Faktencheck

Nein, diese Fotos zeigen keine Brandstiftung in Spanien, um Platz für Windräder zu schaffen

Fotos in Sozialen Netzwerken sollen angebliche Brandstiftung in Spanien 2017 zugunsten von Windrädern belegen. Gleichzeitig wird suggeriert, der Klimawandel beeinflusse nicht die Häufigkeit von Waldbränden. Das ist falsch. Die Bilder zeigen einen Küstenabschnitt in Griechenland. Dort brannte es tatsächlich, die Windräder wurden jedoch oberhalb der Brandstelle aufgestellt und bereits Jahre zuvor genehmigt.

von Kimberly Nicolaus

Klimawandel Spanien Griechenland Waldbrand
Diese Fotos werden in Sozialen Netzwerken irrtümlich in Spanien verortet, doch die Aufnahmen sind aus Griechenland (Quelle: Facebook; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Fotos belegten, dass in Spanien genau dort, wo es angeblich durch den Klimawandel Waldbrände gegeben habe, nun Windräder aufgestellt worden seien. Es wird suggeriert, dies sei kein Zufall: Der Brand sei die günstigste Möglichkeit, Bauland zu schaffen.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Die Waldfläche brannte 2017 in Griechenland, nicht in Spanien. Die Windräder wurden jedoch 2018 nicht an derselben Stelle aufgestellt, sondern lediglich nahe der Brandfläche.

„Spanien. Genau dort, wo angeblich durch den Klimawandel Waldbrände beginnen, werden dann genau an dieser Stelle Windräder aufgestellt. Solche Zufälle. Die günstigste Möglichkeit, Bauland zu schaffen“, heißt es auf Facebook und Telegram. Zudem sei die Zahl der Waldbrände angeblich erheblich zurückgegangen, nachdem eine Regelung geschaffen wurde, nach der eine Waldbrandfläche erst nach 30 Jahren bebaut werden dürfe. Allein der Telegram-Beitrag wurde mehr als 210.000 Mal gesehen.

Zu der Behauptung wird eine Collage mit zwei Fotos geteilt. Beide zeigen einen Küstenabschnitt. Auf einem der Bilder sind Rauchwolken oberhalb einer Landschaftsfläche zu sehen, während auf dem anderen, an der vermeintlich selben Stelle, Windräder stehen. Über dem Foto mit dem Rauch steht das Datum 12. August 2017, über dem Foto mit den Windrädern 4. Juli 2018. 

Unsere Recherche zeigt: Weder stimmt der angegebene Ort, noch die Behauptung, dass die Windräder auf der abgebrannten Fläche errichtet wurden. Der Beitrag suggeriert zudem auf irreführende Weise, die Häufigkeit von Waldbränden habe nichts mit dem Klimawandel, sondern vor allem mit Brandstiftung zu tun. Tatsächlich ist wissenschaftlich belegt, dass Klimawandel extreme Trockenheit begünstigen kann, was wiederum Waldbrände fördert. 

In Sozialen Netzwerken kursiert diese Collage mit der Behauptung, die Fotos zeigten einen Küstenabschnitt in Spanien. Das ist falsch – es handelt sich um Griechenland.
In Sozialen Netzwerken kursiert diese Collage mit der Behauptung, die Fotos zeigten einen Küstenabschnitt in Spanien. Das ist falsch – es handelt sich um Griechenland. (Quelle: Facebook; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Fotos von Waldbrand und Windrädern entstanden in Griechenland, nicht in Spanien

Eine Bilderrückwärtssuche mit Google führt zu mehreren Suchergebnissen aus dem Jahr 2018 – die Collage kursiert also schon seit Jahren im Netz. Es finden sich mehrere Artikel auf griechischen Webseiten. 2018 berichtete zum Beispiel das Faktencheck-Portal Ellinika Hoaxes über das Foto. Demnach wurde bereits 2018 behauptet, die Collage beweise eine Brandrodung in Griechenland, um einen Windpark zu errichten. 

