Gesellschaft

Ex-Politikerin teilt irreführende Behauptung über österreichischen Rechtsextremismus-Bericht

Faika El-Nagashi, ehemalige Grünen-Poltikerin in Österreich, sagte über den dortigen Rechtsxextremismus-Bericht: Wer angebe, es gebe nur zwei Geschlechter, werde bereits als rechtsextrem verdächtigt. Warum das so nicht stimmt.

von Gabriele Scherndl

Faika El-Nagashi steht an einem Rednerpult.
El-Nagashi auf einer Veranstaltung im Jahr 2019, damals war sie noch Politikerin bei den Grünen (Quelle: Franz Perc / Picture Alliance)
Behauptung
Laut dem Rechtsextremismus-Bericht des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) gelte bereits die Zustimmung zum Satz „Es gibt zwei biologische Geschlechter“ als Indikator dafür, dem rechtsextremen Milieu anzugehören.
Einordnung
Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands fragt für sein Rechtsextremismus-Barometer tatsächlich nach der Zustimmung zu der Aussage, es gebe nur zwei Geschlechter. In Auswertungen, wie viele der Befragten „ausgeprägt rechtsextreme Einstellungen“ haben und in Analysen zum Rechtsextremismus-Index wird die Frage jedoch nicht berücksichtigt.

„Laut dem Rechtsextremismus-Bericht des DÖW gilt bereits die Zustimmung zum Satz ‚Es gibt zwei biologische Geschlechter’ als Indikator für ein rechtsextremes Weltbild“, schreibt der österreichische Think Tank Agenda Austria in diversen Social-Media-Beiträgen. Er bezieht sich damit auf die österreichische Ex-Politikerin Faika El-Nagashi, die sich so in einem Podcast des Think Tanks äußerte.

El-Nagashi war von 2019 bis 2024 Nationalratsabgeordnete für die österreichischen Grünen. Nach Verwerfungen über Ansichten zu Geschlechtsidentität trat sie aus der Partei aus, wie sie 2025 im Magazin Cicero schrieb. Später gründete sie einen Think Tank, der sich gegen „transaktivistische Lobbygruppen“ positioniert.

In dem Podcast, der im September erschien, kritisierte sie, dass die Haltung, es gebe nur zwei biologische Geschlechter bereits als Indikator dafür gelte, „eher dem rechtsextremen Milieu anzugehören“ oder Verschwörungserzählungen anzuhängen. So werde das auch im Rechtsextremismus-Bericht des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) gehandhabt.

Auch das ÖVP-nahe Boulevardmedium Exxpress, das schon öfter mit Falschbehauptungen auffiel, griff die Aussage auf.

El-Nagashi konkretisierte ihre Kritik in einer ausführlichen Stellungnahme an CORRECTIV.Faktencheck, in der sie auch ihre Behauptung präzisierte (mehr dazu im vorletzten Abschnitt dieses Faktenchecks).

cicero.de/el-nagashi-austritt
derstandard.at/thinktank
web.archive.org/youtube
perma.cc/x
web.archive.org/exxpress
correctiv.org/faktencheck/gefluechtete
correctiv.org/faktencheck/hilfsgelder


Was im Rechtsextremismus-Barometer erhoben wird

Tatsächlich taucht im Rechtsextremismus-Bericht 2024, den das DÖW im Auftrag des österreichischen Justizministerium erstellt hat, die Frage auf: „Es gibt nur zwei Geschlechter, männlich und weiblich.“ Das war eine von Dutzenden Fragen, die im Zuge einer Befragung von mehr als 2000 Menschen im Frühling 2024 gestellt wurden. Diese Umfrage nennt das DÖW das „Rechtsextremismus-Barometer“, welches laut Bericht „antidemokratische und autoritäre Einstellungsmuster“ messen soll.

Das DÖW erklärt im Bericht, inwiefern die Fragen einen Zusammenhang zu Rechtsextremismus haben: In der rechtsextremen Ideologie sei die „Ingroup“, also „das eigene Volk“ ein „homogener Volkskörper“. Abweichungen würden als Gefahr für die Sicherheit der Gemeinschaft wahrgenommen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fragten deswegen mit dieser und anderen Fragen ab, wie viel Toleranz die Befragten für Abweichungen von der Mehrheitsgesellschaft zeigten. Im gleichen Teil der Umfrage wurde etwa auch nach Zustimmung oder Ablehnung für die Aussage „Es ist nicht schlimm, wenn Männer weinen“ gefragt.

Doch im Bericht steht nicht, dass die Zustimmung zu dem Statement bedeute, die Person gehöre dem rechtsextremen Milieu an. Auch zu Verschwörungserzählungen wird kein Zusammenhang hergestellt, diese werden in einem anderen Abschnitt behandelt.

