„Dieses Foto aus dem Jahr 1904 zeigt keine Zukunft. Es zeigt Vergangenheit“, sagt eine Männerstimme in einem Youtube-Video vom 6. August. Dazu sind Fotos zu sehen, die ausgetrocknete Flüsse zeigen – zeitgenössische sowie historische. Das Titelbild des Videos und die Szene, die in der Tonspur beschrieben wird, zeigt Personen in Kleidung der Jahrhundertwende im Flussbett der Elbe an der Augustusbrücke in Dresden.
Während im Video selbst der Zusammenhang nur impliziert wird („Trockene Sommer und extremes Niedrigwasser gehören seit Jahrhunderten zur Geschichte unserer Flüsse“), verbreiten einige die Bilder als Beleg gegen den Klimawandel. Die historischen Aufnahmen sind zwar echt. Doch einen Gegenbeweis für den Klimawandel stellt das historische Niedrigwasser der Elbe von 1904 nicht dar.
perma.cc/Niedrigwasser1
perma.cc/Niedrigwasser2
Bilder im Stadtarchiv Dresden belegen Niedrigwasser 1904
Bereits zuvor wurden Bilder der ausgetrockneten Elbe genutzt, um angeblichen „Klima-Schwindel“ zu beweisen. Wir zeigten etwa schon 2022, dass es zwar die Trockenheit von 1904 gab, aber dass sie nicht herangezogen werden kann, um den Klimawandel zu widerlegen. Auch damals wurden echte historische Bilder genutzt. Eines der bereits bekannten Motive taucht im aktuellen Video erneut auf, ein anderes kam neu hinzu. Beide finden sich in einer Sammlung der Sächsischen Zeitung. Das im aktuellen Video neu hinzugekommene Bild fanden wir außerdem im Stadtarchiv Dresden.
correctiv.org/ausgetrocknete-elbe-1904
saechsische.de/historisches-niedrigwasser
archiv.dresden.de
Dresden nutzte Trockenheit für Arbeiten an der Brücke
Wie die Sächsische Zeitung berichtete, habe die Stadt Dresden die Trockenheit damals „für Bagger-, Bergungs- und Ausbesserungsarbeiten im Flussbett und an den Brücken“ genutzt. Zudem seien Touristen gekommen, unter anderem um das Flussbett nach Wertsachen abzusuchen. Das bestätigen auch historische Berichte. Darin wird unter anderem erklärt, dass die „brütende Sonnenglut“ und ausbleibender Regen zum niedrigen Wasserstand geführt haben.
saechsische.de/dresden/als-die-elbe-ausgetrocknet-war
anno.onb.ac.at/historische-berichte
Frühere Dürren widerlegen Klimawandel nicht
Anders als es der Beitrag behauptet, bedeuten vergangene Dürren und Niedrigwasser nicht, dass es den menschengemachten Klimawandel nicht gibt. Entscheidend ist nicht, ob die Extreme früher schon vorkamen, sondern wie stark oder häufig sie auftreten.
Einen Hinweis darauf, dass solche Ereignisse inzwischen häufiger auftreten, gibt das Video sogar selbst: 1904 falle der Pegel „auf den niedrigsten Stand seit 1811“, in der Folge werden jedoch die Jahre 2005, 2015, 2022 und 2026 aufgezählt. Zu den Jahreszahlen werden Bilder von ausgetrockneten Flüssen eingeblendet, darunter etwa der Rhein (zu dessen Niedrigwasser auch Falschbehauptungen kursieren, die wir eingeordnet haben). Laut Fachleuten ist eben diese Anhäufung von Extremwetterereignissen das, was den Klimawandel ausmacht. Wenn früher rund ein Jahrhundert zwischen extremen Dürresommern lag, sind es jetzt mitunter wenige Jahre.
Neun der zehn wärmsten Jahre seit 1881 nach 2000
Das Umweltbundesamt nennt als Faktoren für Dürren unter anderem fehlenden Niederschlag, stärkere Verdunstung und geringere Bodenfeuchtigkeit. Der Klimawandel begünstige all diese Faktoren. Steigende Temperaturen führten zu höheren Verdunstungsverlusten und damit zu trockenen Böden. Geringere Bodenfeuchtigkeit wiederum vermindere die Wassermenge, die in Flüsse gelangt. Das Umweltbundesamt schreibt: „Klimaextreme wie Dürren können wissenschaftlich immer besser auf den menschlichen Einfluss zurückgeführt werden.“
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) schreibt dazu: „Neun der zehn wärmsten Jahre seit 1881 traten seit 2000 auf“ und verweist in einem Faktenpapier auf eine Zeitreihe von Temperaturanomalien. Natürliche Schwankungen würde das nicht erklären, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler formulieren ausdrücklich: „Eine derart außergewöhnliche Häufung von Rekordjahren der Temperatur ist nur durch die menschengemachte globale Erwärmung erklärbar.“
Höhere Temperaturen sorgen für mehr Trockenheit – auch wenn im Jahresdurchschnitt nicht unbedingt weniger Regen fällt. Der DWD erklärt, dass durch „immer verdunstungsintesivere Sommermonate“ die Böden so stark austrocknen, dass sie sich in den feuchteren Monaten gar nicht erholen. Trockentage nehmen also zu und Trockenphasen werden häufiger: So habe sich seit 1961 die Zahl der Tage mit niedriger Bodenfeuchte deutlich erhöht.
Länger andauernde Trockenheit lässt laut DWD auch die Wasserstände von Flüssen sinken – mit Folgen etwa für die Binnenschifffahrt. Für die weitere Entwicklung heißt es vom DWD: „Geht der Klimawandel ungebremst weiter, wird mit einer starken Zunahme von Trockenheit gerechnet.“ Wie sich das auf die Flüsse in Deutschland auswirkt, zeigt der CORRECTIV-Fluss-Atlas.
umweltbundesamt.de
dwd.de/Faktenpapier-Extremwetter
dwd.de/zeitreihen
correctiv.org/fluss-atlas
Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Sara Pichireddu; Redigatur: Matthias Bau, Caro Lindekamp