Faktencheck

Gas aus Russland: Liefermengen nach Deutschland sind ab Juni 2022 stark gesunken

Ein Twitter-Nutzer deutet an, es gebe keine „Gaskrise“, da die Gasimporte aus Russland im Frühjahr nur 3,6 Prozent niedriger lagen als 2021. Das ist irreführend, denn die Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union, auf die er sich bezieht, reichen nur bis Mai 2022. Der starke Rückgang der Gaslieferungen erfolgte ab Juni und hält bis heute an.

von Alice Echtermann

Nord Stream 1 Station in Lubmin – hier kommt russisches Gas in Deutschland an
Russisches Gas kann über verschiedene Pipelines nach Deutschland gelangen – der wichtigste Weg ist jedoch die Ostseepipeline Nord Stream 1, die in Lubmin bei Greifswald ankommt. Seit Juni wird dort wesentlich weniger Gas geliefert als seit Januar 2021 pro Monat üblich war. (Foto: Picture Alliance / Ulrich Baumgarten)
Behauptung
Russland habe laut Daten von Eurostat von Januar bis Mai 2022 „exakt 3,63“ Prozent weniger Gas nach Deutschland geliefert als von Januar bis Mai 2021. Russland liefere also fast genauso viel Gas wie im Vorjahr.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Die Liefermenge in dem genannten Zeitraum war um rund 3,86 Prozent niedriger, doch es fehlt eine wesentliche Information: Die Eurostat-Daten reichen nur bis Mai. Die Gasliefermenge nach Deutschland hat im Juni stark abgenommen und liegt seitdem unter dem üblichen Niveau.

Auf Twitter vergleicht ein Nutzer die Gasimporte aus Russland nach Deutschland von Januar bis Mai 2022 mit demselben Zeitraum im Jahr 2021. Dabei bezieht er sich auf die Daten der Europäischen Statistikbehörde (Eurostat). Sein Fazit: Es seien nur „exakt 3,63 Prozent weniger“ russisches Gas importiert worden. Durch den Zusatz „ihr Dummschafe“ wird deutlich, dass er infrage stellt, dass es eine „Gaskrise“ in Deutschland gebe, weil Russland weniger Gas liefere als zuvor. Sein Beitrag wurde mehr als 660 Mal geteilt. 

Der Tweet ist irreführend, weil er nur Daten bis Mai 2022 berücksichtigt, der starke Rückgang der Gaslieferungen erfolgte jedoch ab Anfang Juni. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts und der Bundesnetzagentur, die aktueller sind als die von Eurostat. 

Tweet über russisches Gas
Dieser Tweet soll den Eindruck erwecken, Russland liefere nicht weniger Gas nach Deutschland als 2021. Die Statistik geht aber nur bis Mai 2022 und ist daher irreführend. (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Eurostat-Daten zu Gaslieferungen aus Russland nach Deutschland reichen nur bis Mai 2022

Die Grafik im Tweet bezieht sich auf Daten von Eurostat und zeigt die importierte Menge Gas aus Russland nach Deutschland pro Monat. Auf Anfrage erklärte uns eine Sprecherin von Eurostat, dass die Daten vom Statistischen Bundesamt (Destatis) stammen und den monatlichen Importfluss über direkte Pipeline-Verbindungen von einem Land in ein anderes zeigen.  

Die Daten werden von dem Twitter-Nutzer korrekt zitiert. Russland lieferte nach unserer Berechnung von Januar bis Mai 2022 rund 23,9 Milliarden Kubikmeter Erdgas, von Januar bis Mai 2021 waren es rund 24,8 Milliarden. Rechnet man nicht mit diesen gerundeten, sondern mit den Originalzahlen, wurden damit dieses Frühjahr nicht 3,63 Prozent sondern 3,86 Prozent weniger Gas geliefert als von Januar bis Mai 2021. 

Eurostat Daten Gasimporte nach Deutschland
Die Daten von Eurostat zeigen die monatliche Menge an Gas, das aus Russland nach Deutschland importiert wurde, von Januar 2021 bis Mai 2022. Aktuellere Daten gibt es in dieser Datenbank nicht. (Quelle: Eurostat; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Das Problem ist jedoch: Betrachtet man nur die Daten bis Mai 2022, fehlt der tatsächliche Rückgang der Gaslieferungen ab Juni. Daten für Juni gibt es bei Eurostat noch nicht (Stand 16. August 2022) – aber beim Statistischen Bundesamt. 

Statistisches Bundesamt: Im Juni 2022 wurden rund 3.049 Millionen Kubikmeter Gas geliefert

Das Statistische Bundesamt teilte uns auf Nachfrage per E-Mail mit, dass die angegebenen Werte bei Eurostat „keine exakte Aussage über die tatsächlich nach Deutschland eingeführte Gasmenge aus Russland“ zulassen, da die genaue Herkunft des Gases nicht festgestellt werden könne. Die Daten seien Anteile, die mit einer speziellen Methodik berechnet würden. Der entsprechende Wert für Juni liege bei rund 3.049 Millionen Kubikmeter. Datenquelle dafür seien unter anderem die Bundesnetzagentur, beziehungsweise der Verband Europäischer Fernleitungsnetzbetreiber für Gas (Entsog). 

