In eigener Sache

Nach CORRECTIV-Recherche fordert eine Gemeinde mehr Aufklärung über Missbrauch in der katholischen Kirche

In Garching an der Alz zeigt sich, was Journalismus bewegen kann. Nach einer Recherche von CORRECTIV und Frontal21 haben Gemeindemitglieder eine Initiative zur Aufklärung von Missbrauch in ihrer Gemeinde gegründet.

von Justus von Daniels

mittermeier
Klaus Mittermeier ist einer der Initiatoren der Gruppe „Sauerteig“, die Aufklärung über Fälle sexuellen Mißbrauchs in der katholischen Gemeinde Garching und Engelsberg fordert.

Nun will er doch kommen. Nach Berichten mehrerer Regionalmedien wird der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, sobald es Corona zulässt, in den bayerischen Gemeindeverband Garching an der Alz und Engelsberg reisen. In der Gemeinde war ein wegen Kindesmissbrauch verurteilter Priester seit 1987 über 20 Jahre tätig. Die Gemeinde wurde nie über die Gefährlichkeit des Priesters H. informiert, obwohl er in den Jahren zuvor des Missbrauchs von Kindern überführt worden war. In Garching soll es ebenfalls zu schweren Missbräuchen gekommen sein.

Dass sich der Erzbischof Marx nach so langer Zeit in die bayerische Gemeinde aufmachen will, ist der Beharrlichkeit von Gemeindemitgliedern zu verdanken, die nach einer Recherche von CORRECTIV und Frontal 21 zum Priester H. aktiv wurden und eine Initiative gründeten.

„Nach dem Bekanntwerden des Missbrauches durch H. vor gut 10 Jahren hat es kaum Gespräche in der Pfarrrei gegeben, erst ein recherchierender Journalist von CORRECTIV hat vor einem Jahr das Schweigen aufgebrochen“, sagte Rosi Mittermeier, eine der Initiatorinnen der 10köpfigen Gemeindegruppe, gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Als der CORRECTIV-Reporter im November 2019 zum ersten Mal in das bayerische Garching an der Alz reiste, um über den Pfarrer H. zu recherchieren, hörte er als erstes, dass die Vorwürfe gegen H. doch eine alte Geschichte sei und man nicht alte Wunden aufreißen wolle.

In den Pfarrnachrichten von damals fanden sich die Namen der Messdiener und Messdienerinnen aus der Zeit, in der H. die Gemeinde in Garching und Engelsberg leitete. Darüber kam auch Kontakt zur Familie Mittermeier zustande; Klaus Mittermeier leitete damals den Pfarrgemeinderat, die drei Töchter waren Messdienerinnen, dessen Ehefrau Rosi Mittermeier ist ebenfalls in der Gemeinde engagiert. Beide sollten später die Gruppe „Sauerteig“ gründen, die sich um Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch bemüht.

Kirche vertuschte den Mißbrauch des Priesters

Die Recherche, für die sich auch Opfer aus Bottrop öffneten, die von H. vor der Zeit in Garching mißbraucht worden waren, brachte Neues über H. ans Tageslicht. In der Gemeinde ließ sich damals der Weihbischof Heinrich von Soden-Fraunhofen mit dem Wissen um die Gefährlichkeit von H. nieder. Der Bischof unternahm nichts, obwohl es in der Zeit zu weiteren Übergriffen von H. an Kindern kam.

Von Soden war ein Studienfreund des emeritierten Papstes Benedikt XVI., der als Kardinal Ratzinger seinen Freund von Soden in Garching besucht haben soll und in diesem Zusammenhang auch auf den Priester H. getroffen sei. Das sagte H. gegenüber Gemeindemitgliedern, aber auch gegenüber der Kirche. Das Gesprächsprotokoll dazu lag viele Jahre dem Vatikan vor. Erst nach der Veröffentlichung der Recherche ließ der emeritierte Papst die Behauptung von H. über das Treffen dementieren.

Bereits während der Recherche schrieb der derzeitige Pfarrer in Garching, Hans Speckbacher, einen Brief an den Erzbischof Marx mit der Bitte um ein Treffen. Im März 2020 fuhren Gemeindemitglieder, darunter auch das Ehepaar Mittermeier, nach München.

Gemeindemitglieder fordern Aufklärung

„Auf dieser Reise formierte sich die Idee, die Initiative Sauerteig zu gründen“, sagt Rosi Mittermeier, die sich seither aktiv um Aufklärung und Prävention in der bayerischen Gemeinde kümmert.

Nach der Recherche und dem daraus entstandenen Engagement der Menschen in Garching veranlasste die Kirche, den mittlerweile pensionierten H. aus München in dessen Heimatbistum Essen zurückzuholen, und sich unter der Aufsicht des dortigen Bischof Franz-Josef Overbeck zu stellen.

Die Mitglieder der Gruppe „Sauerteig“ lernten, in die Öffentlichkeit zu gehen, zeigten Gesicht und bemühen sich seither um Aufklärung.

Es braucht Kraft, um offen aufzutreten

Das war im ländlichen Bayern anfangs nicht ganz einfach. „H. ist bis heute bei vielen Menschen beliebt, wir verbringen unsere Leben in dieser Gemeinde“, sagt Klaus Mittermeier. Die Sorge sei groß gewesen, als Nestbeschmutzer zu gelten.

Das war auch der Grund, warum Mittermeier erst anonym für die Recherche vor der Kamera über den Priester H. sprechen wollte.

Aber im Zuge der Recherche kamen er und seine Frau zu der Überzeugung, dass es besser wäre, mit offenem Gesicht aufzutreten. „Das war sicher der erste Schritt, dass wir nun aktiv in der Initiative tätig sind“, sagt Klaus Mittermeier. „Während der gründlichen Recherche des CORRECTIV-Reporters haben wir den Mut gefasst, vor die Kamera zu gehen“, sagt Klaus Mittermeier.

Von dem Besuch des Erzbischofs von München erhofft sich die Initiative ein Schuldeingeständnis der Kirche. „Marx sollte um Vergebung bitten“, sagt die Lehrerin Mittermeier. Der Initiative geht es aber nicht nur um das Vergangene, sondern auch darum, dass sich ein Missbrauch nicht mehr wiederholen soll. „Daher bemühen wir uns um Prävention“, sagt Mittermeier.

Im Juni plant die Initiative in Garching an der Alz Aktionstage zur Prävention. „Das wäre doch eine idealer Anlass für den Kardinal, zu kommen“, sagt Rosi Mittermeier.

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