CORRECTIV-Fluss-Atlas: Deutschlands Flüsse trocknen aus

Eine Datenanalyse von CORRECTIV zeigt: Die Niedrigwasser-Krise ist kein Ausreißer, sondern ein langjähriger Trend – mit Folgen für Natur, Wirtschaft und Trinkwasser.

20. August 2026

Rhein, Elbe und Donau verzeichnen in diesem Hitze-Sommer historische Tiefstände. Boote, die auf dem Trockenen liegen und freigelegte Sandbänke lassen das Ausmaß erahnen. Doch eine Datenanalyse von CORRECTIV zeigt nun: Die aktuelle Niedrigwasser-Krise ist kein Ausreißer, sondern das Ergebnis einer jahrelangen Zuspitzung. 

Von Niedrigwasser spricht man, wenn in einem Fluss, Bach oder im Grundwasser der Wasserstand oder die Wassermenge unter einen für diesen Ort typischen Schwellenwert fällt. Dieser Wert kann sich daran orientieren, wie viel Wasser die Natur mindestens braucht oder wie viel etwa für die Schifffahrt nötig ist. Im Niedrigwasser-Portal der Bundesregierung wird Niedrigwasser meist über statistische Vergleichswerte bestimmt – also danach, wie niedrig der Wasserstand oder der Abfluss an einem Ort im langjährigen Vergleich sind.

Laut dem Umweltbundesamt verschärft die Klimakrise dieses Problem. Weil Hitzeperioden häufiger und länger werden und es im Sommer öfter an Regen fehlt, sinken Pegel und Wassermengen schneller auf kritische Werte. Dazu kommt: Prognosen deuten darauf hin, dass Niederschläge sich stärker in die Wintermonate verlagern. Mit der Konsequenz, dass Wasser oft gerade dann fehlt, wenn Flüsse und Böden es im Sommer brauchen. Die Folge sind häufigere Niedrigwasser-Stände, stärkere Nutzungskonflikte – und mehr Druck auf Ökosysteme, Landwirtschaft, Industrie und Trinkwasserversorgung.

CORRECTIV hat 356 Messstellen an deutschen Flüssen analysiert. Grundlage ist das Niedrigwasser-Portal (NIWIS) der Bundesregierung. Das Ergebnis: In den vergangenen 34 Jahren sanken an 60 Prozent der Messstellen die Wasserstände- und mengen bei Niedrigwasser signifikant. An knapp 70 Prozent der Messstellen führten die Flüsse in den Dürrejahren zwischen 2018 und 2025 so wenig Wasser wie seit 34 Jahren nicht mehr. Der Trend ist klar: Deutschlands Flüsse trocknen zunehmend aus. 

Wie betroffen sind die Flüsse in Ihrer Region von dieser Entwicklung?

Schauen Sie auf unserer Deutschlandkarte nach:

In diesem Jahr erreichten die Pegel nochmals neue Negativrekorde. In Kaub am Rhein wurden zeitweise nur noch sechs Zentimeter gemessen – ein historischer Tiefstand. Auch an anderen Flüssen wie der Donau herrscht aktuell extremes Niedrigwasser.  

„Im Grunde sind unsere Flüsse derzeit nur schwach verdünntes Abwasser“, sagt Werner Brack, Ökotoxikologe am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), gegenüber CORRECTIV. 

Die Folgen dieser Entwicklung treffen Ökosysteme, Wirtschaft und die Bevölkerung – besonders dort, wo Flüsse auch Trinkwasser liefern. 

Deutschlands Flüsse trocknen zunehmend aus

Wie dramatisch die Lage an vielen deutschen Flüssen ist, zeigt ein Blick auf den Rhein bei Andernach in Rheinland-Pfalz. Dort sanken die Wasserstände Mitte August auf wenige Zentimeter, zeitweise floss nur noch sehr wenig Wasser durch den Fluss.

Die CORRECTIV-Auswertung zeigt: An keiner anderen Messstelle am Rhein ist die Wassermenge seit 1992 so stark zurückgegangen wie hier. Andernach ist damit einer der Orte, an denen das Austrocknen der Flüsse besonders deutlich sichtbar wird.

Eine Krise, die sich seit Jahren zuspitzt, wie die CORRECTIV-Auswertung zeigt. Nicht nur am Rhein, sondern an vielen großen deutschen Flüssen. 

Die Folgen für Wirtschaft, Umwelt und Trinkwasser sind gravierend


Doch woran liegt das?

