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Die Analyse einer Wahlsoftware im Jahr 2017 durch den Chaos Computer Club bescheinigte ihr Manipulierbarkeit. Bislang kann die Gesellschaft nicht überprüfen, ob gängige IT-Sicherheitsstandards bei Wahlsoftwares eingehalten werden. (Foto: Shahadat Shemul / Unsplash)

von Till Eckert

Niemand überblickt, welche Softwares in den rund 11.000 deutschen Gemeinden für die Übermittlung der vorläufigen EU-Wahlergebnisse eingesetzt werden – nicht mal der Bundeswahlleiter. CORRECTIV-Recherchen zeigen, wie intransparent und riskant der Umgang mit Wahlsoftware in Deutschland ist.

In den 18 Tagen nach einer Wahl kann viel passieren. Eine Regierungspartei kann in die Opposition wechseln, Einladungen zu Sondierungsgesprächen werden verschickt und der US-Präsident gratuliert der Partei mit den meisten Stimmen zum Regierungsauftrag, während Aktienkurse und Wirtschaft schwanken.

All das ist in den 18 Tagen nach der Bundestagswahl 2017 in Deutschland passiert, obwohl niemandem – weder Parteien, Politikern noch der Gesellschaft– das endgültige Wahlergebnis vorlag. Die Ereignisse dieser 18 Tage basierten auf dem vorläufigen Wahlergebnis vom 25. September 2017, nicht dem amtlichen vom 12. Oktober 2017.

Bei der Bundestagswahl waren die beiden Ergebnisse identisch. Doch was, wenn das bei der nächsten Wahl nicht so wäre? Bereits das vorläufige Wahlergebnis kann zu wegweisenden politischen Entscheidungen führen, zu Unsicherheiten, aufgeheizten Debatten, zu außenpolitischen Reaktionen und zu Wirtschaftsschwankungen. Deshalb ist für eine demokratische Gesellschaft wichtig, dass das vorläufige Wahlergebnis korrekt ist und es sollte zudem überprüfbar sein, wie es zustande kam.

Doch genau das ist in Deutschland bisher nicht der Fall, wie CORRECTIV-Recherchen zeigen.

Niemand kann genau überblicken, wo welche Wahlsoftware eingesetzt wird

Für das amtliche Wahlergebnis werden auf Papier ausgezählte Wählerstimmen von den Wahlbezirken über Landeswahlleiter zum Bundeswahlleiter geschickt. Doch für das vorläufige Ergebnis kommt in Deutschland Wahlsoftware zum Einsatz. Sie wird von den Mitarbeitern der Wahlleiter verwendet, um die vorläufigen Ergebnisse einzugeben, auszuwerten und schnell an die jeweils nächsthöhere Wahlbehörde zu übermitteln.

Die Übermittlung der vorläufigen Ergebnisse läuft schrittweise: Der Gemeindewahlbezirk, in dem die Stimmen abgegeben werden, schickt unmittelbar nach Auszählung eine Schnellmeldung an die Gemeindewahlleitung, diese wiederum an die Kreiswahlleitung, diese an die Landeswahlleitung und diese an die Bundeswahlleitung. Bei diesen Schnellmeldungen werden Softwares genutzt.

Die Betonung liegt auf Softwares, denn ein zentrales Programm, mit dem alle arbeiten, gibt es nicht. Viel eher sind viele verschiedene Softwares von verschiedenen Herstellern im Einsatz. Und als wäre das noch nicht kompliziert genug, dürfen alle der eben aufgezählten Ebenen in Deutschland selbst entscheiden, welche dieser Softwares sie für sich verwendet.

Das bedeutet: Jede der rund 11.000 Gemeinden in Deutschland sucht sich die Software selbst aus, mit denen sie anschließend ihr Ergebnis an die Kreiswahlleitung schickt. Und diese wiederum, welche sie nutzt, um die Landeswahlleitung zu informieren. Und diese wiederum, welche sie nutzt, um die Bundeswahlleitung zu informieren.

Das Ergebnis dieser Kette: Niemand kann überblicken, wo welches Programm eingesetzt wird. Eine zentral einsehbare Übersicht darüber gibt es nicht, das sagt zumindest der Bundeswahlleiter. Nicht einmal Deutschlands oberste Wahlbehörde habe demnach einen solchen Überblick, wie ein Sprecher gegenüber CORRECTIV per Mail bestätigt: „Eine Aufstellung, bei welchen Kreisen und Gemeinden welche Software einschließlich Versionsnummer eingesetzt wird, liegt uns nicht vor. Daher sind uns auch keine Aussagen zum Verbreitungsgrad bzw. Häufigkeit des Einsatzes der jeweiligen Software möglich.“

Mindestens 13 verschiedene Softwares im Umlauf

Auf eine Nachfrage beim Bundeswahlleiter, ob denn wenigstens bekannt ist, welche Softwares überhaupt in Deutschland verwendet werden und welche Unternehmen dahinter stehen, erhielt CORRECTIV schließlich eine Auflistung:

Eine Übersicht über die aktuell in Ländern und Kommunen verwendete Wahlsoftware, die ein Sprecher des Bundeswahlleiters an CORRECTIV übermittelte. (Screenshot: CORRECTIV)

Daraus ergibt sich: Es sind mindestens 13 verschiedene Wahlsoftwares im Umlauf. Eines der Hersteller-Unternehmen, die vote IT GmbH, gibt auf einer Webseite an, dass rund 2.700 Gemeinden ihre Software „Votemanager“ verwenden.

Mit „Eigensoftware“ sind in der Liste Eigenentwicklungen von Statistischen Landesämtern gemeint, die hauptsächlich auf Landesebene zum Einsatz kommen. Eine CORRECTIV-Anfrage an die 16 Landeswahlleiter zeigt, dass vier Bundesländer Software von privaten Unternehmen nutzen:

  • Berlin: IVU.Elect (Traffic Technologies AG)
  • Brandenburg: PC-Wahl (vote IT GmbH)
  • Bremen: Votemanager (vote IT GmbH)
  • Schleswig-Holstein: voteplus (WRS Softwareentwicklung GmbH)

Die Landeswahlleiter aus Hamburg und dem Saarland haben auf mehrfache Anfrage nicht reagiert, aus einem Erfahrungsbericht von 2017 lässt sich aber entnehmen, dass auch Hamburg auf Landesebene die Software „voteplus“ einsetzt (PDF); im Saarland wird laut Herstellerangaben die Software „IVU.Elect“ eingesetzt (PDF), zumindest wurde sie das zur Bundestagswahl 2017. Die restlichen Bundesländer geben an, Eigenentwicklungen der Statistischen Landesämter zu verwenden.

Die Landeswahlleiter der vier Bundesländer, die bestätigt haben, Software von privaten Unternehmen zu verwenden, sind für die Weiterleitung der Stimmen von rund 7,3 Millionen Wählern zuständig. Das ist etwa jede zehnte Stimme. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, muss die Wahlsoftware sicher sein, geschützt vor Angriffen von außen. Doch ist sie das auch?

Chaos Computer Club im Jahr 2017: Wahlsoftware „PC-Wahl“ ist manipulierbar

Dabei ist gerade die Software „PC-Wahl“, die in Brandenburg eingesetzt wird, auf einem unsicheren Fundament programmiert – obwohl rund zwei Millionen Wählerstimmen allein von hier aus übermittelt werden.

Das ist das Ergebnis einer Analyse dreier IT-Experten der deutschen Hackervereinigung Chaos Computer Club aus dem Jahr 2017. Sie berichten, die Software „PC-Wahl“ „über Umwege“ erhalten und verschiedenen Angriffsszenarien unterzogen zu haben. Resultat: selbst simpelste Sicherheitsstandards würden nicht eingehalten, die Daten wanderten etwa über eine unsichere Serverkonstellation; alle Wahllokale konnten auf alle Ergebnisse zugreifen und sie verändern, weil sie nicht integritätsgeschützt waren – die Ergebnisse hätten signiert sein müssen, um das zu verhindern (PDF). Das vorläufige Wahlergebnis sei demnach bereits mit wenig Kenntnissen im Hacken manipulierbar. Linus Neumann, Martin Tschirsich und Thorsten Schröder haben deshalb unter anderem die Entwicklung einer Open-Source-Software gefordert, die überprüfbar ist und allgemein anerkannte IT-Standards berücksichtigt.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schrieb damals in einer Stellungnahme, es begleite die „Behebung der Sicherheitslücken der betroffenen Software in engem Austausch mit dem Hersteller“. Und: „Künftig sollten auch für auf Informationstechnik basierende Wahlvorgänge nur noch vom BSI zertifizierte Software-Produkte eingesetzt werden.“

Die drei Experten vom Chaos Computer Club zeigen sich in einem Gespräch mit CORRECTIV über den aktuellen Stand beim Thema Wahlsoftware resigniert. Seit 2017 habe sich leider wenig getan. Selbst wenn etwa bei der Software „PC-Wahl“ mittlerweile Änderungen vorgenommen worden seien, schaffe das im Grunde nur mehr Probleme. „Das gesamte Setup ist ein Desaster“, sagt Neumann. „Kein Problem ist strukturell gelöst, niemand kann das überprüfen.“ Das sei auch nicht vorgesehen, sagt Schröder und meint damit, dass die Interessen des Unternehmens dem entgegen stünden.

Die Wahlsoftwares sind nicht frei zugänglich. Weil die Statistischen Landesämter ihre eigens entwickelten nicht öffentlich machen und weil die privaten Unternehmen mit ihrer Software Geld verdienen wollen. Das steht einer Open-Source-Entwicklung, die durch die Öffentlichkeit kontrollierbar und allen zugänglich wäre, entgegen.

Für Schröder vom Chaos Computer Club ist aber das „größte Versagen“, dass in den vergangenen zwei Jahren keine Taskforce gegründet worden sei, die Risikoanalysen erstellt und kontrolliert, ob durch die Unternehmen Mindestanforderungen an IT-Sicherheit eingehalten wurden. Eine Verbesserung der Situation könnten laut den Experten nur Bundeswahlleiter und das BSI erwirken.

Hersteller sollen Richtlinie erarbeiten, die sie selbst kontrolliert

Auf CORRECTIV-Anfrage teilt das BSI mit, dass es zwar kein Kontrollorgan gebe, wie es etwa der Chaos Computer Club fordert, aber derzeit in einer Arbeitsgruppe an einer sogenannten Technischen Richtlinie gearbeitet werde. Eine solche technische Richtlinie sei – für die Zukunft – eine Voraussetzung dafür, dass das BSI Software zertifizieren kann.

Antwort des BSI zum Thema Kontrollorgan für Wahlsoftware. (Screenshot: CORRECTIV)
Antwort des BSI zum Thema Zertifizierung von Wahlsoftware. (Screenshot: CORRECTIV)

Laut BSI wurde die Arbeitsgruppe im Dezember 2018 in Abstimmung mit dem Bundeswahlleiter eingerichtet. Mitglieder seien „deutsche Wahlsoftware-Hersteller“.

CORRECTIV wollte daraufhin vom Bundeswahlleiter wissen, welche Unternehmen konkret Teil der Arbeitsgruppe seien. Der Bundeswahlleiter wollte die konkreten Herstellernamen auf Nachfrage von CORRECTIV nicht nennen und verwies an das BSI, da dieses die Arbeitsgruppe leite.

Antwort des Bundeswahlleiters auf die Frage nach den Mitgliedern der Arbeitsgruppe. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage erhielt CORRECTIV vom BSI trotz telefonischer Zusage keine Antwort. In einem weiteren Telefonat sagte ein Sprecher CORRECTIV, dass die „Gespräche nicht sehr weit fortgeschritten“ seien und verweigerte Informationen über die Mitglieder der Arbeitsgruppe. Es seien „die größten Hersteller“ vertreten und es liege nicht in ihrem Interesse, öffentlich genannt zu werden.

Die Entscheidung darüber, diese Information mitzuteilen, läge in der Hand der Bundeswahlleitung.

Die Unternehmen in dieser Arbeitsgruppe beeinflussen die parlamentarischen Wahlen in Deutschland immens. Sie erarbeiten zusammen mit dem BSI eine Technische Richtlinie, anhand der letztlich ihre eigene Software zertifiziert werden kann. Doch wer genau mitentscheidet und nach welchen Grundsätzen und Maßstäben das geschehen soll, bleibt unklar. Worauf wird wert gelegt? Woran wird gespart?

Auch die Steuergelder, die für Wahlsoftware ausgegeben werden, sind nicht einsehbar

Dass Unternehmen mit finanziellen Interessen hinter verschlossenen Türen über Zukunft und Sicherheitsstandards der Software entscheiden und der Bundeswahlleiter Aufklärung darüber blockiert, ist nur ein Symptom des intransparenten Umgangs mit diesem Thema: Auch was sie die Steuerzahler kosten, ist nicht überblickbar. Die Experten des Chaos Computer Club schätzen: es müsse sich dabei um Kosten in Millionenhöhe handeln.

Die Ausgaben der Bundesregierung für Bereitstellung und Wartung der Wahlsoftware sind laut Bundesverwaltungsamt nicht gesondert bei den Wahlausgaben ausgewiesen, sondern als „übrige Kosten“ über einen „festen Betrag je Wahlberechtigten“ an die Bundesländer.

Eine CORRECTIV-Anfrage beim Bundesverwaltungsamt ergab, dass der Bund den Ländern 2017 nach der Bundestagswahl rund 36 Millionen Euro an solchen „übrigen Kosten“ erstattete. Das ist fast die Hälfte der Gesamtkosten der Wahl, die rund 92 Millionen Euro gekostet haben soll.

Antwort des Bundesverwaltungsamts zu den Ausgaben für Wahlsoftware. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Unternehmen IVU, das die Software entwickelt, die auf Berliner Landesebene eingesetzt wurde, machte laut Jahresabschlussbericht im Jahr der Bundestagswahl 71 Millionen Euro Umsatz; es stellt allerdings nicht nur Wahlsoftware her und vertreibt seine Produkte international. Das Unternehmen vote IT, das etwa die Software für Bremen und Brandenburg entwickelt und ausschließlich Wahlsoftware in Deutschland vertreibt, machte im selben Jahr 1,7 Millionen Euro Umsatz. Laut eigenen Angaben von vote IT werden „für rund 66 Prozent der Einwohner Deutschlands“ die Wahlen mit ihrem Produkten „organisiert“.

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Warum ein CO2-Messgerät für Räume ungeeignet ist, um die CO2-Konzentration unter einem Mund-Nasen-Schutz zu messen, zeigen Experimente mit Hilfe des Umweltbundesamtes.
Warum ein CO2-Messgerät für Räume ungeeignet ist, um die CO2-Konzentration unter einem Mund-Nasen-Schutz zu messen, zeigen Experimente mit Hilfe des Umweltbundesamtes. (Symbolbild: Unsplash/ Engin Akyurt)

von Uschi Jonas

Seit Wochen kursieren immer wieder Videos in Sozialen Netzwerken, in denen sich Personen ein CO2-Messgerät unter ihren Mund-Nasen-Schutz halten. Die Versuche sollen zeigen, wie schlecht die Luft unter den Masken sei. Mit Hilfe von zwei Experten hat CORRECTIV den Selbstversuch gemacht. Er zeigt: Tests mit solchen Geräten ergeben keinen Sinn.

„Reizstoff“ steht in großen schwarzen Buchstaben auf der Stoffmaske einer blonden Frau. Sie hält ein Messgerät vor sich, das einen Zahlenwert anzeigt, der den CO2-Gehalt in der Luft bemisst: 431 PPM (parts per million). Dann schiebt sich die Frau den Sensor des Messgeräts direkt unter den Mund-Nasen-Schutz und atmet ein und aus.

Der Zahlenwert beginnt zu steigen. Als das Gerät bei fast 2.000 PPM angelangt, fängt es an zu piepsen. Der Wert steigt weiter, bis das Gerät sich beim Messbereichsendwert von 10.000 PPM ausschaltet. „Ob das gesund ist, sei dahingestellt“ kommentiert eine Männerstimme aus dem Off. Dann ist die Aufnahme beendet. 

Dieses Video einer Frau, die ein CO2-Messgerät unter ihren Mundschutz schiebt, verbreitet sich auf Facebook. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)
Dieses Video einer Frau, die ein CO2-Messgerät unter ihren Mundschutz schiebt, verbreitet sich auf Facebook. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Was dadurch im Kopf der Zuschauer des tausendfach auf Facebook geteilten Videos hängen bleibt: Unter der Maske erhöhe sich der CO2-Gehalt immens. Diese hohe Konzentration atme man dann ein und das sei ungesund. Eine CORRECTIV-Recherche mit Hilfe von Experimenten beim Umweltbundesamt in Berlin zeigt jedoch, dass diese Annahmen falsch sind. Solche Tests ergeben keinen Sinn – diese CO2-Geräte sind für eine solche Messung gar nicht vorgesehen.

Zahlreiche Falschbehauptungen zum Mund-Nasen-Schutz im Umlauf 

Seit der Einführung der Maskenpflicht kursieren zahlreiche Falschbehauptungen in Sozialen Netzwerken, demnach das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verschiedenste Gesundheitsgefahren berge. CORRECTIV veröffentlicht dazu seit Monaten Faktenchecks

Immer wieder taucht die Behauptung auf, Masketragen sei gefährlich, da man dadurch zu viel CO2 einatme und der Körper übersäure. Als angeblichen Beleg führen Menschen Selbstversuche mit sogenannten CO2-Messgeräten durch. Auch dazu haben wir bereits im August einen Faktencheck veröffentlicht. „Den CO2-Gehalt in der Luft zu messen, unter einer Maske, ist als Einzelversuch Unsinn“, erklärte uns damals Peter Wagler, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), telefonisch. „An den Seiten ist die Maske ja undicht.“ Damit atme man nicht nur die Luft ein, die ausgeatmet werde.  

Doch was passiert dann, wenn die Geräte in den Selbstversuchen unter die Maske gehalten werden, und warum piepsen sie? Wir wollten es genauer wissen. Deshalb trafen wir uns Mitte September mit zwei Experten des Umweltbundesamts in Berlin. Sie zeigten uns, wie so ein CO2-Messgerät funktioniert, warum der Wert unter einem Mund-Nasen-Schutz so rasant steigt und was das über mögliche Gesundheitsgefahren aussagt. 

Wofür genau ist so ein CO2-Messgerät vorgesehen? 

Robert Bethke ist Chemiker und Wissenschaftler im Umweltbundesamt im Fachgebiet für Innenraumlufthygiene. Wolfgang Straff ist Arzt und leitet das Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung im Umweltbundesamt. „Die CO2-Messgeräte sind in der Regel dafür gedacht, sie an der Wand anzubringen oder im Raum aufzustellen, um damit die CO2-Konzentration in Innenräumen zu messen“, erklärt Bethke. 

Wolfgang Straff (links) leitet das Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung im Umweltbundesamt, Robert Bethke (rechts) ist Chemiker und Wissenschaftler beim Umweltbundesamt im Fachgebiet für Innenraumluft-Hygiene. (Foto: Uschi Jonas / CORRECTIV)
Wolfgang Straff (links) leitet das Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung im Umweltbundesamt, Robert Bethke (rechts) ist Chemiker und Wissenschaftler beim Umweltbundesamt im Fachgebiet für Innenraumluft-Hygiene. (Foto: Uschi Jonas / CORRECTIV)

Bei 1.000 PPM piepsen viele der Geräte, das sei allerdings hygienisch und nicht toxikologisch begründet, erklärt Chemiker Bethke: „In dem Fall gilt die Empfehlung, zu lüften. Denn wenn sich CO2 durch die Anwesenheit und Aktivität von Menschen in einem Raum angereichert hat, könnten auch andere Schadstoffe zugegen sein. Das ist allerdings ein Leit- und kein Grenzwert.“

Das schreibt beispielsweise auch ein Hersteller solcher Geräte namens PCE Instruments auf seiner Webseite: Ist die CO2-Konzentration zu hoch, was sich „auf die Gesundheit, die Konzentration und das Wohlbefinden“ auswirken könne, geben die Messgeräte ein Warnsignal ab. 

Zum Vergleich: Laut Umweltbundesamt liegt der normale CO2-Gehalt der Außenluft in ländlichen Gebieten bei 350 PPM, in kleinen Städten bei 375 PPM und in Stadtzentren bei 400 PPM.

Ist es sinnvoll, die CO2-Konzentration unter einem Mund-Nasen-Schutz mit solchen Geräten zu messen? 

„Aus meiner Sicht ergibt das relativ wenig Sinn,“ sagt Bethke. Das Volumen unter einem Mund-Nasen-Schutz sei dafür viel zu gering. „Die in den Messgeräten verbauten CO2-Sensoren haben eine gewisse Trägheit. Sie sind nicht dafür gedacht, auf schnelle Konzentrationsänderungen, die sich in so einem kleinen Raum wie unter einem Mundschutz ergeben, korrekt anzuspringen.“

Die Trägheit der Messgeräte sorge auch dafür, dass diese nicht so schnell reagieren könnten, wie unsere Atmung den Luftraum unter der Maske austausche, ergänzt Wolfgang Straff. „Deswegen sieht es für Messende so aus, als ob die Konzentration immer weiter ansteige, bis die 10.000 PPM erreicht sind, beziehungsweise das Gerät piept“, erläutert er. Anders ausgedrückt, erklärt Bethke, könne man auch sagen, dass unsere Atemfrequenz so schnell ist, dass der Sensor nicht nachkommt.

Das liegt auch an der Menge CO2, die wir mit einem Atemzug ausatmen – nämlich rund 40.000 PPM. „Die Messgeräte geraten dabei an ihre Grenzen. Die Geräte, die in den Videos zu sehen sind, steigen beispielsweise bei 10.000 PPM aus und sind überladen“, sagt Bethke. 

Experimente zeigen: Das Gerät ist genauso schnell übersättigt, wenn man ohne Maske darauf atmet

Mit mehreren Experimenten zeigen Bethke und Straff, dass es keinen Unterschied macht, ob der Sensor eines CO2-Messgeräts unter einer Maske oder direkt ohne Maske angeatmet wird. 

Beim ersten Versuch atmet Bethke das CO2-Raum-Messgerät ohne Maske direkt am Sensor an – innerhalb weniger Sekunden steigt der PPM-Wert auf über 10.000. Und auch als Bethke längst wieder vom Sensor weg ist, steigt der Wert weiter. Dazu Bethke: „Die Luft um den Sensor herum sollte eigentlich schon der normalen Raumluft entsprechen.“ Erst nach einigen Sekunden fängt der Wert langsam wieder an zu sinken. „Bereits mit einer Ausatmung ist der Sensor komplett überladen.“ 

Die Sensoren sind träge: Robert Bethke ist längst wieder vom Messgerät weg, trotzdem wird ein Wert von fast 10.000 PPM angezeigt. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)
Die Sensoren sind träge: Robert Bethke ist längst wieder vom Messgerät weg, trotzdem wird ein Wert von fast 10.000 PPM angezeigt. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)

Auch als Bethke eine Stoffmaske aufsetzt, den Sensor außen davor hält und durch die Maske darauf atmet, steigt der CO2-Wert des Messgeräts sofort rasant an. Das zeigt, dass CO2 aus der Maske nach außen dringt. 

Bethke wiederholt den Versuch mit einem kleinen Sensor, der über USB an ein Laptop angeschlossen wird, ein sogenannter mobiler CO2-Sensor. Er schiebt den Sensor zunächst unter seine Maske und atmet: Der Wert steigt sprunghaft an.

Robert Bethke schiebt einen mobilen CO2-Sensor unter seine Maske. (Quelle: CORRECTIV)
Robert Bethke schiebt einen mobilen CO2-Sensor unter seine Maske. (Quelle: CORRECTIV)

Nach einigen Sekunden zieht der Innenraumluftexperte den Sensor aus der Maske und legt ihn auf den Tisch. Nur langsam fängt der CO2-Wert an zu sinken. 

