Photo by Rachit Tank on Unsplash
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von Anna Mayr

Desinformation gibt es nicht nur auf Facebook. Youtube ist eine noch bessere Bühne. Die Plattform versucht zwar, gegenzusteuern. Doch der Sumpf ist tief. Unsere Autorin hat sich dorthin begeben.


Hier kannst du den Beitrag auf Soundcloud hören.

„Gedanken haben ein messbares Schwingungsmuster. Sie sind nicht-räumliche Erscheinungen. Sie sind nicht an Raum gebunden. Gedanken sind schneller als Licht, denn Licht benötigt Raum, und Gedanken benötigen keinen Raum, da es keinen Raum für die Gedanken gibt. Das bedeutet: Wir sind verbunden über unsere Ge-dan-ken!”

Beim letzten Wort zieht Heiko Schrang seine Zeigefinger in zwei Halbkreisen von seiner Stirn weg. Ich weiß nicht mehr, wie wir hier hingekommen sind. Wie ich hier hingekommen bin.

Heiko Schrang, Sonnenstudiobräune, Hantelbankkörper, fliederfarbenes Hemd, steht auf meinem Computerbildschirm und ist sehr, sehr gut ausgeleuchtet. Eben hat er noch erklärt, dass die Medien nicht über mordende Ausländer berichten. Eben hat er noch gesagt, dass „300 Millionen Afrikaner einfach überall reinmarschieren” werden, sobald der UN-Migrationspakt verabschiedet wird. Jetzt wird er auf einmal spirituell. Spricht über Gedankenschwingungen. „Nur wer gegen den Strom schwimmt, der gelangt zur Quelle”, sagt er.

Wenn er die Quelle ist, dann musste ich nicht gegen den Strom schwimmen, um ihn zu finden. Es hat gereicht, ein paar Stunden auf Youtube zu verbringen, um Schrang und Dutzenden weiteren Menschen zu begegnen, die Videos machen, in denen sie Desinformation verbreiten.

Youtube ist noch undurchsichtiger als Facebook

Sprechen wir über Falschinformationen, Propaganda und Verschwörungstheorien, geht es meistens um Facebook und Twitter. Auf Facebook sind aber nur Erwachsene. Und auf Twitter sind nur Politiker und Journalisten. Junge Menschen sind auf Youtube. Und sie sind viel empfänglicher für falsche Informationen als Erwachsene. Denn Jugendliche haben noch kein fertiges Weltbild. Sie halten mehr Dinge für wahrscheinlich.

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Videos sind wirkmächtiger als Text. Was wir sehen, ist. Wir sagen, dass wir unseren Augen nicht trauen können, wenn wir etwas nicht glauben. Sehen ist Wahrheit. Deshalb sind Chemtrails eine der am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien: Jeder kann sie sehen. Mit den eigenen Augen.

Auf Youtube kommen also zwei Dinge zusammen: Erstens eine junge Zielgruppe, die leicht zu überzeugen ist. Und zweitens ein Medium, das extrem überzeugend ist.

„Auf Youtube ist der Weg von neutralen Nachrichten-Videos in den Sumpf aus Verschwörungen nicht weit”, sagt mir Felix Brinkschulte. Er forscht an der Uni Münster zu Desinformation auf Youtube. Brinkschulte sagt mir, dass es vor allem einen Grund gibt, der Verschwörungen und verdrehte Fakten auf der Videoplattform so zugänglich macht: die Empfehlungen, die am rechten Rand der Videos angezeigt werden.

Der Algorithmus ist eine Blackbox

Niemand  weiß, warum Youtube welches Video wem wann empfiehlt. Aber es passiert, dass neben einem Video, das über Extremismus aufklären will, extremistische Videos empfohlen werden – nicht gerade ideal also.

Youtube will die Empfehlungen stärker kontrollieren, zumindest die Such-Empfehlungen. Wer nach dem 26. August auf Youtube nach „Chemnitz” suchte, fand hauptsächlich Videos aus der rechten Szene. Wer nach dem 26. August auf Youtube nach „Chemnitz” suchte, fand hauptsächlich Videos aus der rechten Szene. Im September hat Youtube allerdings den Such-Algorithmus geändert: „Bei einem Nachrichtenereignis findet man jetzt zuerst Videos, die von Nachrichtenseiten hochgeladen wurden. Youtube richtet sich da nach Google News: Seiten, die bei Google News gelistet sind, behandeln wir als Nachrichtenquelle”, sagt Henning Dorstewitz, Sprecher von Youtube in Deutschland. So sollen Nutzer zuerst Informationen sehen, denen sie vertrauen können.

Aber wenn es nicht um aktuelle Ereignisse geht, sind die Empfehlungen immer noch undurchsichtig. Jeder User bekommt andere Videos empfohlen, abhängig von vorher Angesehenem, von Aktualität – wovon genau, das weiß nur der Algorithmus.

Wenn ich es sehe, glaube ich dann dran?

Ich wollte rein in diesen Sumpf, von dem der Forscher Brinkschulte gesprochen hatte. Abdriften. Mich treiben lassen auf den Info-Wellen der Pseudo-Medien. Einen Tag lang habe ich mich von Video zu Video geklickt. Und mir alles angeschaut, von vorne bis hinten, auch wenn es unerträglich wurde – unerträglich öde.

Mein Weg in den Sumpf beginnt in Syrien. Beziehungsweise, mit der Erzählung von einer Reise nach Syrien. Das Senioren-Ehepaar Eva und Markus Heizmann sitzt in einem Studio neben einem Mann mit winzigen Brillengläsern – der Moderator.  Eva Heizmann sieht etwas älter aus und ist gekleidet, als wäre sie gerade von einer Wanderung zurückgekehrt. Markus Heizmann hingegen trägt Anzug und Hemd. Das Gespräch zwischen den Dreien klingt wie die Aufführung einer Laientheatergruppe: geskriptet. Sie sprechen, als müssten sie sich an jedes Wort erinnern.

„Aber das ist jetzt komisch”, sagt der Moderator. „Der Pascal Weber vom Schweizer Fernsehen hat am letzten Mittwoch gesagt, Syrien sei ein Failed State!”
– „Ich weiß nicht, was er damit meint”, antwortet Eva Heizmann. „Was ist ein Failed…?”

In Syrien ist eigentlich alles okay

Die beiden Senioren erzählen von Datteln und Pistazien aus Aleppo, von freundlichen Grenzbeamten und dem riesigen Vertrauen der Syrer in die Assad-Regierung. Alles gar nicht so schlimm, Syrien ist eigentlich wie Deutschland, das können sie beurteilen, sagt Eva Heizmann, auch nach einer nur zehntägigen Reise.

Es gibt keine Fotos in diesem Video, keine kurzen Filme aus Syrien oder sonstwoher, es gibt nur drei Leute, die sehr, sehr langsam reden. Mir ist totlangweilig. Ich drifte ab. Denke über den Libanon nach, über graue Haare, und darüber, was ich später einkaufen könnte. Ich habe Lust auf Datteln und Pistazien.

Das Interview mit den beiden geht eine halbe Stunde. Die Videos von Heiko Schrang sind meistens etwa eine Viertelstunde lang. Manche Videos, die ich an diesem Tag entdecke, gehen anderthalb Stunden. Die Ton- und Bildqualität ist dabei oft nicht gut. Es gibt keine Spezialeffekte. Keine tollen Bilder. Und trotzdem schauen Menschen sich das an. Das Syrien-Interview hat zwar nur über 500 Views – Heiko Schrang aber hat etwa hunderttausend Abonnenten, jedes seiner Videos um die 50.000 Klicks. Warum?

Qualität ist egal

„Content ist das wichtigste. Videos können schlecht produziert sein, unprofessionell – solange es spannenden Content gibt, finden sich Zuschauer”, sagt Sebastian Bartoschek, der zum Thema Verschwörungstheorien forscht und selbst als Journalist einen Podcast produziert. Je aufregender der Inhalt, desto egaler die Verpackung.

Journalismus ist manchmal wie ein Kuchen vom Konditor: aufwändig dekoriert, teuer und mit großem Zeitaufwand produziert – nur das Innere schmeckt fad. Weil die Geschichte nicht so toll ist, wie der Titel es verspricht.

Desinformation hingegen ist ein Kuchen aus einer Plastikverpackung im Supermarkt: Da ist allerhand Chemie drin, die man eigentlich nicht essen will. Es sieht unappetitlich aus. Aber Supermarktkuchen ist billig, verfügbar, voller Zucker und Geschmacksverstärker – und deshalb sehr, sehr lecker. Content gewinnt.

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Es ist nicht sicher, ob alle Klicks der Desinformations-Videos authentisch sind. Henning Dorstewitz, Sprecher von Youtube in Deutschland, sagt, dass es immer wieder Fälle von versuchten Klickkäufen gibt. Das könne verschiedene Gründe haben: Die User wollten beispielsweise größer wirken als sie sind und so tun, als hätten sie viele Zuschauer. Oder sie wollten Geld verdienen – Youtube schüttet Werbeerlöse an Nutzer, die für das YouTube Partnerprogramm zugelassen wurden und Werbung in ihren Videos freischalten, aus.

Klick. Das Intro zum nächsten Video (1,6 Millionen Views) sieht aus wie das der Tagesschau. Aber dies ist eine Abrechnung: Mit der Tagesschau, mit politischen Talkshows und mit den öffentlich-rechtlichen Sendern überhaupt. Eva Herman, ehemals Tagesschau-Sprecherin und Fernseh-Moderatorin, moderiert inzwischen eine alternative Tagesschau auf Youtube. Die richtige Tagesschau darf sie nicht mehr moderieren, nachdem sie sich positiv über das Familien- und Frauenbild der NS-Zeit geäußert hatte.

Hermans „Guten Tag meine Damen und Herren” ist das gleiche geblieben. Die Themen haben sich geändert. Eva Herman glaubt, dass Europa eine „Umsiedlung” bevorsteht – dass also Muslime absichtlich hergeholt werden, damit es erst einen Bürgerkrieg gibt und danach keine Deutschen mehr. Die Medien sind in dieser Theorie ein Mittel der Regierung – sie sollen die Deutschen glauben lassen, alles wäre in Ordnung.

Was ist Verschwörung, und was ist einfach nur falsch?

Es ist schwierig, eine Grenze zwischen Falschinformationen und Verschwörungstheorien zu ziehen. Der Forscher Felix Brinkschulte versucht zum Beispiel, zwischen „unintentionaler Fehlinformation” und „strategischer Desinformation” zu unterscheiden. Aber sobald man die Grenze zu Verschwörungstheorien überschreitet, wird diese Aufteilung hinfällig – denn manche Leute denken ja tatsächlich, dass die Erde flach sei. „Dann ist es keine strategische Lüge, denn es ist schließlich völlig ernst gemeint”, sagt Brinkschulte.

Hinter vielen halbwegs richtigen Nachrichten, die auf den Internetseiten von Pseudo-Medien veröffentlicht werden, steht eine übergeordnete Verschwörungstheorie: Die neue Weltordnung. Eva Herman hat auch darüber ein Video gedreht. Es gibt viele Versionen dieser Geschichte, aber alle laufen etwa auf die gleiche Furcht hinaus: ein islamisches Europa ohne Grenzen. Es wurde im Geheimen geplant, von den USA und Israel und den Europäischen Eliten. Es wird getragen von Grün-Wählern und Linken, die die Wahrheit nicht sehen wollen.

Eva Herman will ihre Wahrheit verbreiten. Ihre Videos haben hunderttausende Klicks. Und ihre Erklärung, warum sie als einzige über die Fakes des Medienbetriebs spricht, während ihre ehemaligen Kollegen immer noch schweigen, ist simpel: Die anderen haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Deshalb machen sie alles mit. Halten ein Konstrukt aus Lügen aufrecht, das die Regierung sich ausgedacht hat.

Mit Angst um den Arbeitsplatz kann man alles erklären.

Warum hassen Menschen Ausländer? – Sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Warum funktioniert die Energiewende nicht? – Alle haben Angst um die Arbeitsplätze, die an der Braunkohle hängen. Warum machen Politiker unmögliche Versprechungen? – Sie haben Angst um ihre Ministerposten.

Warum manipulieren uns also die Journalisten im Auftrag der Regierung? – Sie haben Angst um ihre Arbeitsplätze. Diese Begründung wird im Laufe meines Youtube-Tages wiederkommen. Wenn es darum geht, warum Geologen uns verschweigen, dass die Pyramiden von Aliens erbaut wurden. Aber dazu später mehr.

Die Youtube-Empfehlungsalgorithmen bringen mich von der Ex-Nachrichtensprecherin Eva Herman zur Ex-Grünenpolitikerin und Ex-CDUlerin Vera Lengsfeld. Wenn die Beschreibung des Videos (30.000 Views) stimmt, dann sehe ich hier gerade eine Aufzeichnung von einem Seminar der „Wissensmanufaktur” – in Kanada. Man muss das noch einmal betonen: Kanada. Vera Lengsfeld und ein Haufen anderer Deutscher sind nach Kanada geflogen, um sich dort einen Vortrag anzuhören, der So tickt Angela Merkel heißt.

Wer sind die Menschen, die für ein Wahrheits-Seminar nach Kanada fliegen?

Bis jetzt hatten nur die Pseudo-Medien selbst Gesichter: Da war der Moderator mit dem Ehepaar, da war der dicke Esoteriker und da war Eva Herman. Jetzt sehe ich auf einmal Hinterköpfe. Hinterköpfe von Menschen, vor denen Vera Lengsfeld doziert. Menschen, die sich diese Sachen anhören. Die dafür ihre Abende vor Youtube verbringen müssen, die in ihrer Freizeit wahrscheinlich viel über die neue Weltordnung nachdenken. Die in ein Flugzeug steigen und über den Atlantik fliegen, um sich eine Wahrheit erzählen zu lassen. Manche dieser Hinterköpfe sind grau, manche sind alterslos, viele sind männlich. Was haben sie gemeinsam?

„Selbstwirksamkeit”, sagt der Psychologe Sebastian Bartoschek, und er sagt das so, als könne dieses Wort allein alles erklären. Als könne es das Rätsel um die Hinterköpfe und die hunderttausenden, millionenfachen Aufrufe der Sumpf-Videos lösen. „Was ist das?”, frage ich.

Komischerweise kommen wir alle mit einer Idee von Gerechtigkeit zur Welt. Wir glauben, dass wir alles schaffen können, wenn wir alles dafür tun. Wir glauben, dass wir belohnt werden, wenn wir etwas leisten. Dieser Glaube nennt sich Selbstwirksamkeit. „Wenn einem aber etwas passiert, das ungerecht ist, oder wenn das eigene Leben doch nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hatte”, sagt Bartoschek, „dann ist es leichter, die Schuld auf eine Verschwörung zu schieben, als sie bei sich selbst zu suchen.”  Wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere, dann liegt es nicht an mir oder an meiner Firma – es liegt an der Neuen Weltordnung.

Es ist gesund, an Chemtrails zu glauben

Es ist nicht krank, sich an solche Theorien zu klammern. Nicht schizophren, nicht paranoid. Es ist sogar gesund. Es ist gesund, die Schuld von sich wegzuschieben, die man selbst nicht tragen kann. Sie den Eliten zu geben, den Politikern, den Weltverschwörern. Man kommt so besser mit dem Leben zurecht.

