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Die Kontrolle der Apotheke in NRW soll nach dem Skandal in Bottrop verschärft werden.

Die Kontrolle der Apotheke in NRW soll nach dem Skandal in Bottrop verschärft werden.© Michel Weigel /CORRECTIV.ORG

Alte Apotheke

Apotheken-Kontrollen: Ein Erlass ohne Wirkung

Gesundheitsminister Laumann wollte die Apotheken-Kontrolle in NRW verbessern. Dafür hat er einen Erlass aufgesetzt. Auslöser war der Fall der “Alten Apotheke” in Bottrop und die in Kritik geratene Kontrollkette von Krebsmedikamenten. Die zuständigen Behörden in NRW sagen aber: Der Minister hat noch gar nichts verändert. Welchen Sinn und Zweck hat also der Erlass?

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von Anna Mayr

Es ist niemandem aufgefallen, dass der Apotheker Peter S. über Jahre hinweg Krebsmedikamente gepanscht hat. Jetzt fordern viele Betroffene und ihre Angehörigen, dass man die Kontrollen der Apotheken verbessern muss. Darauf wollte der neue Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) reagieren. Also hat er einen Erlass geschrieben und an die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen geschickt. Die Nachricht: Alles wird jetzt besser kontrolliert, alle Gesundheitsämter müssen ihre Kontrollen neu ausrichten. Aber tatsächlich verändert der Erlass nichts. Außer, dass in den Behörden alle verwirrt sind. Jeder scheint Laumanns Erlass anders zu interpretieren.

Kaum Kontrollen ohne Ankündigung

Simone Schmidt ist Amtsapothekerin der Stadt Köln. Als Amtsapothekerin ist sie dafür zuständig, Apotheken zu kontrollieren. Sie sagt aber, dass der Erlass von Laumann nur bekräftigt, was bereits besteht – nämlich dass unangemeldete Kontrollen von Apotheken möglich sind. Das war vorher auch schon so. Die Amtsapotheker durften auch schon immer die sterilen Räume kontrollieren, in denen die Apotheker Medikamente zubereiten und Proben aus den Zubereitungen ziehen. Auch ohne Ankündigung. So steht es im Gesetz. Laumann hat das nur noch einmal in seinem Erlass wiederholt.

Allerdings scheint es, als würden die Amtsapotheker diese Möglichkeit schlichtweg nicht nutzen. Simone Schmidt selbst ist seit Ende 2014 Amtsapothekerin der Stadt Köln und hat noch keine solche unangemeldete Kontrolle in einem Reinraum mit Probenentnahme durchgeführt. Sie seien unüblich und würden nur gemacht, wenn konkrete Hinweise bei den Behörden eingingen.

Alles wie es war

Laumann erhöht nicht die Taktung der Kontrollen, auch schreibt er nichts vor. Kein Amtsapotheker muss unangemeldete Kontrollen durchführen – er darf lediglich. So steht es im Gesetz, so stand es dort auch schon vor dem Erlass. Pflicht ist wie schon zuvor: Normale Apotheken werden alle vier Jahre kontrolliert – mit Ankündigung. Und Apotheken, die besondere Aufgaben haben, wie zum Beispiel ein Labor für Krebsmedikamente, werden alle drei Jahre kontrolliert – mit Ankündigung.

Alles bleibt, wie es war. Also wird es wohl keine häufigeren, unangemeldeten Kontrollen geben. Ein Sprecher des Kreises Unna sagt, dass unangemeldete Kontrollen eben schwierig zu realisieren seien. Vor allem in sterilen Räumen, in denen Krebsmedikamente hergestellt werden: „Da kann man ja nicht einfach so reinplatzen.“ Der Apotheker Peter S. hatte übrigens in Hemd und Sakko im sterilen Raum gearbeitet. Und seinen Hund mit hineingenommen.

Kein Mittel gegen kriminelle Energie

Rainer Kundt aus Essen macht sich Sorgen um den neuen Erlass. Er ist Leiter des dortigen Gesundheitsamts. Die zwei Amtsapotheker, die bei ihm arbeiten, sind für drei Städte zuständig: Essen, Mülheim und Oberhausen. Auch sie machen höchstens zehn unangekündigte Kontrollen im Jahr. Kundt findet, dass unangekündigte Kontrollen keinen Sinn machen, weil nicht zu jeder Zeit kompetentes Personal in der Apotheke ist. „Wir brauchen ja jemanden, den wir auf Kritik und Rückfragen ansprechen können“, sagt er. Er denkt außerdem, dass der Skandal um Peter S. auch mit unangemeldeten Kontrollen „nur sehr schwer zu verhindern“ gewesen wäre. Denn wo so viel kriminelle Energie vorhanden sei, da würden auch Kontrollen kaum helfen. Unangemeldete Besuche würde seine Behörde kaum machen. „Weil wir einerseits Vertrauen zu den Apothekern haben und weil wir bei den Kontrollen vernünftige Leute antreffen wollen.“

Minister Laumann hat in seinem Erlass außerdem angekündigt, dass in Zukunft sogenannte „Rückläuferbeutel“ kontrolliert werden sollen. „Das ist die einzige wirklich neue Regelung im Erlass“, sagt eine Sprecherin des Düsseldorfer Gesundheitsamts. Der Apotheker Peter S. ist durch den Test eines Rückläuferbeutels aufgeflogen. Eine Mitarbeiterin stahl den Beutel in der Apotheke und brachte ihn als Beweisstück zur Polizei.  Wenn Patienten ihre Infusionen nicht bekommen, gehen die Infusionsbeutel zurück in die Apotheken. Das kann passieren, wenn die Patienten zu schlechte Blutwerte haben, um eine Chemo-Therapie aushalten zu können. Man kann diese Beute testen. Darauf, ob sie wirklich Wirkstoffe enthalten.

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Verwirrung bei den Kosten

Dieser Kontrollmechanismus macht Rainer Kundt aus Essen allerdings besonders unsicher. „Die Medikamente in diesen Beuteln kosten mehrere tausend Euro“, sagt er. Er sorgt sich, dass seine Behörde die Wirkstoffe dann bezahlen müsste. In Anbetracht der Tatsachen ist das aber nicht denkbar. Denn die Rückläufer kommen normalerweise auf den Sondermüll. Den Wirkstoff darin bezahlen die Krankenkassen – ganz egal, ob der Patient die Infusion wirklich bekommt oder nicht. Und die Krankenkassen haben wahrscheinlich großes Interesse daran, dass sich Fälle wie der von Peter S. nicht wiederholen. Peter S. hatte die Rückläuferbeutel nach Zeugenaussagen einfach ein zweites Mal an andere Patienten verkauft, anstatt sie zu entsorgen.

Aber eine wichtige Frage bleibt in Laumanns Erlass offen: Wer soll die Rückläuferbeutel aufbewahren? Die Apotheken? Die Onkologen? Eine Behörde? Und können die Apotheker überhaupt zur Rechenschaft gezogen werden, wenn in den Beuteln zu wenig Wirkstoff ist? Schließlich haben sie ja keine Kontrolle über die Infusionen mehr, sobald die die Apotheke verlassen. Also kann man sie juristisch nicht ganz so leicht verantwortlich machen, wenn etwas falsch dosiert sein sollte. So sagt es eine Sprecherin des Düsseldorfer Gesundheitsamts.

Sicher ist immerhin, wer die Proben kontrollieren soll: Das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen. Das regelt Laumanns Erlass sehr deutlich. Die Analyse einer Probe kann laut Angaben des Düsseldorfer Gesundheitsamts mehr als 1000 Euro kosten.

Unterstützung vom Verband der Zyto-Apotheker

Für die Stadt Bottrop ist der Amtsapotheker des Kreises Recklinghausen zuständig. Allerdings kann das dortige Gesundheitsamt zu dem Erlass bis jetzt noch nichts sagen. Die zuständige Vorsitzende ist gerade im Urlaub.

Der Verband der Zyto-Apotheken unterstützt den Erlass von Herrn Laumann. Er weist aber darauf hin, dass es keine Kontrollmechanismen gebe, die kriminelles Verhalten in jedem Fall verhindern können.

In der kommenden Woche werden die Amtsapotheker der Bezirksregierung Düsseldorf besprechen, was der Erlass von Laumann nun für sie bedeutet. Rainer Kundt sagt: „Wenn ich über die Kontrollen bestimmen könnte, würde ich zunächst mehr Personal fordern. Wir würden gerne mehr kontrollieren, aber wir brauchen dann auch die entsprechenden Mittel.“

Update 29.8.17: In einer früheren Version dieses Artikels wurde nicht klar, ob die Amtsapothekerin Simone Schmidt bereits unangemeldete Kontrollen durchgeführt hat. Wir stellen dazu klar: Simone Schmidt hat seit 2014 unangemeldete Kontrollen in Apotheken durchgeführt, allerdings keine unangemeldeten Kontrollen von sterilen Räumen mit Probenentnahmen aus den Infusionsbeuteln. 

Das Ergebnis der Apothekenkontrollen in NRW offenbart grundsätzliche Probleme.(Symbolbild).© Marcelo Leal / Unsplash

Alte Apotheke

Warum die Ergebnisse der Apothekenkontrollen uns alle beunruhigen sollten

Das Ergebnis der Apothekenkontrollen in NRW offenbart zwei grundsätzliche Probleme: fehlende Transparenz der Behörden und fehlende Konsequenzen aus dem Bottroper Skandal um die Alte Apotheke. Ein Kommentar.

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von Cristina Helberg

Im Leben gibt es oft zwei Wahrheiten. Auch die Pressemitteilung des NRW-Gesundheitsministeriums, die ich vergangenen Freitag las, enthielt zwei Versionen der Wahrheit. Es ging um die Ergebnisse der Kontrollen von Krebsmittel-herstellenden Apotheken in NRW.

Das Ministerium wählte für seine Bekanntmachung die Zeile: „Nordrhein-westfälische Apotheken stellen sichere, qualitativ hochwertige Zytostatika-Zubereitungen her“. Dass man die Ergebnisse der landesweiten Kontrollen auch anders interpretieren kann, zeigt eine Antwort des Ministeriums auf eine Presseanfrage unserer Redaktion nur vier Tage später. „In allen kontrollierten Apotheken wurden nach derzeitigem Kenntnisstand Mängel festgestellt“, schreibt da das Ministerium.

Mängel in allen Apotheken, die Krebsmittel herstellen, und gleichzeitig „qualitativ hochwertige Zytostatika-Zubereitungen“? Beide Aussagen sind ein Fazit der Kontrollen. Für welche sich das Ministerium als Titel entschied, ist bezeichnend für den Umgang des Hauses mit Transparenz und der Aufarbeitung des Bottroper Apothekenskandals.

Auslöser für die verschärften Kontrollen war der Fall des Bottroper Apothekers Peter Stadtmann. Tausende Patienten erhielten durch ihn unterdosierte Krebsmedikamente. Die Aufsichtsbehörden bemerkten nichts. Jahrelang. Erst Hinweise von Mitarbeitern der Alten Apotheke offenbarten den Skandal. Als Reaktion auf diesen Skandal sollten die Kontrollen seit August vergangenen Jahres eine entscheidende Frage klären: Steckt hinter dem Einzelfall „Alte Apotheke“ System? Gibt es möglicherweise mehr Apotheker wie Peter Stadtmann, die mit ein paar Milligramm weniger in Krebstherapien tausende Euro kassieren?

Das Gegenteil von Transparenz

Das Ministerium spricht in seiner Pressemitteilung von unangekündigten Kontrollen. Das trifft zu. Die Apotheker wussten nicht, wann die Kontrollen stattfinden würden. Richtig ist aber auch: Die ganze Kontrollaktion hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann zuvor öffentlichkeitswirksam angekündigt. Jeder Apotheker in NRW, der Krebstherapien herstellt, wusste also, dass er in Zukunft unangekündigt kontrolliert werden würde. Angekündigte unangekündigte Kontrollen, könnte man besser sagen, um beide Wahrheiten zu vereinen.

Laut Ministerium waren von 123 entnommenen Proben 122 richtig dosiert. Eine Probe war unterdosiert. Das ist erstmal ein gutes Ergebnis. Man kann es an den Beginn einer Pressemitteilung stellen. Wenn man ein positives Ergebnis der Kontrollen verkünden möchte. Wenn man aber einen der größten Medizinskandale der Bundesrepublik aufarbeiten möchte, empfiehlt es sich, die unterdosierte Probe transparent zu thematisieren.