Obwohl der Sensor längst wieder auf dem Tisch liegt, ist der angezeigte CO2-Wert noch um ein Vielfaches höher als die eigentliche CO2-Konzentration im Raum. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)
Obwohl der Sensor längst wieder auf dem Tisch liegt, ist der angezeigte CO2-Wert noch um ein Vielfaches höher als die eigentliche CO2-Konzentration im Raum. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)

Als der Wert wieder auf Raum-Wert gesunken ist, wiederholt Bethke den Versuch. Dieses Mal atmet er den USB-Sensor ohne Maske an. Innerhalb weniger Sekunden wird erneut ein sehr hoher PPM-Wert erreicht. 

„Der Effekt ist genau derselbe gewesen, ob der Sensor unter der Maske war oder einfach nur so vor das Gesicht gehalten wird“, fasst Bethke zusammen. 

Wie genau funktioniert das mit der Atmung und dem CO2? 

„Einen gewissen Anteil der Luft atmen wir immer hin und her. Das liegt daran, dass unsere Atemwege Teile beinhalten, die überhaupt nicht mit dem Gasaustausch in der Lunge in Verbindung stehen“, sagt Straff. Die Luft müsse erst durch den Mund- und Nasenrachenraum in die Luftröhre und die Hauptbronchien, die Segmentbronchien und die kleinen Bronchien hinunter, bis sie dann in den sogenannten Alveolen, den Lungenbläschen, auftauche. 

In den Alveolen findet dann der Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid statt. „Dieses Volumen macht bei Erwachsenen insgesamt bereits 150 bis 200 Milliliter aus. Und dieser Raum ist immer auch mit CO2-haltiger Luft, die abgeatmet wird, gefüllt“, sagt Straff. Der Mund- und Nasenrachenraum werde durch die Maske zwar erweitert, aber das seien lediglich fünf bis zehn zusätzliche Milliliter Luft.

Umweltmediziner Wolfgang Straff erklärt anhand einer Abbildung, wie Atmung und CO2 zusammenhängen. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)
Umweltmediziner Wolfgang Straff erklärt anhand einer Abbildung, wie Atmung und CO2 zusammenhängen. (Quelle: Uschi Jonas/ CORRECTIV)

Was passiert beim Tragen einer Maske mit dem CO2, das man ausatmet? 

„Der Stoff ist so durchlässig, dass das CO2 einfach entweicht“, erklärt Bethke. Straff ergänzt: „Wo soll es auch hin? Würde das CO2 nicht entweichen, würde sich die Maske aufblasen. Das CO2 muss raus.“ Durch unser Ein- und Ausatmen – auch mit Maske – wird frische Luft von außen angesogen. „Und dort ist kein CO2 angereichert“, sagt Bethke.

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Anders erklärt: Wir atmen mit einem Zug etwa 500 Milliliter Luft aus. Der Raum unter der Maske ist aber nur wenige Milliliter groß. „Hier können sich gar keine großen Mengen CO2 ansammeln. Die CO2-haltige Luft muss folglich die Maske durchtreten und verteilt sich dann im Raum, beziehungsweise der Umgebung“, erklärt Straff. Dasselbe gilt anders herum: „Wenn wir einatmen, müssen wir dieselbe Menge aufnehmen. Viel mehr Luft als die fünf Milliliter unter der Maske. Die werden durch den Stoff der Maske und an den Seiten eingesaugt.“

Anders sei es auch gar nicht denkbar, erklärt Straff: „Könnte man unter der Maske nicht richtig atmen, würden wir sofort beim ersten Atemzug Erstickungsängste bekommen.“

Woran liegt es, wenn man dennoch das Gefühl hat, beim Tragen einer Stoffmaske schwerer zu atmen? 

„Natürlich stellen die Masken eine gewisse Barriere dar, die wir spüren. Die erhöht auch den Atemwegswiderstand. Während das mit CO2 nichts zu tun hat, behindert es schon die leichte Ansaugung von Luft durch unsere Atemmuskulatur und unsere Rippenmuskeln und unser Zwerchfell müssen etwas mehr arbeiten, um die Luft durch die Maske anzusaugen“, erklärt Straff. 

Das könne für vorerkrankte Menschen ein Problem sein. Deshalb seien Masken auch nicht für jede Situation sinnvoll.

Bei welcher Konzentration wird CO2 für den Mensch gefährlich? 

„Das, was wir ausatmen, ist nicht toxisch. Es enthält wie gesagt um die 40.000 PPM CO2 – je nach Aktivität. Aber auch davon würden wir nicht ersticken“, erläutert der umweltmedizinische Experte Straff. Eine richtig toxische Menge CO2, bei der die Wirkung narkotisch (betäubend) werde und es möglich sei zu sterben, setze bei 80.000 PPM ein.

„Aber auch sehr hohe CO2-Konzentrationen im Ausatembereich würden uns nicht direkt umbringen, weil sonst könnte auch eine Mund zu Mund oder Nase-Beatmung bei Menschen, die Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten haben, gar nicht funktionieren.“ 

Ein anderes Beispiel: Wenn man den Kopf unter die Bettdecke steckt, dann stirbt man auch nicht. Denn der Luftaustausch, der durch die Bettdecke noch da ist, reiche aus für den Körper, sagt Straff. Man könne folglich eine lange Zeit sehr viel CO2 tolerieren. „Wenn es kritisch werden würde, dann meldet das Atemzentrum im Hirnstamm, dass der Kohlendioxidgehalt im Blut zu hoch ist und die Atemfrequenz und -tiefe würde gesteigert, oder man würde aufwachen.“

Ist es möglich durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu ersticken? 

„Eigentlich gibt es ein solches Szenario nicht. Die einzige Möglichkeit wäre, dass die Maske aus Plastik und somit aus einem luftundurchlässigen Material wäre und die Maske rundherum angeklebt würde, sodass auch von der Seite keine Luft reinkommt“, sagt Straff. Mit einer Stoffmaske sei dies aber nicht möglich. 

Fazit: 

Die Experimente zeigen: Ein Mund-Nasen-Schutz sorgt nicht dafür, dass wir mehr CO2 ein- oder ausatmen als üblich. Das CO2 entweicht durch den luftdurchlässigen Stoff, aber auch durch die Ränder der Maske. 

Die in Sozialen Netzwerken gezeigten CO2-Messgeräte sind dafür gedacht, die Konzentration in Innenräumen zu messen. Sie sollen anzeigen, wenn es „stickig“ wird und an der Zeit wäre, zu lüften. Wenn sie ab 1.000 PPM ein Warngeräusch von sich geben, heißt das nicht, dass eine für den Menschen gefährliche CO2-Konzentration erreicht ist. 

Die Sensoren übersättigen schnell und sind zudem träge, sodass sie gar nicht in Echtzeit auf die Atemfrequenz eines Menschen reagieren können. Die Übersättigung geschieht unabhängig davon, ob man sie mit oder ohne oder unter einer Maske anatmet. Die Geräte sind deshalb nicht geeignet, den CO2-Gehalt unter einer Maske zu messen. Sie beweisen nicht, dass dort eine gesundheitsgefährdende Konzentration von CO2 vorhanden wäre. 

Kurz: Tests wie sie in den Selbstversuch-Videos in Sozialen Netzwerken zu sehen sind, sind aus wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, um eine angebliche Gesundheitsgefahr durch Masken nachzuweisen. 

Recherche: Kathrin Wesolowski

Redigatur: Till Eckert, Alice Echtermann

Symbolbild PCR-Tests
Über die Genauigkeit von PCR-Tests wird viel diskutiert. Oft werden dabei jedoch aus der Theorie Schlüsse gezogen, die in der Praxis nicht zutreffen. (Symbolbild: picture alliance/Franck Dubray/MAXPPP/dpa)

von Alice Echtermann

Gibt es in Deutschland überhaupt noch echte Infektionen, oder sind alle positiven Corona-Tests derzeit falsch-positiv? Diese Frage stellten sich viele Leserinnen und Leser von CORRECTIV. Wir sind ihr nachgegangen: In der Praxis sind solche Fehler beim PCR-Test laut Experten nahezu ausgeschlossen. 

Testergebnisse sind eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen das Coronavirus – und um Maßnahmen der Politik zu begründen und in der Bevölkerung zu legitimieren. Wer über Corona-Tests spricht, spricht derzeit fast immer über den sogenannten PCR-Test. Antikörpertests sind laut RKI noch nicht zuverlässig genug. Die Testergebnisse bilden die Grundlage der Fallzahlen zu Neuinfektionen in Deutschland. Deshalb ist die Frage, welche Fehlerquote die PCR-Tests auf das neuartige Coronavirus haben, äußerst relevant. 

Insbesondere die Möglichkeit falsch-positiver Tests sorgt aktuell für Diskussionen. Mehrere Leserinnen und Leser von CORRECTIV fragten uns in E-Mails danach.

Falsch-positiv bedeutet: Ein Corona-Test zeigt für eine Person, die eigentlich nicht infiziert ist, ein positives Ergebnis. Die Konsequenz: Die Person geht in Quarantäne, obwohl sie das Virus nicht in sich trägt. Träte so ein Fehler häufig auf, würden sich die Fallzahlen erhöhen, obwohl es eigentlich gar nicht mehr Infizierte gibt.

Corona-Fälle in Deutschland aktuell alle falsch-positiv?

Seit Wochen wird in Deutschland immer mehr getestet; laut Robert-Koch-Institut waren es in der 34. und 35. Kalenderwoche jeweils mehr als eine Million Tests. Davon sind in letzter Zeit stets ein Prozent oder weniger positiv (PDF, Seite 11). Kritiker der Corona-Maßnahmen wie der Arzt Wolfgang Wodarg behaupten nun, diese Tests seien alle falsch-positiv. Denn statistisch liege der Anteil der falsch-positiven Ergebnisse bei PCR-Tests bei einem Prozent, argumentiert Wodarg auf seiner Webseite: „Je mehr Tests, um so mehr auch falsch positive Ergebnisse. Sie sind das Einzige, womit uns ein ‘Ansteigen der Fallzahlen’ vorgegaukelt wird.“ 

Und Bodo Schiffmann, Gründer der Partei „Widerstand2020“, zeigte in einem Youtube-Video vom 1. September eine Grafik der Fallzahlen und sagte: „Das heißt, seit dem 14.5. etwa hat es in Deutschland keinen Nachweis von positiven Erkrankungen gegeben, sondern wir bewegen uns genau im Bereich der Fehlertoleranz des PCR-Tests.“ Diese nimmt Schiffmann laut der Grafik bei 1,4 Prozent an (ab Minute 6:00).  

Diese Schlussfolgerungen sind aber irreführend. Denn sie beruhen nur auf theoretischen Annahmen. In diesem Artikel erklären wir, weshalb falsch-positive PCR-Tests laut Experten in der Praxis so gut wie keine Rolle spielen: Als positiv eingestufte Proben werden nach Recherchen von CORRECTIV in vielen Laboren nicht nur einmal, sondern mehrfach überprüft. 

Was ist ein PCR-Test?

PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Mit diesem Verfahren werden im Labor ganz bestimmte Sequenzen des Erbguts von SARS-CoV-2 vervielfältigt, um sie nachweisen zu können. Die Proben dafür werden mit einem Abstrich (meist durch die Nase im Rachen eines Menschen) entnommen und untersucht. Ein PCR-Testergebnis ist der Nachweis einer Infektion – es bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Person ansteckend oder krank ist.

Insbesondere wenn das Virus in der Bevölkerung seltener vorkommt (niedrige Prävalenz), muss der PCR-Test sehr genau sein. Sonst fallen statistisch geringe Fehlerquoten unter Umständen stark ins Gewicht. Über dieses Problem der sogenannten Vortestwahrscheinlichkeit hat CORRECTIV bereits berichtet. Das RKI schreibt dazu auf seiner Webseite: „Generell wird die Richtigkeit des Ergebnisses von diagnostischen Tests auch von der Verbreitung einer Erkrankung beeinflusst […]. Je seltener die Erkrankung und je ungezielter getestet wird, umso höher sind die Anforderungen an Sensitivität und Spezifität der zur Anwendung kommenden Tests.“

Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test Infizierte als infiziert erkennt. Spezifität ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Gesunde als gesund erkennt. Bei niedriger Spezifität werden falsch-positive Ergebnisse also häufiger auftreten. 

PCR-Tests haben eine hohe Sensitivität und Spezifität

Ein Anhaltspunkt, wie gut die Sensitivität und Spezifität der PCR-Tests für SARS-CoV-2 in Deutschland sind, ist ein Ringversuch von Instand e.V., einer medizinischen Fachgesellschaft. Dabei wurden Laboren verdeckte positive und negative Proben mit SARS-CoV-2 oder anderen Coronaviren geschickt. Im Anschluss wurde erhoben, wie viele Proben sie richtig als positiv oder negativ testeten. Solche Versuche dienen der Qualitätssicherung.

Das Ergebnis: Die Labore erkannten von drei positiven Proben 98,8 bis 99,7 Prozent korrekt als positiv (Sensitivität). Die vierte, am stärksten verdünnte positive Probe erkannten 93 Prozent. Im Fall der negativen Proben waren es 97,8 bis 98,6 Prozent korrekte Ergebnisse (Spezifität) (PDF, Seite 12-13).  

Wenn die Spezifität im Ringversuch durchschnittlich rund 98 Prozent beträgt, heißt das aber nicht, dass in der Praxis rund zwei Prozent der Tests falsch-positiv sind. Diese Schlussfolgerung ist ein Missverständnis. 

Es gibt verschiedene „Zielgene“ für PCR-Tests

Es gibt nicht nur einen einzigen PCR-Test, sondern verschiedene Hersteller. Sie verwenden zum Nachweis von SARS-CoV-2 verschiedene Gen-Sequenzen. Diese Zielgene (Targets) heißen zum Beispiel E, N oder ORF1. Der deutsche PCR-Test-Hersteller Roche informiert etwa auf seiner Webseite, dass sein System auf die ORF1-Region und das E-Gen teste. 

In der Praxis testen viele Labore in Deutschland nach Recherchen von CORRECTIV nicht nur auf ein Zielgen, sondern auf mindestens zwei. Man spricht vom „Dual-Target“-System. Das reduziert die Möglichkeit für falsch-positive Ergebnisse drastisch.

In dem Ringversuch wurden die Erfolgsquoten für die Zielgene einzeln ausgewiesen. Ein Beispiel: Bei einer negativen Probe erkannten PCR-Tests auf das E-Gen diese Probe zu 99,5 Prozent korrekt als negativ. Tests auf das N-Gen erkannten dieselbe Probe zu 98,2 Prozent als negativ. Die Erfolgsquote im Ringversuch über alle Zielgene hinweg war bei dieser Probe insgesamt 98,6 Prozent.

Auszug aus Ringversuch von Instand e.V.
Auszug aus dem Bericht des Ringversuchs: Diese Probe enthielt kein SARS-CoV-2 und auch keine anderen Coronaviren. Das korrekte Laborergebnis sollte also „negativ“ lauten. (Quelle: Instand e.V. / Screenshot: CORRECTIV)

„Dual-Target“-System: Labore testen auf zwei Zielgene

Der Virologe Christian Drosten sagte kürzlich der DPA, die Labore würden bei positiven Ergebnissen einen Zusatztest durchführen. Die Zahl der falsch-positiven Tests würde damit praktisch auf Null gesenkt.

Auch das RKI empfiehlt auf seiner Webseite die „Dual-Target“-Methode, wenn das Virus in der Bevölkerung nicht mehr so häufig vorkomme (niedrige Prävalenz). Bei unklaren oder abweichenden Testergebnissen sei eine sorgfältige Bewertung nötig. Gegebenenfalls müsse ein erneuter Test durchgeführt werden. „Der Befund soll eine klare Entscheidung im Hinblick auf die Meldung ermöglichen.“ 

Sprecher von zwei Laboren bestätigen mehrfache Prüfung

Hendrik Borucki, Sprecher von Bioscientia, einem Verbund medizinischer Labore mit Hauptsitz in Ingelheim, erklärte uns auf Nachfrage am Telefon: In den Laboren von Bioscientia werden seit März alle Proben standardmäßig auf zwei oder drei Zielgene getestet. Bioscientia führe aktuell etwa acht Prozent aller Corona-Tests in Deutschland durch.

Wenn man die Testergebnisse für die verschiedenen Zielgene zusammenzähle, komme man auf eine Spezifität von 99,99 Prozent. Falsch-positive Ergebnisse seien auch damit nicht komplett ausgeschlossen, sie betreffen jedoch nur einen von 10.000 Tests. Gemessen an der Gesamtmenge der Tests sei diese Fehlerquote „verschwindend gering“, sagte Borucki. So erklärt Bioscientia es auch auf seiner Webseite

Auch Jan Kramer, ärztlicher Leiter des LADR-Zentrallabors in Geesthacht, sagte CORRECTIV am Telefon, in seinem Labor werde bei positiven Testergebnissen immer noch ein zweiter Test nach dem „Dual-Target“-System gemacht. Bei negativen Testergebnissen sei dies nicht nötig. Das LADR-Zentrallabor führe aktuell bis zu 30.000 Corona-Tests pro Woche durch, so Kramer. 

Ein reines Laborergebnis sollte nicht mit der Diagnose verwechselt werden: „Jeder positive Befund wird ärztlich nachtelefoniert“, sagt Kramer. Es werde auch geschaut, ob ein Mensch Symptome habe. Oft bleibe es zudem nicht bei einem einzigen Test, sondern eine Person werde mit zeitlichem Abstand mehrfach getestet. 

Synlab: Test auf mehr als eine Gen-Stelle bei hoher Spezifität nicht mehr nötig

Nicht alle Labore gehen einheitlich vor. Das Unternehmen Synlab teilte CORRECTIV auf Anfrage schriftlich mit, dort werde standardmäßig nur auf eine Gen-Stelle getestet. „Auf spezifischen Wunsch unserer Einsender bieten wir aber auch den Test auf mehrere Gen-Stellen an.“ 

Der Test auf mehr als eine Gen-Sequenz bedeute nicht automatisch weniger falsch-positive Tests. Vielmehr sorge dafür eine hohe Spezifität: „Der von uns routinemäßig durchgeführte Test hat eine hohe Qualität und eine sehr hohe Spezifität.“ Die Betrachtung einer zweiten Gen-Stelle sei daher nicht mehr notwendig. „Weiterhin ist es so, dass unsere medizinischen Experten den Kurvenverlauf jeder Probe analysieren. Erfahrene Biologen und Mediziner bewerten, ob es Unstimmigkeiten gibt, die eine weitere Überprüfung erfordern.“ 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Das RKI geht davon aus, dass die Fallzahlen aktuell nicht durch falsch-positive Tests verzerrt werden. Im Epidemiologischen Bulletin vom 27. August (Seite 12) steht: „Aufgrund des Funktionsprinzips von PCR-Testen und hohen Qualitätsanforderungen liegt die analytische Spezifität bei korrekter Durchführung und Bewertung bei nahezu 100 Prozent.“ In der Regel würden „nicht plausible Befunde in der Praxis durch Testwiederholung oder durch zusätzliche Testverfahren bestätigt oder verworfen“. Das RKI gehe „von einer sehr geringen Zahl falsch positiver Befunde aus, die die Einschätzung der Lage nicht verfälscht“. 

Falsch-negative Ergebnisse sind durch viele Faktoren möglich

Nach Ansicht von Experten ist die massenhafte Testung von Personen ohne Symptome dennoch problematisch. Und zwar vor allem wegen der Testkapazitäten und der Möglichkeit von falsch-negativen Ergebnissen. 

„Seltsamerweise wird über falsch-negative Ergebnisse viel weniger diskutiert“, sagte Borucki von Bioscientia. Viele Faktoren könnten zu einem negativen Testergebnis führen, obwohl die Person infiziert ist. Dazu zählten ein schlecht durchgeführter Rachenabstrich oder auch ein zu früher Zeitpunkt der Testung. Menschen, die aus dem Urlaub zurückkehrten und keine Symptome hätten, würden sich mit einem negativen Testergebnis möglicherweise in falscher Sicherheit wiegen. Bioscientia wünsche sich daher, dass wieder vor allem Menschen mit Symptomen oder konkretem Verdacht getestet werden, um dieses Risiko zu reduzieren, so Borucki. 

Auch der Verband akkreditierter Labore in der Medizin (ALM), in dessen Vorstand Jan Kramer sitzt, äußerte sich kürzlich zu diesem Problem. Es sei nötig, wieder gezielter zu testen. „Dass die Positivrate […] bei den Reiserückkehrern sogar unter 0,4 Prozent liegt, zeigt, dass wir im Moment komplexe und wertvolle medizinische Tests für die falsche Zielgruppe einsetzen“, heißt es in der Pressemitteilung.   

Update, 17. September: Wir haben einen Fehler im Text korrigiert. Christian Drosten sagte der DPA, falsch-positive Tests würden praktisch auf Null gesenkt, nicht unter Null. 

imnetzdercoronagegner
(Grafik: Benjamin Schubert / CORRECTIV)

von Till Eckert , Matthias Bau , Alice Echtermann

Ungültige Atteste gegen die Maskenpflicht und ein vertrauliches Treffen mit Sachsens Ministerpräsident Kretschmer: Eine Recherche von CORRECTIV zeigt, wie ein bundesweites Netzwerk von Wissenschaftlern, Meinungsmachern und Anwälten versucht, die Corona-Maßnahmen zu untergraben.

Das Attest kommt per E-Mail. „Aus schwerwiegenden Gründen von der Gesichtsmaskenpflicht befreit“, steht darauf. Dass es so leicht werden würde, hatten wir nicht gedacht. 

Zuvor hatten wir eine kurze Korrespondenz mit einem Berliner Heilpraktiker. Wir schrieben ihm über eine private E-Mailadresse, wir würden „nach all dem, was man so lesen kann, einfach nicht an die Wirkung“ der Maske glauben. Dass sie uns „im Gegenteil sogar schaden“ könnte. Kurz darauf schrieb der Heilpraktiker zurück: „Gerne helfen wir weiter.“ 

Wir schickten ihm auf Anfrage eine vollständige Anschrift. Wenige Stunden später: Unser Masken-Attest, mit Unterschrift. Dazu die Bitte um eine Spende für die „Ärzte für Aufklärung“, „Querdenken711“ oder „andere Vereine, die die Sache unterstützen“.

Bitte helfen Sie mit, diesen Wahnsinn zu beenden und zeigen Gesicht! – aus der E-Mail eines Berliner Heilpraktikers

Die Sache, das ist die Ablehnung der Regierungsmaßnahmen gegen das Coronavirus. Vorangetrieben wird sie von Scheinexperten und Meinungsmachern, die die Pandemie verharmlosen, teilweise sogar leugnen. Maßgeblich beteiligt sind aber auch Menschen mit medizinischem oder wissenschaftlichem Hintergrund, Professoren und Doktoren aus verschiedensten Fachbereichen, sowie Anwälte. 

Nach Recherchen von CORRECTIV haben sich die Corona-Gegner in den vergangenen Monaten ein bundesweites Netzwerk aufgebaut. Es wirkt inzwischen auch direkt auf Politiker ein: Eine Gruppe prominenter Corona-Relativierer traf sich mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Unter ihnen sind Mitglieder eines Vereins aus Passau, der unter anderem Kontakte für fragwürdige Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht vermittelt. Der Vorsitzende: Bestseller-Autor Sucharit Bhakdi. 

