Klimawandel: Warum das Worst-Case-Szenario abgeschwächt wurde
Das bisherige Worst-Case-Klimaszenario gilt mittlerweile als unrealistisch. Die AfD und die US-Regierung instrumentalisieren das Thema und lassen dabei Kontext weg. Fachleute gehen dagegen weiterhin von schweren Klimafolgen aus.
In einer von der AfD beantragten Debatte im Bundestag Ende Mai behauptete Karsten Hilse, klimapolitischer Sprecher der AfD, der Weltklimarat ziehe das schlimmste Klimaszenario zurück. Es sei ein „Horrorszenario, das nie auch nur im Ansatz plausibel“ gewesen sei und dass sich das Klima nicht schützen lasse. Ähnlich äußerte sich die US-Regierung unter Präsident Donald Trump: „Das oberste Klimakomitee der Vereinten Nationen [hat] gerade zugegeben, dass seine eigenen Prognosen (RCP8.5) falsch waren!“
Diese Aussagen sind falsch und ihnen fehlt wesentlicher Kontext: Warum das Szenario angepasst wurde, erwähnt keiner von ihnen. Auch nicht der AfD-nahe Finanzwissenschaftler und Corona-Kritiker Stefan Homburg, der häufiger irreführende Informationen verbreitet, oder Marc Friedrich, umstrittener Finanzexperte und Bestsellerautor, der in seinen Videos auch Verschwörungstheorien bedient. Fachleute sehen in den Behauptungen eine politische Instrumentalisierung.
Weltklimarat sichtet Literatur und zieht keine Klimaszenarien zurück
Zunächst vorweg: Der Weltklimarat, auch IPCC genannt, erstellt keine Klimaszenarien und – anders als behauptet – zieht er auch keine Szenarien zurück. Seine Aufgabe ist es, Literatur zu bewerten, die für das Verständnis des Klimawandels relevant ist.
Zuständig für die Aktualisierung der Klimaszenarien ist ein internationaler Ausschuss namens ScenarioMIP innerhalb des Weltklimaforschungsprogramms. Das Team hat ein neues Set an Szenarien entwickelt und im April 2026 veröffentlicht, darunter die Anpassung des schlimmsten Klimaszenarios, auch als Worst-Case-Szenario bezeichnet. Die Szenarien werden als Grundlage für Klimamodelle und daraus entstehende Projektionen genutzt und sollen in den nächsten IPCC-Bericht Ende 2029 einfließen.
Worum es in dem pessimistischen Klima-Szenario geht
Das bisherige Worst-Case-Szenario nennt sich RCP8.5 oder SSP5-8.5. Es beschreibt eine Entwicklung mit sehr hohen Emissionen, einem starken Bevölkerungswachstum und geringem technischen Fortschritt. Es geht bis zum Jahr 2100 von einem Temperaturanstieg von bis zu 4,8 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit aus.
Was sind die RCP- und SSP-Emissionsszenarien?
Die RCP-Szenarien sind vor fünfzehn Jahren entwickelt worden. Dabei handelt es sich um vier Szenarien mit jeweils unterschiedlich hoher Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre bis zum Ende des 21. Jahrhunderts. Daraus wird ein möglicher Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur abgeleitet.
Fünf Jahre nach ihrer Entwicklung wurden sie von den SSP-Szenarien abgelöst, die neben Emissionen etwa auch das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum berücksichtigen. Das Worst-Case-Szenario RCP8.5 wird deshalb inzwischen als SSP5-8.5 bezeichnet.
Die auf den Szenarien basierenden Klimaprojektionen werden in einem Zyklus von ungefähr sieben Jahren erneuert.

Dieses Worst-Case-Szenario bezeichnet das ScenarioMIP-Team als „mittlerweile unplausibel“. Das neue Worst-Case-Szenario geht nun anstelle von 4,8 Grad von wahrscheinlich etwa 3,5 Grad Erderwärmung bis zum Ende des 21. Jahrhunderts aus. Das Forscherteam betont, auch der neue Worst-Case könnte zu schweren Klimaauswirkungen führen.

