CORRECTIV.Ruhr

Ein fahrbares Labor gegen den Nitrat-Überschuss

Der Kreis Viersen hat seit Jahrzehnten ein Problem mit zu hohen Nitratwerten im Grundwasser. CORRECTIV.RUHR war zu Gast auf einem Modellbetrieb. Dort werden Techniken getestet, die den Nitratgehalt im Grundwasser reduzieren sollen.

von Christina Rentmeister

© Christina Rentmeister

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie Nitrat in NRW

Wenn Alexander Platen seine Rüben- und Getreidefelder düngt, dann ist er mit einem ganzen Labor unterwegs. Sein Profi-Tanker analysiert schon beim Betanken, wie seine Gülle zusammengesetzt ist. Wie viel Phosphat, wie viel Nitrat, welche anderen Nährstoffe enthält der natürliche Dünger? Ein Sensor zerlegt die Gülle in ihre Einzelstoffe und misst diese vier Mal pro Sekunde.  

Platens Landwirtschaftsbetrieb setzt damit eine neue Technik ein, die helfen soll, Nitratwerte im Grundwasser zu reduzieren. Der Hof ist einer von 32 Modellbetrieben in Nordrhein-Westfalen, die mit Unterstützung des Landesumweltministeriums und Spezialberatern der Landwirtschaftskammer die Grundwasserqualität verbessern wollen. Alle Modellbetriebe liegen in Gebieten, in denen der Nitratgehalt im Grundwasserkörper im roten Bereich liegt – den gesetzlichen Grenzwert also deutlich überschreitet. Auch in Borken und Petershagen kooperieren Landwirte beispielsweise mit Trinkwasserversorgern.

Die Daten, die der Tank-Sensor misst, gibt er an einen Computer direkt am Fahrzeug weiter. Platen muss dann nur noch einstellen, wie viel Nitrat er pro Hektar auf sein Feld aufbringen will. Den Rest regelt das Fass von alleine. „Wenn ich langsamer fahre, reduziert der Tanker die Güllemenge, die er direkt auf dem Boden verteilt. Fahre ich schneller, erhöht er die Menge“, sagt Platen.

Auf diese Weise weiß der Landwirt, dass die für das Pflanzenwachstum benötigte Nährstoffmenge auf jeden Teil des Feldes gleichmäßig ausgebracht wird. Vorausgesetzt andere Faktoren wie das Wetter spielen später mit.

Fass ist nicht gleich Fass

Durch die genaue Analyse des Dungs soll verhindert werden, dass mehr Nährstoffe, vor allem Nitrat, in den Boden eingebracht werden als die Pflanzen binden und verwerten können. Denn ein Problem bei den üblichen Düngeverfahren ist laut Platen, dass der Nährstoffgehalt in der Gülle von Fass zu Fass sehr unterschiedlich sein kann.

Das ist ein Faktor, warum am Ende Nitrat ins Grundwasser ausgewaschen wird – aber nicht der einzige. Wetter, Bodenbeschaffenheit oder Bewirtschaftungsart des Ackers nehmen ebenfalls Einfluss auf den Nitratverbrauch der Pflanzen. Deshalb werden auf dem Hof von Platen Anbaumethoden und Techniken getestet, um sie anschließend wissenschaftlich zu bewerten.

Platen hat den Schweinebetrieb von seinen Eltern übernommen. Seit 2014 arbeitet er mit Anna Janßen zusammen, einer Spezialberaterin der Landwirtschaftskammer NRW. Die Berater versuchen mit Landwirten Möglichkeiten zu finden, die Nitratauswaschung ins Grundwasser zu verringern. Ziel ist es, den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter nicht mehr zu überschreiten. Platen hofft, dass das durch die neuen Verfahren gelingt.

„Man darf, wie es die Politik oft tut, Gülle nicht verteufeln. Grundsätzlich ist sie der beste Dünger für die Pflanzen und fruchtbare Erde ist für den Ackerbau notwendig. Wir dürfen den Pflanzen aber nur nach ihrem Bedarf die Gülle zuführen“, sagt Platen. Würden sich alle Landwirte an die gute fachliche Praxis halten, wäre Gülle für das Grundwasser kein Problem, ist sich der Landwirt sicher. Aber die schwarzen Schafe, die bewusst ihre Felder überdüngen, zerstören seiner Meinung nach den Ruf des natürlichen Düngers.