Wir zeigen, wer die wichtigsten Köpfe der Bewegung sind – und wie sie den Kampf gegen das Coronavirus torpedieren. Denn spätestens seit der großen Demonstration am 1. August in Berlin ist klar: Dieses Netzwerk ist in der Lage, Zehntausende hinter sich zu vereinen. 

Verein aus Passau vermittelt Kontakte für Masken-Atteste

Die Anti-Corona-Bewegung hat ihren Ursprung dort, wo viele während der Corona-Pandemie Zuflucht fanden: im Internet. Auf Webseiten, Blogs und vor allem Youtube-Kanälen entstehen seit Monaten die Inhalte und Theorien, die Menschen vor den Bildschirmen tausendfach konsumieren. Und auf die Straße treiben.

Wir fanden unseren Berliner Heilpraktiker über die Webseite der „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ (MWGFD e.V) mit Sitz im bayerischen Passau. Der Verein ist nach eigenen Angaben als gemeinnützig anerkannt. Er stellt online mehr als 35 Kontakte zu Ärzten und Heilpraktikern in ganz Deutschland bereit, an die man sich wenden könne, wenn man ein Attest zur Befreiung von der Maskenpflicht brauche. 

Die Mitglieder des Vereins haben sich nach eigenen Angaben wegen gemeinsamer Kritik an den „überzogenen Beschränkungen“ zusammengefunden. Vorsitzender ist Sucharit Bhakdi, dessen Buch „Corona Fehlalarm?“ seit Wochen in den deutschen Bestseller-Listen rangiert. Geschrieben hat er es gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Karina Reiss. Bhakdi ist der ehemalige Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universitätsmedizin Mainz. Er fiel während der Pandemie mehrfach mit Spekulationen und unbelegten Behauptungen zum Virus auf und trat in viralen Youtube-Videos in Erscheinung. So ließ er sich beispielsweise vom bekannten Verschwörungsideologen Ken Jebsen interviewen und richtete einen offenen Brief an Angela Merkel

In einem „Aufruf an alle ärztlichen Kolleginnen und Kollegen“ (PDF) behaupten Bhakdi und seine Mitstreiter, es gebe derzeit „keine echten Covid-19-Neuinfektionen im Bundesgebiet“ mehr. Die Maskenpflicht wird in dem Schreiben als „besonders belastend und gesundheitsgefährdend“ bezeichnet. Angeblich entstünden zahlreiche Beschwerden durch die „vermehrte Rückatmung von CO2“ – eine Behauptung, die nach Aussagen von Experten falsch ist. 

Der Vorsitzende des Vereins MWGFD e.V., Mikrobiologe und Bestseller-Autor Sucharit Bhakdi (links), in einem Interview mit dem Verschwörungsideologen Ken Jebsen im April. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Richtig ist: Masken können, je nach Art, tatsächlich die Atmung behindern. In Berlin sind zum Beispiel Gehörlose oder Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen von der Maskenpflicht befreit. Atteste können laut der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit jedoch nur von einem Arzt ausgestellt werden. „Hebammen, Heilpraktiker etc. sind keine Ärzte, damit sind die Atteste nicht gültig. Atteste ohne Arztbesuch sind in der Regel ebenfalls nicht zulässig“, schrieb uns ein Sprecher per E-Mail. 

Nach Recherchen von CORRECTIV sind gleich mehrere der Personen auf der Liste von MWGFD e.V. keine Ärzte, einige sind im Ausland tätig. 

Auf der Webseite des Vereins heißt es, das Attest über die Befreiung von der Maskenpflicht erfolge aufgrund „medizinischer Gesichtspunkte“. Diese würden „Ärzte aller Fachrichtungen oder Psychotherapeuten eigenverantwortlich“ beurteilen. Man solle einen Termin mit solchen vereinbaren. Nur: Unser Attest haben wir innerhalb weniger Stunden per E-Mail erhalten, ohne ein persönliches Gespräch geführt oder einen Termin gemacht zu haben, oder auch nur gesundheitliche Beschwerden schildern zu müssen. 

Zudem steht die Gültigkeit des Attests in Frage: Der Heilpraktiker war laut Behörden nicht befugt, es auszustellen. Der Text auf dem Attest entspricht dem Formulierungsvorschlag, den MWGFD e.V. in seinem Aufruf an die Ärzte gleich mitgeliefert hat.

Unser Masken-Attest haben wir per E-Mail erhalten, ohne dass medizinische Gründe nachgewiesen wurden. Gesendet wurde es mit der Bitte, für andere Vereine zu spenden, die „die Sache“ unterstützen. (Quelle: CORRECTIV)

Laut Berliner Senat für Gesundheit haften Ärzte für die Richtigkeit der ausgestellten Atteste. Das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse zum Gebrauch bei einer Behörde oder Versicherung nach Paragraf 278 des Strafgesetzbuchs steht dabei unter Strafe. Bei Verstoß droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. 

Auf Anfrage teilte uns die Ärztekammer Berlin mit, auch wenn das ungültige Attest nicht bei einer Behörde vorgelegt werde, sondern zum Beispiel nur beim Frisör, begehe der Patient damit eine Ordnungswidrigkeit – und der Arzt verletze seine berufliche Pflicht. Die Ärztekammer gehe aktuell mehreren Anzeigen wegen sogenannter Gefälligkeitsatteste nach. Für die Ärzte könne das Ganze berufsrechtliche Konsequenzen haben.

Wissen Sucharit Bhakdi und die Ärzte, die Mitglied in seinem Verein sind, dass sich auf ihrer Liste Personen befinden, die nicht befugt sind, Atteste auszustellen? Der Vorsitzende des Vereins ließ diese und weitere Fragen unbeantwortet. Auch der Berliner Heilpraktiker aus der Liste des Vereins antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Fragen, als wir uns im Nachhinein als Journalisten zu erkennen gaben.

Zahlreiche Mitglieder des Vereins erlangten während der Pandemie Bekanntheit

Neben Sucharit Bhakdi versammeln sich im Verein MWGFD e.V. weitere prominente Corona-Relativierer. Darunter der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Arzt Wolfgang Wodarg, der Mitunterzeichner des Attest-Aufrufs ist. Er gehörte im März zu den ersten „Youtube-Doktoren“, die fragwürdige Positionen und unbelegte Theorien zum Coronavirus verbreiteten. Die Klickzahlen auf Youtube dokumentieren seinen Erfolg. Zuletzt deutete Wodarg an, der PCR-Test für SARS-CoV-2 könnte auf Rinder-Coronaviren positiv reagieren – was laut Experten nicht möglich ist

Der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg, der in Youtube-Interviews irreführende Behauptungen über die sogenannte R-Zahl verbreitete und auf Demonstrationen in Stuttgart gegen die Maßnahmen der Regierung wetterte, fungiert als Kassenwart bei MWGFD e.V. Der Immunologe Stefan Hockertz, der schon früh die populäre Behauptung vertrat, das Coronavirus sei nicht gefährlicher als die Grippe, ist ebenfalls mit an Bord.

Wolfgang Wodarg in einem Interview mit dem Youtube-Kanal „Punkt.Preradovic“ im März. (Screenshot: CORRECTIV)

Gemeinsam ist den Mitgliedern des Vereins eines: Sie halten die Pandemie für ungefährlich, die Maßnahmen gegen sie für falsch – und sie möchten möglichst viele Menschen von dieser Sichtweise überzeugen. 

Dazu zählen auch Politikerinnen und Politiker. 

Ministerpräsident Michael Kretschmer traf Verantwortliche des Vereins

Wie erfolgreich diese Bemühungen um Einflussnahme bisher sind, ist unklar. Doch erst kürzlich traf sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zum vertraulichen Gespräch mit einigen Verantwortlichen des Vereins. 

In Dresden fand ein „wissenschaftlicher Runder Tisch“ statt, initiiert vom Bildhauer Michael Grasemann. Neben Bhakdi und Homburg sei auch Kretschmer eingeladen gewesen, heißt es in einem Youtube-Video vom 7. August. Die einzige Tonaufnahme des Gesprächs sei bei der Sächsischen Staatskanzlei verblieben. „Warum, darauf blieb der MP eine Antwort schuldig“, steht im Text zum Video.  

Die Staatskanzlei Sachsen bestätigte CORRECTIV auf Nachfrage, Kretschmer habe die Einladung zum Gespräch angenommen, „da er grundsätzlich mit allen Menschen spricht, die an einem sachlichen Austausch und ernsthaften Diskussionen interessiert sind“. Die Wissenschaftler hätten „eine dezidiert kritische Haltung zu den Corona-Schutzmaßnahmen“, schreibt uns ein Sprecher. Das Gespräch habe zweieinhalb Stunden gedauert, über den Inhalt sei aber Stillschweigen vereinbart worden. 

„Sachliches und positives Klima“

Wessen Wunsch dieses Stillschweigen war, konnten wir nicht klären. In dem Text zum Youtube-Video des Runden Tisches liest es sich, als habe der Ministerpräsident darauf bestanden, die einzige Tonaufnahme zu behalten. Sein Sprecher schrieb uns, die Aufnahme existiere, er könne aber zum konkreten Inhalt des Gesprächs keine Auskunft erteilen, weil Kretschmer sich an die Vereinbarung gebunden fühle, die vor dem Gespräch getroffen worden sei. 

Immerhin: Das Gespräch habe in einem „sehr sachlichen und positiven Klima“ stattgefunden und „war geprägt vom wissenschaftlichen Disput der Experten“. Der Sprecher betonte zudem in seiner E-Mail, Deutschland habe die Krise bisher gut gemeistert, die Maßnahmen seien also erfolgreich gewesen „wenngleich eine kritische Auseinandersetzung mit den Entscheidungen selbstverständlich legitim ist“. Fakt sei: Das Coronavirus sei noch da, „hoch ansteckend“ und „für einen nennenswerten Teil der Infizierten tödlich“.

Den Attest-Aufruf an die Ärzte veröffentlichte der Verein MWGFD e.V. am 6. Juni. In einer Bundespressekonferenz Anfang August sprach ein Reporter von RT Deutsch das Treffen Bhakdis mit Kretschmer an, behauptete, es sei am 26. Juni gewesen und Kretschmer habe dort laut Teilnehmern „ein baldiges Ende der Maskenpflicht“ angekündigt. 

Auf eine weitere Nachfrage, weshalb Kretschmer mit Menschen diskutiere, die Kontakte für zweifelhafte Atteste gegen die Maskenpflicht vermitteln und unwissenschaftliche Theorien im Internet verbreiten – und inwiefern dieses „sachlich und in positivem Klima“ verlief – antwortete uns der Sprecher bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht. Auch ob Kretschmer dort mögliche Zusagen, etwa für einen anderen Umgang mit der Maskenpflicht oder ähnliches in Aussicht gestellt habe, ließ der Sprecher offen. 

Eine telefonische Nachfrage zum genauen Termin des Treffens kommentierte der Sprecher mit: „Auch hierzu möchten wir uns nicht äußern.“

Ein bundesweites Netzwerk von „Gleichgesinnten“

Mitglieder eines Corona-Gegner-Vereins treffen einen Ministerpräsidenten zum Austausch hinter verschlossenen Türen – ihre Bestrebungen zur politischen Einflussnahme sind also nicht zu unterschätzen. 

Angeblich sollen Spenden von mehreren Zehntausend Euro beim Verein eingehen, darunter auch eine Einzelspende in Höhe von 25.000 Euro. Das sagte zumindest Kassenwart Homburg in einem Interview. Woher das Geld stammt und wofür es konkret verwendet wurde, lässt der gemeinnützige MWGFD e.V. auf Anfrage offen. 

Eine der Hauptaktivitäten des Vereins ist jedoch das Netzwerken. In seiner Satzung (PDF) gibt er an, ein „möglichst großes Netzwerk von Gleichgesinnten über das ganze Bundesgebiet“ knüpfen zu wollen. 

Nach Recherchen von CORRECTIV existiert dieses Netzwerk bereits. So gibt es ausgehend von MWGFD e.V. mehrere personelle Überschneidungen zu anderen zentralen Organisationen der Corona-Gegner-Szene.

Da ist zum Beispiel Heiko Schöning. Er gibt an, Arzt in Hamburg zu sein. In Erscheinung getreten ist er in der Vergangenheit auch als Unternehmer. 2013 ging er laut Medienberichten mit seinem Gesundheitsdienstleister „Onkocom“ Pleite. 2015 stellte er bei der Vox-Sendung „Höhle der Löwen“ einen Notfallkühler vor, der Patienten im Falle eines Herzstillstands retten soll. Nach eigenen Aussagen organisierte er 2017 außerdem das laut Medienberichten rechts-esoterische Festival „Pax Terra Musica“.

Schöning ist neben seiner Mitgliedschaft in dem  Verein aus Passau auch einer der Köpfe hinter den sogenannten „Ärzten für Aufklärung“, die laut Report Mainz ebenfalls Gefälligkeitsatteste gegen die Maskenpflicht vermitteln. Sie haben sich nach eigenen Angaben im April zusammengefunden und mittlerweile mehr als 2.000 Unterstützer gesammelt. Die Organisation bittet im Netz um Spenden.

Drei der Köpfe hinter den sogenannten „Ärzten für Aufklärung“: Heiko Schöning (mitte), Olav Müller-Liebenau (links) und Walter Weber (rechts). (Screenshot: CORRECTIV)

Schönings Mitstreiter sind die Ärzte Olav Müller-Liebenau und Marc Fiddike, die sich der Homöopathie und Naturheilverfahren verschrieben haben. Außerdem dabei: Der Internist Walter Weber, der im Jahr 2000 für Schlagzeilen sorgte, als er einer 66-Jährigen „wegen ihrer Furcht vor Menschen schwarzer Hautfarbe“ eine „Angsterkrankung“ bescheinigt habe. 

Die vier sind nach Recherchen von CORRECTIV zudem verantwortlich für den „Außerparlamentarischen Corona-Untersuchungsausschuss“ (ACU), dessen Ziel offenbar ein Präsenz-Untersuchungsausschuss ist, für den „Sachverständige und Zeugen“ gesucht werden. Auch hier wird um Spenden geworben.

Schöning aus Hamburg fungiert mit zwei weiteren Männern als Sprecher des ACU: Martin Haditsch, ein Facharzt für Tropenmedizin, und Bodo Schiffmann, der in Sinsheim eine Klinik für Schwindelkrankheiten („Schwindelambulanz“) und einen erfolgreichen Youtube-Kanal betreibt.

Schiffmann ist eine der umtriebigsten Figuren im Netzwerk der Corona-Gegner: Er ist ein politischer Motor der Bewegung, pflegt mehrere Kontakte in die angeschlossene Youtube-Szene und tritt in Deutschland und der Schweiz als Redner auf Demonstrationen der Initiative „Querdenken711“ auf.

Bodo Schiffmann ist ein Mann, der die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mit dem Ermächtigungsgesetz vergleicht, auf dem Adolf Hitler 1933 seine Diktatur aufbaute. Er sagt außerdem Dinge wie: „Ich träume immer noch davon, morgens wach zu werden und zu sehen, wie Bill Gates nach Guantanamo gefahren wird zur Vernehmung.“ Schiffmann fürchtet, dass wir in Zukunft in einer „faschistoiden Gesundheitsdiktatur“ leben könnten.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer faschistoiden Gesundheitsdiktatur aufwachen – Bodo Schiffmann, Arzt und Parteigründer aus Sinsheim

Wohl beflügelt vom Erfolg seines Youtube-Kanals, auf dem er emotionalisierende Ansprachen hält oder die Zahlen des Robert-Koch-Instituts interpretiert, gründete er Anfang April zunächst die Partei „Widerstand2020“ mit. Das Ziel: Die nächste Bundestagswahl. Wenig später trat Schiffmann jedoch wieder aus, offenbar wegen Meinungsverschiedenheiten mit den anderen Gründern. Im Juli dann gründete er die Partei „Wir2020“. Aber auch hier trat Schiffmann nach eigenen Angaben Mitte August vom Vorstandsposten zurück und kündigte eine „Politikpause“ an. 

Anwälte gegen die „massiven Rechtsverletzungen“ der Regierung 

Zwei von Schiffmanns „Widerstand2020“-Mitgründern, die Anwälte Ralf Ludwig und Kirsten König, kümmern sich im Netzwerk der Corona-Relativierer gemeinsam mit Markus Haintz um die juristischen Belange: Als „Anwälte für Aufklärung“ wollen sie gegen die angeblich „massiven Rechtsverletzungen“ der Regierung vorgehen.

Bürger werden von ihnen etwa an den gemeinnützigen Leipziger Verein „Klagepaten“ vermittelt, der helfen soll, „einen Anspruch an Schadensersatz gegenüber dem Staat geltend zu machen“, sofern ein solcher durch die Corona-Maßnahmen entstanden sei. Man werde dort von der Antragstellung bis hin zu einer Klage vor Gericht begleitet. Im Impressum ist Ludwig als Verantwortlicher angegeben – rechts oben auf der Webseite findet sich ein roter „Spenden“-Button. Auch der Berliner Heilpraktiker hat unseren Reporter in der E-Mail mit dem Attest auf diesen Verein hingewiesen, falls es „zu Schwierigkeiten kommt“. 

Ludwig und König sind zusammen mit dem Ulmer Bauanwalt Markus Haintz außerdem Administratoren der erfolgreichen Facebook-Gruppe „Coronapandemie fällt heute aus“, die auch vom Kopf der „Querdenken“-Bewegung, Michael Ballweg, mitbetreut wird. Sie hat inzwischen mehr als 36.000 Mitglieder und spielte eine zentrale Rolle bei der Organisation der großen Demonstration am 1. August – dazu später mehr.

Markus Haintz, selbst Teil der Initiative „Querdenken711“ und Gründer von Querdenken Ulm, tritt seit Monaten offensiv im Netz und auf Demonstrationen auf. In einem Interview mit dem russischen Auslandssender RT Deutsch sagte er zu den Corona-Maßnahmen, sie seien „faktisch Kindesmisshandlung“. 

Haintz ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Personen im Netzwerk das Internet nutzen: Sie sind oft über mehrere Plattformen und Kanäle hinweg aktiv, werden zu Interviews geladen oder laden selbst dazu ein und bewerben aktiv Gleichgesinnte. 

Youtube-Kanäle sind ein wichtiger Reichweitenmotor für die Köpfe des Netzwerks

So sind die wohl wichtigsten Mitglieder des Corona-Gegner-Netzwerks – neben den Ärzten, Professoren und Anwälten als Stichwortgebern – die Youtuber der Szene. Sie verschaffen den fragwürdigen Theorien und Positionen Reichweite, machen die einzelnen Personen bekannt und profitieren selbst von der Aufmerksamkeit. So tragen sie maßgeblich zur Vernetzungsdynamik der Szene bei.

Populär sind zum Beispiel die Youtube-Kanäle der Verschwörungsideologen Ken Jebsen, Heiko Schrang und Oliver Janich, die passend zu ihren Theorien immer wieder Mitglieder der Szene zu Interviews laden. Vor der Corona-Pandemie war Heiko Schrang vor allem gut vernetzt unter Rechtspopulisten.

Ein Interviewgast bei Schrang und Janich war etwa Samuel Eckert. Eckert ist ein IT-Unternehmer in der Schweiz, der selbst seit Wochen Youtube-Videos mit irreführenden oder falschen Behauptungen zum Coronavirus produziert. Er nahm außerdem einen knapp sechsstündigen Livestream zur Demo am 1. August in Berlin auf.

Oliver Janich (links) und Heiko Schrang (rechts) im Interview mit Gast Samuel Eckert (Mitte). (Screenshot: CORRECTIV)

Eine undurchsichtige Rolle spielt ein weiterer, sehr aktiver Youtube-Kanal: „GD-TV“ aus Schwäbisch Gmünd. Mittlerweile ist er eine der zentralen Plattformen für die Inhalte der „Querdenken“-Bewegung; die Betreiber sind jedoch unbekannt. Der Kanal verbreitete zum Beispiel ein virales Video des Ulmer Studenten Sebastian Götz mit dem Titel „Die Zerstörung des Corona-Hypes“. Im Abspann dankt Götz “Alex von GD-TV”. 

Bei solchen Youtube-Kanälen bekommen viele der bereits beschriebenen Personen eine Plattform. Auch Michael Ballweg ist dort ein gern gesehener Gast. Er bringt den Protest vom Netz auf die Straße.

„Querdenken711“ holt die Corona-Gegner-Szene auf die Straße

Eine große Demonstration am 1. August in Berlin, die „Tag der Freiheit“ getauft worden war, brachte fast alle Akteure und Initiativen des Netzwerks zusammen: Bodo Schiffmann, Heiko Schöning und die Youtuber Heiko Schrang, Samuel Eckert und Sebastian Götz, sie alle waren dort als Redner angemeldet. 

Initiiert wurde der Protest von der Partei „Widerstand2020“ und der Initiative „Querdenken711“ aus Stuttgart. Für die Mobilisierung nutzten sie die Facebook-Gruppe „Coronapandemie fällt heute aus“ als eine zentrale Plattform. 

Verantwortlich für „Querdenken711“ ist Michael Ballweg, ein IT-Unternehmer, der Verschwörungsmythen nicht abgeneigt zu sein scheint. So spielte er am 1. August in seiner Rede auf „Q-Anon“ an, einen vor allem in den USA verbreiteten Mythos von einer allwissenden Macht im Hintergrund. Ballweg möchte laut eigenen Aussagen Bürgermeister von Stuttgart werden.

Laut Medienberichten gab es bei der Demo Verstöße gegen Hygienemaßnahmen und aggressives Verhalten gegen Journalisten – die Polizei löste die zentrale Kundgebung am Brandenburger Tor auf, zahlreiche Politiker zeigten sich anschließend verständnislos. 

Das Geschehen vom 1. August sollte offenbar noch einmal getoppt werden: Für den 29. August planten die Corona-Gegner eine Demo mit internationaler Beteiligung. So sollen etwa Aktivisten aus Italien eine Einladung nach Berlin angenommen haben. In einem Interview sagte Ballweg, er habe 14 Tage für eine Art Protestcamp eingeplant. Man wolle die Straße des 17. Juni für die gesamte Dauer des Protestes blockieren. 

Die Demo wurde jedoch am 26. August von der Berliner Versammlungsbehörde verboten, unter anderem weil es bei der ersten Demonstration Auflagenverstöße gegeben habe. „Ich bin nicht bereit ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird“, sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel außerdem. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Tatsächlich hatten im Vorfeld vermehrt Rechtsextreme zur Demonstration aufgerufen. So sollte bereits am Freitag der rechtsextreme Rapper Chris Ares auftreten. Götz Kubitschek, der als Vordenker der Neuen Rechten gilt, rief zur Demo auf. Auch der Kopf der rechtsextremen sogenannten „Identitären Bewegung“, Martin Sellner, mobilisierte über die Messenger-Plattform Telegram. Die NPD Sachsen mobilisierte auf Twitter

Auch mehrere AfD-Politiker schlossen sich dem Aufruf an, zum Beispiel der Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla. Ob und in welcher Form die Demonstration stattfindet, ist jedoch offen. Einige riefen unter dem Hashtag #SturmaufBerlin in Sozialen Netzwerken dazu auf, trotz des Verbots zu erscheinen. Berlins Innensenator Geisel kündigte „ein konsequentes Vorgehen der Polizei“ an, sollten sich große Menschenansammlungen bilden. 

In der E-Mail mit dem Attest hatte auch der Berliner Heilpraktiker unseren Reporter aufgefordert, zur Demonstration am 29. August zu erscheinen. „Wir machen weiter und wir werden immer mehr!“ schrieb er.

Genau das muss sich noch zeigen. Denn das Netzwerk ist in Teilen auch eine Echokammer – es redet vor allem mit sich selbst.

