Faktencheck

Fotos von angeblichen Selenskyj-Graffitis in europäischen Städten sind manipuliert

Seit November kursieren Bilder von angeblichen Graffitis, die den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verhöhnen. Sie seien in verschiedenen europäischen Städten aufgetaucht, heißt es in Beiträgen online. Das stimmt nicht. Auch ein vermeintliches Bild aus Berlin entpuppt sich als Fake und stammt nicht einmal aus Deutschland.

von Sophie Timmermann

Titelbild-Bild-von-Selenskyj-Graffiti-manipuliert
In Berlin soll dieses Straßenbild entstanden sein. Doch der Ort der Aufnahme ist weder in Deutschland, noch ist das Graffiti echt (Quelle: Twitter; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Bild zeige ein Graffiti des ukrainischen Präsidenten Selenskyj in Berlin.
Bewertung
Manipuliert. Die Aufnahme zeigt keinen Ort in Berlin, sondern in Zürich. Das Straßenbild habe es zudem nie gegeben, bestätigte uns der Verkäufer des auf dem Bild abgebildeten Essenstands. Auch der Stadt Zürich ist keine solche Zeichnung bekannt. Seit November kursieren europaweit Fake-Bilder von angeblichen Straßenmalereien, die Selenskyj darstellen sollen.

Am 3. Januar veröffentlichte ein Instagram-Kanal namens „Typicaloptical“ eine Collage von neun Bildern. Zusammen bilden sie ein Foto, das angeblich eine karikative Zeichnung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky auf einer Straße in Berlin zeigen soll. Dazu heißt es: „Selenskyj ist der größte Pickel der Welt! 2023 müssen wir ihn ausquetschen!“. Nutzerinnen und Nutzer verbreiteten das Bild anschließend auf Twitter und Facebook, und auch in russischen Telegram-Kanälen (zum Beispiel hier). Ein Beitrag wurde mehr als 150.000 Mal gesehen. 

„Typicaloptical“ ist kein unbekannter Account. Der Kanal gibt sich als polnische Künstlergruppe aus. Im Dezember verbreitete er Fotos, die angebliche Straßenbilder von Selenskyj in Madrid, Paris oder Warschau zeigen sollten. Die Karikaturen zeigen etwa einen wütend aussehenden, nach Geld schnappenden Selenskyj oder den ukrainischen Präsidenten, wie er neben Heuschrecken sinnbildlich die Europäische Union zerfrisst. Mehrere Faktencheck-Redaktionen entlarvten die Bilder als manipuliert (hier, hier und hier). 

Unsere Recherche zeigt: Auch die vermeintliche Straßenbemalung in Berlin ist ein Fake. Das Foto zeigt zudem nicht Berlin, sondern einen Platz in Zürich.

Screenshot des Instagram-Beitrags
Der Instagram-Kanal „Typicaloptical“ teilte diese Collage in Form von neun Einzelbeiträgen. Es handelt sich um eine Fotomontage. (Quelle: Instagram; Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV.Faktencheck)

Aufnahmeort des Bildes ist nicht Berlin, sondern Zürich 

Die in einem Bild im Hintergrund zu erkennenden Jahreszahlen brachten uns auf die Spur, dass das Foto einen Ort in der Schweizer Stadt Zürich zeigen könnte. Genauer: die Baustelle des dort entstehenden Brannhofs. Er befindet sich an der Bahnhofstraße rund um die Pestalozzianlage. Auf einer Baufassade ist die Geschichte des Gebäudes nachzulesen – die NZZ veröffentlichte etwa 2021 ein Foto davon. 

Pio Sulzer, Kommunikationsleiter des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich, bestätigte uns auf Anfrage, dass es sich um die Bahnhofstraße handelt. Sulzer ging zudem eigens zu dem Platz und erklärte, es sei weder die Zeichnung noch Farbspuren auf dem Gehweg zu erkennen. Wir waren zusätzlich auch selbst vor Ort, um ein aktuelles Vergleichsfoto zu schießen.  

Der Vergleich zeigt: Die Laternenpfeiler (rote Markierung), das Straßenschild (grün), der Hauseingang (blau), und die Kabel (gelb) auf dem Boden sind identisch. Auch der Marktstand steht noch da, als wir vor Ort sind. 

Vergleich des manipulierten Fotos des Graffiti mit einer Aufnahme vor Ort
Ein Vergleich der online verbreiteten Aufnahme (links) mit einem Bild, das wir vor Ort schossen. Der Vergleich bestätigt, dass es sich um Zürich handelt. (Quelle: Twitter; Marc Engelhardt; Collage: CORRECTIV.Faktencheck).

Pio Sulzer von der Stadt Zürich schreibt uns, bei dem Stand handle es sich um einen Marronistand, der den ganzen Winter Kastanien brate. Wir trafen den Standverkäufer vor Ort an. Er sagt, er erinnere sich tatsächlich an einen Mann, der so getan habe, als wäre er ein Künstler, aber nur „rumgekritzelt“ habe. Das angebliche Kreidebild habe es jedoch nie gegeben. 

Wir haben zusätzlich die Abteilung für Entsorgung und Recycling in Zürich angefragt, die für die Reinigung der Straßen zuständig ist. Kommunikationsleiter Tobias Nussmann schrieb uns, dass in Zürich weder an der Bahnhofstraße noch andernorts eine solche Straßenbemalung gemeldet oder entfernt wurde. 

Redigatur: Gabriele Scherndl, Uschi Jonas

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Entstehung des neuen Brannhos; Swiss Life: Link
  • Aus Manor wird Brannhof, NZZ: Link

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