Verkehr, Corona-Krise

Wie gewonnen, so zerronnen

Der Lockdown hatte nicht nur Schattenseiten. Er hat uns auch Möglichkeiten gezeigt. Besonders, was unsere Mobilität, unsere täglichen Wege und Wartezeiten betrifft. Wir haben Initiativen und Bürger:innen nach ihren Hoffnungen nach dem Lockdown gefragt und uns genauer angeschaut, was in den vergangenen Monaten auf den Straßen des Ruhrgebiets los war. Ein Essay zur Verkehrswende im Revier.

von Katarina Huth

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Eine Wende hin zu einer nachhaltigen Mobilität ist essentiell für einen erfolgreichen Klimaschutz. (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

Die besten Zeiten des Ruhrgebietes liegen ziemlich genau fünf Wochen zurück. Die Menschen blieben zu Hause, stiegen aufs Rad um oder gingen zu Fuß. In einem der meistbefahrenen Gebiete Deutschlands konnte man plötzlich auf mehrspurigen Straßen die Vögel zwitschern hören. Dieses Fazit aus dem Lockdown würden wohl Verkehrsexpert:innen für das Ruhrgebiet ziehen. „Beim Pkw-Verkehr gab es in den ersten Wochen der Corona-Pandemie Einbrüche, wie es sie in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen höchstens während der Ölkrise Anfang der 1970er Jahren gab“, sagt Roman Suthold vom ADAC Nordrhein e.V. Im März hatte es 90 Prozent weniger Stau im Vergleich zum Vorjahr gegeben. 

Doch nicht nur die 1,4 Millionen Menschen, die täglich zwischen den Städten der Pendlerhochburg hin und her fahren – viele davon mit dem Auto – veränderten ihre Gewohnheiten. Auch das Gedränge in den Städten wurde weniger. „In Bochum befand sich der Kfz-Verkehr durch das Virus auf einem historischen Tiefstand“, sagt Axel Hamann von der Radwende Bochum. „Der Radverkehr verzeichnet hingegen täglich neue Rekorde.“ Was dem einen Freud, trieb den anderen jedoch an den Rand des Ruins – oder darüber hinaus. Das Bermudadreieck, eine der Partymeilen im Revier, wirkte teilweise wie ausgestorben. Auch die Shoppinggewohnheiten der Menschen verlagerten sich in der Krise: Mehr online, weniger offline wurde zum Standard und die Innenstadt immer mehr gemieden. Der Umsatz von Kleidungs- und Schuhgeschäften brach im April um zwei Drittel ein, teilte das Statistische Landesamt diese Woche mit. Der Einzelhandel mit Spielwaren und Elektronik machte ein Viertel weniger Umsatz als noch im Vorjahr.  

Ein falsches Signal

Um die Bochumer City neu zu beleben, entschied die Stadt, ab einem Einkauf von zehn Euro Parkplätze kostenfrei zu machen. „Der Erhalt der Funktionsfähigkeit und die Weiterentwicklung der Innenstadt muss in Bochum in der gesamten Bevölkerung ein hohes Gewicht haben“, sagt ein Sprecher der Stadt.Viele Umweltinitiativen werten diese Entscheidung als falsches Signal. „Sehr geehrter Herr Eiskirch“, beginnt ein offener Brief des Klimabündnisses Bochum an den Oberbürgermeister der Stadt, der am 6. Juni zum Jahrestag des Klimanotstandes in Bochum veröffentlicht wurde. „Ihre Strategie (…), die in dem unglaublichen Slogan ,Dein Parkschein geht auf’s wir‘ gipfelt, können wir nur als aberwitzig, einfallslos und kontraproduktiv ablehnen. Sie schadet damit nicht nur der Glaubwürdigkeit der Kommunalpolitik, indem sie das beschlossene Bochumer Leitbild Mobilität ad absurdum führt, sondern auch dem von Ihnen nicht zu Unrecht aufgerufenen ,Wir-Gefühl’, das sich so aber leider nicht fortentwickeln lässt.“

„Und wenn immer mehr Menschen zu Fuß gehen, Radfahren oder den ÖPNV nutzen, wird unsere Stadt sicherer, leiser und grüner. Mit anderen: Unsere Stadt wird lebenswerter. (…) Dafür wollen wir einiges tun!“ – heißt es in dem Imagefilm „Mobil in Bochum“.