Mitarbeit: Benjamin Schubert (Grafiken), Belén Ríos Falcón (Grafiken), Frederik Richter (Redigatur)

Update, 1. September: In der Einleitung hatten wir geschrieben, das Treffen mit Michael Kretschmer sei Anfang August gewesen. Dies haben wir korrigiert; der genaue Termin ist unklar, mutmaßlich fand das Treffen jedoch früher statt. 

Symbolbild Moskau
Deutsche Medien berichteten, Russland habe den ersten Covid-19-Impfstoff zugelassen. Stimmt das? (Symbolbild: Peggy und Marco Lachmann-Anke / Pixabay)   

von Alice Echtermann

Russland habe als erstes Land einen Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen und damit eine wichtige Sicherheitsprüfung übersprungen, berichteten Medien diese Woche. Haben sie da etwas falsch verstanden? Eine Analyse. 

Am 11. August gab der russische Präsident Wladimir Putin eine Video-Konferenz gemeinsam mit Gesundheitsminister Michail Muraschko. Sie verkündeten, in Russland sei der weltweit erste Coronavirus-Impfstoff registriert worden. Mehrere Medien in Deutschland, darunter Spiegel und Welt, berichteten daraufhin, der Impfstoff namens Sputnik V sei „zugelassen“ worden und erwähnten Kritik, weil Russland nicht zuvor alle klinischen Studien abgeschlossen habe. 

Das russische Auslandsmedium RT Deutsch wiederum kritisierte die deutsche Berichterstattung und schrieb, Putins Aussage sei falsch übersetzt worden. Der Impfstoff sei „registriert“ worden, was eine „juristische Formalie“ für die dritte Testphase sei. Der Impfstoff werde nicht vor Januar 2021 eingesetzt.

Macht es also einen Unterschied, ob Putin „zugelassen“ oder „registriert“ gesagt hat? Wird der russische Impfstoff bereits angewendet, obwohl er noch nicht alle Phasen der klinischen Studien durchlaufen hat, oder nicht? 

Russischer Impfstoff Sputnik V wurde „registriert“

Der Vorwurf von RT Deutsch zu dem Übersetzungsfehler ist richtig: Putin sagte auf der Konferenz nicht „zugelassen“, sondern „registriert“. Allerdings sind die Medien nicht die einzigen, denen dieser Fehler passierte. Laut der offiziellen englischen Übersetzung auf der Webseite des Kreml sagte Putin: „I have been told that the world’s first coronavirus vaccine was approved this morning.“ Übersetzt: „Mir wurde gesagt, dass heute Morgen der weltweit erste Coronavirus-Impfstoff zugelassen wurde.“ 

Im russischen Original sprachen Putin – und auch später der Gesundheitsminister Muraschko – aber von der „Registrierung“. Zu hören ist das hier im Video

Aber ist eine Registrierung gleichbedeutend mit einer Zulassung? Das Zulassungsverfahren eines Impfstoffes (in Deutschland durch das Paul-Ehrlich-Institut oder die Europäische Arzneimittelagentur) beinhaltet normalerweise als „zwingende Voraussetzung […] eine konsistente Herstellung, eine hohe Qualität und klinische Prüfungen in drei Phasen“. 

Da die Entwicklung von Impfstoffen laut EU-Kommission sonst mehr als zehn Jahre dauert, wurden Verfahren während der Covid-19-Pandemie stark beschleunigt. Es müsse zum Beispiel parallel zur Testphase in die Produktion investiert werden, heißt es in dem Strategiepapier der EU-Kommission. Ein Impfstoff bekomme aber nur eine Zulassung, wenn „alle angemessenen Stadien der klinischen Studien“ abgeschlossen seien und der Impfstoff als sicher und effektiv gelte, schrieb uns ein Sprecher der EU-Kommission per E-Mail. 

Putin: Impfstoff hat alle notwendigen Kontrollen durchlaufen

Der Vorwurf, der zum Beispiel im Spiegel gemacht wurde, ist, dass Russland eine „Abkürzung“ genommen und „die finale Sicherheitsprüfung offenbar einfach übersprungen“ habe. In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung hieß es: „Russland hat jetzt den ersten Impfstoff gegen das neue Virus zugelassen – ohne gründlich zu untersuchen, ob das Vakzin überhaupt wirkt und welche Schäden es anrichten könnte.“

Tatsächlich behauptete Wladimir Putin, der Impfstoff habe alle notwendigen Kontrollen durchlaufen, obwohl Phase 3 der klinischen Prüfung noch nicht begonnen hatte. In dieser Phase werden Impfstoffe an tausenden Menschen getestet. Für Sputnik V startete sie einen Tag nach der Registrierung, am 12. August. An 2.000 Menschen in Russland und weiteren in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi Arabien, Brasilien und Mexiko soll der Impfstoff erprobt werden. Bisher wurde er nur an sehr wenigen Menschen getestet, und die Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht.  

Laut WHO sind weltweit mehrere Impfstoffe in der 3. Phase und werden an großen Gruppen Menschen getestet. Dazu zählen ein Impfstoff der University of Oxford, ein deutscher Impfstoff und einer aus den USA.

Wird der Impfstoff schon jetzt für die russische Bevölkerung verwendet?

Das Alleinstellungsmerkmal des russischen Impfstoffes ist also nur die staatliche Registrierung. Die Frage ist, ob er damit tatsächlich (wie die Welt schrieb) „für die breite Anwendung in der Bevölkerung zugelassen“ ist. 

Auf der Webseite für Sputnik V heißt es: „Der Impfstoff bekam am 11. August ein Registrierungszertifikat des russischen Gesundheitsministeriums und kann unter den Notfallregeln während der Covid-19-Pandemie genutzt werden, um die russische Bevölkerung zu impfen.“ Die Massenproduktion solle im September beginnen.

In den Tagesthemen am 11. August kritisierte der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, das Vorgehen und mangelnde Transparenz Russlands. „Wenn es so ist, dass dieser Impfstoff nur vorgesehen würde für eine ausgewählte Gruppe mit besonders hohem Risiko, […] dann könnte man sagen: Okay, eventuell müssen noch weitere Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten erhoben werden, aber man zieht die Zulassung für diese Personengruppe vor. Das ist in diesem Fall wohl nicht der Fall. Für größere Anwendungen würde ich diesen Impfstoff – nach der bisherigen Datenlagen, die wir kennen – nicht empfehlen.“

Gesundheitsminister Muraschko: „Parallel nach und nach eingeführt“

Tatsächlich sagte der russische Gesundheitsminister Muraschko bei der Video-Konferenz, der Impfstoff solle bereits schrittweise eingeführt werden. CORRECTIV hat die Original-Aussagen im Video der Konferenz übersetzt.

Demnach erklärte Muraschko, dass der Impfstoff nun an zwei Standorten hergestellt werde. Gleichzeitig werde er im Ausland beworben; einige Länder zeigten schon Interesse. „Parallel dazu beginnt eine schrittweise Anwendung des Impfstoffs im zivilen Verkehr. Zunächst halte ich es für notwendig, Impfungen für diejenigen anzubieten, deren Arbeit die Kommunikation mit infizierten Menschen beinhaltet. Dies sind medizinische Mitarbeiter und diejenigen, von denen die Gesundheit von Kindern abhängt – dies sind unsere Lehrer.“ Das deckt sich auch mit der englischen Übersetzung auf der Kreml-Webseite.

Wie viele Menschen den Impfstoff erhalten sollen, ist unklar. Das Science Magazin zitierte am 11. August einen Sprecher des russischen Gesundheitsministeriums: Das Zertifikat erlaube es, dass der Impfstoff „einer kleinen Anzahl Bürger aus verletzlichen Gruppen“ verabreicht werden könne, inklusive Medizinpersonal und älteren Menschen. 

Anwendung bei Risikogruppen soll bereits starten 

Die Wortwahl Muraschkos in der Video-Konferenz „in den zivilen Verkehr“ (в гражданский оборот) ist dieselbe wie in dem Registrierungszertifikat für Sputnik V. Dort ist vermerkt: Termin der Einführung in den zivilen Verkehr (Срок введения в гражданский оборот): 1. Januar 2021“. Das ist also der offizielle Termin für die Einführung, auf den auch RT Deutsch verwiesen hatte.

Der Gesundheitsminister bezog sich jedoch auf Lehrer und Angehörige der Medizinberufe und sagte, die Anwendung solle parallel „schrittweise” schon stattfinden. Das Schlüsselwort  („в гражданский оборот“) bedeutet die Einführung des Impfstoffes in den zivilen Umlauf und verweist nicht auf die klinische Studie.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

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Damit ist die „Registrierung“, anders als von RT Deutsch berichtet, mehr als nur eine legale Formalie zur Durchführung der dritten Testphase. Diese wird zwar nicht ausgelassen, aber parallel sollen schon bestimmte Menschen geimpft werden. Russland hat den Impfstoff noch nicht in der Masse zugelassen, zieht aber bestimmte Risikogruppen vor.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax zitierte Muraschko am 12. August mit den Worten, innerhalb von zwei Wochen würden die ersten Packungen des Impfstoffes freigegeben und für die Gesundheitsrisiko-Gruppen geliefert. Am 14. August hieß es, die Daten zu den bisherigen klinischen Studien würden in den kommenden Tagen veröffentlicht. 

CORRECTIV hat das Pressebüro des Kreml für eine Stellungnahme angefragt und bisher keine Rückmeldung erhalten.

Mitarbeit und Übersetzungen: Marcus Bensmann

Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington.
Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington. (Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Eine Gruppe Mediziner, die sich „America’s Frontline Doctors“ nennen, ziehen weltweit Aufmerksamkeit mit der unbelegten Behauptung auf sich, Covid-19 könne mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin geheilt werden. Ärztin Stella Immanuel verbreitet schon seit Jahren unwissenschaftliche Mythen.

In weißen Kitteln steht eine Gruppe Menschen vor dem US Supreme Court in Washington. Sie nennen sich America’s Frontline Doctors und sprechen davon, dass niemand an Covid-19 erkranken müsse. Es gebe ein Heilmittel, das Erkrankte gesund mache und Gesunde präventiv vor einer Erkrankung schütze: Hydroxychloroquin. Alle Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus seien zudem hinfällig und nutzlos. 

Hydroxychloroquin ist ein Medikament, das gegen Malaria eingesetzt wird, entzündungshemmend wirkt und auch gegen rheumatologische Erkrankungen helfen soll. Doch: Seit Monaten warnen Ärzte und Wissenschaftler vor der Einnahme von Hydroxychloroquin in Zusammenhang mit Covid-19. Es gibt keine Belege, dass es zur Behandlung der Krankheit geeignet ist. Das Video der „Frontline Doctors“ verbreitete sich trotzdem rasant in mehreren Ländern auch weil sich prominente Unterstützer fanden.

Am 27. Juli war die rechtspopulistische Nachrichtenseite Breitbart News laut Medienberichten live auf Facebook und übertrug die Pressekonferenz der „Frontline Doctors“. Unterstützt wurde die Veranstaltung von den „Tea Party Patriots“, einer rechtskonservativen politischen Organisation. Der Republikaner Ralph Norman eröffnete die Pressekonferenz. 

Youtube, Facebook und Twitter löschten Videos der „America’s Frontline Doctors“

Auch wenn das Video der Pressekonferenz mittlerweile von Youtube gelöscht wurde, findet sich auf dem Youtube-Kanal der „Tea Party Patriots“ noch ein über dreistündiges Video des sogenannten Gipfeltreffens der „Frontline Doctors“. Das Video tauchte auch in Deutschland auf: Die Pressekonferenz ist auf der Webseite „Corona-Datencheck“ zu finden. Ein Ausschnitt des Videos findet sich unter anderem mit deutscher Beschreibung auf der Plattform Bittube. Das Video dort trägt das Logo der Jugendorganisation „Turning Point USA“, die Donald Trump im Wahlkampf nahesteht.  

Nicht nur auf Youtube wurden die Videos der Pressekonferenz gelöscht, auch Facebook und Twitter löschten laut Medienberichten Posts, die Videos der „Frontline Doctors“ verbreiteten ­ darunter auch Tweets von US-Präsident Donald Trump und seinem Sohn Donald Trump Jr.. Auch Musikerin Madonna, die laut den Berichten schon häufiger Falschinformationen während der Corona-Pandemie verbreitete, veröffentlichte Botschaften der Gruppe und bezeichnete Stella Immanuel, eine der Ärztinnen im Video, als ihre Heldin

Facebook begründete die Löschung der Videos dem US-Nachrichtensender CNN zufolge damit, dass das Video falsche Informationen über die Heil- und Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 verbreite. Bevor das Facebook-Live-Video auf Breitbart News von Facebook gelöscht wurde, sei es mehr als 20 Millionen Mal angeklickt worden, schreibt NBC-Reporterin Brandy Zadrozny auf Twitter

Donald Trump verteidigte erneut den Einsatz von Hydroxychloroquin gegen Covid-19

Auf einer Pressekonferenz des Weißen Hauses am 28. Juli verteidigte Donald Trump die Tatsache, dass er das Video und das Statement einer der auftretenden Ärztinnen, Stella Immanuel, geteilt hatte: Sie sagte, sie habe enormen Erfolg bei hunderten von verschiedenen Patienten und ich hielt ihre Stimme für eine wichtige Stimme, aber ich weiß nichts über sie. Erneut betonte er, dass er selbst 14 Tage lang im Mai präventiv Hydroxychloroquin eingenommen habe und es ihm gut gehe. Immer wieder pries Donald Trump in den vergangenen Monaten das Malaria-Medikament als Heilmittel gegen Covid-19 an.

Doch wer sind die „Frontline Doctors“? Die Webseite der Gruppierung ist inzwischen nicht mehr verfügbar. Sie sei vom Website-Host Squarespace am 28. Juli gelöscht worden, schreibt eine der Ärztinnen auf Twitter. In der archivierten Version der Webseite ist zu lesen, dass die Mediziner ankündigten, einen Weiße-Kittel-Gipfel abzuhalten, um „die Amerikaner zu ermächtigen, nicht länger in Angst zu leben“. Die US-Bürger seien angeblich Opfer einer „massiven Desinformationskampagne“ geworden. Spätestens bei dem öffentlichen Auftritt am vergangenen Montag vor dem Supreme Court wurde deutlich, dass es ihnen dabei um den Umgang mit der Corona-Pandemie ging. 

Ärztin Stella Immanuel behauptet, Hunderte Covid-19-Patienten mit Hydroxychloroquin geheilt zu haben

Besonders eindrücklich sind dabei die Worte von Stella Immanuel. Sie gibt an, Ärztin in Houston, Texas zu sein und Medizin in Nigeria studiert zu haben. Bei der Liveübertragung vor dem Supreme Court redete sie sich regelrecht in Rage: Ich habe persönlich mehr als 350 Menschen mit Covid behandelt. Patienten, die die Diabetes haben, die Bluthochdruck haben, Patienten die Asthma haben. Ich habe ihnen Hydroxy gegeben, ich habe ihnen Zink gegeben, ich habe ihnen Zithromax gegeben, und es geht ihnen allen gut. 

Zudem habe sie sich selbst, medizinischen Angestellten und vielen anderen Ärzten auch Hydroxychloroquin zur Prävention gegeben. Niemand müsse krank werden, niemand müsse sterben, sagt Immanuel: Für dieses Virus gibt es Heilung. Und das sind Hydroxychloroquin, Zink und Zithromax. 

Studien, die vor Hydroxychloroquin warnten, seien gefälschte Wissenschaft und das Tragen von Schutzmasken und Abstandhalten bringe nichts, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, behauptet Immanuel weiter. Belege für diese Behauptungen liefert sie keine.

Seit Monaten gibt es Diskussionen über die Anwendung des Malaria-Medikaments im Kampf gegen Covid-19

Zu Beginn der Corona-Pandemie häuften sich weltweit Meldungen, das Malaria-Medikament könne bei der Behandlung von Covid-19 helfen. So hatte die U.S. Food and Drug Administration (FDA), die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, im März eine Notfallgenehmigung für den Einsatz von Hdydroxychloroquin und Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 erteilt. 

Auch in anderen nicht-europäischen Ländern wurden ähnliche Regelungen erlassen, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Hinweispapier zum Umgang mit Covid-19-Erkrankten schreibt. Doch die Entscheidung fußte laut der Behörde lediglich auf Einzelfallberichten und Beobachtungsanalysen, die zu uneinheitlichen Ergebnissen führten, was die Sicherheit und Wirksamkeit von Hydroxychloroquin anbelangt. 

Im Mai sorgte dann eine Studie für Aufsehen, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht worden war. Dort wurde nicht nur die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin in Frage gestellt, sondern behauptet, das Medikament würde schwere Nebenwirkungen hervorrufen und das Sterberisiko erhöhen. Die Studie wurde massiv kritisiert, drei der vier Autoren gaben laut Medienberichten ihren Rückzug aus der Studie bekannt.  

Trotz Zweifeln an der Zuverlässigkeit der zugrundeliegenden Daten führte die Studie jedoch zum Widerruf der Notfallgenehmigung im Juni durch die FDA, wie das RKI schreibt

Inzwischen wurden einige klinische Studien zu Hydroxychloroquin wieder aufgenommen, wie auch in einem Papier des RKI zur Erkennung, Diagnostik und Therapie von Covid-19 vom 22. Juli zu lesen ist (Seite 12).

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keine Belege für eine Wirksamkeit von Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19. Auch die WHO rät von einer Einnahme ab, weil sie gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen und sogar zum Tod führen könne.

Laut Stella Immanuel löschte Facebook ihre private Seite

Zahlreiche Medien berichten davon, dass Stella Immanuel dubiose, unwissenschaftliche Überzeugungen vertrete und verbreite. 

Immanuel arbeitet im Rehoboth Medical Centre in Houston, Texas. Online zu finden ist lediglich eine Facebook-Seite der Privatklinik, Facebook löschte die private Seite der Ärztin offenbar. Auf Twitter schrieb sie dazu: Wenn meine Seite nicht wiederhergestellt wird, wird Facebook im Namen Jesu zusammenbrechen. In ihrer Twitter-Biografie schreibt sie über sich selbst, sie sei unter anderem Ärztin, Autorin, Rednerin sowie Gottes Streitaxt und Kriegswaffe”. 

Immanuel verteufelt Masturbation und glaubt an Dämonen sowie Reptilien, die die Welt regieren

Außerdem predigt sie in der Fire Power Ministry. Dahinter verbirgt sich offenbar eine missionarische, religiöse Organisation. Die Website der Organisation ist nur in einer archivierten Version verfügbar. Aber auf Immanuels Youtube-Kanal finden sich seit 2009 Videos, in denen sie beispielsweise 2011 behauptete, wer masturbiere und Sexträume habe, rufe Dämonen, was wiederum die Ursache für zahlreiche gynäkologische Krankheiten sei.

Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)
Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

2015 behauptete sie in einem Video, DNA von Aliens werde in medizinischen Behandlungen genutzt. Wissenschaftler würden einen Impfstoff entwickeln, um Menschen daran zu hindern, religiös zu sein und Reptilien säßen anstatt Menschen in der Regierung. Auch verbreitete sie die Behauptung, Illuminati und Dämonen würden die Weltordnung bestimmen. Lediglich die Kirche habe den Auftrag, diese Rolle zu übernehmen. Der Glaube daran, dass „Reptiloide“, also Echsenmenschen, die Länder der Welt anführen würden, ist ein Verschwörungsmythos. 

Fazit: Unbelegte Heilsversprechen einer umstrittenen Ärztin

Seit Beginn der Pandemie wird an der Wirksamkeit und den Folgen der Behandlung mit Hydroxychloroquin bei Covid-19-Patienten weltweit diskutiert und geforscht fest steht bislang, dass die Anwendung des Medikaments keine Wirksamkeit bei der Heilung oder Prophylaxe gegen das Coronavirus zeigt. 

Für die Behauptung von Stella Immanuel, sie habe Hunderte Patienten mit dem Medikament geheilt, gibt es keine Belege. Immanuel, deren Aussagen bei der Pressekonferenz der „Frontline Doctors“ auch im Weißen Haus diskutiert wurden, berief sich in der Vergangenheit bei vielen ihrer Äußerungen nicht auf wissenschaftlich fundierte Fakten, sondern auf religiöse Ansichten und verbreitete teils Verschwörungsmythen.

Titelbild
Ein gemeinsamer Bericht von CORRECTIV, Maldita.es, AFP, Full Fact und Pagella Politica/Facta. (Collage: Maldita.es)

5G, Bill Gates, Impfungen und dubiose Heilmittel: CORRECTIV hat mit Faktencheck-Organisationen aus vier europäischen Ländern analysiert, welche Muster sich über Grenzen hinweg in den Falschinformationen zu Covid-19 zeigen.

Falschinformationen und Viren haben einiges gemeinsam: Sie können sich exponentiell ausbreiten, und sie machen nicht vor Grenzen halt. Für professionelle Faktenchecker bedeutet die Pandemie des Coronavirus SARS-CoV-2 eine neue, internationale Dimension der Desinformation. Die Weltgesundheitsorganisation hat dafür den Begriff „Infodemie“ geprägt.

Mitte März hat CORRECTIV.Faktencheck sich deshalb mit vier weiteren Organisationen in Europa zusammengeschlossen, um die Verbreitung von falschen Behauptungen über Covid-19 besser zu verstehen. Die Kooperation mit Maldita.es in Spanien, Pagella Politica/Facta in Italien, Full Fact in Großbritannien und Agence France-Presse (AFP) in Frankreich zeigt, dass in der Flut der Falschinformationen Muster zu erkennen sind.

645 Faktenchecks, fünf Länder

Identische Behauptungen wurden in allen Ländern und Sprachen verbreitet. Manche der scheinbar gut gemeinten Warnungen oder medizinischen Ratschläge sind harmlos – wie das Gurgeln mit Essig. Manche jedoch sind gefährlich – wie das Trinken von Desinfektionsmittel. Durch die Verunsicherung der Menschen schaffen es zudem auch große Narrative der Desinformation ins Licht der Aufmerksamkeit. Sie können das Vertrauen in Institutionen erschüttern und nachhaltige, zersetzende Wirkungen haben – wie der Glaube an Verschwörungen, Ressentiments gegen Impfungen oder 5G-Mobilfunkstrahlen.

Wir haben alle im März und April veröffentlichten Artikel der fünf Organisationen zu Covid-19 analysiert – insgesamt 645 Texte – und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Wann tauchte eine Falschinformation wo auf? Welche Varianten derselben Behauptungen gab es? Und welche Themen waren spezifisch für jedes Land?

Entstanden ist ein interaktives Web-Projekt in fünf Sprachen über zwei Monate Faktencheck-Arbeit während einer globalen Pandemie.

Lesen Sie hier die Analyse der Covid-19-Infodemie in Europa:

covidinfodemiceurope.com

(Projekt-Koordination für CORRECTIV: Alice Echtermann)

PCR-Tests Coronavirus
Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor im sächsischen Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet. (Symbolbild: picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB) 

von Cristina Helberg

Seit Beginn der Corona-Pandemie kursiert in Sozialen Netzwerken ein zentraler Vorwurf: Die PCR-Tests seien unzuverlässig und lieferten oft falsche Ergebnisse. Die Test selbst sind zwar sehr genau, ihr Ergebnis wird aber durch die sogenannte Vortestwahrscheinlichkeit beeinflusst. Was steckt dahinter? 

Hinweis: Dieser Artikel beschreibt ein theoretisches Problem aufgrund einer mathematischen Besonderheit. Die hier angegebenen Werte sagen nichts über die Häufigkeit falscher Corona-Testergebnisse in der Praxis in Deutschland aus.