Dass die unterdosierte Probe ein sogenannter „Rückläufer“ war, erwähnt das Ministerium mit keinem Wort. Die Öffentlichkeit erfährt deshalb nicht, dass die unterdosierte Probe nur durch Zufall keinem Patienten verabreicht wurde. Denn Rückläufer sind Therapien, die die Apotheke schon verlassen haben und die Ärzte oder Krankenhäuser zurückschicken, weil sie das Medikament nicht verabreichen konnten. Zum Beispiel, weil es dem Patienten plötzlich schlechter ging.

Erst als unsere Redaktion gezielt nachfragte, erklärte das Ministerium: „Bei der Probe handelte es sich um einen Rückläufer mit dem Wirkstoff Gemcitabin-Hydrochlorid.“ Auch den Wirkstoffgehalt erfährt die Öffentlichkeit in der Pressemitteilung nicht. Waren in der unterdosierten Probe nur 10 Prozent des Wirkstoffs oder 80 Prozent? Auf Nachfrage von Correctiv.ruhr erklärt das Ministerium: Den Wirkstoffgehalt könne man aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht nennen. Erst als wir erneut nachfragen, erhalten wir die Information doch noch: Um 17,8 Prozent war die Probe unterdosiert. Also etwa ein Fünftel weniger Wirkstoff. Warum veröffentlichte das Ministerium diesen Wert nicht in seiner Pressemitteilung?  

Laumann will „Apotheker sensibilisieren“

Erst im vorletzten Absatz gibt Gesundheitsminister Laumann in der Pressemitteilung seines Hauses zu, dass nicht alles glatt läuft. Zur „Sensibilisierung der Apotheken“ seien weiterhin Kontrollen notwendig, sagt er. Ein Hohn für alle Betroffenen. Tausende todkranke Patienten, die um ihre lebensrettenden Medikamente im Bottroper Fall betrogen wurden, haben die Apotheken in NRW nicht sensibilisiert? Und für was sollen Kontrollen die Apotheken eigentlich sensibilisieren? Für die Einhaltung der Apothekenbetriebsordnung, die die Grundlage ihrer Betriebserlaubnis ist? Oder für die Selbstverständlichkeit, Mängel zu beseitigen und Therapien richtig zu dosieren? Mit solchen Sätzen diskreditiert der Gesundheitsminister ganz nebenbei alle Apotheker, die ordnungsgemäß ihre Medikamente anmischen und bagatellisiert die festgestellten Mängel.

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Das Gegenteil von engmaschigen Kontrollen

Seit dem Erlass des Gesundheitsminister im Sommer letzten Jahres wurden alle 116 Apotheken in NRW, die Krebszubereitungen herstellen, kontrolliert. Insgesamt wurden 123 Proben entnommen. Das macht in einem Jahr ungefähr eine Probe pro Apotheke. Der Bottroper Apotheker Peter Stadtmann, der letzten Monat wegen Unterdosierung von Krebsmedikamenten in 14.500 Fällen verurteilt wurde, stellte täglich oft mehr als hundert Zubereitungen her. Nicht alle waren unterdosiert. Bei der aktuellen Kontrolle hätte er gute Chancen gehabt, nicht aufzufallen. Kann man das als Erfolg feiern?

Zwei Wahrheiten

Als der Richter Johannes Hidding am 6. Juli 2018 das Urteil über den Panschapotheker Peter Stadtmann sprach, musste er auch eingestehen, dass viele der vermutlichen Taten nicht strafrechtlich nachweisbar waren. Ob ein Krebskranker wegen unterdosierter Medikamente ein Jahr, einen Monat oder einen Tag früher stirbt, lässt sich medizinisch nicht bestimmen. Trotzdem, sagte Hidding, habe jeder Betroffene des Skandals das Recht auf zwei Wahrheiten: Auch wenn das Gericht Stadtmann juristisch für viele Taten nicht verurteilen konnte, sei er doch dafür verantwortlich.

Dass es solche zwei Wahrheiten nicht in weiteren Fällen gibt, dafür könnte das Gesundheitsministerium sorgen. Nicht mit tollen Pressemitteilungen, sondern mit engmaschigen Kontrollen und konsequenter Transparenz.

Dass das passiert, sollte uns alle interessieren.

Jeder vierte Mensch in NRW stirbt an einer Krebserkrankung.

Insgesamt wurden während der Kontrollen 761 Dokumentationsmängel und 136 organisatorische Mängel in Apotheken festgestellt. (Symbolbild).

Alte Apotheke

Alle Zyto-Apotheken in NRW mangelhaft

In jeder Apotheke, die in Nordrhein-Westfalen Krebsmittel anmischen darf, wurden Mängel festgestellt. Auf Nachfrage von Correctiv.ruhr hat das Landesgesundheitsministerium weitere Details der NRW-weiten Kontrollaktion bekannt gegeben. Das Ergebnis, das NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) vergangene Woche als Erfolg feierte, wirft bei genauerer Betrachtung Fragen auf.

von Cristina Helberg

„In allen kontrollierten Apotheken wurden nach derzeitigem Kenntnisstand Mängel festgestellt“, schreibt das Gesundheitsministerium auf eine Presseanfrage von Correctiv.ruhr. Zuvor hatte das Ministerium am vergangenen Freitag die Ergebnisse einer großangelegten Kontrolle von Apotheken veröffentlicht, die Krebsmedikamente herstellen.

116 sogenannte Zyto-Apotheken in NRW wurden kontrolliert. Sie sollten nach dem Fall der Alten Apotheke in Bottrop schärfer überwacht werden. Seit August vergangenen Jahres wurden von ihnen Proben entnommen und auf ihren Wirkstoffgehalt untersucht. Auch die Apotheken selbst wurden dabei kontrolliert. Die Überprüfungen fanden unangekündigt statt, die Kontrollaktion wurde jedoch vorher öffentlich angekündigt. Nach der Antwort des Ministeriums lassen sich die Ergebnisse der Kontrolle nun besser einordnen.

Insgesamt 897 Mängel in 116 Apotheken

Insgesamt wurden während der Kontrollen 761 Dokumentationsmängel und 136 organisatorische Mängel festgestellt.

Die organisatorischen Mängel werden dabei in zwei Kategorien unterteilt: In schwere Mängel, die „über die Mängelbeseitigung hinausgehende Maßnahmen erfordern“ und in Mängel mit geringerer Schwere.

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128 der insgesamt 136 organisatorischen Mängel waren laut Ministerium geringe Mängel.

Acht Beanstandungen fielen jedoch in die Kategorie schwere Mängel. Sie wurden alle in derselben Apotheke festgestellt. Den Namen dieser Apotheke will das Ministerium aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mitteilen. Der Apotheke wurde am 1. Juni 2018 die weitere Produktion von Krebsmedikamenten untersagt. Offenbar konnte die Apotheke die Mängel erst Wochen später beheben. Am 12. Juli hoben die Aufsichtsbehörden die Untersagung wieder auf. Das Ministerium betont, dass es sich bei dieser Apotheke nicht um diejenige handelt, bei der eine Unterdosierung festgestellt wurde. „Die festgestellten Mängel hatten offensichtlich keinen Einfluss auf die inhaltliche Zusammensetzung“, sagt ein Ministeriumssprecher.

Unterdosierte Probe nur durch Zufall nicht verabreicht

Eine Probe von insgesamt 123 Proben war unterdosiert. Zu dieser Probe veröffentlichte das Ministerium in seiner  Pressemitteilung vergangene Woche keine näheren Informationen. Auf Nachfrage erklärt es nun, dass die unterdosierte Probe ein „Rückläufer mit dem Wirkstoff Gemcitabin-Hydrochlorid“ war. Das heißt, die Probe wurde nur durch Zufall keinem Patienten verabreicht. „Bei der in Rede stehenden Probe wurde eine Unterdosierung von -17,8 Prozent beanstandet. Aus arzneimittelrechtlicher Sicht war die Probe damit nicht erheblich in ihrer Qualität gemindert“, schreibt das Ministerium. Im Fall der Alten Apotheke hatte die Staatsanwaltschaft Essen nur Zubereitungen in der Anklage berücksichtigt, die -20 Prozent oder noch weniger Wirkstoff enthielten. 

Sogenannte Rückläufer haben die Apotheke schon verlassen und werden von Ärzten oder Krankenhäusern zurückgeschickt, wenn sie nicht verabreicht werden können. Zum Beispiel, weil es dem Patienten plötzlich schlechter geht.

Gesundheitsminister Laumann sieht in den Ergebnissen der Kontrollen laut einer Pressemitteilung den Nachweis, „dass die Herstellung von patienten-individuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt“. Es gebe keine Hinweise auf „systematische Unterdosierungen, wie im Fall des „Bottroper Apothekerskandals“.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)© Patrik Stollarz / AFP

Alte Apotheke

Trotz angekündigter Kontrollen: Mängel und Unterdosierung bei Krebsmedikamenten in NRW

Das NRW-Gesundheitsministerium hat die Ergebnisse einer landesweiten Kontrolle von Krebsmedikamenten aus Apotheken veröffentlicht. Obwohl die Kontrollen öffentlich angekündigt waren, stellten die Aufsichtsbehörden Mängel und eine Unterdosierung fest. Eine Apotheke wurde vorübergehend geschlossen.

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von Cristina Helberg , Bastian Schlange

Als Reaktion auf den Skandal der unterdosierten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop hatte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann vor einem Jahr verschärfte Kontrollen und Probeentnahmen angeordnet. Nun hat das Ministerium die Ergebnisse bekannt gegeben.

Seit August vergangenen Jahres wurden alle 116 Apotheken in NRW überprüft, die individuelle Krebsmedikamente herstellen. Das Ergebnis: Von 123 Proben, die genommen wurden, waren 122 „analytisch nicht zu beanstanden”, teilte das Ministerium mit. In einem Fall war der Wirkstoff unterdosiert. Weitere Proben in der betroffenen Apotheke sollen aber in Ordnung gewesen sein.

Angekündigte unangekündigte Kontrollen

Das Ministerium schreibt in seiner Presseerklärung, dass die Kontrollen unangekündigt stattgefunden hätten. Ganz unangekündigt waren die Kontrollen allerdings nicht: Laumann hatte öffentlich angekündigt, dass er als Konsequenz aus dem Bottroper Medikamentenskandal Apotheken unangekündigt kontrollieren wolle. Jeder Apotheker, der individuelle Krebszubereitungen in NRW herstellt, wusste also, dass er in den nächsten Monaten überprüft wird. Nur der Zeitpunkt der angekündigten unangekündigten Kontrollen war unklar.

Trotzdem stellten die Aufsichtsbehörden bei ihren Inspektionen Mängel fest. Es handelte „sich überwiegend um Dokumentationsmängel (85 Prozent) und in einem geringeren Umfang um organisatorische Mängel (15 Prozent)“, schreibt das Gesundheitsministerium in seiner Pressemitteilung.

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In einer überprüften Apotheke wurde die Produktion vorübergehend gestoppt, nachdem Mängel entdeckt wurden. Es sei aber nicht die Apotheke gewesen, in der man die unterdosierte Probe entnommen habe.

Kein Bagatellfehler

Apotheken, die Krebsmedikamente herstellen, müssen den Produktionsprozess genauestens dokumentieren. Unter Dokumentationsmängel können dabei viele verschiedene Beanstandungen fallen. Welche das konkret in den vorliegenden Fällen waren, konnte uns das Ministerium heute Nachmittag nicht kurzfristig beantworten. Genauso wenig war es in der Lage zu sagen, wie viele Mängel insgesamt in absoluten Zahlen festgestellt wurden. Klar ist aber: Eine fehlerhafte Dokumentation ist kein Bagatellfehler. Dokumentation ist elementarer Bestandteil der Qualitätssicherung.

Dokumentationsmängel waren zum Beispiel im Fall der Alten Apotheke ein zentrales Problem. Weil Unterschriften fehlten, ließ sich bei vielen Krebsmedikamenten nicht nachvollziehen, von wem sie hergestellt wurden. Wenn man nicht nachweisen kann, wer unterdosierte Medikamente hergestellt hat, ist es schwer bis unmöglich jemanden dafür zu verurteilen.