„Vor allem an den Dürrejahren der vergangenen Jahre“, sagt Andreas Musolff, stellvertretender Leiter der Hydrogeologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). So seien die Jahre zwischen 2018 und 2020 die trockensten und heißesten seit 250 Jahren gewesen. Die Konsequenzen seien gravierend, so Musolff. „Durch niedrige Wasserstände erhitzen sich die Flüsse. Algenblüten und Fischsterben können die Folge sein.“

Wir haben für jede der 356 Messstationen die jährlichen NM7Q-Werte (minimaler 7-Tage-Durchschnitt der Abflussmenge) für alle Wasserjahre von 1992 bis 2025 berechnet. Anschließend haben wir einen trendfreien, vorverweißten Mann-Kendall-Test angewendet, um Trends zu erkennen und dabei die Autokorrelation zwischen den Jahren zu berücksichtigen. 214 Stationen (60 %) weisen einen signifikant abnehmenden Trend auf (p < 0,05), was wir so interpretieren, dass ihre jährlichen Niedrigwasserperioden im Laufe der Zeit immer ausgeprägter werden.

Um einen Vergleich zwischen den Standorten zu ermöglichen, haben wir für jede Messstation zudem einen jährlichen Niedrigwasserindexwert zwischen 0 und 100 berechnet, wobei 0 den niedrigsten jährlichen NM7Q-Wert über den gesamten Zeitraum und 100 den höchsten Wert darstellt. 

Schließlich haben wir untersucht, wann jede Station ihre bisher niedrigste Niedrigwasserperiode verzeichnete (d. h. das Jahr, in dem ihr indexierter Niedrigwasserwert 0 betrug). Bei 240 der 356 Messstationen (68 %) wurde der niedrigste jemals verzeichnete jährliche NM7Q-Wert zwischen 2018 und 2025 (einschließlich) gemessen. Wir führen dies als alternatives, intuitives Maß dafür an, dass die Niedrigwasserperioden in der jüngeren Vergangenheit im Vergleich zu früheren Jahrzehnten schwerwiegender waren.

Nicht nur die Umwelt, auch die deutsche Wirtschaft leidet unter der aktuellen Dürre, wie neueste Berechnungen der ING Bank zeigen. Diese schätzt, dass allein die Einstellung des Schiffsverkehrs auf dem Rhein das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte senken wird, wie das Nachrichtenportal Reuters berichtet.  

Niedrigwasser gefährdet auch das Trinkwasser

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) bezifferte den möglichen wirtschaftlichen Schaden durch Hitze und Niedrigwasser zuletzt auf fast 500 Millionen Euro. Er warnte vor massiven wirtschaftlichen Folgen der Klimakrise. Ernteausfälle und bedrohlich niedrige Grundwasserstände, so Schneider, zeigten schon heute, dass die Folgen des Klimawandels längst Realität sind.

„Wir haben es hier mit einer menschengemachten Katastrophe zu tun“, sagt der Ökotoxikologe Werner Brack. „Sie gefährdet unser wichtigstes Gut: Trinkwasser.“

Denn sinken die Pegel, steigen die Belastungen durch chemische Stoffe wie Arzneimittelrückstände oder Industriechemikalien. Diese gelangen durch Kläranlagen in die Flüsse. Damit steigen für die Trinkwasserversorger auch die „Anforderungen an Überwachung und Aufbereitung“, wie das Umweltbundesamt schreibt – und die Kosten für Leitungswasser. 

Wie massiv belastet der Rhein mit unbekannten und teils gesundheitsschädlichen Stoffen ist, hat CORRECTIV bereits aufgedeckt. 


Chemische Belastung kann gesundheitliche Folgen haben 

Brack warnt vor möglichen gesundheitlichen Folgen dieser Entwicklung. „Je weniger das Abwasser aus der Industrie und den kommunalen Kläranlagen verdünnt wird, desto höher ist die Schadstoffkonzentration und die Gefahr für die Gesundheit.“ 

Nötig sei daher eine bessere Reinigung der Abwässer aus Industrie und Haushalten, sagt Ökotoxikologe Brack. Zum Beispiel durch die schnelle Einführung einer weiteren Reinigungsstufe in kommunalen Kläranlagen, die Schadstoffe noch besser filtert. „Das würde auch den Wasserwerken und damit den Bürgerinnen und Bürgern helfen.“

Wie geht es nun mit Deutschlands Flüssen weiter? 

Eine schnelle Entwarnung ist in den kommenden Tagen und Wochen nicht in Sicht. Laut der Bundesanstalt für Gewässerkunde ist erst ab Oktober mit einer „substanziellen Entspannung der landesweiten Niedrigwassersituation“ zu rechnen.

Bis dahin bleibt der Druck auf Flüsse, Ökosysteme und Wassernutzung hoch.

Datenanalyse: Rose Mintzer-Sweeney, Philipp Waack
Design: Rose Mintzer-Sweeney, Anwar Mohamed, Lennard Birmans, Philipp Schulte
Redigat und Faktencheck: Karolin Arnold