Besonders zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland im März wiederholten Kritiker der Eindämmungsmaßnahmen eine Behauptung immer wieder: Die PCR-Tests, mit denen Infektionen erkannt werden, seien in „bis zu 80 Prozent der Fälle“ falsch positiv. „Falsch positiv“ bedeutet: Eine eigentlich gesunde Person bekommt ein positives Testergebnis und wird fälschlich als Infektionsfall gezählt. Dass diese Fehlerquote hoch sei, behaupteten in Youtube-Videos unter anderem der Internist Claus Köhnlein, Heiko Schöning und der Heilpraktiker Andreas Schlecht. Sie bezogen sich dabei unter anderem auf Störanfälligkeiten des Tests oder Reaktionen mit anderen, älteren Coronaviren. 

Wir haben die Behauptung, die Fehlerquote liege bei „30 bis 50 Prozent“, bereits im April 2020 in einem Faktencheck als falsch eingestuft. Die Labore der Unikliniken Köln, Stuttgart und Dresden hatten auf unsere Anfrage den in den Youtube-Videos angegebenen Fehlerquoten bezogen auf Störanfälligkeiten und Kreuzreaktionen widersprochen. Sie betonten aber, dass es wichtig sei, dass Abstriche richtig genommen, Labore Erfahrung haben und die Proben richtig transportiert werden. Unser Faktencheck bezog sich dabei auf die Sensitivität und die Spezifität der Tests, die nach Aussage der Experten sehr hoch ist. 

Es gibt jedoch noch eine andere große Fehlerquelle: die Vortestwahrscheinlichkeit. Selbst wenn Corona PCR-Tests hoch spezifisch und sensitiv sind, können sie je nachdem, wie viel getestet wird und wie viele Menschen infiziert sind, viele falsche Ergebnisse liefern. Dazu hatten viele unser Leserinnen und Leser Fragen. In diesem Text erklären wir das Problem.

Was sind Sensitivität und Spezifität?

Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test Infizierte als infiziert erkennt, und Spezifität die Wahrscheinlichkeit, dass er Gesunde als gesund erkennt. 

Die Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien hat im April dazu einen Versuch durchgeführt. Laboren wurden verdeckte positive und negative Proben mit SARS-CoV-2 oder anderen Coronaviren geschickt. Im Anschluss erhob die Gesellschaft, wie viele Proben die 463 Laboratorien aus 36 Ländern richtig als positiv oder negativ erkannten. 

In einer Zwischenauswertung vom 3. Juni kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Labore von drei positiven Proben 98,9% bis 99,7% korrekt als positiv erkannten (Sensitivität). Die vierte, am stärksten verdünnte positive Probe erkannten 93 Prozent. Im Fall der negativen Proben waren es 97,8% bis 98,6% korrekte Ergebnisse (Spezifität). „Diese hohen Erfolgsquoten repräsentieren eine sehr gute Leistungsfähigkeit der Ringversuchsteilnehmer und der angewendeten Testformate“, schreiben die Autoren (PDF, Seite 19-20 und Seite 21).  

Die angewandten PCR-Tests sind insgesamt also in der Regel hoch spezifisch und sensitiv (auch wenn die genauen Ergebnisse je nach Art des Tests sehr unterschiedlich sein können) und der Ringversuch bestätigt Aussagen von drei Uniklinik-Laboren in unserem Faktencheck. Berücksichtigt wurden in dem Versuch allerdings keine anderen Faktoren wie falsche Probenentnahmen. Diese könnten wesentlich zur Fehlerquote beitragen, insbesondere zu falsch negativen Ergebnissen.  

Die Vortestwahrscheinlichkeit spielt eine wichtige Rolle 

In unserem Faktencheck Anfang April erwähnten wir bereits die wichtige Rolle der sogenannten Basisrate oder Prävalenz, also die Häufigkeit, mit der eine Krankheit in der Bevölkerung vorkommt. Ein ähnlicher Faktor ist die Vortestwahrscheinlichkeit, also die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der getestet werden soll, wirklich infiziert ist. Warum das Einfluss auf den Test hat, zeigt ein Beispiel. 

Angenommen ein Test hat eine sehr hohe Sensitivität und Spezifität von 99 Prozent. Testet man nun 100 Gesunde, werden 99 Personen korrekt negativ getestet und eine Person falsch positiv. Testet man jedoch 100 Infizierte, wird der Test 99 Personen korrektiv positiv erkennen und eine Person falsch negativ. Die Anzahl und die Art falscher Testergebnisse hängt demnach auch davon ab, wie viele von den getesteten Personen gesund und wie viele infiziert sind. 

Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Technischen Universität Dresden führte in unserem Faktencheck dieses Beispiel an, um zu verdeutlichen, dass der Test derselbe bleibt, die Wahrscheinlichkeiten sich jedoch je nach Basisrate ändern: „Der Test wird im positiven und negativen Vorhersagewert besser, wenn gezielt Populationen mit einer höheren Vortestwahrscheinlichkeit untersucht werden.“

Deshalb sollen vor allem Menschen mit Symptomen getestet werden

Seit Beginn der Corona-Pandemie gilt in Deutschland unter anderem deshalb die Vorgabe des Robert-Koch-Instituts, dass vor allem Menschen getestet werden sollten, die Symptomen zeigen, direkten Kontakt zu Infizierten hatten oder sich in Risikogebieten aufhielten. Darauf wies auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung bis zum 15. Juni auf ihrer Webseite hin. Mittlerweile gibt es aber einige Änderungen. Zukünftig sind auch Reihentestungen in Kitas, Schulen oder Pflegeheimen möglich. Auch Personen ohne Symptome, aber mit einer Warnbenachrichtigung durch die Corona-App können sich auf Kosten der Krankenkassen nun testen lassen. 

Das Robert-Koch-Institut hatte bis zum 2. Juni auf seiner Webseite stehen: „Von einer Testung von asymptomatischen Personen wird aufgrund der unklaren Aussagekraft eines negativen Ergebnisses sowie der Möglichkeit falsch positiver Befunde in Abhängigkeit von der Prävalenz/ Inzidenz in der Regel abgeraten.“ 

RKI zum PCR-Test: keine Testung von Personen ohne Symptome
Hinweis auf der Seite des Robert-Koch-Instituts. (Abgerufen am 18. Mai 2020, Screenshot: CORRECTIV)

Am 3. Juni nahm das RKI den Teilsatz über die Möglichkeit falsch positiver Befunde aus dem Artikel, ergänzte dafür aber einen ganzen Absatz zur Vortestwahrscheinlichkeit. Dort steht nun: „Generell wird die Richtigkeit des Ergebnisses von diagnostischen Tests auch von der Verbreitung einer Erkrankung beeinflusst. Je seltener die Erkrankung und je ungezielter getestet wird, umso höher sind die Anforderungen an Sensitivität und Spezifität der zur Anwendung kommenden Tests.“  

RKI Änderung Hinweis zu PCR-Tests
Hinweis zur Vortestwahrscheinlichkeit auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts (Abgerufen am 15. Juni, Screenshot: CORRECTIV)

Der große Unterschied von 50 oder einem Prozent Vortestwahrscheinlichkeit 

Das British Medical Journal stellt auf seiner Webseite eine interaktive Covid-19-Simulation zur Verfügung, an der jeder ausprobieren kann, wie sich die Test-Spezifität und Sensivität und die Vortestwahrscheinlichkeit auf die Testergebnisse von 100 Personen auswirken. Je nach Vortestwahrscheinlichkeit kommt es zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. 

Kalkulator 50 Prozent Vortestwahrscheinlichkeit
Eine Simulation mit dem Covid-19-Kalkulator des British Medical Journal. Von 100 getesteten Personen mit einer Vortestwahrscheinlichkeit von 50 Prozent wird eine Person falsch positiv getestet. (Screenshot: CORRECTIV)

Nehmen wir als Beispiel je 50 und ein Prozent Vortestwahrscheinlichkeit. Bei 50 Prozent, wenn also von 100 getesteten Personen 50 infiziert sind, werden im Test (mit den angenommenen Parametern 99 Prozent Sensitivität und 98 Spezifität) 50 korrekt positiv erkannt, eine Person als falsch positiv, 49 als korrekt negativ und 0 falsch negativ. Eine Person würde also fälschlicherweise unter Quarantäne gestellt. Der Anteil falsch positiver Ergebnisse an allen Tests liegt bei einem Prozent (1 von 100). 

Bei einer Vortestwahrscheinlichkeit von nur einem Prozent sieht das schon ganz anders aus. Von 100 Personen ist nun eine infiziert. Im Test wird es deshalb ein korrektes positives Ergebnis geben, aber auch zwei falsch positive Ergebnisse. Es gibt also mehr falsch positive Ergebnisse als tatsächlich positive. Der Anteil der falsch positiven Ergebnisse an allen Tests liegt bei zwei Prozent (2 von 100). Falsch negativ wird in diesem Szenario niemand getestet.  

Kalkulator 1 Prozent Vortestwahrscheinlichkeit
Eine Simulation mit dem Covid-19-Kalkulator des British Medical Journal. Von 100 getesteten Personen mit einer Vortestwahrscheinlichkeit von einem Prozent werden zwei falsch positiv getestet. (Screenshot: CORRECTIV)

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Die Beispiele zeigen: Kommt die Krankheit in der getesteten Gruppe kaum vor, sinkt die Wahrscheinlichkeit, bei einem positiven Testergebnis auch tatsächlich infiziert zu sein, extrem. 

Im ersten Beispiel bedeutet ein positiver Test, dass die Person mit 98 prozentiger Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich infiziert ist. Im zweiten Beispiel liegt dieser Wert nur noch bei 33 Prozent. Rund 67 Prozent der positiven Testergebnisse (2 von 3) sind in diesem Fall falsch. 

Gesundheitsminister Spahn warnt vor millionenfachen Reihentestungen 

Besonders kritisch wird das Problem der Vortestwahrscheinlichkeit, wenn große Gruppen Menschen ohne Symptome oder konkreten Verdacht auf Covid-19 getestet werden. Wenn es also nicht mehr nur um 100, sondern um Millionen Menschen geht. Davor warnte auch Gesundheitsminister Jens Spahn am 14. Juni in der ARD im Nachbericht aus Berlin. Auf mögliche Reihentestungen angesprochen, sagte er: „Ich finde nur eins immer wichtig, wenn ich lese, wir müssten drei, vier oder fünf Millionen jetzt flächendeckend jeden Tag testen: […] Dadurch, dass wir […] die Zahlen so runtergebracht haben, haben wir im Moment eine Positiv-Testung von unter einem Prozent bei gleichbleibend konstanter Testzahl in den letzten Wochen. Und wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht nachher durch zu umfangreiches Testen […] zu viel falsch Positive haben. Weil die Tests ja nicht 100 Prozent genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben auch eine Fehlerquote haben.“

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Weiter sagte Spahn: „Wenn insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht und und Sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben Sie auf einmal viel mehr falsch Positive als tatsächlich Positive.“ 

Insgesamt zeigt sich, PCR-Tests auf SARS-CoV-2 sind in der Regel sehr genau. Pauschale Aussagen von Kritikern wie Claus Köhnlein oder Heiko Schöning wie „der PCR-Test hat eine Fehlerquote von 30 bis 50 Prozent“ sind demnach falsch. Doch die geringe Fehlerquote reicht schon aus, um theoretisch zum Problem zu werden. Je geringer die Vortestwahrscheinlichkeit in der Bevölkerung ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Tests korrekte Ergebnisse liefern. Das kann in der Theorie dazu führen, dass mehr Menschen falsch positiv getestet werden, als tatsächlich erkrankt sind. Das gilt insbesondere, wenn die Erkrankung immer seltener wird und gleichzeitig immer breiter getestet wird, also zum Beispiel Reihentestungen von Fußballern stattfinden. 

Wie Labore in der Praxis falsch-positive Test verhindern, lesen Sie hier ausführlich. 

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Seit die Corona-Krise Deutschland erreicht hat, verbreiten sich viele irreführende und falsche Behauptungen rund um Covid-19 im Netz. (Symbolfoto: Unsplash)

CORRECTIV.Faktencheck hat mehr als 1.800 Hinweise von Leserinnen und Lesern zu möglicher Desinformation über das Coronavirus ausgewertet. Die Analyse zeigt: Whatsapp ist der häufigste Verbreitungskanal für fragwürdige Informationen – und Youtube ist der Ort, an dem sie zu finden sind. Was tun die Konzerne dagegen?

Seit Wochen nimmt der Strom falscher und manipulativer Behauptungen zum Thema Covid-19 nicht ab. Verschiedene Akteure verbreiten Falschinformationen auf Plattformen wie Youtube oder Facebook. Eine Datenanalyse von CORRECTIV.Faktencheck zeigt nun: In der Corona-Krise ist Youtube die von Nutzern am häufigsten gemeldete Plattform für fragwürdige Informationen. Rund 46 Prozent der Links, die uns mit der Bitte um einen Faktencheck geschickt wurden, führen zu der Videoplattform. 

Gleichzeitig ist Whatsapp der wichtigste Verbreitungskanal: 34 Prozent der Nutzer gaben an, die mögliche Falschinformation dort erstmals gesehen zu haben. Man könnte sagen: Whatsapp ist die Autobahn für Coronavirus-Fakes, Youtube-Videos sind die Rennwagen.

So erhalten Falschinformationen innerhalb kürzester Zeit teils riesige Reichweiten. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW glauben 81 Prozent der Menschen in Deutschland, bereits im Internet auf Desinformation zum Coronavirus gestoßen zu sein. 

Die ausgewerteten Daten stammen aus dem CrowdNewsroom von CORRECTIV und sind nicht repräsentativ. Seit Mitte März konnten Leserinnen und Leser dort Inhalte einreichen, bei denen sie einen Faktencheck für nötig hielten. Mehr als 1.800 Meldungen haben wir insgesamt ausgewertet. Sie basieren auf subjektiven Einschätzungen von Nutzern, welche Informationen falsch sein könnten. Es handelt sich also nicht zwingend bei allen um Fakes. 

Was die Einreichungen jedoch sehr gut zeigen, ist, welche Beiträge zum Coronavirus die Menschen verunsichert oder ihr Misstrauen geweckt haben. Und auf welchen Wegen die Informationen sie erreichen. 

Die Plattform: Rund 46 Prozent der Links führen zu Youtube

Wirft man einen Blick darauf, welche Plattformen am häufigsten in unseren Daten auftauchen, wird die besondere Bedeutung von Youtube klar: Eine Analyse von mehr als 1.400 eingereichten Links im CrowdNewsroom zeigt, dass 45,8 Prozent zu Videos auf Youtube führen. 

Auf dem zweiten Platz liegen Webseiten mit 30,6 Prozent, gefolgt von Facebook mit 16,6 Prozent. Links zu Whatsapp sind nicht möglich, daher fällt der Messenger aus dieser Auswertung heraus. 

Die Grafik zeigt, woher die von Nutzern gemeldeten potenziell falschen Informationen stammten

Das heißt, mit Abstand am häufigsten haben uns Leserinnen und Leser Youtube-Videos als potenzielle Falschinformationen gemeldet. 

Der Verbreitungsweg: 34 Prozent geben an, die Information per Whatsapp erhalten zu haben

Auf die Frage, wo sie der Information zum ersten Mal begegnet sind, antworteten 34 Prozent der Nutzer Whatsapp. An zweiter Stelle folgt Facebook mit 28,8 Prozent. 14,2 Prozent der Nutzer gaben als Erstkontakt Youtube direkt an, 7,6 Prozent Webseiten.

Whatsapp ist der Weg, auf dem die meisten Menschen erstmals mit potenziell falschen Informationen in Berührung kommen – zum Beispiel, weil sie ihnen von Bekannten geschickt wurden. 

Die Grafik zeigt, auf welchem Weg Nutzer die Information erhalten haben

Whatsapp ist also der häufigste Verbreitungskanal für fragwürdige Informationen – und Youtube ist der Ort, an dem sie zu finden sind. 

Das Ergebnis unserer Datenanalyse spiegelt die große Bedeutung wider, die diese beiden Angebote auf dem Markt in Deutschland haben. Laut der ARD-ZDF-Onlinestudie (2019) nutzt 40 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens einmal wöchentlich Youtube. Besonders beliebt ist die Videoplattform bei jüngeren Internetnutzern: 82 Prozent der 14- bis 29-Jährigen besuchen sie mindestens einmal pro Woche.

Noch viel weiter verbreitet ist Whatsapp in Deutschland: 75 Prozent verwenden den Messenger 2019 mindestens wöchentlich. Bei den Menschen zwischen 14 und 49 Jahren sind es sogar mehr als 90 Prozent. Facebook wird von 31 Prozent aller Menschen mindestens wöchentlich genutzt. 

Falschinformationen zu Gesundheitsthemen sind eine Gefahr

Dass falsche Informationen zu Gesundheitsthemen in Sozialen Netzwerken verbreitet werden, ist nicht neu – die Corona-Krise hat das Problem jedoch verschärft. 

Falschmeldungen zu Covid-19 verbreiten sich international. Zum Beispiel wurden Whatsapp-Nachrichten mit der Behauptung, man solle immer seine Schuhe vor der Haustür ausziehen, weil das Coronavirus daran hafte, in Deutschland, Irland, und Kroatien verschickt. Und die falsche Behauptung, alle 15 Minuten einen Schluck Wasser zu trinken verhindere eine Infektion, kursierte auf Whatsapp in Deutschland und Spanien und auf Facebook in Litauen, Kroatien und den Philippinen

Zahlreiche Ärztinnen und Ärzte, darunter der Virologe Christian Drosten, haben kürzlich in einem offenen Brief von großen Tech-Konzernen gefordert, gegen die „Infodemie“ vorzugehen. Die Betreiber der Plattformen müssten „sofort und systematisch aktiv werden, um die Flut an medizinischen Fehlinformationen sowie die dadurch ausgelöste Gesundheitskrise zu stoppen“. Die Ärzte beziehen sich zum Beispiel auch auf Stimmungsmache gegen Masern-Impfungen.

„Sind Fake News einmal im Kopf eines Menschen, sind sie dort relativ stabil verankert“ 

Sabrina Heike Kessler vom Department of Communication and Media Research der Universität Zürich ist Kommunikationswissenschaftlerin und spezialisiert auf Wissenschaftskommunikation. Sie sagt: „Dass Menschen in Gesundheitsfragen an Fake News glauben, erklärt sich auch mit dem menschlichen Wunsch, gesund zu sein, zu bleiben oder werden zu wollen und der Angst vor Krankheit und Tod.“ Der Mensch sei beim Thema Gesundheit evolutionär darauf angelegt, sich auf das zu verlassen, was andere denken, empfehlen und tun. 

Das erkläre teils, weshalb sich Falschinformationen über Covid-19 so rasant verbreiten, erklärt Kessler gegenüber CORRECTIV. „Wirken die Informationen, die man über das Coronavirus liest auch noch plausibel und passen ins eigene Weltbild, werden sie direkt mental eingespeichert. Sind Fake News dann einmal im Kopf eines Menschen, sind sie dort relativ stabil verankert und nur sehr schwer wieder zu beseitigen.“ 

Was unternehmen die Tech-Konzerne?

Youtube, Whatsapp und Facebook sind angesichts dieser Probleme nicht untätig. Sie ergreifen bereits Maßnahmen, um die Verbreitung von Falschmeldungen einzudämmen.

So hat Whatsapp Anfang April die Weiterleitung von Nachrichten im Messengerdienst eingeschränkt; sie können jetzt nur noch an maximal fünf Chats verschickt werden. Außerdem können Nachrichten, die bereits zuvor fünfmal weitergeleitet wurden, nur noch an einen Chat gesendet werden. Auf Anfrage teilte Whatsapp uns mit, dies habe die Menge der stark weitergeleiteten Nachrichten um 70 Prozent reduziert. 

Whatsapp betont auch, man unterstütze die Arbeit von Faktencheckern weltweit und arbeite mit Behörden zusammen. Tatsächlich können Nutzer seit kurzem mit der WHO oder dem Bundesgesundheitsministerium zum Thema Covid-19 über einen Whatsapp-Chatbot kommunizieren. 

Der Facebook-Konzern, zu dem Whatsapp gehört, kooperiert bereits seit mehreren Jahren mit unabhängigen Faktencheckern wie CORRECTIV. Dadurch werden Menschen, die eine Falschinformation in dem Sozialen Netzwerk geteilt haben, auch rückwirkend informiert. Zudem gibt Facebook an, Beiträge über das Coronavirus auf Facebook und Instagram zu löschen, wenn sie eine „Gefahr für das körperliche Wohlergehen“ darstellen.   

Youtube: „Wir arbeiten mit Hochdruck“

Youtube hat bisher kein Faktencheck-Programm. Der Konzern entfernt Videos mit falschen medizinischen Informationen zu Covid-19. Youtube-Sprecher Georg Nolte teilte uns per E-Mail mit, dies seien zum Beispiel Videos, in denen behauptet wird, dass das Coronavirus nicht existiere. Oder die „medizinisch nicht fundierte Methoden“ zur Verhinderung einer Infektion empfehlen und Menschen davon abhalten, sich behandeln zu lassen. Außerdem würden Videos gelöscht, die „die Wirksamkeit der Leitlinien der WHO oder der jeweiligen Gesundheitsbehörde ausdrücklich bestreiten, was dazu führen könnte, dass Menschen gegen diese Leitlinien verstoßen“.

„Wir arbeiten mit Hochdruck, unsere User vor Fehlinformationen zu schützen und wollen sie mit verlässlichen und hilfreichen Nachrichten verbinden“, sagt Nolte. In Absprache mit dem Bundesgesundheitsministerium habe man unter den betreffenden Videos, auf der Homepage und in der Youtube-Suche Infoboxen installiert. „So wollen wir möglichst viele Menschen auf die Infopanels des BMG und seiner zugeordneten Institute aufmerksam machen. Wir haben so global gesehen bereits 14 Milliarden Impressionen auf den Infoseiten der verschiedenen Gesundheitsorganisationen erzeugt.“ 

Youtube zeigt tatsächlich seit einiger Zeit unter Videos zu Covid-19 in Deutschland einen Link zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) an. 

Doch ist das genug? Einige Videos werden nicht gelöscht, weil sie offenbar nicht den genannten Kriterien entsprechen. Sie enthalten meist sehr viel Meinung – und führen oft in die Irre. Ein Beispiel ist ein 30-minütiger Beitrag des Bloggers Ken Jebsen, in dem er mehrere falsche Behauptungen aufstellt und spekuliert, Bill Gates habe die Kontrolle über das Gesundheitswesen übernommen, um Zwangsimpfungen durchzuführen. Zahlreiche Leserinnen und Leser haben uns auf dieses Youtube-Video von KenFM hingewiesen, das inzwischen mehr als drei Millionen Aufrufe hat. 

Auch ein Videointerview mit Stefan Homburg, in dem er behauptet, der „Lockdown“ der Regierung sei unnötig und unwirksam gewesen, ist noch online. (In der Einleitung mahnt Moderatorin Milena Preradovic alle Zuschauer, sich bitte an die Corona-Regeln zu halten.) Nicht mehr auf Youtube zu finden ist dagegen zum Beispiel ein Video, das Aussagen eines italienischen Arztes zum Coronavirus in falschen Kontext stellte

Kettenbriefe auf Whatsapp oder Videos auf Youtube haben oft bereits extrem hohe Reichweiten erzielt, bevor die ersten Faktenchecks oder Medienberichte dazu veröffentlicht sind. Und der Hinweis von Youtube auf die BZGA, der auch unter dem Video von Ken Jebsen auftaucht, kann unter Umständen missverständlich wirken. Nutzer, die den Hintergrund nicht kennen, könnten ihn eher als Pluspunkt für die Seriosität der Behauptungen verstehen. 

