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Patrik Stollarz / AFP

Ruhr

Die CORRECTIV Lokalredaktion

CORRECTIV.Ruhr sucht nach Themen, die Menschen wirklich vor Ort bewegen. Hier führen wir Debatten und experimentieren mit Formaten. Wir wollen dabei lernen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, was sie zusammenhält, wie wir Probleme gemeinsam überwinden können.

© Ivo Mayr / Correctiv

Alte Apotheke

Angebliche Hirnschädigung bei Peter Stadtmann

Die Verteidigung des Apothekers Peter Stadtmann behauptet, ihr Mandant habe eine geminderte Schuldfähigkeit in Folge einer Hirnschädigung. Das von der Verteidigung beschriebene Krankheitsbild könnte dazu führen, dass dem inhaftierten Apotheker der Führerschein entzogen wird.

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von Marcus Bensmann

Die Verteidigung von Peter Stadtmann hatte im Prozess um tausende gepanschte Medikamente behauptet, der inhaftierte Apotheker sei in Folge eines Sturzes 2008 schuldunfähig geworden. Er habe sich eine Hirnschädigung zugezogen und wenn er etwas tatsächlich falsch gemacht habe, wie tausende Medikamente zu panschen, dann geschehe dies unbewusst.    

Die Staatsanwaltschaft wirft Stadtmann vor, in den fünf Jahren vor seiner Verhaftung am 29. November 2016 über 60.000 Krebsarzneien teils dramatisch unterdosiert zu haben.

Steuerungsunfähigkeit nach Sturz

Seit November 2017 läuft der Prozess vor dem Landgericht Essen und lange hatte die Verteidigung des Apothekers die Vorwürfe der Anklage zurückgewiesen.

Der Hinweis auf eine angebliche Schuldunfähigkeit infolge eines Hirntraumas weist auf einen drastischen Strategiewechsel der Verteidigung hin. Es scheint, als hielten sie die Unschuldsverteidigung für aussichtslos. Als sei nicht mehr zu bestreiten, dass tausende Patienten vom Apotheker gepanschte Medikamente bekamen. Vor Gericht sagten die Verteidiger Stadtmanns, sollten die Therapien tatsächlich unterdosiert gewesen sein, sei dies nicht Ausdruck seiner bewussten Handlung, sondern einer möglichen Steuerungsunfähigkeit infolge eines Schädel-Hirn-Traumas. Die Verteidiger sprachen von einem Leistungsabfall nach kürzester Zeit, als Stadtmann Testaufgaben bearbeitet habe.

Dieser Strategiewechsel könnte für den Angeklagten direkte Folgen haben, sollte er irgendwann das Gefängnis verlassen: Den Verlust des Führerscheins.

Führerschein weg?

Bei der Kfz-Zulassungsstelle in Bottrop ist Anfang März nach Informationen von CORRECTIV ein Schreiben eingegangen, das die Prüfung der Entziehung der Fahrerlaubnis für Herrn Stadtmann beantragt. Zur Grundlage für den Antrag nimmt das Schreiben den Antrag der Verteidigung. Demnach hätte Peter Stadtmann angeblich in Folge eines Sturzes eine „Frontalhirnschädigung“ erlitten, deren Folge die „Störung der Hirnleistungsfähigkeit“ sei, diese führe dazu, dass Stadtmann unter Stress bei „standardisierten Handlungsabläufen unbewusste Fehlleistungen“ unterlaufe. Der Apotheke hätte demnach „hirnorganische Psychosyndrome“.

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Laut Schreiben müsse bei diesem Befund die Entziehung der Fahrerlaubnis geprüft werden. Nur Menschen, die sowohl die körperlichen als auch geistigen Voraussetzungen erfüllten, seien „zum Führen von Kraftfahrzeugen“ berechtigt. So steht es im Paragraph zwei des Strassenverkehrsgesetzes.

Vor der Verhaftung liebte Stadtmann protzige Autos. Er fuhr einen BMW X5. Der Sprecher der Stadt Bottrop Andreas Pläsken sagt auf CORRECTIV-Anfrage, dass er zu einem laufenden „Verwaltungsverfahren“ in Sachen Stadmann beim Straßenverkehrsamt keine Auskunft gebe.

Nach dem Eingang des Schreibens, muss die Behörde aber handeln.

Behörden müssen handeln

„Sobald die entsprechende Verkehrsbehörde Kenntnis von einem möglichen Eignungsmangel hinsichtlich des Führerscheins erlangt, muss sie der Sache nachgehen“, sagt Thomas Müther, Sprecher vom ADAC-Nordrhein. Das Verfahren sieht dann vor, dass der Betroffene angehört werde, zudem sei ein Attest des Arztes oder eine unabhängige Untersuchung nötig, sagt der ADAC-Sprecher.

Sollte die Verkehrsbehörde die Fahrtauglichkeit in Frage stellen, werde der Führerschein entzogen, sagt Müther.

Die Schädigungen, die einen Entzug der Fahrerlaubnis zur Folge haben können, hat der Gesetzgeber aufgelistet. Nach Hirnverletzungen kann man zwar theoretisch weiter fahren, allerdings könnten „hirnorganische Psychosyndrome“ oder eine „hirnorganische Wesensveränderung“ die Fahrerlaubnis beeinträchtigen.

Und genau auf diesen Befund berufen sich die Verteidiger von Stadtmann in dem Strafverfahren gegen den Apotheker, um ihn vor einer Verurteilung zu schützen.

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Betroffene des Krebsmittelskandals demonstrieren vor der Alten Apotheke in Bottrop. - FUNKE Foto Services / Fabian Strauch
Alte Apotheke

Druck aus dem Pott

Im Bottroper Krebsmittelskandal haben Betroffene sich aus der Opferrolle befreit. Auf der Straße, im Gerichtssaal und im Netz kämpfte die Frauentruppe um Heike Benedetti zwei Jahre lang für Gerechtigkeit und wirksamere Kontrollen. Eine Geschichte über die Kraft von Aufklärung und Zähigkeit.

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von Bastian Schlange

Heike Benedettis Weg zur Aktivistin beginnt mit einer Tasse Kaffee und einem Plastikbecher Sprudelwasser in unserer provisorischen Service-Redaktion. „Wir möchten uns anmelden“, sagt Benedetti zögerlich. Sie und ihre Freundin Petra wissen nicht recht, ob sie mit ihrer Geschichte hier sein dürfen. „Bin ich betroffen genug, auch wenn ich selbst noch lebe?“, fragt Benedetti.

Wir haben einen ehemaligen Porzellanladen gemietet, um mit Menschen wie Benedetti sprechen zu können. Der Grund dafür steht nur 50 Meter entfernt: die Alte Apotheke in der Bottroper Fußgängerzone. Sie ist ein Tatort.

Benedettis Wandlung zur Aktivistin beginnt an einem Montag im August 2017.

 

Die Onko-Mädels

Vier Jahre zuvor wurden Heike Benedetti und neun andere Frauen Freundinnen – und ohne es zu wissen Opfer in einem der größten Krebsmittelskandale Deutschlands. Sie saßen gemeinsam in einer Bottroper Brustkrebspraxis. Während die Chemotherapien vom Tropf in ihre Venen liefen, teilten sie Guglhupfrezepte und Erfahrungen mit Perücken aus oder lasen sich gegenseitig Horoskope vor.

Neben ihrem Schicksal verband sie vor allem ihr Sinn für schwarzen Humor. Die Frauen lachten so viel und so laut, dass die Ärzte sie manchmal aufforderten, leiser zu sein. In einer Whatsapp-Gruppe nannten sie sich „Onko-Mädels”.

Fünf von ihnen leben nicht mehr. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ihr Apotheker ihnen stark unterdosierte Mittel oder nichts als Kochsalzlösung in den Beutel gefüllt hat.  

Ariane, Petra und Heike (v.l.) vor der Cafeteria des Marienhospitals im April 2017. Es ist das letzte gemeinsame Foto der drei Onko-Mädels, kurz bevor Ariane stirbt. – Foto: privat

Hintergrund: Die Geschichte der Onko-Mädels

 

Der Fall der Alten Apotheke

„Bottroper Apotheker panschte Krebsmedikamente“, liest Heike Benedetti vor zwei Jahren auf der Facebook-Seite des Bottroper Lokalradios. Von einer Razzia ist die Rede. Benedetti kommentiert: „Hoffentlich nicht die Alte Apotheke, da habe ich meine Krebsmedikamente herbekommen.“ So wie alle „Onko-Mädels”. Und so wie ihre Eltern. Beide starben. Ein Radioredakteur kontaktiert Benedetti und bittet sie um ein Interview.

Hintergrund: Wie der Krebsskandal aufflog

Hintergrund: Der Apotheker

Seit dem Radiointerview dreht sich ein Karussell in Benedettis Kopf. Immer wieder fliegen die gleichen Gedanken vorbei: Die Angst, dass der Krebs zurückkommt, weil die Therapie vielleicht unvollständig war. Die Wut darüber, dass ihre Freundinnen heute noch leben könnten. Und darüber, dass jemand über ihr aller Schicksal bestimmt hat, um sich selbst zu bereichern.

Der Apotheker Peter Stadtmann ist zu dem Zeitpunkt angeklagt, in den vergangenen fünf Jahren 62.000 Krebstherapien gepanscht und die Krankenkassen um 56 Millionen Euro betrogen zu haben. Er sitzt in Untersuchungshaft und schweigt.

Im Laufe der nächsten Monate  wird sich ein weiterer Gedanke in das Karussell einreihen: dass auch die Behörden versagt haben. Nicht nur bei der Kontrolle des Apothekers, sondern auch als der Skandal längst bekannt war: im Umgang mit ihm.

Damit beginnt Benedettis Kampf. Es ist ein Kampf um Information, um Gerechtigkeit und um Kontrollen, die Fälle wie die Alte Apotheke künftig verhindern.  

Nach der Razzia verschickt die Stadt Bottrop ein Schreiben an die Ärzte, die von Stadtmann beliefert wurden. Es nennt fünf betroffene Wirkstoffe. Es sind die Wirkstoffe, die der Whistleblower Martin Porwoll, damals kaufmännischer Leiter der Alten Apotheke, in seiner Anzeige exemplarisch aufgegriffen hatte. Sie stellen jedoch nur einen Bruchteil des Medikamentenbetrugs dar.

Auch Betroffene, die bei einer Hotline der Stadt anrufen, bekommen nur diese fünf Stoffe genannt, aus ermittlungstaktischen Gründen, heißt es später. Viele werden beschwichtigt.

Hintergrund: Peter S. und die Stadt Bottrop

Als wir im Mai 2017 zum ersten Mal über den Fall berichten, schweigt nicht nur Stadtmann in seiner Untersuchungshaft. Alle anderen tun es, ein halbes Jahr nach Bekanntwerden des Skandals, ebenfalls. Die Ärzte informieren nur dann, wenn Patienten sich aktiv an sie wenden.

Da Patienten und Angehörige allein gelassen werden, beschließen wir, mit einem journalistischen Credo zu brechen: dass man sich als Journalist mit nichts gemein macht.  

Hintergrund: Ein Beutel ohne Wirkstoff

Im August eröffnen wir unsere mobile Redaktion in der Bottroper Innenstadt und beginnen mit etwas, das man Service-Journalismus nennen könnte. „Information und Beratung zum Fall der Alten Apotheke“ steht groß auf der Schaufensterscheibe. Tagsüber gehen wir mit Patienten Krankenakten und Medikamentenlisten durch. Abends kommen Rechts- und Medizinexperten zu Veranstaltungen.

Zwei Monate arbeitete unser Team von Correctiv.Ruhr in dem ehemaligen Porzellangeschäft in der Bottroper Innenstadt. – Foto: Correctiv.Ruhr

Wir lassen die Besucher an unserer Recherche teilhaben. Und wir gründen eine Facebook-Gruppe, um Betroffenen einen Raum zu geben, in dem sie sich untereinander austauschen und vernetzen können. Sie heißt „Alte Apotheke“ und wird auf fast tausend Mitglieder anschwellen.

In den ersten Reihen der Redaktion sitzen immer: Benedetti und die anderen Onko-Mädels. Sie gehören auch zu den ersten, die der Facebook-Gruppe beitreten.

Wie schon in der Whatsapp-Gruppe der Onko-Mädels werden auch dort viele ermutigenden Worte gepostet. Aber nicht nur das. Die Mitglieder teilen auch aktuelle Berichte über den Skandal und Peter Stadtmann, Aufrufe zu Demonstrationen und offene Briefe an Politiker. Sie wird die Plattform für eine Bewegung und Heike Benedetti deren Anführerin.

Hintergrund: Infos und Rat zum Fall der Alten Apotheke

Hintergrund: Journalismus im Schaufenster

Am 16. August 2017 berichten wir, dass der Medikamentenskandal Patienten in fünf Bundesländern betrifft, mindestens 3700. Gesundheitsamt, Landesministerium und die Datenschutzbeauftragte warnen davor, Patienten in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie sprechen von einem Recht auf Nichtwissen.

Im Interview mit dem ARD-Polit-Magazin Panorama, unserem Kooperationspartner in dieser Recherche, sagt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hingegen zu, sich des Falls anzunehmen und Patienten zu informieren – was nie geschehen wird.

Ende August 2017 schickt er lediglich medienwirksam ein Erlass an die Gesundheitsämter in NRW: Alle Behörden müssten ihre Kontrollen der Krebslabore verbessern und verschärfen. Tatsächlich bekräftigt der Erlass nur ein System, das bereits besteht.

Gesetzlich sind unangekündigte Kontrollen von Apotheken längst möglich. Es führt sie nur niemand durch. Laumann kündigt an, dass im Laufe der folgenden Monate unangekündigte Kontrollen stattfinden werden.

Hintergrund: Tausende Menschen in fünf Bundesländern betroffen

Hintergrund: Der Skandal um den Krebs-Apotheker

Hintergrund: Apotheken-Kontrollen: Erlass ohne Wirkung

Während unserer Gespräche mit hunderten Betroffenen in Bottrop kristallisieren sich zwei Arten heraus, mit all den Was-wäre-wenn-Fragen umzugehen: Die einen fühlen sich von ihnen in eine Krankheit zurückgeworfen, die sie eigentlich hinter sich gelassen haben. Sie wollen lieber vergessen als wissen.

Bei anderen verwandelt sich Schockstarre in Wut. Sie wollen ihr Schicksal wieder selbst in der Hand halten. Zu dieser Gruppe gehören Benedetti und ihre Freundinnen.

 

Eine Bewegung entsteht

Benedetti geht zur Polizei und meldet eine Demo an. Treffpunkt vor unserer Bottroper Redaktion. Die Route führt an der Alten Apotheke vorbei.

Heike Benedetti organisiert die Demonstrationen der Betroffenen in Bottrop. Eine Bewegung formiert sich. – Foto: Correctiv.Ruhr

31. August 2017, Heike Benedetti, Facebook-Gruppe „Alte Apotheke”:

Liebe Mitglieder.

Heut morgen bin ich mit einem so mulmigen Gefühl zur Polizei gegangen, um die Demo anzumelden. Hab mich gefühlt, wie ein später 68er, der die frühen Demos verpaßt hat. Doch als ich eure tollen Resonanzen gesehen habe, gab es mir das Gefühl, das Richtige getan zu haben. (…) Gemeinsam können wir vieles bewegen und schaffen.

 

Die Demo Anfang September 2017 ist die erste von acht. Mal tragen die Demonstranten einen Sarg, an dem Therapiebeutel hängen, am Eingang der Alten Apotheke vorbei. Mal tragen sie selbst Sträflingskleidung oder T-Shirts mit ihrem Slogan „Wer schweigt, macht sich mitschuldig“. Benedetti hält Reden auf den Demos, komponiert für sie Lieder und schreibt Gedichte.

Das Verhältnis zwischen der schwarz-gelben Landesregierung und den Frauen aus Bottrop ist schwierig. Bei einem ersten vereinbarten Termin Ende September 2017 versetzt Laumann die Betroffenen. Sie warten allein im Foyer des Landtages.

Hintergrund: Wie sich die Politik wegduckt

Bis zu einem Treffen dauert es noch ein halbes Jahr. In dieser Zeit entschließen wir uns, das zu tun, was die Behörden verweigern: eine Datenbank mit den betroffenen Praxen und Kliniken veröffentlichen. Die Basis dafür sind unsere Recherchen sowie Unterlagen, die auch den ermittelnden Stellen vorliegen.  

Hintergrund: Die Namen der Ärzte

Wer den Betroffenen Wissen vorenthält, beraubt sie der Möglichkeit, sich medizinisch beraten oder juristisch vertreten zu lassen – eine in einer Demokratie fragwürdige Entscheidung. Heike Benedetti beschreibt es in der Facebook-Gruppe später so:

25. Oktober 2018, Brief an die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit NRW, Helga Block:

Sehr geehrte Frau Block,

Ich setze mich gerade mit dem Satz „Recht auf Nichtwissen” auseinander. (…) Ich als mündiger Bürger habe für mein Leben, Familie und den Job Verantwortung übernommen. Ebenso habe ich für meine Erkrankung und die Folgen die daraus resultierende  Verantwortung übernommen. (…) Dieses Verhalten engt mich als mündigen Bürger in meinem Persönlichkeitsrecht ein und dem stimme ich nicht zu. (…)

Heike Benedetti

 

Der Prozess

Im November 2017 beginnt der Prozess gegen Peter Stadtmann vor dem Essener Landgericht. Wir sind bei jeder Verhandlung dabei, so wie auch viele der 53 Nebenklägerinnen und Nebenkläger. Es sind hauptsächlich Frauen, darunter Benedetti. Ihnen gegenüber sitzt Stadtmann mit seinen vier Verteidigern. Sie führen zum Teil abstruse Verteidigungslinien auf: unschuldig wegen Schwarzmarktkäufen, unschuldig wegen falscher Wirkstoffanalysen und -Lieferungen, unschuldig wegen eines Hirnschadens.

Klare Fronten im Gericht: Stadtmann und seine Verteidiger links, die Nebenklägerinnen aus dem Ruhrpott rechts. – Foto: Correctiv.Ruhr

Hintergrund: Das Prozesstagebuch

Hintergrund: Nebenklage will Kanzlerin Merkel vorladen

Es ist ein langwieriger Prozess. Das beharrliche Schweigen Stadtmanns belastet die Betroffenen. Benedetti sagt am Ende: „Vor dem Prozess sind Menschen gestorben. Während des Prozesses sind zwei der Nebenkläger gestorben. Und nach dem Prozess sind Menschen gestorben.“ Sie atmet tief durch. Der Kampf geht an ihre Substanz. Ständig geschieht etwas Neues, auf das sie reagieren muss. Nachts will der Geist keine Ruhe geben. „Die Nerven liegen manchmal richtig blank.

Die Betroffenen sind weit mehr als Statisten in einem Wirtschaftsprozess. Sie treiben die Verhandlung mit voran.

Benedetti schickt einen Brief ans Kanzleramt und erhält Antwort. Die Nachricht, dass Angela Merkel möglicherweise persönlich als Zeugin geladen wird, facht das mediale Interesse am Prozess an, auch wenn Merkel letztlich nicht erscheint. Als die Anwälte der Nebenklage wegen des Loveparade-Prozesses fehlen, übernehmen die Betroffenen sogar die Befragung der Sachverständigen.

Im Gericht sitzen sie als Handelnde. Und so gehen sie auch aus dem Prozess.

Nach 44 Prozesstagen wird der Apotheker Peter Stadtmann wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in knapp 14.500 Fällen und Betrug in 59 Fällen zu zwölf Jahren Haft und einem lebenslangen Berufsverbot verurteilt. Allerdings nicht wegen Mordes oder Körperverletzung.

Der Grund: Zwar konnte anhand der Wirkstoffeinkäufe und -Abrechnungen klar nachgewiesen werden, dass Stadtmann die Medikamente gestreckt hat. Aber nicht wann, wieviel und für welche einzelnen Patienten. Eine Strafrechtsexpertin aus Köln sieht dennoch eine direkte Verbindung zwischen Stadtmanns Taten und dem Tode vieler Betroffener. Die Nebenklage will in Revision gehen und Stadtmann vor dem Bundesgerichtshof doch noch wegen versuchten Mordes belangen.