Laumann will weiter kontrollieren

Gesundheitsminister Laumann lobt die Kontrollen als vollen Erfolg: „Die Ergebnisse der Überwachung zeigen, dass die Herstellung von patienten-individuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt“. Trotzdem seien aufgrund der festgestellten Mängel Kontrollen zur „Sensibilisierung der Apotheken“ notwendig.

Laut Ministerium soll weiterhin „in angemessenem Umfang“ kontrolliert werden. Auch auf die Frage, was das Ministerium als angemessen betrachtet, haben wir bisher keine Antwort bekommen. Das Ministerium teilte uns mit, dass aus zeitlichen Gründen erst mit einer Beantwortung unserer Fragen Anfang nächster Woche zu rechnen sei.

© Ivo Mayr / Correctiv

Alte Apotheke

Wissenschaftler fordern Konsequenzen aus dem Fall der Alten Apotheke

Die Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) fordert von der Politik Aufarbeitung und Konsequenzen im Fall der Alten Apotheke. Es müssten Kommissionen eingesetzt und Bund-Länder-Grenzen überwunden werden. Die bisherigen Schritte reichten nicht aus.

von Marita Wehlus

Die mutmaßlich gestreckten Krebsmedikamente aus Bottrop dürften nicht als Einzelfall behandelt werden, sagt die Vereinigung deutscher Wissenschaftler VDW. Schließlich sei der Fall der Alten Apotheke „einer der größten Medizinskandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte, auf einer Stufe mit dem Contergan-Fall.“ Hans-Jochen Luhmann aus dem Vorstand der VDW fordert: „Es müssen systematische Lehren gezogen werden.“ Bund und Land müssten sich koordinieren, ebenso müssten Apotheken-Aufsichten, Apothekerkammern und Krankenkassen intensiv kooperieren, um den Fall wie versprochen aufzuarbeiten.

Einzelne Maßnahmen wie die von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe angekündigte Selbstverpflichtung reichen laut VDW nicht aus. Man müsse nun die Frage stellen, wie das passieren konnte und wie man auf das Versagen der Apothekeraufsicht reagiert, sagt auch VDW-Mann Dieter Deiseroth. Er hat sich in einem aktuell erschienenen Buch mit der Aufarbeitung des Apothekerskandals befasst. „Hätte es die Whistleblower nicht gegeben, hätte man es so belassen, und es wäre weiter gestorben worden.“

Hans-Jochen Luhmann stellt konkrete Forderungen, wie eine Aufarbeitung aus Sicht der VDW aussehen müsse:

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Das Land muss:

  • Nordrhein-Westfalen wird vom VDW in die Pflicht genommen. Das Gesundheitsministerium NRW muss aufklären, welche Fehler im Fall der Alten Apotheke passiert sind und wo es im Überwachungssystem gehakt hat. Bisher habe die Politik eine Aufarbeitung auf nach den Prozess verschoben. Luhmann fordert, über die strafrechtliche Aufklärung hinauszugehen. Nicht nur Sachverhalte aus dem Prozess müssten aufgearbeitet, sondern auch systemische Fehler angegangen werden.

Der Bund muss:

  • Die Gesundheitsministerkonferenz muss einen Überblick über die Konsequenzen und Aufsichtsvorschriften in den unterschiedlichen Bundesländern erarbeiten. Nur so könnten die Erkenntnisse daraus gebündelt werden.
  • Auch das Bundesministerium für Gesundheit muss handeln: Eine Expertenkommission aus den Apothekenaufsichten der Länder, den Apothekerverbänden und Krankenkassen muss eingesetzt werden. Sie könnten die Lücken im Kontrollsystem eruieren und dann einen gemeinsamen Plan erstellen, damit ein Verbrechen wie in Bottrop nicht wieder passieren kann. Man müsse bereits aktiv werden, bevor Verbrechen begangen werden und Kontrolle und Gesetz greifen. Zum Beispiel könnten Krankenkassenunterlagen für Aufsichtsstellen zugänglich gemacht werden, sagt Luhmann.

Bund und Länder müssen gemeinsam:

  • Eine Kommission aus Bund und Ländern muss herausfinden, wo die Kooperation zwischen den Ländern nicht funktioniert und welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Luhmann könne sich auch eine übergeordnete Organisation auf Bundesebene vorstellen, die im risikobehafteten Bereich der Zytoherstellung ermittelt und Länderübergreifend agiert. „Man muss an das Tabu heran, dass sich der Bund nicht in Länderangelegenheiten einmischen darf.“ Luhmann sieht das Problem, dass es keine einheitlichen Standards über Länder hinweg gibt.

Als Zwischenlösung könnte sich Luhmann auch eine Verlagerung der Krebsmittelherstellung in Krankenhäuser vorstellen. Den Vorschlag hatte Karl Lauterbach von der SPD letztes Jahr ins Spiel gebracht.

 

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BWV

Dieter Deiseroth hat sich mit dem VDW-Vorsitzenden Hartmut Graßl im Buch „Whistleblower-Enthüllungen zu Krebsmittel-Panschereien und illegalen Waffengeschäften” ausführlich mit dem Fall der Alten Apotheke beschäftigt. Deiseroth fordert neben einer Aufklärung auch, dass Whistleblower wie Martin Porwoll endlich besser vom Gesetzgeber geschützt werden.

Die Alte Apotheke in Bottrop steht im Zentrum eines der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Peters Opfer und Peters Wahrheit

weiterlesen 7 Minuten

von David Schraven

Peter Stadtmann wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Die Tat war offensichtlich, die Strafe ist sicher gerecht. 

Wenn ich an Peter Stadtmann denke, sehe ich nicht den verurteilten Apotheker vor mir. Ich sehe den Jungen, der schräg hinter mir in der Schulbank sitzt. Ich sehe den Jungen, der verschmitzt lächelt. Ich sehe den Jungen, der mitspielen will. Der mit uns am Strand in Holland lacht. Den Jungen, der in einem Hochhaus wohnt, ganz oben, wo man zwar eine tolle Aussicht hat, aber nicht einfach über Zäune klettern kann. 

Peter hatte keine schöne Kindheit. Es gab einen Geburtstag, den hat er mit seinen Eltern in einer Eisdiele gefeiert und die Gäste, Schulfreunde, wurden von der Straße hereingeholt, als sie vorbeigingen. Sie bekamen ein Eis spendiert. Händeschütteln. Abtreten. Die Erinnerung an dieses traurige Fest tut mir in der Seele weh. Meine Freunde haben bei Kindergeburtstagen im Dreck getobt, bis die Sonne unterging.

Peter hat etwas Schlimmes getan

Peter hat etwas Schlimmes getan. Er hat Medikamente gepanscht. Er hat Ausreden suchen lassen von seinen Anwälten. Er hat seine Familie ruiniert. Er hat sein Erbe ruiniert. Er hat sein Leben ruiniert. 

Und er hat die Leben von unzähligen Menschen zerstört, die gehofft hatten auf Heilung. Er hat Mütter und Väter zerstört, die um ihre Kinder bangten, und die starben. Er hat die Leben unzähliger Söhne und Töchter zerstört, die ihre Eltern bis in den Tod begleitet haben. 

Ich habe mit den Menschen gesprochen, die nach dem Tod in Bottrop zurückgeblieben sind. Ich habe ihre Tränen gesehen, ich habe ihr Schluchzen gehört.

Ich habe das Kind gesehen, das in einem Foto auf der weißen Tischdecke im Wohnzimmer die verlorene Mutter sucht. 

Ich habe den Mann gesehen, dessen Frau gestorben ist. Ein starker Mann, ein gebrochener Mann, einer der lachen möchte und weint. Einer der beten kann und flucht. Ein Mann, der nur noch lebt, weil sein erstarrtes Herz nicht aufhört zu schlagen.

Die Opfer

Ich habe die Krebskranke gesehen, die auf einem Stuhl sitzt, die Beine angezogen, den Kopf auf den Knien, die nicht an den baldigen Tod denken will. Die aber dennoch weint. Weil ihr im nächsten Jahr die Zeit mit ihren Kindern ausgeht. Sie wird den Schulabschluss nicht erleben, die Hochzeit, die Kindeskinder. Ihr Leben.

Das sind die Opfer.

Peters Opfer. 

Nicht die Opfer des kleinen Jungen, der auch nur geliebt werden wollte.  Sondern die Opfer des Mannes, der sich selbst verloren hat. 

Das Verbrechen ist so groß, dass es kaum erträglich ist. Der Richter hat in seinem Urteil festgestellt, dass Peter seine Taten nur begehen konnte, weil die Apothekenaufsicht, weil die Behörde versagt hat. 

Das Versagen der Behörden

Hat die Behörde auf das Versagen reagiert? Hat sich die Behörde entschuldigt? Hat die Behörde ihr Versagen aufgeklärt?

Nein.

Die Bottroper Behörde hat die Alte Apotheke offengelassen. 

Die Bottroper Behörde hat Fehler abgestritten. 

Die Bottroper Behörde hat die Menschen alleine gelassen. 

Peter und die SPD

Das Wegsehen begann unmittelbar nach der Festnahme von Peter Stadtmann. Verzweifelt wurde nach möglichen Beweisen gesucht, dass doch nicht alles so schlimm war. Die Verantwortlichen haben sich versteckt. 

Man stand sich nah. Bottrops Oberbürgermeister Tischler war der Bernd für den Peter. 

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Der Peter hat Bernds SPD Geld für den Wahlkampf rübergeschoben.

Der Peter hat dem Bernd mal ein Bild „ausgeliehen“.

Der Peter hat Dinge möglich gemacht. 

Die Stadt schwieg lange. 

Wir von CORRECTIV haben das nicht mehr ertragen. Wir haben angefangen zu recherchieren. Haben ein Büro in der Innenstadt aufgemacht. Haben Menschen eingeladen. Ihnen einen Raum gegeben und mit ihnen gesprochen, haben ihre Geschichten aufgeschrieben und sie ernst genommen. Wir haben für viele die Einsamkeit aufgebrochen. 

Dann haben sich die Menschen selbst organisiert. Sie sind auf die Straße gegangen. Haben sich vor unserer Redaktion getroffen und sind marschiert. Zur ersten Demonstration. Im Gedenken an ihre Armen und Kranken. Im Protest gegen das Schweigen. In der Hoffnung auf Veränderung. 

Der Protest der Betroffenen

Es waren viele. Hunderte. 

Wir sind mitgelaufen. Als Reporter beobachtend und doch dabei. 

Heike Benedetti hat ihre erste Rede gehalten. Sie war stolz und klar. Sie war ehrlich und bitter. 

Die Menschen aus Bottrop sind aufgewacht. 

Nun ist Peter verurteilt. Und die Stadt schweigt immer noch zum Behördenversagen. 

Doch weitere Verfahren laufen. Gegen die Schweiger. Gegen die Wegschauer. 

Peter, der Junge von damals, der auch nur Liebe suchte, ist zu einem einsamen Menschen geworden. 

Die Menschen, die ihm geblieben sind, sind nicht ehrlich zu ihm. 

Sonst würden sie ihm sagen, dass er reden muss. Dass er nicht weiter schweigen darf. 

Das Urteil ist gefallen. 

Wenn der kleine Junge noch einmal eine Chance auf Liebe finden will, muss er die Vergangenheit ablegen. Den falschen Beratern entsagen. Und reden. 

Peter: Wir sind da und hören Dir zu

Bis dahin können wir nur den tapferen Whistleblowern Martin Porwoll und Marie Klein danken. 

Sie waren die einzigen, die ersten, die sprachen – während alle anderen noch schwiegen. 

