Auf X teilte der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský am 11. Oktober eine Grafik, die Millionen Aufrufe sammelte. Sie soll zeigen, dass ukrainische Angriffe auf Rechenzentren des russischen Unternehmens Yandex dazu geführt hätten, dass „Online-Aktivitäten“ der AfD in den Keller gegangen seien. „Falls sich das bestätigt, ist das aufschlussreich”, schreibt Zdechovský.
Auch andere, etwa Youtuber „HeyWolfi“, griffen die Grafik auf. Er betitelte sein Video dazu mit den Worten „Ukraine legt AfD lahm“ betitelt und blendet dort die Grafik gleich zu Beginn ein. Auf unsere Bitte um Stellungnahme reagierte er bis zur Veröffentlichung nicht.
Ähnliche Behauptungen sind auch auf Linkedin, Reddit und Bluesky zu finden. Teils in unterschiedlichen Variationen, bei denen es mal heißt, die Aktivität von MAGA-Accounts sei zurückgegangen, mal, russische Desinformationsbots seien gestört worden. Eine weitere Grafik, die Daten des Unternehmens Cloudflare zeigt, soll die Behauptung ebenfalls belegen.
Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit.
Nachrichten und Recherchen sind unerlässlich, damit Sie sich eine Meinung bilden können. Aber die derzeitigen Bedrohungen der freien Presse und der Medienlandschaft sind alarmierend.
Wir fordern die Bundesregierung auf, Pressefreiheit und die Medienvielfalt in Deutschland umfangreich zu schützen. Machen Sie mit.
Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb am 12. Oktober auf X, es sei leichter geworden „auf Social Media zu atmen“. Es gebe weniger Hass und Provokationen, „weil weniger Bots unterwegs waren“.
Doch für keine der Behauptungen gibt es belastbare Belege.

perma.cc/beitrag-tomas-zdechovsky
perma.cc/beitrag-wolodymyr-selenskyj
meduza.io/angriffe-yandex
Grafik weist Unstimmigkeiten auf
Zunächst lohnt ein genauer Blick auf die Grafik, die Zdechovský verbreitete. Daran fällt auf, dass die Daten darin bis zum 15. Oktober reichen. Das Datum lag jedoch zu dem Zeitpunkt, als die Grafik verbreitet wurde, noch in der Zukunft.
Darüber hinaus ist unklar, was für Daten die Grafik eigentlich zeigen soll. Überschrieben ist sie lediglich mit „tägliche Aktivität über 3 Monate“. Auf den beiden Achsen sind „Aktivitäten pro Tag“ und ein „Datum“ verzeichnet. Dazu, was das für Aktivitäten sein sollen, woher die Daten stammen und wie sie erhoben wurden, fehlen jegliche Angaben.
Und auch weitere Details irritieren. Auf der y-Achse sind die „Aktivitäten pro Tag“ in 500er-Schritten angegeben. Dabei müsste der Abstand aller Zahlen zueinander gleich sein, der von 2.500 zu 3.000 ist jedoch deutlich kleiner als in den anderen Fällen. Ähnlich ist es auf der x-Achse, wo der Abstand zwischen dem Punkt „1. Sep. 2026“ zum „15. Sep. 2026“ kleiner ist als bei anderen Punkten. Auch bei den Punkten „1. Aug. 2026“ und „15. Aug. 2026“ ist das so.

Gegenüber dem ZDF sagte Zdechovský, er verfüge über „keine unabhängig überprüfbaren Daten“ für die Behauptung. Weiter sagte er dem Sender, „ich habe nie behauptet, dass solch eine Verbindung definitiv belegt ist“. Er habe die Grafik lediglich als „interessante Information geteilt, die bereits in den sozialen Medien kursierte“.
Vor Zdechovský teilte ein Stadtrat der Grünen in Heiligenhaus, Robin Schlingheider, die Grafik auf Bluesky. Er entschuldigte sich am Tag nach seinem Beitrag und schrieb, er habe die Grafik ungeprüft verbreitet. Wer sie ursprünglich erstellt hat, konnten wir nicht herausfinden.
zdfheute.de/faktencheck-yandex
perma.cc/beitrag-robin-schlingheider
Auch Cloudflare-Grafik ist kein Beleg, dass Social Media Bots nicht mehr aktiv sind
Neben der Grafik, die Zdechovský und Schlingheider teilten, gibt es eine weitere, die Daten des Anbieters Cloudflare zeigt. Verbreitet wurde sie zum Beispiel auf Linkedin. Dazu heißt es in einem Beitrag des Autors Felix Beilharz: „Der Bot-Traffic ist nahezu komplett zum Erliegen gekommen. Dazu gehören sämtliche Crawler der Suchmaschinen und ähnliche Dienste, aber wohl auch Bot-Netzwerke, die russische Desinformation verbreiten.“ Nutzer auf X und Threads hätten behauptet, weniger rechtsextreme Posts und Kommentare in ihren Feeds zu sehen.