Hintergrund: Das Urteil

Dafür ist eine sogenannte Fallkontrollstudie entscheidend. Genauso wie für die zivilrechtlichen Schadensersatzansprüche der Betroffenen gegenüber Peter Stadtmann. Denn sie könnte den statistischen Beweis dafür liefern, dass Stadtmann Menschen geschädigt hat. Sterbe- oder Rückfallraten in einer repräsentativ großen Betroffenengruppe würden miteinander verglichen werden: etwa die von Brustkrebspatientinnen, die ihre Medikamente aus der Alten Apotheke bezogen mit denen, die ihre Therapien woanders bekamen.

Solche eine Studie kann allerdings nur das NRW-Gesundheitsministerium um Laumann in Auftrag geben. Die Debatte um die Vergleichsstudie, die wir schon im September 2017 angestoßen haben, wird bis zu diesem Zeitpunkt nur von der AOK Rheinland aufgegriffen und umgesetzt.

Hintergrund: Laumann, übernehmen Sie! 

Hintergrund: Ärzte fordern unabhängige Studie

Hintergrund: Daten geben Hinweis für negativen Krankheitsverlauf

 

Ein Minister knickt ein

In der Facebook-Gruppe führt Heike Benedetti beispielhaft eine eigene Studie durch. Statistisch nicht verwertbar, aber aufrüttelnd:  

9. September 2018, offener Brief an NRW-Gesundheitsminister Laumann:

Sehr geehrter Herr Minister Laumann.

Sie können mein Schreiben (ich kann noch nicht einmal sagen, das wievielte) ignorieren, oder akzeptieren. Besser noch darauf antworten. Ich habe mir die Mühe gemacht, aus einer geschlossenen Gruppe, die gegründet wurde für die Betroffenen des Apothekerskandals, eine Zahl der Verstorbenen heraus zu filtern. Es ist im Grunde eine Fallkontrollstudie, die Sie angestrebt hatten, jedoch nie durchgeführt haben. In dieser Gruppe sind schätzungsweise 500 Betroffene. Davon haben 53 Betroffene ihre Verstorbenen unter meinen Post gesetzt.

(…)

Heike Benedetti.

Immer ein fester Bestandteil der Demos in Bottrop: eine Liste mit tausenden Namen von Betroffenen der Alten Apotheke. – Foto: Correctiv.Ruhr

Bei seinem ersten Treffen mit den Bottroper Betroffenenvertretern und dem Whistleblower Martin Porwoll sagte Laumann im März 2018 zu, eine solche Studie prüfen zu lassen.

Hintergrund: Laumann macht Zugeständnisse

In dem Post, in dem Benedetti für Laumann die Zahl der Verstorbenen herausfilterte, verglich sie den Fall der Alten Apotheke mit einem Flugzeugabsturz. Ein gewissenloser Apotheker habe die Patienten auf eine unfreiwillige Reise in den Tod geschickt. „Wenn ich das Versagen der Behörden, als Piloten, noch dazu nehme, sehe ich das Ganze als eine Katastrophe an, die von Behörden und dem Ministerium klein gehalten werden möchte”, schrieb sie.

Passagen aus dem Urteil des Essener Landgerichts geben ihr recht. Kürzlich erschien, vier Monate nach dem Urteilsspruch, eine fast 1600 Seiten lange Urteilsbegründung. Darin heißt es, dass dem Apotheker seine Taten „durch mangelnde Aufsicht der Behörden leicht gemacht worden“ seien.

Auch die Stadt, den zuständigen Kreis und das Land wollen die Nebenklägerinnen als nächstes zur Verantwortung ziehen. Ihre Anwälte fordern einen staatlichen Entschädigungsfonds, ähnlich wie für die Opfer des Contergan-Skandals.

Die Frauen aus Bottrop kämpfen vor allem auch darum, dass andere Menschen nicht dasselbe erfahren müssen wie sie.  Immer wieder kritisieren sie die wirkungslosen Erlasse aus Düsseldorf und fordern bessere Kontrollen. Als das Ministerium die Ergebnisse der Apothekenkontrollen, die Laumann kurz nach seinem Panorama-Interview angekündigt hatte, als Erfolg feiert, bleiben Benedetti und ihre Mitstreiterinnen kritisch. Laumann und das Ministerium halten bei ihren Antworten an den offiziellen Darstellungen fest. Am 31. August heißt es in einem Schreiben an Benedetti:

Auch wenn sich das kriminelle Handeln Einzelner niemals durch eine vermehrte Kontrolle vollumfänglich ausschließen lässt, habe ich seit August 2017 die Apothekenüberwachung im Land durch mehrere Erlasse neu geordnet. (…) Auch wenn einzelne Medien den Sachverhalt offensichtlich anders bewerten, zeigen die Überwachungsergebnisse insgesamt, dass die Herstellung von patientenindividuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt.”

Hintergrund: Die Ergebnisse der Kontrollen sollten uns alle beunruhigen

Hintergrund: Mängel und Unterdosierung bei Krebsmedikamenten

 

10. September 2018, Antwort an das Ministerium, FB-Gruppe „Alte Apotheke”

Sehr geehrter Herr Laumann.

Ihre Antwort auf meine E-mails führt mich zu einer gewissen Schnappatmung bis hin zu einer Pneumonie. (…) In Ihrem Schreiben kritisieren Sie, dass Medien den Sachverhalt offensichtlich anders bewerten. Das sehe ich so, dass die ,,unangemeldeten” Kontrollen mit gesundem Menschenverstand bewertet werden. Was mich am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass der Fall „Alte Apotheke” Sie zutiefst erschüttert. Ja, wo waren alle Politiker denn, nachdem der Skandal aufgeflogen war? Wurde uns in irgendeiner Hinsicht Hilfe angeboten? Nein, wenn Preise verteilt worden wären, wer ist der Schnellste im Weglaufen und Ignorieren, da muß ich sagen, soviel erste Preise hätten nicht zur Verfügung gestanden. Ebenso wurde uns eine Fallkontrollstudie zugesichert. Auf diese warten wir heut noch.

Mit freundlichen Grüßen

Heike Benedetti

 

Das Gesundheitsministerium beschreibt die Kommunikation mit den Betroffenen auf unsere Nachfrage hin übrigens als sehr positiv: „Das Gesundheitsministerium begrüßt das Engagement ausdrücklich. Der Dialog wird als gewinnbringend erachtet.“

In der Facebook-Gruppe haben sich innerhalb eines Jahres nicht nur Freundschaften entwickelt. Die Frauen haben dort auch gemeinsam und in kurzer Zeit ein erstaunliches Maß an Expertise entwickelt. Der Skandal der Alten Apotheke hat Vertrauen zerstört, in die Justiz und das Gesundheitssystem, in Ärzte und Apotheker.

Umso wichtiger als Gegengewicht ist die zivilgesellschaftliche Bewegung. Sie verhindert, dass Politik und Behörden den Skandal und ihr strukturelles Versagen im Aktenschrank verschwinden lassen. Wenn das Vertrauen in die Welt verloren geht, muss man es in sich selber wiederfinden.

Am 16. Oktober 2018 trifft sich Laumann noch einmal mit den Betroffenen. Und er macht Zugeständnisse: Die Apothekenkontrollen werden verschärft, unangekündigte Kontrollen und Probenentnahmen verbindlich vorgeschrieben und die Zeiträume zwischen ihnen verkürzt. Außerdem hat der Gesundheitsminister die Vergleichsstudie in Auftrag gegeben. Alles Forderungen, für die die Frauen erbittert gestritten haben.

Hintergrund: Laumann zieht Konsequenzen aus Apothekerskandal (Pressemitteilung)

 

18. Oktober 2018, ein Tag nach dem Treffen mit Laumann, Facebook-Gruppe „Alte Apotheke”:

Wenn ich alles mal Revue passieren lasse… Ein Skandal tut sich auf, weil Martin dem Treiben seines Chefs nicht mehr zusehen konnte. Marie fängt einen Beutel ab, bringt ihn zur Kripo, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Im August tritt die „Zytoskandalgruppe” aus dem Nichts heraus auf den Plan. Demos, im Prozess als Nebenkläger, ein Urteil von 12 Jahren Haft durch Dauerpräsenz und Unterstützung der Anwälte erreicht. Mit Forderungen, die aus besseren Kontrollen der Apotheken bestanden haben, keine Ruhe gegeben. Die so wichtige Fallkontrollstudie durchgeboxt. Ja da können wir als Gruppe mit Martin an unserer Seite sowas von stolz sein. Das schafft so manch ein Verein in 18 Monaten nicht. Ick freu mir nen Loch in den Bauch.. ?

Das zähe Ringen mit Behörden, Gerichten und einem Ministerium, das schließlich in die Knie geht, kann man als Paradebeispiel für einen mühsamen, letztlich aber erfolgreichen demokratischen Prozess bezeichnen.

Oder es in Form eines Vierzeilers aus Facebook folgendermaßen ausdrücken:  

Ein kleiner Kreis, mit viel Elan.

Nicht aufgegeben, wir bleiben dran.

Um zu verändern das System.

Das ist dann endlich auch gescheh’n.

Heike Benedetti, 22. November 2018

Eine Bewegung aus dem Pott hat das Land bewegt. Das Kernteam um Heike Benedetti auf ihrer vorerst letzten Demo. – Foto: Correctiv.Ruhr

Für mögliche Betroffene besteht die Möglichkeit kostenlos zu prüfen, ob sie tatsächlich Opfer im Fall der Alten Apotheke sind und Schadensersatzansprüche geltend machen können. 

www.zivilverfahren-bottrop.de

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Alte Apotheke

Der Apotheker

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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von Oliver Schröm , Niklas Schenck , Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Benjamin Schubert , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann , Simon Wörpel

Der Betrug: Früher flog Peter Stadtmann von Zeit zu Zeit nach München, um sich Fett absaugen zu lassen. Das muss er jetzt nicht mehr. Er ist begeistert: „Ich bin wieder total schlank.“ In Haft hat er fast 30 Kilogramm abgenommen. Kein Stressfressen mehr. Sein Leben wird kontrolliert – täglich ein Acht-Kilometer-Spaziergang, fünfmal in der Woche Kurse von gewaltfreier Kommunikation bis Kirchenkreis. Das gibt ihm Kraft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Primär geht es mir um meine Eltern und mich – alles andere kommt irgendwann.“ Das schrieb der Apotheker in Papieren, die Ermittlern vorliegen.

Damals, als Peter Stadtmann zum Fettabsaugen flog, war er ein anerkannter Bürger in Bottrop. Ihm gehörte die sogenannte Alte Apotheke. Er war einer, den die Leute grüßten. Ein Steuerzahler, ein Gönner. Heute sitzt er in Untersuchungshaft. Und tausende Menschen machen ihn für ihr Leid verantwortlich.

Peter Stadtmann hat einen der größten Medizinskandale der Bundesrepublik seit Contergan verursacht. Seine Geschichte ist ein Lehrstück – über Gier im Gesundheitswesen. Über den Mut von Einzelnen, nicht zu schweigen. Über Lokalpolitik. Über die Arroganz von Behörden und die Selbstherrlichkeit von Ärzten.

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Peter Stadtmann vor der Alten Apotheke

CORRECTIV

Und auch darüber, wie ein weißer Kittel vor Strafverfolgung schützen kann. Denn Peter Stadtmann hat über 4.600 Menschen in sechs Bundesländern um ihre Krebsmedikamente betrogen. Damit hat er viel Geld verdient. Und Schaden verursacht. Allein bei den Kassen über 56 Millionen Euro. Er hat die Medikamente unterdosiert und verunreinigt und trotzdem den vollen Preis von den Krankenkassen kassiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Abrechnungsbetrugs. Und wegen versuchter Körperverletzung. Anfänglich nur in 27 Fällen. Aber das hat sich mittlerweile ausgeweitet. Am Montag, 13. November, beginnt der Prozess gegen Peter Stadtmann vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen.

Wir haben vier Monate lang mit fünf Journalisten in diesem Fall recherchiert. Für zwei Monate haben wir 50 Meter vom Tatort entfernt eine Lokalredaktion eröffnet. Weil dieser Fall wichtig ist. Weil er zeigt, was alles in der Krebsmedizin in Deutschland falsch läuft.

Wir muten Ihnen als Leser mit dieser Geschichte viel zu. Fast ein Buch. Es ist für uns wie für Sie ein Experiment. An manchen Stellen nicht perfekt. Aber nehmen Sie sich die Zeit und lassen Sie sich darauf ein. Denn wir glauben, es ist wichtig, dass wir hier einen Stand zusammentragen über alles, was bis jetzt bekannt ist. Wir wollen Ihnen die Details erklären und die Fakten deutlich machen. Damit Sie sich selber ein Bild machen können. Dabei ist uns bewusst, dass sich im Laufe der Zeit vor Gericht noch Sachverhalte genauer darstellen und erklären lassen werden. Dass Lücken in den Ermittlungen geschlossen und Versatzstücke dieses großen Puzzles ein größeres Bild zeigen werden.

Investigativer Journalismus ist aufwendig und teuer.

Als gemeinnütziges Investigativ-Büro sind wir auf Ihre Mithilfe angewiesen. Wir machen langfristige Recherchen, also brauchen wir auch langfristige Unterstützung. Unsere Arbeit und unsere Angebote müssen wir zu einem großen Teil aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanzieren. Unterstützen Sie uns jetzt!

Bislang haben wir schon viel darüber geschrieben, was in diesem Prozess gegen Peter Stadtmann verhandelt wird. Wir haben über Krebspatienten geschrieben, über Zeugen und Ungereimtheiten. In dieser Geschichte schreiben wir auf, wie das System in der Alten Apotheke funktioniert hat.

Denn Stadtmann war nicht alleine. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen auf zwei Mitarbeiterinnen ausgeweitet. Der Apotheker schweigt beharrlich, will nichts zugeben – aber wir wissen, wie seine Verteidiger vor Gericht argumentieren wollen. Und der Fall geht weiter, als wir bisher vermutet hatten: der Apotheker lieferte auch nach Dänemark und Schweden. Außerdem können und werden mehr Betroffene als von der Staatsanwaltschaft gedacht, im anstehenden Prozess Nebenklage einreichen.

Fangen wir mit Bettina Neitzel (Name geändert) an. Sie wäre um ein Haar gestorben. Sie ist eine der Nebenkläger. Ihre Geschichte mit dem Krebs beginnt vor neun Jahren. Sie ist selbst Ärztin, hat oft mit Krebspatienten zu tun gehabt. Welche Nebenwirkungen die Behandlung hat, versteht sie erst als Patientin. Sie verträgt die Chemotherapie nicht gut, aber die Mittel wirken ab der ersten Sitzung. Ihre Tumormarker fallen kontinuierlich, am Ende der Therapie bleibt keine Spur des Tumors.

Als ihre Krankheit im Juli 2016 zurückkehrt, ist sie zunächst voller Hoffnung, dass sie den Krebs auch diesmal besiegen wird. Erstmals wird sie in Bottrop behandelt, zum ersten Mal kommen ihre Medikamente aus der Alten Apotheke. Stadtmann weiß, dass sie Ärztin ist. Als Neitzel einmal in die Apotheke kommt, gibt er ihr seine private Handynummer und sagt: „Sie können mich jederzeit anrufen, ich bin immer für Sie da.“

Der Gönner

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Stadtmann mit Startkelle

CORRECTIV

Damals dirigierte der Apotheker noch die Stadt Bottrop. An einem Samstag im Juni 2016 schlägt er vor seiner Apotheke zwei Holzlatten mit einem lauten Knall gegeneinander. Und auf sein Zeichen rennt die halbe Stadt los. Mädchen mit Ballerinaröcken halten sich an den Händen, ein Gehbehinderter donnert im elektrischen Rollstuhl übers Kopfsteinpflaster. Es ist der jährliche Spendenlauf für das Hospiz in Bottrop, der Apotheker ist der wichtigste Spender. Deshalb steht er in der regnerischen Innenstadt, die Arme mit der Startkelle noch immer über den Kopf gereckt. Zwischen seinem weißen T-Shirt und der weißen Hose schaut sein Bauch hervor.

Die Ziellinie des Spendenlaufs ist gleich neben der Alten Apotheke. Jedes Mal, wenn ein Läufer an ihm vorbeikommt, lässt Peter Stadtmann einen Euro in die Kasse fallen, die dem Hospiz zu Gute kommt, den Sterbenden, den hoffnungslosen Krebspatienten. Stadtmanns Apotheke ist die älteste in Bottrop, die beliebteste Apotheke und das einzige Haus im Umkreis, das man auf eine Postkarte drucken könnte: ein frischer, rosafarbener Anstrich, die Fenster stuckverziert. Was wäre Bottrop ohne dieses Haus, was wäre Bottrop ohne diesen Apotheker, der so viele Steuern zahlt und so viel spendet? Wahrscheinlich ein bisschen ärmer.

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Die Alte Apotheke in der Bottroper Hochstraße

CORRECTIV / Lennart Schraven

Am Ende des verregneten Sommertages sind mehrere zehntausend Euro Spenden zusammengekommen. Der lokale Radiosender macht ein Video für seinen Youtube-Kanal, die Reporterin holt Stadtmann vor die Kamera. Sein rundes Gesicht ist rot angelaufen. „Also sehen wir uns im nächsten Jahr hier wieder?“, fragt die Reporterin. „Wenn Sie dabei sind, gerne“, sagt er.

Bettina Neitzels hatte damals andere Sorgen. Ihre Stimme zittert, wenn die Ärztin von ihrem ersten Chemozyklus erzählt. „Erste Therapie: Nichts. Zweite Therapie: Nichts. Dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte Therapie: Nichts.“ Zu ihren Freundinnen sagt sie: „Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.“ Neitzels Tumormarker, sonst ein verlässlicher Indikator dafür, dass ihr Tumor kleiner wird, steigen von Mal zu Mal stärker. Alles unter 35 ist normal, Neitzels Werte klettern bald über 6000. Ihre behandelnde Onkologin rät zu einer zweiten Chemotherapie-Linie, die bei Neitzels erstem Rückfall gut angeschlagen hatte. Drei Sitzungen, keine Wirkung. Jedes Mal, wenn sie anrufen soll, um die Werte abzufragen, zittert sie, und jedes Mal werden die Werte schlechter. Ihr Tumormarker steigt auf 7000. Neitzel will aufgeben. „Ich war an einem Punkt, an dem ich gedacht habe: So, das war’s jetzt. Diesmal schaffst du das nicht.“

Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.

Ihre Ärztin startet noch einen letzten Versuch, eine Immuntherapie mit einem Antikörper, der für ihre Krebsart noch gar nicht zugelassen ist. Die Chancen bei solch einem sogenannten Off-Label-Use sind unbestimmt, aber die Kasse stimmt zu, und Stadtmanns Apotheke liefert die erste Infusion, im November 2016. Noch einmal schöpft Neitzel Hoffnung. Aber als nach drei Wochen die Blutwerte kommen, sind ihre Tumormarker noch einmal angestiegen, auf fast 12.000. „Ich habe meiner Familie gesagt: Das ist das letzte Weihnachtsfest, das ich erleben werde.“ Neitzel macht eine Bestattungsvorsorge. Sie will nicht, dass sich ihre Angehörigen darum kümmern müssen, wie und wo sie begraben wird.

Dann wird Peter Stadtmann festgenommen. Neitzel erinnert sich an den November-Tag 2016 wie andere an den 11. September 2001. Sie liest online von der Festnahme und den Vorwürfen gegen Stadtmann. Sie hat nicht den geringsten Zweifel: Der hat das mit mir gemacht. Vier Tage später kommt dieselbe Antikörpertherapie aus einer anderen Apotheke. Der Tumormarker fällt. Binnen weniger Tage. Von 12.000 auf 6000.