Nebenklägerinnen und Betroffene umarmen sich vor dem Gerichtssaal im Essener Landgericht.© correctiv.ruhr

Der Prozess

Das Urteil

weiterlesen 7 Minuten

von Cristina Helberg , Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Die Verteidiger schirmen den Apotheker von der Presse ab. Mehrere Fernsehteams und zahlreiche Journalisten sind vor Ort. Die Urteilsverkündung verfolgt er ungerührt mit farblosem Gesicht.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Reihen der Nebenklage und Zuschauer sind bis auf den letzten Platz besetzt. Mehrere Anwälte und Betroffene müssen auf zusätzliche Stühle ausweichen. Viele Nebenklägerinnen tragen weiße Rosen und schwarze Oberteile, um an verstorbene Angehörige und Betroffene zu erinnern. Im Laufes des Verfahrens waren einige Nebenkläger und regelmäßige Zuschauer verstorben oder gesundheitlich nicht mehr in der Lage, die Verhandlungstage vor Ort zu verfolgen. Als der Richter das Urteil verkündet, brechen viele Betroffene in Tränen aus.

 

Das Urteil:

  • 12 Jahre Haft und Berufsverbot. Wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in knapp 14.500 Fällen und Betrug in 59 Fällen wird Peter Stadtmann zu zwölf Jahren Strafe verurteilt. Er wird aber nicht wegen Mordes, Körperverletzung oder dem jeweiligen Versuch verurteilt. Der Richter weicht damit von den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage ab. Statt in den angeklagten rund 62.000 Fällen wird der Apotheker in etwa 14.500 Fällen für den Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt. Der Grund: Das Gericht hat bei seiner Berechnung den eingekauften und vermeintlich verkauften Wirkstoff in der Apotheke zwischen 2012 und 2016 gegenübergestellt und dabei höhere Toleranzgrenzen angesetzt als in der Anklage. Auch den entstandenen Schaden schätzt das Gericht geringer als in der Anklage ein. Statt wie in der Anklage formuliert, 56 Millionen Euro, berechnet das Gericht 17 Millionen Euro Schaden, die Stadtmann zahlen muss. Der Richter Johannes Hidding verhängt zudem ein lebenslanges Berufsverbot als Apotheker.

  • Organisationsdelikt und einzelne Verstöße. Da Stadtmann alle Arbeitsabläufe in der Apotheke kontrolliert habe, wird er wegen eines Organisationsdeliktes verurteilt. Es müsse nicht nachgewiesen werden, welche Therapien genau von ihm angefertigt wurden. Konkret ist Stadtmann zudem für  27 unterdosierte Infusionen verantwortlich. Diese hatten Ermittler bei der Razzia beschlagnahmt und auf den Beuteln stand der Name Stadtmann als Hersteller. Das Arzneimittelgesetz bezeichnet der Richter als ein „scharfes Schwert“, es sei in diesem Fall ein „Rettungsanker“, der eine gerechte Strafe ermögliche, da Körperverletzung oder Mord in diesem Fall nicht nachweisbar sei. Peter Stadtmann muss für einige Nebenkläger die Prozesskosten tragen.

  • Zwei Wahrheiten. Richter Hidding geht ausführlich darauf ein, warum die 14.500 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz nicht als versuchter Mord zu bewerten sind. Er bezieht sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes von vor einem Jahr. Es hatte den Freispruch eines Arztes aus Göttingen bestätigt, der die Warteliste für Transplantationen zu Gunsten seiner Patienten verändert hatte. Mit dieser Manipulation habe er den Tod anderer Patienten in Kauf genommen  und sei somit des versuchten Totschlages zu verurteilen, war die Forderung der Staatsanwaltschaft. Aber die Richter am Bundesgerichtshof folgten dieser Argumentation nicht, sie sagten, es könne dem Arzt, nicht nachgewiesen werden, dass er den Tod der durch die Manipulationen benachteiligten Menschen bewusst einkalkuliert habe. Der Richter Johannes Hidding macht deutlich, dass er dieses Urteil des Bundesgerichtshofes für fraglich hält, aber er müsse sich daran halten. Dann spricht Hidding von dem Recht auf zwei Wahrheiten. Der Betroffene, der einen Angehörigen verloren hat, könne Stadtmann dafür verantwortlich machen, auch wenn dies juristisch vom Gericht nicht fassbar sei.

  • Habgier als Tatmotiv. Aus welchem Motiv handelte Peter Stadtmann? „Schlicht aus Habgier“, sagt Richter Hidding. Luxusgüter hätten eine große Rolle für Peter Stadtmann gespielt. Er ist nach Einschätzung des Gerichts „voll schuldfähig“, „geistig gesund“ und habe ohne Zweifel vorsätzlich gehandelt. Hidding sagt, Stadtmann habe einen Hang zum Luxus, so hätte er ein Haus mit Rutsche vom Schlafzimmer in den Pool gebaut.  Das Gericht müsse nicht die Gründe für diese Habgier und Sucht nach Anerkennung suchen. Habgier reicht als Tatmotiv. Die Verteidigung hatte auf Schuldunfähigkeit in Folge einer Hirnstörung plädiert.

  • Fehler der Staatsanwaltschaft. Weil Staatsanwaltschaft und Polizei am Morgen der Razzia in der Alten Apotheke im November 2016 zu früh zuschlugen, ist in 27 konkreten Fällen keine Verurteilung wegen Körperverletzung möglich. Die Ermittler hatten an dem Morgen nicht gewartet, bis die Zubereitungen in die Auslieferfahrzeuge geladen waren, sondern sie im Labor vor der Ausgabe an die Fahrer beschlagnahmt. Der Richter erklärt, deshalb sei eine Verurteilung wegen Körperverletzung in diesen Fällen nicht möglich. Damit folgt der Richter der Argumentation der Verteidigung. Sie hatte argumentiert, die Zubereitungen seien noch nicht von Peter Stadtmann freigegeben gewesen. Trotzdem ist in diesen Fällen eine Verurteilung wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz möglich, weil die Medikamente schon zubereitet wurden.

  • Zentrale Behauptungen der Verteidigung widerlegt. Das Gericht widerspricht zwei zentralen Argumenten der Verteidigung: Die Unverwertbarkeit  der Wirkstoffanalysen und angebliche Schwarzkäufe von Wirkstoffen. Die Proben des Paul-Ehrlich Instituts und des Landeszentrum Gesundheit NRW stuft das Gericht als verwertbar ein. Fehler seien lediglich im Bereich der Dokumentation gemacht worden und auch dort eher im Randbereich. Die gemachten Fehler seien für die Ergebnisse irrelevant. Außerdem sei jede Zubereitung mehrfach untersucht worden. Die Verteidigung hatte behauptet, es habe keine B-Proben gegeben. Das ist laut Richter falsch. Das Gericht glaubt auch nicht, „dass geheimnisvolle Unbekannte Peter Stadtmann auf Parkplätzen“ Wirkstoffe verkauft haben. Dafür gebe es nicht den „leisesten Anhaltspunkt“, so Richter Hidding.

  • Kriminelle Einrichtung mit makelloser Fassade. Der Richter sagt, Peter Stadtmann habe für sein Leben eine makellose Fassade geschaffen. „Nur wer sehr genau hinsah, dem konnten die feinen Risse auffallen”. Ausführlich geht  er auf die Whistleblower Martin Porwoll und Marie Klein ein. Sie hätten die Aufklärung des Verbrechens erst ermöglicht. Der Richter spricht auch über die anderen Mitarbeiter der Apotheke. Fast alle hatten im Prozess die Aussage verweigert. „Es spricht einiges dafür, dass auch Mitarbeiter einbezogen waren“, sagt Richter Johannes Hidding. Diese hätten offenbar ihr Gewissen mit Geld beruhigt. Für Richter Hidding ist der Fall der Alten Apotheke auch die Geschichte eines Behördenversagens. Peter Stadtmann hätte nicht so handeln können, wenn es eine wirksame Apothekenaufsicht gegeben hätte, sagt Richter Hidding.

  • Die Ungewissheit bleibt, Richter appelliert an Angeklagten. Noch immer leben rund 4.000 Betroffene in Ungewissheit, ob ihre Medikamente unterdosiert waren, sagt Richter Hidding am Ende seiner Urteilsbegründung. Er appelliert an den Angeklagten, in seiner Rolle als Apotheker habe er eine Verantwortung für seine Patienten. „Die Betroffenen wollen die Wahrheit hören und wollen keinen weiteren Prozesstag. Stellen Sie die Interessen ihrer Patienten endlich über ihr eigenes Interesse“, spricht der Richter den Angeklagten zum Schluss ganz direkt an. Peter Stadtmann hatte während des Prozesses geschwiegen und auch das ihm zustehende Schlusswort nicht genutzt. Die Verteidigung wollte sich heute nicht dazu äußern, ob sie in Revision geht.

Nach 44 Verhandlungstagen endete hiermit das CORRECTIV Gerichtstagebuch zum Prozess um gepanschte Krebsmittel aus der Alten Apotheke.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 43

Stadtmann schweigt bis zuletzt. Am Freitag um 11 Uhr wird das Urteil verkündet. Appelle der Nebenklage an den Angeklagten, das letzte Wort für die Aufklärung zu nutzen, verhallen. Stadtmann Verteidiger fordern den Freispruch und beklagen den Medienpranger.

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von Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann bleibt ungerührt. Er liest die Plädoyers seiner Anwälte, winkt sie heran und stellt Nachfragen. Zum Schluss sagt er ins Mikrofon, „ich möchte mich nicht mehr äußern“.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Es sind viele Nebenklägerinnen gekommen. Sie sind angespannt. Einige gratulieren dem Anwalt Mohammed für sein Plädoyer. Als Stadtmann das Schlusswort bekommt, ist die Anspannung mit Händen zu greifen, und kurz darauf die Enttäuschung. Stadtmann will nichts sagen. Neben Journalisten ist auch ein Gerichtszeichner im Saal. Der Besucherraum ist spärlich gefüllt.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Peter Stadtmann schweigt. Nachdem der Verteidiger Peter Strüwe den Freispruch fordert, fragt Richter Johannes Hidding den Angeklagten, ob er vom Recht des letzten Wortes Gebrauch machen will. Stadtmann beugt sich vor, ergreift das Mikrofon und zum ersten Mal ist im Verfahren die Stimme des Angeklagten zu hören. Stadtmann sagt, dass er nichts mehr sagen wolle. Auch dessen Anwälte erwähnen am heutigen Tag die Situation der Betroffenen mit keinem Wort.
  • Das Schlußwort als Erlösung. Der Anwalt der Nebenklage Khubaib-Ali Mohammed wendet sich direkt an Stadtmann. Er wolle ihn direkt ansprechen. Er vergleicht sein Leben mit dem Leben des Angeklagten, sieht Parallelen, eine dominante Mutter, die Liebe zur Kunst und den Zwang, dass das Leben vorgezeichnet sein müsse. Dann geht er auf das Schicksal der Nebenklägerin ein, deren Tochter ist an Krebs gestorben, und sie kümmere sich jetzt um die Enkelin. Mohammed beschreibt das Leben Stadtmanns in drei Akten, die Kindheit eines einsamen Menschen, ein Leben unter ständiger Bevormundung, das dann zu den Taten im Labor führte, und zum Schluss stehe die Katastrophe oder aber die Erlösung. Stadtmann könne das Angebot des letzten Wortes als Erlösung nutzen, er könne Klarheit und Aufklärung bringen, sagt Mohammed, denn sonst drohe eine langjährige Haftstrafe, wo er die schönen Momente des Lebens nicht erfahren könne, und auch nicht verfolgen könne, wie sein Kind aufwächst.
  • Keine Beweisanträge mehr. Der Versuch der Verteidiger noch einen Entscheid zu einem Beweisantrag zu erzwingen, weist der Richter mit dem Hinweis zurück, dass nach einem Kammerbeschluss über alle ausstehenden Beweisanträge im Urteil befunden wird.
  • Freispruch und sofortige Freilassung. Der Anwalt Ulf Reuker macht den Anfang der Plädoyers der Verteidigung. Er sagt, dass das Verfahren in keinem der Anklagepunkte die Schuld des Angeklagten bewiesen habe. Reuke stellt die Verwertbarkeit der Analysen der beschlagnahmten Infusionen durch das Paul-Ehrlich-Institut und das Landeszentrum Gesundheit NRW in Frage. Er bezieht sich dabei auf die Mängel, die die Gutachter Fritz Sörgel und Henning Blume und deren Mitarbeiterin gefunden hätten. Es sei nicht bewiesen worden, wer die Proben zubereitet habe, zudem seien diese am Tag der Razzia noch nicht freigegeben gewesen, sagt der Anwalt. Kein Zeuge habe den Angeklagten gesehen, dass er unterdosiert habe. Wenn dies aber geschehen sein sollte, dann wäre das keine vorsätzliche Tat. Reucker verweist auf das Gutachten von Pedro Faustmann, der Stadtmann eine Hirnstörung nach einem Unfall attestiert hatte. Auch hätte das Verfahren weder den Betrug, die Körperverletzung, noch die Minderdosierung nachweisen können, sagt Reuker. Die vorgetragene negative Warenbilanz sei nicht stichhaltig, es habe sich immer genügend Wirkstoff in der Apotheke befunden. Es sei kein Vorsatz noch ein Tatplan beim Angeklagten nachgewiesen worden. Das Organisationsdelikt sei für den Fall nicht anwendbar, sagt der Anwalt Reuker.
  • Medienpranger und Existenzvernichtung. Der Anwalt Peter Strüwe redet über Vorverurteilung durch die Medien. Er spricht vom Medienpranger. Auch hätten sich die Behörden an der Vorverurteilung beteiligt, sagt Strüwe, und nennt konkret das Kanzleramt, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft  und den NRW-Gesundheitsminister. Strüwe greift den Staatsanwalt an, diese Vorverurteilung nicht in die Strafmaßforderung eingerechnet zu haben. Auch hätte die Staatsanwaltschaft berücksichtigen müssen, dass Stadtmann zuvor nicht straffällig gewesen sei, und er und seine Familie durch das Verfahren ruiniert seien. Strüwe sagt ebenfalls, dass das Verfahren keinen der Anklagepunkte bewiesen hätte und das Organisationsdelikt nicht anwendbar sei, deshalb müsse der Angeklagte freigesprochen werden.
  • Urteil um 11Uhr. Der Richter Johannes Hidding schließt den Verhandlungstag und kündigt die Urteilsverkündung für Freitag um 11 Uhr an.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