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Den richtigen Weg nach dem Lockdown zu finden, ist schwierig: Den Mobilitäts- und Verkehrssektor nennt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) das „absolute Sorgenkind beim Klimaschutz“. Ein Fünftel der Treibhausgas-Emissionen Deutschlands geht auf sein Konto. Und die Emissionen bleiben seit Jahren nahezu konstant. Auch wenn durch den Shutdown während der Corona-Pandemie die Abgase kurzfristig zurückgingen, hat dies keinen nachhaltigen Effekt auf die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre – nur langfristige Lösungen nützen. Besonderes Augenmerk ist dabei auf die Städte zu legen: Für fast ein Viertel der verkehrsbedingten CO2-Emissionen sind sie verantwortlich – neben dem ganzen Stress, Stau und Lärm in den Ballungsgebieten. 

An Altbewährtes klammern

Um hier aus alten Bewegungsmustern ausbrechen und neue Wege gehen zu können, hat die Krise mögliche Chancen eröffnet: Jede:r dritte Deutsche sagte in einer repräsentativen McKinsey-Umfrage, nach der Krise mehr Rad fahren zu wollen. Fast genauso viele wollten mehr zu Fuß gehen. Gleichzeitig gewann aber auch das Auto an Zuspruch, weil sich die Menschen im eigenen Wagen sicherer vor einer Infektion fühlten als in Bus und Bahn. Deswegen auch die Frei-Park-Aktion in Bochum, wie ein Sprecher der Stadt erklärt: „In der ersten Phase der Lockerungen wird die Reduzierung von Parkgebühren für PKW angeboten, da der Individualverkehr im Vergleich zum ÖPNV derzeit den erhöhten Hygieneanforderungen besser gerecht wird. Der Gesundheit der Bevölkerung wurde und wird Priorität eingeräumt.“

Doch nicht nur die Städte scheinen nach der Krise auf Altbewährtes zu setzen: Dass auf Bundesebene über eine Abwrackprämie diskutiert wurde, zeigt, wie langsam die Dynamik zu einem klimafreundlichen Umbau in der Mobilitätsdebatte ist. Letztlich hat sich der Koalitionsausschuss der Bundesregierung doch noch dagegen entschieden, Kaufanreize für klimaschädliche Verbrenner zu schaffen. Trotzdem bleibt die Frage, wieso diese Förderung überhaupt noch verhandelt wurde. Immerhin: Im Konjunkturpaket werden E-Autos bis Ende 2021 höher prämiert und ihr Ladenetz weiter ausgebaut, obwohl auch  die Produktion von Batterien für Elektrofahrzeuge klimaschädlich ist – ihr vermehrter Einsatz allein kann nicht die Lösung sein.

Wir brauchen also neue Anreize und Angebote. Vorbilder dafür gibt es viele: Temporäre Pop-Up-Radwege in Berlin, eine verkehrsberuhigte Innenstadt in Brüssel oder 160 Kilometer für den Autoverkehr gesperrte Straßen als Radwege in New York. Wien funktioniert Wohnstraßen zu Begegnungszonen um und spricht über eine autofreie Innenstadt. Mexiko City und Budapest haben autofreie Straßen zugunsten des Fußverkehrs eingerichtet. 

Wir haben lokale Mobilitätsinitiativen aus dem Ruhrgebiet gefragt, wie sie die Aus- und Nachwirkungen der verkehrsberuhigten Zeit auf den Verkehr einschätzen – und was ihrer Ansicht nach der wichtigste Schritt hin zu einer nachhaltigen Mobilität ist. 