Neitzel hat mutmaßlich fast fünf Monate lang nur Kochsalzlösung bekommen. Ihre Tumormarker haben sich seither bei 6000 eingependelt, im Ultraschall sieht man: ihr Tumor verschwindet. Aber nun sind Lebermetastasen aufgetreten — und als Ärztin weiß sie, was das bedeutet: „Wenn man Lebermetastasen hat, ist eigentlich keine Chance mehr auf Heilung da. Ich werde eine verkürzte Lebenszeit haben. Das weiß ich auf jeden Fall.“

Das System

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Im Apotheker-Labor

NDR

Um zu verstehen, wie Stadtmanns Betrug möglich war, muss man zuerst verstehen, wie Krebsmedizin funktioniert. Knapp über 200 Apotheken in Deutschland mischen Krebsmedikamente, sogenannte Zytostatika. In diesen Apotheken gibt es ein Labor, das einem Hochsicherheitstrakt gleicht. Wer hineingeht, muss seine Alltagskleidung gegen sterile Kleidung tauschen, eine Plastikhaube tragen, einen Mundschutz und Handschuhe. Das muss einerseits sein, um die Mitarbeiter selbst zu schützen. Denn die Wirkstoffe gegen Krebs sind giftig – im Körper eines gesunden Menschen schädlich. Aber auch die Krebspatienten muss man schützen, denn ein Körper, der eine Chemotherapie durchmacht, fährt das eigene Immunsystem fast komplett herunter. Ein kleiner Husten kann bei einem Krebspatienten zu einer Lungenentzündung werden. Also müssen die Medikamente steril sein. Denn sie gehen per Infusion direkt ins Blut. Ein Keim in der Lösung, hereingetragen in das Labor auf einem Stück unsauberer Kleidung, kann den Tod bringen.

TV-Dokumentation

Die 30-minütige NDR-Doku „Der Krebsapotheker“ entstand in Kooperation mit Panorama — die Reporter.

Peter Stadtmann stand nach Aussagen von Zeugen im Straßenanzug und mit seiner Labradorhündin in diesem Labor. Es wurden dort immer wieder Hundehaare gefunden. Peter Stadtmann war seine eigene Gesundheit, die der Mitarbeiter und vor allem aber die der Patienten offenbar egal.

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Stadtmann mit Hund

NDR

Stadtmann schweigt zu den Vorwürfen. Seine Anwälte beantworten die Fragen von CORRECTIV zu den Vorwürfen nicht.

Stattdessen wollen sie vor Gericht angreifen. Nach uns vorliegenden Informationen argumentieren die Anwälte dort unter anderem, dass die Zeugen schlicht nicht glaubhaft seien. Auch könne man aus einem möglichen Einzelfall nicht auf eine gängige Praxis schließen. Zudem gebe es keinen Nachweis, dass Infusionen tatsächlich verunreinigt waren.

Solche Sätze sind schwer zu schlucken: für tausende Patienten, die bundesweit mit den Krebsmedikamenten von Stadtmann behandelt wurden. Genauso für ihre Angehörigen.

Weil jeder Krebspatient eine andere Behandlung braucht, mischen Apotheker die Medikamente individuell an. Je größer und schwerer der Patient, desto mehr Wirkstoff braucht er. Der Apotheker mischt anhand des Rezepts den Wirkstoff in eine Kochsalz- oder Glukoselösung. Weil die Wirkstoffe schon nach wenigen Stunden zerfallen oder gekühlt werden müssen, sollte die Apotheke in der Nähe der Arztpraxis sein, in der ein Patient die Infusion bekommt.

Im Prozess gegen Peter Stadtmann geht es um 61.980 Infusionen, die möglicherweise gepanscht waren; die er an Patienten verkauft und ihnen so heilende Wirkstoffe vorenthalten haben soll. Die Staatsanwaltschaft in Essen führt als einen Beweis die Buchhaltung der Alten Apotheke an. Aus ihr geht hervor, dass Stadtmann deutlich weniger Krebsmedikamente einkaufte, als er angeblich verkaufte und bei den Krankenkassen abrechnete.

Wie einfach es für ihn war, an jeder Dosierung hunderte Euro mehr zu verdienen, sieht man zum Beispiel am Wirkstoff Trabectedin, der zur Behandlung von Eierstockkrebs eingesetzt wird. Trabectedin kostet über 2.000 Euro pro Milligramm. Ein Erwachsener braucht pro Behandlung etwa zwei bis drei Milligramm. Wenn ein Apotheker nur etwas weniger in den Infusionsbeutel füllt, merkt das niemand. Und der Gewinn liegt bei einigen hundert Euro. Der Patient, sein Arzt und unser Gesundheitssystem vertrauen dem Apotheker, seiner Berufsethik, seiner Integrität. Wirksame Kontrollen gibt es bislang kaum.

Und dann gibt es noch eine Besonderheit: Bei Krebsmedikamenten darf der Patient im Gegensatz zu anderen Rezepten nicht selbst aussuchen, in welche Apotheke er geht. Der Arzt sendet die teuren Rezepte direkt an einen Apotheker seiner Wahl. Rezepte, die viel Geld wert sind. Eine einzelne Therapie mit modernen Antikörpern kann schon mal 100.000 Euro kosten.

Kein Bereich im deutschen Gesundheitswesen bietet so viel Potenzial für mafiöse Strukturen wie das Geschäft mit Krebsmedikamenten. 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Studien besagen: In ein paar Jahren wird jeder zweite Deutsche im Alter an Krebs erkranken. Die Branche setzt jedes Jahr vier Milliarden Euro um. Diesen Markt teilen sich ein paar Dutzend Pharmahändler, 1.500 niedergelassene Onkologen und Hämatologen sowie die knapp über 200 Apotheker, die Krebsmedikamente herstellen dürfen.

Ein Eldorado für gierige Apotheker.

Peter Stadtmann ist sicher nicht der einzige Kriminelle im Krebsgeschäft. Und bei Weitem nicht der erste. Das ARD-Magazin „Panorama“ dokumentierte schon im vergangenen Jahr, wie Apotheker und Pharmahändler versuchten, einen Hamburger Onkologen zu bestechen. Sie wollten seine Patienten beliefern.

Wir verfolgen dieses System der Krebsmafia mit Oliver Schröm und Niklas Schenck weiter.

Die Kindheit

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Aufnahme aus der Kindheit

Martin Porwoll

Der Sprecher der Stadt Bottrop, Andreas Pläsken, sagte noch im September 2017 in einem Interview, Stadtmann „stammt aus einer Apotheker-Dynastie, er war für mich jemand, der den Ethos eines Apothekers mit der Muttermilch aufgesogen hatte.“

So viel stimmt: Stadtmann stammt aus einer reichen Apotheker-Familie. Beliebt war er trotzdem nicht.

In der Schule saß Stadtmann in der ersten Reihe. Die coolen Kinder saßen dahinter. Sie lachten über seinen Prinz-Eisenherz-Haarschnitt oder über die Pullunder, die er zu karierten Hemden trug. Das war Anfang der 80er-Jahre, als die Jungen anfingen, Lederjacken und Vanilla-Jeans zu tragen. Stadtmann trug Bundfaltenhosen und bewegte sich darin ungelenk. Die anderen Jungs spielten Fußball oder rauften auf dem Schulhof. Stadtmann konnte nicht mithalten. Er versteckte sich, und schwieg, wenn er angesprochen wurde. Er konnte sich gegen die anderen nicht wehren, denn er war als Kind schon etwas übergewichtig.

Zwei Mitschüler erinnern sich an einen Geburtstag von Stadtmann, auf den sie eigentlich nie eingeladen waren. Sie gingen durch die Fußgängerzone, sahen ihn, das Einzelkind, mit seinen Eltern in der Eisdiele gegenüber der Alten Apotheke sitzen. Die Eltern holten die beiden Schüler an den Tisch, bestanden darauf, dass sie sich zu ihrem Sohn setzen. Dann bestellten sie Eis für die Kinder. Eine Geburtstagsfeier ohne Spiele, Kuchen, Tänze, Geschenke, Tobereien. Nichts, was hätte vorbereitet, geplant, aufgebaut werden müssen. Stattdessen Eis in einer Eisdiele mit zufällig dazu geholten Kindern.

Jahre später ist Stadtmann ein angesehener Apotheker, das Kennzeichen seines BMW X5 ist „Bottrop-AA 111“, das doppelte „A“ steht für „Alte Apotheke“. Er definiert sich über Geld und Statussymbole. Bei einem Gespräch mit einem Schulkameraden erfährt er, dass ein gemeinsamer Bekannter aus der Schulzeit geheiratet hat. Stadtmann will das nicht glauben. „Der hat nicht geheiratet“, sagt er, „höchstens eine Krankenschwester.“ Nein, antwortet der Schulkamerad, eine Ärztin. Und Peter Stadtmann ist verwirrt. „Der hat doch gar nicht so viel Geld. Der kann höchstens eine Krankenschwester heiraten.“

Wenn seine Eltern auf eine lange Kreuzfahrt fuhren, verlor Stadtmann den starren, angespannten Blick, den er sonst als erwachsener Mann meistens hatte, erinnert sich eine Bekannte aus dem Familienkreis. Ohne die Eltern habe er entspannt gewirkt, sagt die Bekannte, er sei „charmant und weltmännisch, ja geradezu witzig“, gewesen. Sobald seine Eltern zurück waren, entflog diese Leichtigkeit, als sei „eine Klappe gefallen“.

Die Eltern

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Das Signet der Alten Apotheke

CORRECTIV / Lennart Schraven

Sein Vater gilt in Bottrop als freundlicher Mann. Keiner in der Stadt kann glauben, dass er von den Machenschaften seines Sohnes gewusst haben könnte. Der hätte sich nicht weggeduckt, sagen sie. Doch es gibt Fragezeichen.

Der Vater hat seit Anfang des Jahres eine Generalvollmacht von Peter Stadtmann. Er verwaltet seit dessen Verhaftung das Vermögen seines Sohnes. Und er versucht, Spuren seines Sohnes zu verwischen. Weil die Staatsanwaltschaft die Buchhaltung als Beweis für die Unterdosierung nimmt, versucht der Vater im Nachhinein, die Buchhaltung zu korrigieren: So hat er nach Informationen von CORRECTIV in einem Fall die Angaben eines Lieferanten der Alten Apotheke hinterfragt. Er bat ihn, Wirkstoffe nachzumelden, die angeblich an die Alte Lieferung gegangen seien, aber nicht registriert wurden.

Der Lieferant meldet daraufhin tatsächlich wenige Milligramm einer Dosierung nach, die bis dahin nicht erfasst wurden. Doch dies bleibt in dem Verfahren ohne Wirkung. Die Ermittler halten die Korrektur nicht für entscheidend. Aus ihrer Sicht fehlten so große Mengen in der Buchhaltung, dass es auf die wenigen Milligramm nicht ankommt.

Peter Stadtmann übernahm die Alte Apotheke im Jahr 2009 von seiner Mutter. Die Mutter ist auch jetzt wieder Besitzerin der Alten Apotheke. Nach Aussage ihrer Anwälte hat sie nichts mit den gepanschten Medikamenten zu tun. Ein ehemaliger Angestellter der Alten Apotheke, erinnert sich, dass die Mutter einmal sagte, sie hätte ihrem Sohn die Apotheke nie geben sollen.

Die Verteidigung

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Stadtmann wird verhaftet

NDR

Ihr Sohn steht jetzt vor Gericht. Die Beweise für ein systematisches Strecken der Infusionen mit Krebsmedikamente sind erdrückend. Mathematisch genau ist anhand der Buchhaltung ausgerechnet, dass Stadtmann weniger Wirkstoffe eingekauft hat als ausgegeben.

Dazu kommen die Ergebnisse der Razzia in der Apotheke vom  29. November 2016. In der Apotheke herrschte Chaos. Keines der aufgefundenen Präparate war ordnungsgemäß beschriftet. Das Herstellungsdatum fehlte durchweg. Das ist ein Problem: Krebsmedikamente sind nur kurz haltbar und müssen schnell nach der Zubereitung verabreicht werden.

Auf einer Arbeitsplatte im Labor fanden die Polizisten Plastikkoffer. Darin lagen Krebsmedikamente, die nicht wie eigentlich vorgeschrieben, gekühlt waren. Sie standen wohl schon seit dem Vorabend dort. Die Koffer waren an verschiedene Praxen adressiert, in denen die Patienten mit den Infusionen behandelt werden sollten. Neben der Arbeitsplatte brummten drei Kühlschränke. Unter der Arbeitsplatte standen zwei weitere. Doch da hatte niemand die Koffer hineingestellt.

Ein halbes Dutzend Transportwannen stand im Vorraum des Zytolabors. Darin Blätterberge aus Herstellungsprotokollen. Das sind wichtige Dokumente. Jeder Apotheker, der Krebsmedikamente mischt, muss sie aufbewahren und bei Bedarf zeigen – auch, falls Patienten danach fragen.

Die Ermittler beschlagnahmten 117 Infusionen darunter auch 29, die monoklonale Antikörper enthalten sollten. Das sind besonders wirkungsvolle – und besonders teure – Mittel gegen Krebs.

Die Ermittler ließen alle Arzneien untersuchen. Das Ergebnis: Bei den monoklonale Antikörper war nur in einer von 29 Proben auch der geforderte Wirkstoffgehalt. In etlichen dieser Mischungen war oft nur gerade soviel Wirkstoff, dass Patienten Nebenwirkungen spürten. Anders gesagt: Sie erbrachen, wurden aber nicht geheilt. Von den insgesamt 117 Arzneien, die die Polizei sicherstellte, waren 66 falsch angemischt, darunter zum Beispiel Mittel gegen Übelkeit. Einige Infusionen beinhalteten gar keinen Wirkstoff, in fünf Medikamenten war ein anderer Wirkstoff als verordnet (Infografik).

Untersucht haben die Proben das Landeszentrum für Gesundheit in NRW und die Infusionen mit Antikörper das Paul-Ehrlich-Institut in Hessen.

Wie argumentiert man gegen eine solche Beweislast? Wir haben Peter Stadtmann angeschrieben und über seinen Anwalt gefragt. Wir haben keine Antworten bekommen.

Allerdings haben wir Unterlagen gefunden. Papiere, aus denen die Strategie der Verteidiger klar wird. Sie setzen auf Attacke. Sie bezweifeln die Buchhaltung der Alten Apotheke  und die Wissenschaftlichkeit der Analysen der bei der Razzia sichergestellten Infusionen. Die Verteidiger geben notfalls kleinere Vergehen zu, um Stadtmann vor dem Vorwurf zu schützen, tausenden Patienten lebensrettende Medikamente vorenthalten zu haben. Es sind Sätze wie bittere Pillen – schwer zu schlucken. Wir haben sie zusammen gefasst:

Buchhaltung stimmt nicht

Die Buchhaltung der Alten Apotheke und die der Lieferanten hätten nach Ansicht der Verteidiger nicht gestimmt, der tatsächliche Warenbestand an vorhandenen Krebsmittel sei gar nicht verzeichnet gewesen. Folgender Warenbestand fehle in der Buchhaltung der Alten Apotheke:

  • Die Zytostatika aus den Jahren von 2001 bis 2012, die in der Apotheke noch gelagert hätten
  • Überfüllungen und Restmengen aus angebrochenen Packungen
  • Warenlieferungen, die nicht verzeichnet wurden – zum Beispiel aus Schwarzeinkäufen
  • Abgelaufene und beschädigte Zytostatika seien faktisch nicht an die Hersteller zurückgeliefert worden. Sie wurden nur auf dem Papier zurückgebracht, um Geld zu kassieren, tatsächlich seien sie aber in der Alten Apotheke weiter verwendet worden.
  • Die Dokumentation der Hersteller sei fehlerhaft. Sie hätten mehr an die Alte Apotheke geliefert, als in ihren Büchern stünde.

Diese Punkte der Verteidigung erscheinen den Ermittlern als Unfug. Bei den angegebenen Summen seien die Mengen viel zu gering, die Stadtmann auf dem Schwarzmarkt eingekauft oder aus Überfüllungen genutzt haben will. Zudem sei die Vielfalt der gepanschten Mittel viel zu groß, als dass man sie mit diesen einzelnen, krummen Geschäften erklären könne. Insgesamt haben die Ermittler festgestellt, dass Peter Stadtmann bei 35 Wirkstoffen weniger als die Hälfte der verkauften Menge eingekauft hatte. Von dem besonders teuren Wirkstoff Trastuzumab soll er sogar weniger als ein Fünftel der verkauften Menge vorher auch tatsächlich besorgt haben.

Ankäufe auf Schwarzmarkt

Die Verteidiger sagen, Peter Stadtmann habe mit Privatentnahmen aus der Kasse der Alten Apotheke von mindestens einem Pharmavertretern Zytostatika billig aus dem Kofferraum gekauft und zwar aus einem Wagen, der im Parkhaus stand. Dieser Schwarzhandel sei nicht verbucht worden. 2014 soll er unter anderem für diese Geschäfte über 200.000 Euro aus der Kasse der Apotheke genommen haben. Das Bargeld für den Einkauf sei aber versteuert worden.

Razzia nicht beweiskräftig

Die Anwälte von Peter Stadtmann behaupten, die bei der Razzia beschlagnahmten Infusionen seien kein Beweis gegen ihren Mandanten. Da die Infusionen die Apotheke nicht verlassen hätten, habe Peter Stadtmann sie noch nicht freigegeben. Er hätte sie noch richtig anrühren können. Und aus diesem Grund könne er nicht wegen versuchter Körperverletzung verurteilt werden.

Außerdem sagen die Anwälte, es sei gar nicht nicht möglich, das Konzentrat von Zytostatika in Infusionen nachträglich zu bestimmen. Sie legen ein Gutachten vor, das belegen soll, dass die Untersuchungen des Landeszentrum Gesundheit NRW und des Paul-Ehrlich-Institut keine Beweiskraft hätten.

Den Angaben der Stadtmann-Anwälte widerspricht die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Institutes. Im Europäischen Arzneibuch seien die Methoden beschrieben, mit denen es möglich sei, „monoklonale Antikörper zweifelsfrei in den Infusionsbeuteln nachzuweisen“, schreibt die Sprecherin des Institutes. Anders ausgedrückt: die Anwälte fabulieren Unfug.

Keine echten Zeugen

Die Anwälte sagen, es gebe keine Zeugen, die gesehen hätten, dass Stadtmann Medikamente gestreckt habe. Er habe schließlich regelmäßig alleine gearbeitet. Es gebe auch niemanden, der schwören könne, dass er seine Mitarbeiter angewiesen habe, Medikamente zu strecken.

Hier geben die Verteidiger von Peter Stadtmann zu, dass ihr Mandant gewohnheitsmäßig gegen das vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip verstoßen hat.

Verstöße wegen Zeitersparnis

Die Anwälte von Peter Stadtmann sagen, er habe bevorzugt in den frühen Morgenstunden alleine in seinem Labor gearbeitet, um Zeit zu sparen. Dass Stadtmann dabei gegen das gesetzlich vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip bei der Herstellung von Zytostatika verstoßen hat, nehmen die Verteidiger hin. Auch zwei Mitarbeiterinnen der Alten Apotheke hatten ausgesagt, dass Stadtmann gewohnheitsmäßig früh morgens allein im Labor gearbeitet habe. Die Verteidiger sagen, Peter habe dies nicht getan, um ungestört Medikamente strecken zu können.

Nachdem die Richter am Landgericht Essen die Schriftstücke der Verteidigung gelesen hatten, ließen sie die Anklage gegen Peter Stadtmann zu. Der zuständige Richter ging dabei sogar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.

Die Staatsanwaltschaft hatte nämlich nur die Patienten zur Nebenklage zugelassen, deren Infusionen bei der Razzia sichergestellt wurden. Die anderen Patienten erhielten im Sommer 2017 einen Brief von der Staatsanwaltschaft, dass ihre Strafanzeige abgelehnt worden sei. Dabei stützte sie sich auf ein Gutachten, das sagt, man könne nicht von dem Einzelfall darauf schließen, dass tatsächlich alle Medikamente gestreckt gewesen seien.

Der Richter dagegen lies weitere Nebenkläger zu. Bis heute über 17 Menschen. Ein kleines Mädchen, das seine Mutter an den Krebs verloren hatte, sorgte für den wichtigsten Riss in der Mauer der Staatsanwaltschaft. Der Richter entschied, dass auch sie als Tochter einer Frau, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen hatten und verstorben war, als Nebenklägerin zugelassen werden müsse. Sie sei genauso wie ihre Oma eine Angehörige eines möglichen Gewaltopfers. Ein Durchbruch: Hunderte, tausende Betroffene können nun eine Nebenklage anstreben. Und noch etwas ist damit klar: Es wird im Prozess nicht mehr nur um einen Abrechnungsbetrug gehen, es geht um wesentlich mehr. Aber dazu später.

