Faktencheck

Übersterblichkeit: Nein, diese Studie belegt nicht, dass 45 Prozent der zusätzlichen Todesfälle durch den „Lockdown“ verursacht wurden

Eine Studie zu Übersterblichkeit in einer Region in Baden-Württemberg beweise, dass 45 Prozent der zusätzlichen Verstorbenen wegen des „Lockdowns“ im Frühjahr gestorben seien, heißt es in einem Artikel von RT Deutsch. Das stimmt nicht. Die Studie wurde irreführend interpretiert und lässt solche Schlüsse nicht zu.

von Kathrin Wesolowski

Symbolbild
Eine Studie über Zahlen des Klinikums Hochrhein in Waldshut-Tiengen zu Todesfällen wurde irreführend interpretiert. (Symbolbild: Unsplash / Gael García)
Behauptung
Eine Studie des Klinikums Hochrhein in Waldshut-Tiengen zu Übersterblichkeit belege, dass 45 Prozent der zusätzlichen Verstorbenen wegen des „Lockdowns“ gestorben seien.
Bewertung
Unbelegt. Die Studie belegt nicht, woran die Menschen starben.

„Studie zur Corona-Übersterblichkeit: 45 Prozent starben infolge des Lockdowns“ lautet die Überschrift eines Artikels von RT Deutsch. Eine Studie des Klinikums Hochrhein in Waldshut-Tiengen habe bestätigt, dass im ersten „Lockdown“ im Frühjahr in der Region Waldshut mehr Menschen verstorben seien als im gleichen Zeitraum der Vorjahre 2016 bis 2019. 

Etwa 55 Prozent dieser zusätzlichen Todesfälle könne Covid-19 zugerechnet werden. Die anderen 45 Prozent, also die zusätzlichen Verstorbenen, die nicht nachweislich mit dem Coronavirus infiziert waren, seien wegen des „Lockdowns“ gestorben, behauptet RT Deutsch. „Den Forschern zufolge ist nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei den restlichen Todesfällen um die sogenannten ,Kollateralschäden’ handelt, die auf die ,verminderte Inanspruchnahme notfallmedizinischer Strukturen’ zurückzuführen sind“, heißt es im Text weiter. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.100 Mal auf Facebook geteilt.

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Die Überschrift ist falsch und die Ergebnisse der Studie werden im Artikel irreführend interpretiert. Die Studie ist zudem nicht repräsentativ, und es handelt sich um eine Preprint-Version, die noch nicht von Expertinnen und Experten begutachtet wurde.


Studie des Klinikums Hochrhein in Waldshut-Tiengen ist nicht repräsentativ

Am 22. März 2020 hatte die Bundesregierung unter anderem Kontaktbeschränkungen und die Schließung von Gastronomiebetrieben beschlossen. Diese Kontaktbeschränkungen haben dem Artikel von RT Deutsch zufolge angeblich zu zusätzlichen Todesfällen geführt, da ältere Menschen weniger Besuch gehabt hätten und dadurch eine Verschlechterung des Gesundheitszustand bei beistehenden Vorerkrankungen unbemerkt geblieben sei. Zudem seien viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht mehr zum Arzt gegangen. 

Die Studie des Klinikums Hochrhein belegt diese Aussage jedoch nicht. RT Deutsch stützt sich auf eine Vermutung, die die Autoren der Studie äußern, und macht diese zu einer Tatsachenbehauptung. 

Die Autoren der Studie schreiben zudem selbst, dass die Ergebnisse, unter anderem aufgrund der Datenerhebung, nicht vergleichbar mit anderen Regionen seien und ein konkreter Beweis für den Zusammenhang fehlt.

Was die Studie tatsächlich beinhaltet:

In der Studie wurde die Zahl der Patienten, die in der Notfallversorgung des Klinikums Hochrhein und von den Rettungsdiensten behandelt wurden, zwischen der 9. und 22. Kalenderwoche 2020 nachträglich ausgewertet.

Zudem wurden die Todesfälle in dem betreffenden Landkreis Waldshut in Baden-Württemberg in dem gleichen Zeitraum mit dem Durchschnitt der Vorjahre verglichen. Es habe im April 2020 eine sogenannte Übersterblichkeit von 37,4 Prozent gegeben. Konkret seien im April dieses Jahres in Waldshut 227 Menschen gestorben – deutlich mehr als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Dieser Schnitt liegt bei 165 Todesfällen. 