Wir wollten von Beilharz wissen, ob er neben diesen Schilderungen von Nutzerinnen und Nutzern weitere Belege für die These hat, dass Bot-Aktivitäten in Sozialen Netzwerken zurückgegangen seien. Er schreibt uns: „Leider nein, es handelt sich wirklich nur um die anekdotische Evidenz. Ich habe viele (weit über 100) solcher Berichte auf Threads und X gesehen, aber belegen konnte es niemand.“
Was genau Cloudflare ist, auf dessen Daten sich Beilharz bezieht, ordnete Josef Holnburger für uns ein. Er ist Geschäftsführer beim gemeinnützigen Center für Monitoring, Analyse und Strategie, das sich unter anderem mit Desinformation und Verschwörungserzählungen beschäftigt. Holnburger schreibt uns, Cloudflare stelle seinen Kunden ein System bereit, welches automatisierte Anfragen auf Server abwehrt. „Hierbei geht es vor allem um die Abwehr schadhafter Anfragen, wie etwa Überlastungsangriffe (DDoS-Angriffe) oder Schutz gegen Spamaktivitäten“.
Cloudflare überprüfe dabei, ob eine Anfrage an eine Webseite von einem Menschen oder einem Bot komme, erklärt der Informatikprofessor Raphael Wimmer von der Universität Regensburg. So könne das Unternehmen Statistiken erstellen, „wie viele Anfragen aus einem bestimmten Teil des Internets von Menschen kommen, und wie viele von Bots/Crawlern“. Eine solche Statistik zeigt offenbar der Linkedin-Beitrag.

Genau hier entstand online ein Missverständnis, denn die „Bots“ deren Aktivität laut Cloudflare nach den Angriffen der Ukraine auf Yandex eingebrochen ist, dienen vor allem dazu, über automatisierte Abfragen Webseiten zu indexieren. So wird zum Beispiel die Arbeit von Yandex Suchmaschine ermöglicht. Es gehe bei den Bots „nicht unbedingt um Aktivitäten auf Social-Media-Plattformen“, stellt Cloudflare selbst auf X und in einem Blogbeitrag klar. Weitere Informationen könne man derzeit nicht liefern, schreibt das Unternehmen auf Anfrage.
Der Informatikprofessor Raphael Wimmer von der Universität Regensburg schreibt uns zu dieser Art Bots: „Die klassische Art von solchen Bots sind die ‚Crawler‘ von Suchmaschinen. Firmen wie Google oder Microsoft rufen in regelmäßigen Abständen Webseiten ab, speichern deren Inhalte und schauen, ob auf der Webseite Links zu anderen Webseiten sind, die die Suchmaschine noch nicht kennt.“ In den vergangenen Jahren seien außerdem Bots hinzugekommen, die Daten für das Training von KI-Modellen sammelten.
cloudflare.com/was-ist-ein-bot
cloudflare.com/blogbeitrag-yandex
perma.cc/beitrag-felix-beilharz
perma.cc/cloudflare-auf-x
Geringere Aktivitäten von Social Bots sind nicht durch Daten belegt
Die Art von Bots, um die es in den Beiträgen in Sozialen Netzwerken geht, würden hingegen, so Wimmer, als „Social Bots“ bezeichnet. Sie sollen laut dem Informatikprofessor den Eindruck erwecken, echte Nutzerinnen und Nutzer zu sein. „Social Bots enthalten in der Regel eine Täuschungsabsicht darüber, dass automatisiert gehandelt wird“, schreibt uns auch Josef Holnburger.
Ob oder wie viele Social Bots es gibt, lässt sich wiederum nur schwer nachweisen. Darauf wies Florian Gallwitz, Professor für Medieninformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg, bereits 2021 in einem Fachaufsatz hin. Die Methoden, mit denen versucht worden sei, einen Account als automatisiert zu beschreiben, hielten einer Überprüfung nicht stand.
Auch Josef Holnburger schreibt uns: „Es existiert keine einfache Metrik zur Messung der Aktivität von Social Bots.“ Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass es keine Analysen gibt, die genau diesen Rückgang von Aktivitäten von vermeintlichen Social Bots aus Russland zeigen. Rapahel Wimmer schreibt uns dazu: „Bisher habe ich keine Analysen gesehen, die solide durchgeführt wurden und auch einen Rückgang von irgendwelcher Aktivität gefunden haben.“
Im Gegenteil widersprechen bisher verschiedene Analysten der Behauptung anhand einzelner Beobachtungen. Wimmer verweist etwa auf Valdemar Osted, der angibt, seine Firma habe 76 AfD-Politiker- und 136 MAGA-Accounts auf Facebook untersucht und keine Änderungen festgestellt. Auch der X-Account „Antibot4Navalny“, der regelmäßig über die Aktivität russischer Desinformationskampagnen berichtet, wies die Behauptung als unbelegt zurück.
Letztendlich könnten nur die Betreiber von Sozialen Netzwerken darüber Auskunft geben, ob sich die Aktivität von Social Bots reduziert habe oder nicht, sagte uns Holnburger. „Und auch nur begrenzt in dem Maße, wie ihre eigenen Erkennungsmöglichkeiten funktionieren.“ Auf unsere Anfrage reagierten Meta, Tiktok und Youtube bis zur Veröffentlichung nicht.
Er könne jedoch nicht die Möglichkeit ausschließen, dass es Effekte auf bekannte russische Kampagnen wie Doppelgänger oder Matrjoschka gibt, schreibt uns Holnburger. Denn Yandex sei für das russische Internet so relevant wie Google und Amazon außerhalb Russlands.
perma.cc/beitrag-valdemar-osted
perma.cc/beitrag-antibot4navalny
correctiv.org/artikel-doppelgaenger
correctiv.org/artikel-matrjoschka
cemas.io/artikel-yandex
Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redigatur: Gabriele Scherndl, Viktor Marinov
CORRECTIV im Postfach
Lesen Sie von Macht und Missbrauch. Aber auch von Menschen und Momenten, die zeigen, dass wir es als Gesellschaft besser können. Täglich im CORRECTIV Spotlight.
Mit der Anmeldung willigen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung ein.