Die Ausweitung

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NDR

Als Peter Stadtmann verhaftet wurde, war die Alte Apotheke ein Riesenbetrieb mit 60 Mitarbeitern – vom Fahrer bis zum Pharmazeutischen Assistenten, die im Zytolabor arbeiteten. Auf den beschlagnahmten Unterlagen fanden die Ermittler auch die Namen von zwei Mitarbeiterinnen. Sie waren neben Stadtmann für die gepanschten Infusionen verantwortlich. Für 21 der fehlerhaften Proben unterzeichnete die pharmazeutisch-technische Assistentin S., für zwei weitere ihre Kollegin G.

An dieser Stelle wurde den Ermittlern klar, dass es bei dieser Geschichte nicht nur um einen einzigen kriminellen Apotheker geht. Der Fall der Alten Apotheke zeigt, was Menschen für Geld zu tun bereit sind.

Oder zwang Stadtmann seine Mitarbeiterinnen, die Mischungen zu panschen? Steht ihr Name fälschlicherweise unter den Protokollen? Eine Zeugin sagt, dass es nahezu unmöglich sei, die Herstellungsprotokolle und Unterschriften zu fälschen. Wurden die Medikamente also bewusst gestreckt? Wir haben versucht, mit S. zu sprechen, sind zu ihrer Wohnung gefahren. Sie wollte nicht mit uns sprechen. Einen Tag später rief uns ihr Anwalt an. Wir sollen den Kontakt zu seiner Mandantin unterlassen. Die Bottroper Apothekenangestellte wird von einem Düsseldorfer Strafverteidiger vertreten.

Eine Mauer des Schweigens hat sich um die Alte Apotheke gelegt. Angestellte der Apotheke verweigerten reihenweise die Aussage vor den Ermittlern. Sie sagen, sie könnten sich selbst belasten. Wir erfahren aus dem Umfeld der Alten Apotheke, dass Peter Stadtmann seine Mitarbeiter in der Regel 20 Prozent über Tarif bezahlt haben soll. Dazu habe es großzügige Schenkungen gegeben. Die Assistenten hätten in manchen Monaten 6.000 Euro netto verdienen können.

Noch heute arbeiten S. und G. in der Alten Apotheke – so steht es zumindest in einem Schreiben der Anwälte aus der Kanzlei Höcker, die über ein dutzend Mitarbeiter der Alten Apotheke vertreten. Das Schreiben liegt uns vor. Die Anwaltskanzlei Höcker arbeitet nicht nur für die vielen Mitarbeiter aus der Alten Apotheke. Sie ist auch schon für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und diverse AfD-Politiker aktiv geworden. Wir haben die Mutter gefragt, warum sie die Labormitarbeiterinnen S. und G. noch bezahlt. Wieder antworteten die Höcker-Anwälte, diesmal im Namen der Mutter. Sie schrieben, dass sich die Mutter an der „Unschuldvermutung“ orientiere – auch wenn Ermittlungen gegen die Mitarbeiterinnen liefen. Mit anderen Worten: Die Mutter sieht keinen Grund S. und G. zu feuern, auch wenn ihre Unterschriften auf gepanschten Medikamenten prangen.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

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Der Großhandel

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Hüdaverdi Güngör

Die Ermittler fanden auch heraus, dass die Alte Apotheke unter Stadtmann nebenher noch einen nicht genehmigten – und damit illegalen – Großhandel für Arzneien betrieb. Und zwar im internationalen Maßstab.

Der Apotheker kaufte zum Beispiel bei der Essener Firma Noweda Antikörper im Millionenwert ein, ließ sie in Schleswig-Holstein umverpacken und weiter nach Dänemark und Schweden verkaufen. Die Bezirksregierung Düsseldorf behauptet, dass die Packungen der Medikamente unversehrt gewesen seien. Das heißt, Stadtmann hätte diese Wirkstoffe gar nicht gepanscht haben können. Eine unabhängige Prüfung der betreffenden Medikamente hat es aber nicht gegeben.

Stadtmann genoss einen Sonderstatus bei Arzneimittelhändlern. Vor allem bei Noweda. Stadtmanns Monatsumsatz wird in den Papieren des Händlers auf etwa 600.000 Euro beziffert, so dass Noweda ihm schließlich das Sonderrecht einräumte, alles wieder eintauschen zu können. Egal woher es kam. Sogar Produkte, die Peter Stadtmann woanders gekauft hatte.

Damit machte er Geld: Er verkaufte nicht nur Medikamente ins Ausland. Er bezog sie auch von ausländischen Händlern und schickte sie als so genannte Retoure an Noweda. Und Noweda zahlte ihm dafür den deutschen Katalogpreis zurück. Man kann sich das so vorstellen, als könnte man in einem holländischen Marken-Outlet hundert Paar Schuhe zu einem reduzierten Preis einkaufen und diese dann anschließend zum vollen Preis in einer deutschen Filiale zurückgeben – ohne Kassenbon. Denn für die meisten seiner Retouren legte Stadtmann nicht einmal einen gültigen Lieferschein vor.

Neben Krebsmedikamenten retournierte Peter Stadtmann auch gängige Produkte. Allein im Februar 2016 schrieb Noweda ihm 240.000 Euro für Arzneimittelretouren gut. Mit dabei: rund 2.700 Fläschchen Nasenspray.

Die Anwälte von Stadtmann behaupten, dass diese Retouren bei Krebsmedikamenten nie wirklich stattgefunden hätten. Sie sagen, dass ihr Mandant nur so getan habe, als schicke er Medikamente zurück an die Großhändler. In Wahrheit habe er sie aber in der Apotheke weiterverarbeitet. Es sei auch möglich, dass die Alte Apotheke bei der Herstellung der Krebsmedikamente auf Vorräte zugegriffen hätte, die sich von 2001 bis 2012 angesammelt hätten. Abgelaufene Medikamente.

Wie gesagt: Krebsmedikamente sind nur sehr kurz haltbar, sie zersetzen sich. Und können danach zum Gift werden.

Die Dimension des Verfahrens ist kaum zu erfassen. Die nackten Zahlen wirken steif und ungelenk. Man möchte wegschauen und diese Details am liebsten überlesen.

Nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft hat Peter Stadtmann von 2012 bis 2016 insgesamt 4661 Patienten mit Krebsmedikamenten versorgt – seine Lieferungen gingen an 38 Ärzte in sechs Bundesländern. Aber der Apotheker hat nicht erst 2012 angefangen, Krebsmedikamente zu mischen. Die Staatsanwaltschaft legt sich auf diesen Zeitraum fest, weil die Ermittlungen wegen Abrechnungsbetrugs laufen, und der verjährt schon nach fünf Jahren.

Doch hinter den Zahlen verbergen sich tausende Schicksale wie das von Bettina Neitzel. Sie liebt es mit ihrem Hund durch den Bottroper Stadtpark zu laufen. Jeden Tag eine Runde. Sie ist gerne bei ihrem Mann, ihrer Familie. Sie lacht gerne. Und sie leidet, weil sie weiß, dass sie gepanschte Krebsmittel bekommen hat, die vielleicht ihre Lebenszeit verkürzt haben.

Seit 2001 soll Stadtmann in der Alten Apotheke Krebsmedikamente angemischt haben. Das geht aus Unterlagen hervor, die den Ermittlern vorliegen. Die Zahl der Patienten, die seitdem Bottroper Medikamente bekommen haben, reicht an die 10000. Bis 2009 war die Mutter von Stadtmann verantwortlich für die Alte Apotheke. Doch: „Während der Zeit, in der unsere Mandantin die Betriebserlaubnis für die Alte Apotheke besaß, ist es nach Kenntnis unserer Mandantin zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen“, sagen ihre Anwälte aus der Kanzlei Höcker.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

Als ihr Sohn bereits im Gefängnis war, übernahm die Mutter die Apotheke wieder – wie genau sie das gemacht hat, erklären wir später. Als neue Inhaberin rief sie die Privatpatienten an. Sie erinnerte daran, dass noch Rechnungen für Krebsmedikamente offen seien. Krebsmedikamente, die ihr Sohn wahrscheinlich gepanscht hatte.

Die Alte Apotheke in Bottrop hat tausende Menschen beliefert, deren Angehörige sich heute fragen, warum das niemand gemerkt hat. Warum der Betrug nicht schon Jahre früher aufgefallen ist. Und warum kein Mitarbeiter etwas gesagt hat. Um diese Fragen zu beantworten, muss man zuerst die Geschichte der Menschen kennen, die Peter Stadtmann auffliegen ließen: Martin Porwoll, der die Anzeige stellte. Und Marie Klein, die den letzten Beweis lieferte.

Die Whistleblower

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Die Whistleblower

CORRECTIV / Anna Mayr

Im August 2014 wird Martin Porwoll kaufmännischer Leiter der Alten Apotheke. Porwoll ist wie jeder andere Buchhalter: Man sieht ihm seinen Beruf nicht an. Er trägt ein Hemd und eine Brille mit schwarzem Rand, er fällt nicht auf. Aber er ist ein Ur-Bottroper, war mit Stadtmann auf dem Gymnasium. Bottrop hat fast 120.000 Einwohner, aber manchmal fühlt es sich an, als wären es nur 120.

Porwoll erledigt ab 2013 kleine Aufgaben für den Apotheker, später gibt Stadtmann ihm einen Vollzeitjob. Davon, was im Labor passiert, bekommt Porwoll in seinem Büro nichts mit. Es gehört allerdings zu seinen Aufgaben, Mitarbeitergespräche zu führen. Und als Ende des Jahres 2014 zwei Kolleginnen plötzlich gleichzeitig kündigen, hört er zum ersten Mal davon, was Stadtmann heute vorgeworfen wird.

Beide Kolleginnen arbeiten im Labor – dort, wo die Krebsmedikamente gemischt werden. Im Gespräch mit Martin Porwoll klagen sie über die Hygiene. Und sie sagen, dass Peter Stadtmann die Medikamente unterdosiere.

Im Labor der Apotheke war das bekannt. Aber sonst hat es niemand mitbekommen. Weil in Deutschland keine Behörde kontrolliert, ob die Krebs-Apotheken die Infusionsbeutel wirklich mit Medikamenten befüllen. Hygiene-Kontrollen gibt es, aber nur alle drei Jahre, meist mit Ankündigung.

Es wäre einfach, Infusionen unangekündigt zu kontrollieren. Jeden Tag gibt es Infusionen, die nicht beim Patienten ankommen. Zum Beispiel, weil der Patient krank ist und nicht stark genug. Diese Infusionen gehen zurück in die Apotheken. Man könnte sie aber auch zur Analyse ins Gesundheitsamt schicken. Dass man damit kriminelle Apotheker überführen kann, dafür ist diese Geschichte ein Beispiel. Aber dazu später.

Was die Kolleginnen ihm erzählen, ist für Porwoll unfassbar. Er hält es erstmal für ein Gerücht. Gerüchte holt man heraus, wenn man sie braucht – zum Beispiel in einem Kündigungsgespräch, um den ungeliebten Chef anzuschwärzen.

Im Sommer 2015 bekommt Porwoll eine neue Büro-Nachbarin: die pharmazeutisch-technische Assistentin Marie Klein, seit ein paar Monaten Mitarbeiterin im Labor. Sie ahnt längst, das dort etwas nicht in Ordnung ist. Dann fassten die anderen Kollegen Vertrauen zu ihr. Sie erinnert sich, dass über Medikamente getuschelt wurde, die abgerechnet wurden, ohne dass es sie gab.

Die Anzüge vom Chef sind aus Teflon. Da prallt alles dran ab, damit kann man auch steril arbeiten.

Porwoll und Klein sehen sich fast jeden Tag. Sie verstehen sich gut, sie haben den gleichen Humor. Sie fangen an, Witze zu machen.

Die Krebsmedikamente hier sind der Beweis dafür, dass Homoöpathie wirkt.

Sie sprechen die Wahrheit aus, die sie beide kennen, aber nicht kennen wollen.

Wie Jesus Christus Brot und Wein, so kann Peter Stadtmann per Handauflage Wirkstoffe verdoppeln.

Vielleicht waren es diese Witze, die dafür gesorgt haben, dass Martin Porwoll verstand, dass er derjenige war, der alles beweisen konnte. Vielleicht auch nicht. Aber Porwoll wurde klar, dass er, der kaufmännische Leiter, auf alles Zugriff hatte: Zahlen, Rechnungen, Rezepte. Was ihm fehlte, war eine Gelegenheit, ein paar Stunden allein im Büro.

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Martin schaut in die Bücher

NDR

Die bietet sich an einem Abend im Januar 2016, als Handwerker in der Apotheke den neuen Arznei-Lagerautomaten aufbauen. Das geht nur nach Ladenschluss, Porwoll bleibt als einziger der Angestellten bei den Handwerkern. Als alle weg sind, sucht er aus seinen Unterlagen alle Rezepte für das Medikament Opdivo aus den letzten Monaten heraus. Das Medikament ist da erst seit ungefähr einem halben Jahr zugelassen, nur wenige Patienten bekommen es, deshalb sind die Zahlen übersichtlich. Er rechnet zusammen, wie viel Opdivo Stadtmann in dieser Zeit abgerechnet hat. Er kommt auf 52.000 Milligramm. So viel Opdivo müsste in den Infusionsbeuteln gewesen sein. Für so viel Opdivo hat Stadtmann Geld bekommen.

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Porwoll rechnet zusammen

NDR

Dann rechnet Porwoll nach, wie viel Opdivo eingekauft wurde – wie viel des Medikaments sich überhaupt in der Apotheke befunden haben kann. Porwoll weiß nicht, was er finden will. Am liebsten wäre ihm Erlösung gewesen, der Gegenbeweis, der das Gerücht zum Gerücht macht und damit unwahr. Er addiert die Einkaufsrechnungen: 16.000 Milligramm. Das sind 36.000 Milligramm zu wenig. 36.000 Milligramm, für die Stadtmann Geld bekommen hat. 36.000 Milligramm, die nicht nur auf der Einkaufsrechnung fehlen, sondern in den Blutkreisläufen von Patienten. 100 Milligramm Opdivo kosten etwa 1.300 Euro. Anstelle von 34.000 Euro Gewinn machte Stadtmann mit dem Phantom-Opdivo 615.000 Euro, fast 20 Mal mehr. In einer Stunde, mithilfe einer einfachen Excel-Tabelle, wird das Gerücht zu einem ernst zu nehmenden Verdacht.

Ab da legt sich Porwoll jeden Abend nach der Arbeit in die Badewanne. 40 Grad. Er kocht sich selbst ab. Er wäscht den Dreck weg. In den nächsten Monaten sammelt er weitere Beweise in der Buchhaltung und reicht eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ein.

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Marie Klein steckt Beutel ein

NDR

Im Oktober bringt seine Kollegin Marie Klein den entscheidenden Beweis zur Polizei. Sie, die PtA, nimmt an diesem Arbeitstag die Retouren entgegen, die Infusionen, die nicht an die Patienten gehen konnten – die, mit denen man Stadtmann überführen kann. Sie nimmt einen Beutel heraus und schiebt ihn unter ihre Jeansjacke. Als später ein anderer Kollege die Beutel zählt, fällt ihm auf, dass eine Infusion fehlt. Marie Klein schaut weg und schweigt.

Die Staatsanwaltschaft lässt den Infusionsbeutel prüfen. Er enthält gar keinen Wirkstoff.

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Ermittler mit Beutel in der Hand

NDR

Die Verteidiger von Peter Stadtmann halten Porwoll und Klein nicht für glaubwürdig. Und auch der Infusionsbeutel, den Marie Klein zur Polizei gebracht hatte, habe keinen Beweiswert. Die Anwälte sind überzeugt, dass man Zytostatika gar nicht in Infusionen nachweisen könne. Zudem sei der Weg des Infusionsbeutels nicht ausreichend dokumentiert worden.

Es ist bedauerlich. Schon im November 2016, vor einem Jahr, hätte man verstehen können, wie groß dieser Fall ist. Man hätte die Erschütterungen voraussehen müssen, die dieser Fall im Leben von Krebspatienten haben würde. Man hätte auch schon überlegen können, was die Menschen brauchen, die gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Eine Anlaufstelle mit psychologischer Beratung. Einen Rechtsbeistand. Oder überhaupt: Information.

Niemand hat diese Gedanken öffentlich gedacht. Wahrscheinlich, weil jeder in der städtischen Elite von Bottrop sich bereits einen Gefallen von Peter Stadtmann tun ließ. Sein Vermögen und sein Beruf haben Stadtmann davor geschützt, dass die Dimension des Falls sofort klar wurde.

Aber nicht nur das – Peter Stadtmann hat ein Verbrechen begangen, das es so noch nicht gab. Die Onkologen, die Stadt Bottrop, die Gesundheitsämter, auch die Staatsanwaltschaft standen alle vor dem gleichen Problem: Es gab keine Handlungsanweisungen und kein Protokoll, dem man hätte folgen können.

Wenn ein Flugzeug abstürzt, wissen die Regierung, die Fluggesellschaft und der Flughafen, was zu tun ist. Sie richten einen Krisenstab ein, die Angehörigen der verunglückten Passagiere werden medizinisch und psychologisch versorgt, Ermittler forschen nach den Ursachen des Absturzes. Opferausgleich und Entschädigungen werden geregelt. In Bottrop gab es keine Abläufe. Obwohl tausende Patienten und deren Angehörige betroffen sind, hat das Gesundheitsministerium in NRW bis heute versäumt, die Organisation eines Krisenstabes in die Hand zu nehmen. Bis heute ist nicht klar, ob man und wenn ja, wer die betroffenen Patienten informieren soll. Und wer sie oder deren Angehörige im Notfall therapieren soll.

Im November 2016, zwei Tage nachdem die Polizei Peter Stadtmann festnimmt, wird Martin Porwoll noch einmal in die Apotheke zitiert. Dort erwarten ihn die Eltern von Stadtmann und dessen Anwalt und überreichen ihm die Kündigung. Sie werfen ihm vor, dass er nicht versucht hatte, die Sache intern zu klären. Marie Klein bekam ihre Kündigung per Post.

Getan hat sich seitdem nicht viel. Die Apotheke bleibt geöffnet.

Nach der Verhaftung verbreitet das Gesundheitsamt in Bottrop sogar Falschinformationen – auf Grundlage von Porwolls Anzeige. Für fünf Wirkstoffe hatte der Whistleblower als Beweis die Buchhaltung durchgerechnet. Und nur diese fünf Wirkstoffe veröffentlicht das Bottroper Gesundheitsamt auf seiner Website. Über eine Hotline beschwichtigt man die Patienten, die andere Wirkstoffe bekommen haben. Dabei hat Porwoll immer betont, dass da etwas im großen Stil passiert. Trotzdem werden bis zum Sommer 2017 viele Betroffene fälschlicherweise beruhigt, weil das Gesundheitsamt die Liste sieben Monate lang nicht auf ihrer Internetseite aktualisiert – und bei der Hotline nicht die volle Wahrheit sagt.

Die Betroffenen

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Onko Mädels im Patientenraum

NDR

Martin Porwoll hat nicht nur Zahlen addiert. Er hat Rezepte gesehen, auf denen die Namen von Patienten standen. Namen von Menschen, die gegen Krebs kämpfen, Menschen aus Bottrop, Düsseldorf und weiteren Gemeinden. Niemand informierte sie. Wer es nicht in der Zeitung las, weiß bis heute oft nichts davon.

Auch Heike Benedettis Name stand auf den Rechnungen der Alten Apotheke. Aber sie erfährt von der Sache nicht von ihrem Arzt, vom Gesundheitsamt oder der Staatsanwaltschaft. Sondern auf Facebook. „Bottroper Apotheker panschte Krebsmedikamente“ titelte dort der lokale Radiosender. Benedetti schreibt einen Kommentar: „Hoffentlich nicht die Alte Apotheke, da habe ich meine Krebsmedikamente herbekommen.“ Kurz darauf hat sie eine Nachricht von einem Redakteur des Lokalradios. Ob sie für ein Interview vorbeikommen wolle. Es ginge um die Alte Apotheke.

