Hintergrund

Streit um die Farbe Rot: Warum jeden Sommer behauptet wird, die Medien würden Wetterkarten manipulieren

Diese Desinformation funktioniert jedes Jahr: Eine irreführende Collage mit Wetterkarten der „Tagesschau“ wird seit 2019 jeden Sommer verbreitet. Sie soll zeigen, dass Medien hohe Temperaturen angeblich übertrieben darstellen. Mit der so erzeugten Empörung wird von den Fakten zum Klimawandel abgelenkt. 

von Alice Echtermann

Tagesschau Wettervorhersage vor 20 Jahren
So sah die Temperaturvorhersage der „Tagesschau“ am 17. Juni 2002, also vor 20 Jahren, aus. 2002 war einer der zehn heißesten Sommer in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen. In Sozialen Netzwerken wird oft behauptet, die Sendung würde Hitze heute dramatischer darstellen als damals. (Quelle: Tagesschau; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Klettern in Deutschland die Temperaturen über 30 Grad, taucht in Sozialen Netzwerken ein Narrativ der Desinformation auf: Die Medien verändern angeblich die Farben ihrer Wettervorhersagen, um hohe Temperaturen dramatischer darzustellen. Manipulieren sie etwa aus ideologischen Gründen die Wetterkarte, um Angst vor dem Klimawandel zu schüren? 

Nein. Um diese falsche Behauptung zu stützen, werden unterschiedliche Karten aus den Wetterberichten der „Tagesschau“, aber auch anderer Medien kombiniert, die nichts miteinander zu tun haben. Seit 2019 tauchen diese irreführenden Collagen auf. Auch in diesem Sommer. Das Bild wurde von Jahr zu Jahr leicht verändert, die Botschaft bleibt jedoch immer gleich. In einem Facebook-Beitrag vom 18. Juni 2022, der mehr als 1.400 Mal geteilt wurde, schimpfte die Verfasserin: „So werden wir alle manipuliert.“

Manipuliert wird hier tatsächlich – jedoch nicht durch den Wetterbericht, sondern durch die Menschen, die andere mit solchen Collagen irreführen. Sie lenken außerdem von den eigentlichen Fakten zum Klimawandel ab: Heiße Sommer und extreme Hitzetage werden immer häufiger.

Collage der irreführenden Wetterkarten
Diese Bildkombinationen tauchten jeweils 2020, 2021 und 2022 auf. Erstmals wurde eine manipulative Collage der zwei „Tagesschau“-Wetterkarten 2019 verbreitet. Teilweise wurden die Farbsättigung und die Hintergrundbilder verändert. (Quelle: Facebook; Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Wetterkarten-Collagen sind Desinformation

Zunächst zu den bereits mehrfach dargelegten Fakten: Die beiden „Tagesschau“-Karten, die immer Bestandteil der Collagen sind, tauchten ursprünglich 2019 auf. Sie zeigen zwei unterschiedliche Wetterkarten aus der „Tagesschau“, die in jeder Sendung nacheinander gezeigt werden. Die eine Karte ist die Temperaturvorhersage für den kommenden Tag, die andere die Wettervorschau für die darauffolgenden drei Tage. 

In der Temperaturvorhersage werden hohe Temperaturen in Rot dargestellt – und zwar immer schon, also auch 2009. Die Drei-Tage-Vorschau dagegen enthält keine Temperaturfarben im Hintergrund und ist immer grün. Das Design wurde also über die Jahre nicht verändert. 

Tagesschau Wettervorhersage von 2009
Die Wettervorhersage der „Tagesschau“ im Jahr 2009 zeigte hohe Temperaturen in Rot an – so wie im Jahr 2019 auch (Quelle: Tagesschau, Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Seit vier Jahren erfolgreiche Manipulation

Die „Tagesschau“-Collage wurde jedes Jahr erweitert, mit Wetterkarten aus anderen Sendungen. Zuerst kam 2020 ein Bild aus dem Weather Channel hinzu, auf dem die hohen Temperaturen in einem dunkleren Rot als in der „Tagesschau“ dargestellt werden. Der US-Kanal hat auch eine deutsche Wettervorhersage. Der Vergleich mit der „Tagesschau“ ist aber nicht aussagekräftig. Dass der Weather Channel andere Farben als die ARD verwendet, ist keine Manipulation oder Beeinflussung der Zuschauenden – die beiden Formate haben nichts miteinander zu tun. 

