Faktencheck

Nein, Gasspeicher in Polen sind nicht „zu 100 Prozent“ mit Gas aus Deutschland gefüllt

Während in Deutschland über Sparmaßnahmen beim Gasverbrauch diskutiert wird, heißt es im Netz: In Polen seien die Speicher zu „100 Prozent voll“ mit Gas aus Deutschland. Die Speicher in Polen sind tatsächlich fast voll, aber nur teilweise mit Gas aus Deutschland. Ein Großteil stammt aus anderen Ländern.

von Matthias Bau

Gasspeicher Rehden
Der Erdgasspeicher in Rehden ist der größte Erdgasspeicher Deutschlands, aktuell ist er zu rund 38 Prozent gefüllt (Picture Alliance / DPA / Mohssen Assanimoghaddam)
Behauptung
Polnische Gasspeicher seien zu 100 Prozent voll mit Gas aus Deutschland.
Bewertung
Teilweise falsch
Über diese Bewertung
Teilweise falsch. Richtig ist, dass Polens Gasspeicher aktuell nahezu voll sind und laut dem polnischen Klima- und Umweltministerium darunter auch aus Deutschland importiertes Gas ist. Es stimmt jedoch nicht, dass die Gasspeicher dort ausschließlich mit Gas aus Deutschland gefüllt sind. Aktuell kommt das Erdgas vor allem aus Katar und den USA.

„Polnische Gasspeicher zu 100 Prozent voll mit Gas aus der BRD“ – in Deutschland steigen dagegen die Gaspreise, heißt es in einem Facebook-Beitrag vom 13. Juli, der bisher mehr als 11.000 Mal geteilt wurde (Stand 22. Juli). „Wenn das wirklich stimmt, wäre das ein echter Skandal“, kommentiert eine Nutzerin den Beitrag.

Unsere Recherche zeigt: Die Gasspeicher in Polen sind aktuell nahezu vollständig gefüllt. Aber von deutschen Unternehmen beziehungsweise vom deutschen Gasmarkt stammt lediglich ein Teil der Lieferungen.

Anders als auf Facebook behauptet, sind Gasspeicher in Polen nicht zu 100 Prozent mit Gas aus Deutschland gefüllt
Anders als auf Facebook behauptet, sind Gasspeicher in Polen nicht zu 100 Prozent mit Gas aus Deutschland gefüllt (Quelle: Facebook; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Im Jahr 2020 importierte Polen laut der europäischen Statistikbehörde rund 21 Prozent seines Erdgases aus Deutschland

Wie viel Gas Polen aktuell in seinen Speichern hat, lässt sich über die Plattform AGSI einsehen, die von der Organisation Gas Infrastructure Europe betrieben wird. Dorthin melden europäische Betreiberfirmen von Gasspeichern ihre Füllstände, wie Zeit Online berichtet. Am 13. Juli waren die Gasspeicher in Polen demnach zu 97,59 Prozent gefüllt. Aus den Angaben auf der Plattform geht nicht nur der Füllstand, sondern auch die Größe der Speicher hervor: Polen kann aktuell maximal rund 36,41 Terawattstunden Gas speichern, Deutschland maximal rund 242,98 Terawattstunden. Im Vergleich zu Polen verfügt Deutschland also über ein mehr als sechsmal so großes Speichervolumen. 

Im Jahr 2020 importierte Polen laut der europäischen Statistikbehörde rund 21 Prozent seines Erdgases aus Deutschland, rund 55 Prozent kamen aus Russland und weitere 13 Prozent aus Katar. Darüber hinaus produziert das Land auch selbst Erdgas, laut der IEA etwa vier Milliarden Kubikmeter im Jahr, was 40 Terawattstunden entspricht. 