Stadtmann hat bereits Krebsmedikamente für Heike Benedettis Eltern gemischt. Beide sind an der Krankheit gestorben. Als sie selbst Brustkrebs bekam, hat Benedetti ein Stoßgebet zum Himmel geschickt: „Mama, Papa, ich komm noch nicht zu euch hoch.“ Zu ihrem Mann hat sie gesagt: Das ist jetzt ein etwas schlimmerer Schnupfen. Das geht vorbei.

Benedetti ist Mitte 40, in der Schule war sie eine, die sich unter dem Tisch versteckt hat, sie schaute weg, wenn der Lehrer eine Frage stellte. Heute ist das alles anders. Sie spricht mit Journalisten, mit Politikern. Sie ist zur Aktivistin geworden. Weil sie nicht nur ihre Eltern verloren hat, sondern auch fünf Freundinnen – fünf Freundinnen, die Brustkrebs hatten. Sie lernten sich 2014 kennen, standen gemeinsam die Krankheit durch, dann haben sie sich verloren. Und Benedetti wird den Gedanken nicht los, dass das nicht hätte sein müssen.

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Selfie der Onko Mädels

Heike Benedetti

Ihre Freundinnen bekamen die Nebenwirkungen von der Chemotherapie nicht – genau so, wie es andere Betroffene erzählen. Kein Haarausfall, keine Übelkeit. Aber die Ärzte meinten, das wäre normal. Erst nach der Festnahme von Peter Stadtmann, als die Medikamente aus einer anderen Apotheke geliefert wurden, kamen die Nebenwirkungen. Doch da war es schon zu spät.

Dabei hätte es schon 2013 eine Chance gegeben, den Apotheker auffliegen zu lassen. Ein Jahr vor Benedettis Diagnose.

Die erste Anzeige

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NDR

Im Herbst 2013 entscheidet Ralf Umbreit, der als Häftling der JVA Willich sitzt, reinen Tisch zu machen. Es ist Halbzeit seiner siebenjährigen Haftstrafe. Umbreit nimmt sich ein kariertes Blatt Papier, einen schwarzen Fineliner und beginnt einen Brief an die Kriminalpolizei in Essen. Er schreibt, dass der Apotheker Stadtmann aus Bottrop Steuern hinterzieht, indem er Krebsmedikamente unterdosiert. Er schreibt, dass er von der Geschichte seit 2001 weiß, weil seine Ex-Frau in der Apotheke gearbeitet hat. Sie hat ihm davon erzählt. Der Häftling ist nicht dumm, aber er hat auch nicht Jura studiert. Umbreit hat keinen Anwalt. Er kann keine Anzeige formulieren, die überzeugend ist. Und: Er ist ein geschiedener Mann Mitte 40, der wegen eines Sexualdelikts im Gefängnis sitzt. Er sagt bis heute, dass er unschuldig ist. Ein schwieriger Zeuge. Seinen Brief schickt er an seine Mutter, sie tippt ihn ab und sendet ihn an die Staatsanwaltschaft in Essen. Und die befragt zu der Sache genau zwei Zeugen.

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Ermittlungsverfahren

CORRECTIV / Benjamin Schubert

Zuerst sprechen die Ermittler mit der Ex-Frau des Häftlings, Mitarbeiterin der Alten Apotheke, die alles abstreitet. Dann befragen sie Stadtmann zu den Vorwürfen, der über seinen Anwalt ebenfalls alles abstreitet. Wörtlich hieß es damals im Brief des Anwalts: „Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen, indem er deren Leiden verschlimmert oder gar deren Leben verkürzt, indem er weniger als die erforderliche Menge Zytostatikum anmischt. Mein Mandant ist im Gegenteil sozial sehr stark engagiert und hilft wo er nur kann.“

Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen…

Damit stehen die Beamten vor einem Bild, das zwei Seiten hat: Auf der einen sieht man Umbreit, einen verurteilten Sträfling, der mit einer irren Geschichte seine Ex-Frau belastet und deren Arbeitsplatz gefährdet. Auf der anderen steht ein Apotheker, ein Mann, den man aus Vereinen kennt, der Geld spendet, freundlich grüßt, Anzüge trägt. Ein wichtiger Arbeitgeber. Das Ergebnis: Ermittlungen eingestellt.

Die Anzüge von Stadtmann sind zwar nicht aus Teflon, wie Martin Porwoll und Marie Klein gewitzelt hatten – aber sie waren teuer genug, dass jede Anschuldigung daran abprallte.

Die Gefühlskälte

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NDR

Peter Stadtmann besaß eine neonlichtige, brutale Gefühlskälte. „Die hat doch sowieso keine Chance“, soll er einmal über eine Krebspatientin gesagt haben. So erinnert sich ein Zeuge des Gesprächs. Es ging um eine Frau, deren Namen er kannte, die ihm nahe stand.

Manchmal bestellte Stadtmann Handwerker in die Apotheke, nur um sie dann zu ignorieren.

Er demonstrierte seine Macht, indem er seine Mitarbeiter vor außenstehenden Geschäftspartnern demütigte. Bei einer Besprechung in seiner Apotheke warf er einen Stift auf den Boden, rief eine Angestellte: „Da liegt ein Stift. Heb den auf.“ Die Frau hob den Stift auf.

Ein anderes Mal zog er seine Brille ab und gab sie einer Angestellten zum Putzen. Und während sie putzte, warf Stadtmann einen Blick in die Männerrunde aus Geschäftspartnern. Dieser Blick sagte: „Habt ihr gesehen. Ich kann das.“

Stadtmann machte sich in Bottrop breit, in der Fußgängerzone gehören ihm viele Häuser. Auch die sind als Wohltat getarnt. Die „Medi-City“ sollte ein Stadtentwicklungskonzept für Bottrop sein; verschiedene Fachärzte im Umkreis von 150 Metern, alles in der Innenstadt, alles um seine Apotheke herum.

In den Häusern, die Stadtmann gekauft hat, haben sich viele Arztpraxen eingemietet. An jedem Haus hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Weil Gesundheit ein Geschenk ist“.

Seine wichtigsten Abnehmer waren die beiden Onkologen Dirk Pott und Christian Tirier. Sie haben eine onkologische Gemeinschaftspraxis in Bottrop. Zu ihnen habe Stadtmann ein enges Verhältnis gehabt, sagt eine Bekannte. Sie erinnert sich, dass Stadtmann in der ersten Jahreshälfte 2010 viel mit diesen Ärzten beschäftigt gewesen sei: Er habe Geschenke besorgt und sie mehrmals wöchentlich abends besucht. Die Ärzte der onkologischen Praxis haben bis zur Veröffentlichung Fragen zu diesem Sachverhalt nicht beantwortet.

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Drohnenaufnahme von Stadtmanns Luxusvilla

NDR

Stadtmann wohnte allein in einem Haus in Kirchhellen, einem wohlhabenden Stadtteil von Bottrop. Das Haus ist der wahrgewordene Traum eines exzentrischen Zwölfjährigen: Eine Rutsche führt vom Badezimmer in den Pool im Erdgeschoss. Im Keller steht eine Modelleisenbahn, die er nicht selbst gebaut hat. Im Garten stehen Kunstwerke, wahllos zusammengewürfelt. Er hatte Pläne für diesen Garten: Eine Ecke sollte Atlantis gewidmet sein, eine Ecke Grimms Märchen – sein privater Themenpark. Um festzulegen, wie hoch das Haus werden sollte, ließ er einen Kran an dem Gelände in die Höhe fahren und ausmessen, von welcher Höhe man auf die letzte Kohleanlage des Ruhrgebietes schauen kann. Das Bauamt hatte nichts gegen die Pläne einzuwenden.

Auf den Videos der Überwachungskameras ist zu sehen, dass er dort von Zeit zu Zeit Damenbesuch hatte. Ganz allein war er auch nicht: Stadtmann hielt eine Labradorhündin, die auf den Namen Grace hört. Grace wie Grace Kelly, weil Stadtmann fand, dass er selbst aussieht wie der Fürst von Monaco – so sagt es eine Zeugin. Seit Stadtmann im Gefängnis sitzt, kümmert sich sein Vater um die Hündin und spaziert mit ihr durch die Stadt.

Die Mutter

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Peter mit seiner Mutter

Correctiv

Auch die Mutter von Peter Stadtmann hat reagiert. Sie versucht mit einer Schar von Anwälten, die Lage in den Griff zu kriegen und das Vermögen der Familie in Sicherheit zu bringen.

Da ist der Versuch, die Whistleblower  einzuschüchtern. Das erscheint nötig, seit Martin Porwoll den Skandal erklärt. Er hat beim Apothekerverband vorgesprochen, mit Betroffenen geredet, immer wieder betont, dass es Mitwisser in der Apotheke gab. Dafür hat er eine Abmahnung der Kanzlei Höcker bekommen, die 18 Mitarbeiter der Alten Apotheke und die Mutter von Stadtmann vertritt. Für die Abmahnung soll Martin Porwoll 3.456 Euro zahlen. Und schweigen, aus Angst nochmal Tausende von Euros zu berappen.

Dann ist da der Griff der Mutter nach dem Vermögen von Peter Stadtmann. Dem Familienvermögen.

Am 26. Januar fuhr der Notar Andreas S. in das Wuppertaler Gefängnis, in dem Peter Stadtmann in Untersuchungshaft sitzt. Dort ließ er sich von dem Apotheker mehrere Dokumente unterschreiben. Die Alte Apotheke wurde so vom Sohn auf die Mutter übertragen, damit das stuckverzierte, rosa Haus nicht beschlagnahmt werden kann, um Betroffene zu entschädigen. So steht es als Grund der Übertragung im Vertrag zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter zahlte für diese Übertragung nichts an ihren Sohn. Sie bekam die Apotheke umsonst.

Gleichzeitig sicherte sie sich Hypotheken auf weitere Grundstücke von Peter Stadtmann – angeblich als Sicherheit für Darlehen in Millionenhöhe. Geld, das der Sohn seiner Mutter angeblich schulden sollte.

Dass die Mutter sich das Vermögen auf diese Art und Weise sichern konnte, erscheint fast unglaublich. Aus der Haft heraus kann jemand Millionen verschieben?

Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft langsam reagiert. Vielleicht zu langsam. Nach der Festnahme ließ sie zunächst nur eine Hypothek in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro auf die Villa von Peter Stadtmann eintragen.

Die Staatsanwaltschaft ließ nicht das gesamte Vermögen einfrieren. Sie sprach kein Verkaufsverbot für die Häuser von Peter Stadtmann aus, nicht für seine Bilder und Kunstwerke. Die Staatsanwaltschaft ließ Peter Stadtmann monatelang gewähren.

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Obwohl sie im Verlauf der Ermittlungen herausbekam, wie groß der Skandal ist. Wie viele Menschen betroffen sind, wie unermesslich der Schaden ist.

Erst im August 2017 sicherte die Staatsanwaltschaft insgesamt 56 Millionen Euro. Auch dieses Geld würden in erster Linie die Krankenkassen bekommen, wenn ein Gericht den Betrug des Alten Apothekers bestätigen sollte.

Ausreichend Geld für Schadensersatzforderungen der vielen Patienten ist immer noch nicht gesichert. Es gibt aber auch keinen Straftatbestand, der die Handlungen von Stadtmann genau abdeckt. Die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass jemand an Krebs stirbt – ist das Mord? Fahrlässiger Totschlag? Körperverletzung? Sowieso müsste man es erst beweisen. Hat einer der Krebsmedikamente panscht eine Tötungsabsicht?

Die Informationspolitik

Im Fall Stadtmann muss sich nicht nur die Justiz Fragen gefallen lassen. Vor allem Behörden und Ärzte haben versagt. Die Stadt Bottrop hat nach der Razzia und dem Bekanntwerden des Falls nur die Ärzte angeschrieben, die von Stadtmann beliefert wurden. Patienten und Angehörige von Verstorbenen wurden nicht informiert. Denn das ist das besondere an Krebsmedizin: Die Patienten müssen immer genau auf den Zuzahlungsbescheid gucken, um zu wissen, aus welcher Apotheke ihre Medikamente kommen. Und wer schaut auf die Rezeptzuzahlungen des verstorbenen Ehemannes, Ehefrau, Kindes oder Vater oder Mutter? Der Arzt weiß aber genau, woher die Zytostatika stammen.

Am 2. Dezember 2016 schickt die Stadt einen Brief an die Ärzte, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben. In dem Brief werden nur die fünf Wirkstoffe genannt, die der Whistleblower Porwoll aufgelistet hatte. Sonst nichts. Keine Aufforderung dazu, Patienten zu informieren.

Später im Mai 2017 dann: Die Meldung von der Stadt an die Ärzte, dass wesentlich mehr Medikamente betroffen sind. Aber wieder keine direkte, öffentliche Bekanntmachung, damit sich die Patienten unabhängig von ihren Ärzten informieren können.

Und etliche Ärzte klären ihre Patienten nicht aktiv auf. Dies belegen unsere Recherchen. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen. Die meisten gaben an, ihre Patienten nicht informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht oder man wolle die Patienten nicht grundlos aufregen.

Wir haben uns nach langer Überlegung entschlossen, die Namen der Ärzte zu veröffentlichen, die von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekommen haben: damit die betroffenen Patienten von sich aus ihren Arzt fragen können, was zu tun ist.

Ein paar Tage nach ihrem Interview mit dem Lokalradio fährt Heike Benedetti ins Bottroper Marienhospital. Sie selbst ist da schon seit einem Jahr krebsfrei, aber ihre Freundinnen kämpfen zu diesem Zeitpunkt immer noch. Benedetti stellt ihren weißen Geländewagen auf dem Parkplatz ab, sie steigt aus – und läuft ihrer Ärztin in die Arme. Die Ärztin, die ihre Rezepte geschrieben hat, die Rezepte mit den richtigen Wirkstoffmengen. Sie begrüßen sich freundlich, dann fragt die Ärztin, was Benedetti denn im Krankenhaus wolle. „Das können Sie sich doch wohl denken“, sagt Benedetti. Laut Benedetti hat die Ärztin daraufhin nur gelächelt, genickt und ist weitergegangen. Am Empfang fragt Benedetti noch einmal nach. „Wir müssen jetzt eben schauen, ob der Krebs wiederkommt“, sagt die Sprechstundenhilfe.
Das ist der Moment, in dem Heike Benedetti anfängt zu zweifeln: Wusste ihre Ärztin davon, dass Peter Stadtmann die Medikamente panschte? Hätte sie nicht wenigstens etwas ahnen können? Wenn sie unschuldig ist, warum spricht sie dann nicht offen darüber? Wir haben die Ärztin mit der Geschichte von Benedetti konfrontiert. Sie hat nicht geantwortet. Auch Benedetti hat keinen Brief erhalten, in dem steht, dass sowohl sie als auch ihre Eltern eventuell gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Es wäre ihr egal gewesen, von wem dieser Brief kommt. Nur die offizielle Nachricht, die hätte sie gerne gehabt.

Man wolle geheilte Patienten nicht verunsichern, sagen manche Ärzte. Die beiden wichtigsten Abnehmer von Stadtmann, der bekannte Düsseldorfer Chirurg Mahdi Rezai und die Onkologie in Bottrop, gehen sogar noch weiter: Sie sagen, dass sie keine Auffälligkeiten in ihren Behandlungsergebnissen festgestellt hätten. Das machen sich wiederum die Verteidiger von Stadtmann zunutze: da kein Schaden angerichtet sei, könne ihr Mandant auch nicht gestreckt haben. Bis heute spricht ein Großteil der Ärzte nur mit den Patienten, die es selbst herausgefunden haben und sich daraufhin melden.

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Selbst ein Gutachter hat im Zuge der Ermittlungen gesagt, dass man von einem womöglich gestreckten Medikament nicht auf einen körperlichen Schaden, bis hin zum Tod, schließen könne. Krebs ist eine schicksalbeladene Krankheit, bei der ein einzelner Fall wenig Aussagekraft hat.

Gewissheit könnte nur eine großangelegte Studie bringen. Für eine Fall-Kontroll-Studie bräuchte man die Behandlungsunterlagen von Betroffenen, die alle eine ähnliche Krebsart haben, zum Beispiel Brustkrebs. Man wirft sie dann zusammen mit einer Kontrollgruppe, die ordnungsgemäße Medikamente bekommen hat. Dann schaut man sich alle Unterlagen gesammelt an. Und sucht sich die Patienten heraus, die besonders schnell gestorben sind oder bei denen der Krebs zurückgekommen ist. Wenn sich dann feststellen lässt, dass Patienten, bei denen die Erkrankung besonders schlecht verlaufen ist, überwiegend häufig aus der Alten Apotheke versorgt wurden, hätte man den Beweis. Den statistischen Beweis dafür, dass Stadtmann Menschen geschädigt hat.

Infografik: Die gepanschten Wirkstoffe
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CORRECTIV

Davon sind betroffene Onkologen überzeugt, und auch das Gesundheitsamt in Düsseldorf. Allerdings kostet so eine Studie Geld, ungefähr hunderttausend Euro, auf eine genaue Zahl will sich kein Interviewpartner festlegen. Das Geld müsste das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium bereitstellen. Das Ministerium, das den Fall bis jetzt nicht an sich gezogen hat.

Die Ergebnisse so einer Studie werden weh tun: Entweder den Angehörigen der Verstorbenen, weil sie dann wissen, dass sie wohl noch mehr Zeit mit ihren Liebsten gehabt hätten. Oder der Pharmaindustrie – weil Peter Stadtmann dann bewiesen hätte, dass die teuren Krebsmedikamente keinen Einfluss auf Heilungschancen haben.

Seitdem Heike Benedetti weiß, dass Stadtmann Medikamente panschte, dreht sich in ihrem Kopf ein Karussell, auf dem immer wieder die gleichen Gedanken vorbeifliegen: Die Angst, dass der Krebs jetzt zurückkommt, weil die Chemotherapie nur halb wirksam war. Die Wut darüber, dass ihre Freundinnen heute noch leben könnten. Der Gedanke, dass ihre Kinder noch ein paar Jahre länger Großeltern gehabt haben könnten. Die Sorge, dass jemand in ihr Leben eingegriffen hat, ohne dass sie es merkte.

Für Geld interessiert Heike Benedetti sich nicht. Es geht ihr darum, dass endlich jemand zuhört. Dass jemand den Fall so ernst nimmt, wie er ist. Das Leid erkennen, den Betroffenen zuhören – monatelang hat das niemand getan. Und das so etwas nie wieder passieren kann. Heike Benedetti will, dass die Kontrollen der Krebsapotheken verbessert werden.

Und zunächst sah es ganz gut aus. Als der Krebsskandal begann, war mit Barbara Steffens eine Ministerin der Grünen für das NRW-Gesundheitsministerium verantwortlich. Sie wurde im Mai abgewählt. Der neue NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) wollte kurz nach seiner Ernennung auf den Fall reagieren. Also hat er im August 2017 einen Erlass geschrieben und an die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen geschickt. Die Nachricht: Alle Gesundheitsämter müssen ihre Kontrollen der Krebslabore neu ausrichten, verbessern, verschärfen. Aber tatsächlich verändert Laumanns Erlass wenig. Der Erlass bekräftigt nämlich nur, was bereits besteht: Unangemeldete Kontrollen von Apotheken sind möglich. Das war vorher auch schon so. Die Amtsapotheker durften auch schon immer die sterilen Räume kontrollieren und sie durften auch schon immer Proben aus den Infusionen ziehen. Auch ohne Ankündigung.

Nur macht das kaum einer. Und daran ändert auch Laumanns Erlass wenig.

Der Minister traf sich weder mit uns noch mit Betroffenen.

Die mobile Lokalredaktion

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Die mobile Lokalredaktion von CORRECTIV

Hüdaverdi Güngör

Folgt man den Ermittlern, hat der Apotheker Peter Stadtmann Gewalt über die Patienten ausgeübt, ihnen Schaden zugefügt, ohne dass sie es bemerkten. Soll man ein unwissendes Opfer aufklären? Ist die Unwissenheit nicht viel angenehmer als das Gefühl, Opfer zu sein? Oder ist es das Recht eines erwachsenen Menschen, darüber informiert zu werden, dass ihm etwas angetan wurde?

Keine Kommission, kein Untersuchungsausschuss, keine Experten haben sich bis jetzt mit diesem Fall befasst. Stattdessen überließ man all diese Fragen den Ärzten: Sie können ihre Patienten informieren, aber sie müssen nicht. Die Ärzte aber haben hunderte Patienten und keine Zeit dafür, mit jedem ein Gespräch zu führen. Deshalb machen sie sich die Entscheidung leicht und informieren nur, wenn jemand von sich aus nachfragt.