Der Übergang von Verschwörungstheorie zu Desinformation liegt in der Konkretisierung. Die Verschwörungstheorie sagt: Europa soll muslimisch werden. Die Desinformation sagt: Ein Flüchtling hat ein Kind umgebracht. Die Verschwörungstheorie macht aus Menschen wehrlose, meckernde Opfer. Die Desinformation macht Menschen wütend, ängstlich, gewalttätig. Auf Chemtrails und die Rothschilds kann man keine Brandsätze werfen. Auf Flüchtlingsheime schon.

Wenn Youtube wirklich ein Sumpf ist, so wie Felix Brinkschulte es gesagt hat, dann bin ich mit dem nächsten Klick auf Grund gestoßen. In dem Video, das erst seit ein paar Sekunden läuft, hat sich der Sprecher gerade langsam einblenden lassen, als würde er sich auf meinen Bildschirm beamen. Hinter ihm sieht man hellblaue Strahlen auf dunkelblauem Hintergrund. Alles sehr mystisch. Hermann Göring, erklärt der Mann, der sich „Norman Investigativ” nennt, hatte eine geheime Mission in die Antarktis angeordnet. Dort haben die Nazis ein Loch gebuddelt, in dem Außerirdische sitzen. Jetzt leben sie gemeinsam mit den Außerirdischen in der Antarktis. Als ich das kapiert habe, scrolle ich in den Kommentarbereich.

„In Minute 19:42 ist rechts ganz eindeutige eine Ruine zu erkennen.”, schreibt ein User. „Sind das echte Bilder oder was Zusammengeschustertes? Vor Minute 19:42 sieht die Landschaft exakt so aus wie auf den Mars Bildern der NASA. Zufall? Wohl kaum.”

Nächster Kommentar: „Das tiefste von Menschen gebohrte Loch ist so zwölf Kilometer tief, was weiter drunter ist weiß kein Mensch,  also so unmöglich ist ‘ne hohle Erde nicht.”

Eine Userin antwortet: „Doch die alles entscheidende Frage: Was oder wer ist dort? Der Ort für eine geheime Unternehmung ist gut gewählt. Könnte sich dort Rothschild eine Forschungsstation aufgebaut haben? Das würde einiges erklären. Zum Beispiel, dass es schon seit längerer Zeit keine Berichte gab. Was meinst du?”

„Ich könnte mir vorstellen das die Welteliten eine Art Arche unter dem Eis bauen und wenn diese dann fertig ist werden sie eine globale Pandemie auslösen um die Weltbevölkerung um rund 75 % zu reduzieren, sozusagen auf eine nachhaltige Weltbevölkerung reduzieren.  Das klingt zwar verrückt, ist es aber nicht! Und Skrupel haben diese Leute garantiert nicht. Und alles andere ist nur Ablenkung!”

Sie denken, sie wüssten es besser

Als Kind war ich fest davon überzeugt, zur Erfinderin auserkoren zu sein. Ich hatte ein Set mit Magneten und Metallkugeln zu Weihnachten geschenkt bekommen und war sicher, dass ich die erste Achtjährige sein würde, die das Perpetuum Mobile erfindet. Ich habe viele, viele Stunde damit verbracht, Magnetgebilde zu testen, die sich für immer weiterbewegen sollten. Es hat nie funktioniert. Ich bin an meinen Ansprüchen gescheitert, immer wieder, bis ich irgendwann verstanden habe, dass ich vielleicht einfach nicht so toll bin, wie ich gedacht hatte.

Daran muss ich denken, als ich in dieser Kommentarspalte hänge, anstatt das Video weiter anzuschauen: An dieses ernüchternde Gefühl, das den Übergang zwischen Jugend und Erwachsen markiert. An die Erkenntnis, ziemlich egal zu sein. Denn eigentlich ist es beneidenswert, dass die Menschen in dieser Kommentarspalte sich den Glauben erhalten haben, es besser wissen zu können.

Jetzt will ich mehr davon. Mehr von dem Quatsch. Mehr Pseudo-Wissenschaft. In der Empfehlungsliste neben Norman Investigativ, der immer noch erklärt, dass die Erde hohl ist, finde ich ein Video mit dem Titel „Die Wahrheit über die Pyramiden.”

Es gibt keine Beweise – aber das ist der Beweis!

Wahrscheinlich ist es ganz egal, welchen Quatsch man im Internet erzählen will: Irgendwer hat dazu auf jeden Fall bereits eine 3D-Animation gebaut. Das Video, in dem mir eine Männerstimme erklärt, dass die Pyramiden in Wirklichkeit Energiekraftwerke von Außerirdischen sind, sieht zumindest extrem hochwertig aus. Immer wieder erscheinen außerdem Bilder von alten Männern in Sepia-Optik, die schon vor hunderten Jahren etwas Revolutionäres herausgefunden haben. „Leider ist fast seine gesamte Arbeit verschollen oder gestohlen worden, deshalb kann nichts bewiesen werden”, sagt der Sprecher. „Aber wir müssen ja nur eins und eins zusammenzählen!”

Über die Videos von Eva Herman kann ich lachen. Weil ich weiß, wie Redaktionen funktionieren. Zum Beispiel, dass dort niemand aus der Regierung anruft und Berichterstattung diktiert. Aber ich habe keine Ahnung davon, warum und wie lange es die Pyramiden schon gibt. Außerirdische als Architekten – warum eigentlich nicht? Es scheint ja Beweise zu geben.

„Die Schulwissenschaftler erzählen natürlich etwas anderes”, sagt der Sprecher. „Weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren.” Logisch. Ich schaue wie hypnotisiert in die 3D-Animation, in der ich über Gizeh hinwegfliege. Der Sprecher erklärt, warum die Sphinx keine Nase hat – und der Grund scheint mir extrem viel Sinn zu machen. Auch wenn ich ihn sofort wieder vergesse.

Nichts wird erklärt, denn es ist ja offensichtlich

In den Videos, die ich im Youtube-Sumpf finde, muss es keine Beweise geben. Keine Quellenangaben und Erklärungen. Es gibt nur Bilder, die über Wahrheit und Lüge entscheiden. Es gibt Panik vor der neuen Weltordnung, vor Verschwörungen und Eliten. Und es gibt Rettung.

Aber Rettung, das lerne ich beim nächsten Klick, kostet Geld.

Ich wusste nicht, dass ein Finanzcrash bevorsteht. Aber die drei Männer, denen ich jetzt beim Sitzen um einen Stehtisch zuschaue, scheinen das für sehr selbstverständlich zu halten. Einer von ihnen hat sogar ein Buch herausgebracht, in dem er Ratschläge dazu gibt, wie man mit dem bevorstehenden Finanzcrash reich werden kann. Als Zuschauerin soll ich denken, dass ich etwas wichtiges verpasst habe: Den drohenden Crash. Ich soll denken, dass alle bereits Bescheid wissen. Deshalb erklärt auch keiner der Männer, wie und warum der Crash genau passieren wird.

Man hat das Gefühl, etwas wichtiges verpasst zu haben

Psychologen nennen das den false consensus effect – man denkt, es gäbe eine Gruppe, der man nur noch zustimmen müsste. Auch die Videos über den 11. September arbeiten mit diesem Mittel. Viele von ihnen sind mit der Beschreibung versehen: Bereits 50 Prozent der Bevölkerung kennen die Wahrheit und wissen, dass der 11. September eine Täuschung war. Da will man natürlich dabei sein.

Im Finanzcrash-Video fallen jetzt Sätze wie: „Ein Crash ist erstmal was geiles” und „Darum manipulieren uns die Machteliten.” Ein Mann, der sich mal Mr. Dax und mal Dirk Müller nennt, sagt diese Sätze. Und wer sein Buch kauft sei auf den nächsten Crash so gut vorbereitet, dass er sogar Geld aus ihm machen könne. Das Buch ist Mitte August erschienen und kostet 22 Euro. Wenig, wenn man bedenkt, dass man damit als Crash-Gewinner hervorgehen kann.

Youtube will manches nicht löschen – aber verstecken

„Wir wollen keine Plattform für Desinformation sein”, sagt Youtube-Sprecher Dorstewitz. Deshalb hat die Plattform für Inhalte, die zwar nicht gegen nationale Gesetze oder Richtlinien verstoßen, aber trotzdem schädlich sein können, einen neuen Status eingeführt: den eingeschränkten Status. Videos, die von Youtube in diesen Status gesetzt werden, können User nur noch finden, wenn sie den Link zu dem Video haben. Außerdem verschwindet der „Teilen“-Knopf unter dem Video. Die Videos werden also nicht gelöscht, sie verbreiten sich aber auch nicht mehr so schnell. Diese Funktion gibt es seit etwas mehr als einem Jahr. 

Naomi Seibt und Niklas Lotz
Naomi Seibt und Niklas Lotz sind innerhalb kurzer Zeit zu Influencern geworden. (Collage: Ivo Mayr, CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Mit großem Aufwand bauen Neue Rechte ein Netzwerk von Medien und Influencern auf, in dem oft Desinformation verbreitet wird. Junge Youtuber wie Niklas Lotz mit seinem Kanal „Neverforgetniki“ oder Naomi Seibt profitieren davon. Wir zeigen, wer ihnen beim Aufstieg half.

Ein etwas verblichenes Plakat mit Weltkarte auf einer weißen Wand, eine silberne Schreibtischlampe im Hintergrund – das ist das Setting der Youtube-Videos von „Neverforgetniki“. Der junge Mann, dessen Kanal 133.000 Abonnenten hat, heißt Niklas Lotz, 20 Jahre alt. 

Er bezeichnet sich selbst gern als konservativ oder bürgerlich und wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, er sei „rechts“ oder gar „rechtsextrem“. In seinen Videos, in denen er starr in die Kamera spricht, wettert Lotz gegen „Massenmigration“ und die Medien, gegen die Grünen, die SPD, die Klimabewegung oder Seenotrettung. Auch die CDU bekommt ab und zu ihr Fett weg. Kritik an der AfD sucht man vergeblich. Auf seinem offiziellen Instagram-Kanal folgt Lotz der AfD, der FPÖ und rechten Youtubern wie Timm Kellner oder Lisa Licentia.   

Unsere Recherche zeigt: Niklas Lotz wird von einem Netzwerk aus Bloggern, Youtubern und Autoren unterstützt. Sie gaben ihm eine Plattform – und nicht nur ihm. Auch die 19-jährige Youtuberin Naomi Seibt profitierte davon. Die Unterstützer der jungen Influencer haben viel gemeinsam: Sie bewegen sich in der Sphäre der Neuen Rechten, die sich eine eigene Medienöffentlichkeit aufbaut und Nachwuchs heranzieht, um ein junges Publikum zu erreichen. Sie verbreiten Desinformation. Und sie kennen sich.

Niklas Lotz und Naomi Seibt haben auf unsere Anfrage und Bitte um Stellungnahme nicht reagiert. 

Der Zeitverlauf

Scrollen Sie sich hier durch die Stationen der Karriere von Niklas Lotz (blau) und Naomi Seibt (rot).

Der Wegbereiter

Ein Mann half sowohl Naomi Seibt als auch Niklas Lotz bei ihrem ersten Schritt in die Öffentlichkeit: David Berger, der Betreiber des rechten Blogs Philosophia Perennis. Nachdem „Neverforgetniki“ 2016 ein paar Videos über selbstgeschriebene Gedichte veröffentlicht hatte, entstand auf seinem Kanal eine Lücke bis Anfang 2019. Dann tauchte im Januar 2019 ein Gastbeitrag von ihm bei Philosophia Perennis auf, und nur wenig später veröffentlichte er sein erstes politisches Video.

Die Richtung, die Lotz einschlug, war damit im Grunde bereits vorgezeichnet. David Berger gehört zu den Publizisten der Neuen Rechten, die sich in der „Vereinigung der Freien Medien“ zusammengeschlossen haben. Im Mai 2019 wurden sie von der AfD zu einer Konferenz in den Bundestag eingeladen. CORRECTIV hat außerdem schon so einige Beiträge von Philosophia Perennis als Falschmeldungen entlarvt. Zum Beispiel, dass ein Video angeblich zeige, wie Filmaufnahmen von ertrinkenden Migranten gefaket würden. Auf unsere Anfrage per E-Mail hat auch Berger nicht reagiert.

Das Vorwort von David Berger zu dem Gastbeitrag von Neverforgetniki
Vorwort von David Berger zu dem Artikel von Niklas Lotz. (Screenshot: CORRECTIV)

Naomi Seibt war sogar noch jünger als Niklas Lotz, als sie bei Philosophia Perennis ihr Debüt gab – sie war 16 Jahre alt. 2017 veröffentlichte Berger ein Essay von ihr über Nationalismus. Seit Mai 2019 hat die junge Frau einen eigenen Youtube-Kanal. Ihr erstes Video: ein Gedicht, mit dem sie an einem Wettbewerb der AfD teilnahm. Inzwischen hat sie mehr als 46.000 Abonnenten, und es dürften noch mehr werden, denn internationale Klimawandel-Leugner versuchen sie gerade als „Anti-Greta“ aufzubauen

Wenn Seibt eine „Anti-Greta“ sein soll, die den Medien „How dare you“ entgegen schmettert, dann will Niklas Lotz vielleicht der „Anti-Rezo“ sein. Immerhin produzierte er in Anlehnung an Rezos virales Video über „Die Zerstörung der CDU“ eine zeitlang ebenfalls Beiträge mit ähnlichen Titeln. Sein Kanal erlebte bereits „Die Zerstörung von ARD und ZDF“, „Die Zerstörung von Fridays for Future“ oder „Die Zerstörung von #wirsindmehr“.

Das häufigste Thema seiner Videos ist die angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit in Deutschland. Im Widerspruch dazu sind die Videos, in denen er seine Meinung vertritt, aber ziemlich erfolgreich: Sie erreichen mehrere hunderttausend Klicks. Dadurch, dass ihnen auf Youtube Werbung vorgeschaltet ist, verdient „Neverforgetniki“ Geld – und er hat kürzlich ein Buch veröffentlicht. Mit Belegen für seine Thesen nimmt er es indes nicht so genau. So deutete er mal im August 2019 an, eine CO2-Steuer sei tatsächlich nichts anderes als eine „getarnte Flüchtlingssteuer“. Dafür gab es keinerlei Anhaltspunkte, wie unser Faktencheck zeigte. 

Die Unterstützer

In der Strategie, Nachwuchs wie Lotz oder Naomi Seibt aufzubauen, zeigt sich ein Muster: Man interviewt sie und lässt sie von der eigenen Reichweite profitieren. Damit integriert man sie automatisch in ein Netzwerk, das bereits eine bestimmte Richtung eingeschlagen hat.

Unterstützung bekommt Lotz zum Beispiel von dem ehemaligen N-TV-Moderator Michael Mross. Er betreibt das Nachrichtenportal MMNews, auf dem 2015 zum Beispiel fälschlich berichtet wurde, dass die EU ab 2018 das Bargeld abschaffen wolle.

Niklas Lotz’s größter Unterstützer ist jedoch aktuell Heiko Schrang. Sein Buch erschien Ende 2019 in Schrangs Verlag „Macht steuert Wissen“. Schrang pushte „Neverforgetniki“ auf dem eigenen Youtube-Kanal bereits im April 2019 („Merkt euch diesen Namen!“). Ansonsten interviewt er mit großer Vertrautheit bekannte Namen: Michael Mross, David Berger oder Martin Sellner von der Identitären Bewegung. Er spricht von der „Impf-Lüge“ oder „5G-Zombies“ – ebenfalls beliebte Themen der Desinformation – oder einer „GEZ-Mafia“.