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Das Urteil wird am Freitag um 11 Uhr verkündet.

Letzter Verhandlungstag: 6.Juni

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 42

Die Nebenklage will Stadtmann wegen Mordes verurteilen, der Staatsanwalt sieht dafür keine Möglichkeit. Emotionale Plädoyers rücken das Schicksal der Betroffenen in den Fokus. Das Urteil könnte am Freitag fallen.

weiterlesen 5 Minuten

von Cristina Helberg

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Das ist die Tragik des Prozesses. Erst am Ende des achtmonatigen Verfahrens geht es das erste Mal um das Schicksal der Betroffenen. Mehrere Nebenklage-Anwälte nutzen ihre Plädoyers und sprechen detailliert über den Krankheitsverlauf von Betroffenen und die Angehörigen. Immer wieder richten sie sich dabei auch direkt an Peter Stadtmann. Der Angeklagte hört den ganzen Tag aufmerksam zu und schaut die Sprechenden während ihrer Beiträge an, bleibt jedoch regungslos. Auch als eine Nebenklage-Anwältin ihm den Apotheker-Eid laut vorliest, den auch der Angeklagte geleistet hat. In einer kurzen Pause verlassen Stadtmanns Anwälte den Saal. Er bleibt alleine sitzen und schaut stur auf die in diesem Moment fast leere Seite der Nebenklage.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die zum Teil sehr emotionalen Plädoyers rühren die fünf anwesenden Nebenklägerinnen auf. Immer wieder brechen sie in Tränen aus. Trotz der zu erwartenden Plädoyers sind nur recht wenige Nebenkläger persönlich entschieden. Ihre Anwälte erklären, dass einige Mandanten gesundheitlich nicht in der Lage seien, am Prozess teilzunehmen. Andere sind in der Zwischenzeit verstorben. Auch an sie wird in den Plädoyers immer wieder erinnert. 

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Staatsanwalt fordert 13 Jahre und sechs Monate. Das Gericht schließt die Beweisaufnahme und beginnt mit den Plädoyers. Der Staatsanwalt Jakubowski macht den Anfang und wirft dem Angeklagten 60 Straftaten vor – ein Organisationsdelikt und 59 Betrugsfälle. Das Organisationsdelikt umfasse mehrere Straftaten: einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und 27 Fälle versuchter Körperverletzung. Stadtmann habe ein „systematisches Geschäftsmodell“ der minderwertigen Herstellung von Krebsmedikamenten betrieben und gewerbsmäßig in einem „beispiellosen Umfang“ Medikamente gefälscht. Er habe dabei insbesondere die hochpreisigen Infusionen aus den herzustellenden Therapien herausgesucht. Es habe sich im Prozess bestätigt, dass er 35 Wirkstoffe nicht ausreichend eingekauft habe. Die Verteidigung habe zwar noch ein paar Packungen Wirkstoff hervorzaubern können, diese würden den „Kohl aber auch nicht fett machen“. Am Ende sei der Angeklagte sehr gut damit weggekommen, dass nur 35 Wirkstoffe berücksichtigt wurden. Der Staatsanwalt betont, dass beim Mindereinkauf eine Toleranzgrenze von 30 Prozent zugunsten des Angeklagten berücksichtigt worden sei. Jakubowski sieht als erwiesen an, dass die Vorwürfe sich in allen 61.863 in der Anklage genannten Fällen bestätigt hätten. Ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz beginne nicht erst mit der Minderdosierung, sondern auch bei hygienischen Mängeln oder den „katastrophalen Herstellungsprotokollen“. An den Untersuchungsergebnissen des PEI und des LZG gebe es außerdem keine Zweifel. Die Gutachten hätten keine Einwände gegen die Analytik gezeigt und selbst Fritz Sörgel habe die angewandten Methoden als langjährigen Standard bezeichnet. Die restlichen 59 Straftaten seien Betrugsfälle durch Abrechnung mit Krankenkassen. Stadtmann hatte 59 Monate im angeklagten Tatzeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum Tag der Razzia am 29. November 2016 mit den Krankenkassen abgerechnet.

  • Staatsanwalt: Mord nicht nachweisbar. Nicht nachweisbar sind laut Staatsanwalt jedoch Tötungsdelikte oder versuchter Mord, weil unklar bliebe, wer wann und in welchem Ausmaß von Unterdosierungen betroffen war. Die Nebenklage sieht das anders. Laut Staatsanwalt konnte auch nicht bewiesen werden, dass Stadtmann Mitarbeiter zum Panschen angewiesen habe. Doch auch die Mitarbeiter hätten bewusst oder unbewusst gegen Dokumentationsvorschriften verstoßen. Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach spricht dagegen von einem „System von Unterstützern“. In fast allen anderen Punkten wirken Staatsanwalt und Nebenklage heute aber einig wie selten zuvor.

  • „An Dreistigkeit kaum zu überbieten“. Der Staatsanwalt wirft dem Apotheker vor, es sei „an Dreistigkeit kaum zu überbieten“, dass Stadtmann trotz einer Anzeige im Jahr 2013, die ihm bereits Unterdosierung vorwarf und eingestellt wurde, weiter unterdosiert habe. Es zeichne sich das Bild eines Apothekers, dem seine onkologische Spezialarbeit lediglich als Geldmaschine gedient habe. Straferschwerend sei zu berücksichtigen, dass Stadtmann ausgerechnet Krebsmedikamente manipuliert habe, die für die Betroffenen ein Rettungsanker seien und er sich zulasten von Menschen bereichert habe, die um ihr Leben kämpfen. „Wieso bereichert sich jemand, der selbst einmal schwer krank war, ausgerechnet an Schwerkranken?“, fragt Jakubowski.  

  • 56 Millionen Euro Schaden und die Eltern. Der Staatsanwalt sieht den in der Anklage bezifferten Schaden von 56 Millionen Euro als „vollumfänglich bestätigt“ an. Abzuziehen seien davon drei Millionen Euro, die die Krankenkassen nach der Inhaftierung Stadtmanns einbehalten hatten. Es dränge sich außerdem die Frage auf, warum es nach der Verhaftung Priorität gehabt habe, die Apotheke an die Mutter zu übergeben. Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz betont, dass auch gegen die „Herrscherin des Kellers und ihren Ehemann wegen Betrugs ermittelt“ werde. Auch die Nebenklage-Anwältin Eva Kuhn erwähnt in ihrem Plädoyer Stadtmanns Mutter und betont, dass kurzfristige Vermögensübertragungen anfechtbar seien.

  • Staatsanwalt fordert lebenslanges Berufsverbot. Jakubowski fordert ein lebenslanges Berufsverbot für Peter Stadtmann. Es sei unvorstellbar, dass „dieser Mann noch einmal als Apotheker arbeite“. Zusätzlich fordert der Staatsanwalt, dass Peter Stadtmann die Prozesskosten der Nebenklage bezahlen müsse.

  • „Was spricht gegen die Höchststrafe? Nicht viel“. So leitet Staatsanwalt Jakubowski seine Ausführungen zu möglichen strafmildernden Umständen ein. Für den Angeklagten spreche lediglich, dass er nicht vorbestraft sei. Der Staatsanwalt  nimmt auch Bezug auf die Medienberichterstattung zum Fall. Immer wieder hatten Stadtmanns Anwälte eine Vorverurteilung ihres Mandanten beklagt. Jakubowski sagt, im Vorfeld habe es zwar eine teilweise vorverurteilende Berichterstattung gegeben. Diese habe sich jedoch im Laufe des Gerichtsprozesses ausdifferenziert. Der Gesundheitszustand des Angeklagten komme hingegen für strafmildernde Umstände nicht in Betracht.

  • Nebenklage will Verurteilung wegen Mord. Die Anwälte der Nebenklage fordern, Peter Stadtmann für Mord und versuchten Mord zu verurteilen. So ist der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach der Auffassung, dass eine Verurteilung wegen Mordes in einer nicht genau festzustellenden Anzahl von Fällen möglich sei. Er richtet das Wort direkt an den Angeklagten: „Sie, Herr Stadtmann, haben meine Mandantin um die Chance betrogen, diese Krankheit zu besiegen und das kann man nicht anders als versuchten Mord werten.” Einige Anwälte der Nebenklage fordern ein höheres Strafmaß als der Staatsanwalt. Der Anwalt Tobias Degener beantragt die Verurteilung von „nicht unter 14 Jahren”. Anwalt Manuel Reiger fordert zusätzlich zum Berufsverbot ein Verbot jeder Tätigkeit im Labor. Dieses Verbot solle durch eine elektronische Fußfessel überwacht werden. Außerdem solle dem Angeklagten verboten werden, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten.

  • Gab es ein System Stadtmann? Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach wirft dem Angeklagten ein „System von Unterstützern” vor. Von diesen Personen dürfe niemand unbehelligt bleiben, der das System des Apothekers mitgetragen habe. Das sei das Gericht allen Patienten schuldig. Denn diese müssten auch in Zukunft darauf vertrauen können, dass ihre Therapien ordnungsgemäß hergestellt werden. Mit den Unterstützern meint Goldbach offenbar insbesondere die Mitarbeiter der Apotheke, den Steuerberater Stadtmanns und seine Eltern. Goldbach führt aus, die Mitarbeiter hätten von Unterdosierungen gewusst, der Steuerberater habe offenbar von nicht erklärbaren Gewinnen berichtet und davon vermutlich auch die Eltern Stadtmanns unterrichtet. Die seien zudem noch aktiv in die Arbeit der Apotheke eingebunden gewesen und hätten offensichtliche Verletzungen der Herstellungsvorschriften ihres Sohnes hingenommen.

  • Behördenversagen im Fall Stadtmann. Immer wieder kritisieren die Nebenkläger in ihren Plädoyers den Umgang der Behörden mit dem Fall der Alten Apotheke. Der Anwalt Sebastian Bessler spricht von einem „schweren Fall von Behördenversagen”. Der Anwalt Salih Erdil fordert ein Urteil mit abschreckender Wirkung. Schließlich sei Stadtmann nicht der Erste und nicht der Letzte, der die Schwächen der Überwachungsbehörden erkenne. Eine hohe Strafe sei notwendig, wenn der Staat seine „Zähne zeigen wolle”, sagt der Anwalt Tobias Degener.