2021 wurde die Collage um eine Ansicht aus einer Sendung von RTL erweitert. Dort steht ein Moderator vor einem Hintergrund, der vermeintlich die feurig glühende Oberfläche der Sonne zeigt. Doch das Bild manipuliert: Der Hintergrund wurde nachträglich eingefügt, wie wir in einem Faktencheck nachgewiesen haben. In der echten Sendung zeigte das Hintergrundbild einen Sonnenuntergang über dem Meer.

RTL Wettervorhersage von 2019
Das Originalbild der RTL-Sendung – der Hintergrund der Sendung im Jahr 2019 war ein Sonnenuntergang (Quelle: RTL Mediengruppe; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

In der Collage, die 2022 verbreitet wird, ist dasselbe Bild aus der RTL-Sendung zu sehen. Es wurde jedoch noch stärker verändert: Hinter dem Moderator sind keine Wetterkarten mehr zu sehen, sondern Bilder von brodelnden Vulkanen. Dass es sich hier um eine Manipulation handelt, ist offenkundig. Die Botschaft, die das vermitteln soll, ist ebenso klar: Die Medien übertreiben. Sie stellen die hohen Temperaturen als etwas Schlimmes dar, dabei gab es immer schon Hitze im Sommer. 

Debatten über Farben von Wetterkarten lenken von Fakten zum Klimawandel ab

Diese Art von Argumentation ist sehr beliebt, um den Klimawandel zu leugnen, und sie ist irreführend. Beispielhaft findet man dazu in Sozialen Netzwerken Sprüche wie: „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“ oder „Jeder macht ein Drama wegen eines normalen Sommers, nur weil die Medien immer so ein Drama veranstalten.“ Als Belege werden gern alte Zeitungsberichte hervorgekramt, in denen vor vielen Jahren über Rekordtemperaturen berichtet wurde. 

Indem die Debatte auf die vermeintliche Manipulation durch die Medien gelenkt wird, soll von den Fakten zum Klimawandel abgelenkt werden. Natürlich gab es vor vielen Jahren schon extrem heiße Tage. Ein heißer Tag, eine neue Rekordtemperatur oder ein ungewöhnlich warmer Sommer allein machen noch keinen Klimawandel. 

Fakt ist aber: Die ungewöhnlich warmen Sommer und Hitzetage werden in Deutschland seit Jahrzehnten häufiger. Es gibt zuverlässige Statistiken, die das belegen – „manipulierte“ Wettervorhersagen braucht es dafür nicht. 

Immer öfter heißes Sommerwetter und Hitzetage in Deutschland 

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) schrieb 2020: „Was früher ein extrem heißer Sommer war, ist heute ein durchschnittlicher Sommer.“ 

Die 10 heißesten Sommer in Deutschland laut DWD
Auflistung der wärmsten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 – die drei heißesten Sommer waren alle in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Zudem wurden sechs der zehn heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen (1881) nach 2000 verzeichnet. (Quelle: Deutscher Wetterdienst; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Weiter erklärt der DWD: „Ein Indikator für die Zunahme von Hitze ist die Zahl der Tage mit mindestens 30 °C (‘Heiße Tage’ oder ‘Hitzetage’). Die Zahl der Hitzetage ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen, und hat sich zum Beispiel in Berlin und Wien in etwa verdoppelt. Selbst in Lagen oberhalb von 1.000 Meter Seehöhe wurden Temperaturen über 30 °C immer häufiger.“

In Berlin und Brandenburg gab es laut DWD zum Beispiel 1961 bis 1990 im Durchschnitt 6,5 Hitzetage pro Jahr. Zwischen 1990 und 2019 waren es 11,5 Hitzetage pro Jahr. 

Davon abgesehen, dass sich die steigenden Temperaturen langfristig auf unser Leben auswirken, bergen auch einzelne Hitzetage Gefahren: Hohe Temperaturen belasten den Kreislauf. Konkrete Hinweise darauf, dass das für manche Menschen gefährlich ist, sind laut Umweltbundesamt zum Beispiel gestiegene Zahlen von Rettungseinsätzen während extremer Hitze und zusätzliche Todesfälle während besonders heißer Sommer. 

Redigatur: Sarah Thust, Viktor Marinov

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