Heiko Schrang und Niklas Lotz Arm in Arm
Heiko Schrang und Niklas Lotz. (Quelle: Schrang-TV/Youtube. Screenshot: CORRECTIV)

Die Ablehnung der öffentlich-rechtlichen Medien ist etwas, das Niklas Lotz und sein Umfeld verbindet. So ist er Teil der noch jungen Initiative „Hallo Meinung“ des bayerischen Unternehmers Peter Weber, die zu einem Boykott des Rundfunkbeitrags aufruft. „Endlich bündeln wir unsere Kräfte“, sagte Lotz im Oktober in einem Gruß-Video. „Wir werden gegen das linke Meinungsdiktat in Deutschland vorgehen, wir werden demokratisch und rechtsstaatlich für eine Veränderung kämpfen und uns dafür einsetzen, dass Deutschland wieder ein schönes und lebenswertes Land wird.“

Auf dem Youtube-Kanal von „Hallo Meinung“ werden Amateurvideos von Bürgern veröffentlicht – darunter auch mehrere einer Frau namens Brigitta Gerecke. Sie trat bereits bei einem Neonazi-Aufmarsch von „Patrioten Niedersachsen“ 2018 in Peine auf, wie Fotos in Medienberichten (hier und hier) belegen. 

Die Verortung

Vielleicht weiß das Bürgerforum, weiß Niklas Lotz nichts von dem Hintergrund der Menschen, die sich bei „Hallo Meinung“ äußern. Auf unsere Anfrage bekamen wir von Lotz und Peter Weber keine Antwort. Doch das Netzwerk des jungen Youtubers, der sich bürgerlich und konservativ nennt, ist eindeutig rechts zu verorten. Weder er noch Naomi Seibt grenzen sich ab von der sogenannten Identitären Bewegung, die in Deutschland vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall Rechtsextremismus“ geführt wird.  

Kurz nach ihrem Gastbeitrag bei Philosophia Perennis 2017 verlinkte die Identitäre Bewegung auf ihrem Blog ein Interview von Naomi Seibt. Und im Juli 2019 wurde Seibt von Sellners Frau, Brittany Sellner (die damals noch Pettibone hieß), interviewt.

Brittany Sellner und Naomi Seibt im Interview
Brittany Sellner und Naomi Seibt im Interview. (Quelle: Brittany Sellner/Youtube. Screenshot: CORRECTIV)

Von Niklas Lotz ist kein direkter Kontakt zur IB bekannt. Doch deren Umfeld bezieht sich auf ihn. Außerdem werden seine Videos zusätzlich von Journalistenwatch beworben; regelmäßig verlinkt der rechte Blog seine Beiträge.

Als der Kanal „Neverforgetniki“ im August 2019 von Youtube gesperrt wurde, solidarisierte sich Martin Sellner, der Chef der IB in Österreich, auf seiner eigenen Webseite mit „Niki“. Er stellte sich mit ihm auf eine Stufe, weil auch sein eigener Kanal gesperrt worden war: „Von James Allsup [einem US-amerikanischen Rechtsextremen] über Neverforgetniki bis hin zu meinem Kanal, werden gezielt diejenigen ausgeschaltet, die unangenehm sind, weil sie nicht ins Bild passen“, schrieb Sellner. Zur Erinnerung: Martin Sellner ist der, dem der rechtsextreme Attentäter von Christchurch laut BKA im Januar 2018 Geld überwies.

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Bei eben dieser Youtube-Sperre wurde Niklas Lotz übrigens von dem Medienanwalt Joachim Steinhöfel vertreten. Steinhöfel steht in Verbindung mit „Hallo Meinung“, gemeinsam rufen sie zum Boykott des Rundfunkbeitrags auf. Im Oktober war der Anwalt zu Gast bei der AfD-Fraktion im Bundestag. Steinhöfel vertritt aktuell auch den rechtsgerichteten Blog Tichys Einblick in einem Prozess gegen CORRECTIV und die Faktencheck-Kooperation mit Facebook. Der Blog will dadurch unsere Faktenchecks unterbinden; Anlass war unser Artikel „Offener Brief zum Klimawandel: Weder haben ‘500 Wissenschaftler’ unterzeichnet, noch stimmen alle Behauptungen“.

Es ist dieses Netzwerk aus Beziehungen, das Youtubern wie Naomi Seibt und Niklas Lotz zum Aufstieg verholfen hat. Die junge Frau, die kürzlich über ihr Engagement zu Klimathemen behauptete: „Wir haben keine Agenda, hinter uns steht keine Ideologie.“ Und den jungen Mann, der in einem seiner jüngsten Videos sagte: „…dass ich im Austausch mit der Neuen Rechten in Deutschland stehen soll. Also, ich weiß gar nicht, was die Neue Rechte in Deutschland so in der Form ist. Mit wem tausche ich mich da regelmäßig aus? Ich weiß echt nicht, was die damit meinen.“

Gestaltung: Benjamin Schubert

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Über die Medien wird gern behauptet, sie würden Lügen verbreiten und seien fremdgesteuert – viele Behauptungen dazu haben wir bereits als Falschmeldungen entlarvt. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Till Eckert

Es ist der ultimative Kampfbegriff: „Lügenpresse!“ Er soll ausdrücken, dass Medien angeblich systematisch Tatsachen verdrehen – oder bewusst nicht über gewisse Themen berichten. Diese Erzählung wird auch mit Falschmeldungen genährt und hat eine düstere Vorgeschichte.

Die Geflüchteten sitzen an Deck, einige haben den Kopf in die Hände gestützt. Sie warten. Das Schiff, auf dem sie sitzen, zieht monoton seine Kreise im Wasser. Seit Wochen darf die „Sea-Watch 3“, die sie am 12. Juni 2019 einige Seemeilen entfernt von der Küste von Libyen aus einem sinkenden Schlauchboot rettete, nicht in Lampedusa anlegen.

Die missliche Lage der Menschen an Bord wird von einer politischen und medialen Debatte überschattet: Matteo Salvini, damals noch Italiens Innenminister, verbietet der Kapitänin des Schiffes, Carola Rackete, in den Hafen einzufahren. Rackete wird das Schiff später trotzdem zur Anlegestelle lenken und von der Polizei abgeführt werden. Ein Gericht entschied letztlich laut Medienberichten: Sie war im Recht. Ende gut, alles gut? Nicht ganz.

Die erfolgreiche Mär von der inszenierten Seenotrettung

Ein bekannter Blog wollte die Geschichte offensichtlich nicht so stehen lassen: Journalistenwatch, ein Leitmedium der Neuen Rechten, spekulierte nach der Veröffentlichung einer ARD-Doku über die „Sea Watch 3“ in einem Artikel, dass es sich bei der Rettung der Menschen lediglich um eine „riesige Medienshow“ gehandelt habe. Die Aktion habe einer „Inszenierung“ mit dem „von vornherein geplanten Ziel, um jeden Preis auf Konfrontation mit den italienischen Behörden zu gehen“ geglichen. Im Text wird zum Beispiel die Frage aufgeworfen, ob die Geflüchteten „extra für die Reportage aufs Meer gebracht“ wurden.

Der öffentlich-rechtliche Sender soll eine Seenotrettung fingiert haben? So eine Meldung hat das Zeug zum viralen Hit – selbst wenn es, wie in diesem Fall, keinerlei Belege oder Indizien für sie gibt. Vielen dürfte der Text die Grundlage geliefert haben, einem alten Narrativ zu glauben, das vor allem über die öffentlich-rechtlichen Medien und ihre Journalisten verbreitet wird: dass sie angeblich lügen. Dass die Presse Tatsachen verdrehe, sie absichtlich weglasse oder von der Politik oder anderen Mächten gesteuert werde. All das wird gerne auf ein Wort komprimiert: „Lügenpresse”. 

Der Beitrag von Journalistenwatch. (Screenshot: CORRECTIV)

Wohl auch, weil er dieses Narrativ bediente, schaffte es der Artikel von Journalistenwatch trotz fehlender Fakten in kürzester Zeit zu hoher Reichweite, wurde mehr als 750 Mal auf Facebook geteilt und fand prominente Verbreiter. So teilte der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen den Artikel auf Twitter, auch AfD-Bundestagsabgeordnete sprangen auf. Zumindest Maaßen löschte seinen Tweet später wieder. Der Schaden war zu diesem Zeitpunkt aber schon angerichtet. 

Vorwürfe stellen sich oft als haltlos heraus

Im Verfassungsschutzbericht 2016 wird der „Lügenpresse“-Begriff als „Taktik rechtsextremistischer Propaganda“ bezeichnet (PDF zum Download, Seite 58). Ziel sei die Diffamierung der etablierten Medien. „Diese werden – vor allem im Zusammenhang mit der Zuwanderungsdebatte – als verlängerter Arm der gleichfalls verachteten verantwortlichen staatlichen Stellen betrachtet“, schreibt der Verfassungsschutz. Und: „Die Medien – so der Vorwurf – berichteten einseitig im Sinne der Regierung und wiesen vor allem auf die mit der Einwanderung verbundenen gesellschaftlichen Chancen hin.“ Nachteile, Risiken sowie die vermeintliche, oben geschilderte „Bedrohungslage“ für das deutsche Volk würden nach diesem Narrativ angeblich verschwiegen. 

Diesen Vorwurf, Medien würden angebliche Bedrohungen verschweigen, sieht unser Faktencheck-Team immer wieder im Netz. Meistens ist er haltlos. In einem viel geteilten Facebook-Beitrag wurde im August 2019 etwa behauptet, ARD und ZDF hätten nicht über einen Mord in Stuttgart berichtet. Das stimmte nicht, beide Sender haben über den Fall berichtet. Und auch wenn viele das nicht wahrhaben wollten: Auch über die Gelbwesten-Proteste in Frankreich oder Bauern-Proteste in den Niederlanden haben die Medien in Deutschland berichtet.

Facebook-Beitrag mit falscher Behauptung, veröffentlicht am 3. August 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir sehen bei unserer Arbeit tatsächlich, dass bei dem Narrativ nur selten wirkliche Fehler von Medien gemeint sind – oder eben „Lügen“. Dass es solche natürlich geben kann, zeigte zuletzt der Fall Relotius. Und Beispiele für Fehler gibt es ebenso: Nach der Silvesternacht 2020 im Leipziger Stadtteil Connewitz übernahmen Journalisten laut Medienberichten etwa vorschnell eine Falschmeldung der Polizei. Wir beobachten aber, ähnlich wie im Verfassungsschutzbericht 2016 aufgeführt, dass das „Lügenpresse“-Narrativ vor allem dann bedient wird, wenn es in eine politische Agenda passt, etwa in Kombination mit Themen wie Migration oder Klimawandel.

„Lügenpresse“-Begriff wurde auch in der NS-Zeit verwendet 

Ralf Klausnitzer vom Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin geht in einem Videobeitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung näher auf den „Lügenpresse“-Begriff und die dahinterstehende Denkweise ein. „Der Begriff ist ein Kampfbegriff, um so etwas wie den Gegner, den anderen, zu stigmatisieren, auszugrenzen, und ihm die Wahrheitsfähigkeit abzusprechen“, sagt er. 

Der Begriff hat laut Klausnitzer außerdem einen „verschwörungstheoretischen Grundgestus“: Wer ihn verwende, unterstelle, dass er im Besitz einer Wahrheit sei und eine Fähigkeit besitze, das angeblich faule Spiel der „Meinungsmacher“ zu durchschauen.

„Der Terminus ist ein gefährlicher Begriff, weil er eine ausdifferenzierte und sehr komplexe Lage auf ein Schlagwort verdichtet und verengt“, sagt Klausnitzer. Er habe außerdem eine Vorgeschichte, die viele nicht kennen würden: Er sei sowohl im Ersten Weltkrieg als auch in der NS-Zeit als bewusste Diffamierung eingesetzt worden, um Informationen, die von der offiziellen Propaganda abwichen oder aus dem Ausland kamen, unglaubwürdig zu machen. 

Die Geschichte des Begriffs „Lügenpresse“ zeigt auch eine Suche mit dem Google-Ngram-Viewer, mit dem man in den digitalisierten Beständen US-amerikanischer und europäischer Literatur suchen kann. Hochzeiten erfuhr „Lügenpresse“ demnach 1917 (während des Ersten Weltkriegs) und 1940, auf dem Höhepunkt der NS-Diktatur. 

Eine Auswertung der deutschen Google-Suchtrends ab 2004 zeigt, dass der Begriff im Netz lange Zeit keine wirkliche Rolle spielte und erst Ende 2014, Anfang 2015 intensiver gesucht wurde – dem Zeitraum, in dem die islamfeindliche Pegida-Bewegung das Wort öffentlichkeitswirksam skandierte, wie beispielsweise ein Videobeitrag des ARD Mittagsmagazins von 2015 zeigt.

Wer im Glashaus sitzt …

Trotz des düsteren geschichtlichen Hintergrunds dieser systematischen Diffamierung der Medien scheinen viele Menschen nicht müde zu werden, das Narrativ von der „Lügenpresse“ zu verbreiten, wann immer es sich anbietet. Anhand verschiedenfarbiger Wetterkarten wurde etwa im Juni 2019 behauptet, die ARD wolle Menschen manipulieren, indem sie die Klimasituation dramatisiere. Die Behauptung stimmte natürlich nicht: Die Karten waren nicht vergleichbar.

Mehrere Facebook-Seiten teilten die Grafik, unter anderem „Gegenwind Deutschland“. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

Komplett verhoben hat sich auch ein Facebook-Nutzer, der im Dezember 2019 behauptete, das ZDF hätte „wieder einmal Fake-News“ verbreitet: Der Sender habe berichtet, Deutschland sei im Klima-Risiko-Index erstmals unter den Top 3 der am stärksten betroffenen Regionen – für den Nutzer offenbar eine unmögliche Vorstellung. Dabei entsprach der Bericht des ZDF den Fakten

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Ebenfalls im Dezember behauptete ein Facebook-Nutzer, der MDR habe eine Falschmeldung über den Wasserstand der Victoriafälle im Süden Afrikas verbreitet. „Ein erschreckendes Beispiel dafür, dass der Begriff #Lügenpresse durchaus seine Berechtigung findet“, schrieb er. Wir fanden heraus, dass der MDR zwar in seinem Video wichtigen Kontext weggelassen hat – aber: das gleiche traf auch auf den Nutzer in seinem Facebook-Beitrag zu. 

Dieses letzte Beispiel könnte zu einer Art Versöhnung beitragen, zur Erkenntnis, dass alle mal Fehler machen, auch Journalisten – und dass Fehler nicht das gleiche sind wie Lügen.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Deutschland wird ein islamischer Staat“, „Migration verdrängt deutsche Traditionen“, „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“ und „Die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt“.

Collage ohne Titel
Über Ausbruch und Hintergründe der aktuellen australischen Buschfeuer sind mehrere Behauptungen im Umlauf. (Foto: Glen Moray / Picture Alliance, Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann , Till Eckert

Australien kämpft derzeit gegen hunderte Buschbrände. Menschen und Tiere sind gestorben oder wurden verletzt. Zum Ausbruch der Feuer gibt es im Netz viele Behauptungen, darunter ist eine sehr prominent: dass vor allem Brandstiftung der Auslöser für die Feuer sei, nicht der Klimawandel.

Satellitenfotos der Nasa zeigen große Rauchwolken über dem Meer. Medien weltweit berichten über die Zerstörung, die die Buschfeuer in Australien seit Wochen anrichten. Am 21. November 2019 berichtete die World Meteorological Organization von „katastrophalen Zuständen“ mit dutzenden von Bränden, angefeuert durch hohe Temperaturen, Wind und Trockenheit. Seitdem reißen die Meldungen über die Brände nicht ab. 