Alles ist schiefgelaufen.

Und wenn alles schief läuft, dann muss wenigstens Journalismus noch funktionieren. Die Dinge öffentlich machen. Über das Versagen reden. Das kann helfen.

Im Sommer 2017 war ganz Bottrop voll mit Menschen, die sich Sorgen gemacht haben. Und kaum jemand hat mit ihnen geredet. Das war der Zeitpunkt, an dem wir uns entschlossen haben, das Schweigen zu brechen.

Wir wussten, es reicht nicht, nur zu berichten oder leise zu recherchieren. Wir wollten Ratgeber-Journalismus machen. Service-Texte schreiben für die Menschen, die in der Luft hängen, unwissend sind, Fragen haben. Dann sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben ein journalistisches Service-Center eröffnet – eine mobile Lokalredaktion.

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Veranstaltung in der mobilen Lokalredaktion

Hüdaverdi Güngör

Wir haben ein Ladenlokal bezogen, das knapp 50 Meter von der Alten Apotheke entfernt ist. Hier wollten wir Bottrop informieren und vor allem zu Wort kommen lassen. Vielleicht wollten wir auch provozieren – in der ganzen Stadt war so viel Stille, dass irgendjemand laut sein musste. Wir waren Kummerkasten und Litfaßsäule. Wir haben Menschen dazu eingeladen, uns bei der Recherche zu helfen. Wir haben sehr oft einfach nur zugehört und kein Wort mitgeschrieben. Am Ende hatten wir das Gefühl, dass sich etwas in Bottrop gewandelt hat. Ob es auch ohne uns passiert wäre, werden wir nie wissen.

Heike Benedettis Kampf beginnt bei einer Tasse Kaffee in unserer mobilen Redaktion. „Wir möchten uns anmelden“, sagt Benedetti, sie ist mit einer Freundin da. Sie sind gekommen, weil Gabi nicht mehr lebt. Gabi, ihre Freundin, die auch von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekam und vor zwei Tagen verstorben ist. Benedetti setzt sich, nach vorne gebeugt, die Hände auf dem Tisch gefaltet, mit einem Blick, der fragt: „Darf ich hier sein? Bin ich betroffen genug, auch wenn ich selbst noch lebe?“  Dass diese Frau in einem Monat zur einer der Sprecherinnen der Betroffenen wird, das wissen wir da alle noch nicht. Früher waren sie und ihre Freundinnen eine Kaffeeklatschrunde, die Onko-Mädels, Frauen, die sich in der Therapie kennengelernt hatten. Mittlerweile organisieren sie die dritte Demonstration, Benedetti wird wieder eine Rede halten.

Journalisten machen sich mit nichts gemein, das hat mal irgendjemand in ein schlaues Buch geschrieben. Nur auf die Dinge gucken und mitschreiben. Bloß nicht einmischen. Wir haben uns in die Fußgängerzone gesetzt, „Informationen zum Fall der Alten Apotheke“ an die Fenster geschrieben und zu Gesprächen eingeladen. Wir hatten einen klaren Standpunkt: Alle Betroffenen und alle Angehörigen müssen informiert werden.

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Tafel mit Veranstaltungen

An einem Tag stürmt eine Frau durch die Tür, etwa 70 Jahre alt, sie geht leicht gebückt und hält einen Jutebeutel in der rechten Hand. „Hat der bei meinem Mann auch gepanscht?“, fragt sie, immer wieder. Eigentlich hätte sie alles lieber verdrängt. Schwer genug, über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Aber ihr Sohn, der will einen Anwalt nehmen. Da hat er gefragt, ob sie Informationen bekommen könnte. Nun sitzt sie hier und muss neu anfangen zu trauern.

Wir haben ihrem Sohn einen Brief geschickt mit Info-Material und der Bitte, seiner Mutter Abstand von der Sache zu lassen. Sie ist noch ein paar Mal am Lokal vorbeigelaufen, ihren Blick nach unten gerichtet. Hoffentlich hat sie es geschafft, uns zu vergessen.

Gleichzeitig gibt es da Menschen, die sich ohne dieses Ladenlokal nicht gefunden hätten. Die überhaupt erst den Mut bekamen, sich für ihre Interessen einzusetzen.

Die Bewegung

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Heike Benedetti bei der zweiten Demonstration in Bottrop

Benno Gi

Am Abend vor der zweiten großen Demo in Bottrop bastelt Annelie Scholz in ihrer Küche ein Plakat mit dem Foto ihrer toten Tochter Nicole. Es ist bereits 21 Uhr. Plötzlich steht ihre Enkeltochter Lara im Türrahmen. „Oma, ich will auch eins, ich will auch für Mama sprechen.“ Das achtjährige Mädchen hält einen Zettel in der Hand, auf den sie mit dickem schwarzen Stift einen weinenden Smiley gemalt hat.„Es ist schrecklich, was dieses Monster gemacht hat“, steht da in krakeliger Kinderschrift. Nicole Abresche ist im Dezember 2016 an Brustkrebs verstorben. Sie bekam ihre Medikamente aus der Bottroper Apotheke.

Annelie Scholz und ihre Enkelin haben es geschafft, dass der Richter ihre Nebenklage zugelassen hat, obwohl Nicoles Infusionen nicht bei der Razzia im November beschlagnahmt wurden. Der Grund dafür ist für den Fall Dynamit. Der Richter folgte dem Paragraph 395 Absatz 2 der Strafprozessordnung: Zur Nebenklage sind Personen berechtigt, „deren Kinder, Eltern, Geschwister, Ehegatten oder Lebenspartner durch eine rechtswidrige Tat getötet wurden“. Damit lässt der Richter im Essener Landgericht zumindest die Möglichkeit zu, dass das Strecken von Krebsmedikamenten zum Tod geführt haben könnte. Außerdem ist die Tür offen für Tausende Patienten und Angehörigen der Verstorbenen, die Krebsmittel aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Früher liefen die Bottroper für ihren Spendenlauf an der Alten Apotheke vorbei. Heute tragen sie Särge vor den Eingang. Es ist der 11. Oktober, Lara und Annelie Scholz stehen gegenüber der Alten Apotheke, Lara trägt den Zettel mit dem weinenden Smiley und der krakeligen Kinderschrift auf ein Stück Pappe geklebt um den Hals. Annelie Scholz hat zwei Löcher in die Ecken gebohrt und ein goldenes Geschenkband hindurchgezogen. Sie stehen zwischen Grablichtern, Großmutter und Enkelin, die erste und dritte Generation einer Familie und betrauern den Verlust der zweiten. Einen Verlust, für den sie den Chef der Alten Apotheke verantwortlich machen, den Multimillionär Stadtmann.

Neben ihnen tragen sechs Männer einen Sarg. Der Sarg ist mit Infusionsbeuteln dekoriert, auf denen die Namen der Medikamente stehen, die Peter Stadtmann gepanscht hat: Xgeva, Topotecan, Cyclophosphamid. Es ist ein Schweigemarsch, der durch die Bottroper Innenstadt zieht – und er wächst. Im September waren sie etwa 150, heute sind es mehr als doppelt so viele Menschen, die an die mutmaßlichen Opfer von Stadtmann erinnern wollen. Manche werden später sagen, die Nummer mit dem Sarg sei übertrieben gewesen. Und manche werden entgegnen, dass es jetzt wichtig ist, dass die Leute hinschauen.

Annelie Scholz hat drei Töchter zur Welt gebracht, 1968, 1970 und 1972. Nicole war die jüngste. Jetzt, mit 65, zieht sie ein weiteres Mädchen groß. Ihre Enkelin. Wenn es nach Annelie Scholz geht, ist Peter Stadtmann dafür verantwortlich, dass Lara ohne Mutter aufwächst.

Drei Tage nach der Razzia, am 2. Dezember 2016, hat Nicole Abresche, Laras Mutter, auf einer Eckbank in der Küche ihres Elternhauses in Bottrop gesessen, ihr Radio hatte sie auf den lokalen Sender gestellt, „Radio Emscher Lippe“. Es wird über den „Apothekenskandal Bottrop“ berichtet. Tonlos sackte Nicole Abresche in sich zusammen. An diesem Tag verlor die junge Mutter ihren Lebensmut. „Die Nachricht hat meine Tochter getötet“, sagt Annelie Scholz.

Für manche der Menschen, die jetzt in der Bottroper Fußgängerzone stehen, ist ihr Kampf zu einer Therapie geworden. Ein Apotheker hat Gewalt über sie ausgeübt, ihr Schicksal bestimmt. Sie wollen ihr Leben zurück.

Die Stadt

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Apotheker Peter Stadtmann, Claus Schwarz (ehem. Stadtspiegel-Chef), Oberbürgermeister Bernd Tischler (SPD), CDU-Chef Hermann Hirschfelder (v.l.n.r.)

CORRECTIV

Wir sind auf der zweiten Demonstration in der Bottroper Innenstadt. „Und nun ein Dankeschön an Herrn Tischler und Herrn Loeven, dass sie sich hinter uns Betroffene stellen“, sagt Heike Benedetti in ein Megaphon, die Sargträger und die Frauen in schwarz stehen versammelt um sie. „Zwar erst nach zehn Monaten und mehreren Anfragen, aber besser spät als nie.“

Der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler hatte Heike Benedetti nach der ersten Demonstration zu einem Gespräch eingeladen. In unsere mobile Lokalredaktion wollten Vertreter der Stadt nur unter der Bedingung kommen, dass wir keine Bild- und Tonaufnahmen ihres Auftrittes machen. Diese Bedingung konnten wir so nicht annehmen.

Jetzt also Bernd Tischler. Wenige Tage vor der Demonstration hat der Oberbürgermeister Heike Benedetti und einige andere Betroffene in seinem Büro empfangen. Erst zu diesem Gespräch hatte er sich dazu entschlossen, sich von einem Bild zu trennen, es abhängen zu lassen. Ein besonderes Bild. Denn in seinem Büro hing ein Werk des Sängers Udo Lindenberg, ein Likörello, mit Farben aus Alkoholika. Lindenbergs Werke kosten auf dem Markt schon mal fünfstellige Beträge. Auf dem Bild sieht man eine Weltkugel, um die die wichtigsten Orte Bottrops arrangiert sind. Auch die Alte Apotheke war auf dem Likörello zu sehen. Sie dominierte die Stadtansicht. Der Oberbürgermeister hatte das Bild sechs Jahre in seinem Büro hängen. Es gehörte Peter Stadtmann. Bernd Tischler ließ seinen Pressesprecher ausrichten, dass er das Bild geliehen bekommen habe, von einer Firma aus der Stadt. Die Firma sagt, dass sie das Bild selber von Peter Stadtmann bekommen habe. Vor dem Besuch von Benedetti verschwand das Bild aus dem Rathaus. Es wurde verhüllt und in einen Keller gebracht.

Von der Stadt Bottrop fühlen sich viele Betroffene verhöhnt. Der Stadtsprecher nutzte ein kostenloses Anzeigenblatt, um den Fall herunterzuspielen. Noch im Sommer, als die Zahl der betroffenen Patienten bereits klar war, zweifelte er diese Zahl der Tausenden in einem Interview als übertrieben an.

In der offiziellen Sponsoringliste der Stadt finden sich nur Geschenke von wenigen hundert Euro von Stadtmann, denn er bezahlte lieber selbst anstelle der Stadt. Das Gegenüber sagte ihm schlicht, was gekauft werden musste. Für das Stadtfest, für eine Bewerbung, für ein Projekt. Wenn ihm die Idee gefiel, überwies Stadtmann das Geld direkt an die Auftragnehmer. Er ließ Sachen geschehen.

Auf der 150-Jahr-Feier der Apotheke ließ Peter Stadtmann den Oberbürgermeister einen Kuchen anschneiden. Es war eine Marketingaktion, ein Tag, an dem Peter Stadtmann zeigen konnte, dass alle ihm zuhören. Aber es war nicht wirklich eine 150-Jahr-Feier. Es gab zwar schon sehr früh eine Alte Apotheke in Bottrop – aber die war an einem anderen Ort und gehörte nicht der Familie von Stadtmann. Die Jahreszahl, die an dem rosa Prunkbau über der Tür hängt, ist gelogen – sie dient nur dem schönen Schein. Eine Zahl, die dem Zweck diente, sich feiern zu lassen.

Der Ausblick

Kurz vor ihrem Tod hat Nicole Abresche ihrer Mutter noch eine Vollmacht erteilt und sie von der Schweigepflicht entbunden. „Mama, bitte sorge dafür, dass dieses Monster richtig bestraft wird“, hat sie gesagt. Das ist jetzt die Mission von Annelie Scholz. Sie hat schon früh einen Antrag beim Gericht gestellt, weil sie als Nebenklägerin im Verfahren dabei sein wollte. Sie wurde zugelassen – genau wie Bettina Neitzel und auch Heike Benedetti und die anderen Onko-Mädels.

Der Skandal der Alten Apotheke ist immer noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Wochen werden Zeugen vor Gericht gehört, neue Ermittlungen angestrengt, Beweise gesichtet. Denn noch immer ist die wichtigste Frage nicht beantwortet.

Warum hat Peter Stadtmann das alles getan?

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Weitere Informationen

Ausführliche Hintergrundberichte und aktuelle Informationen zum Verlauf des Verfahrens finden Sie auf unserer Themenseite zur Alten Apotheke und auf unserem Youtube-Kanal.
Der Film: 30-minütige TV-Dokumentation Der Krebsapotheker – Kochsalz statt Chemotherapie


Das Ergebnis der Apothekenkontrollen in NRW offenbart grundsätzliche Probleme.(Symbolbild).© Marcelo Leal / Unsplash

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Das Ergebnis der Apothekenkontrollen in NRW offenbart zwei grundsätzliche Probleme: fehlende Transparenz der Behörden und fehlende Konsequenzen aus dem Bottroper Skandal um die Alte Apotheke. Ein Kommentar.

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von Cristina Helberg

Im Leben gibt es oft zwei Wahrheiten. Auch die Pressemitteilung des NRW-Gesundheitsministeriums, die ich vergangenen Freitag las, enthielt zwei Versionen der Wahrheit. Es ging um die Ergebnisse der Kontrollen von Krebsmittel-herstellenden Apotheken in NRW.

Das Ministerium wählte für seine Bekanntmachung die Zeile: „Nordrhein-westfälische Apotheken stellen sichere, qualitativ hochwertige Zytostatika-Zubereitungen her“. Dass man die Ergebnisse der landesweiten Kontrollen auch anders interpretieren kann, zeigt eine Antwort des Ministeriums auf eine Presseanfrage unserer Redaktion nur vier Tage später. „In allen kontrollierten Apotheken wurden nach derzeitigem Kenntnisstand Mängel festgestellt“, schreibt da das Ministerium.

Mängel in allen Apotheken, die Krebsmittel herstellen, und gleichzeitig „qualitativ hochwertige Zytostatika-Zubereitungen“? Beide Aussagen sind ein Fazit der Kontrollen. Für welche sich das Ministerium als Titel entschied, ist bezeichnend für den Umgang des Hauses mit Transparenz und der Aufarbeitung des Bottroper Apothekenskandals.

Auslöser für die verschärften Kontrollen war der Fall des Bottroper Apothekers Peter Stadtmann. Tausende Patienten erhielten durch ihn unterdosierte Krebsmedikamente. Die Aufsichtsbehörden bemerkten nichts. Jahrelang. Erst Hinweise von Mitarbeitern der Alten Apotheke offenbarten den Skandal. Als Reaktion auf diesen Skandal sollten die Kontrollen seit August vergangenen Jahres eine entscheidende Frage klären: Steckt hinter dem Einzelfall „Alte Apotheke“ System? Gibt es möglicherweise mehr Apotheker wie Peter Stadtmann, die mit ein paar Milligramm weniger in Krebstherapien tausende Euro kassieren?

Das Gegenteil von Transparenz

Das Ministerium spricht in seiner Pressemitteilung von unangekündigten Kontrollen. Das trifft zu. Die Apotheker wussten nicht, wann die Kontrollen stattfinden würden. Richtig ist aber auch: Die ganze Kontrollaktion hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann zuvor öffentlichkeitswirksam angekündigt. Jeder Apotheker in NRW, der Krebstherapien herstellt, wusste also, dass er in Zukunft unangekündigt kontrolliert werden würde. Angekündigte unangekündigte Kontrollen, könnte man besser sagen, um beide Wahrheiten zu vereinen.

Laut Ministerium waren von 123 entnommenen Proben 122 richtig dosiert. Eine Probe war unterdosiert. Das ist erstmal ein gutes Ergebnis. Man kann es an den Beginn einer Pressemitteilung stellen. Wenn man ein positives Ergebnis der Kontrollen verkünden möchte. Wenn man aber einen der größten Medizinskandale der Bundesrepublik aufarbeiten möchte, empfiehlt es sich, die unterdosierte Probe transparent zu thematisieren.

Dass die unterdosierte Probe ein sogenannter „Rückläufer“ war, erwähnt das Ministerium mit keinem Wort. Die Öffentlichkeit erfährt deshalb nicht, dass die unterdosierte Probe nur durch Zufall keinem Patienten verabreicht wurde. Denn Rückläufer sind Therapien, die die Apotheke schon verlassen haben und die Ärzte oder Krankenhäuser zurückschicken, weil sie das Medikament nicht verabreichen konnten. Zum Beispiel, weil es dem Patienten plötzlich schlechter ging.

Erst als unsere Redaktion gezielt nachfragte, erklärte das Ministerium: „Bei der Probe handelte es sich um einen Rückläufer mit dem Wirkstoff Gemcitabin-Hydrochlorid.“ Auch den Wirkstoffgehalt erfährt die Öffentlichkeit in der Pressemitteilung nicht. Waren in der unterdosierten Probe nur 10 Prozent des Wirkstoffs oder 80 Prozent? Auf Nachfrage von Correctiv.ruhr erklärt das Ministerium: Den Wirkstoffgehalt könne man aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht nennen. Erst als wir erneut nachfragen, erhalten wir die Information doch noch: Um 17,8 Prozent war die Probe unterdosiert. Also etwa ein Fünftel weniger Wirkstoff. Warum veröffentlichte das Ministerium diesen Wert nicht in seiner Pressemitteilung?  

Laumann will „Apotheker sensibilisieren“

Erst im vorletzten Absatz gibt Gesundheitsminister Laumann in der Pressemitteilung seines Hauses zu, dass nicht alles glatt läuft. Zur „Sensibilisierung der Apotheken“ seien weiterhin Kontrollen notwendig, sagt er. Ein Hohn für alle Betroffenen. Tausende todkranke Patienten, die um ihre lebensrettenden Medikamente im Bottroper Fall betrogen wurden, haben die Apotheken in NRW nicht sensibilisiert? Und für was sollen Kontrollen die Apotheken eigentlich sensibilisieren? Für die Einhaltung der Apothekenbetriebsordnung, die die Grundlage ihrer Betriebserlaubnis ist? Oder für die Selbstverständlichkeit, Mängel zu beseitigen und Therapien richtig zu dosieren? Mit solchen Sätzen diskreditiert der Gesundheitsminister ganz nebenbei alle Apotheker, die ordnungsgemäß ihre Medikamente anmischen und bagatellisiert die festgestellten Mängel.

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Das Gegenteil von engmaschigen Kontrollen

Seit dem Erlass des Gesundheitsminister im Sommer letzten Jahres wurden alle 116 Apotheken in NRW, die Krebszubereitungen herstellen, kontrolliert. Insgesamt wurden 123 Proben entnommen. Das macht in einem Jahr ungefähr eine Probe pro Apotheke. Der Bottroper Apotheker Peter Stadtmann, der letzten Monat wegen Unterdosierung von Krebsmedikamenten in 14.500 Fällen verurteilt wurde, stellte täglich oft mehr als hundert Zubereitungen her. Nicht alle waren unterdosiert. Bei der aktuellen Kontrolle hätte er gute Chancen gehabt, nicht aufzufallen. Kann man das als Erfolg feiern?