„Fehlende Radwege und ungerechte Verteilung öffentlicher Flächen bleiben weiterhin die Hauptblockaden der Mobilitätswende“, sagt Axel Hamann von Radwende Bochum. Um das Fahrrad in Bochum attraktiver zu machen, erklärt die Stadt, werden in der City kostenlose Fahrradwäschen angeboten. Außerdem seien zehn neue Lastenfahrräder angeschafft worden, und die Nutzung der Räder von Metropolrad Ruhr sollen für die ersten 30 Minuten kostenlos sein. „Hiermit soll ein Anreiz für die Nutzung des Fahrrads zum Einkauf in der Innenstadt geschaffen werden.“ Des Weiteren wolle die Stadt von Oktober bis Dezember an insgesamt vier Samstagen die kostenfreie Nutzung des ÖPNV in Bochum möglich machen. Als „Feigenblatt“ bezeichnet Jürgen Eichel vom VCD Nordrhein-Westfalen diese Maßnahmen. „Den Rückgängen beim ÖPNV muss man durch attraktive auch tarifliche Angebote entgegenwirken und vor allem alles unterlassen, was den ÖPNV schwächt.“ Das genau habe die Stadt Bochum jedoch mit ihrer kostenlosen Park-Aktion getan.

Das Sorgenkind des Verkehrs

Wenn der Verkehr das Sorgenkind der Klimadebatte ist, ist der ÖPNV das Sorgenkind des Verkehrs. „Der Nahverkehr im Ruhrgebiet ist eine Katastrophe. Als im November letzten Jahres mein Auto kaputt ging und ich kein Geld für ein neues hatte, musste ich vier Monate mit Bus und Bahn von Heiligenhaus nach Essen pendeln“, schreibt uns Simone in unserer aktuellen Bürgerrecherche zur Verkehrswende im Ruhrgebiet. Auf der Seite www.wostehstdu.org sammeln wir in einem sogenannten Crowdnewsroom mit Menschen aus der Region Daten zu Stillständen. Wenn es im Stau, am Bahnsteig oder auf dem Fahrradweg nicht weitergeht, können sie uns auf der Seite direkt per Handy den Ort, den Grund, das Verkehrsmittel mitteilen und noch ein aussagekräftiges Foto oder ein Statement schicken. So wollen wir gemeinsam mit den Bürger:innen die Verkehrssituation im Ruhrgebiet analysieren und langfristig besser machen. 

Wo stehst Du?

Beantworte mit uns die Mobilitätsfrage für die Region – egal ob im Auto, in der Bahn, auf dem Fahrrad oder zu Fuß, werde Stillstands-Melder! Sag uns, wo Du stehst und warum und hilf uns das Ruhrgebiet mobiler zu machen!
Hier mitmachen!

Statt anderthalb Stunden mit dem Auto sei sie jeden Werktag fast vier Stunden unterwegs gewesen, schreibt Simone, nur um zur Arbeit in 28 Kilometer Entfernung zu kommen und wieder zurück. Almut aus Bochum hat eine genau Vorstellung, was die Region braucht, um mobiler zu werden. Auch sie hat uns über die Seite Wo stehst Du? geschrieben: „Bochum liegt bundesweit an der Spitze beim Autobesitz – und so sieht unsere Stadt leider auch aus… Meine Lösung: ÖPNV ausbauen, Ticketpreise runter und für Kinder ganz frei, sichere Radwege zu Lasten der Autos markieren, Parkplätze reduzieren und verteuern, Grünanlagen und Bäume in der Stadt fördern und somit die Lebensqualität erhöhen!“ 

In unserem Crowdnewsroom „Wo Stehst Du?“ können Bürgerinnen und Bürger einreichen, wo und warum es unterwegs zu Stillständen kommt – egal ob mit dem Auto, dem Rad, in den „Öffis“ oder auch zu Fuß. 

 

Laut Mobility Monitor sind die Menschen mittlerweile wieder genau so oft unterwegs wie vor der Krise. Doch Bus und Bahn meiden sie eher. Während des Lockdowns brach die Nutzung des ÖPNVs um 90 Prozent ein, auch nach den Lockerungen waren nur etwa 20 bis 40 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste mit Bus und Bahn unterwegs – bei einem nahezu normalen Fahrplan. Das leert die Kassen des eh schon defizitären Nahverkehrs. Die Bundesregierung beteiligt sich mit 2,5 Milliarden Euro am ÖPNV-Rettungsschirm, was nach VCV-Berechnungen etwa die Hälfte der durch die Pandemie entstehenden Kosten bis Ende des Jahres betrage. Der Rest sei nun Sache der Länder. „Der Nahverkehr müsste deutlich günstiger und verlässlicher werden, damit er eine gute Alternative zum Auto bietet“, schreibt uns Milica aus Essen über unseren Crowdnewsroom. Die Idee ist nicht neu. Fest steht aber: Die Kosten für den ÖPNV sind immens.

