Hintergrund

Covid-19-Impfung: Warum „Spätfolgen“ nach Monaten oder Jahren unwahrscheinlich sind

Viele Menschen sorgen sich, dass nach der Impfung mit einem Covid-19-Impfstoff „Langzeitfolgen“ oder „Spätfolgen“ auftreten könnten. Expertinnen und Experten erklären, warum sie das für so gut wie ausgeschlossen halten.

von Uschi Jonas

Das späte Auftreten von Langzeitfolgen nach einer Covid-19-Impfung ist Expertinnen und Experten zufolge extrem unwahrscheinlich (Symbolbild: Unsplash/ Towfiqu Barbhuiya)
Das späte Auftreten von Langzeitfolgen nach einer Covid-19-Impfung ist Expertinnen und Experten zufolge extrem unwahrscheinlich (Symbolbild: Unsplash/ Towfiqu Barbhuiya)

Noch nie wurden so viele Menschen in so kurzer Zeit gegen dieselbe Krankheit geimpft wie das im vergangenen Jahr mit Covid-19 geschehen ist. Auch sehr seltene Nebenwirkungen wurden deshalb bereits entdeckt. Dennoch ist die Sorge vor Spätfolgen einer der Gründe, warum sich manche Menschen nicht gegen Covid-19 impfen lassen wollen. 

Immer wieder taucht das Thema in der öffentlichen Debatte auf. Viele Leserinnen und Leser fragen uns danach. Aber auch Äußerungen von bekannten Persönlichkeiten wie von Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich im Oktober zeigen, dass der Gedanke, es könnten nach längerer Zeit noch gesundheitliche Schäden auftreten, weit verbreitet ist. 

Wir haben mit Expertinnen und Experten und dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) darüber gesprochen. Sie alle erklären, dass später auftretende Langzeitfolgen der Covid-19-Impfungen sehr unwahrscheinlich sind.

PEI: Impfkomplikationen, die einen langen Zeitraum anhalten, sind eine „absolute Ausnahme“ 

Das in Deutschland für die Zulassung und Überwachung von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) schreibt auf seiner Webseite, dass unter Langzeitfolgen zwei verschiedene Dinge verstanden werden können: „Etwas, das erst nach langer Zeit eintritt, oder etwas, das über einen langen Zeitraum anhält.“ 

Eine erwünschte Langzeitfolge einer Impfung ist zum Beispiel ein lang anhaltender Schutz vor einer Infektion oder schweren Erkrankung. Dieser Schutz wird nach einer Impfung vom Körper selbst erzeugt, in Form von Abwehrstoffen gegen den Erreger. 

Das, wovor sich Menschen sorgen, sind unerwünschte Folgen einer Impfung. In der Regel treten solche Nebenwirkungen direkt nach der Impfung auf. Zu typischen Reaktionen, die auch nach Covid-19-Impfungen auftreten können, gehören Schmerzen an der Einstichstelle und Fieber. Diese Beschwerden verschwinden nach wenigen Tagen wieder. Grundsätzlich gilt laut PEI für Impfungen aller Art: „Im Einzelfall können auch sehr seltene Impfkomplikationen einen langen Zeitraum, gegebenenfalls Jahre, anhalten. Das ist aber die absolute Ausnahme.“ 

Als Beispiel für eine „extrem seltene Nebenwirkung mit Langzeitwirkung“ nennt das PEI Narkolepsie („Schlafkrankheit“), die nach einer Impfung gegen die sogenannte Schweinegrippe auftreten kann. Der Impfstoff „Pandemrix“, der für die Nebenwirkung verantwortlich war, wurde in den Jahren 2009 und 2010 verabreicht. Inzwischen wird er in der EU nicht mehr verwendet. Fälle wie dieser, stellten aber „eine absolute Ausnahme“ dar, schreibt das PEI.

Covid-19-Impfstoffe wurden bereits milliardenfach verabreicht, auch sehr seltene Nebenwirkungen wurden erkannt 

PEI-Präsident Klaus Cichutek erklärt in einer E-Mail an CORRECTIV.Faktencheck, dass es in der Diskussion um Nebenwirkungen von Impfstoffen häufig zu einem Missverständnis komme: „Der Begriff ‘Langzeitfolgen’ wird häufig falsch interpretiert – es geht darum, dass eine Nebenwirkung so selten ist, dass sie erst erkannt werden kann, wenn sehr viele – massenhafte – Impfungen verabreicht wurden. Das dauert bei den meisten Impfstoffen viele Jahre.“ Der Vorteil der weltweiten Impfkampagnen gegen Covid-19 sei es jedoch, dass bereits Milliarden Menschen geimpft wurden – allein in Deutschland wurden bis zum 25. November 2021 120 Millionen Impfdosen verabreicht.

Dazu schreibt Cichutek: „So konnten wir auch sehr seltene Nebenwirkungen, die in einem Bereich von unter 10 pro 100.000 Impfdosen liegen, bereits nach wenigen Monaten erkennen.“ Die zuständigen Behörden bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, die Ständige Impfkommission in Deutschland und das Paul-Ehrlich-Institut hätten mit entsprechenden Maßnahmen reagiert. Für bestimmte, möglicherweise gefährdete Personengruppen sei die Anwendung mancher Covid-19-Impfstoffe eingeschränkt worden.