Laut der australischen Meteorologie-Behörde war das Jahr 2019 das wärmste und trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1910. Die Regenfälle seien die geringsten seit 1900 gewesen, seit konsistente Aufzeichnungen begannen. Dennoch verbreitet sich im Netz unter anderem die Behauptung, der Klimawandel habe nichts mit den Buschbränden zu tun. 

Wir haben einige der Behauptungen, die im Umlauf sind, überprüft: 

1. Buschbrände seien hauptsächlich von Menschen verursacht, nicht durch den Klimawandel

Mehrere Webseiten veröffentlichten in den vergangenen Tagen Artikel, in denen behauptet wird, Auslöser der Brände in Australien sei hauptsächlich Brandstiftung. So zum Beispiel Connectiv Events (mehr als 500 Mal auf Facebook geteilt) oder Schweizer Morgenpost (mehr als 1.800 Mal auf Facebook geteilt). 

In den Artikeln werden jeweils Zahlen zu den angeblich festgenommenen Brandstiftern genannt. So ist entweder von mehr als 180 (zum Beispiel hier) oder von rund 200 Menschen (zum Beispiel hier) die Rede. Diese Behauptung kursiert nicht nur in Deutschland.

In mehreren der Artikel wird dazu auf Zahlen der Polizei New South Wales verwiesen. Diese veröffentlichte am 6. Januar eine Pressemitteilung, in der steht, dass sie seit dem 8. November 2019 gegen 183 Menschen wegen 205 Buschfeuer-Fällen ermittelte, Verwarnungen aussprach oder Strafanzeige stellte. Die Polizei schlüsselt in der Mittelung aber auch genauer auf:

  • Gegen 24 Personen wurde wegen mutmaßlich absichtlich angezündeter Buschfeuer ermittelt.
  • Gegen 53 Personen wurde wegen mutmaßlicher Nichteinhaltung eines totalen Feuerverbots ermittelt.
  • Gegen 47 Personen wurde ermittelt, weil sie mutmaßlich eine angezündete Zigarette oder ein Streichholz weggeworfen haben.

Zu den anderen Fällen schreibt die Polizei nichts. Es stimmt demnach zwar, dass Menschen für manche Feuer in der aktuellen Saison die Schuld tragen, oft jedoch aus Fahrlässigkeit. Ob einer der Fälle zu einem der aktuellen großen Feuer führte, schreibt die Polizei nicht. In nur 24 Fällen kann man von mutmaßlicher Brandstiftung sprechen, bei denen absichtlich Feuer gelegt worden sei. 

Diese Zahlen gelten allerdings nur für den Bundesstaat New South Wales, einen von sieben. 

Es gibt mehrere Auslöser für Waldbrände

Die Faktenchecker von AFP haben für einen Artikel (14. Januar) recherchiert, gegen wie viele Personen in dieser Buschfeuer-Saison wegen Brandstiftung ermittelt wurde. Für Victoria liegen keine Daten vor – zählt man alle anderen Fälle zusammen, die die Polizeistationen AFP mitteilten, kommt man auf deutlich weniger als 180 Personen. Sie sollen Brände „absichtlich“ oder „rücksichtslos“ verursacht haben. Manche Bundesstaaten teilten Daten seit September 2019 mit, andere für einen kürzeren Zeitraum. 

Das Umweltbundesamt schrieb in einem Bericht über Waldbrände in Deutschland 2018: „In Fällen, in denen eine Ursache bestimmt werden kann, sind im Wesentlichen zwei Faktorenkomplexe von besonderer Bedeutung für das Waldbrandgeschehen: Zum einen das menschliche Handeln (Brandstiftung und Fahrlässigkeit) und zum anderen das Klima – bzw. Witterungsgeschehen.“ Zu letzterem schreibt das Bundesamt außerdem: „Klima und Witterung beeinflussen zusammen mit den lokalen Gegebenheiten (wie dem Vorhandensein von brennbarem Material) die Disposition einer Waldfläche für die Entzündung und in Folge das weitere Brandgeschehen (Feuerausbreitung).“

Die Regierung des Bundesstaats South Australia nennt aber auch weitere typische Auslöser für Waldbrände, darunter Fehler in elektrischen Anlagen, die eine Überhitzung verursachen, oder Blitzeinschläge. Bei aktuellen großen Feuern in den Bundesstaaten Victoria und New South Wales bezeichneten die Feuerwehrleute Steve Warrington und Ben Shepherd in Medienberichten hauptsächlich Blitze als Ursache. Auch die australische Meteorologie-Behörde schreibt in einem Infoartikel über „bushfire weather“, in manchen Regionen Australiens seien Blitze die Hauptursache für Buschbrände. Wir haben dazu bei den zuständigen Feuerwehrbehörden angefragt, bis zum Erscheinen dieses Artikels jedoch keine Antwort erhalten. 

Längere Buschfeuer-Saisons und häufiger „Brandwetter“

Dürreperioden und schlimme Waldbrände gab es in Australien schon häufiger, zum Beispiel im Januar 1994, im Dezember 2001 und im Oktober 2013, wie einem Sonderbericht der Meteorologie-Behörde von Dezember 2019 zu entnehmen ist. Vergleichbar mit 2019 seien am ehesten die Zustände im Oktober/November 1968 (Seite 19-20). 

Doch die Intensität der Buschfeuer nimmt in der Langzeitbetrachtung zu. So schrieb das australische Bushfire and Natural Hazard Cooperative Research Centre Mitte Dezember: „Die Tendenz zu intensiveren Brandsaisons und immer früher auftretender Feuergefahr ist ein klarer Trend im australischen Klima, aufgrund von reduzierten oder weniger zuverlässigen Regenfällen in der kühlen Saison und steigenden Temperaturen.“ 

Auch laut dem jüngsten Langzeit-Klimabericht (State of the Climate 2018) der australischen Meteorologie-Behörde und des Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (Csiro) nimmt die Länge der Buschfeuer-Saison zu, und es kommt häufiger zu sogenanntem „Brandwetter“ (fire weather) (Seite 2). In der Auswertung heißt es klar: „Der Klimawandel, inklusive steigender Temperaturen, trägt zu diesen Veränderungen bei“ (Seite 5). Dem Bericht zufolge hat sich das australische Klima seit 1910 um etwas mehr als ein Grad Celsius erwärmt, was zu einer erhöhten Häufigkeit von extremer Hitze (extreme heat events) führe.

Die Anomalien der Oberflächen-Lufttemperatur in Australien (Abweichungen vom Durchschnitt) zeigen, dass die Temperaturen steigen. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)
Die Zahl extremer Hitzetage pro Jahr nimmt seit 1910 zu. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)

Im Südosten und Südwesten Australiens nahmen laut dem Bericht die Regenfälle ab, in Teilen des Nordens nahmen sie zu. Acht der zehn wärmsten Jahre Australiens seit Beginn der Aufzeichnungen seien seit 2005 aufgetreten.

Die Zahl gefährlicher „Buschfeuer-Wetter-Tage“ in Victoria (Süden Australiens) im Frühling nimmt tendenziell zu. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)

Sicher ist, dass steigende Temperaturen und Trockenheit bessere Voraussetzungen für größere und intensivere Feuer schaffen. Pauschal lässt sich weder sagen, es trage allein der Mensch durch Brandstiftung oder Fahrlässigkeit Schuld an den aktuellen Großfeuern in Australien, noch der Klimawandel – beide Faktoren spielen eine Rolle. 

2. Angebliche Brandstiftung durch „IS-Terrorist“?

Die österreichische Seite Wochenblick spekulierte am 8. Januar, dass ein „IS-Terrorist“ Buschbrände in Australien gelegt haben könnte, liefert aber keinen Beleg dafür. In dem Artikel heißt es lediglich, zwei jungen Männern namens Fadi und Abraham Z. werde vorgeworfen, am 22. Dezember ein Grasfeuer in Guildford, einem Vorort von Sydney, verursacht zu haben. „Tatsächlich hat die islamistische Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bereits im November dazu aufgerufen, den Dschihad durch Brandstiftung voranzutreiben“, schreibt Wochenblick

Als einzige Quelle gibt die Seite einen Artikel der britischen Boulevardzeitung Daily Mail von November 2019 an, in dem es heißt, der „IS“ habe angeblich dazu aufgerufen, Waldbrände in den USA und Europa zu legen. „Dass diese Forderung nun in Australien umgesetzt wurde, ist ein denkbarer, schrecklicher Verdacht“, so Wochenblick weiter. Einen konkreten Hinweis gibt es für diesen „Verdacht“ aber nicht. 

Was stimmt, ist, dass es Medienberichte vom 7. Januar über zwei Brüder namens Fadi und Abraham Z. gibt. Sie hätten am 22. Dezember Feuerwerk in einem Park gestartet und ein Grasfeuer ausgelöst. Darüber berichten zum Beispiel Pacific Pundit, der australische Daily Telegraph und The Count. Laut einem weiteren Artikel von Miragenews fand die Gerichtsverhandlung am 7. Januar vor dem Parramatta Local Court statt. In all den Berichten wird nirgends ein islamistischer Hintergrund oder Hinweis auf ein solches Motiv erwähnt. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilt die Pressestelle der lokalen Gerichte in New South Wales per E-Mail mit, es sei nur einer der beiden Männer angeklagt, Abraham Z.. Der Vorwurf gegen ihn laute „fahrlässiger Umgang mit Sprengstoff, um Sachschäden zu verursachen“. Außerdem habe er ein Messer dabei gehabt. Zu weiteren Hintergründen könne man keinen Kommentar abgeben, heißt es in der E-Mail der Pressestelle. Fest steht aber: Es geht bei den Vorwürfen nicht um Brandstiftung und auch nicht um Terror. 

3. Die Feuer seien absichtlich gelegt worden, um den Weg für eine Bahnstrecke freizumachen

Auf Facebook kursiert außerdem ein Bild, das Karten von Australien und Kalifornien mit Gebieten von Bränden zeigen soll. Daneben werden Karten mit angeblich geplanten Verläufen von „Hochgeschwindigkeitsbahnen“ gelegt. Damit wird angedeutet, die Brände seien absichtliche Rodungen gewesen, um Platz für Bahnstrecken zu machen. Einer der Facebook-Beiträge vom 10. Januar wurde bereits mehr als 1.000 Mal geteilt.

Der Facebook-Beitrag mit den Karten, die angeblich einen Zusammenhang zwischen Buschbränden und dem Bau von Bahnstrecken zeigen. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Die Verschwörungstheorie in Bezug auf Kalifornien kursierte im November 2018. Die Karte oben links mit den roten Flächen stammt von der California of Forestry and Fire Protection, die sie im November 2018 auf Twitter veröffentlichte. Sie zeigt nicht die Ausdehnung der Feuer, sondern Bereiche, in denen eine „red-flag“-Warnung vor Brandgefahr herrschte. 

Einen Zusammenhang mit dem Verlauf der Hochgeschwindigkeitsbahn gibt es außerdem nicht, die falsche Behauptung wurde bereits 2018 entlarvt, zum Beispiel von den Faktencheckern von Snopes. Die Bahnkarte stammt demnach von der Webseite „America 2050“ und ist veraltet. Eine neuere Karte zeige, dass der Streckenverlauf nicht annähernd mit den roten Feldern übereinstimme. Auf der Seite Metabunk legten Nutzer die Karten grafisch übereinander und zeigten so, dass sie nicht zueinander passen.

Legt man die Karten von Kalifornien übereinander, ist die Übereinstimmung nicht vorhanden. (Quelle: Metabunk, Screenshot: CORRECTIV)

Auch im Fall von Australien ist an der Theorie nichts dran. Eine Google-Bildersuche zeigt, dass die Karte unten rechts von der australischen Regierung stammt. Sie soll einen möglichen Verlauf einer Hochgeschwindigkeits-Bahn an der Ostküste zeigen, von Melbourne bis Brisbane. Die Karte unten links soll die Feuer zeigen, die angebliche Übereinstimmung ist jedoch nur mit gutem Willen erkennbar. Andere, vollständige Karten der Feuer in Australien, zum Beispiel von My Fire Watch oder von der Nasa zeigen, dass die Feuer nicht entlang der möglichen Bahnstrecke verlaufen – und dass es auch an vielen anderen Orten brennt, an denen keine Bahnen geplant sind. 

Die Feuer in Australien laut einem Datenportal der Nasa (Ansicht zeigt die Feuer der letzten sieben Tage, abgerufen am 13. Januar 2020 um 17:45 Uhr). (Screenshot: CORRECTIV)
Die Karte mit dem möglichen Verlauf einer Bahnstrecke im Süden Australiens. (Screenshot: CORRECTIV)
Nähere Ansicht des Südens Australiens im Nasa-Datenportal. (Screenshot am 13. Januar 2020 um 17:45 Uhr: CORRECTIV)

Zum gleichen Ergebnis kam am 10. Januar auch Buzzfeed in dem Faktencheck zu der Behauptung, die offenbar auch auf Englisch ihre Kreise auf Instagram, Youtube, 4chan und Tiktok zieht. 

Der Facebook-Nutzer, der das Foto am 10. Januar in Deutschland verbreitete, ist übrigens auch der Ansicht, dass in Australien und Kalifornien keine echten Waldbrände wüten, sondern dass dort und auch in Kalifornien Laserwaffen eingesetzt wurden.

Experte geht von Desinformationskampagne aus

Falsche Behauptungen über den Ausbruch und Hintergründe der Buschbrände verbreiten sich außer in Deutschland laut Medienberichten weltweit. Auch die US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes haben einen Artikel dazu veröffentlicht. 

Laut einer Analyse eines Forschers der Queensland University of Technology, die der britische Telegraph und der Guardian zitieren, gibt es Anzeichen für eine „Desinformationskampagne“. So werde der Hashtag „#ArsonEmergency“ (Deutsch: Brandstiftungs-Notstand) auf Twitter gezielt von Accounts verbreitet, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel leugnen.

Falschmeldungen_Jahresrückblick
Im vergangenen Jahr wurden viele falsche Informationen verbreitet. Doch ob etwas eine Lüge ist, können wir in den meisten Fällen nicht sagen – denn zur Lüge gehört Intention, die wir nicht beweisen können. (Collage: Ivo Mayr)

von Tania Röttger

Manipulierte Bilder aus dem Amazonas, erfundene Verbrechen und Gerüchte über Greta Thunberg: 2019 zeigte einmal mehr, wie viral Falschmeldungen gehen können. Wir haben die meistgeteilten, die wir entlarvt haben, zusammengesucht – und die Faktenchecks, für die sich unsere Leser am meisten interessiert haben.

Ein weiteres Jahr mit zahlreichen Faktenchecks liegt hinter uns. Wir sahen zum Beispiel neue Klimabewegungen aufkommen, und wie manche versuchten, sie mit Falschmeldungen zu diskreditieren. Wir haben die Wahlen für das Europäische Parlament begleitet und beobachteten dabei weniger Desinformation, als im Vorfeld befürchtet wurde. Unser Team wurde angefeindet, aber erhielt auch viele unterstützende Zuschriften unserer Leserinnen und Leser. 

In unserem Jahresrückblick 2019 zeigen wir Ihnen wir die fünf meistgeteilten Falschmeldungen des Jahres, die wir geprüft haben. Sie wurden auf Facebook am stärksten verbreitet und erreichten so möglicherweise Millionen Menschen. Und wir haben auch unsere fünf meistgelesenen Faktenchecks herausgesucht.