Ken Jebsen
Der Hinweis auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erscheint unter einem Video, in dem Ken Jebsen behauptet, Bill Gates habe die Kontrolle über das Gesundheitssystem übernommen, um Zwangsimpfungen durchzusetzen. (Screenshot: CORRECTIV)

Nach Einschätzung von Kommunikationswissenschaftlerin Kessler versucht Youtube zwar, gegen Falschmeldungen und Hetze anzugehen, aber: „Youtube wird immer nur den Fake-News-Verbreitenden hinterherlaufen können, wenn keine grundlegend neuen Maßnahmen ergriffen werden.“

Ein Problem sei auch, dass die großen Konzerne wenig Daten für wissenschaftliche Untersuchungen herausgeben. „Sowohl Youtube als auch Whatsapp sind für die sozialwissenschaftliche Forschung schwer zu untersuchen“, sagt Kessler. Niemand wisse genau, welches Ausmaß die Falschmeldungen zum Coronavirus dort annehmen. 

Ihrer Ansicht nach müssen die Konzerne mehr tun. Sie müssten „mehr Geld in die Hand nehmen, mehr Menschen anstellen, die Fake News aufspüren können, mehr mit unabhängigen Faktenprüfern kooperieren, und mehr mit der sozialwissenschaftlichen, unabhängigen Forschung zusammenarbeiten, um effektiv und adäquat gegen die Verbreitung von Fake News vorzugehen.“

Sonderauswertung: Das sind die fünf Youtube-Kanäle, die CORRECTIV am häufigsten gemeldet wurden

1. Schwindelambulanz Sinsheim / Dr. Bodo Schiffmann
Insgesamt 131 Mal reichten Leserinnen und Leser uns Videos von Bodo Schiffmann ein, einem Arzt, der eine Schwindelambulanz in Sinsheim betreibt. Er setzt sich gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung ein und hat kürzlich sogar eine Partei gegründet: „Widerstand2020“. Seit Wochen produziert Schiffmann wie am Fließband Beiträge zum Coronavirus. Seine Videos sind voller Spekulationen – das spiegelt sich in der Häufigkeit wider, mit der sie von Leserinnen und Lesern im CrowdNewsroom eingereicht wurden. 

2. eingeSCHENKt.tv 
73 Mal wurden Videos des Youtube-Kanals „eingeSCHENKt.tv“ gemeldet. Hinter dem Angebot mit 85.000 Abonnenten steht der Journalist Thomas Schenk; die Beiträge sind eher politischer als wissenschaftlicher Natur. Vor Corona wurden auf dem Kanal Videos mit Titeln wie „CO2 und Klima(lüge)?“ veröffentlicht, sowie Interviews mit Max Otte von der CDU-Werteunion oder dem rechten Youtuber Heiko Schrang. Aktuell berichtet der Kanal viel über die sogenannten Hygienedemos.

3. Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi
Sucharit Bhakdi ist ein ein emeritierter Professor für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Universität Mainz. 43 Mal wurden uns von Nutzern im CrowdNewsroom Links zu seinen Videos geschickt. Sein Youtube-Kanal wurde erst vor wenigen Wochen gegründet und hat rund 71.000 Abonnenten – seine Videos aber verbuchen teilweise ein bis zwei Millionen Aufrufe. 

4. KenFM
„KenFM“ ist der Youtube-Kanal des Bloggers Ken Jebsen mit 466.000 Abonnenten. In seinen Videos spielt er die Gefährlichkeit des Coronavirus generell herunter und vermutet hinter der Pandemie eine große Verschwörung, unter anderem von Bill Gates als Strippenzieher. Die Beiträge von „KenFM“ wurden 34 Mal im CrowdNewsroom eingeschickt.

5. PUNKT.Preradovic
33 Mal gemeldet wurden Videos von „PUNKT.Preradovic“, dem Youtube-Kanal der ehemaligen RTL-Moderatorin Milena Preradovic mit 37.000 Abonnenten. Sie interviewte unter anderem Sucharit Bhakdi, der behauptete, Impfungen gegen Corona seien „sinnlos“, den Wirtschaftswissenschaftler Stefan Homburg, der den „Lockdown“ als unnötig und überflüssig bezeichnete, oder den Arzt Wolfgang Wodarg, der die Gefährlichkeit des Coronavirus infrage stellte. 

Text: Alice Echtermann
Datenanalyse: Michel Penke, Max Donheiser
Grafik: Benjamin Schubert
Mitarbeit am CrowdNewsroom: Till Eckert, Bianca Hoffmann, Matthias Bau, Steffen Kutzner

Corona Demo 6
Wegen der Corona-Krise wurden das deutsche Infektionsschutzgesetz umgekrempelt und Grundrechte eingeschränkt. Ist unser Rechtsstaat in Gefahr? (Symbolbild: picture alliance / Daniel Kubirski)

von Lea Weinmann

In der Corona-Krise hat die Bundesregierung außergewöhnliche gesetzliche Maßnahmen ergriffen; das Parlament hat dem Gesundheitsministerium weitgehende Befugnisse zugesprochen. Während Einzelne den Untergang der Demokratie nahen sehen, bleiben Juristinnen und Juristen noch gelassen. Kritik äußern sie trotzdem.

Am 15. April 2020 gilt in ganz Deutschland ein umfassendes Kontaktverbot. Dennoch versammeln sich gegen Nachmittag etwa 150 Menschen vor der Heidelberger Polizeidirektion. Die Demonstranten rufen: „Wir sind das Volk!“, einzelne haben Banner dabei. Polizisten, die durch Megaphone auf die Menge einreden, werden ausgebuht. Handyvideos halten die Szenerie fest, kursieren kurz darauf im Internet und werden zehntausendfach aufgerufen.

Die Menschen sehen den Rechtsstaat in Deutschland in Gefahr. Sie demonstrieren aus Solidarität mit Beate Bahner, Anwältin für Medizinrecht aus Heidelberg. Die Anwältin, die am 8. April beim Bundesverfassungsgericht mit einem Eilantrag gegen die Corona-Rechtsverordnungen klagte, die sie als „staatszersetzenden Angriff“ bezeichnete und mit der „Errichtung eines diktatorischen Polizeistaates“ verglich.

Als sie wenige Tage später in eine Psychiatrie eingewiesen wurde, behauptete sie in einer angeblichen Sprachnachricht auf Youtube, dies sei wegen ihrer Kritik an den Maßnahmen der Regierung geschehen. Für etwa 150 Menschen ist das offensichtlich Grund genug, am 15. April spontan einen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz in Kauf zu nehmen und vor der Polizeidirektion zu demonstrieren.

Tatsächlich wird gegen Bahner ermittelt – weil sie auf ihrer Webseite vor Ostern öffentlich zu Demonstrationen und damit zum Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen aufgerufen hatte. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft hatte ihre kurzzeitige Einweisung in eine Psychiatrie damit aber nichts zu tun. Vielmehr hielten die Beamten es wegen ihres Verhaltens „für erforderlich, medizinische Hilfe einzuholen“, heißt es in einer Polizeimeldung.

Beate Bahner ist ein besonderer, aber doch kein Einzelfall. Denn mit ihrer Kritik ist sie nicht allein.

Es wurden auch andere Stimmen laut, die aktuellen Corona-Verordnungen seien verfassungswidrig: Die Gewaltenteilung werde damit „beseitigt“, schrieb beispielsweise Olaf Margraf, nach eigenen Angaben ein Rechtsanwalt, auf Facebook und rief in einem Video indirekt zum Widerstand gegen die „Notstandsgesetze“ auf (ab Minute 07:00). Die Webseite Rubikon sprach gar von einem Gesetz „aus Hitlers Küche“.

Welche Gesetze wurden in der Corona-Krise verändert?

Das Ende des Rechtsstaats – ist da etwas dran? Dazu muss man sich ansehen, was sich seit der Corona-Krise rechtlich eigentlich geändert hat.

Am 27. März hat der Bundesrat einem Gesetz zugestimmt, das den langen Titel „Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ trägt. Damit wurden einige unterschiedliche Gesetze angepasst, im Wesentlichen geht es aber um das Infektionsschutzgesetz. In diesem sind insbesondere die Paragraphen 5 und 28 interessant.

Paragraph 5 wurde komplett neu eingeführt. Darin räumt der Bundestag dem Bundesgesundheitsministerium weitreichende Befugnisse ein, um selbst Rechtsverordnungen oder Allgemeinverfügungen zu erlassen. Dafür musste der Bundestag zuvor eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ feststellen. Der Bundestag selbst ist es auch, der diese Lage wieder aufheben kann.

Die Gesetzgebungskompetenz wird teilweise abgetreten

Das Gesundheitsministerium kann mit diesen sogenannten Ermächtigungen – solange der epidemische Notstand herrscht – selbst Verordungen erlassen, und zwar ausdrücklich auch „ohne Zustimmung des Bundesrates“. Davon betroffen sind vor allem Bereiche im Gesundheitswesen, aber auch Regelungen zum grenzüberschreitenden Reiseverkehr.

Wichtig ist auch ein Blick auf Absatz 1, Paragraph 28 im Infektionsschutzgesetz: Dort wurde zwar kein umfangreicher Gesetzestext, sondern nur ein Halbsatz ergänzt. Der ist allerdings besonders wichtig, weil er unterm Strich die rechtliche Grundlage für Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren erst geschaffen hat.

Im ersten Teil des Absatzes steht weiterhin, dass die zuständige Behörde gegenüber Kranken oder Menschen, die andere anstecken könnten, „Schutzmaßnahmen“ ergreifen kann, um zu verhindern, dass sich eine Krankheit weiterverbreitet. Ergänzt wurde nun der Teil „[die zuständige Behörde] kann insbesondere Personen verpflichten, den Ort, an dem sie sich befinden, nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu verlassen oder von ihr bestimmte Orte oder öffentliche Orte nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu betreten“.

Sind die Änderungen wegen der Corona-Krise verfassungswidrig?

Im gleichen Absatz werden vier Grundrechte genannt, die zur Durchsetzung dieses Gesetzes eingeschränkt werden dürfen: die Freiheit der Person, die Versammlungsfreiheit, die Freizügigkeit und die Unverletzlichkeit der Wohnung.

Ist das schon der Beweis für die Verfassungswidrigkeit? Kurze Antwort: Nein.

„Ein Grundrechtseingriff ist nicht, weil es ein Grundrechtseingriff ist, per se rechtswidrig“, sagt Sigrid Wienhues, Fachanwältin für Verwaltungsrecht und Vorsitzende des Ausschusses für Verwaltungsrecht der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). Maßgeblich sei vielmehr, dass der Eingriff gerechtfertigt sei.

Das zu definieren, ist nicht einfach. Wichtig ist laut der Juristin, dass die Maßnahmen geeignet, erforderlich und im Ergebnis angemessen seien. Weil auch das nicht wirklich konkret ist, gibt das Infektionsschutzgesetz den Verwaltungen einen Rahmen, in dem sie handeln können. „Damit nicht jeder vorher ein verfassungsrechtliches Seminar gehört haben muss“, sagt Wienhues.

Das Infektionsschutzgesetz sei ein „klassisches Gefahrenabwehrgesetz“, erklärt sie. Für Gefahrenabwehr sei in Deutschland die Verwaltung zuständig. Das heißt: Wenn Gefahr droht, muss sie reagieren können – und das möglichst schnell. Also reagierten die Verwaltungen: Auf Landesebene wurden im März überwiegend Corona-Rechtsverordnungen (beispielsweise die aktuell gültige in Nordrhein-Westfalen) erlassen. Auf Ebene der örtlichen Verwaltungen waren es Allgemeinverfügungen (beispielsweise für die Stadt Düsseldorf).

Verwaltungen dürfen nicht übers Ziel hinausschießen

Die meisten stützen sich auf das bundesweite Infektionsschutzgesetz, das Grundrechtseingriffe laut Wienhues „ausdrücklich vorsieht“. „Krise ist immer die Stunde der Exekutive“, sagt die Juristin.

Das heiße allerdings nicht, dass man übers Ziel hinausschießen dürfe.

Max Steinbeis ist da kritischer. Seit zehn Jahren betreibt der Jurist den Verfassungsblog, den er als eine Diskursplattform über aktuelle verfassungsrechtliche Themen im In- und Ausland beschreibt. „Was heißt hier eigentlich Stunde der Exekutive?“, fragt er im Gespräch mit CORRECTIV. „Krise ist mindestens ebenso die Stunde der Legislative und Judikative.“ Steinbeis ist der Meinung, dass viele der Freiheitsbeschränkungen, die in den Ländern verfügt worden sind, „einem kritischen Blick, mit welchem Schutzzweck das gerechtfertigt sein soll, im Nachhinein nicht standgehalten haben“.

Tatsächlich mehrten sich in den vergangenen Wochen die Berichte über Rechtsverordnungen, deren Inhalt teilweise wieder gelockert werden musste: Am 15. April kippte das Bundesverfassungsgericht im Eilverfahren das Verbot mehrerer Demonstrationen in Gießen. Versammlungen dürften wegen der geltenden Corona-Verordnungen nicht pauschal verboten werden, urteilten die Richter. Zwar bezog sich das Urteil nur auf die hessische Corona-Verordnung, es hatte aber eine Signalwirkung für alle anderen Bundesländer.

Das Oberverwaltungsgericht in Greifswald kassierte kurz vor Ostern Paragraph 4a in der Verordnung von Mecklenburg-Vorpommern, die es auch Einheimischen verbot, an die Küste oder in die Region Mecklenburgische Seenplatte zu fahren. Auch im Saarland, in Berlin und Bayern mischten sich Gerichte ein.

„Jetzt ist die Zeit, genau hinzuschauen“

Sigrid Wienhues hat sich über diese Urteile gefreut, sagt sie. Das zeige, dass die Gerichte weiter funktionierten. „Unsere Gerichte verstecken sich nicht und nehmen ihre Aufgabe zur Überprüfung der Verwaltung gerade sehr wohl wahr“, sagt sie.

Im Gespräch mit CORRECTIV mahnt die Verwaltungsrechtlerin immer wieder, dass jetzt durchaus die Zeit sei, genau hinzuschauen: „Es kann sehr wohl sein, dass einzelne Verwaltungen überreagieren oder sich im Ton vergreifen.” Auch der Zeitpunkt sei entscheidend: Regelungen, die vor wenigen Wochen getroffen wurden, müssten immer wieder überprüft werden: Ist die Gefahr noch genauso groß? Gibt es neue Erkenntnisse, dass die aktuellen Maßnahmen nichts bringen? Oder gibt es mildere Mittel, die den gleichen Effekt haben (Stichwort: Maskenpflicht statt Quarantäne für alle)?

Schwerpunkt: Coronavirus

Alle Faktenchecks, Hintergründe und Tipps, wie Sie Falschmeldungen besser erkennen.

ZUM SCHWERPUNKT

Neben der Kritik an den Verwaltungen heben auch Verfassungsexperten den Finger: Auf dem Blog von Max Steinbeis schneidet das neue Gesetz bei mehreren Verfassungsrechtlern eher schlecht ab. Der Vorwurf unter anderem: Der neue Paragraph 5 verschaffe dem Bundesgesundheitsministerium zu viele Kompetenzen. „Mit Art. 80 Abs. 1 GG ist das nicht zu vereinbaren“, schreibt etwa Christoph Möllers, Rechtswissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin. In Artikel 80 Grundgesetz ist festgelegt, dass „Inhalt, Zweck und Ausmaß“ einer erteilten Ermächtigung genau definiert werden müssen – und das leistet der neue Paragraph 5 nach Ansicht von Möllers nicht.

Auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags schrieb deshalb Anfang April, es verblieben „gewichtige Bedenken“ in Bezug auf den Paragraph 5.

Experte: „Großer Gegenalarm“ momentan nicht gerechtfertigt

Trotz aller Kritik finden sich unter den Experten nur sehr wenige, der in der Novelle tatsächlich eine massive Erosion des Rechtsstaats sieht. Vereinzelt gibt es Juristinnen wie Beate Bahner, die mit eben dieser Behauptung viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sigrid Wienhues ärgert sich darüber, dass manche damit „möglicherweise zusätzlich zur Verunsicherung beitragen“.

„Wir sind auch nur ein Durchschnitt der Gesellschaft“, sagt sie und meint damit die Berufsgruppe der Juristinnen und Juristen. „Vielleicht ist der ein oder die andere von uns etwas sprechfähiger, aber er oder sie hat damit nicht automatisch recht, mit dem, was er sagt. Es ist auch nur eine von vielen möglichen Meinungen.“

Auch Max Steinbeis hält den „großen Generalalarm“ im Moment nicht für gerechtfertigt. Er sehe keine Indizien für eine große Verschwörungstheorie. Dennoch warnt er davor, dass der Sicherheitsstaat sich die Gelegenheit, Machtbefugnisse auszubauen „womöglich nicht entgehen lassen will“. Umso wichtiger sei eine kritische Öffentlichkeit, die sich traue, Fragen zu stellen.

„Leute, lasst uns politisch bleiben!“

In diesem Punkt sind sich die beiden Juristen einig: „Leute, lasst uns politisch bleiben!“, fordert Sigrid Wienhues. Dazu gehöre auch der Streit darüber, was erforderlich ist. Wenn der nicht mehr möglich sei, würde sie anfangen, sich Sorgen zu machen.

Den Eilantrag von Beate Bahner gegen die Corona-Maßnahmen hat das Bundesverfassungsgericht nach nur zwei Tagen abgelehnt. Dasselbe Gericht gewährleistete es mit einer Entscheidung zur Versammlungsfreiheit am 17. April jedoch, dass auch in Stuttgart Demonstrationen stattfinden durften.

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Das Urteil ebnete den Weg dafür, dass an den Wochenenden Anfang Mai tausende Menschen auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren konnten. Die Stadt hatte die erste Veranstaltung dieser Art zunächst verboten, nach der Entscheidung des Gerichts aber weitere Demonstrationen unter Auflagen zugelassen.

In Stuttgart demonstrieren Tausende für ihre Grundrechte

Bei der Demo „Querdenken“ am 9. Mai wurde einer der Demonstranten von einer Journalistin gefragt, ob er glaube, dass das Grundgesetz außer Kraft gesetzt sei (Minute 02:17). „Es gibt nichts zu glauben, sondern das ist so“, sagt er. „Die Bundesregierung hat das Grundgesetz außer Kraft gesetzt mit dem Infektionsschutzgesetz.“ Er hält dabei ein kleines Büchlein in der Hand. Es ist ein Grundgesetz – eines von vielen, die bei der Demo verteilt wurden. Das Gesetz, das es ihm ermöglichen wird, auch in der kommenden Woche wieder demonstrieren zu gehen.

Die nächste Demonstration ist bereits für den 16. Mai angemeldet.

Anmerkung 18. Mai: In einer früheren Version des Artikels stand, das Gesundheitsministerium werde mit dem Infektionsschutzgesetz dazu ermächtigt, selbst Gesetze zu erlassen. Es handelt sich aber nur um Verordnungen, nicht um Gesetze. Die Gesetzgebungskompetenz wird nicht an die Exekutive abgetreten. Wir haben das präzisiert.

Bodo Schiffmann und Widerstand2020
Der Arzt Bodo Schiffmann ist einer der Gründer der neuen Partei „Widerstand2020“. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Der Arzt Bodo Schiffmann sieht sich an der Speerspitze einer Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen. In einer Hinsicht hebt er sich von den anderen „Gegenexperten“ ab: Es drängt ihn in die Politik. Dafür gründet er eine Partei: „Widerstand2020“. Wer ist dieser Mann?

Auf dem Youtube-Kanal „Schwindelambulanz Sinsheim“ mit inzwischen etwa 133.000 Abonnenten berichtet der Arzt Bodo Schiffmann täglich über angebliche Fakten zum Coronavirus SARS-CoV-2. Das ist gefährlich, wie eine Analyse seiner Videos und der Kommentare seiner Follower zeigt: Er bietet seinen Zuschauern dadurch eine Projektionsfläche für deren Unmut und das fehlende Vertrauen in die demokratischen Institutionen. 

In Interviews vergleicht Schiffmann unter anderem die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie mit dem Ermächtigungsgesetz, das Adolf Hitler 1933 in die Diktatur gehoben hat. Wie kam es zu all dem?

Bodo Schiffmann ist Inhaber einer, wie er sagt, gut laufenden Spezialambulanz im badischen Sinsheim. Hier empfängt er Patienten, die an Schwindel- oder Gleichgewichtserkrankungen leiden. Und sie scheinen den Arzt gern aufzusuchen. Die Durchschnittsbewertung liegt auf dem Portal Jameda (nach Schulnoten) bei 1,2. Und auch die Bewertungen bei Google zeichnen ein ähnliches Bild. Auf der Homepage von Schiffmann gibt es zudem das Gütesiegel „Top Mediziner“ der Verbraucherzeitschrift Guter Rat

Bodo Schiffmann in einem seiner Videos. (Quelle: Youtube/Schwindelambulanz Sinsheim, Screenshot: CORRECTIV)

Über SARS-CoV-2 weiß er zu Beginn der Pandemie allerdings genauso viel wie wir alle, die keine Virologen sind; nämlich wenig. In seinen mittlerweile täglich erscheinenden Videos über das Coronavirus vermittelt er aber einen ganz anderen Eindruck. Schiffmann inszeniert sich als „Gegenexperte“ mit einer klaren Botschaft an Christian Drosten, das Robert-Koch-Institut und die Bundesregierung: Es gebe keinen wissenschaftlichen Halt mehr für die Maßnahmen.

In einigen Städten, darunter Stuttgart und Berlin gehen deswegen derzeit Menschen auf die Straße, um gegen die Maßnahmen der Regierung gegen das Coronavirus zu protestieren. Bei den sogenannten Hygienedemos kommen besorgte Bürger, Hippies, Esoteriker, Linke, Rechte, Mediziner jeden Samstag zusammen. Beeinflusst werden die Proteste von einigen wenigen. Einer davon ist Bodo Schiffmann.

Damit seine Inhalte ein größeres Publikum erreichen, hat er sich mit bekannten Gesichtern der alternativen Medienszene zusammengetan. Ob diese rechts, links oder islamkritisch sind? Im Gespräch mit CORRECTIV macht Schiffmann klar, dass es ihm mittlerweile egal ist, wo man ihn hinstecken will.

Erstes Video sollte Mitarbeitern und Patienten gegen die Angst helfen

Vor sechs Wochen fängt alles recht harmlos an. „Ein objektiver Blick auf Corona – mal ohne Panik“ – das ist der Titel des ersten Videos zu SARS-CoV-2, das der HNO-Arzt auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht. Patienten und Mitarbeiter hätten ihn zum neuartigen Coronavirus befragt, erklärt er. Jetzt wolle er helfen. 

In dem Video vom 14. März ist eine Art Präsentation zu sehen. Schiffmann selbst ist unten rechts in der Ecke eingeblendet. Die von ihm gezeigten Folien suggerieren seinen Zuschauern: Informiert euch selbst, und zwar am besten anhand der Daten des Robert-Koch-Institutes, des Statistischen Bundesamtes oder auch der Johns Hopkins Universität. Er kritisiert die „Panikmache“ durch die Presse und rät, ruhig zu bleiben.

Außerdem äußert der Arzt massive Kritik an der deutschen Gesundheitspolitik, die seiner Meinung nach veraltete Notfallpläne vorhalte. Das erste Video zum Coronavirus endet mit den Worten: „Ich verspreche, ich werde mich hier jetzt nicht mehr zu diesem Thema äußern.“

Normalerweise erscheinen auf dem Youtube-Kanal der „Schwindelambulanz“ Erklärvideos zum Thema Schwindel, Schiffmanns Fachgebiet. Das älteste Video ist im Dezember 2013 hochgeladen worden. Darin erklärt Schiffmann anhand einer Puppe Übungen gegen Lagerungsschwindel. Es hat in sechs Jahren etwas mehr als 42.000 Abrufe erhalten. Die meisten der Videos auf dem Kanal haben weniger als 10.000 Abrufe. So bleibt es, jahrelang. Noch in der Woche vom 14. März hat die „Schwindelambulanz“ laut Analysetool Socialblade 766 Abonnenten. 