  • Kein Täter-Opfer-Ausgleich. Weder einen Entschädigungsfonds, noch Ausgleichszahlungen habe Peter Stadtmann angeboten, kritisiert die Anwältin Eva Kuhn. Sie betont, dass dies juristisch auch ohne ein Geständnis möglich gewesen wäre. Der Angeklagte habe weder über seine Anwälte, noch über das Gericht oder außergerichtlich einen Täter-Opfer-Ausgleich angestrebt. Das sei bei der von ihm erzielten Gewinnspanne besonders verwerflich. Auch der Nebenklage-Anwalt Schulz betont, dass ein Geständnis des Angeklagten und ein Täter-Opfer Ausgleich eine geringere Bestrafung und ein anderes Bild von ihm und seiner Familie in der Öffentlichkeit ergeben hätten.

  • Welches System steckte hinter den Unterdosierungen? Die Betroffenen und ihre Anwälte hatte besonders eine Frage im Prozess beschäftigt: Welche Proben wurden warum unterdosiert. Der Anwalt Aykan Akyildiz bedauert, dass wohl nie geklärt werde, wer wann und warum von welchen Unterdosierungen betroffen gewesen sei. Im Falle seiner Mandantin sei nicht geklärt worden, warum die für sie bestimmte und beschlagnahmte Infusion statt Trastuzumab den Wirkstoff Pertuzumab enthielt, obwohl letzterer im Einkauf teurer sei. Der Nebenklage-Anwalt Erdil stellt die Frage nach dem Motiv. Seinen Mandaten sei es nicht um die Vermögensvorteile Stadtmanns gegangen, sondern vor allem um die Beantwortung einer Frage: Warum jemand einer erkrankten Patientin die letzte Hoffnung auf Heilung nimmt? Diese Frage bleibe nun unbeantwortet. Der Staatsanwalt Jakubowski vergleicht in seinem Plädoyer die Umständer der mutmaßlichen Unterdosierungen mit „Forest Gump und seiner Pralinenschachtel: man wusste nie, was man bekommt“.

  • Vergleich mit KZ-Arzt. Eine Externalisierung von moralischer und rechtlicher Verantwortung wirft der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz indirekt in seinem Plädoyer dem Angeklagten vor. Schulz vergleicht Stadtmann indirekt mit dem KZ-Arzt Mengele, dem das Schicksal seiner Opfer egal gewesen sei. Dabei verweist er auf die von Zeugen im Gericht wiedergegebene Äußerungen Stadtmanns, der über Patienten gesagt haben soll, „die sterben doch eh“.  Auch auf die Rolle des Harry Lime im Film „Der dritte Mann“ spielt Schulz an. Dieser strecke im Film Penizillin, um Gewinne zu maximieren und rechtfertige das mit der Bedeutungslosigkeit des Lebens Einzelner.

  • Ähnlicher Fall in den USA? Der Nebenklage-Anwalt Schulz verweist in seinem Plädoyer auch auf einen vergleichbaren Fall in den USA. Dieser zeige verblüffende Parallelen. Dabei handele es sich um den Zyto-Apotheker Robert Courtney aus Kansas City im US-Bundesstaat Missouri. Er sei wegen der Unterdosierung in 98.000 Fällen zwischen 1992-2001 in den USA angeklagt und zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Es sei verblüffend, dass sowohl das FBI in den USA und die Ermittlungsbehörden NRW zunächst sehr zurückhaltend auf den jeweiligen Tatverdacht reagiert hätten. Die Ermittler in beiden Ländern hätten sich wohl ein Verbrechen dieser Dimension einfach nicht vorstellen können. Die us-amerikanische Justiz habe jedoch „robuster und konsequenter“ als bisher die deutsche reagiert. Cortney habe zivilrechtlich Schadensersatz von 2,2 Milliarden US-Dollar zahlen müssen. Die Ausfechtung der zivilrechtlichen Ansprüche stehe Peter Stadtmann noch bevor.

  • Machte sich einer der Verteidiger strafbar? Der Anwalt Schulz wirft die Frage auf, ob ein Verteidiger Stadtmanns die Grenzen anwaltlicher Interessenvertretung überschritten habe und an Straftaten beteiligt gewesen sei. Der indirekte Vorwurf: Der Verteidiger habe 2014 aufgrund der ersten Anzeige erklärt, sein Mandant Stadtmann würde niemals unterdosieren, weil es ihm um das Wohl der Patienten gehe und er ein guter Mensch sei. Obwohl der Steuerberater Stadtmanns, der ein Kanzleikollege des Anwalts sei, gesagt habe, dass die Gewinne des Angeklagten steuerlich nicht erklärbar seien.

  • Gericht bestätigt Sachverständige. Vor Beginn der Plädoyers lehnt das Gericht die Ablehungsanträge der Nebenklage und der Verteidigung gegen die Sachverständigen Faustmann und Schiffer ab. Damit werden die Aussagen beider Sachverständigen im Urteil berücksichtigt. In ihrer Begründung betont die Kammer, dass die Verteidigung selbst Schiffer als Sachverständigen vorgeschlagen habe.

  • Vier offene Beweisanträge der Verteidigung. Offen sind nun noch vier Anträge der Verteidigung, die erst im Urteil entschieden werden. Die Nebenklage hat alle Anträge zurückgezogen. Die vier Anträge der Verteidigung sind folgende: Antrag auf Anhörung des Architekten Stadtmanns als Zeugen und Antrag auf Anhörung zweier Mitarbeiter des Bottroper Spendenlaufs als Zeugen. Beide Anträge wurden schon am 41. Prozesstag gestellt. Mit der Anhörung der Zeugen wollen die Verteidiger offenbar belegen, dass Stadtmann Aufgaben aufgrund seines Gesundheitszustandes delegierte. Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach dreht dieses Argument um: Wenn Stadtmann Aufgaben delegiert habe, habe er offenbar, anders als dargestellt, eine klare Vorstellung seiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit gehabt. Der dritte Antrag wurde ebenfalls bereits am vorherigen Prozesstag gestellt und heute weiter ausgeführt: die Verteidigung will den Sachverständigen Faustmann zur Begutachtung der Schuldfähigkeit berufen. Die Begründung: Die Qualifikation des Sachverständigen Schiffer sei nicht ausreichend, um die Einschränkungen in Folge der Hirnschädigung zu bewerten. Er habe keine neurologische oder medizinischer Ausbildung. Der vierte noch offene Antrag ist die heute gestellte Forderung der Verteidigung nach einem weiteren pharmazeutischen Gutachten zu den Untersuchungen des PEI und LZG. Dafür führen Stadtmanns Anwälte die bereits bekannten Gründe an. Sie werfen den beiden Instituten vor, deren Untersuchungsmethoden entsprechen nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

  • Vorwurf der „Verschleppungsabsicht“ und „Strafvereitlung“. Nachdem die Verteidigung am Morgen seitenlange Anträge verliest, werfen der Staatsanwalt und die Nebenklage Stadtmanns Anwälten vor, den Prozess bewusst in die Länge zu ziehen. „Bisher habe ich diesen Begriff vermieden, aber das ist jetzt im Bereich der Verschleppungsabsicht”, sagt Staatsanwalt Jakubowski. Der Antrag einen weiteren Sachverständigen zu den Gutachten des LZG und PEI zu hören entwerte zudem indirekt die Sachverständigen Kinzig, Sörgel und Blume. Der Nebenklage-Anwalt Khubaib-Ali Mohammed geht noch weiter. Er wirft der Verteidigung indirekt einen Anfangsverdacht von Strafvereitelung vor.

  • Verteidigung scheitert endgültig an Verlängerung der Antragsfrist. Die Verteidigung versucht am Morgen erneut mit dem letzten verbliebenen Mittel einer Gegenvorstellung vergeblich gegen die Beweisantragsfrist des Gerichtes vorzugehen. Das Gericht hält an dem Beschluss fest und bestätigt die Frist. Alle offenen Anträge werden somit erst im Urteil beschieden.

  • Nutzt Peter Stadtmann die Möglichkeit des Schlusswortes? Mehrere Anwälte der Nebenklage werfen dem Angeklagten vor Möglichkeiten der Aufklärung ungenutzt gelassen zu haben. Insbesondere sein Schweigen sei für die Opfer schwer zu ertragen. Die Anwältin Iris Gerdau appelliert eindringlich und emotional an Peter Stadtmann die letzte Möglichkeit, das Schlusswort des Angeklagten, zu nutzen, um sich noch zu äußern.

  • Urteil frühestens am Freitag. Richter Hidding stellt klar, dass mit einem Urteil frühestens am Freitag zu rechnen sei. Vorher müssen noch die restlichen Nebenklage-Anwälte und die Verteidigung ihre Plädoyers halten.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Donnerstag werden voraussichtlich die letzten Plädoyers gehört. Das Urteil könnte dann am Freitag fallen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 5. Juli und 6. Juli.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 41

Die Verteidigung fordert, Stadtmann frei zu lassen. Der Staatsanwalt wirft der Nebenklage vor, das Urteil zu verzögern. Richter Hidding kündigt Plädoyers an.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann kommt verspätet zur Verhandlung. Der Transport stand im Stau. Als er von dem Tod einer der Nebenklägerinnen hört, reagiert er zunächst nicht. Dann fängt er an intensiv mit seinen Anwälten zu reden.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind zwei Betroffene im Gericht. Bis zum Ende bleiben sie nicht. Anfangs verfolgen vier Zuschauer und vier Journalisten den Prozess. Am Abend sind es noch ein Zuschauer und zwei Journalisten.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Nebenklägerin verstorben. Eine der Nebenklägerinnen ist verstorben. „Ich muss Ihnen eine traurige, bedauerliche Nachricht überbringen“, sagt Richter Hidding zu Beginn der Verhandlung. Ein Anwalt habe ihn vom Tod einer der Nebenkläger unterrichtet. Ihr Ehemann, der heute nicht im Gerichtssaal sitzt, sei nun neuer Nebenkläger.

  • Staatsanwalt Jakubowski wettert gegen Nebenklage. Die Nebenklage stellt erneut Beweisanträge. Dem Staatsanwalt platzt daraufhin der Kragen: „Ich kann nicht verstehen, warum die Nebenklage sich daran beteiligt zu verzögern, dass dieser Mann verurteilt wird.“ Dabei dreht sich Jakubowski zu den Nebenklägerinnen um und schüttelt den Kopf. Nebenklageanwalt Goldbach hatte beantragt, seine Mandantin als Zeugin hören. Außerdem fordert er, für den Fall, dass Faustmann nicht abgelehnt wird, einen IQ-Experten zu vernehmen.

  • Antragsfrist bestätigt. Richter Hidding sieht in einigen Anträgen eine Verzögerungstaktik. Er hatte letzte Woche eine Frist für Anträge gestellt. Bis Mittwoch, den 27.06. sollten alle Beweisanträge eingegangen sein. Die Kammer bestätigt heute nachträglich den Beschluss. Grund: Die Beweisaufnahme sollte  schon im Februar geschlossen werden. Weil nun Beweisanträge sehr viel später gestellt werden, vermutet Hidding eine Verzögerungstaktik. Am Dienstag plant Hidding die Beweisaufnahme endgültig zu schließen. Nur glaubhaft begründete Anträge hätten dann vielleicht noch eine Chance.

  • Verteidigung fordert Haftentlassung. Stadtmanns Anwälte fordern, dass der Haftbefehl aufgehoben wird. Faustmanns Gutachten habe eine Hirnstörung bestätigt, die zu unbewussten Fehlleistungen führen könne. Die Argumentation: Falls Stadtmann unbewusst falsch dosiert hat, ist die Anklage nicht zu halten und der Haftgrund fällt weg. Die Verteidiger wollen außerdem noch den Architekten Stadtmanns und andere Zeugen hören. Sie sollen belegen, dass Stadtmann auch außerhalb des Zyto-Labors Einschränkungen hatte und irrationale Entscheidungen getroffen habe. Wenn Schiffer nicht abgelehnt wird, wollen sie Faustmann als offiziellen Gutachter zu Schuldfähigkeit hören.

  • Gericht ist nicht befangen. Die Kammer aus Ersatzrichtern hat den Befangenheitsantrag gegen das Gericht abgelehnt. Nebenkläger hatten einen Ablehnungsantrag gegen Richter Hidding und die gesamte Kammer gestellt. Der vorsitzende Richter Hidding war bereits am vergangenen Verhandlungstag vom Vorwurf der Befangenheit entlastet worden. Dies gilt nun auch für die gesamte Kammer. Damit geht der Prozess weiter und wird nicht neu aufgerollt.