Zwei Wahrheiten

Als der Richter Johannes Hidding am 6. Juli 2018 das Urteil über den Panschapotheker Peter Stadtmann sprach, musste er auch eingestehen, dass viele der vermutlichen Taten nicht strafrechtlich nachweisbar waren. Ob ein Krebskranker wegen unterdosierter Medikamente ein Jahr, einen Monat oder einen Tag früher stirbt, lässt sich medizinisch nicht bestimmen. Trotzdem, sagte Hidding, habe jeder Betroffene des Skandals das Recht auf zwei Wahrheiten: Auch wenn das Gericht Stadtmann juristisch für viele Taten nicht verurteilen konnte, sei er doch dafür verantwortlich.

Dass es solche zwei Wahrheiten nicht in weiteren Fällen gibt, dafür könnte das Gesundheitsministerium sorgen. Nicht mit tollen Pressemitteilungen, sondern mit engmaschigen Kontrollen und konsequenter Transparenz.

Dass das passiert, sollte uns alle interessieren.

Jeder vierte Mensch in NRW stirbt an einer Krebserkrankung.

Insgesamt wurden während der Kontrollen 761 Dokumentationsmängel und 136 organisatorische Mängel in Apotheken festgestellt. (Symbolbild).

Alte Apotheke

Alle Zyto-Apotheken in NRW mangelhaft

In jeder Apotheke, die in Nordrhein-Westfalen Krebsmittel anmischen darf, wurden Mängel festgestellt. Auf Nachfrage von Correctiv.ruhr hat das Landesgesundheitsministerium weitere Details der NRW-weiten Kontrollaktion bekannt gegeben. Das Ergebnis, das NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) vergangene Woche als Erfolg feierte, wirft bei genauerer Betrachtung Fragen auf.

von Cristina Helberg

„In allen kontrollierten Apotheken wurden nach derzeitigem Kenntnisstand Mängel festgestellt“, schreibt das Gesundheitsministerium auf eine Presseanfrage von Correctiv.ruhr. Zuvor hatte das Ministerium am vergangenen Freitag die Ergebnisse einer großangelegten Kontrolle von Apotheken veröffentlicht, die Krebsmedikamente herstellen.

116 sogenannte Zyto-Apotheken in NRW wurden kontrolliert. Sie sollten nach dem Fall der Alten Apotheke in Bottrop schärfer überwacht werden. Seit August vergangenen Jahres wurden von ihnen Proben entnommen und auf ihren Wirkstoffgehalt untersucht. Auch die Apotheken selbst wurden dabei kontrolliert. Die Überprüfungen fanden unangekündigt statt, die Kontrollaktion wurde jedoch vorher öffentlich angekündigt. Nach der Antwort des Ministeriums lassen sich die Ergebnisse der Kontrolle nun besser einordnen.

Insgesamt 897 Mängel in 116 Apotheken

Insgesamt wurden während der Kontrollen 761 Dokumentationsmängel und 136 organisatorische Mängel festgestellt.

Die organisatorischen Mängel werden dabei in zwei Kategorien unterteilt: In schwere Mängel, die „über die Mängelbeseitigung hinausgehende Maßnahmen erfordern“ und in Mängel mit geringerer Schwere.

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128 der insgesamt 136 organisatorischen Mängel waren laut Ministerium geringe Mängel.

Acht Beanstandungen fielen jedoch in die Kategorie schwere Mängel. Sie wurden alle in derselben Apotheke festgestellt. Den Namen dieser Apotheke will das Ministerium aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mitteilen. Der Apotheke wurde am 1. Juni 2018 die weitere Produktion von Krebsmedikamenten untersagt. Offenbar konnte die Apotheke die Mängel erst Wochen später beheben. Am 12. Juli hoben die Aufsichtsbehörden die Untersagung wieder auf. Das Ministerium betont, dass es sich bei dieser Apotheke nicht um diejenige handelt, bei der eine Unterdosierung festgestellt wurde. „Die festgestellten Mängel hatten offensichtlich keinen Einfluss auf die inhaltliche Zusammensetzung“, sagt ein Ministeriumssprecher.

Unterdosierte Probe nur durch Zufall nicht verabreicht

Eine Probe von insgesamt 123 Proben war unterdosiert. Zu dieser Probe veröffentlichte das Ministerium in seiner  Pressemitteilung vergangene Woche keine näheren Informationen. Auf Nachfrage erklärt es nun, dass die unterdosierte Probe ein „Rückläufer mit dem Wirkstoff Gemcitabin-Hydrochlorid“ war. Das heißt, die Probe wurde nur durch Zufall keinem Patienten verabreicht. „Bei der in Rede stehenden Probe wurde eine Unterdosierung von -17,8 Prozent beanstandet. Aus arzneimittelrechtlicher Sicht war die Probe damit nicht erheblich in ihrer Qualität gemindert“, schreibt das Ministerium. Im Fall der Alten Apotheke hatte die Staatsanwaltschaft Essen nur Zubereitungen in der Anklage berücksichtigt, die -20 Prozent oder noch weniger Wirkstoff enthielten. 

Sogenannte Rückläufer haben die Apotheke schon verlassen und werden von Ärzten oder Krankenhäusern zurückgeschickt, wenn sie nicht verabreicht werden können. Zum Beispiel, weil es dem Patienten plötzlich schlechter geht.

Gesundheitsminister Laumann sieht in den Ergebnissen der Kontrollen laut einer Pressemitteilung den Nachweis, „dass die Herstellung von patienten-individuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt“. Es gebe keine Hinweise auf „systematische Unterdosierungen, wie im Fall des „Bottroper Apothekerskandals“.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)© Patrik Stollarz / AFP

Alte Apotheke

Trotz angekündigter Kontrollen: Mängel und Unterdosierung bei Krebsmedikamenten in NRW

Das NRW-Gesundheitsministerium hat die Ergebnisse einer landesweiten Kontrolle von Krebsmedikamenten aus Apotheken veröffentlicht. Obwohl die Kontrollen öffentlich angekündigt waren, stellten die Aufsichtsbehörden Mängel und eine Unterdosierung fest. Eine Apotheke wurde vorübergehend geschlossen.

weiterlesen 4 Minuten

von Cristina Helberg , Bastian Schlange

Als Reaktion auf den Skandal der unterdosierten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop hatte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann vor einem Jahr verschärfte Kontrollen und Probeentnahmen angeordnet. Nun hat das Ministerium die Ergebnisse bekannt gegeben.

Seit August vergangenen Jahres wurden alle 116 Apotheken in NRW überprüft, die individuelle Krebsmedikamente herstellen. Das Ergebnis: Von 123 Proben, die genommen wurden, waren 122 „analytisch nicht zu beanstanden”, teilte das Ministerium mit. In einem Fall war der Wirkstoff unterdosiert. Weitere Proben in der betroffenen Apotheke sollen aber in Ordnung gewesen sein.

Angekündigte unangekündigte Kontrollen

Das Ministerium schreibt in seiner Presseerklärung, dass die Kontrollen unangekündigt stattgefunden hätten. Ganz unangekündigt waren die Kontrollen allerdings nicht: Laumann hatte öffentlich angekündigt, dass er als Konsequenz aus dem Bottroper Medikamentenskandal Apotheken unangekündigt kontrollieren wolle. Jeder Apotheker, der individuelle Krebszubereitungen in NRW herstellt, wusste also, dass er in den nächsten Monaten überprüft wird. Nur der Zeitpunkt der angekündigten unangekündigten Kontrollen war unklar.

Trotzdem stellten die Aufsichtsbehörden bei ihren Inspektionen Mängel fest. Es handelte „sich überwiegend um Dokumentationsmängel (85 Prozent) und in einem geringeren Umfang um organisatorische Mängel (15 Prozent)“, schreibt das Gesundheitsministerium in seiner Pressemitteilung.

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In einer überprüften Apotheke wurde die Produktion vorübergehend gestoppt, nachdem Mängel entdeckt wurden. Es sei aber nicht die Apotheke gewesen, in der man die unterdosierte Probe entnommen habe.

Kein Bagatellfehler

Apotheken, die Krebsmedikamente herstellen, müssen den Produktionsprozess genauestens dokumentieren. Unter Dokumentationsmängel können dabei viele verschiedene Beanstandungen fallen. Welche das konkret in den vorliegenden Fällen waren, konnte uns das Ministerium heute Nachmittag nicht kurzfristig beantworten. Genauso wenig war es in der Lage zu sagen, wie viele Mängel insgesamt in absoluten Zahlen festgestellt wurden. Klar ist aber: Eine fehlerhafte Dokumentation ist kein Bagatellfehler. Dokumentation ist elementarer Bestandteil der Qualitätssicherung.

Dokumentationsmängel waren zum Beispiel im Fall der Alten Apotheke ein zentrales Problem. Weil Unterschriften fehlten, ließ sich bei vielen Krebsmedikamenten nicht nachvollziehen, von wem sie hergestellt wurden. Wenn man nicht nachweisen kann, wer unterdosierte Medikamente hergestellt hat, ist es schwer bis unmöglich jemanden dafür zu verurteilen.

Laumann will weiter kontrollieren

Gesundheitsminister Laumann lobt die Kontrollen als vollen Erfolg: „Die Ergebnisse der Überwachung zeigen, dass die Herstellung von patienten-individuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt“. Trotzdem seien aufgrund der festgestellten Mängel Kontrollen zur „Sensibilisierung der Apotheken“ notwendig.

Laut Ministerium soll weiterhin „in angemessenem Umfang“ kontrolliert werden. Auch auf die Frage, was das Ministerium als angemessen betrachtet, haben wir bisher keine Antwort bekommen. Das Ministerium teilte uns mit, dass aus zeitlichen Gründen erst mit einer Beantwortung unserer Fragen Anfang nächster Woche zu rechnen sei.

© Ivo Mayr / Correctiv

Alte Apotheke

Wissenschaftler fordern Konsequenzen aus dem Fall der Alten Apotheke

Die Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) fordert von der Politik Aufarbeitung und Konsequenzen im Fall der Alten Apotheke. Es müssten Kommissionen eingesetzt und Bund-Länder-Grenzen überwunden werden. Die bisherigen Schritte reichten nicht aus.

von Marita Wehlus

Die mutmaßlich gestreckten Krebsmedikamente aus Bottrop dürften nicht als Einzelfall behandelt werden, sagt die Vereinigung deutscher Wissenschaftler VDW. Schließlich sei der Fall der Alten Apotheke „einer der größten Medizinskandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte, auf einer Stufe mit dem Contergan-Fall.“ Hans-Jochen Luhmann aus dem Vorstand der VDW fordert: „Es müssen systematische Lehren gezogen werden.“ Bund und Land müssten sich koordinieren, ebenso müssten Apotheken-Aufsichten, Apothekerkammern und Krankenkassen intensiv kooperieren, um den Fall wie versprochen aufzuarbeiten.

Einzelne Maßnahmen wie die von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe angekündigte Selbstverpflichtung reichen laut VDW nicht aus. Man müsse nun die Frage stellen, wie das passieren konnte und wie man auf das Versagen der Apothekeraufsicht reagiert, sagt auch VDW-Mann Dieter Deiseroth. Er hat sich in einem aktuell erschienenen Buch mit der Aufarbeitung des Apothekerskandals befasst. „Hätte es die Whistleblower nicht gegeben, hätte man es so belassen, und es wäre weiter gestorben worden.“

Hans-Jochen Luhmann stellt konkrete Forderungen, wie eine Aufarbeitung aus Sicht der VDW aussehen müsse:

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Das Land muss:

  • Nordrhein-Westfalen wird vom VDW in die Pflicht genommen. Das Gesundheitsministerium NRW muss aufklären, welche Fehler im Fall der Alten Apotheke passiert sind und wo es im Überwachungssystem gehakt hat. Bisher habe die Politik eine Aufarbeitung auf nach den Prozess verschoben. Luhmann fordert, über die strafrechtliche Aufklärung hinauszugehen. Nicht nur Sachverhalte aus dem Prozess müssten aufgearbeitet, sondern auch systemische Fehler angegangen werden.

Der Bund muss:

  • Die Gesundheitsministerkonferenz muss einen Überblick über die Konsequenzen und Aufsichtsvorschriften in den unterschiedlichen Bundesländern erarbeiten. Nur so könnten die Erkenntnisse daraus gebündelt werden.
  • Auch das Bundesministerium für Gesundheit muss handeln: Eine Expertenkommission aus den Apothekenaufsichten der Länder, den Apothekerverbänden und Krankenkassen muss eingesetzt werden. Sie könnten die Lücken im Kontrollsystem eruieren und dann einen gemeinsamen Plan erstellen, damit ein Verbrechen wie in Bottrop nicht wieder passieren kann. Man müsse bereits aktiv werden, bevor Verbrechen begangen werden und Kontrolle und Gesetz greifen. Zum Beispiel könnten Krankenkassenunterlagen für Aufsichtsstellen zugänglich gemacht werden, sagt Luhmann.

Bund und Länder müssen gemeinsam:

  • Eine Kommission aus Bund und Ländern muss herausfinden, wo die Kooperation zwischen den Ländern nicht funktioniert und welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Luhmann könne sich auch eine übergeordnete Organisation auf Bundesebene vorstellen, die im risikobehafteten Bereich der Zytoherstellung ermittelt und Länderübergreifend agiert. „Man muss an das Tabu heran, dass sich der Bund nicht in Länderangelegenheiten einmischen darf.“ Luhmann sieht das Problem, dass es keine einheitlichen Standards über Länder hinweg gibt.

Als Zwischenlösung könnte sich Luhmann auch eine Verlagerung der Krebsmittelherstellung in Krankenhäuser vorstellen. Den Vorschlag hatte Karl Lauterbach von der SPD letztes Jahr ins Spiel gebracht.

 

vdw buch.png

BWV

Dieter Deiseroth hat sich mit dem VDW-Vorsitzenden Hartmut Graßl im Buch „Whistleblower-Enthüllungen zu Krebsmittel-Panschereien und illegalen Waffengeschäften” ausführlich mit dem Fall der Alten Apotheke beschäftigt. Deiseroth fordert neben einer Aufklärung auch, dass Whistleblower wie Martin Porwoll endlich besser vom Gesetzgeber geschützt werden.

Die Alte Apotheke in Bottrop steht im Zentrum eines der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Peters Opfer und Peters Wahrheit

weiterlesen 7 Minuten

von David Schraven

Peter Stadtmann wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Die Tat war offensichtlich, die Strafe ist sicher gerecht. 

Wenn ich an Peter Stadtmann denke, sehe ich nicht den verurteilten Apotheker vor mir. Ich sehe den Jungen, der schräg hinter mir in der Schulbank sitzt. Ich sehe den Jungen, der verschmitzt lächelt. Ich sehe den Jungen, der mitspielen will. Der mit uns am Strand in Holland lacht. Den Jungen, der in einem Hochhaus wohnt, ganz oben, wo man zwar eine tolle Aussicht hat, aber nicht einfach über Zäune klettern kann. 

Peter hatte keine schöne Kindheit. Es gab einen Geburtstag, den hat er mit seinen Eltern in einer Eisdiele gefeiert und die Gäste, Schulfreunde, wurden von der Straße hereingeholt, als sie vorbeigingen. Sie bekamen ein Eis spendiert. Händeschütteln. Abtreten. Die Erinnerung an dieses traurige Fest tut mir in der Seele weh. Meine Freunde haben bei Kindergeburtstagen im Dreck getobt, bis die Sonne unterging.

Peter hat etwas Schlimmes getan

Peter hat etwas Schlimmes getan. Er hat Medikamente gepanscht. Er hat Ausreden suchen lassen von seinen Anwälten. Er hat seine Familie ruiniert. Er hat sein Erbe ruiniert. Er hat sein Leben ruiniert. 

Und er hat die Leben von unzähligen Menschen zerstört, die gehofft hatten auf Heilung. Er hat Mütter und Väter zerstört, die um ihre Kinder bangten, und die starben. Er hat die Leben unzähliger Söhne und Töchter zerstört, die ihre Eltern bis in den Tod begleitet haben. 

Ich habe mit den Menschen gesprochen, die nach dem Tod in Bottrop zurückgeblieben sind. Ich habe ihre Tränen gesehen, ich habe ihr Schluchzen gehört.

Ich habe das Kind gesehen, das in einem Foto auf der weißen Tischdecke im Wohnzimmer die verlorene Mutter sucht. 

Ich habe den Mann gesehen, dessen Frau gestorben ist. Ein starker Mann, ein gebrochener Mann, einer der lachen möchte und weint. Einer der beten kann und flucht. Ein Mann, der nur noch lebt, weil sein erstarrtes Herz nicht aufhört zu schlagen.

Die Opfer

Ich habe die Krebskranke gesehen, die auf einem Stuhl sitzt, die Beine angezogen, den Kopf auf den Knien, die nicht an den baldigen Tod denken will. Die aber dennoch weint. Weil ihr im nächsten Jahr die Zeit mit ihren Kindern ausgeht. Sie wird den Schulabschluss nicht erleben, die Hochzeit, die Kindeskinder. Ihr Leben.

Das sind die Opfer.

Peters Opfer. 

Nicht die Opfer des kleinen Jungen, der auch nur geliebt werden wollte.  Sondern die Opfer des Mannes, der sich selbst verloren hat. 

Das Verbrechen ist so groß, dass es kaum erträglich ist. Der Richter hat in seinem Urteil festgestellt, dass Peter seine Taten nur begehen konnte, weil die Apothekenaufsicht, weil die Behörde versagt hat. 

Das Versagen der Behörden

Hat die Behörde auf das Versagen reagiert? Hat sich die Behörde entschuldigt? Hat die Behörde ihr Versagen aufgeklärt?

Nein.

Die Bottroper Behörde hat die Alte Apotheke offengelassen. 

Die Bottroper Behörde hat Fehler abgestritten. 

Die Bottroper Behörde hat die Menschen alleine gelassen. 

Peter und die SPD

Das Wegsehen begann unmittelbar nach der Festnahme von Peter Stadtmann. Verzweifelt wurde nach möglichen Beweisen gesucht, dass doch nicht alles so schlimm war. Die Verantwortlichen haben sich versteckt. 

Man stand sich nah. Bottrops Oberbürgermeister Tischler war der Bernd für den Peter. 

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Der Peter hat Bernds SPD Geld für den Wahlkampf rübergeschoben.

Der Peter hat dem Bernd mal ein Bild „ausgeliehen“.

Der Peter hat Dinge möglich gemacht. 

Die Stadt schwieg lange. 

Wir von CORRECTIV haben das nicht mehr ertragen. Wir haben angefangen zu recherchieren. Haben ein Büro in der Innenstadt aufgemacht. Haben Menschen eingeladen. Ihnen einen Raum gegeben und mit ihnen gesprochen, haben ihre Geschichten aufgeschrieben und sie ernst genommen. Wir haben für viele die Einsamkeit aufgebrochen. 

Dann haben sich die Menschen selbst organisiert. Sie sind auf die Straße gegangen. Haben sich vor unserer Redaktion getroffen und sind marschiert. Zur ersten Demonstration. Im Gedenken an ihre Armen und Kranken. Im Protest gegen das Schweigen. In der Hoffnung auf Veränderung. 

Der Protest der Betroffenen

Es waren viele. Hunderte. 

Wir sind mitgelaufen. Als Reporter beobachtend und doch dabei. 

Heike Benedetti hat ihre erste Rede gehalten. Sie war stolz und klar. Sie war ehrlich und bitter. 

Die Menschen aus Bottrop sind aufgewacht. 

Nun ist Peter verurteilt. Und die Stadt schweigt immer noch zum Behördenversagen. 

Doch weitere Verfahren laufen. Gegen die Schweiger. Gegen die Wegschauer. 

Peter, der Junge von damals, der auch nur Liebe suchte, ist zu einem einsamen Menschen geworden. 

Die Menschen, die ihm geblieben sind, sind nicht ehrlich zu ihm. 

Sonst würden sie ihm sagen, dass er reden muss. Dass er nicht weiter schweigen darf. 

Das Urteil ist gefallen. 

Wenn der kleine Junge noch einmal eine Chance auf Liebe finden will, muss er die Vergangenheit ablegen. Den falschen Beratern entsagen. Und reden. 

Peter: Wir sind da und hören Dir zu

Bis dahin können wir nur den tapferen Whistleblowern Martin Porwoll und Marie Klein danken. 

Sie waren die einzigen, die ersten, die sprachen – während alle anderen noch schwiegen. 