Eine Einteilung der Befragten in „rechtsextreme Milieus“ wird in dem Bericht gar nicht gemacht. Dort steht, man wolle im entsprechenden Kapitel „die Diskussion über den Anteil rechtsextrem eingestellter Befragter in der österreichischen Bevölkerung […] hintanhalten und stattdessen auf die allgemeine Verteilung problematischer Einstellungen in der Gesamtbevölkerung fokussieren.“ An anderer Stelle heißt es außerdem: „Die Bejahung einzelner Fragen ist noch nicht per se als rechtsextrem zu qualifizieren“.

parlament.gv.at/rechtsextremismus-bericht


In der „Kurzskala Rechtextremismus“ kommt die Frage nach den Geschlechtern nicht vor

Es gibt einen weiteren, ausführlichen Bericht über die Umfrage, er trägt den Titel „Rechtsextremismus-Barometer 2024“. Darin wird eine derartige Einteilung gemacht: Die Autorinnen und Autoren schildern, dass sie aus allen gestellten Fragen aus dem Barometer sechs bestimmte Fragestellungen herausgenommen haben, „die inhaltlich besonders aussagekräftig sind und statistische Gütekriterien besonders gut erfüllen”.

Dazu gehörten etwa die Aussagen: „Unser Volk ist den anderen Völkern von Natur aus überlegen“ und „Ich wünsche mir einen starken Mann an der Spitze dieses Landes, der sich nicht um ein Parlament kümmern muss“. Mit denen habe man eine Kurzskala gebildet, die „ausgeprägt rechtsextreme Einstellungen“ messen soll: Befragte, die einem Teil der Aussagen zustimmen, zeigten damit rechtsextreme Einstellungen. Die Frage nach den Geschlechtern war nicht darunter.

Die Analyse dieser Kurzskala zeigte laut DÖW „ein Segment von etwa zehn Prozent der Wohnbevölkerung ausgemacht, das ausgeprägte rechtsextreme Einstellungen aufweist“.

web.archive.org/rechtsextremismus-barometer


Frage spielt auch in der „Langskala Rechtsextremismus“ keine Rolle

Neben der Kurzskala entwickelten die Forschenden auch eine Langskala, um rechtsextreme Einstellungen zu messen. Diese wurde 2026 im Handbuch Rechtsextremismus publiziert. Die Langskala besteht aus 18 Fragestellungen, die ebenfalls im Zuge des Rechtsextremismus-Barometers erhoben wurden. Dabei geht es etwa darum, ob Gleichberechtigung zu weit gehe oder ob Integration von Zugewanderten eine Bereicherung sei. Auch in diesen 18 Fragestellungen kommt die Frage nach den zwei Geschlechtern nicht vor.

Mit dieser Langskala wird nicht, wie bei der Kurzskala, ein Prozentwert der Befragten ausgemacht, sondern ein Rechtsextremismus-Index zwischen 0 und 1 errechnet – je höher der Wert, desto höher die rechtsextreme Einstellung.

academia.edu/handbuch


DÖW: Zustimmung zu einzelner Frage heiße nicht automatisch, man sei rechtsextrem

Andreas Kranebitter, wissenschaftlicher Leiter des DÖW und Mitautor der genannten Berichte, bestätigt auf Nachfrage von CORRECTIV.Faktencheck: Die Zustimmung zu der Frage nach den zwei Geschlechtern allein sage nichts darüber aus, ob jemand eher rechtsextrem sei. Auch eine Korrelation mit Verschwörungsideologien, von denen El-Nagashi sprach, habe man nicht gemessen.

Das nächste Rechtsextremismus-Barometer soll laut Kranebitter Ende 2026 erscheinen. Die Befragungen dazu seien bereits durchgeführt worden, die Frage nach den zwei Geschlechtern komme weiterhin vor – werde aber bei der Berechnung des Rechtsextremismus-Index weiterhin keine Rolle spielen.


El-Nagashi präzisiert auf Nachfrage ihre Aussage, Agenda Austria räumt „Zuspitzung“ ein

El-Nagashi formulierte auf Nachfrage von CORRECTIV.Faktencheck eine ausführliche Stellungnahme, in der sie ihre Aussage weiter einordnet: „Ich habe nicht behauptet, dass jede Person, die von der Existenz zweier Geschlechter ausgeht, vom DÖW als rechtsextrem eingestuft wird. Ich kritisiere, dass diese Auffassung überhaupt im theoretischen Kontext rechtsextremer Einstellungen erhoben und als Maß für mangelnde Pluralismustoleranz dargestellt wird.“

Sie verweist dazu auf einzelne Passagen in den Berichten: Etwa, dass es im Rechtextremismus-Barometer heißt, man wolle dazu forschen, „welches gesellschaftliche Potential […] Akteur*innen vorfinden, die ebensolche Einstellungen zu ihrer politischen Geschäftsgrundlage gemacht haben“.