Sechs Wochen später, am 5. Mai sind es mehr als 133.000. Schiffman hat sein Versprechen, keine Videos mehr über Corona zu machen, nicht gehalten.

Zuschauer bezeichnen Schiffmann als „Verharmloser“ – er will, dass man ihm zuhört

Dabei seien die Reaktionen auf die ersten Videos durchmischt gewesen, erklärt Schiffmann gegenüber CORRECTIV. Die Kommentatoren hätten ihn als „Verharmloser“ bezeichnet. Das lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, da die Kommentare in besagten Videos abgeschaltet wurden. Der HNO-Arzt betont, dass er seine Einschätzung aus der eigenen Erfahrung und der Entwicklung der Zahlen aus Wuhan ableitet. Noch dazu sieht er das deutsche Gesundheitswesen nicht in Gefahr. 

Dass seine Einschätzung aber nicht wirklich gefragt zu sein scheint, wurmt Schiffmann offensichtlich. Im Gespräch betont er immer wieder, dass er bislang ja keine Interviewanfragen der öffentlich-rechtlichen Medien erhalten habe. Und das, obwohl seine Zuschauer ihn dort sogar empfohlen hätten. 

Sein Verhältnis zu Medien ist allerdings problematisch. Am Donnerstag, den 30. April, gab Bodo Schiffmann CORRECTIV ein Interview, das in beiderseitigem Einverständnis aufgezeichnet wurde. Der Arzt bat im Anschluss, die Zitate autorisieren zu dürfen – gestattete dann allerdings nicht, sie zu veröffentlichen. In diesem Text werden deswegen nur paraphrasierte Inhalte aus dem Interview verwendet.  

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
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In einem seiner Videos fordert Schiffmann den Virologen Christian Drosten dazu auf, ihm auf eine Anfrage zu antworten. Außerdem solle die Bundesregierung doch einfach seinen Kanal abonnieren und anschließend ihre „Fehler zugeben“. 

Er wendet sich denen zu, die hören wollen, was der selbsternannte Experte zu sagen hat. Und das sind Interviewanfragen, die er anfangs noch abgesagt habe – aus dem Spektrum der alternativen Medien. Sein Bild über Ken.fm und Rubikon habe sich durch den persönlichen Kontakt geändert, sagt er uns im Gespräch. Er empfinde sie jetzt eher als „mitte-links“ und als „Querdenker“. 

Schiffmanns Videos sind oft irreführend 

Die Videos von Bodo Schiffmann beginnen immer gleich. Etwa die erste Hälfte nimmt eine Art Disclaimer und Eigenwerbung ein. Der Disclaimer hat sich im Laufe der Zeit verändert, eines bleibt gleich; Schiffmann wisse, dass SARS-CoV-2 ein gefährliches Virus ist – allerdings seien auch Grippeviren gefährlich. Warum dieser Vergleich hinkt, haben wir bereits in mehreren Faktenchecks dargestellt, zum Beispiel hier und hier

Zu Beginn eines jeden Videos behauptet Schiffmann außerdem, er sei immer kritisch und um Objektivität bemüht. Er rät seinen Zuschauern, sich an die behördlichen Vorgaben zu halten und bekräftigt, dass es sich bei den Informationen in den Videos um seine persönliche Meinung handele. 

Allerdings finden sich in seinen Videos immer wieder Falschinformationen. Drei Beispiele aus nur einem Video: In „Corona 40“ berichtet Bodo Schiffmann über die sogenannte „Hygienedemo“ am 1. Mai in Berlin, in deren Zuge der Organisator Anselm Lenz festgenommen wurde. Dieser sei von einem unverhältnismäßig großen Aufgebot an Polizei aus dem Taxi gezogen worden, weiß Schiffmann zu berichten. Dass er dabei Kontext auslässt, bemerken selbst seine Zuschauer. In mehreren Kommentaren ist dort zu lesen, dass Lenz wohl nicht ganz unschuldig an seiner Festnahme gewesen sei. Auch Medien berichteten, dass Lenz einige Polizisten mit Zeitungen beworfen habe.

Kommentar unter dem Video „Corona 40“ von Bodo Schiffmann. (Screenshot: CORRECTIV)

Im gleichen Video wirft Schiffmann einen Blick auf die Zahlen des Robert-Koch-Institutes. Er zeigt einen Screenshot des Dashboards vom RKI. Dann berichtet er, wie viele Menschen bereits an Covid-19 gestorben seien und zweifelt daran, ob diese mit oder an der Krankheit gestorben seien. Erste Obduktionsberichte aus Hamburg zeigen, dass die meisten der Covid-19-Toten dort tatsächlich am Virus gestorben sind.  

Anschließend betont Schiffmann, dass auch Covid-19-Todesfälle von Menschen, die gewaltsam ums Leben gekommen sind, in der Statistik gezählt werden. Unser Faktencheck hat ergeben: Das stimmt, spielt in der Statistik aber eine untergeordnete Rolle. Durch die Betonung im Video entsteht allerdings der Eindruck, das betreffe einen Großteil der Verstorbenen. 

Der HNO-Arzt stellt teilweise falsche Behauptungen auf. Dadurch nimmt er billigend in Kauf, dass seine Zuschauer das Vertrauen in Institutionen wie das Robert-Koch-Institut verlieren. Besonders deutlich wird das durch einen Blick in die Nutzerkommentare bei Youtube:

Nutzer-Kommentar unter einem Video auf dem Kanal von Bodo Schiffmann, in dem es um den versuchten Suizid einer jungen Frau geht. (Screenshot: CORRECTIV)
Weiterer Nutzer-Kommentar unter dem Video von Bodo Schiffmann. (Screenshot: CORRECTIV)

Die WHO sprach in diesem Zusammenhang schon im Februar von einer „massiven Infodemie“, bei der Falschmeldungen verbreitet würde. Nun sind in den Videos von Bodo Schiffmann aber nicht alle Behauptungen falsch. Er appelliert zudem immer wieder an seine Zuschauer, sie mögen doch bitte selbst die Fakten überprüfen. Durch seine medizinische Tätigkeit erweckt er zudem den Eindruck von Seriosität.

Der Arzt wird somit zu einem der wichtigsten Gesichter der Corona-Gegner. 

Die „Beschneidung der Grundrechte“ ist sein Lieblingsthema

Ein zentrales Thema in Schiffmanns Videos ist der „Lockdown“ in Deutschland – also die Kontaktbeschränkungen. In „Corona 40“ und vielen Videos zuvor wettert er gegen die Beschneidung von Grund- und Freiheitsrechten. Sein Credo: Das Infektionsschutzgesetz alleine hätte ausgereicht, um die Pandemie in den Griff zu kriegen. Das Gesundheitssystem in Deutschland sei stabil genug, um das Coronavirus auszuhalten. „Unter dem Deckmantel der Corona-Aktivität […] sind Gesetze erlassen worden, die man nicht hätte erlassen müssen, es sind Grundrechte gebrochen worden“, sagt er in einem Interview mit NuoViso.

Außerdem sei die Meinungsfreiheit beschnitten worden, indem kontrolliert werde, was auf Whatsapp, Facebook oder Youtube veröffentlicht wurde. 

Mit diesem Vorwurf bezieht sich Schiffmann unter anderem auf die Arbeit von CORRECTIV.Faktencheck, dem er in einem Video vorwirft, als „Meinungspolizei“ Artikel auf Facebook zu zensieren

Video gelöscht – der Wendepunkt für Bodo Schiffmann 

Auf Youtube werden seine Videos offenbar von Usern gemeldet: Das Video „Corona 11“ war sogar zeitweise komplett von der Plattform gelöscht worden. Darin beschäftigt er sich mit einem Papier des Deutschen Institutes für Katastrophenmedizin, das ihm angeblich zugespielt wurde. Darin wurde wohl über das Triage-Verfahren in Frankreich berichtet, demzufolge nach Alter entschieden werde, wer beatmet wird und wer nicht. Darüber hinaus würde bei Menschen, die nicht beatmet werden, angeblich Sterbebegleitung durch Opiate und Schlafmittel empfohlen.  

Verschiedene Medien griffen den Inhalt des Dokumentes auf, zum Beispiel hier und hier. Inzwischen gibt es laut einem Bericht des SWR allerdings erhebliche Zweifel daran. 

Die Löschung seines Videos war ein Wendepunkt für Schiffmann. „Und das hat mir starke Angst gemacht“, sagt er im Interview mit NuoViso. Er habe damit gerechnet, aufgrund des Inhaltes Post vom Anwalt zu bekommen oder ähnliches, aber nicht damit. 

CORRECTIV hat bei Youtube nachgefragt, warum das Video gelöscht wurde. Die Antwort: „Manchmal treffen unsere Systeme eine falsche Entscheidung. Wenn wir darauf hingewiesen werden, wird das Video wieder aktiviert. Was bereits geschehen ist.“ Schiffmanns Video ist wieder abrufbar. 

Es sind solche rhetorische Spitzfindigkeiten, mit denen Schiffmann bewusst versucht, Zweifel zu säen: Er, der Wissenschaftler, der an keine Verschwörungstheorien glaube, werde plötzlich selbst das Ziel von Zensur. 

Videos decken sich nicht immer mit den Community-Standards von Youtube

Aber nicht alles, was Schiffmann auf seinem Youtube-Kanal verbreitet, ist von den Community-Standards gedeckt. „Wir nehmen den Kampf gegen jedwede Form problematischer Inhalte sehr ernst und entfernen schon seit vielen Jahren alle Inhalte, die gegen unsere Produktrichtlinien verstoßen. Zum Beispiel erlauben wir keine Anstiftung zu Gewalt, Belästigung oder Hassrede“, schreibt Youtube per E-Mail an CORRECTIV. 

Die Standards kamen beispielsweise bei einem Video zum Tragen, in dem Schiffmann den Brief einer Mutter vorliest, deren Tochter sich das Leben nehmen wollte, angeblich, weil sie Angst hatte, sich mit Covid-19 anzustecken. Immerhin blendet Schiffmann dazu einen Hinweis ein, an wen sich seine Zuschauer wenden sollten, wenn sie Suizidgedanken haben. Das Video wurde dennoch von Youtube mit einem Warnhinweis versehen.

Dieses Video können sich Nutzer erst ansehen, wenn sie diesen Hinweis gelesen haben. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine neue Partei soll her: „Widerstand2020“

Der Arzt sucht nach anderen Wegen, um seinen Unmut zu teilen. Einer davon ist die „Querdenkerbommel“. 

Die Bastelanleitung dafür präsentiert Schiffmann zu Ostern: Ein Ball aus Aluminiumfolie, der an einem Band baumelt. Diese soll als „tägliche, legale, nicht anmeldungspflichtige Demonstration für Mitdenker, nicht Mitläufer“ dienen, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Auf den sogenannten Hygienedemos gelte die Bommel inzwischen als Uniform, erklärt uns Bodo Schiffmann. Wie Fotos zeigen, wird sie bereits von einigen getragen.

Querdenkerbommel auf der Hygienedemo am 2. Mai
Querdenkerbommel auf der Hygienedemo am 2. Mai in München. (Foto: picture alliance/ZUMA Press)

Es bleibt aber nicht bei einem Accessoire aus Alufolie. Kurz nach Ostern stellt Schiffmann im Video „Corona 26“ vom 15. April den Vorschlag in den Raum, eine Partei zu gründen. Er glaube nicht mehr, „dass man von außen etwas bewirkt.“ Das Video hat etwas mehr als 200.000 Aufrufe und knapp 3.000 Kommentare. 

In einem anderen Video versucht er, mit seinen Ideen bei einer der existierenden Parteien in Deutschland aufgenommen zu werden. „Wenn Sie eine Partei haben und der Meinung sind, dass ich diese unterstützen könnte, dann bitte ich darum, dass man sich mit mir in Verbindung setzt. Bitte jemand, der was zu sagen hat, also keine kleinen Ortsverbände, sondern dann den Parteivorsitzenden.“ 

Darauf hätten sich angeblich Parteien gemeldet wie die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) oder die „Neue Mitte“, erklärt Schiffmann gegenüber CORRECTIV. Mit denen habe er Videokonferenzen gehabt, man habe aber nicht zusammengefunden. 

Dann habe Schiffmann die Unternehmerin Victoria Hamm in einer Zoom-Konferenz kennengelernt. Dazugestoßen sei der Rechtsanwalt Ralf Ludwig, der die Facebook-Gruppe „Corona-Pandemie fällt heute aus“ mit mehr als 28.000 Mitgliedern betreut. Unter den dreien habe die Chemie gestimmt – sie gründeten selbst eine Partei: „Widerstand2020“.

Ziel der Partei: Alles soll so werden, wie es vor dem „Lockdown“ war 

Immer wieder versucht Schiffmann im Gespräch mit CORRECTIV, den Fokus auf seine Partei zu lenken. Diese habe in nur wenigen Wochen Erstaunliches vollbracht. Sie zähle mittlerweile mehr als 100.000 Mitglieder, wird auf der Webseite behauptet

Die Facebook-Seite der neuen Partei hat fast 25.000 „Gefällt mir“-Klicks. Man positioniere sich weder rechts, noch links und wolle als „Mitmachpartei“ funktionieren, heißt es. 

Was soll diese Partei also bewirken? Es soll alles wieder so werden, wie es vor dem „Shutdown“ war, betont Schiffmann mehrfach. Aber eben doch nicht ganz genauso: Die Grundrechte sollten überarbeitet werden und auch in Krisenzeiten geschützt sein. Das Ganze nennt sich laut Schiffmann dann „Machtbegrenzung“. „Widerstand2020“ arbeite darüber hinaus an basisdemokratischen Ideen. Jeder solle digital daran mitarbeiten können. Auf diesem Wege entstehe auch gerade das Parteiprogramm. 

Bodo Schiffmanns Vision: Politik solle nicht wie bislang von gewählten Stellvertretern gemacht, sondern von der gesamten Bevölkerung. Als Beispiel dafür solle die Schweiz dienen. 

Ob die Anzahl der Mitglieder, die „Widerstand2020“ angibt, tatsächlich stimmt, ist nicht nachvollziehbar. In den Sozialen Netzwerken wird sie massiv angezweifelt. So wurde ein Hahn namens „Blacky“ angeblich von seinem Besitzer bei der Partei angemeldet – ausgerechnet von einem hochrangigen Mitglied der AfD

Coronavirus Symbolbild
Rund um das Thema Covid-19 tauchen im Netz immer wieder ähnliche Behauptungen auf. Viele Menschen sind deshalb verunsichert. (Foto: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ist das Virus eine Biowaffe? Sterben aktuell gar nicht mehr Menschen als normalerweise? Helfen Vitamine, Covid-19 zu heilen? Diesen Fragen begegnen wir bei unserer Arbeit immer wieder, meist in Form von irreführenden Behauptungen. Eine Zusammenstellung.

Bestimmte Narrative tauchen rund um die Pandemie durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 immer wieder auf. Viele von ihnen erreichen in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Youtube ein riesiges Publikum, halten aber einem Faktencheck nicht Stand: Sie sind irreführend. Hier fassen wir die häufigsten Behauptungen, Gerüchte und Theorien als Fragen zusammen – und antworten mit den Ergebnissen unserer Recherchen. 

Hinweis: Dieser Text gibt den Stand vom 23. April 2020 wieder.  

1. Ist das neuartige Coronavirus aus einem Forschungslabor „entwischt“?

Was oder wo genau die Quelle des Ausbruchs war, ist noch unklar. Es gibt Hinweise auf einen Markt mit exotischen Tieren in Wuhan, zu dem einer Studie aus China zufolge sehr viele der ersten Infizierten Kontakt hatten (27 von 41). Allerdings ist nicht gesichert, dass das Virus wirklich dort erstmals auf Menschen übertragen wurde. Zum Beispiel hatte der erste bekannte Fall am 1. Dezember 2019 offenbar keine Verbindung zu dem Markt, wie wir in unserem Faktencheck im Januar erläutert haben.

Eine andere Theorie, die deshalb immer noch kursiert, für die es aber bisher keine Belege gibt, ist, dass das Virus versehentlich aus einem Forschungslabor freigesetzt wurde. Aktuell wurde die Debatte befeuert durch eine Enthüllung der Washington Post: Mitglieder der US-Botschaft in Peking hätten demnach vor zwei Jahren, im Januar 2018, eine Forschungseinrichtung in Wuhan besucht und anschließend über Sicherheitsmängel in dem Institut für Virologie berichtet.  

2. Ist das neuartige Coronavirus absichtlich manipuliert worden oder gar eine Biowaffe?

Diese Verschwörungstheorie hält sich hartnäckig, obwohl bereits im Februar zahlreiche Wissenschaftler betonten, alles deute auf einen natürlichen Ursprung des Virus hin. Autoren einer neueren Studie im wissenschaftlichen Journal Nature kommen nach einer genetischen Analyse des Coronavirus ebenfalls zu dem Schluss: „SARS-CoV-2 ist kein Labor-Konstrukt oder absichtlich manipuliertes Virus.“ 

Ein „starker Beleg“ dafür sei, dass die Interaktion des Virus mit den menschlichen ACE2-Rezeptoren „nicht ideal“ sei. Dies deute darauf hin, dass es durch „natürliche Auslese“, also Evolution zustande kam. Plausibel sind laut den Wissenschaftlern zwei Szenarien – entweder sei die Veränderung des Virus in einem tierischen Wirt vor der Übertragung auf den Menschen geschehen, oder erst danach, also im Menschen selbst. Im ersten Szenario sei es wahrscheinlich, dass Fledermäuse als „Reservoir“ des Virus dienten. Doch auch bei Schuppentieren (pangolins) kämen Coronaviren vor, die SARS-CoV-2 sehr ähnlich seien. 

Auch die Möglichkeit einer „versehentlichen Laborfreigabe“ wird von den Wissenschaftlern analysiert (siehe Frage 1). Es sei theoretisch auch möglich, dass sich SARS-CoV-2 in Zellkulturen verändert habe, schreiben sie. Diese Theorie könne mit ihrer Forschung zwar nicht widerlegt werden – man halte sie jedoch für unplausibel. 

3. Wussten Behörden, andere Organisationen oder Bill Gates schon vorher von diesem Coronavirus?

Verbreitet ist seit Wochen eine Behauptung, die im Grunde eine Verschwörungstheorie ist: Die Bundesregierung, andere Institutionen, Bill Gates oder Drehbuchautoren hätten schon vorher von der aktuellen Pandemie gewusst; sie sei sogar geplant gewesen. 

Als angeblicher Beleg wird immer eine Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz herangezogen, die 2013 dem Bundestag vorgelegt wurde. Der angebliche „Geheimplan“ ist öffentlich einsehbar. In unserem Faktencheck haben wir erklärt, was es damit auf sich hatte: Es wurde das Szenario einer Pandemie durch ein hypothetisches Coronavirus namens „Modi-SARS“ durchgespielt, um zu analysieren, ob Deutschland darauf vorbereitet wäre. Ähnlichkeiten zu der heutigen Pandemie sind vorhanden, aus einem einfachen Grund: Es gab ein reales Vorbild. Bereits 2003 wurde das SARS-Coronavirus (SARS-CoV) entdeckt. 

Es diente offenbar auch als Inspiration für das Drehbuch der koreanischen TV-Serie „My Secret, Terrius“ 2018, in dem ein mutiertes Coronavirus vorkommt. Diese Serie war ebensowenig eine Vorhersage der Pandemie wie die Übung „Event 201“, die im Oktober 2019 stattfand und an der unter anderem die „Bill & Melinda Gates“-Stiftung teilnahm. (Bill Gates hat übrigens auch kein Patent auf das neuartige Coronavirus.) Wer darin oder in der Tatsache, dass auf einigen alten Desinfektionsmittel-Flaschen auch der Begriff „Coronavirus“ auftaucht, eine Verschwörung wittert, muss enttäuscht werden. 

Die Erklärung ist simpel: Es gibt viele verschiedene Coronaviren, die seit Jahrzehnten bekannt sind. Es tauchten in der Vergangenheit bereits Erreger auf, die von Mensch zu Mensch übertragen wurden. Vor diesem Hintergrund wurde öfter vor einer möglichen Pandemie durch ein neues Coronavirus gewarnt.   

4. Gibt es Mittel, die Covid-19 heilen oder die Krankheit verhindern?

Es gibt bisher kein Heilmittel für die Lungenkrankheit Covid-19 und keinen Impfstoff. In verschiedenen Ländern werden unterschiedliche Medikamente getestet. Teilweise handelt es sich um Mittel, die eigentlich gegen andere Krankheiten eingesetzt werden. Bisher ist eine Wirksamkeit gegen Covid-19 bei keinem Medikament bestätigt, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte mitteilt

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
Auszug der Webseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Stand 23. April 2020. (Screenshot: CORRECTIV)

Es werden jedoch immer wieder andere Stoffe ins Gespräch gebracht, die angeblich helfen sollen. Manche dieser Versprechen, zum Beispiel über die Einnahme von Chlordioxid, können gefährlich sein. Oft ist auch die Rede von Vitamin C oder Vitamin D. Hierbei gibt es einen schmalen Grat: Der Mensch braucht Vitamine und eine ausreichende Versorgung damit ist sicherlich gut. In einer Überdosierung kann jedoch auch Vitamin D gesundheitsschädlich werden. Und Versprechen, dass Vitamine eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus verhindern oder gar heilen könnten, führen in die Irre. 

In unseren Faktenchecks gehen wir ausführlicher auf Vitamin C und Vitamin D ein.

5. Machen bestimmte Medikamente die Krankheit schlimmer?

In mehreren europäischen Ländern kursierte im März die Meldung, das Schmerzmittel Ibuprofen könnte eine Infektion mit dem Coronavirus verschlimmern. Dafür gab es keine wissenschaftlichen Belege, wie unser Faktencheck zeigte. 

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wird aktuell geprüft, ob „von der Einnahme sogenannter nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) im Falle einer Erkrankung mit dem Coronavirus abgeraten“ werden sollte. Zu dieser Gruppe zählten neben Ibuprofen auch Aspirin und Diclofenac. „Die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) sieht gegenwärtig keine Evidenz für die Verschlechterung des Krankheitsverlaufs von COVID-19 (…).“ Ibuprofen könne also weiter eingenommen werden, in niedrigen Dosen und über einen möglichst kurzen Zeitraum. Alternativen wie Paracetamol sollten in Betracht gezogen werden. 

Auch über sogenannte ACE-Hemmer – Medikamente, die zur Senkung des Blutdrucks eingesetzt werden – wird diskutiert, ob sie eine Auswirkung haben können. Das Bundesinstitut schreibt dazu: „Diese Zusammenhänge sind theoretischer Natur, wobei einige auf ein Komplikationsrisiko und andere auf eine schützende Wirkung dieser Medikamente hinweisen. Derzeit gibt es keine wissenschaftlichen Beweise, die beide Behauptungen stützen.“ Patienten sollten diese Medikamente auf keinen Fall eigenmächtig absetzen. 

6. Sind die Todeszahlen im Vergleich zu denen durch die saisonale Grippe (Influenza) harmlos?

Die Todeszahlen durch Covid-19 und Influenza sind aktuell nicht vergleichbar. Die Zahl der nachweislich mit dem Coronavirus infizierten und gestorbenen Menschen wird aktuell an das Robert-Koch-Institut gemeldet. Am 22. April waren das 4.879 Fälle. 