Die fünf meistgeteilten Falschmeldungen, die wir 2019 entlarvt haben

1. Nein, es gibt keine Hinweise auf Crystal Meth, das als „Brausepulver“ an Schulen kursiert

Dieses Bild kursiert seit 2016 auf Facebook, enthält aber eine falsche Warnung. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Facebook wird seit 2016 eine Warnung vor einer angeblich neuen Droge verbreitet. Dabei handele es sich um Crystal Meth mit „verschiedenen Geschmacksrichtungen“ wie Erdbeere und Wassermelone, das aussehe wie ein „Brausepulver“. Dem BKA ist kein solcher Fall bekannt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 66.000 Mal auf Facebook geteilt.

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2. Verkürztes Sat1-Video über Flüchtlingsfamilie verbreitet sich

Mitglieder der Familie aus dem Sat1-Film. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Video über eine elfköpfige Flüchtlingsfamilie wird wieder geteilt. Darin geht es unter anderem um Geld, das die Familie erhält. Das Video ist echt, aber tendenziös verkürzt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 60.000 Mal auf Facebook geteilt.

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3. Dieses Bild stammt nicht aus dem Amazonasgebiet, sondern aus Indien und wurde nachbearbeitet

Ein dramatisches Bild, das aber nicht die Feuer im Amazonas zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Netz sind Bilder im Umlauf, die Nutzer fälschlicherweise mit den aktuellen Bränden im Amazonas-Gebiet in Verbindung bringen. Das eines schreienden Affen wird zehntausendfach auf Facebook geteilt, obwohl es 2017 in Indien entstand.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 57.000 Mal auf Facebook geteilt.

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4. Vergewaltigung in Lüneburger Kurpark 2016? Ermittlungen wurden wegen „erheblicher Zweifel“ an den Darstellungen eingestellt

In einem Artikel von 2016, der aktuell wieder tausendfach geteilt wird, ist von einer angeblichen „Gruppenvergewaltigung durch Islamisten“ in Lüneburg die Rede. Die Polizei sagt gegenüber CORRECTIV: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat es diese Tat nicht gegeben.“

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 53.000 Mal auf Facebook geteilt.

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5. Dieses Video von einem Mann, der eine Frau schlägt, ist weder aktuell noch stammt es aus Deutschland

Standbild aus dem Video. (Screenshot: CORRECTIV)

In einem alten Video, das momentan wieder häufig auf Facebook geteilt wird, ist zu sehen, wie ein Mann eine Frau im Beisein ihrer Kinder attackiert. Viele Nutzer gehen offenbar davon aus, dass der Täter noch nicht gefasst ist und der Vorfall in Deutschland stattfand. Das ist nicht richtig.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 52.000 Mal auf Facebook geteilt.

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Unsere meistgelesenen Faktenchecks des Jahres

1. Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft.

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2. Manipuliertes Foto von Greta Thunberg wird zehntausendfach geteilt

(Screenshot: CORRECTIV)

Nach wie vor versuchen Menschen im Netz, mit Behauptungen über die Klimaaktivistin Greta Thunberg Stimmung zu machen. Aktuell wird ein offensichtlich gefälschtes Bild der 16-Jährigen verbreitet.

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3. Nein, dieses Video zeigt keine Zuwanderung von „1.000 Afrikanern“, sondern Menschen auf dem Weg zur Arbeit

Ein Video vom Bahnhof Ashausen wird massiv im Internet verbreitet. Darauf zu sehen ist eine sehr große Gruppe Menschen, die gemeinsam aus dem Zug steigt. Unsere Recherchen zeigen: Sie sind auf dem Weg zur Arbeit. 

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4. Claudia Roth hat nicht das Gesetz gebrochen, als sie den Bundestag trotz weniger Anwesender für beschlussfähig erklärt hat

Dieses Bild wurde von verschiedenen AfD-Konten auf Facebook geteilt. Doch die Behauptung stimmt nicht. (Screenshot: CORRECTIV)

In der Bundestagssitzung vom 27. Juni 2019 hat Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth den Antrag der AfD auf einen sogenannten Hammelsprung abgelehnt. Das Gesetz hat sie damit nicht gebrochen.

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5. Nein, 2017 gab es nicht 95.000 Gewalttaten durch Flüchtlinge

Ein bekannter Facebook-Nutzer sagt in einem Video, in Deutschland messe man Taten von Rechtsextremen zu viel Bedeutung bei angesichts von angeblich 95.000 Gewalttaten durch Flüchtlinge 2017. Doch diese Zahl stimmt nicht.

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Wird aus Deutschland bald ein islamischer Staat? Dieses Narrativ steckt hinter vielen Falschmeldungen. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Cristina Helberg

„Harems“ in Deutschland, Gummibärchen-Verbot im Kindergarten und eine Bundeskanzlerin, die einen islamischen Staat ankündigt? Mit solchen Falschmeldungen bauen Webseiten und Blogs die Erzählung auf, deutsche Kultur werde von muslimischen Menschen verdrängt.

Angela Merkel blickt freundlich in die Kamera, doch der Satz, der neben ihr auf der viel geteilten Collage steht, sorgt für Angst und Empörung bei vielen Nutzern: „Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden.“ 

Jemand hat die zwei Sätze in Anführungsstriche gesetzt, so als habe die Kanzlerin das wirklich gesagt. Neben Angela Merkels Gesicht ist eine Deutschlandflagge samt Moschee montiert und der Hinweis: „Der größte Hochverrat in der europäischen Geschichte“. Seit Jahren taucht das falsche Zitat der Kanzlerin immer wieder im Netz auf und wird tausendfach geteilt.  

Ein frei erfundenes Angela-Merkel-Zitat hat der Blog Michael Mannheimer 2018 zusammen mit vielen anderen Webseiten verbreitet. (Screenshot: CORRECTIV)

Es ist ein Narrativ der Desinformation, das immer derselben Argumentation folgt: Eine angebliche Anpassung der deutschen Kultur aus Rücksichtnahme auf Muslime führe langfristig zu einer Islamisierung Deutschlands. 

Wer dieses Szenario vor Augen hat, für den kann schon ein angebliches Gummibärchen-Verbot im Kindergarten den Untergang des Abendlandes einläuten: 2018 gab es in einem Kindergarten in Österreich einen Streit um einen mit Gummibärchen belegten Geburtstagskuchen. Manche Arten von Gelatine können im Islam verboten sein. Webseiten konstruierten aus dem Streit die Falschmeldung, muslimische Eltern hätten ein generelles Gummibärchen-Verbot gefordert. Die Stadt sah sich daraufhin genötigt, sich öffentlich zu christlichen Feiern zu bekennen. Der Bürgermeister posierte demonstrativ mit Tüten voller Gummibärchen und übergab sie dem Kindergarten. 

Der Fall zeigt auch: Es müssen sich nur genug empörte Bürger melden, bis ein Bürgermeister bereit ist, Gummibärchen in die Kamera zu halten und das auch noch auf der offiziellen Homepage der Stadt hochzuladen.

Der Bürgermeister der österreichischen Stadt Mödling überreichte Vertreterinnen des Kindergarten Gummibärchen und stellte das Foto auf der Webseite der Stadt öffentlich. (Screenshot: CORRECTIV)

Kulturkampf in Schulen und Kindergärten?

Neben Kindergärten sind angeblich auch Schulen von Islamisierung bedroht. Im Januar 2019 machte auf Facebook ein Brief die Runde, in dem die Schulleiterin einer Grundschule in Dresden die Eltern über eine „Islam-Woche“ informierte. Sie empfahl den Kauf des Koran, kündigte den Besuch von Imamen an und bat um den Verzicht  auf Schweinefleisch als Frühstück. Wir fanden heraus: Der Brief war gefälscht

Kinderehen und angebliche Harems sind ein weiteres Lieblingsthema von desinformierenden Webseiten und Blogs. Um Schreckensmeldungen zu diesen Themen zu verbreiten, werden auch mal Politikeraussagen erfunden: Nein, Aydan Özoguz (SPD) hat als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Kinderehen nicht als „Aufgabe von Scharia-Gerichten“ bezeichnet. Die Grünen-Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg hat auch nicht gesagt „Wer gegen den Bau von Moscheen ist, soll Deutschland verlassen!”. Und die SPD-Politikerin Karen Taylor hat nicht verkündet; „„Es gibt kein Recht auf Heimat für euch Deutsche“. 

Die Bedrohung der Heimat 

Die Amadeu-Antonio Stiftung veröffentlichte 2017 den Bericht „Toxische Narrative – Monitoring rechts-alternativer Akteure“. Die Stiftung ist laut einem Sachstands-Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem Jahr 2018 „eine als gemeinnützig anerkannte Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Heidelberg, die sich für eine demokratische Zivilgesellschaft einsetzt und sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.“

In dem Bericht der Stiftung werden Narrative beschrieben, die zehn untersuchte „rechts-alternative“ Webseiten, darunter PI-News und Compact Magazin, am häufigsten nutzten. Dazu gehörte auch das Narrativ „Bedrohung von außen“, also Erzählungen darüber, dass Gefahr für Deutsche von Nicht-Deutschen ausgehe. 

Unter dieses Narrativ fällt auch die Erzählung, dass Deutschland ein islamisches Land zu werden drohe. Dann würde angeblich die Minderheit der Muslime in absehbarer Zeit zur Mehrheit und setze islamisches Recht und islamische Kultur und Religion durch. 

Scharia und Weihnachten

Wenn es nach vielen Falschmeldungen geht, dann ist diese Kulturübernahme bereits im vollen Gange. Deshalb sollen Muslime in einem Dortmunder Einkaufszentrum zum Beispiel auch den Weihnachtsbaum zerstört haben und ein Supermarkt als Reaktion prompt alle Weihnachtsprodukte aus dem Sortiment genommen haben. Beides stimmt nicht. Das Video stammt aus Ägypten. Sogar der Papst soll eine Islamisierung Europas schon als „Fortschritt für die Menschheit“ bezeichnet haben. Auch das stimmt so nicht

AfD-Politiker nahmen die angebliche Bedrohung der Islamisierung 2018 so ernst, dass sie sogar eine Satire-Meldung teilten, in der Politiker und Islamverbände angeblich die Übernahme der Scharia in das deutsche Rechtssystem forderten. Das war natürlich frei erfunden

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Besonders bedrohlich wurde es im Februar 2019. Der Blog Halle Leaks meldete, nicht mehr lange und alle Bewerberinnen der Miss-Germany-Wahl müssten wohl in Burka antreten. Um „sogenannte ‘religiösen Minderheiten’ nicht zu verletzen und keine Glaubenskriege in Berlin anzuzetteln“, gebe es ab jetzt keine Bikinis mehr zu sehen. Richtig ist: Die Veranstalter reagierten nach eigenen Angaben mit dem Verbot von Bikinis auf dem Laufsteg auf gesellschaftliche Entwicklungen. Es gehe nicht mehr länger nur um das Aussehen der Kandidatinnen und man wolle sich als emanzipierte Marke präsentieren. Burkas waren keine Alternative.

Schuld an der Änderung war also keine Islamisierung, sondern ein weniger sexistisches Frauenbild.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Migration verdrängt deutsche Traditionen“, „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“ und „Die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt“.

meinungsfreiheit
Wird in Deutschland die Meinungsfreiheit eingeschränkt? Das ist eine häufig wiederkehrende Behauptung. (Collage: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Tania Röttger

Kritik an Migration stehe unter Strafe, wer etwas gegen den Islam sagt, müsse Geld zahlen oder bekomme sein Kind entzogen – diese Behauptungen sollen belegen, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland angeblich gefährdet ist. Diese konkreten Beispiele sind falsch, aber das Gefühl, das sie erzeugen sollen, wirkt.

Ein Mann mit Baseball-Cap sitzt in einer Gefängniszelle, verzweifelt lässt er den Kopf hängen. Über der Zeichnung steht, dass Bürger ab dem 11. Dezember nur noch positiv über Migration sprechen dürften und Kritik als Hetze gelte, die unter Strafe stehe.

Am 11. Dezember 2018 wurde der UN-Migrationspakt offiziell angenommen. Die Sache mit der Strafe für Kritik war eine von vielen falschen Behauptungen über den Pakt. Unser Faktencheck zeigte, dass nicht Kritik bestraft werden sollte – sondern dass der Pakt Staaten dazu aufrief, Hasskriminalität wie Hassrede gegen Migranten unter Strafe zu stellen. Das war in Deutschland jedoch längst der Fall. 

Das Narrativ

Behauptungen, die mit konkreten Beispielen Angst machen sollen, sehen wir immer wieder. Sie suggerieren, dass bestimmte Dinge nicht mehr gesagt werden dürfen, dass man für bestimmte Äußerungen bestraft werde. Zu wessen Gunsten die Meinungsfreiheit angeblich eingeschränkt werden soll, liefern die Beiträge gleich mit: Wahlweise für den Islam, Flüchtlinge oder die Migration. 

Mal wird behauptet, ein Politiker habe gefordert, „Asylkritikern Grundrechte zu entziehen“, mal, dass Angela Merkel „Asylkritiker“ mit Kindesentzug bestrafen wolle

Beides ist falsch. Im ersten Beispiel ging es um einen Gastbeitrag von Peter Tauber in der Welt anlässlich des Mordes an Walter Lübke – er forderte, Artikel 18 des Grundgesetzes gegen Verfassungsfeinde anzuwenden, nicht gegen „Asylkritiker“. Und beim zweiten Beispiel wurde ein Artikel des deutschen Anwaltvereins extrem verzerrt. Eigentlich ging es nämlich darum, dass ein Elternteil sein Umgangsrecht mit einem Kind verlieren könnte, wenn es das Kind durch seine politische Gesinnung direkt gefährde. Mit Angela Merkel hatte das nichts zu tun.

Das Thema Migration sollte einer anderen Behauptung zufolge sogar die Ursache für die Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der EU gewesen sein. Sie sei nur eingeführt worden, um „Massenmigration“ zu verschleiern, behauptete ein Blogger. Einfach dadurch, dass die DSGVO angeblich die Fotografie verbiete. Unser Faktencheck ergab, dass beide Behauptungen falsch waren: Die DSGVO verlangt lediglich, dass abgebildete Menschen auf Fotos, die für kommerzielle Zwecke genutzt werden sollen, ihre Einwilligung geben müssen.

Wo das Narrativ auftaucht 

Diese Erzählungen sind nicht nur in Deutschland verbreitet. Sie existieren international. 

Die Falschmeldung zum Beispiel, die EU werde Kritik am Islam mit Geldstrafen belegen, erschien zuerst auf der Webseite des US-amerikanischen Gatestone Institutes, das nach unseren Recherchen schon mehrmals islamfeindliche Falschmeldungen veröffentlicht hat. Tatsächlich ging es in dem Text um verschiedene internationale Aktionspläne und Abkommen, keines von ihnen sah jedoch Geldstrafen für Islamkritik vor, wie unser Faktencheck zeigte. Strafbar waren weiterhin nur Straftaten wie Hassrede, Verleumdung oder Gewalttaten.

Ebenso falsch war die Meldung, dass jemand in England bis zu sieben Jahre Gefängnis fürchten müsse, wenn er oder sie Kritik am Islam übe. Auch hier ergab unser Faktencheck, dass die geplanten Strafen für Hasskriminalität gelten, nicht für Kritik an der Religion.

Die Beispiele erzeugen Sorge vor Fremdbestimmung. Dazu wandert ein Zitat des Philosophen Voltaire durch die Sozialen Netzwerke: „Wenn Du wissen willst, was Dich beherrscht, finde heraus, wen Du nicht kritisieren darfst.“ Allerdings ist dies gar kein Zitat von Voltaire, sondern stammt von einem Holocaustleugner.

