KI-Stimme von Friedrich Merz verkündet erfundene Mindestlohn-Kürzung auf Tiktok
In einigen Tiktok-Videos sagt Bundeskanzler Friedrich Merz scheinbar, der Mindestlohn werde im Jahr 2027 gesenkt. Doch das ist bislang nicht geplant und zeigt, wie KI-Stimmen in die Irre führen können.
„Schock für Arbeitnehmer: 400 Euro weniger im Monat?“, heißt es Ende Mai 2026 in mehreren Videos auf Tiktok, denn angeblich sinke der Mindestlohn im kommenden Jahr von 13 Euro auf 11 Euro pro Stunde (hier, hier und hier).
In einigen der Videos ist scheinbar eine Moderatoren-Stimme zu hören, in anderen scheinbar die Stimme von Bundeskanzler Friedrich Merz, die sagt: „Ab 2027 werden wir leider den Mindestlohn senken müssen, um die Infrastruktur in Deutschland zu verbessern.“ Insgesamt erreichten die Videos mehr als 900.000 Ansichten.
Bislang soll Mindestlohn 2027 nicht gesenkt, sondern erhöht werden
Ein Blick auf die Webseite der Bundesregierung (archiviert) und des Deutschen Gewerkschaftsbundes (archiviert) zeigt, dass die Behauptung erfunden ist. Der gesetzliche Mindestlohn soll nicht gesenkt, sondern schrittweise erhöht werden: 2025 lag er bei 12,82 Euro pro Stunde, seit 1. Januar 2026 liegt er bei 13,90 Euro und zum 1. Januar 2027 sollen es 14,60 Euro je Arbeitsstunde sein. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bestätigte uns am 28. Mai auf Anfrage, dass sich daran nichts geändert hat.
Eine Online-Suche liefert keine Medienberichte über die angebliche Aussage von Merz. Weder über die Webseite des Bundeskanzlers, noch über die Datenbank Open-Discourse ist das angebliche Zitat zu finden.
Bundespresseamt: „Dem Bundeskanzler zugeschriebene Aussagen sind manipuliert“
Das Bundespresseamt schreibt: „Die in dem Video aufgestellten Behauptungen sind frei erfunden und entbehren jeglicher Grundlage.“ Es handele sich um Desinformation, die dem Bundeskanzler zugeschriebenen Aussagen seien manipuliert.
Das lässt sich unabängig überprüfen: Vergleicht man die Videos auf Tiktok, fallen mehrere Unstimmigkeiten auf. Sie enthalten einige Fehler, so ist etwa von „bis 400 Euro weniger ei am Monat bei Vollzeit“ die Rede oder von „Deutsch“, wo es eigentlich um Deutschland geht.
Dann ist da einerseits scheinbar die Stimme von Merz, die in einigen Videos sagt: „Ab 2027 werden wir leider den Mindestlohn senken müssen, um die Infrastruktur in Deutschland zu verbessern.“ Der Satz ist immer gleich betont, obwohl die Videos dazu Merz in unterschiedlichen Situationen zeigen: mal bei einer Rede im Bundestag (siehe links im Bild), mal beim Weltwirtschaftsforum (mittig im Bild) oder beim EU-Gipfel im Sommer 2025 (rechts im Bild). Dort hat er die angebliche Aussage nicht getroffen. Es ist auch unplausibel, dass Merz sowas öffentlich gesagt hat, ohne dass darüber berichtet wird.

Das Online-Werkzeug „Deepfake Total“ des Fraunhofer-Instituts für Angewandte und Integrierte Sicherheit kommt bei den Videos zu dem Schluss, dass der Ton möglicherweise KI-generiert ist (archiviert).
Videos mit Friedrich Merz sind „Cheap Fakes“, umgangssprachlich also billige Fälschungen
Trotzdem enthält keines der Videos einen Hinweis, dass KI eingesetzt wurde – so sehen es die Tiktok-Richtlinien (archiviert) allerdings vor: Darin heißt es, dass „KI-generierte oder erheblich bearbeitete Inhalte, die realistisch wirkende Szenen oder Personen zeigen“ entsprechend gekennzeichnet werden müssen.
Wir fragten zu einem der Profile bei Tiktok nach, das neben dem Mindestlohn-Video etliche ähnliche KI-Videos geteilt hatte. Ein Sprecher antwortete, das Profil verstoße tatsächlich gegen die Community-Richtlinien und sei entfernt worden.
Der Bayerische Rundfunk hat bereits im Oktober 2025 über solche Tiktok-Kanäle berichtet. Politik- und Kommunikationswissenschaftler Marcus Bösch sprach damals von „cheap fakes“. Falschbehauptungen dieser Art scheinen besonders gut zu funktionieren, weil sie viele Personen betreffen und emotionalisieren.
In der Vergangenheit überprüfte CORRECTIV.Faktencheck beispielsweise derartige Falschbehauptungen, nach denen Supermärkte Halal-Abteilungen einrichten müssten, Haushalte nur noch ein Auto besitzen dürften, oder man nach 22 Uhr nicht mehr mit dem Auto fahren dürfte.
Redigatur: Steffen Kutzner, Kimberly Nicolaus