El-Nagashi betont, dass sie im Podcast mit der Agenda Austria von „Indikatoren“ gesprochen habe. Damit habe sie die theoretische Einordnung und den Untersuchungszweck der Berichte gemeint, also dass die Frage überhaupt in einer Befragung vorkommt, die sich mit Rechtsextremismus beschäftigt. Behauptet habe sie jedoch nicht, dass die Frage in die Berechnung des Rechtsextremismus-Index eingeflossen wäre. Ihre eigene Aussage konkretisiert sie so: „Präziser wäre […] die Formulierung, die Antwort werde als Hinweis auf ein rechtsextremes Einstellungspotenzial behandelt. Diese Präzisierung ändert nichts an der Kritik“. Darauf, dass sie im Podcast auch von Verschwörungserzählungen sprach, geht El-Nagashi in ihrer Stellungnahme nicht ein.

Agenda Austria räumt auf Nachfrage ein, ihre Formulierung in den Beiträgen sei „zugespitzt bzw. medial verkürzt“ gewesen. Aus Sicht von Agenda Austria liege eine solche Verkürzung „in der Natur der Sache“, weil Beiträge zum Hören der Folge aufforderten. Dennoch kritisiere man es, wenn die Aussage, es gebe nur zwei Geschlechter, „in die Nähe problematischer Einstellungen“ gerückt würden und halte El-Nagashis Kritik „in der Sache für berechtigt“. Exxpress antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck.


Gleichberechtigung und Diversität als Thema bei Rechtsextremen

Unabhängig von den Analysen des DÖW wird die Frage, wie viele oder welche Geschlechter man anerkennt, immer wieder im Kontext von Rechtsextremismus thematisiert. So schreibt etwa Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer in einem Beitrag der Bundeszentrale für Politische Bildung: „Die autoritäre Rechte beharrt […] auf der Natürlichkeit von Zweigeschlechtlichkeit und heterosexuellem Begehren.“

Die Amadeu Antonio Stiftung schreibt in einer Broschüre: „In den vergangenen Jahren argumentieren rechtsextreme Akteurinnen […] vermehrt explizit und gezielt trans– und nichtbinär-feindlich.“ Der deutsche Verfassungsschutz warnte im Dezember 2024: „Da die Themen Diversität und Gleichberechtigung zunehmend in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Wahrnehmung rücken, ist damit zu rechnen, dass Rechtsextremisten zukünftig noch stärker versuchen werden, diese Themen ideologisch zu besetzen.“

Johanna Willmann vom Institut für Staatswissenschaft an der Universität Wien, die ebenfalls an den Berichten mitgearbeitet hat, errechnete auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck, ob es denn nun einen Zusammenhang zwischen einer rechtsextremen Einstellung und der Ansicht, es gebe nur zwei Geschlechter, gibt. Die Korrelation zwischen den beiden Variablen liege bei 0,46, schreibt sie, und: „Der Zusammenhang zwischen dem Rechtsextremismus-Index und der Zwei-Geschlechter Frage ist also durchaus nicht gering: Je stärker die rechtsextreme Einstellung einer Person ausgeprägt ist, desto eher lehnt sie die Existenz einer non-binären Genderidentität ab.“

bpb.de/dossier
web.archive.org/amadeu-antonio
web.archive.org/verfassungsschutz


Redigatur: Sara Pichireddu, Viktor Marinov

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Artikel wie diese sind nur möglich, weil wir unabhängig recherchieren können. Investigative Recherchen wie diese, die Sie gerade gelesen haben, kosten viel Zeit und Geld. Deshalb machen sie immer weniger. Eine gesellschaftlich relevante Recherche sollte allerdings nicht daran scheitern, dass sie aufwendiger wird als zunächst erwartet.

Falls Ihnen dieser Artikel gefallen hat: Recherchen und Artikel wie diesen können Sie unterstützen. Denn genau jetzt brauchen unabhängige Redaktionen Rückhalt. Spenden geben uns die Möglichkeit, zusätzliche und größere Recherchen anzugehen und unsere journalistische Arbeit langfristig abzusichern. Unabhängig davon, welches Thema morgen die Schlagzeilen bestimmt.

Seien Sie bei unserer aktuellen Spendenaktion dabei.
Unterstützen Sie unabhängige Recherchen und machen Sie weitere Artikel wie diesen möglich.