  • Nebenklage und Verteidiger lehnen gegenseitig Gutachter ab. Die Nebenklage lehnt den psychiatrischen Gutachter Pedro Faustmann wegen Befangenheit ab. Staatsanwalt Jakubowski will sich nicht zu Faustmanns Aussage äußern. Stadtmanns Anwälte lehnen ihrerseits den Gutachter Schiffer ab, obwohl sie ihn selbst vorgeschlagen hatten. Sie hätten seine Qualifikation besser prüfen müssen, sagen die Verteidiger und räumen dies als Fehler ein. Staatsanwalt Jakubowski lehnt beide Anträge ab. Er wirft Verteidigung und Nebenklage vor, lediglich inhaltliche Kritik am Ergebnis der Gutachten zu äußern.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Richter Hidding könnte am Dienstag die Beweisaufnahme schließen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage könnten dann mit ihren Plädoyers beginnen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 03.07., 05.07. und 06.07.

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© CORRECTIV.RUHR

Der Prozess

Der Prozess, Tag 40

Der psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann sagt erneut aus. Der Saal diskutiert über IQ-Werte und Schmerztropfen. Ersatzrichter müssen nun entscheiden, ob die ganze Kammer befangen ist.

weiterlesen 4 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute ruhig. Als seine Verteidiger nach dem Zitat einer Zeugin suchen, blättert er in den großen Aktenordnern herum und sucht danach. Ansonsten lehnt er sich große Teile der Verhandlung zwischen seinen Verteidigern zurück und sieht geradeaus.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Am Anfang des Tages sind sechs Betroffene im Gericht. Bis die Sitzung mit fast vierstündiger Verspätung beginnt, sind fünf davon gegangen. Am Ende des Tages sitzen nur noch Anwälte auf den Bänken der Nebenklage. Zwei Zuschauer und zwei Journalisten verfolgen den Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Ersatzrichter müssen über Befangenheit entscheiden.Teile der Nebenklage haben nach Richter Hidding auch die komplette Kammer abgelehnt. Den Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Hidding wies die Kammer heute zurück. Doch über einen Antrag gegen die anderen beiden Berufsrichter und die zwei Schöffen in der Kammer müssen nun andere befinden. Nach einem komplexen System ist festgeschrieben, welche Richter in so einem Fall über welche Kollegen entscheiden. Die drei Richter des Landgerichts Essen, die ausgewählt wurden, setzen eine Frist. Bis morgen, 13 Uhr, dürfen alle dazu Stellung nehmen. Danach werden sie sich beraten. Lehnen sie die Kammer wegen Befangenheit ab, müsste das Verfahren mit neuer Besetzung wiederholt werden.

  • Die IQs von amerikanischen Apothekern 1945. Ein Streitpunkt ist und bleibt die Einschätzung von Stadtmanns IQ. Bereits der psychologische Sachverständige Boris Schiffer hatte kritisiert, dass sich Faustmann auf ungewöhnliche Vergleichsgruppen beziehe. Faustmann hatte gesagt, Stadtmann habe in einigen Tests einen für ihn auffällig niedrigen IQ-Wert von 100-115 erzielt. Der IQ von Apothekern liege durchschnittlich bei 120-125 Punkten. Diesen Vergleichswert hat Richter Hidding herausgesucht. Er stamme aus einer US-Untersuchung aus dem Jahr 1945. Dort sei auch aufgeführt, dass ein Bäcker einen niedrigeren IQ als ein Konditor habe, sagt Hidding. „Vielleicht weil er auf Kuchen schreiben muss“, sagt der Richter, und fragt, ob solche Zahlen überhaupt einen Aussagewert hätten. Faustmann bejaht, es seien ja nur Mittelwerte. Hidding ist dies nicht genug. Die Frage sei berechtigt, wenn Faustmann ihm mit solchen uralten Studien käme. Der Sachverständige erwähnt eine Studie von 2001, dort seien keine Apotheker, jedoch Pharmazeuten mit einem Wert von 116 eingetragen. Die Nebenklage hakt nach: „Ist es nicht nur Ihre eigene Einschätzung, dass der Angeklagte einen höheren IQ gehabt haben muss?“ Faustmann antwortet, er beziehe das aus dem Beruf, dem Bildungsweg und dem Abiturschnitt.

  • Eingeschränkt nur im Zytolabor? Richter Hidding versteht nicht, wie das ganze Leben Stadtmanns so toll laufen konnte und dann ein so winziger Teil nicht. Er habe schließlich erfolgreich gearbeitet, ein Haus gebaut und Charity betrieben, sagt Hidding. Genau darin läge die Schwierigkeit, sagt Faustmann. Man merke oft nicht, wenn die Einschränkung in einem ganz spezifischen Bereich sei. Es müsse die Situation unter Zeitdruck mit vielen Wiederholungen in Folge gegeben sein, sagt Faustmann. Sonst würde man die Einschränkungen in anderen Teilen des Alltags wohl nicht bemerken. Es sei bei Stadtmann auch zu keiner Wesensveränderung gekommen, sagt Faustmann. Leistungseinschränkungen seien bei dem hohen Selbstbild und der gehobenen Stimmung Stadtmanns nicht leicht zu erkennen. In Belastungssituationen würden sich dann die Einschränkungen zeigen. Ob dies nur im Zyto-Labor der Fall gewesen sei, könne er auch nicht sagen.

  • Wusste Stadtmann, was er tat? Laut Faustmann könnten unbewusste Unterdosierungen in der Stresssituation von Zyto-Herstellungen passiert sein. Die unterschiedlich unterdosierten Proben passten in ihrer Bandbreite zu der Theorie. Stadtmann habe gesagt, er könne vom Protokoll her einschätzen, ob eine Wirkstoffmenge richtig für die Person sei, sagt Nebenklageanwalt Goldbach. Die Äußerung stamme aus dem Gutachten Schiffers. Wie habe er dann mutmaßlich viel zu geringe Mengen hineintun können, fragt Goldbach. Er sei ja im Alltag nicht gestört gewesen, sagt Faustmann. Nur unter bestimmten Anforderungen arbeite er schnell, fühle sich dabei gut, mache aber qualitative Fehler. Nebenklageanwalt Schulz hakt nach. Eine Zeugin habe Stadtmann das Zitat „Die sterben doch eh alle“ zugeschrieben. Wie würde das ins Bild passen, wäre es dann nicht vorsätzlich? Faustmann argumentiert wieder mit der Stresssituation. Nach fünf Nachfragen, sagt er: „Wenn jemand das während der Herstellung sagen würde, also eine Metaebene aufmacht, dann müsste man das anders bewerten.“ Die Argumentation der Nebenklage: Wenn eine Person darüber reflektiert, während sie die Handlung ausführt, dann liegt ein Vorsatz nahe.

  • Kritik an Tests von Schiffer. Die Verteidigung befragt Faustmann zum Gutachten von Professor Schiffer. Wie Faustmann damit umgehen würde, wenn ein Proband vor dem Termin Neuralgin gegen Kopfschmerzen genommen hätte? Das sei für Faustmann ein „absolutes No Go“. Die Untersuchung müsste abgebrochen werden, sagt Faustmann. Man könne dann keine validen Tests mehr machen. Der Richter korrigiert: Die Tropfen seien laut Schiffer nur vorbeugend gewesen. Im Gerichtssaal wird über das Medikament diskutiert. Ein Arztbrief von 2006 weise auf mögliche psychische Nebenwirkungen der Tropfen hin, sagt Faustmann. Auch zu den Fragen Schiffers wollen Stadtmanns Anwälte Faustmanns Einschätzung. Wie fände er es, dass Schiffer dem Angeklagten Zeugenaussagen vorgehalten habe? Er würde davon abraten, es sei nicht die Aufgabe des Gutachters zu ermitteln, sagt Faustmann.

  • Keine Vereidigung. Obwohl alle Beteiligten eine Vereidigung des Sachverständigen beantragten, lehnt die Kammer das ab. Staatsanwalt Jakubowski machte den Vorschlag, Nebenklage und Verteidigung schlossen sich an. Richter Hidding war dagegen: „Wir machen hier keine Vereidigungen. Ich will nicht sagen es wäre Quatsch, aber…“. Die Kammer schließt sich dem Vorsitzenden an. Es benötige keine Vereidigung, um ein unparteiisches Gutachten sicherzustellen.

  • Verteidiger zweifeln Herstellungsprotokolle an. Die Verteidigung beantragt, 27 der beschlagnahmten Infusionsbeutel zu sehen. Stadtmann soll diese Proben selbst hergestellt haben. Seine Anwälte wollen beweisen, dass hier nicht das Kürzel „PS“ markiert wurde. Dann seien die Herstellungsprotokolle der einzige Hinweis auf Stadtmann als Hersteller. Hier will die Verteidigung einen Graphologen hören, der bestätigen soll, dass die Kürzel auf den Protokollen nicht Stadtmanns Unterschrift sind.  

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Der Verhandlungstag am Donnerstag wird abgesagt. Das Programm am Freitag ist noch nicht klar. Zumindest will die Kammer aber am Freitag darüber beraten, ob die Frist für Anträge verlängert wird.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 39

Die Nebenklage lehnt Richter Hidding als befangen ab. Eine Scheidungsanwältin sagt als unerwartete Zeugin aus. Ein Sachverständiger bescheinigt Stadtmann Störungen. Am späten Abend wird die Verhandlung wegen einem Migräneanfall Stadtmanns unterbrochen.

weiterlesen 7 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann ist heute ruhig und starrt über weite Teile der Verhandlung auf die Wand gegenüber. Als es kurz vor Schluss eine Pause gibt, steht er am offenen Fenster und beobachtet die Straße. Nach der Verhandlung wirkt er müde, unterhält sich aber noch mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Zehn Betroffene sitzen heute auf den Bänken der Nebenklage. Am Ende des zehnstündigen Verhandlungstages sind es nur noch zwei. Neun Zuschauer und fünf Journalisten verfolgen anfangs den Prozess. Über den Tag verlassen drei Journalisten und fünf Zuschauer den Saal.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Befangenheitsantrag gegen Richter Hidding. Schon am Sonntag hatte Nebenklageanwalt Andreas Schulz einen Antrag auf Ablehnung des Vorsitzenden eingereicht. Das verkündet Richter Hidding zu Beginn der Sitzung. In einem solchen Fall muss die Kammer ohne den vorsitzenden Richter über dessen Befangenheit entscheiden. Trotz des Antrages entscheidet Hidding weiterzuverhandeln und den Sachverständigen Pedro Faustmann aus praktischen Gründen erst einmal aussagen zu lassen. Es beginnt ein Schlagabtausch an Anträgen. Schulz fordert einen Kammerbeschluss. Als die Kammer den Richter bestätigt, beantragt Nebenklage-Anwältin Gerdau eine Unterbrechung. Sie will einen Antrag auf Befangenheit der gesamten Kammer vorbereiten. Hidding will das Wort nicht mehr erteilen. Auch dafür benötigt es wieder einen Kammerbeschluss. Schulz wirft immer wieder ein, er wolle eine Entscheidung zu seinem Antrag auf Einsicht der Arbeitsunterlagen der Sachverständigen. Auch in der Befragung von Faustmann, betont er immer wieder, die Unterlagen ja leider nicht zu bekommen. Richter Hidding wird laut. Schulz wirft ihm vor, empfindlich zu sein. Die Verteidigung beantragt die Vernehmung der Zeugin Christina M., die sie bereits geladen haben und die vor Ort ist. Dem wird stattgegeben. Sie darf aussagen. Alle anderen Anträge werden auf Mittwoch verschoben.