Zum Hintergrund: Russisches Gas kann durch verschiedene Pipelines nach Deutschland gelangen – die wichtigste Verbindung ist Nord Stream 1, die durch die Ostsee direkt von Russland nach Deutschland verläuft und bei Greifswald ankommt. Es gibt aber auch noch die Pipeline Transgas. Sie wird aus verschiedenen Gasleitungen aus Russland gespeist und verläuft über die Slowakei und Tschechien nach Deutschland (in Waidhaus). Eine dritte Verbindung ist die Jamal-Pipeline, die aus Russland über Belarus und Polen nach Mallnow in Deutschland führt. 

Die Entwicklung der Lieferungen durch verschiedene Pipelines bildet das Destatis auf seiner Webseite ab. Der Einbruch ab Juni ist deutlich zu sehen, vor allem bei der Pipeline Nord Stream 1, aber auch der Transgas-Pipeline. Die Menge beginnt im Juni zu sinken und geht im Juli zeitweise auf Null.

Destatis Daten Gaslieferungen nach Deutschland
Grafik des Statistischen Bundesamtes zu den Gaslieferungen durch verschiedene Pipelines nach Deutschland (7-Tage-Durchschnitt). Gelb ist Nord Stream 1, Orange ist Transgas. (Screenshot am 15. August 2022: CORRECTIV.Faktencheck)

Einstellung der Lieferungen wegen Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 im Juli 2022 erklärt den Rückgang nicht vollständig

Das Statistische Bundesamt schreibt zur Erklärung seiner Grafik: „Die Menge der in Deutschland ankommenden Erdgaslieferungen fluktuiert naturgemäß, unter anderem wird sie durch den Gaspreis und die Jahreszeit beziehungsweise die Außentemperaturen beeinflusst.“ Seit Mitte Mai 2022 fließe deutlich weniger Gas durch Nord Stream 1 und die Transgas-Pipeline als üblich. 

Den Abfall der Lieferungen von Nord Stream 1 und Transgas auf Null im Juli erklärt das Destatis durch Wartungsarbeiten. Die Nord Stream AG hatte die jährlich stattfindenden Wartungsarbeiten für Juli 2022 angekündigt. Es ist plausibel, dass in dem Monat, in dem die Wartung stattfindet, stets weniger Gas fließt. Das war auch im Vorjahr so. Zum Vergleich: Normalerweise liegt die monatliche Gasmenge laut den Eurostat-Daten zwischen 4.400 und 5.300 Millionen Kubikmetern – im Juli 2021 waren es nur rund 3.270 Millionen Kubikmeter. 

In diesem Jahr sank die Gasmenge aber schon im Juni, also vor den Wartungsarbeiten. Seit dem 23. Juni gilt in Deutschland die Alarmstufe des Notfallplans Gas, den das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz erarbeitet hat. Die Gaslieferungen über Nord Stream 1 wurden Mitte Juli wieder aufgenommen – seitdem fließt weiter weniger Gas als seit Anfang 2021 üblich war, wie die Grafik des Destatis (oben) zeigt. 

Liefermenge der Pipelines, die russisches Gas transportieren, blieb auch nach Juli niedriger

Das gleiche Bild zeigt sich beim Blick auf die Webseite der Bundesnetzagentur. Sie veröffentlicht regelmäßig Lageberichte zur Gasversorgung. Diesen ist ebenfalls zu entnehmen, dass die Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 ab Anfang Juni eingebrochen sind. Der aktuellste Lagebericht der Bundesnetzagentur ist vom 16. August

Bundesnetzagentur Daten Gaslieferungen nach Deutschland
Diese Grafik der Bundesnetzagentur zeigt die Gaslieferungen (in Gigawattstunden pro Tag) über drei Pipelines, durch die russisches Gas nach Deutschland gelangen kann: Orange (Greifswald) ist Nord Stream 1 direkt aus Russland. Blau (Waidhaus) ist eine Pipeline, die über Tschechien nach Deutschland verläuft, auch Transgas genannt. Grau (Mallnow) ist eine Pipeline über Polen, auch Jamal genannt. Laut Bundesnetzagentur wird über die Pipeline in Mallnow seit Jahresanfang vor allem Gas aus Deutschland exportiert, daher ist der Wert schon länger bei Null. Die Liefermenge über die anderen zwei Pipelines ist etwa ab dem 11. Juni stark gesunken. (Quelle: Bundesnetzagentur / Lagebericht Gasversorgung vom 16. August 2022; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Ein Sprecher der Bundesnetzagentur, Michael Reifenberg, wies uns per E-Mail darauf hin, dass das Gas, das durch die Pipelines fließt, nicht ausschließlich aus Russland stammen müsse: „Die Herkunft des Erdgases (…) ist nicht an jedem Grenzübergangspunkt eindeutig identifizierbar.“ Jedoch: „Für die Grenzübergangspunkte Mallnow ​​[Jamal-Pipeline], Waidhaus [Transgas] und Greifswald [Nord Stream 1] kann mit hinreichender Sicherheit angenommen werden, dass über diese drei Grenzübergangspunkte Gas transportiert wird, das aus der Russischen Föderation stammt.“

Redigatur: Matthias Bau, Uschi Jonas

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Eurostat-Statistik „Importe von Erdgas nach Herkunftsland – monatliche Daten“: Link 
  • Bericht der Bundesnetzagentur zur Lage der Gasversorgung in Deutschland: Link
  • Lagebericht der Bundesnetzagentur vom 16. August 2022, archiviert: Link
  • Daten des Statistischen Bundesamtes „Ausgewählte Erdgaslieferungen nach Deutschland“: Link

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