Wir sehen also, wie versucht wird, die These der fehlenden Meinungsfreiheit mit falschen Behauptungen zu belegen.  

Was man nicht mehr sagen darf

Die Rechtslage ist eigentlich eindeutig. Die Meinungsfreiheit wird durch das Grundgesetz gewährt. Artikel 5 Absatz 1 schreibt vor: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. […] Eine Zensur findet nicht statt.“

Doch Umfragen zeigen, dass das Narrativ der eingeschränkten Meinungsfreiheit in Deutschland wirkt. 

Das Gefühl, dass Artikel 5 Absatz 1 in der Praxis nicht vollkommen gilt, ist offenbar weit verbreitet. Zum Beispiel gibt es eine Umfrage im Auftrag der Zeit, laut der 41 Prozent der befragten Ostdeutschen sagten, um die Meinungsfreiheit sei es heute nicht besser gestellt als in der DDR. Oder die Allensbach-Studie von Mai dieses Jahres, in der 71 Prozent der Befragten meinten, man könne sich beim Thema Flüchtlinge „leicht den Mund verbrennen, wenn man darüber spricht“. Gleiches meinten 66 Prozent für Äußerungen über den Islam und 63 Prozent für Äußerungen über Juden. 

Was hinter einem Gefühl oder einer Meinung steht, können wir natürlich nicht faktenchecken. 

Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung schreibt uns auf Anfrage per E-Mail: „Wenn Leute das Gefühl haben, sie könnten ihre Meinung nicht mehr sagen, dann verfängt die rechtsextreme Strategie, einerseits ganzen Gruppen von Menschen ihre demokratischen Grund- und Menschenrechte abzusprechen und sich gleichzeitig als Opfer zu inszenieren.“

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Dieses Gefühl sollte wohl auch angeregt werden, als ein Bundestagsabgeordneter der AfD behauptete, nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte sei der Schutz des Islam wichtiger als die Meinungsfreiheit. „Islam-Kritik verboten“ hatte er seinen Facebook-Beitrag betitelt. Das war eine Fehlinterpretation, wie unser Faktencheck belegte. Das Gericht hatte lediglich geurteilt, dass eine Österreicherin eine verhängte Strafe wegen „Herabwürdigung religiöser Lehren“ zahlen müsse. Sie hatte behauptet, dass der Prophet Mohammed pädophil gewesen sei.

Soziale Netzwerke sind Orte voll von „Kritik“

Wie die Studien zeigen, fühlen manche, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird – und wenn nicht von außen, dann aus dem Inneren derer, die es nicht mehr wagen, zu bestimmten Themen ihre Meinung zu äußern. 

Doch in den Sozialen Netzwerken sind zu den Themen Migration, Islam und Flüchtlinge sehr viele extreme, erschreckende und verletzende Meinungen zu finden. Und seit Einzug der AfD in den Bundestag gibt es auch dort viele Reden, die aus Kritik an diesen Themen bestehen.

Vielleicht steckt hinter dem Narrativ auch ein anderes Gefühl – dass man für seine Meinung kritisiert wird. Aber das Grundgesetz gibt niemandem das Recht, seine Meinung ohne Gegenstimmen verbreiten zu dürfen. Das Recht auf Kritik macht Meinungsfreiheit aus.

Wo endet Kritik, wo beginnt die Straftat?

In unterschiedlichen Ländern gibt es unterschiedliche Auffassungen davon, wie grenzenlos die Meinungsfreiheit ist. In Deutschland hat sie mehr Schranken als in den USA zum Beispiel. Eine Linie verläuft in unserem Land zwischen Meinungsfreiheit und Hassrede, die unter Umständen bestraft werden kann.

Zwischen Hassrede und Kritik besteht jedoch ein Unterschied. Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung schreib uns dazu: „Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein elementares Grundrecht. Sie deckt jede Äußerung ab, die nicht verboten ist.“ Verboten seien zum Beispiel die Leugnung des Holocaust oder Aufrufe zur Gewalt gegen marginalisierte Gruppen. „Es gibt also auch sehr viele abwertende Aussagen, die unüberlegt, gelogen, abwertend oder moralisch falsch sind – und dennoch erlaubt.“

Europäische und deutsche Gerichte verhandelten in den vergangenen Jahren immer wieder darüber, ob bestimmte Äußerungen über den Islam noch von der Meinungsfreiheit gedeckt, oder schon in Hassrede übergehen. Äußerungen von Personen, die die rechtlichen Grenzen des Sagbaren über Muslime und den Islam ausweiten wollen. 

Zum Beispiel Geert Wilders, der in einem Film im Jahr 2007 den Islam mit Terroranschlägen gleichsetzte; oder die rechtsextreme Partei Pro NRW, die 2012 ein Verfahren gewann mit der Folge, dass sie Mohammed-Karikaturen auf einer Demonstration mitführen durfte; oder die Österreicherin Sabaditsch-Wolff, die den Propheten Mohammed einen Pädophilen nennen wollte. Für manche gibt es sogar finanzielle Unterstützung – zum Beispiel vom US-amerikanischen islamfeindlichen Think-Tank Middle East Forum

Ob dies langfristig Auswirkungen hat, ob sich der Raum dessen, was Sagbar wird, vergrößert, bleibt abzuwarten.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Migration verdrängt deutsche Traditionen“ und „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“.

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Menschen, die die Debatte um den Klimawandel für hysterisch oder künstlich konstruiert halten, lassen sich leicht von dem Narrativ überzeugen, dass sich das Wetter oder das Klima gar nicht verändert hätten. (Bildcollage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ist die Klimadebatte hysterisch und das Wetter war früher gar nicht anders als heute? Um dieses Narrativ zu untermauern, suchen Webseiten, Blogger und Politiker fleißig in alten Quellen und Archiven. Wir erklären, weshalb manche Menschen lieber einem fast 130 Jahre alten Lexikon-Eintrag Glauben schenken, als der aktuellen Klimaforschung. 

Die Farbe Rot steht für Hitze, Warnung, Gefahr. Sie schreckt auf und fällt ins Auge – das galt auch für eine Wetterkarte der Tagesschau im Sommer 2019. Ganz Deutschland war darauf tiefrot gefärbt, die Zahlen zeigten Temperaturen von bis zu 33 Grad an. Wurde hier mit den Gefühlen der Zuschauer gespielt; eine Manipulation durch die Art, wie die Informationen dargestellt wurden?

Viele Menschen scheinen das zu glauben. Sie teilten im Juni eine Collage auf Facebook, die die rote Wetterkarte der Tagesschau neben eine andere Karte aus der Sendung von 2009 stellt. Diese zeigt augenscheinlich dieselben Temperaturen, aber auf einem harmlos wirkenden grünen Hintergrund. Eine Facebook-Seite namens „Einzelfall“ interpretiert das so: „Framing auch mit Farben im Wetterbericht: wo bei gleichen Temperaturen (!) vor 10 Jahren noch alles ‘im grünen Bereich’ war, wird heute aktiv Panik mit roter Warnfarbe betrieben – so wird in öffentlich rechtlichen Medien manipuliert!“

Diese Collage soll angeblich zeigen, dass früher Wetterkarten in der Tagesschau anders dargestellt wurden als heute. Das ist falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

Also alles Lug und Trug, um die Debatte um den Klimawandel weiter aufzuputschen? Unsere Recherche zeigte: Der Facebook-Beitrag führt in die Irre. Er bedient ein populäres Narrativ: Dass die Warnungen von Aktivisten, Politikern und Medien völlig übertrieben seien. Dass der Mensch oder das CO2 keinen Einfluss auf das Klima hätten.

Oder, mit anderen Worten: 

„Früher war es auch schon warm!“ 

   Immer wieder begegnen wir Beiträgen in Sozialen Netzwerken, die diese Botschaft transportieren sollen. Sie stellen sich oft als Irreführungen oder Falschmeldungen heraus. So waren die Vorwürfe gegen die Tagesschau haltlos; die zwei Wetterkarten zeigten unterschiedliche Prognosen. Die rote Karte war die Wettervorhersage für den kommenden Tag, die grüne eine Drei-Tages-Vorschau. Diese Farbgestaltung der Sendung hat sich seit vielen Jahren nicht verändert. 

Doch manche Menschen haben offenbar den Eindruck, dass die Debatte über den Klimawandel hysterisch oder künstlich konstruiert sei. In den Kommentarspalten bei Facebook liest man Reaktionen wie: „Gibt doch jedes Jahr Rekord- und Jahrhundert-Temperaturen. Irgendwie muss man ja den Glauben an den Klimawandel aufrecht erhalten.“ Oder: „Jeder macht ein Drama wegen eines normalen Sommers, nur weil die Medien immer so ein Drama veranstalten.“ Viele vermischen die Missbilligung der Debatte mit ihren eigenen Erfahrungen: Ja, als man selbst Kind war, da gab es auch schon sehr heiße Sommer. 

„1975 waren es schon mal 40 Grad“

Für dieses Narrativ suchen Menschen im Netz fleißig nach Argumenten – zum Beispiel in alten Quellen und Archiven. Diese Informationen wirken überzeugend, weil sie an sich echt sind. Durch ihre Interpretation werden sie zur Desinformation.

Im Juli 2019 verbreitete sich auf Facebook auch ein Foto eines Artikels aus der Bild-Zeitung von 1975 mit dem Titel „40 Grad Hitze. Jetzt wird das Wetter lebensgefährlich!“. Darunter kommentierte ein Nutzer, in den 70ern sei er selbst ein Kind gewesen: „Wir hatten immer einen heißen Sommer! Ob es jetzt 40 Grad waren, kann ich nicht mehr sagen! Aber 35/36 waren es täglich immer! Und? Ich bin noch am Leben (welch Wunder). Ich kann diesen ganzen Mist von wegen Klimawandel etc. nicht mehr hören!“

Ein alter Artikel der Bild-Zeitung vom 8. August 1975 wurde im Sommer 2019 auf Facebook verbreitet. (Screenshot: CORRECTIV)

Den alten Zeitungsartikel vom 8. August 1975 hat jemand abfotografiert und ins Netz gestellt. Der Verfasser des Facebook-Beitrags schrieb dazu: „Für diejenigen die meinen das [sic] die aktuellen Temperaturen etwas ungewöhnliches wären. Das war vor 44 Jahren!“ Sein Kommentar zielt klar auf die Klima-Debatte ab, dabei sind Wetter und Klima zwei verschiedene Dinge

Wer genau hinschaute, konnte dem Zeitungsartikel entnehmen, dass es sich bei den 40 Grad um eine Wettervorhersage für das bevorstehende Wochenende in Essen handelte. Wir recherchierten, dass diese Prognose nicht zutraf: Am 10. August 1975 waren es in Essen tatsächlich 30,8 Grad. Auch eine weitere Angabe in dem Bild-Artikel, der bisherige Hitzerekord von 39,9 Grad sei am 23. Juli 1911 in Jena gemessen worden, stimmte laut Deutschem Wetterdienst nicht: Wie uns ein Sprecher mitteilte, waren es an dem Tag in Jena 37,2 Grad. Viele Menschen nehmen auf Facebook jedoch nur die Schlagzeile wahr. 

„Seit 1890 ist die CO2-Menge in der Luft gar nicht gestiegen“

Der Bild-Artikel ist 44 Jahre alt. Das lässt sich sogar noch übertreffen: Im Sommer kursierte auf Facebook auch ein Foto einer alten Buchseite mit Frakturschrift. Es ist ein Eintrag in der Enzyklopädie „Meyers Konversations-Lexikon“ aus der Auflage von 1885 bis 1892. Dort steht, der Anteil von CO2 in der Atmosphäre betrage „etwa 0,04 Prozent“. 400 ppm (parts per million) – das wäre etwa genauso viel wie heute. „Recherche bedeutet Mühe, wird aber immer wieder belohnt“, schreibt ein Nutzer auf Facebook dazu triumphierend. 

Hat er hier wirklich den Beweis gefunden, dass es keinen Klimawandel gibt – oder dass er von allein geschieht und CO2 keinen Einfluss hat? 

Ein Facebook-Beitrag mit den Auszügen aus Meyers Konversations-Lexikon. (Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Recherche hat gezeigt: Die alten Messmethoden waren ungenau, nach neueren Erkenntnissen kann der Wert von 400 ppm im Jahr 1890 nicht stimmen. Kontinuierliche Messungen der CO2-Konzentration gibt es erst seit den 1950er-Jahren, historische Werte können durch Lufteinschlüsse in Eiskernbohrungen belegt werden. Der Wert von 400 ppm CO2 in der Atmosphäre (global) wurde erstmals 2015 überschritten

Menschen bevorzugen das Narrativ gegenüber Fakten und aktueller Forschung

Alle drei Beispiele waren auf Facebook sehr erfolgreich. Sie wurden viele tausend Mal geteilt: Der Bild-Artikel erreichte bisher mehr als 27.000 Shares, der Beitrag über die historische CO2-Konzentration lag zum Zeitpunkt unseres Faktenchecks bei mehr als 9.000 Shares. Die Botschaft verbreitet sich, weil sie sich – scheinbar – auf valide Quellen stützt und ein komplexes Thema stark vereinfacht. Sie greift das Unbehagen der Menschen auf, die glauben, ihnen solle das Geld aus der Tasche gezogen werden mit dem Vorwand, die Klimaschutzziele zu erreichen. Ihnen wird suggeriert, dass dies alles ein großer Betrug sei. 

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Das Auslassen von Informationen spielt hierbei eine große Rolle: Beim Bild-Artikel traf die Wetterprognose nicht zu. Wie sich die CO2-Konzentration in der Atmosphäre wirklich entwickelt hat, haben Wissenschaftler mit neuesten Methoden gemessen. Und was das Wetter angeht: Experten betonen schon lange, dass einzelne Wetterereignisse keine Belege für den Klimawandel sind. Erst in der Betrachtung über einen längeren Zeitraum ergeben sich Muster – und die zeigen eine klare Zunahme der heißen Jahre in Deutschland seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881. 

Auch der Klimatologe Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erklärte im Juni 2019, als alle über das Wetter sprachen: „Wetterdaten zeigen, dass Hitzewellen und andere Wetterextreme in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen haben. Die heißesten Sommer in Europa seit dem Jahr 1500 unserer Zeitrechnung ereigneten sich alle seit der letzten Jahrhundertwende: 2018, 2010, 2003, 2016, 2002. Monatliche Hitzerekorde auf der ganzen Welt treten heute fünfmal häufiger auf, als es bei einem stabilen Klima der Fall wäre.“ 

Dennoch glauben manche Menschen lieber einem fast 130 Jahre alten Eintrag in Meyers Konversations-Lexikon als der modernen Wissenschaft mit ihren technischen Möglichkeiten. Denn er bestätigt ihre Überzeugung.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Narrativ der Desinformation: Migration verdrängt deutsche Traditionen“.

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Als Reaktion auf eine Falschmeldung, der Schokoladen-Weihnachtsmann werde in einem Supermarkt zu „Jahresendfigur“ umbenannt, fragte ein Facebook-Nutzer: „Warum darf man uns im eigenen Land den Glauben wegnehmen?“ (Symbolhafte Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Cristina Helberg

„Zipfelmützenmann“ statt Nikolaus, „Traditionsrose“ statt Pfingstrose und „Traditionshasen“ statt Osterhasen: Gehen Traditionen verloren, weil Menschen mit anderen Religionen in Deutschland leben? Das Narrativ nutzen Rechte rund ums Jahr zu verschiedenen Anlässen – oft dienen Falschmeldungen als vermeintliche Belege.