  • Scheidungsanwältin kann kurze Ehe nicht verstehen. Christina M., eine Schulfreundin Stadtmanns sagt aus, sie habe auffällige Veränderungen an ihm bemerkt. Sie hatte sich bereits per Fax bei Gericht gemeldet. In der Schulzeit sei Stadtmann ein strukturierter, überlegter, ein bisschen verklemmter Mensch gewesen, sagt die Zeugin. Als er sie 2010 wieder kontaktierte, um sich von ihr als Scheidungsanwältin vertreten zu lassen, habe sie einige Veränderungen bemerkt. Die kurzfristige Eheschließung sei für sie schwer nachvollziehbar gewesen. Es habe nicht zu dem Mensch gepasst, den sie kannte. Es seien auch geschätzt 400.000 bis 600.000 Euro an die Ehefrau und ihre Eltern geflossen. Dies und die Gründe der Trennung habe Stadtmann nicht begründen können. Das habe für sie realitätsfern gewirkt. Auch Konzentrationsprobleme und Stimmungsschwankungen seien ihr aufgefallen. In einem Gespräch sei er euphorisch gewesen und im nächsten bedrückt. Die Veränderung hätten auch Stadtmanns Vater und sein Anwalt bestätigt, sagt Christina M. Auf Nachfrage, wie das Fax an das Gericht gelangte der Nebenklage, sagt Christina M., dass sie zuerst Stadtmanns Verteidigern angerufen habe. Dort habe sie das Aktenzeichen erfragt, um das Fax an das Gericht zu schicken. Grund: Sie hatte die Kanzlei damals Stadtmanns Eltern empfohlen und sich noch an den Namen erinnert.

  • Kognitive und affektive Störung? Die Testergebnisse sprechen für eine Störung der kognitiven Leistungsfähigkeit im konzeptuellen Denken und Exekutivfunktionen, sagt der psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann. Die IQ-Werte von 100 beziehungsweise 115 würde man bei einem studierten Akademiker anders erwarten. Richter Hidding wirft ein, dass in Deutschland die Bildung nicht allein von der Intelligenz abhinge. Faustmann bezieht sich auf Listen, die Psychologen für die Einschätzung von IQs entworfen haben. Dort sei für einen Apotheker 120 bis 125 ein normaler IQ-Wert. Auch habe er im Vergleich zu Hauptschülern in einem der Tests schlecht abgeschnitten. Der psychologische Sachverständige Schiffer hatte diese Vergleichswerte in Frage gestellt, da er sie in keinem Handbuch gefunden habe. Faustmann verweist auf Testverfahren, die man in einem Katalog bestellen könne. Auffällig sei außerdem gewesen, wie Stadtmann sich verhalten habe, sagt Faustmann. Er habe im Gespräch motiviert und freundlich gewirkt: „Er hatte sich einen Notizblock mitgenommen, eine Überschrift geschrieben, um was es gehen solle heute.“ Das sei ein ungewöhnliches Verhalten für jemanden, der so lange in Haft saß. Das deute auf eine affektive Störung hin. Stadtmann habe auch seine eigenen Schwächen nicht gesehen.  Auf Frage der Nebenklage erklärt Faustmann, in Bezug auf das Gutachten von Schiffer, sei seine Diagnose gleich, nur habe Schiffer keine validen Testergebnisse gehabt.

  • Fehler oder Vorsatz? Die Nebenklage will wissen, ob es unter solchen Bedingungen möglich ist, dass nur Unter- jedoch keine Überdosierungen produziert werden. Stadtmann  habe ständig Angst gehabt, nicht mit der Arbeit fertig zu werden, sagt der Sachverständige. Falls diese Angst so dominant war, ließen sich gerade Unterdosierungen erklären, sagt Faustmann. In so einer Situation käme es zu Elementarhandlungen, wie einfache Schritte immer wieder zu wiederholen. Auch sei es plausibel, dass Stadtmann durch die Angst lieber zu wenig als zu viel Wirkstoff hineingetan habe. Dies müsse nicht bewusst geschehen sein.  Die Nebenklage hakt nach: Bei den beschlagnahmten Proben war nur eine von 29 Antikörper-Probe nicht unterdosiert gewesen. Ausgerechnet die war für eine Studie hergestellt worden. Wie sich das erklären ließe, fragt die Nebenklage. Faustmann weicht aus. Dies könne er nur beantworten, wenn er die Herstellungssituation kenne. Sind alle Proben an einem Tag entstanden? Wie viel Zeitdruck hat bei der Herstellung geherrscht? Ohne diese Informationen könne er die Frage nicht beantworten.

  • Migräneanfall Stadtmanns, Faustmann muss in die Verlängerung. Bevor die Verteidigung den Sachverständigen befragen kann, muss die Verhandlung am späten Abend gegen 19.45 Uhr abgebrochen werden. Stadtmann habe einen Migräneanfall, sagen seine Anwälte und bereits Schmerzmittel genommen. Er könne der Verhandlung nicht weiter folgen. Faustmann muss somit erneut geladen werden. Er hatte bereits zu Anfang mitgeteilt, dass er die nächsten zwei Wochen keine Zeit habe. Auch eine erneute Befragung des Sachverständigen Schiffer sei noch möglich, sagt Richter Hidding. Bis Mittwoch will er einen neuen Termin mit Faustmann koordinieren. Dann müsse man sehen, ob die angesetzten Termine  eingehalten werden. Möglicherweise kommt es auch zu einer Unterbrechung.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Mittwoch sollen einige Anträge gestellt werden. Das Gericht will außerdem entscheiden, wie der Zeitplan für die nächste Woche aussieht.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      27.06., 28.06., 29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 37

Die Verteidigung beantragt, noch mehrere Zeugen zu hören, den psychologischen Sachverständigen Schiffer auszuschließen und ein neues Gutachten über die beschlagnahmten Proben. Das Gericht lehnt derweil 18 übrige Anträge ab.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute aufgeweckt und aufmerksam. Nachdem der Richter darauf verweist, nächste Woche könne ein Urteil fallen, diskutiert Stadtmann ernst mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Sieben Nebenklägerinnen sitzen im Gerichtssaal. Einige davon tragen heute T-Shirts mit dem Spruch „Wer schweigt, macht sich mitschuldig“. Der Richter weist sie an, den Text zu verdecken. Sieben Zuschauer sitzen anfangs im Gericht. Nach zahlreichen Pausen sind es nur noch zwei. Drei Journalisten verfolgen den Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Verteidigung stellt Flut von Anträgen. Stadtmanns Anwälte wollen die Beweisaufnahme noch nicht schließen. Sie stellen insgesamt zwölf Anträge. Unter anderem lehnen sie den psychologischen Sachverständigen Boris Schiffer ab. Er habe dem Angeklagten nicht klargemacht, dass er Psychologe und kein Psychiater sei. Richter Hidding lässt zum Ende der Verhandlung durchklingen, dass dieser Antrag wohl abgelehnt wird. Die Verteidigung beantragt außerdem eine neue Untersuchung der beschlagnahmten Proben. Bei den Gutachten seien zu viele Fehler passiert, wie die Aussage von Martina Kinzig vom Pharmazeutischen Institut Nürnberg belege. Weitere Anträge der Verteidigung: Ein Sachverständiger solle aussagen, dass Keime in der Laborluft keine Kontaminierungsgefahr bergen. Stadtmanns Ärztin solle zudem als Zeugin geladen werden. Sie könne bestätigen, dass Stadtmann am Tag vor der Razzia keine Zytostatika für den nächsten Tag hergestellt habe. Der Angeklagte sei am Vormittag in der Arztpraxis gewesen und habe so keine der beschlagnahmten Krebstherapien hergestellt. Nebenklage und Staatsanwaltschaft monieren, dass es sich nur um einen einstündigen Arzttermin gehandelt habe. Über den Rest des Tages könne die Zeugin nichts sagen. Die Verteidigung kommt auch noch einmal auf mögliche Schwarzkäufe zu sprechen. Es gebe einen Mailverteiler, über den Apotheker Zytostatika untereinander verkaufen. Dazu wollen Stadtmanns Anwälte eine Zeugin vom Verband Zytostatika herstellender Apotheker laden. Auch den Zeugen Hubertus A. wollen die Anwälte erneut hören. Der mit Stadtmann befreundete Apotheker soll aussagen, dass im Januar 2016 Zytostatika der Alten Apotheke in seinem Labor hergestellt wurden. Die Verteidigung verweist darauf, dass diese wohl in die Warenrechnung der Alten Apotheke eingegangen seien. Richter Hidding ruft A. in der Pause an und spricht mit seinem Laborleiter. Es solle sich um maximal zwei Tage gehandelt haben.

  • Medienberichte: Verteidigung und Gegenseite einig. Die Verteidigung beantragt auch, Medienberichte zu verlesen. Sie sollen zeigen, wie Stadtmann vorverurteilt worden wäre. Seine Anwälte nennen über 20 Beispiele. Stadtmanns Schuld wäre in einigen Artikeln als sicher dargestellt worden. Die Berichterstattung habe sein Recht auf ein faires Verfahren erheblich beeinträchtigt. Dies ist der einzige Antrag, dem auch die Staatsanwaltschaft, sowie große Teile der Nebenklage zustimmen. Der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz merkt allerdings an, die Verteidigung hätte ihren Mandanten durch das psychologische Gutachten bereits selbst bloßgestellt.

  • Sörgel kritisiert erneut die Probenuntersuchungen. Richter Hidding verliest ein Fax des Sachverständigen Fritz Sörgel. Sörgel fragt an, wann er sein zusammenfassendes Gutachten ins Gericht einbringen kann. Er hatte die Dokumentation des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) und des Landeszentrums für Gesundheit (LZG) untersucht. Letzte Woche erstattete seine Mitarbeiterin Martina Kinzig ihr Gutachten. Sörgel möchte nun erneut gehört werden. Die Fülle der Fehler bei PEI und LZG sei im Hinblick auf die Ergebniszuverlässigkeit nicht hinnehmbar, schreibt Sörgel in seinem Fax. Auf Nachfrage der Verteidigung erklärt der Richter, dass Sörgel bereits entlassen sei.

  • Kindheitsfreundin Stadtmanns faxt dem Richter. Am Freitag meldete sich auch eine Kindheitsfreundin des Angeklagten bei dem Gericht. Über ihre Anwaltskanzlei nimmt sie in dem Fax Stellung zu Wesensveränderungen bei Stadtmann. Sie sei mit dem Angeklagten zur Schule gegangen, habe dann den Kontakt verloren. 2010 habe Stadtmann sie angerufen, um sich von ihr als Scheidungsanwältin beraten zu lassen. Sie habe damals eine auffällige Persönlichkeitsveränderung bemerkt. Die Hamburgerin widerspricht dem Gutachten des psychologischen Sachverständigen Schiffer. Stadtmann habe Stimmungsschwankungen gehabt, sich vollkommen verworren verhalten und sei emotional nicht zugänglich gewesen. Sie stehe dafür auch als Zeugin bereit, schreibt die Frau. Nebenklage-Anwalt Mohammed behält sich vor, die Rechtsanwältin wegen Verstoß gegen ihre Schweigepflicht anzuzeigen.

  • 18 Anträge zurückgewiesen, Urteil vielleicht nächste Woche. Das Gericht weist 18 Anträge zurück, die sich im Laufe der Verhandlung angesammelt haben. 15 davon stellte die Verteidigung. Das Gericht lehnt eine ganze Reihe Ärzte als Zeugen ab. Sie sollten bestätigen, dass Therapien aus der Alten Apotheke gewirkt haben. Auch einige weitere Zeugen wird das Gericht nicht laden. So Martin Porwoll und Marc F., die sich in Aussagen über ein Gespräch widersprochen hatten. Außerdem werden Screenshots des Warensystems nicht ins Verfahren gebracht. Die Zahlen hieraus würden ohnehin als unzuverlässig gesehen. Man könne von absichtlichen Falscheingaben ausgehen. Außerdem hätten einige Lieferanten bereits Fehler korrigiert. Deshalb könne man eine Fehlertoleranz mit einrechnen. Diese solle zugunsten des Angeklagten sein, sagt der Richter.  Auch den Antrag der Nebenklage, die Tonaufzeichnungen des Sachverständigen Schiffer zu hören, lehnt das Gericht ab. Über die Anträge der Verteidigung von heute wird am nächsten Verhandlungstag entschieden. Wenn sie abgelehnt werden, können die Plädoyers beginnen. „Dann könnten wir kommende Woche das Urteil verkünden“, sagt Richter Hidding.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Der Richter will morgen die Anträge von heute beschließen. Falls keine weiteren dazu kommen und die Beweisanträge abgelehnt werden, fangen die Plädoyers an.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 19.06., 20.06., 22.06., 25.06., 27.06. und 29.06.

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