Die Prioritäten entscheiden

Ein wenig über den Rand des Ruhrgebiets hinweg könnte sich ein Mobilitätsvorbild finden: Zwischen Leverkusen und Düsseldorf liegt Monheim am Rhein. Als eine der ersten Kommunen Deutschlands bietet die Stadt für Anwohner:innen seit dem 1. April 2020 kostenlosen ÖPNV an – für mindestens drei Jahre. Dieser Schritt war allerdings keine Reaktion auf Corona, sondern bereits länger geplant. Und ob Monheim wirklich mit dem Ruhrgebiet verleichbar ist, ist fraglich. „Man muss ehrlicherweise sagen, dass das teuer ist“, sagt der Monheimer Bürgermeister Daniel Zimmermann. „Viele Städte können sich das vielleicht nicht leisten.“ Es hänge aber auch davon ab, welche Prioritäten man als Stadt setze. 

Monheim gilt als Steueroase in NRW, nirgendwo sonst im Bundesland zahlen Unternehmen weniger Gewerbesteuern. Die Wirtschaft in der 43.000 Einwohner:innen großen Stadt floriert und sorgt für eine volle Stadtkasse mit jährlichen Millionenüberschüssen. Als Beispiel für die Ruhrgebietskommunen taugt Monheim daher nur bedingt. Und ob die Menschen das Auto in Monheim nun öfter stehen lassen und häufiger auf die „Öffis” umsteigen, muss sich noch zeigen. 

Warum eigentlich nicht?

Auf eine weitere Möglichkeit, unsere Straßen von Stress und Stau zu befreien, hat uns Katharina bei unserer Bürgerrecherche hingewiesen. Sie schrieb uns im November vergangenen Jahres – lange vor Corona: „Die politische Lösung: das Recht auf Home-Office! Doch meine Firma weigert sich Home-Office zu erlauben, obwohl es die Arbeit von mir und vielen Kollegen erlauben würde.“

Die Krise in den vergangenen Monaten hat gezeigt, dass Katharinas Lösung durchaus möglich ist: Mit der Pandemie zogen etwa ein Drittel der Berufstätigen ins Homeoffice. Damit entspannte sich auch die Verkehrslage im Ruhrgebiet. „Die aktuelle Situation zeigt, wie groß das Potential für eine Reduzierung des Pendlerverkehrs und damit der Staus ist, wenn Arbeitgeber – wo es möglich ist – stärker auf flexiblere Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten und Home-Office setzen“, sagt auch Roman Sutholt vom ADAC. Einfach mal zu Hause bleiben – ein willkommenes Konzept. Laut einer Umfrage würden es sieben von zehn Deutschen auch nach Corona begrüßen, öfter mal von dort zu arbeiten. 

Katharina schrieb uns weiter: „Wenn es ,normal’ wäre, jede Woche ein bis zwei Tage im Home-Office zu arbeiten, würden die Straßen und die Umwelt um einiges entlastet werden! Ich frage mich: Warum ist das kein Thema in Deutschland?“

Ja, warum eigentlich nicht?

Mach mit! Bei „Wo stehst Du?“

Ob Arbeit, Urlaub oder einfach nur der Einkauf – Mobilität bestimmt unseren Alltag. Umso mehr frustrieren Staus, Bahnausfälle und baufällige Radwege. Deswegen wollen wir erfahren, was gut läuft in der Region und wo es Barrieren gibt. Und das nicht nur für Autos oder den ÖPNV, sondern auch für den Fuß- und Radverkehr. Denn die Frage nach der Mobilität lässt sich nur Verkehrsmittel-übergreifend beantworten. Daher fragen wir mit unserer Bürgerrecherche: „Wo stehst du?“ Das meinen wir nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz wörtlich: Meldet uns direkt vom Bahnsteig oder von der Straßenecke den Stillstand in der Region. Ganz egal, ob zu Fuß, mit dem Rad, dem ÖPNV oder dem Auto – wir wollen wissen, wo geht es nicht weiter und wieso? Gemeinsam können wir die Region mobiler machen! Mehr Informationen hier.