Die Schokoladen-Weihnachtsmänner im Supermarktregal sehen aus wie jedes Jahr, nur das Preisschild nicht: „Jahresendfigur“ steht dort. Ein Foto davon veröffentlichte ein Nutzer Mitte November auf Facebook, zusammen mit der Behauptung, es zeige das neue Sortiment einer großen Supermarktkette in Deutschland. Eine Falschmeldung, wie unsere Recherche ergab. Doch die Empörung lies im Netz nicht lange auf sich warten und die Wenigsten hinterfragten das Foto. 

Unter dem Beitrag kommentierten Nutzer: „Unfassbar… warum darf man uns im eigenen Land den Glauben wegnehmen???“, „Aber eine Islamisierung findet nicht statt..“, „Unfassbar wie wir auf Muslime Rücksicht nehmen Sie aber auf uns überhaupt nicht“, „Bitte lasst die Jahresendfigur in den Regalen, genauso wie den Winterstern“ und „Wer sowas kauft sollte einen Stempel in den Ausweis bekommen als Deutschlandhasser“.  

Obwohl im Originalbeitrag nichts von Muslimen stand, war das Foto für viele Kommentatoren der vermeintliche Beweis für einen drohenden Untergang der deutschen Kultur. Und das hat einen Grund: Rechte Webseiten, Blogger und Politiker wiederholen  diese Erzählung seit Jahren. Die Botschaft ist immer dieselbe: Traditionelle deutsche Produkte und christliche Traditionen werden angeblich aus Rücksicht auf Andersgläubige neutral umbenannt. 

„Lichterfeste, Wintermärkte und abgesagte Weihnachtsfeiern – Alice Weidel: ‘Wie lange dürfen wir Weihnachten noch feiern?’ “, Schlagzeile der Webseite PI-News vom 20. Dezember 2017 (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Taktik steckt hinter den Falschmeldungen

Durch immer wiederkehrende Falschmeldungen soll im Kopf der Leser ein bestimmtes Narrativ dauerhaft verfestigt werden: Andersgläubige bedrohten unsere Kultur. Toleranz führe zur Aufgabe deutscher Traditionen. Neben einer angeblichen Kulturverdrängung durch Andersgläubige gibt es zahlreiche andere Erzählmuster der Desinformation: Erzählungen über eine angebliche Manipulation und Zensur der Presse und Sozialen Netwerken, die Ankündigung eines „Bevölkerungsaustauschs“, der Deutsche gegenüber Geflüchteten und Migranten zur Minderheit mache, und Behauptungen über eine drohende Islamisierung. 

Vor Weihnachten wird von all diesen Narrativen besonders gerne das der drohenden Kulturverdrängung ausgespielt – so wie im Fall der Weihnachtsmänner. Aber auch rund um das Jahr gilt: Wo eine deutsche Tradition ansteht, sind auch Desinformanten nicht weit. 

Auch Ostern und Pfingsten sind angeblich bedroht

Pfingstrosen, Schoko-Osterhasen und Weihnachtsmärkte – zu all diesen Produkten kursierten schon Falschmeldungen, sie seien im Sinne der Toleranz umbenannt worden. 

Mindestens seit 2015 teilen Faceboook-Nutzer die falsche Behauptung, aus „Respekt vor der islamischen Kultur“ würden die Grünen den Namen des Nikolauses in „Zipfelmützenmann” ändern wollen, wir veröffentlichten dazu einen Faktencheck. Den Untergang des Abendlandes befürchteten viele Menschen auch im November 2017, als eine Weihnachtsstern-Pflanze angeblich in „Liebesstern“ umbenannt wurde. Damals stellte der vertreibende Baumarkt klar, dass es sich um zwei unterschiedliche Pflanzen handelte, wie die Faktenchecker von Mimikama recherchierten. Trotzdem griffen rechte Internetseiten das Thema dieses Jahr wieder auf, wie Recherchen des Bayerischen Rundfunks zeigen. 

Der Facebook-Kommentar eines Baumarktes zu Vorwürfen, der Weihnachtsstern sei in Liebesstern umbenannt worden (Screenshot: CORRECTIV).

Die österreichische Zeitung Wochenblick behauptete im Mai 2018, „wegen Muslimen“ würden Blumenläden die christliche Bezeichnung „Pfingstrose“ in „Traditionsrose“ ändern. Die Sache hatte nur einen Haken: Die Blumenläden gab es gar nicht, wie unser Faktencheck zeigte. Auch Schoko-Osterhasen gerieten schon in das Visier der Verteidiger des Abendlandes, weil sie auf Kassenbons als Traditionshasen gelistet wurden. Was dahinter steckt, haben wir in diesem Faktencheck im März 2018 aufgeschrieben.  

Im November 2018 lehnten sich Betreiber einer Facebook-Seite besonders weit aus dem Fenster und behaupteten, Weihnachten werde abgeschafft, weil auf einem Plakat ein Weihnachtsmarkt als Lichtermarkt angekündigt wurde und das Kind auf dem Plakat nicht weiß war. Die Geschäftsführerin des betroffenen Weihnachtsmarktes in Elmshorn erklärte uns damals: „Der Markt hat auf jeden Fall einen christlichen Hintergrund.“ Er sei ein traditioneller, klassischer Weihnachtsmarkt. Den Namen Lichtermarkt gebe es seit 2007. Der Grund: 120.000 Lichtpunkte in der Weihnachtsbeleuchtung seien ein Alleinstellungsmerkmal. Der Name war demnach nicht gewählt, um sich zu distanzieren. Und Weihnachten wurde 2018 auch gefeiert.

Nicht immer waren Meldungen über Umbenennungen, die wir geprüft haben, also frei erfunden. Manchmal waren sie aus dem Kontext gerissen oder es gab bestimmte Gründe für die Begriffe.

Narrativ der Kulturverdrängung durch Toleranz 

Die Amadeu-Antonio Stiftung veröffentlichte 2017 den Bericht „Toxische Narrative – Monitoring rechts-alternativer Akteure“. Die Stiftung ist laut einem Sachstands-Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem Jahr 2018 „eine als gemeinnützig anerkannte Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Heidelberg, die sich für eine demokratische Zivilgesellschaft einsetzt und sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.“

In dem Bericht der Stiftung werden Narrative beschrieben, die zehn untersuchte „rechts-alternativen“ Webseiten, darunter PI-News und Compact Magazinam häufigsten nutzten. Dazu gehörte auch das Narrativ „Bedrohung von außen“, also Erzählungen darüber, dass Deutschen Gefahr durch Nicht-Deutsche drohe. 

Gezeichnet werde damit das Bild eines angeblichen Angriffs auf deutsche Identität und Kultur, die durch „Volksaustausch“ und „Islamisierung“ bedroht seien. „Konkret sind dies zum Beispiel Erzählungen darüber, dass in Kindergärten kein Weihnachten mehr gefeiert werden dürfe oder der Weihnachtsmarkt in Wintermarkt umbenannt werden müsse. Durch solche Erzählungen wird Toleranz negativ überspitzt und als nachteilig für die eigene Identität inszeniert“, schreibt die Amadeu-Antonio Stiftung. 

Aber nicht nur von Andersgläubigen und Zugezogenen wird die deutsche Tradition in dieser Logik bedroht. Es gebe auch Varianten, in denen für diese Angriffe nicht „Fremde“, sondern der politische Gegner verantwortlich gemacht würden, schreibt die Stiftung. „Häufig sind es Erzählungen darüber, dass zum Beispiel die Grünen etwas fordern würden, das konträr zur deutschen Kultur stünde.“ Womit wir wieder beim „Zipfelmützenmann“ wären. 

Die AfD und der Osterhase

In ihrem Bericht untersuchte die Stiftung auch die Facebook-Seite der Bundes-AfD. Die „Bedrohung von außen und innen“ waren dort die zwei am häufigsten genutzten Narrative. In 15 Beiträgen im Untersuchungszeitraum thematisierte die AfD angebliche Angriffe auf deutsche Kultur und Identität. 

Auch auf die weiter oben erwähnte Meldung zum umbenannten Schoko-Osterhasen war die Partei damals aufgesprungen. Der damalige AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen schrieb in einem Facebook-Beitrag: „Unser Land ist christlich geprägt, nicht islamisch; deshalb heißt es bei uns Osterhase, Osterei und Osterfest – nicht dagegen Traditionshase, Traditionsei und Traditionsfest.“

Facebook-Beitrag von Jörg Meuthen vom 29. März 2018 (Screenshot: CORRECTIV)

Unglücklich nur, dass die AfD selbst ihre parteieigenen Schoko-Osterhasen 2017 als „Schokohasen“, statt „Osterhasen“ bezeichnet hatte. Erst nach der öffentlichen Diskussion benannte die AfD sie im März 2018 in ihrem Facebook-Beitrag um: in „Schokoosterhasen“. Die Umbenennung ist im Bearbeitungsverlauf des Facebook-Beitrags weiter sichtbar.

Bearbeitungsverlauf des AfD-Facebook-Beitrags (Screenshot: CORRECTIV)

Wenn Sie das nächste Mal von umbenannten Pfingstrosen, Schoko-Osterhasen und Weihnachtsmärkten lesen, handelt es sich also mit großer Wahrscheinlichkeit um eine neue deutsche Tradition: Falschmeldungen, die vorgeben, das Abendland zu verteidigen.

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Eine Auswahl unserer Faktenchecks, die im November besonders relevant waren. (Collage: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Bei unserer Arbeit als Faktenchecker sehen wir im Netz jeden Tag Meldungen und Bilder, die darauf ausgelegt sind, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen und gegen andere aufzuhetzen. Oft sind Nutzer verunsichert – inzwischen erreichen uns viele Einreichungen mit der Bitte, Behauptungen zu prüfen. In unserer monatlichen Übersicht geben wir einen Einblick in die Welt der Gerüchte.

Unsere Faktenchecks zu den vier meist-geteilten Behauptungen, die wir im November geprüft haben

Nein, dieser Kleintransporter beförderte keine gestohlenen Hunde für Kämpfe in Europa

Ein Facebook-Nutzer warnt, dass Hundediebe in einem weißen Mercedes-Sprinter mit spanischen Kennzeichen „unsere Hunde für Hundekämpfe rund um Europa“ transportieren würden. Diese Behauptung ist falsch, trotzdem kursiert sie seit langer Zeit und in mehreren Sprachen in den Sozialen Netzwerken.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 30.000 Mal geteilt.

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Doch, deutsche Medien haben über die Bauernproteste in den Niederlanden berichtet

Auf Facebook verbreiten Nutzer falsche Behauptungen über die Bauernproteste in den Niederlanden  im Oktober. Es stimmt nicht, dass deutsche Medien diese ignoriert hätten. Und es gibt auch keine Pläne der niederländischen Regierung, 50 Prozent der Bauern die Arbeit wegzunehmen.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 14.000 Mal geteilt.

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Spanien: Keine Belege für Quälerei von Stieren vor Stierkämpfen

Eine Facebook-Seite veröffentlichte einen Beitrag, laut dem Stiere vor traditionellen Stierkämpfen angeblich tagelang gequält werden. Darüber hinaus wird suggeriert, die Kämpfe würden mit deutschen Steuergeldern subventioniert. Wir haben nachgefragt.

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Nein, Trump nannte die Republikaner 1998 im „People Magazine“ nicht „dümmste Gruppe von Wählern“

Im Netz verbreitet sich seit Jahren eine angebliche abfällige Bemerkung Donald Trumps über republikanische Wähler. Doch das Zitat ist falsch.

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Unsere vier meist-gelesenen Faktenchecks im November

Nein, Oliver Welke hat keinen Bitcoin-Investment-Deal angepriesen

Manchmal benutzen Webseiten ungefragt Namen und Gesichter prominenter Menschen, um ihre Produkte zu bewerben. So ein Fall kursiert gerade im Zusammenhang mit Bitcoin.

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Nein, Botschafter Richard Grenell hat Deutschland nicht als „US-Protektorat“ bezeichnet

Hat der US-Botschafter Deutschland als ein „Protektorat“ der USA bezeichnet? Nein: Das angebliche Interview mit Richard Grenell ist frei erfunden. Es stammt ursprünglich von einer Satire-Seite.

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Nein, der Begriff „Black Friday“ entstand nicht durch Sklavenhandel

Der Black Friday wird auch in Deutschland immer bekannter. Aber warum heißt der Tag eigentlich so? Seit mehreren Jahren taucht immer wieder eine Behauptung auf: Ursprünglich seien an diesem Tag Sklaven verkauft worden. Das ist falsch.

„Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin“: Ein unbelegtes Zitat von Angela Merkel und seine Geschichte

Seit 2015 kursiert eine angebliche Aussage von Angela Merkel aus einer Fraktionssitzung der Union. Sie wird als wörtliches Zitat verbreitet – doch eine offizielle Bestätigung gibt es dafür nicht. Denn die Sitzungen sind nicht öffentlich.
Unbenannte Präsentation
Eine Auswahl unserer Faktenchecks, die im Oktober besonders relevant waren. (Collage: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Bei unserer Arbeit als Faktenchecker sehen wir im Netz jeden Tag Meldungen und Bilder, die darauf ausgelegt sind, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen und gegen andere aufzuhetzen. Oft sind Nutzer verunsichert – inzwischen erreichen uns viele Einreichungen mit der Bitte, Behauptungen zu prüfen. In unserer monatlichen Übersicht geben wir einen Einblick in die Welt der Gerüchte.

Unsere Faktenchecks zu den vier meist-geteilten Behauptungen, die wir im Oktober geprüft haben

Nein, es gibt keine Hinweise auf Crystal Meth, das als „Brausepulver“ an Schulen kursiert

Auf Facebook wird seit 2016 eine Warnung vor einer angeblich neuen Droge verbreitet. Dabei handele es sich um Crystal Meth mit „verschiedenen Geschmacksrichtungen“ wie Erdbeere und Wassermelone, das aussehe wie ein „Brausepulver“. Dem BKA ist kein solcher Fall bekannt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 66.000 Mal geteilt.

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Nein, Asylbewerber bekommen den Führerschein nicht generell „zum Nulltarif“

Die Webseite „Votum24“ suggeriert in einem Artikel, Asylbewerber würden den Führerschein generell bezahlt bekommen. Richtig ist: Für die Übernahme der Kosten gelten laut Agentur für Arbeit die gleichen Bedingungen wie für Deutsche.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 14.000 Mal geteilt.

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Offener Brief zum Klimawandel: Weder haben „500 Wissenschaftler“ unterzeichnet, noch stimmen alle Behauptungen

Einige Medien berichten über einen offenen Brief an die UN, den 500 Wissenschaftler unterzeichnet haben sollen. Darin wird erklärt, es gebe keinen „Klimanotfall“. Die aufgestellten Thesen sind ohne Kontext und teils irreführend. Außerdem sind nicht alle Unterzeichner Wissenschaftler.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 12.000 Mal geteilt.

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Nein, Grippe-Impfstoffe in Deutschland enthalten kein Quecksilber

Ein Artikel behauptet, Grippe-Impfungen enthielten Quecksilber in giftigen Mengen und führt damit in die Irre. In den USA wird teilweise eine Art Quecksilber als Konservierungsmittel eingesetzt, es gilt aber in so geringen Mengen als unbedenklich. In Deutschland enthalten normale Grippe-Impfstoffe kein Quecksilber.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 11.000 Mal geteilt.