Der Rauch stammt demnach von einem Waldbrand in Andirrio, einer Hafenstadt Griechenlands. Das bestätigt auch ein Artikel des lokalen Nachrichtenportals Agrinio Press. Mithilfe von Google Street View haben wir diese Angabe überprüft. Tatsächlich zeigen die Fotos die Hafenstadt Andirrio in Griechenland mit der markanten Rio-Andirrio-Brücke links im Bild.

Ein Abgleich des Fotos aus dem Facebook-Beitrag (oben) mit der Ansicht bei Google Maps (unten) auf die Stadt Andirrio in Griechenland
Ein Abgleich des Fotos aus dem Facebook-Beitrag (oben) mit der Ansicht bei Google Maps (unten) auf die Stadt Andirrio in Griechenland (Quelle: Facebook und Google Maps / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Der Waldbrand ereignete sich also in Griechenland und nicht in Spanien. Zudem ist der Brand nicht am 12. August 2017 ausgebrochen, sondern am 27. August 2017, wie ein lokales Nachrichtenportal in einem Artikel mit demselben Foto mit der Rauchwolke berichtete.

Windpark in Griechenland: Genehmigung war Jahre vor dem Waldbrand erteilt

Die Genehmigung für den Bau eines Windparks nahe der griechischen Hafenstadt Andirrio wurde bereits im Mai 2014 erteilt, wie aus einem Schreiben (Download) vom Ministerium für Umwelt, Energie und Klimawandel an das Unternehmen Elliniki Energiekontor S.A. hervorgeht. Das bestätigte auch Andreas Kotsana, der damalige stellvertretende Bürgermeister für Umwelt der Gemeinde Nafpaktia, gegenüber dem Nachrichtenportal The Best im Juli 2018. Außerdem sagte Kotsana: „Das Feuer, das im Sommer 2017 ausbrach, hat nichts mit der Errichtung des Parks zu tun.“

Mit Hilfe eines Youtube-Videos zeigt die Faktencheck-Redaktion Ellinika Hoaxes die exakte Stelle des Waldbrandes. Demnach brannte es an einer Hanglage. Weiter heißt es in dem Artikel: „Vergessen wir nicht, dass Windkraftanlagen auf Bergkämmen und nicht auf Hängen aufgestellt werden.“ Als Bergkämme werden die von Gipfel zu Gipfel laufenden Grate bezeichnet. Tatsächlich zeigen Fotos von Google Maps, dass die einzelnen Windräder bei Andirrio auf flachen Hügelkuppen entlang der Grate gebaut wurden und nicht an schrägen Bergkämmen. 

Durch Klimawandel kann Dürre häufiger werden – und damit steigt die Gefahr für Waldbrände

Es gibt zudem keine Hinweise darauf, dass Brandstiftung die Ursache für den Waldbrand 2017 in Andirrio gewesen ist. Waldbrände können von verschiedenen Ereignissen verursacht werden, zum Beispiel auch Blitzschlag. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen (Seite 34, Download) gibt es einen starken wissenschaftlichen Konsens darüber, dass der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit von Bränden in vielen Regionen generell erhöht. Durch die globale Erwärmung sind Häufigkeit und Ausmaß von extremen Wetterbedingungen begünstigt, die dazu führen, dass Landflächen austrocknen und dadurch leichter in Brand geraten.

Außerdem berichtete Ellinika Hoaxes, dass die Bebauung abgebrannter Waldflächen in Griechenland grundsätzlich illegal ist. Das steht in der Verfassung von Griechenland (Artikel 117, Absatz 3). Sie müssen demnach wieder aufgeforstet werden und dürfen nicht für andere Zwecke genutzt werden. Nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2014 sei auch ein Schlupfloch geschlossen worden, das früher eine Umgehung des Verbots ermöglicht habe. 

