkrankten auch anteilsmäßig immer mehr Geimpfte zu erwarten sind. Das ist ein statistischer Effekt. 

Aktuell beziffert das RKI im Wochenbericht vom 18. November die Impfeffektivität für den Zeitraum der vergangenen vier Wochen auf 70 Prozent für die 18- bis 59-Jährigen und auf 67 Prozent für die über 60-Jährigen (PDF, Seite 24). 

Das RKI schreibt, die gesunkene Impfeffektivität könne „für eine Abnahme der Schutzwirkung über die Zeit sprechen, da in der Bevölkerung der Anteil derjenigen wächst, die vor mehr als sechs Monaten geimpft wurden“. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) bereits seit Anfang Oktober Auffrischimpfungen für ältere Menschen empfiehlt. Das haben wir in einem anderen Faktencheck genauer erläutert. 

Das RKI betont aber: „Die in unseren Analysen dargestellte anhaltend hohe Impfeffektivität gegen schwere Verläufe (Hospitalisierung, Intensivbehandlung oder Tod) zeigt jedoch, dass vollständig geimpfte Personen weiterhin sehr gut gegen einen hospitalisationsbedürftigen oder tödlichen Verlauf geschützt sind“ (PDF, Seite 26).

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Wochenbericht des RKI vom 18. November 2021: Link
  • Wochenbericht des RKI vom 30. September 2021: Link 
  • Wochenbericht des RKI vom 23. September 2021: Link 

Redigatur: Matthias Bau, Alice Echtermann

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