Die Zahl der Grippetoten wird dagegen jede Saison statistisch geschätzt. In unserem Faktencheck haben wir erklärt, dass die Grundlage hierfür die sogenannte Exzess-Mortalität oder Übersterblichkeit ist. Experten beobachten dabei, wie viele Menschen in der Grippesaison im Vergleich zu den übrigen Monaten im Jahr sterben. Sollte es in der Zeit einen „Mortalitätsanstieg“ geben, werden diese zusätzlichen Todesfälle der Influenza zugeordnet. 

In der besonders schweren Grippesaison 2017/18 gab es demnach schätzungsweise 25.000 Todesfälle, erklärt das RKI. Tatsächlich gemeldet wurden damals 1.674 Todesfälle „mit laborbestätigter Influenza“. 

7. Sterben aktuell gar nicht mehr Menschen als normalerweise?

Dazu lässt sich für ganz Europa oder Deutschland aktuell noch keine Aussage treffen. Zu einer Übersterblichkeit in Deutschland (siehe Frage 6) gibt es bisher keine Daten. Das Statistische Bundesamt hat am 17. April eine Auswertung der täglichen Sterbezahlen in Deutschland seit Januar 2020 veröffentlicht – allerdings geben diese Zahlen bisher nur die Entwicklung bis zum 15. März wieder. Am 15. März gab es in Deutschland laut Robert-Koch-Institut erst 12 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19. Wie sich die Todeszahlen entwickeln, werden die Auswertungen in Zukunft zeigen. In unserem Faktencheck gehen wir genauer auf das Thema der Übersterblichkeit ein.

In anderen Ländern lassen sich bereits Trends beobachten. In Italien gab es laut dem italienischen Gesundheitsministerium seit Anfang März einen deutlichen Anstieg der durchschnittlichen Mortalität, insbesondere im Norden des Landes und besonders stark bei Menschen über 85 Jahren. Auch die Autoren einer am 20. April als Preprint veröffentlichten Studie von US-amerikanischen Wissenschaftlern kommt zu dem Schluss, dass die Mortalität in Italien gestiegen ist. 

Übersterblichkeit in Italien
Auswertung der Gesamtmortalität (durchschnittliche Sterblichkeit) in Norditalien sowie Mittel- und Süditalien von Oktober 2019 bis April 2020. (Quelle: Ministero della Salute, Screenshot: CORRECTIV)

Für England und Wales hat zudem das Office of National Statistics kürzlich Zahlen veröffentlicht, die einen Anstieg der wöchentlichen Todesfälle im Vergleich zum Fünf-Jahres-Durchschnitt aufweisen.

Übersterblichkeit in England und Wales
Auswertung der pro Woche registrierten Sterbefälle in England und Wales vom 28. Dezember 2019 bis 10. April 2020. (Quelle: Office for National Statistics, Screenshot: CORRECTIV)

8. Ist in Wahrheit 5G-Strahlung Schuld an den Todesfällen?

Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Mobilfunkstandard 5G. Das Bundesamt für Strahlenschutz teilte uns mit: Elektromagnetische Strahlung könne keine solchen Auswirkungen haben. „5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome. 5G kann (wie alle Felder von Mobilfunksendeanlagen, also auch 2G, 3G, 4G) höchstens eine geringfügige, nicht wahrnehmbare Erwärmung verursachen, die sich vor allem auf die Körperoberfläche beschränkt (und die Lunge nicht erreicht).“ Die aktuellen Grenzwerte für die Strahlung seien daran angepasst. 

9. Ist der PCR-Test auf das Coronavirus unzuverlässig?

Behauptungen, der PCR-Test zur Diagnose einer Infektion mit dem Coronavirus habe eine Fehlerquote von 30 bis 50 Prozent, sind nicht zutreffend, zeigt unser Faktencheck. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Laut Robert-Koch-Institut sind die angegebenen Prozentwerte „nicht nachvollziehbar“. 

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Der Test wurde vom Virologen-Team der Berliner Charité um Christian Drosten entwickelt. Drosten zufolge ist es ausgeschlossen, dass er auf andere Erreger als SARS-CoV-2 reagiert und so ein „falsch positives“ Ergebnis liefert. Der Test könnte höchstens auf das erste SARS-Virus reagieren, das 2003 entdeckt wurde, aber heute beim Menschen nicht mehr vorkomme. Der Test sei durch eine umfassende Studie geprüft worden. 

Möglich ist allerdings laut RKI, dass der Test kontaminiert wird. Auch „falsch negative“ Ergebnisse sind möglich, vor allem im späteren Stadium der Infektion, da das Virus dann laut Drosten oft nicht mehr im Hals des Patienten nachweisbar ist. Experten von drei Universitätskliniken haben uns auf Nachfrage bestätigt, dass der Test sehr zuverlässig sei und bei richtiger Anwendung falsche positive Ergebnisse so gut wie ausgeschlossen seien.

10. Können junge Menschen nicht an Covid-19 erkranken? 

Doch, das können sie, allerdings verläuft die Krankheit bei ihnen offenbar meist weniger stark. Das RKI schreibt (Stand 30. März): „Bisherigen Daten nach, die meist aus China stammen, ist noch unklar, ob Kinder weniger an COVID-19 erkranken als Erwachsene. Die Symptomatik der Erkrankung bei Kindern scheint jedoch häufig geringer ausgeprägt als bei Erwachsenen, obwohl auch, insbesondere bei jüngeren Kindern, schwere Verläufe vorkommen können.“ 

In einer Pressekonferenz am 26. März sagte Lothar Wieler, Präsident des RKI: „An Covid-19 können alle Menschen in Deutschland erkranken, unabhängig vom Alter und unabhängig vom Gesundheitszustand […].“ Auch jüngere und gesunde Menschen könnten sehr schwer erkranken oder sterben, betonte er.

11. Sterben ausschließlich Menschen mit Vorerkrankungen an Covid-19?

Nein, aber Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind besonders gefährdet. Das RKI schreibt: „Schwere Verläufe können auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung auftreten und werden auch bei jüngeren Patienten beobachtet.“ Das Risiko für einen schweren Verlauf steige ab einem Alter von 50 bis 60 Jahren stetig an. 87 Prozent der in Deutschland verstorbenen Menschen waren laut RKI 70 Jahre alt oder älter. 

Ebenfalls potenziell gefährdet seien Raucher, Menschen mit Übergewicht und Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, chronischen Lungenerkrankungen, Diabetes, Krebs oder geschwächtem Immunsystem (wegen einer Krankheit oder der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten).

12. Werden alle Infizierten, die sterben, als Covid-19-Todesfälle gezählt – auch wenn sie einen Unfall hatten?

Das ist korrekt. Wie uns das Robert-Koch-Institut auf Nachfrage für unseren Faktencheck mitteilte, werden alle Menschen mit laborbestätigtem Nachweis einer Infektion, die anschließend sterben, in der Statistik als Covid-19-Todesfall geführt. Der Grund: „Das Risiko an COVID-19 zu versterben ist bei Personen, bei denen bestimmte Vorerkrankungen bestehen, höher. Daher ist es in der häufig Praxis schwierig zu entscheiden, inwieweit die SARS-CoV-2 Infektion unmittelbar zum Tode beigetragen hat.“ 

Aus diesem Grund werde nicht unterschieden zwischen „verstorben an Coronavirus“ und „verstorben mit Coronavirus“. So wolle man „ein möglichst genaues Bild der Todesfälle“ bekommen. „Wie gesagt, die beschriebene Situation – dass jemand an COVID-19 erkrankt ist und danach tödlich verunglückt – ist sehr selten.“

Auszug aus einer E-Mail des Robert-Koch-Instituts
Auszug aus einer E-Mail des Robert-Koch-Instituts an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

13. Werden die Verstorbenen nicht obduziert? 

Häufig wird wegen der statistischen Erfassung der Todesfälle zum Beispiel von Pathologen gefordert, dass alle Verstorbenen obduziert werden. So könne man ausschließen, dass sie an einer anderen Krankheit starben. Der Deutschen Gesellschaft für Pathologie zufolge hatte das RKI im März noch davon abgeraten, die Verstorbenen zu obduzieren, wegen des Infektionsrisikos. Aktuell ist eine solche Empfehlung beim RKI in den Hinweisen zum Umgang mit Verstorbenen jedoch nicht mehr zu finden. 

Wie einer unser Faktenchecks zeigte, werden in Hamburg bereits alle Menschen, die laut Statistik an Covid-19 starben, von der Rechtsmedizin begutachtet. Aktuell meldet das RKI 91 Todesfälle für Hamburg (Stand 22. April). Laut einem Lagebericht der Stadt vom 22. April konnte Covid-19 als Todesursache insgesamt bei 95 Patienten festgestellt werden. 

Auszug aus dem Corona-Bericht Hamburgs vom 22. April 2020. (Screenshot: CORRECTIV)

Zudem wird aktuell ein Zentralregister für Obduktionen in Deutschland aufgebaut. 

Update, 4. Mai: Im Hamburger Lagebericht vom 3. Mai übersteigt die Zahl der Personen, bei denen Covid-19 durch die Obduktion als Todesursache festgestellt wurde, erneut die offizielle Zahl der Todesfälle des RKI (165 zu 164). Der Grund: „Die Diskrepanz ist auf einen Meldeverzug durch das RKI zurückzuführen.“

14. Stirbt das Virus bei Hitze ab und sind deshalb heiße Bäder oder heiße Getränke hilfreich? 

Es gibt bisher kein Mittel, die Krankheit zu heilen oder wirksam eine Infektion zu verhindern. Überprüft haben wir zum Beispiel die falsche Behauptung, das Virus sitze im Hals und könne deshalb mit Wasser trinken oder gurgeln aufgehalten werden. Oder heißes Wasser oder Tee trinken könne es abtöten. Ebenfalls nicht richtig ist die Behauptung, heiße Bäder könnten das Virus aufhalten. 

Im Netz kursieren seit Wochen die unterschiedlichsten Angaben, bei welcher Temperatur das Virus angeblich abstirbt – in einem Kettenbrief war zum Beispiel die Rede von 27 Grad. Dazu steht fest: Die normale Körpertemperatur des Menschen liegt bei 36,5 bis 37 Grad. Das kann das Virus also locker aushalten. Deshalb kann zum Beispiel auch warmes Wetter oder Klima allein die Ausbreitung mutmaßlich nicht stoppen. Laut ersten Laborstudien erfolgt die Inaktivierung von SARS-CoV-2 erst bei einer wesentlich höheren Umgebungstemperatur wie 70 Grad (hier geht es zum Faktencheck).  

15. Verbreiten Haustiere das Coronavirus?

Medienberichten zufolge wurde in einem New Yorker Zoo ein Tiger mit dem Coronavirus infiziert. Es gab zudem Ende Februar einen Bericht aus Hongkong, nach dem ein Hund schwach positiv getestet worden sei. 

Laut Friedrich-Löffler-Institut gibt es jedoch keine Hinweise, dass Haustiere das Virus auf Menschen übertragen können. Und auch nicht, dass es auf Nutztiere übertragbar ist. Erste Versuche zeigten, dass sich weder Schweine noch Hühner infizieren lassen. 

Um mögliche Falschinformationen zum Coronavirus zu entdecken, hat CORRECTIV.Faktencheck einen CrowdNewsroom geschaffen – ein Onlineportal, auf dem Nutzerinnen und Nutzer sie uns direkt schicken können.

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Viele Youtube-Kanäle, die sonst Verschwörungstheorien verbreiten, nutzen die Corona-Pandemie, um Ärzte zu interviewen – auch völlig fachfremde. (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Youtube duldet Falschmeldungen, Hetze und Verschwörung seit Jahren auf seiner Plattform. Das wird in der Corona-Pandemie zu einem besonderen Problem: Pseudo-Sprechstunden und absurde Gesundheitstipps generieren Millionen Klicks. „Alternative Medien“ helfen bei der Verbreitung.

Schon zu normalen Zeiten ist Youtube Umschlagplatz Nummer Eins für gezielte Desinformation und Falschmeldungen. Keine andere Plattform tut so wenig dagegen und nirgendwo anders erreichen Fakes so hohe öffentliche Klick- und Sharezahlen. 

Während der Corona-Pandemie zeigt sich, wie problematisch es ist, wenn sich Millionen Menschen bei Youtube informieren. 

Wenn es um „Fake News“ geht, denken die Meisten an politisch motivierte Falschmeldungen. Unterschätzt wird dabei die Reichweite von Falschmeldungen im Gesundheits- und Medizinbereich. Eine Pflanze heilt Krebs in 16 Stunden und das Masernvirus existiert gar nicht? Schon vor der Corona-Pandemie konnten Faktencheckerinnen beobachten, dass viele der meistgeklickten Fakes medizinische Themen behandelten. Solche, die Betroffenen Heilung versprachen – und mit falscher Hoffnung Geld verdienten. 

In Zeiten von Corona hat sich die Arbeit im Faktencheck-Team daher inhaltlich kaum verändert. Die Narrative der Desinformation sind dieselben geblieben, nur mit einem Corona-Dreh versehen. Einschlägige Webseiten berichteten vorher regelmäßig von einer angeblichen „Invasion“ von Geflüchteten. Jetzt warnen sie, die Corona-Maßnahmen würden ausgenutzt, um „heimlich“ Asylbewerber nach Deutschland zu bringen. Wer früher „Lügenpresse“ schrie, beschuldigt die ARD nun ohne jeden Beleg, Särge von 2014 in der Corona-Berichterstattung gezeigt zu haben. 

Und viele, die vorher auf Youtube fragwürdige Gesundheitstipps und Heilsversprechungen gaben, geben sich nun als Coronavirus-Experten aus. Sie werden auf Youtube-Kanälen als „Mediziner“ vorgestellt und treten gerne in weißen Hemden oder Arztkitteln auf. Dass sie zwar meist Ärzte sind, aber nicht über ihre eigenen Fachgebiete sprechen, wird dabei verschwiegen. 

Urologe im Youtube-Gespräch mit „alternativen Medien“

So behauptet Michael Spitzbart im Compact-Interview auf Youtube, das Virus sei für Gesunde „praktisch harmlos“ und rät dazu, das Immunsystem zu beschäftigen: „Wenn im Restaurant eine Gabel runterfällt, die erst recht nehmen. Das ist eine geimpfte Gabel“. Das Youtube-Video vom 3. April erreichte bisher 172.000 Klicks. (Unser Faktencheck dazu) Spitzbart ist Urologe.  

Der Internist Claus Köhnlein streut in Youtube-Interviews mit den „alternativen Medien“ Der fehlende Part (860.000 Aufrufe) und KenFM (105.000 Aufrufe) Zweifel an der Zuverlässigkeit der PCR-Tests, mit denen auf Corona-Infektionen getestet wird. Knapp eine Million Mal wurden diese Videos insgesamt aufgerufen. (Unser Faktencheck dazu)

Seit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 hat sich auf Youtube eine Allianz aus Homöopathen, Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern und „alternativen Medien“ gebildet. Überschneidungen hat es schon vorher gegeben, aber die hohen Klickzahlen befeuern die Gastauftritte und Co-Produktionen. Mediziner der unterschiedlichsten Fachbereiche liefern den Youtube-Kanälen der „alternativen Medien“ die notwendige Faktenfassade während der Pandemie. 

Verunsicherte Einreichungen von Leser*innen

Viele Einreichungen der letzten Tage in unserem CrowdNewsroom lassen vermuten, dass solche Videos aktuell zahlreiche Menschen erreichen, die die Kanäle zuvor nicht kannten. Unsere Nutzer berichten von Whatsapp-Gruppen mit Bekannten oder Familienmitgliedern, in die plötzlich fragwürdige Meldungen geschickt würden. Nie zuvor hat unser Faktencheck-Team seit der Gründung im Mai 2017 so viele Anfragen erhalten. Viele davon klingen ehrlich verzweifelt. 

Einer breiten Öffentlichkeit wurde das Problem der fragwürdigen Youtube-Videos durch Auftritte des Internisten und Lungenarztes Wolfgang Wodarg bewusst, der sich unter anderem von Eva Herman und dem ZDF-Magazin Frontal 21 interviewen ließ. Diese Videos und ein Kettenbrief zur Ibuprofen-Einnahme schafften es aufgrund ihrer vermeintlichen Legitimation durch Mediziner per Weiterleitung offenbar auch in Kreise, die sonst seltener irreführende oder falsche Meldungen erreichen. 

Interview mit verschwörungstheoretischen Kanälen

Ein weiteres Problem ist die offenbare Unbedarftheit mancher Mediziner bei der Auswahl ihrer Gesprächspartner. So gab etwa die Virologin Karin Mölling dem Medium KenFm ein Interview, das auf Youtube 170.000 Mal aufgerufen wurde. 

Michael Butter, der zu Verschwörungstheorien forscht, sagte dazu in einem Zeit-Interview„Die Virologin Karin Mölling [ist] eine emeritierte Professorin am angesehenen Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Sie hält die strikten Maßnahmen wie das weitreichende Kontaktverbot für übertrieben. Das ist eine legitime wissenschaftliche Position. Aber Frau Mölling hat dazu KenFM ein Interview gegeben. Auf dieser Internetseite wurde schon behauptet, die Massenmedien seien von Zionisten unterwandert oder die Flüchtlingskrise sei bewusst gesteuert und diene der ‘Desorganisation’ Deutschlands. Auch zu Corona werden dort seit Wochen Verschwörungstheorien verbreitet. In so einem Kontext werden Frau Möllings Äußerungen offensichtlich Teil dieser Verschwörungstheorien. Das hätte ihr klar sein müssen.“

Medizinische Tipps, die dem aktuellen Stand der Forschung widersprechen, sind das eine Problem. Ihnen kann man mit Fakten begegnen. Auf Youtube werden diese Falschmeldungen jedoch mit Verschwörungstheorien verbunden und damit Millionen von Klicks generiert. Wahlweise werden die Pharmaindustrie, die USA, China oder satanische Sekten für die Pandemie verantwortlich gemacht. 

„Machtergreifung“, Weltuntergang und Biowaffe: Verschwörungstheorien in Corona-Zeiten

Eine aktuelle Analyse der Universität Münster hat  15.000 Facebook-Posts von „alternativen Nachrichtenmedien“ von Anfang Januar bis zum 22. März untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, diese hätten bisher während der Corona-Krise vor allem Gerüchte und einzelne Verschwörungstheorien verbreitet. „Diese Medien vermischen in ihren Veröffentlichungen das Leugnen des Klimawandels, die Flüchtlingskrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus“, sagt Thorsten Quandt, der die Studie leitete. 

Unter anderem hätten „alternative Medien“ die Verschwörungstheorie, das Virus sei eine Biowaffe aus China, verbreitet. (Unseren Faktencheck dazu finden Sie hier) „Wir fanden mehrere Fälle, in denen ihre Aussagen an anderer Stelle aufgegriffen wurde, beispielsweise in den Youtube-Kanälen von Verschwörungstheoretikern, die als sekundäres Verbreitungssystem dienen. Sie bezeichnen die Botschaften der alternativen Nachrichtenmedien als glaubhaft“, sagt Thorsten Quandt. 

Das bestätigt, was wir Faktencheckerinnen seit Jahren beobachten: Youtube-Verschwörungstheoretiker und „alternative Medien“ sind untrennbar miteinander verbunden. Nun mischen sich zunehmend auch Mediziner darunter. 

So spielte zum Beispiel der Homöopath Ralf Kron im Youtube-Interview mit dem Blog eingeschenkt.tv auf eine Verschwörungstheorie an: Auf Desinfektionsmitteln werde schon seit Jahren Schutz gegen Coronaviren versprochen. (Unser Faktencheck dazu) 

Auch bekannte Größen der Verschwörungsszene wie Oliver Janich melden sich in diesen Wochen zu Wort: In einem seiner Videos tritt der ebenfalls bekannte Verschwörungstheoretiker Gerhard Wisnewski auf und bekräftigt, was er schon in einem zweiten Youtube-Interview sagte: „Was wir hier haben, das ist 1933 auf globaler Ebene, die Machtergreifung der WHO-Strukturen zusammen mit chinesischen Strukturen“. Knapp 300.000 Mal wurde das Video aufgerufen. 

Youtubes zögernde Antwort auf Desinformation

Youtube stellt Faktenchecker vor besondere Herausforderungen: Die Videos sind häufig lang und die Aussagen ein wildes Durcheinander aus Tatsachenbehauptungen (prüfbar), Meinung (nicht prüfbar) und Verschwörungstheorien (nur Aspekte prüfbar). Der Faktencheck eines einzigen Videos kann Tage dauern, während die Klickzahlen im Minutentakt steigen. Anders als Facebook ermöglicht Youtube außerdem bisher keine Verknüpfung von Faktenchecks mit Falschmeldungen, die Usern dann angezeigt werden. Zudem bietet Youtube Faktencheckerinnen kein Tool, mit dem die Plattform effektiv nach Falschmeldungen durchsucht werden kann.

WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus kündigte im Februar an, nicht nur gegen das Virus anzukämpfen, „sondern auch gegen die Trolle und Verschwörungstheoretiker, die Fehlinformationen vorantreiben und die Reaktion auf den Ausbruch untergraben“. 

Bei Youtube scheint man das Problem weiterhin nur langsam anzugehen. Angesichts der Corona-Pandemie blendet die Plattform in Deutschland aktuell unter Videos lediglich einen Verweis auf Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder WHO ein, wie der Konzern in einem FAQ zum Coronavirus schreibt. Beim Thema „Falschmeldungen“ bleibt Youtube in diesen Richtlinien jedoch vage und schreibt, man würde Inhalte löschen – nach eigenen Angaben aber erst dann, wenn es sich um Inhalte handele, in denen behauptet werde, „dass schädliche Substanzen oder Behandlungen positive gesundheitliche Auswirkungen haben können.“

Aus den Youtube-Richtlinien zum Thema „Falschmeldungen“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bleiben bei sonstig irreführenden Videos also die Info-Einblendungen. Diese jedoch sind selbst irreführend designt: Wer ein Video damit sieht, könnte meinen, die abstrusesten Verschwörungsvideos seien durch die Bundeszentrale legitimiert oder stammten sogar von ihr. Selbst Youtubes aktuelle Verbesserungsansätze promoten Fakes und Verschwörung demnach noch.

Update, 11. April:  Wir haben am Ende des Artikels einen Auszug aus den Youtube-Richtlinien ergänzt. 

Update, 24. April 2020: In einer Stellungnahme hat sich Youtube nach Erscheinen zu unserem Text geäußert. Youtube schreibt, es sei nicht zutreffend, dass man Falschmeldungen, Hetze und Verschwörung auf der Plattform dulde.  

„Wir nehmen den Kampf gegen jedwede Form problematischer Inhalte sehr ernst und entfernen schon seit vielen Jahren alle Inhalte, die gegen unsere Produktrichtlinien verstoßen. Zum Beispiel erlauben wir keine Anstiftung zu Gewalt, Belästigung oder Hassrede. Dabei setzen wir auf eine Kombination aus Nutzern und Technologie, um unzulässige Inhalte zu melden und diese Richtlinien durchzusetzen. Wir arbeiten laufend an der Verbesserung unserer internen Prozesse, um eine zügige und sachgerechte Prüfung und Entfernung sicherzustellen und haben die betreffenden Richtlinien für Hassrede und ähnlich problematische Inhalte immer wieder verschärft.“

Weiter schreibt Youtube: „Natürlich wird es auf YouTube immer wieder Inhalte geben, die sich an der Grenze unserer Richtlinien befinden. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, Inhalte von verlässlichen Quellen auf YouTube zu fördern und die Verbreitung von grenzwertigen Inhalten und schädlichen Fehlinformationen zu reduzieren.“ Die Infotafeln mit Verweis auf Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, über die CORRECTIV berichtet hatte, seien mit der Behörde abgestimmt.