Die aktuell in der EU zugelassenen Covid-19-Impfstoffe und ihre Nebenwirkungen seien inzwischen gut bekannt, erklärt das PEI. Denn die ersten klinischen Studien wurden bereits vor anderthalb Jahren begonnen. 

Im Zusammenhang mit Covid-19-Impfstoffen sind folgende Nebenwirkungen für das PEI von „besonderem Interesse“:  

  • Myokarditis und Perikarditis (Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen) nach Impfung mit mRNA-Impfstoffen 
  • anaphylaktische (allergische) Reaktionen bei allen Impfstoffen 
  • Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (Blutgerinnsel mit gleichzeitigem Blutplättchenmangel) bei Impfungen mit Vektorimpfstoffen
  • Guillain-Barré-Syndrom (eine Entzündung des Nervensystems) bei Vektorimpfstoffen

Sie alle sind sehr selten und können unmittelbar nach den Impfungen auftreten. Genaueres dazu erläutert das PEI in seinem Sicherheitsbericht vom 26. Oktober 2021

Dass unerwünschte Folgen einer Impfung erst nach Monaten oder Jahren auftreten,  schließt das PEI aus: „Diese Sorgen sind unberechtigt. Wir kennen solche sehr spät einsetzenden Nebenwirkungen von Impfstoffen nicht.“ 

Forschende betonen: Nebenwirkungen treten stets kurze Zeit nach der Impfung auf

Wir haben unsere Fragen auch mehreren Experten gestellt. Birgit Sawitzki, Professorin für Immunologie an der Charité Berlin, Friedemann Weber, Professor für Virologie an der Universität Gießen, und Emanuel Wyler, Molekularbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin, haben uns gemeinsam in einer E-Mail geantwortet. 

Auch sie erläutern, dass Nebenwirkungen von Impfstoffen durch das gehäufte Auftreten bestimmter Symptome oder Krankheitsbilder bemerkt würden. Es geht also darum, ob diese Symptome nach einer Impfung häufiger auftreten als normalerweise in der Bevölkerung zu erwarten wäre. 

Man müsse zwischen Langzeitfolgen unterscheiden, die innerhalb kurzer Zeit nach einer Impfung auftreten und lange anhalten, und solchen, die erst mehrere Monate oder gar Jahre später auftreten. In die erste Kategorie falle auch die durch den Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix ausgelöste Narkolepsie. Die Krankheit trete „im Schnitt innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auf“. Sie sei jedoch so selten, „dass sie erst nach circa einem Jahr statistisch aufgefallen“ sei.

Erst Monate nach Impfungen auftretende Nebenwirkungen wurden laut Experten bislang nie festgestellt 

Die Sorgen zahlreicher Menschen drehen sich aber um die Möglichkeit, dass eine unerwünschte Folge der Covid-19-Impfung erst nach längerer Zeit auftreten könnte. Doch Sawitzki, Weber und Wyler erklären: „Derartiges wurde nach Impfungen nicht festgestellt.“

Dass nach langer Zeit Folgen auftreten, die sich unmittelbar nach der Impfung noch nicht angedeutet haben, sei theoretisch zwar möglich, aber äußerst unwahrscheinlich. „Der Grund dafür ist, dass Impfungen nur wenige Male verabreicht werden und die Bestandteile kurzlebig sind. Spätestens nach einigen Wochen sind sie nicht mehr im Körper. Die Impfung müsste eine Veränderung hervorrufen, die erst dann erfolgt, wenn der Impfstoff gar nicht mehr vorhanden ist. Das ist schwer vorstellbar und es gibt es auch keine Hinweise darauf“, erklären Sawitzki, Weber und Wyler. 

Mögliche Nebenwirkungen treten innerhalb kurzer Zeit nach einer Impfung auf

Auch Petra Falb, Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe beim österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, erläuterte kürzlich in einem Blog-Artikel, dass es bei Impfstoffen schon aus biologischen Gründen keine „Spätnebenwirkungen“ gebe, die zum Beispiel fünf Jahre später plötzlich auftreten: „Es reichert sich nichts an. Nebenwirkungen zeigen sich binnen weniger Stunden bis 1 bis 2 Tage nach der Impfung, bei Lebendimpfstoffen nach der Inkubationszeit der natürlichen Erkrankung“. 

Auch allergische Reaktionen würden zeitnah nach einer Impfung auftreten. Als sehr seltene Nebenwirkungen bei Impfungen seien grundsätzlich unterschiedliche Autoimmunreaktionen möglich, „aber selbst diese treten spätestens nach wenigen Wochen auf“.

Fazit: Dass Milliarden Menschen innerhalb kürzester Zeit gegen dieselbe Krankheit geimpft wurden, hat dazu geführt, dass auch sehr seltene Nebenwirkungen der Covid-19-Impfstoffe bereits erkannt werden konnten. Gleichzeitig war es so, dass unerwünschte Reaktionen bisher stets zeitnah nach einer Impfung auftraten und es zwar theoretisch möglich, aber unwahrscheinlich ist, dass „Spätfolgen“ erst nach Monaten oder Jahren auftreten. Völlig ausschließen lässt es sich nicht, aber einen solchen Fall habe es bisher noch nie gegeben, betonen Forschende gegenüber CORRECTIV.Faktencheck. 

Redigatur: Alice Echtermann, Matthias Bau

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vom 26. Oktober 2021: Link
  • Hinweise des PEI zur Sorge vor Langzeitfolgen nach Covid-19-Impfungen: Link

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