Die Autoren der Studie verrechnen die Corona-Todesfälle mit der Differenz von 62 „zusätzlichen Todesfällen“. Auf dieser Basis geben sie an, nur 55 Prozent (34 Menschen von 62) seien an oder mit Covid-19 verstorben. Diese Rechnung ist allerdings kritisch zu betrachten. Es steht nicht fest, ob tatsächlich 62 Menschen im April nicht gestorben wären, hätte es die Pandemie nicht gegeben.

Ohne die bestätigten Covid-19-Todesfälle liege die Übersterblichkeit bei 16,8 Prozent, schreiben die Autoren zudem weiter. Gleichzeitig sei die Zahl der Patientenkontakte in der Notaufnahme des Klinikums Hochrhein um 43,1 Prozent zurückgegangen und etwa ein Drittel weniger Patienten in der stationären Notaufnahme behandelt worden.

Kein Belege, woran die Menschen starben

Daraus leitet RT Deutsch die Behauptung ab, 45 Prozent der Menschen wären wegen des „Lockdowns“ gestorben. Diese Rechnung stellen die Autoren der Studie selbst aber nicht auf, und sie kann auch so nicht aufgestellt werden. Auf unsere Anfrage schrieb uns Stefan Kortüm, Autor der Studie, per E-Mail: „Aussagen wie: ,Durch den Lockdown sterben fast genauso viele Menschen wie durch Corona‘ finden in unserer Veröffentlichung keine Grundlage.“ Zudem enthalte die Studie keine Bewertung der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Frühjahr auf die Gesamtsterblichkeit. 

Inhalt der Studie ist also nicht, woran die restlichen Menschen tatsächlich verstorben sind. Dass Infektionen übersehen wurden, halten die Autoren  für unwahrscheinlich. Zu anderen möglichen Erklärungen werden in den Paragraphen zur Diskussion und Schlussfolgerung der Studienergebnisse aber nur Vermutungen geäußert.

Es gibt also keinen Beleg, dass es sich bei den zusätzlichen Todesfällen in Waldshut zu einem erheblichen Teil um „Kollateralschäden“ durch einen „Lockdown“ handelte. 

Kausaler Zusammenhang zwischen weniger Notfalleinsätzen und Übersterblichkeit ist nicht nachgewiesen

Gerade die Notfallbehandlung von Menschen mit chronischen Vorerkrankungen ohne Corona-Infektion sei zurückgegangen, heißt es in der Studie. Die Autoren vermuten, dass die Angst, sich in überlasteten Krankenhäusern mit Covid-19 anzustecken, „einseitige“ öffentliche Berichterstattung sowie die Kontaktbeschränkungen zu der Übersterblichkeit beigetragen haben könnten. 

Dabei handelt es sich allerdings eben nur um eine Vermutung, wie die Autoren schreiben. Eine Kausalität erscheine sehr plausibel, „kann jedoch aus den verfügbaren Daten nicht mit absoluter Sicherheit nachgewiesen werden.“ 

Stefan Kortüm schrieb uns, dass die Autoren künftig für vergleichbare Situationen empfehlen, die Krisenkommunikation und die mediale Berichterstattung ausgewogener zu gestalten, um Menschen mit akuten gesundheitlichen Problemen nicht von der Inanspruchnahme der erforderlichen medizinischen Hilfe abzuhalten. Kontaktbeschränkungen sollten insbesondere im privaten Umfeld kritisch geprüft und auf das objektiv notwendige Minimum beschränkt werden.“

In dem Artikel von RT Deutsch wird auch behauptet, dass im Vergleich zu den Vorjahren doppelt so viele Menschen „allein und leblos in ihren Wohnungen“ aufgefunden wurden. Das steht so nicht in der Studie. In dieser heißt es lediglich, dass es einen signifikanten Anstieg von 105 Prozent von Notalarmen mit dem Stichwort „Vermuteter Tod“ gegeben habe. Dieses werde vergeben, wenn eine leblose Person aufgefunden werde. Ob diese Menschen tatsächlich gestorben sind, und ob sie in ihren Wohnungen oder an anderen Orten gefunden wurden, geht aus der Studie nicht hervor. 

Redigaturen: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Die wichtigsten öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Studie des Klinikums Hochrhein: „Corona-Independent Excess Mortality Due to Reduced Use of Emergency Medical Care in the Corona Pandemic: A Population-Based Observational Study“, Preprint, 28. Oktober 2020 (Link, Englisch)

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