Wie viel Gas aus Deutschland sich aktuell in Speichern in Polen befindet, ist unklar. Fest steht: Es ist nur ein Teil. Das polnische Klima- und Umweltministerium schrieb uns: „Obwohl es unmöglich ist, präzise zu sagen, woher das Gas in unseren Speichern stammt, wissen wir dennoch, dass es aus unterschiedlichen Quellen stammt: Aus LNG-Terminals, aus eigener Produktion und von Käufen, die wir auf dem europäischen Gasmarkt tätigen – darunter auch Käufe aus Deutschland.“ Ein Großteil des Gases komme aus dem Flüssiggasterminal (LNG-Terminal) Świnoujście (Swinemünde) östlich der Insel Usedom. Dort erhalte man vor allem Lieferungen aus Katar, den USA und vom sogenannten Spotmarkt. Dabei handelt es sich um einen internationalen Markt, auf dem Rohöl und -Gas an den Meistbietenden verkauft werden. 

Wichtig zu wissen ist zudem: Gas, das auf dem deutschen Gasmarkt gehandelt wird, stammt nicht notwendigerweise aus Deutschland. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) erklärt auf seiner Webseite wie der Gashandel funktioniert. In Deutschland organisieren private Unternehmen den Gashandel. Ihnen gehören Fernleitungen, Gasspeicher und Verteilernetze. Diese Unternehmen kaufen und verkaufen Gas über Ländergrenzen hinweg. So bezieht Deutschland über die Jamal-Pipeline Gas aus Russland, das über Polen fließt. Dieses Gas kann dann auf dem deutschen Gasmarkt, der zu den größten Europas gehört, frei gehandelt werden. 

Wie viel Erdgas von deutschen Firmen aktuell nach Polen geliefert wird, ist unklar

Susanne Ungrad, Pressesprecherin des BMWK schildert uns, dass im europäischen Gasmarkt die Leitungen von vielen Ländern genutzt werden. „Das heißt zum Beispiel russisches Gas kommt über einen deutschen Grenzübergang an – das ist aber nicht gleichbedeutend damit, dass diese Mengen 1:1 von deutschen Unternehmen gekauft wurden – das Gas kann von polnischen Firmen, oder italienischen oder Firmen eines anderen Landes genutzt werden, wird aber über die Leitung transportiert.“ 

Wie viel Gas von deutschen Unternehmen an polnische Unternehmen verkauft wird, ist also unklar. Seit dem 30. April sind deutsche Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet, in ihren Gasspeichern bestimmte Mengen vorzuhalten. So müssen die Speicher jeweils zum ersten Oktober eines Jahres zu 80 Prozent, zum ersten November 90 Prozent und zum ersten Februar zu 40 Prozent gefüllt sein. Aktuell liegt der Füllstand deutscher Speicher durchschnittlich laut AGSI bei 65,91 Prozent (Stand 25. Juli), am selben Tag vor einem Jahr lag er dagegen bei nur 46,45 Prozent. Gasspeicher-Füllstände sind in Deutschland im Sommer eher niedrig und steigen zum Winter hin. 

Zu der Entwicklung der Füllstände schrieb uns Susanne Ungrad vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: „Die deutschen Gasspeicher wurden von Händlern im letzten Sommer nicht gefüllt, weil die Preise für Sommermonate verhältnismäßig hoch waren und deshalb wohl gewartet wurde, bis sich die Preise wieder senken.“ Aktuell sei die Mehrheit der Speicher zu 80 Prozent bis 90 Prozent gefüllt. Der Speicher in Rehden, der größte Deutschlands, ist jedoch nur zu 34 Prozent gefüllt. 

Da aktuell weniger Gas aus Russland geliefert wird als üblich, rief der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck am 23. Juni die Alarmstufe des Notfallplans Gas aus. 

Redigatur: Viktor Marinov, Sarah Thust

Update, 26. Juli 2022: Wir haben die Behauptung angepasst, den Satz „während die Gaspreise hier aus Mangel steigen, werde aus der Bundesrepublik Gas nach Polen exportiert“ haben wir gestrichen. 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Datenbank AGSI mit Füllständen der europäischen Gasspeicher: Link

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