Gesetzgebung 2006 in Spanien: Verbot einer Nutzungsänderung von verbrannter Waldfläche für 30 Jahre 

In Spanien gibt es ähnliche Gesetze zum Schutz von Waldflächen. Ursprünglich war es seit 2006 vorgeschrieben, dass eine Nutzungsänderung von verbrannter Waldfläche für mindestens 30 Jahre verboten ist. Dadurch sollten jegliche Aktivitäten untersagt werden, die eine Wiederbewaldung verhindern, heißt es in einem Bericht der Umweltorganisation WWF aus dem Jahr 2016. Dieses Verbot richte sich gegen Bodenspekulationen im Zusammenhang mit Immobilienprojekten und nicht gegen den Bau von Windkraftanlagen, sagte Monica Parrilla, Referentin für Biodiversität bei Greenpeace Spanien, gegenüber AFP.

Diesem Gesetz wurde 2015 eine Ausnahme hinzugefügt (Gesetz 21/2015, Artikel 5). „Bei öffentlichem Interesse“ ist es nun wieder möglich, abgebrannte Waldflächen zu bebauen. Bürgerinnen und Bürger sollen sich öffentlich an diesem Prozess beteiligen können und Ausgleichsmaßnahmen sollen getroffen werden, sodass eine andere Waldfläche in einer Größe wiederhergestellt wird, die der verbrannten Fläche entspricht.

2022 brannten in Spanien so viele Hektar Wald wie seit 1994 nicht mehr

Nach Angaben des Umweltministeriums in Spanien ist die Zahl der Waldbrände zwischen 2006 und 2015 tatsächlich vorübergehend zurückgegangen. Es gibt keine Belege dafür, dass dies mit der Gesetzesänderung von 2006 oder mit einem Rückgang von Brandstiftungen zusammenhängt. Aktuelle Daten vom Ministerium liegen noch nicht vor. 

Anzahl der Waldbrände in Spanien (grüne Kurve) und die Größe der von den Bränden betroffenen Waldflächen (dunkelgrüne Säulen) und nicht bewaldete Flächen (hellgrüne Säulen) zwischen 1968 und 2015
Anzahl der Waldbrände in Spanien (grüne Kurve) und die Größe der von den Bränden betroffenen Waldflächen (dunkelgrüne Säulen) und nicht bewaldete Flächen (hellgrüne Säulen) zwischen 1968 und 2015 (Quelle: Spanisches Umweltministerium / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Laut einem Greenpeace-Bericht gab es 2022 in Spanien verheerende Waldbrände. Mehr als 260.000 Hektar Wald seien in diesem Jahr in Spanien bislang verbrannt. Das sei schon jetzt deutlich mehr als 2012, damals seien es knapp 219.000 Hektar gewesen. 

Ein solches Ausmaß – von etwa 260.000 Hektar verbrannter Fläche – hat es in Spanien von 1995 bis 2015 nicht einmal gegeben, wie sich aus der Grafik des Umweltministeriums ablesen lässt. „Spanien ist eines der am stärksten von Waldbränden betroffenen Länder der Europäischen Union“, heißt es auf der Greenpeace-Webseite. Der Klimawandel drohe dieses Problem zu verschärfen.

Nach Angaben des WWF hat sich die Zahl der Waldbrände in Spanien seit den 1960er-Jahren nahezu verzehnfacht, von durchschnittlich 1.920 Bränden pro Jahr zwischen 1961 und 1970 auf durchschnittlich 17.127 Brände zwischen 2001 und 2010. 

Redigatur: Viktor Marinov, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Ansicht auf Andirrio in Griechenland bei Google Maps, November 2014: Link 
  • Genehmigung für den Bau des Windparks in Andirrio, Mai 2014: Link (Download)
  • Gesetz 10/2006: Link
  • Gesetz 21/2015: Link
  • Bericht des Umweltministeriums Spanien: „Los Incendios Forestales en España, Decenio 2005-2015“: Link

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