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Unsere vier meist-gelesenen Faktenchecks im September

Nein, Flüchtlinge kosten Deutschland nicht „bis zu 55 Milliarden Euro pro Jahr“

Auf Facebook verbreitet sich die Behauptung, die Versorgung von Flüchtlingen würde Deutschland 55 Milliarden jährlich kosten. Das ist falsch. Die Berechnung ist von 2015 und ging von viel zu hohen Ankunftszahlen pro Jahr aus. 

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Offener Brief zum Klimawandel: Weder haben „500 Wissenschaftler“ unterzeichnet, noch stimmen alle Behauptungen

Einige Medien berichten über einen offenen Brief an die UN, den 500 Wissenschaftler unterzeichnet haben sollen. Darin wird erklärt, es gebe keinen „Klimanotfall“. Die aufgestellten Thesen sind ohne Kontext und teils irreführend. Außerdem sind nicht alle Unterzeichner Wissenschaftler.

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Viraler Leserbrief von 2017: Nein, Asylbewerber sind nicht alle Privatpatienten

Die Facebook-Seite „Gelbwesten Deutschland“ verbreitet einen Leserbrief und suggeriert, dass alle Asylbewerber Privatpatienten seien und deren Privilegien genießen würden. Das ist nicht richtig – zudem fehlt Kontext zu dem Zeitungsausschnitt.

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Irreführender Auszug aus Jobcenter-Brief an „Flüchtlingsfamilie“ im Umlauf

Ein illegal auf Facebook veröffentlichter Jobcenter-Bescheid an eine fünfköpfige Familie in Berlin soll den Eindruck erwecken, Flüchtlinge würden mehr Arbeitslosengeld bekommen als Deutsche. Das ist falsch. Den größten Kostenfaktor in diesem Fall macht Geld für eine Wohnunterkunft aus. 

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Eine Auswahl unserer Faktenchecks, die im September besonders relevant waren. (Collage: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Bei unserer Arbeit als Faktenchecker sehen wir im Netz jeden Tag Meldungen und Bilder, die darauf ausgelegt sind, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen und gegen andere aufzuhetzen. Oft sind Nutzer verunsichert – inzwischen erreichen uns viele Einreichungen mit der Bitte, Behauptungen zu prüfen. In unserer monatlichen Übersicht geben wir einen Einblick in die Welt der Gerüchte.

Unsere Faktenchecks zu den vier meist-geteilten Behauptungen, die wir im September geprüft haben

Vergewaltigung in Lüneburger Kurpark 2016? Ermittlungen wurden wegen „erheblicher Zweifel“ an den Darstellungen eingestellt

In einem Artikel von 2016, der aktuell wieder tausendfach geteilt wird, ist von einer angeblichen „Gruppenvergewaltigung durch Islamisten“ in Lüneburg die Rede. Die Polizei sagt gegenüber CORRECTIV: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat es diese Tat nicht gegeben.“

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 53.000 Mal geteilt.

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Doch, Medien berichteten über die Brände im Amazonasgebiet

Bei Facebook teilte eine Nutzerin eine Bildcollage brennender Wälder. Sie behauptet, es gebe keine Medienberichterstattung darüber. Das ist falsch. Die von ihr geteilten Fotos zeigen wahrscheinlich Brände in Bolivien.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 38.000 Mal geteilt.

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Ja, das Rentenniveau in Deutschland ist niedriger als in Österreich

Eine Grafik, die auf Facebook kursiert, präsentiert angeblich das Rentenniveau in Deutschland und Österreich. Die Werte sind irreführend – die Grundaussage stimmt aber trotzdem. 

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 34.000 Mal geteilt.

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Ja, in Berlin werden Elektro-Roller zum Aufladen auch durch Fahrzeuge mit Dieselmotoren eingesammelt

In einem Facebook-Beitrag, der derzeit häufig geteilt wird, wird behauptet, dass in Berlin jeden Abend Elektro-Roller zum Aufladen durch Dieselfahrzeuge eingesammelt würden. Dass zum Transport der E-Scooter teilweise Fahrzeuge mit Dieselmotor eingesetzt werden, ist richtig. 

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 19.000 Mal geteilt.

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Unsere vier meist-gelesenen Faktenchecks im September

Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft. 

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Diese Grafik über das AfD-Wahlprogramm für Sachsen stimmt größtenteils

Ein Nutzer teilt auf Facebook eine Grafik mit Behauptungen über das AfD-Programm 2019 für Sachsen. Es werden 25 Forderungen oder Aussagen genannt. Bis auf zwei Ausnahmen finden diese sich tatsächlich alle so im Wahlprogramm.

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Ja, das Rentenniveau in Deutschland ist niedriger als in Österreich

Eine Grafik, die auf Facebook kursiert, präsentiert angeblich das Rentenniveau in Deutschland und Österreich. Die Werte sind irreführend – die Grundaussage stimmt aber trotzdem. 

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Nein, nicht alle Menschen, die andere in den vergangenen Jahren vor Züge stießen, sind Zuwanderer

Ein Facebook-Beitrag behauptet pauschal, dass „fast alle“ Menschen, die andere Personen in den vergangenen Jahren vor Züge gestoßen haben, Zuwanderer seien. Eine Recherche von CORRECTIV zeigt, dass das nicht der Realität entspricht. 

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UN-GENERAL-ASSEMBLY-DIPLOMACY
Außenminister Heiko Maas bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung. (Foto: Johannes EISELE / AFP)

von Alice Echtermann , Till Eckert , Tania Röttger

In seiner Rede bei der UN-Generalversammlung sprach Außenminister Heiko Maas vor allem über Deutschlands Beitrag zu internationalen Friedensprozessen – und über die Beteiligung von Frauen, die noch viel zu gering sei. Wir haben neun seiner Aussagen überprüft. 

In seiner Rede bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 25. September stellte Außenminister Heiko Maas (SPD) neun konkrete Behauptungen auf. CORRECTIV hat sie einem Faktencheck unterzogen. (Hier die Rede im Video.)  

1. Der Konflikt in der Ukraine habe inzwischen „über 13.000 Menschen“ das Leben gekostet.

Richtig: Die Zahl der 13.000 getöteten Menschen durch den Ukraine-Konflikt findet sich unter anderem in einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars vom 14. Juni. Dort steht: „Rund zwei Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und 13.000 Menschen durch den Konflikt in der Ostukraine getötet, der nach einem Waffenstillstandsabkommen mehr als vier Jahre andauert.“

Aus einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Zahl wird außerdem auf der Webseite der EU-Kommission unter „Fakten und Zahlen“ zum Ukraine-Konflikt genannt. Dort heißt es, sehr seien „mehr als 13.000 Menschen“ getötet worden. 

Zahlen zum Ukraine-Konflikt auf der Webseite der EU-Kommission. (Screenshot: CORRECTIV)

2. Die Brücke von Stanyzja Luhanska (Ukraine) sei mehr als vier Jahre zerstört gewesen, jetzt werde sie wieder aufgebaut. Kriegsgerät werde abgeführt, Soldaten abgezogen.

Richtig: Dass bei der Brücke nahe der im Konflikt strategisch wichtigen Ortschaft Stanyzja Luhanska Soldaten und Kriegsgerät abgezogen werden, stimmt laut Berichten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vom 30. Juni 2019. Beide Konfliktparteien hätten mitgeteilt, dass sie sich aus der Region zurückgezogen hätten.

Darüber, dass die Brücke über den Fluss Siwerskyj Donez wieder aufgebaut werden soll, haben Medien unter Berufung auf eine Mitteilung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj berichtet. Auf dem Youtube-Kanal der Oblast Luhansk, der zuständigen Verwaltungseinheit in der Ukraine, kann der Fortschritt der Bauarbeiten in Echtzeit verfolgt werden. Maas’ Aussage dazu stimmt demnach ebenfalls.

3. Unter den UN-Blauhelmen bei der Friedensmission in Mali seien fast 1.000 Deutsche.

Richtig: Aus einem Bericht der Bundeswehr, der Truppenkontingente in verschiedenen Ländern auflistet, geht hervor, dass aktuell (Stand 16. September) 954 deutsche Einsatzkräfte an der Minusma-Operation der UN in Mali teilnehmen. Dies sind also wirklich „fast 1.000“. Weitere 143 Einsatzkräfte sind an der EUTM-Operation in Mali beteiligt, dabei handelt es sich allerdings um eine Europäische Mission. Insgesamt sind 1.097 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Mali. 

4. Deutschland habe mit Frankreich die „Internationale Partnerschaft für Sicherheit und Stabilität im Sahel“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative gibt es. In einem Papier des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung ist der „Aktionsplan zur Sahel-Partnerschaft“ beschrieben. Darin steht: „Frankreich und Deutschland beabsichtigen, diese Initiative im Herbst 2019 im Rahmen einer Auftaktkonferenz zu lancieren.“ Angela Merkel und Emmanuel Macron stellten den Aktionsplan beim G7-Treffen in Biarritz im August 2019 vor; die Führungsspitze der G7 nahm ihn an.

5. Deutschland sitze seit einem Dreivierteljahr im Sicherheitsrat.

Richtig: Seit dem 1. Januar 2019 ist Deutschland nichtständiges, vollwertiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. 

6. Stabiler Frieden sei um ein Drittel wahrscheinlicher, wenn Frauen an dem Prozess beteiligt sind.

Unbelegt: Die Aussage ist zwar durch eine Studie gedeckt, die vom International Peace Institute veröffentlicht wurde – diese kann jedoch keine eindeutige kausale Beziehung zwischen der Anwesenheit von Frauen und der Stabilität von Friedensverträgen herstellen.  

Auf der Webseite des US-amerikanischen Think-Tanks Council on Foreign Relations steht: Durch die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen liege die Wahrscheinlichkeit, dass das Abkommen mindestens 15 Jahre hält, um 35 Prozent höher. Das entspricht etwa der Aussage von Heiko Maas – ein Drittel wären rund 33 Prozent. 

Auszug aus einem Text des Think-Tanks Council on Foreign Relations. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quelle gibt der Council on Foreign Relations einen Artikel des International Peace Institute an. Auf Seite 12 steht: „Wenn Frauen an Friedensprozessen beteiligt sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das resultierende Abkommen mindestens zwei Jahre hält, um 20 Prozent. Die Beteiligung von Frauen hat langfristig einen sogar noch größeren Einfluss: Dass ein Abkommen 15 Jahre hält ist um 35 Prozent wahrscheinlicher, wenn Frauen daran beteiligt waren.“

Die Daten stammen laut dem Bericht von Laurel Stone von der US-amerikanischen University of Notre Dame. Ihre Arbeit sei noch nicht veröffentlicht worden (Fußnote Seite 12). Sie habe die Anwesenheit von Frauen als Unterhändlerinnen, Mediatorinnen, Zeugen und Unterzeichnerinnen von 182 Friedensabkommen zwischen 1989 und 2011 ausgewertet, und erfasst, wie lange diese Abkommen gehalten haben. Sie kam zu dem Schluss, „dass die Teilnahme von Frauen einen statistisch signifikanten, positiven Einfluss auf den Frieden“ habe. 

Allerdings erklärt der Bericht auch, Stones Auswertung habe Einschränkungen: Sie erfasse nicht das Maß des Einflusses, den die Frauen hatten, oder ihre genaue Anzahl, und unterscheide auch nicht zwischen dem relativen Wert der verschiedenen Formen der Beteiligung. 

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Zudem ist die Beteiligung von Frauen laut Stone nicht der einzige positive Einfluss auf die Langlebigkeit von Friedensabkommen; auch Demokratie spiele zum Beispiel eine Rolle (Seite 34). Oft würden die Variablen „Demokratie“ und „Beteiligung von Frauen“ gemeinsam auftreten. „Daher könnte die Kausalität in zwei Richtungen auftreten: Demokratie könnte die Gleichberechtigung der Geschlechter in einem konfliktbelasteten Land begünstigen, oder die Präsenz von Frauen könnte die Aufnahme von demokratischen Prinzipien in einem Friedensabkommen begünstigen.“  

7. Derzeit seien nur acht von 100 Stühlen bei Friedensverhandlungen von Frauen besetzt. 

Größtenteils richtig: Die Zahl stellt einen Durchschnittswert für Friedensverhandlungen seit Anfang der 90er-Jahre dar, also nicht nur die aktuelle Situation. Die Quellenlage ist zudem unübersichtlich und widersprüchlich. Die acht Prozent, die Maas nennt, finden sich in einer Faktensammlung von UN Women, die angeblich für den Zeitraum 1990 bis 2017 gilt. Als Quelle wird jedoch der Think-Tank Council on Foreign Relations genannt, der von neun Prozent der Unterhändler von 1992 bis 2017 spricht. 

Der Council on Foreign Relations verlinkt wiederum selbst als Quelle auf einen Bericht von UN Women mit dem Titel „Women’s Participation in Peace Negotiations: Connections between Presence and Influence“ von 2012. Darin ist ebenfalls von neun Prozent die Rede. 

Wörtlich heißt es (Seite 1 und 2): „Unsere Auswertung von 31 wichtigen Friedensprozessen seit 1992 zeigt, dass Frauen eine gravierend niedrige Zahl der Unterhändler stellen […] Die Beteiligung von Frauen an Verhandlungsdelegationen lag durchschnittlich bei neun Prozent in den 17 Fällen, in denen solche Informationen verfügbar waren. Vier Prozent der Unterzeichner in den Friedensprozessen waren Frauen, und keine Frauen hatten hochrangige Verhandlungspositionen in von der UN vermittelten Gesprächen.“ 

Darstellung des Council of Foreign Relations (Screenshot: CORRECTIV)

8. Deutschland habe im April dafür gesorgt, dass das Thema nukleare Rüstungskontrolle im Sicherheitsrat nach sieben Jahren erstmals wieder auf die Agenda kam.

Irreführend. Denn während die Aussage zutrifft, was die nukleare Rüstungskontrolle angeht, trifft sie nicht zu auf die nukleare Abrüstung. 

Als Deutschland im April 2019 die Präsidentschaft im Sicherheitsrat der UN übernahm, sprach Heiko Maas dort über nukleare Rüstungskontrolle. Seine Aussage bei der Generalversammlung suggeriert allerdings, der UN-Sicherheitsrat habe sich vorher sieben Jahre, also seit 2012, nicht mit diesem Thema befasst. Damals, im April 2012, gab es ein Treffen des Sicherheitsrates, bei dem das Gremium sich für Rüstungskontrolle aussprach.  

Allerdings gab es seit 2012 wenigstens eine Resolution des Sicherheitsrats, die sich mit der Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen beschäftigte, zum Beispiel im Jahr 2016.

9. Deutschland habe 2018 eine „Allianz für Multilateralismus“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative – beziehungsweise die Pläne dafür von Heiko Maas – gibt es schon länger, bisher ist allerdings noch nicht viel passiert. In einem Gastbeitrag im Handelsblatt, der auf der Webseite des Auswärtigen Amtes nachzulesen ist, schrieb Maas im August 2018: „Wir streben eine Allianz für den Multilateralismus an – ein Netzwerk von Partnern, die wie wir auf verbindliche Regeln und fairen Wettbewerb setzen. Erste Verabredungen habe ich mit Japan, Kanada und Südkorea getroffen; weitere sollen folgen.“ 

Am Rande der aktuellen UN-Konferenz wurde diese Allianz laut Reuters nun offiziell gestartet, mehr als 50 Staaten nahmen an einem Treffen unter der Leitung von Deutschland und Frankreich teil. Dieses Treffen hatte Maas auch in seiner Rede angekündigt.