Fast 100 Anschläge auf deutsche Verkehrsinfrastruktur
Das Bundeskriminalamt hat im Jahr 2025 deutlich mehr Anschläge auf die Verkehrsinfrastruktur registriert als in den Vorjahren. Das zeigt eine Auswertung auf Anfrage von CORRECTIV. Neu ist: In mehreren Fällen vermuten Ermittler die Drahtzieher im Ausland.
In der Nacht vom 12. Januar entgleiste auf einer Bahnstrecke zwischen Essen und Oberhausen ein Güterzug. Der Fall alarmierte die Sicherheitsbehörden. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um Sabotage handelte: Jemand hatte eine Metallklammer auf der Schiene angebracht, die vordere Achse des Triebwagens sprang aus dem Gleis. Über die Strecke sollte kurz darauf eigentlich ein US-Militärkonvoi rollen – das eigentliche Ziel?
Die Bahn ist spätestens seit 2022 immer wieder von mutmaßlichen Sabotage-Akten betroffen – von durchtrennten Kabeln bis hin zu Cyber-Angriffen. Doch auch andere Verkehrsmittel werden immer wieder zum Ziel – und das vermehrt.
Eine Auswertung des Bundeskriminalamtes (BKA) auf Anfrage von CORRECTIV zeigt jetzt: Anschläge gegen die deutsche Verkehrsinfrastruktur haben im vergangenen Jahr zugenommen. Dabei geht es neben der Bahn etwa auch um den Luft- und Schiffsverkehr. Im Jahr 2025 wertet das BKA demnach 93 Straftaten als gezielte Sabotage. Im Jahr 2023 waren es 78 Straftaten, im Jahr 2024 sank die Zahl auf 58.
Der US-Militärkonvoi war in der Nacht im Januar zufällig wegen einer Verspätung umgeleitet worden. Doch nicht immer verläuft es so glimpflich: Erst wenige Monate zuvor, im Herbst 2025, hatten zwei Ukrainer im Auftrag Russlands Sprengstoffanschläge auf eine strategisch wichtige Bahnlinie zwischen Warschau und Lublin begangen, so polnische Behörden.
Davor hatte der Generalbundesanwalt drei Männer festnehmen lassen. Sie sollen Brand- und Sprengstoffanschläge auf den Gütertransport in Deutschland geplant haben. Solche Sabotageaktionen sind Teil des russischen hybriden Kriegs.
Immer wieder wird eine ausländische Macht vermutet
Die neuen Zahlen stammen aus dem „kriminalpolizeilichen Meldedienst für politisch motivierte Kriminalität“ (KPMD-PMK). Dort melden Polizeibehörden Straftaten mit einem vermuteten politischen Hintergrund. Das Bundeskriminalamt hat die Zahlen für verschiedene Verkehrseinrichtungen, -mittel und -betriebe nach Sabotage-Delikten gefiltert und in einem weiteren Schritt auf mutmaßliche Anschläge, also gezielte Sabotage reduziert.
Die Delikte reichen von Brandstiftung über Computersabotage bis hin zur „Agententätigkeit zu Sabotagezwecken“. Als Angriffsziel führt die Statistik im vergangenen Jahr Kabelschächte, Verkehrszeichen, Sicherheitsbereiche und das IT-System, meist aber nur allgemein „Verkehrsinfrastruktur“.
Sabotage-Fälle im Jahr 2025
- Im Januar hat einen Brand in einem Kabelschacht in Wuhlheide zu Einschränkungen im Berliner Regionalverkehr geführt. Die Polizei bewertete ein Bekennerschreiber der linksextremen Szene als echt.
- Ende Juli haben zwei Kabelbrände auf der Bahn-Strecke zwischen Duisburg und Düsseldorf für Sperrungen und Ausfälle gesorgt. Die Polizei ging davon aus, dass beide Brände vorsätzlich gelegt wurden.
- Im August haben mutmaßliche Saboteure nahe dem Coburger Bahnhof Kabel für die Steuerung von Weichen und Signalen durchtrennt.
- Im September haben Unbekannte entlang einer Bahn-Strecke bei Leverkusen mehrere Kabel durchtrennt und ein Stellwerk lahmgelegt.