Diese Anpassung wird von einigen so umgedeutet, dass sie Klima-Forschenden vorwerfen, sich geirrt zu haben. Manche nehmen das als Anlass, um weniger Anstrengungen gegen den Klimawandel zu fordern.
Niklas Höhne, Mitbegründer des New Climate Institutes Köln, findet es „unverantwortlich […], wie Klimaskeptiker, Rechts-außen-Medien und auch die Trump-Regierung diese Lage für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.“ Ähnlich äußert sich Gerrit Lohmann, Professor für Paläoklimadynamik an der Universität Bremen: „Die aktuelle Debatte um RCP8.5 wird politisch instrumentalisiert.“ Dabei entstehe teilweise der Eindruck, die Klimaforschung hätte ihre Warnungen „übertrieben“ oder müsse ihre Aussagen nun zurücknehmen, so Lohmann. Dabei sei das Gegenteil der Fall.
Klimaszenarien sind keine Prognosen, sondern „Was passiert dann“-Geschichten
Konkret geht es bei den Vorwürfen um „Prognosen“, die sich nun als „falsch“ herausgestellt hätten. So formulieren es Donald Trump, mehrere Medienberichte und Personen auf Social Media. Doch Klimaszenarien sind keine Prognosen.
Douglas Maraun, Professor für Regionalen Klimawandel an der Universität Graz erklärt: „Sie beschreiben, was passieren würde, wenn bestimmte politische und wirtschaftliche Entwicklungen eintreten. Sie sind also keine Vorhersagen, die sicher eintreten werden, sondern Entwicklungen, die eintreten würden, wenn wir uns in einer bestimmten Weise verhielten.“ Es seien sogenannte „Was passiert dann“-Geschichten.
Jana Sillmann, Professorin für Klimastatistik und Klimaextreme an der Universität Hamburg bezeichnet die Szenarien als „wichtiges Werkzeug“, um den Klimawandel zu untersuchen. Sillmann arbeitete an den neuen Vorschlägen für den nächsten IPCC-Bericht mit. Sie erklärt: „Vom ersten bis zum aktuell in Arbeit befindlichen siebten Sachstandsbericht des Weltklimarates wurden die verwendeten Szenarien mehrmals überarbeitet und weiterentwickelt. Dass man ‚alte Szenarien‘ über Bord wirft und neue Szenarien entwirft, ist also nichts Neues, denn die Welt bleibt ja nicht stehen.“
Rein physikalisch seien die Szenarien auch nicht falsch oder unmöglich, sondern aktuell eben nicht mehr wahrscheinlich, erklärt Diana Rechid, Leiterin der Abteilung Regionaler und Lokaler Klimawandel am Helmholtz-Zentrum Hereon.
Wir haben die US-Regierung um eine Stellungnahme gebeten. Das Weiße Haus beantwortete unsere Fragen nicht konkret und bezeichnete den Klimawandel als „Unsinn“.
Anders als behauptet, war das bisherige Worst-Case-Szenario bei seiner Entwicklung plausibel
Auch der Behauptung des AfD-Bundestagsabgeordneten Hilse, dass das Worst-Case-Szenario „nie auch nur im Ansatz plausibel“ gewesen sei, widersprechen Fachleute. Die Szenarien sollen innerhalb der Forschung eine große Bandbreite an plausiblen Zukünften beschreiben, daher gibt es welche mit vielen, mittleren und wenigen Emissionen.
Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Teil des ScenarioMIP-Teams ordnet ein, dass das Worst-Case-Szenario zum Zeitpunkt seiner Entstehung nicht unplausibel gewesen sei. Bei dem Szenario sei es eben nicht um das Fortschreiben von Trends gegangen, dafür wurden damals wie heute andere niedrigere Szenarien formuliert. Auch Lohmann von der Universität Bremen sagt, RCP8.5 sei ein „bewusst extremes Hoch-Emissionsszenario“ gewesen.
Wichtig zu verstehen ist, dass das bisherige Worst-Case-Szenario (RCP8.5 und SSP5-8.5) noch vor dem Pariser Klimaabkommen 2015 entwickelt wurde. Erst darin beschloss die Weltgemeinschaft überhaupt erst eine Senkung der Emissionen und Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2 Grad und möglichst 1,5 Grad. Entsprechend sei RCP8.5 dann in den letzten Jahren durch fortschreitende Klimapolitik und Erfolge bei grünen Technologien zunehmend unplausibler geworden, sagt Kriegler. Das ist auch in der wissenschaftlichen Literatur dokumentiert.