„Viehhaltung muss sauber sein“

Zuletzt hatte die Piraten-Fraktion im Landtag NRW in einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung den Ortsteil Dülken explizit erwähnt – dort sollen Bauern auch während der Sperrfrist in den Wintermonaten Gülle auf Felder ausgebracht haben.

„Die Viehhaltung muss sauber sein. Wenn auf meinem Betrieb mehr Gülle anfällt, als ich auf betriebseigenen Flächen ausbringen darf, dann brauche ich eben einen Partner, der mir diese abnimmt. Wenn ich als Betrieb wachsen will, muss ich das beachten“, sagt der Landwirt. Er selbst habe feste Partnerbetriebe, die ihm den überschüssigen Dung seiner Schweine abnehmen. Das erwarte er auch von allen anderen Landwirten.

Denn Abnehmer zu finden, sollte kein Problem sein: Im südlichen Teil NRWs werde vor allem Gemüse- und Getreidelandwirtschaft betrieben und die Landwirte dort seien auf zusätzliche Gülle angewiesen, sagt Paul-Christian Küskens von der Kreisbauernschaft. So müssten sie keinen teuren Mineraldünger kaufen. Allerdings würden einige lieber Gülle aus den Niederlanden abnehmen, da die Landwirte dort den Abnehmer bezahlen.

Die dort startenden Transporte werden von den niederländischen Behörden per GPS-Signal überwacht, die Ergebnisse nach Deutschland übermittelt. So kann nachvollzogen werden, wo und wie viel Gülle abgegeben wird und ob diese Angaben mit denen der Landwirte übereinstimmen. Denn in NRW muss jeder Landwirt melden, wie viel Gülle auf seinem Hof anfällt, seinen Hof verlässt und wie viel er dazu kauft.

Was braucht die Pflanze?

Trotz der vorhandenen Düngetechnik sei es oft noch schwierig, den Nährstoffbedarf der Pflanzen einzuschätzen, sagt Küskens. 2016 sei die Ernte im Rheinland schlecht gewesen. Durch die sehr nassen Phasen im Juni seien die Pflanzen schlecht gewachsen und hätten daher viel weniger Stickstoffe wie Nitrat aus dem Boden aufgenommen als üblich. Dadurch sei viel Nitrat im Boden zurückgeblieben, das dann nach und nach ins Grundwasser sickert.

Erschwerend komme hinzu, dass sich bisher schlecht messen lasse, wann und wie viel Nitrat ausgeschwemmt wird. Bis die Nährstoffe im Grundwasser angekommen sind, dauert es laut Trinkwasserversorger NEW bis zu 20 Jahre. „Wir Landwirte waren in den vergangenen 20 Jahren aktiv und haben nicht geschlafen. Aber es dauert einfach viele Jahre bis erkennbar ist, ob die Maßnahmen schon etwas gebracht haben“, sagt Küskens.

Eine weitere Technik, die deswegen seit Oktober 2016 auf dem Betrieb von Alexander Platen und zwölf weiteren in NRW getestet wird, soll deshalb Aufschluss darüber geben, wann und wie viel Nitrat mit dem Wasser ausgespült wird. Dazu werden pro Anlage sechs Saugplatten unter dem Ackerland angebracht. Sie liegen 60 bis 150 Zentimeter tief im Boden und sammeln dort Sickerwasser.

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Saugplattenanlage und Wetterstation auf dem Acker.

Christina Rentmeister

Die Proben werden wöchentlich entnommen und auf Nitratgehalt untersucht. Gleichzeitig zeichnet eine Wetterstation direkt neben der Saugplatten-Anlage die Bodenfeuchte und die Wetterdaten auf. So könne tagesgenau festgestellt werden, welches Wasser mit welchem Nitratgehalt unten im Boden ankommt, sagt die Spezialberaterin der Landwirtschaftskammer, Anna Janßen.

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Derzeit gibt es von Platens Ackerland noch keine Ergebnisse – denn bisher ist kein Wasser bis zu den Platten gesickert. „Im besten Fall enthält das Wasser aus unserem Land gar kein Nitrat“, sagt Platen. Er ist zuversichtlich, dass er dieses Ziel mit seiner Düngetechnik und der Bewirtschaftung mit Zwischenfrüchten erreicht und hofft, dass sich die Verfahren auch auf anderen Höfen durchsetzen.

Bei Vorführungen auf den Modellhöfen können sich andere Landwirte davon überzeugen, dass die Tankfahrzeuge in der Praxis funktionieren, die Arbeit erleichtern und sich die Investition damit lohnt. Das Güllefass mit Labor, das bei Platen eingesetzt wird, hat 60.000 Euro gekostet.