Nicht alle Beispiele lassen sich Delikten in der Auswertung des BKA klar zuordnen, da die statistischen Daten zwar Datum und Delikt enthalten, aber nicht den Ort der registrierten Straftaten. Unklar ist zudem, ob die Taten vom BKA als „gezielt“ gewertet werden.
Auffällig ist, dass im vergangenen Jahr zwölf Straftaten nach dem Paragraphen der „Agententätigkeit zu Sabotagezwecken“ registriert wurden – in den zwei Vorjahren gab es solche Fälle in der Statistik noch nicht. Der Strafgesetz-Paragraph setzt den Auftrag einer ausländischen Macht voraus.
Damit dürfte sich in der Statistik ein Phänomen wiederfinden, das in den vergangenen Jahren immer häufiger auftrat: Low-Level-Agents. So werden in Sicherheitskreisen Menschen bezeichnet, die – wissentlich oder unwissentlich – durch russische Agentenführer meist gegen Geld angeheuert werden, um Spionage- oder Sabotageakte durchzuführen.
Unter den Fällen in der BKA-Auswertung dürften sich daher auch die Festnahmen der zwei Männer im Mai 2025 finden, denen der Generalbundesanwalts vorwirft, Brand- und Sprengstoffanschläge auf den Gütertransport in Deutschland geplant zu haben. Auch sie werden als Low-Level-Agents bezeichnet, aktuell stehen sie vor Gericht.
Auch die Durchsuchung eines Frachtschiffes in der Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals in Kiel im September 2025 ist auf den Paragraphen zurückzuführen. Es bestand der Verdacht, dass eine Drohne von dem Schiff gestartet und über ein Marineschiff gesteuert worden ist, um es auszuspähen.
Nur in manchen Fällen ist eine Zuordnung möglich
Eine klare Zuordnung zu bestimmten Akteuren oder Ländern bietet die Statistik nicht. Neben den Phänomenbereichen „Links“, „Rechts“ und „Religiöse Ideologie“ finden sich die Kategorien „Sonstige Zuordnung“ oder „Ausländische Ideologie“.
Dass dabei häufig Russland in Verdacht steht, lässt sich bei den registrierten Straftaten nur ableiten. So werden unter dem Phänomenbereich „Ausländische Ideologie“ und mit Ukraine-Bezug mehrere Fälle von Computer-Sabotage aufgeführt, etwa im Juli 2025.
Damals wurde die S-Bahn in Hannover zwei Mal mit einer sogenannten DDoS-Attacke attackiert. Dabei werden Internetdienste mit Zugriffen bombardiert und so lahmgelegt. Nach Erkenntnissen von CORRECTIV steckt hinter diesem konkreten Fall die pro-russische Gruppierung NoName057(16).
Die Kategorie „Sonstige Zuordnung“ kam im Jahr 2025 mit 37 Fällen auf häufigsten vor, vor „Links“ (18) oder „Rechts“ (10) vermuteten Straftaten, „Ausländischer“ (12) oder „Regliöser Ideologie“ (16).
Ermittler immer vorsichtiger bei der Zuordnung
In dem Fall des entgleisten Güterzugs, der von der Staatsanwaltschaft Essen als „gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr“ geführt wird, hat vor wenigen Wochen der leitende Staatsanwalt dem Justizministerium Bericht erstattet. Das geht aus einer Antwort der Landesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervor, die CORRECTIV vorab vorliegt.
Festlegen auf einen möglichen Hintergrund will sie sich aber nicht. In ihrer Antwort führt die Landesregierung ganz allgemein aus, dass bei Sabotagehandlungen „ein staatlich-ausländischer Hintergrund“ ebenso wie beispielsweise eine linksextremistische Motivation geprüft werde. Christina Kampmann, im Landtag innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, sagte CORRECTIV, sie vermisse ein „Gesamtkonzept, um dieser zunehmenden Gefahr einer hybriden Bedrohungslage gezielt zu begegnen“.
Die Zahlen aus dem Vorjahren scheinen den Trend zu unterstreichen: Während der Anteil der gezielten Sabotage-Akte, die Ermittler dem linken Spektrum zuordnen, seit 2023 absolut und im Verhältnis zur Gesamtzahl abgenommen hat, entfielen im vergangenen Jahr die meisten Straftaten auf die unbestimmte Kategorie „Sonstige Zuordnung“.
Redigatur und Faktencheck: Till Eckert