Bisheriges Worst-Case-Szenario ist wegen Klimaschutz unplausibel geworden
Und das ist der entscheidende Punkt, den die AfD, Donald Trump und weitere Personen in Sozialen Netzwerken weglassen, nämlich die Erklärung für die jetzige Anpassung des Worst-Case-Szenarios.
Das ScenarioMIP-Team bezeichnet das bisherige Worst-Case-Scenario als „mittlerweile unplausibel“, weil erneuerbare Energien günstiger geworden sind, die Klimapolitik an Bedeutung gewonnen hat und aufgrund der jüngsten Emissionsentwicklung. Anders ausgedrückt: Weil Klimaschutzmaßnahmen gewirkt haben. Das sei eigentlich erstmal eine gute Nachricht, betonen mehrere Forschende.
Auf unsere Frage, wie sie zu dieser Einordnung stehen, reagierten weder AfD-Politiker Karsten Hilse noch Marc Friedrich. Stefan Homburg schrieb auf X, er wolle seinem Beitrag keinen weiteren Kontext hinzufügen.
Was sie und andere damit betreiben, bezeichnen manche Forscher auch als Präventionsparadox. So zum Beispiel Erich Markus Fischer, Professor für Klimaphysik and Eidgenössische an der Technischen Hochschule Zürich: „Die Worst-Case-Szenarien früherer Jahre sind nicht eingetroffen, und zwar nicht weil die Wissenschaft sich geirrt hatte, sondern weil viele Staaten Klimaschutz betreiben.“
Klimaforscher Maraun aus Graz sagt dazu, das unplausible Worst-Case-Szenario sei nicht mehr plausibel, „weil es nur bei anhaltender großer politischer Dummheit eintreten würde.“ Jetzt deshalb Klimaschutzmaßnahmen zurückzufahren, würde den Klimawandel wieder beschleunigen – und das unplausible Worst-Case-Szenario wieder plausibler machen.
Auch Best-Case-Klimaszenario wurde angepasst
RCP8.5 ist nicht das einzige Szenario, das das ScenarioMIP-Team neu bewertet hat. Demnach ist das Best-Cast-Szenario mit wenigen Emissionen, das zu einer Erwärmung unter 1,5 Grad – dem ursprünglichen Ziel des Pariser Abkommens – geführt hätte, vorerst „nicht mehr möglich“, da die Emissionen in den letzten Jahren weiter gestiegen sind. Schon jetzt liegt die globale Erwärmung laut Copernicus-Erdbeobachtungsprogramm bei 1,42 Grad.

Das sei neben der guten Nachricht eigentlich die schlechte, erklärt uns Kriegler: „Der Worst Case ist nicht mehr so schlimm, aber der Best Case ist leider auch nicht mehr so gut.“
Mit aktuellem Klimaschutz steuert die Welt auf eine Erwärmung von 2,6 bis 2,8 Grad bis 2100 zu
Blickt man auf das, was aktuell an Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt wird, steuert die Welt laut dem Climate Action Tracker auf eine Erwärmung von etwa 2,6 Grad gegen Ende des 21. Jahrhunderts zu. Laut einem UN-Bericht aus 2025 könnten es 2,8 Grad sein. Beides ein Niveau, bei dem Fachleute von schwerwiegenden Klimafolgen, wie heftigen Extremwetterereignissen, ausgehen.

Fazit: Klimaszenarien, ob Best- oder Worst-Case, sind keine Prognosen. Sie dienen der Forschung, um alle möglichen Folgen des Klimawandels auszuloten. Aufgrund von mehr Klimaschutz ist das alte Worst-Case-Szenario mittlerweile nicht mehr plausibel, auf der anderen Seite ist durch den bisherigen Klimaschutz auch das Best-Case-Szenario vorerst nicht mehr möglich.
Redigatur: Steffen Kutzner, Kimberly Nicolaus
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