Nebenklägerinnen und Betroffene umarmen sich vor dem Gerichtssaal im Essener Landgericht.© correctiv.ruhr

Der Prozess

Das Urteil

weiterlesen 7 Minuten

von Cristina Helberg , Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Die Verteidiger schirmen den Apotheker von der Presse ab. Mehrere Fernsehteams und zahlreiche Journalisten sind vor Ort. Die Urteilsverkündung verfolgt er ungerührt mit farblosem Gesicht.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Reihen der Nebenklage und Zuschauer sind bis auf den letzten Platz besetzt. Mehrere Anwälte und Betroffene müssen auf zusätzliche Stühle ausweichen. Viele Nebenklägerinnen tragen weiße Rosen und schwarze Oberteile, um an verstorbene Angehörige und Betroffene zu erinnern. Im Laufes des Verfahrens waren einige Nebenkläger und regelmäßige Zuschauer verstorben oder gesundheitlich nicht mehr in der Lage, die Verhandlungstage vor Ort zu verfolgen. Als der Richter das Urteil verkündet, brechen viele Betroffene in Tränen aus.

 

Das Urteil:

  • 12 Jahre Haft und Berufsverbot. Wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in knapp 14.500 Fällen und Betrug in 59 Fällen wird Peter Stadtmann zu zwölf Jahren Strafe verurteilt. Er wird aber nicht wegen Mordes, Körperverletzung oder dem jeweiligen Versuch verurteilt. Der Richter weicht damit von den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage ab. Statt in den angeklagten rund 62.000 Fällen wird der Apotheker in etwa 14.500 Fällen für den Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt. Der Grund: Das Gericht hat bei seiner Berechnung den eingekauften und vermeintlich verkauften Wirkstoff in der Apotheke zwischen 2012 und 2016 gegenübergestellt und dabei höhere Toleranzgrenzen angesetzt als in der Anklage. Auch den entstandenen Schaden schätzt das Gericht geringer als in der Anklage ein. Statt wie in der Anklage formuliert, 56 Millionen Euro, berechnet das Gericht 17 Millionen Euro Schaden, die Stadtmann zahlen muss. Der Richter Johannes Hidding verhängt zudem ein lebenslanges Berufsverbot als Apotheker.

  • Organisationsdelikt und einzelne Verstöße. Da Stadtmann alle Arbeitsabläufe in der Apotheke kontrolliert habe, wird er wegen eines Organisationsdeliktes verurteilt. Es müsse nicht nachgewiesen werden, welche Therapien genau von ihm angefertigt wurden. Konkret ist Stadtmann zudem für  27 unterdosierte Infusionen verantwortlich. Diese hatten Ermittler bei der Razzia beschlagnahmt und auf den Beuteln stand der Name Stadtmann als Hersteller. Das Arzneimittelgesetz bezeichnet der Richter als ein „scharfes Schwert“, es sei in diesem Fall ein „Rettungsanker“, der eine gerechte Strafe ermögliche, da Körperverletzung oder Mord in diesem Fall nicht nachweisbar sei. Peter Stadtmann muss für einige Nebenkläger die Prozesskosten tragen.

  • Zwei Wahrheiten. Richter Hidding geht ausführlich darauf ein, warum die 14.500 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz nicht als versuchter Mord zu bewerten sind. Er bezieht sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes von vor einem Jahr. Es hatte den Freispruch eines Arztes aus Göttingen bestätigt, der die Warteliste für Transplantationen zu Gunsten seiner Patienten verändert hatte. Mit dieser Manipulation habe er den Tod anderer Patienten in Kauf genommen  und sei somit des versuchten Totschlages zu verurteilen, war die Forderung der Staatsanwaltschaft. Aber die Richter am Bundesgerichtshof folgten dieser Argumentation nicht, sie sagten, es könne dem Arzt, nicht nachgewiesen werden, dass er den Tod der durch die Manipulationen benachteiligten Menschen bewusst einkalkuliert habe. Der Richter Johannes Hidding macht deutlich, dass er dieses Urteil des Bundesgerichtshofes für fraglich hält, aber er müsse sich daran halten. Dann spricht Hidding von dem Recht auf zwei Wahrheiten. Der Betroffene, der einen Angehörigen verloren hat, könne Stadtmann dafür verantwortlich machen, auch wenn dies juristisch vom Gericht nicht fassbar sei.

  • Habgier als Tatmotiv. Aus welchem Motiv handelte Peter Stadtmann? „Schlicht aus Habgier“, sagt Richter Hidding. Luxusgüter hätten eine große Rolle für Peter Stadtmann gespielt. Er ist nach Einschätzung des Gerichts „voll schuldfähig“, „geistig gesund“ und habe ohne Zweifel vorsätzlich gehandelt. Hidding sagt, Stadtmann habe einen Hang zum Luxus, so hätte er ein Haus mit Rutsche vom Schlafzimmer in den Pool gebaut.  Das Gericht müsse nicht die Gründe für diese Habgier und Sucht nach Anerkennung suchen. Habgier reicht als Tatmotiv. Die Verteidigung hatte auf Schuldunfähigkeit in Folge einer Hirnstörung plädiert.

  • Fehler der Staatsanwaltschaft. Weil Staatsanwaltschaft und Polizei am Morgen der Razzia in der Alten Apotheke im November 2016 zu früh zuschlugen, ist in 27 konkreten Fällen keine Verurteilung wegen Körperverletzung möglich. Die Ermittler hatten an dem Morgen nicht gewartet, bis die Zubereitungen in die Auslieferfahrzeuge geladen waren, sondern sie im Labor vor der Ausgabe an die Fahrer beschlagnahmt. Der Richter erklärt, deshalb sei eine Verurteilung wegen Körperverletzung in diesen Fällen nicht möglich. Damit folgt der Richter der Argumentation der Verteidigung. Sie hatte argumentiert, die Zubereitungen seien noch nicht von Peter Stadtmann freigegeben gewesen. Trotzdem ist in diesen Fällen eine Verurteilung wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz möglich, weil die Medikamente schon zubereitet wurden.

  • Zentrale Behauptungen der Verteidigung widerlegt. Das Gericht widerspricht zwei zentralen Argumenten der Verteidigung: Die Unverwertbarkeit  der Wirkstoffanalysen und angebliche Schwarzkäufe von Wirkstoffen. Die Proben des Paul-Ehrlich Instituts und des Landeszentrum Gesundheit NRW stuft das Gericht als verwertbar ein. Fehler seien lediglich im Bereich der Dokumentation gemacht worden und auch dort eher im Randbereich. Die gemachten Fehler seien für die Ergebnisse irrelevant. Außerdem sei jede Zubereitung mehrfach untersucht worden. Die Verteidigung hatte behauptet, es habe keine B-Proben gegeben. Das ist laut Richter falsch. Das Gericht glaubt auch nicht, „dass geheimnisvolle Unbekannte Peter Stadtmann auf Parkplätzen“ Wirkstoffe verkauft haben. Dafür gebe es nicht den „leisesten Anhaltspunkt“, so Richter Hidding.

  • Kriminelle Einrichtung mit makelloser Fassade. Der Richter sagt, Peter Stadtmann habe für sein Leben eine makellose Fassade geschaffen. „Nur wer sehr genau hinsah, dem konnten die feinen Risse auffallen”. Ausführlich geht  er auf die Whistleblower Martin Porwoll und Marie Klein ein. Sie hätten die Aufklärung des Verbrechens erst ermöglicht. Der Richter spricht auch über die anderen Mitarbeiter der Apotheke. Fast alle hatten im Prozess die Aussage verweigert. „Es spricht einiges dafür, dass auch Mitarbeiter einbezogen waren“, sagt Richter Johannes Hidding. Diese hätten offenbar ihr Gewissen mit Geld beruhigt. Für Richter Hidding ist der Fall der Alten Apotheke auch die Geschichte eines Behördenversagens. Peter Stadtmann hätte nicht so handeln können, wenn es eine wirksame Apothekenaufsicht gegeben hätte, sagt Richter Hidding.

  • Die Ungewissheit bleibt, Richter appelliert an Angeklagten. Noch immer leben rund 4.000 Betroffene in Ungewissheit, ob ihre Medikamente unterdosiert waren, sagt Richter Hidding am Ende seiner Urteilsbegründung. Er appelliert an den Angeklagten, in seiner Rolle als Apotheker habe er eine Verantwortung für seine Patienten. „Die Betroffenen wollen die Wahrheit hören und wollen keinen weiteren Prozesstag. Stellen Sie die Interessen ihrer Patienten endlich über ihr eigenes Interesse“, spricht der Richter den Angeklagten zum Schluss ganz direkt an. Peter Stadtmann hatte während des Prozesses geschwiegen und auch das ihm zustehende Schlusswort nicht genutzt. Die Verteidigung wollte sich heute nicht dazu äußern, ob sie in Revision geht.

Nach 44 Verhandlungstagen endete hiermit das CORRECTIV Gerichtstagebuch zum Prozess um gepanschte Krebsmittel aus der Alten Apotheke.

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© CORRECTIV.RUHR

Der Prozess

Der Prozess, Tag 43

Stadtmann schweigt bis zuletzt. Am Freitag um 11 Uhr wird das Urteil verkündet. Appelle der Nebenklage an den Angeklagten, das letzte Wort für die Aufklärung zu nutzen, verhallen. Stadtmann Verteidiger fordern den Freispruch und beklagen den Medienpranger.

weiterlesen 6 Minuten

von Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann bleibt ungerührt. Er liest die Plädoyers seiner Anwälte, winkt sie heran und stellt Nachfragen. Zum Schluss sagt er ins Mikrofon, „ich möchte mich nicht mehr äußern“.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Es sind viele Nebenklägerinnen gekommen. Sie sind angespannt. Einige gratulieren dem Anwalt Mohammed für sein Plädoyer. Als Stadtmann das Schlusswort bekommt, ist die Anspannung mit Händen zu greifen, und kurz darauf die Enttäuschung. Stadtmann will nichts sagen. Neben Journalisten ist auch ein Gerichtszeichner im Saal. Der Besucherraum ist spärlich gefüllt.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Peter Stadtmann schweigt. Nachdem der Verteidiger Peter Strüwe den Freispruch fordert, fragt Richter Johannes Hidding den Angeklagten, ob er vom Recht des letzten Wortes Gebrauch machen will. Stadtmann beugt sich vor, ergreift das Mikrofon und zum ersten Mal ist im Verfahren die Stimme des Angeklagten zu hören. Stadtmann sagt, dass er nichts mehr sagen wolle. Auch dessen Anwälte erwähnen am heutigen Tag die Situation der Betroffenen mit keinem Wort.
  • Das Schlußwort als Erlösung. Der Anwalt der Nebenklage Khubaib-Ali Mohammed wendet sich direkt an Stadtmann. Er wolle ihn direkt ansprechen. Er vergleicht sein Leben mit dem Leben des Angeklagten, sieht Parallelen, eine dominante Mutter, die Liebe zur Kunst und den Zwang, dass das Leben vorgezeichnet sein müsse. Dann geht er auf das Schicksal der Nebenklägerin ein, deren Tochter ist an Krebs gestorben, und sie kümmere sich jetzt um die Enkelin. Mohammed beschreibt das Leben Stadtmanns in drei Akten, die Kindheit eines einsamen Menschen, ein Leben unter ständiger Bevormundung, das dann zu den Taten im Labor führte, und zum Schluss stehe die Katastrophe oder aber die Erlösung. Stadtmann könne das Angebot des letzten Wortes als Erlösung nutzen, er könne Klarheit und Aufklärung bringen, sagt Mohammed, denn sonst drohe eine langjährige Haftstrafe, wo er die schönen Momente des Lebens nicht erfahren könne, und auch nicht verfolgen könne, wie sein Kind aufwächst.
  • Keine Beweisanträge mehr. Der Versuch der Verteidiger noch einen Entscheid zu einem Beweisantrag zu erzwingen, weist der Richter mit dem Hinweis zurück, dass nach einem Kammerbeschluss über alle ausstehenden Beweisanträge im Urteil befunden wird.
  • Freispruch und sofortige Freilassung. Der Anwalt Ulf Reuker macht den Anfang der Plädoyers der Verteidigung. Er sagt, dass das Verfahren in keinem der Anklagepunkte die Schuld des Angeklagten bewiesen habe. Reuke stellt die Verwertbarkeit der Analysen der beschlagnahmten Infusionen durch das Paul-Ehrlich-Institut und das Landeszentrum Gesundheit NRW in Frage. Er bezieht sich dabei auf die Mängel, die die Gutachter Fritz Sörgel und Henning Blume und deren Mitarbeiterin gefunden hätten. Es sei nicht bewiesen worden, wer die Proben zubereitet habe, zudem seien diese am Tag der Razzia noch nicht freigegeben gewesen, sagt der Anwalt. Kein Zeuge habe den Angeklagten gesehen, dass er unterdosiert habe. Wenn dies aber geschehen sein sollte, dann wäre das keine vorsätzliche Tat. Reucker verweist auf das Gutachten von Pedro Faustmann, der Stadtmann eine Hirnstörung nach einem Unfall attestiert hatte. Auch hätte das Verfahren weder den Betrug, die Körperverletzung, noch die Minderdosierung nachweisen können, sagt Reuker. Die vorgetragene negative Warenbilanz sei nicht stichhaltig, es habe sich immer genügend Wirkstoff in der Apotheke befunden. Es sei kein Vorsatz noch ein Tatplan beim Angeklagten nachgewiesen worden. Das Organisationsdelikt sei für den Fall nicht anwendbar, sagt der Anwalt Reuker.
  • Medienpranger und Existenzvernichtung. Der Anwalt Peter Strüwe redet über Vorverurteilung durch die Medien. Er spricht vom Medienpranger. Auch hätten sich die Behörden an der Vorverurteilung beteiligt, sagt Strüwe, und nennt konkret das Kanzleramt, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft  und den NRW-Gesundheitsminister. Strüwe greift den Staatsanwalt an, diese Vorverurteilung nicht in die Strafmaßforderung eingerechnet zu haben. Auch hätte die Staatsanwaltschaft berücksichtigen müssen, dass Stadtmann zuvor nicht straffällig gewesen sei, und er und seine Familie durch das Verfahren ruiniert seien. Strüwe sagt ebenfalls, dass das Verfahren keinen der Anklagepunkte bewiesen hätte und das Organisationsdelikt nicht anwendbar sei, deshalb müsse der Angeklagte freigesprochen werden.
  • Urteil um 11Uhr. Der Richter Johannes Hidding schließt den Verhandlungstag und kündigt die Urteilsverkündung für Freitag um 11 Uhr an.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

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Das Urteil wird am Freitag um 11 Uhr verkündet.

Letzter Verhandlungstag: 6.Juni

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 42

Die Nebenklage will Stadtmann wegen Mordes verurteilen, der Staatsanwalt sieht dafür keine Möglichkeit. Emotionale Plädoyers rücken das Schicksal der Betroffenen in den Fokus. Das Urteil könnte am Freitag fallen.

weiterlesen 5 Minuten

von Cristina Helberg

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Das ist die Tragik des Prozesses. Erst am Ende des achtmonatigen Verfahrens geht es das erste Mal um das Schicksal der Betroffenen. Mehrere Nebenklage-Anwälte nutzen ihre Plädoyers und sprechen detailliert über den Krankheitsverlauf von Betroffenen und die Angehörigen. Immer wieder richten sie sich dabei auch direkt an Peter Stadtmann. Der Angeklagte hört den ganzen Tag aufmerksam zu und schaut die Sprechenden während ihrer Beiträge an, bleibt jedoch regungslos. Auch als eine Nebenklage-Anwältin ihm den Apotheker-Eid laut vorliest, den auch der Angeklagte geleistet hat. In einer kurzen Pause verlassen Stadtmanns Anwälte den Saal. Er bleibt alleine sitzen und schaut stur auf die in diesem Moment fast leere Seite der Nebenklage.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die zum Teil sehr emotionalen Plädoyers rühren die fünf anwesenden Nebenklägerinnen auf. Immer wieder brechen sie in Tränen aus. Trotz der zu erwartenden Plädoyers sind nur recht wenige Nebenkläger persönlich entschieden. Ihre Anwälte erklären, dass einige Mandanten gesundheitlich nicht in der Lage seien, am Prozess teilzunehmen. Andere sind in der Zwischenzeit verstorben. Auch an sie wird in den Plädoyers immer wieder erinnert. 

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Staatsanwalt fordert 13 Jahre und sechs Monate. Das Gericht schließt die Beweisaufnahme und beginnt mit den Plädoyers. Der Staatsanwalt Jakubowski macht den Anfang und wirft dem Angeklagten 60 Straftaten vor – ein Organisationsdelikt und 59 Betrugsfälle. Das Organisationsdelikt umfasse mehrere Straftaten: einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und 27 Fälle versuchter Körperverletzung. Stadtmann habe ein „systematisches Geschäftsmodell“ der minderwertigen Herstellung von Krebsmedikamenten betrieben und gewerbsmäßig in einem „beispiellosen Umfang“ Medikamente gefälscht. Er habe dabei insbesondere die hochpreisigen Infusionen aus den herzustellenden Therapien herausgesucht. Es habe sich im Prozess bestätigt, dass er 35 Wirkstoffe nicht ausreichend eingekauft habe. Die Verteidigung habe zwar noch ein paar Packungen Wirkstoff hervorzaubern können, diese würden den „Kohl aber auch nicht fett machen“. Am Ende sei der Angeklagte sehr gut damit weggekommen, dass nur 35 Wirkstoffe berücksichtigt wurden. Der Staatsanwalt betont, dass beim Mindereinkauf eine Toleranzgrenze von 30 Prozent zugunsten des Angeklagten berücksichtigt worden sei. Jakubowski sieht als erwiesen an, dass die Vorwürfe sich in allen 61.863 in der Anklage genannten Fällen bestätigt hätten. Ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz beginne nicht erst mit der Minderdosierung, sondern auch bei hygienischen Mängeln oder den „katastrophalen Herstellungsprotokollen“. An den Untersuchungsergebnissen des PEI und des LZG gebe es außerdem keine Zweifel. Die Gutachten hätten keine Einwände gegen die Analytik gezeigt und selbst Fritz Sörgel habe die angewandten Methoden als langjährigen Standard bezeichnet. Die restlichen 59 Straftaten seien Betrugsfälle durch Abrechnung mit Krankenkassen. Stadtmann hatte 59 Monate im angeklagten Tatzeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum Tag der Razzia am 29. November 2016 mit den Krankenkassen abgerechnet.

  • Staatsanwalt: Mord nicht nachweisbar. Nicht nachweisbar sind laut Staatsanwalt jedoch Tötungsdelikte oder versuchter Mord, weil unklar bliebe, wer wann und in welchem Ausmaß von Unterdosierungen betroffen war. Die Nebenklage sieht das anders. Laut Staatsanwalt konnte auch nicht bewiesen werden, dass Stadtmann Mitarbeiter zum Panschen angewiesen habe. Doch auch die Mitarbeiter hätten bewusst oder unbewusst gegen Dokumentationsvorschriften verstoßen. Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach spricht dagegen von einem „System von Unterstützern“. In fast allen anderen Punkten wirken Staatsanwalt und Nebenklage heute aber einig wie selten zuvor.

  • „An Dreistigkeit kaum zu überbieten“. Der Staatsanwalt wirft dem Apotheker vor, es sei „an Dreistigkeit kaum zu überbieten“, dass Stadtmann trotz einer Anzeige im Jahr 2013, die ihm bereits Unterdosierung vorwarf und eingestellt wurde, weiter unterdosiert habe. Es zeichne sich das Bild eines Apothekers, dem seine onkologische Spezialarbeit lediglich als Geldmaschine gedient habe. Straferschwerend sei zu berücksichtigen, dass Stadtmann ausgerechnet Krebsmedikamente manipuliert habe, die für die Betroffenen ein Rettungsanker seien und er sich zulasten von Menschen bereichert habe, die um ihr Leben kämpfen. „Wieso bereichert sich jemand, der selbst einmal schwer krank war, ausgerechnet an Schwerkranken?“, fragt Jakubowski.  

  • 56 Millionen Euro Schaden und die Eltern. Der Staatsanwalt sieht den in der Anklage bezifferten Schaden von 56 Millionen Euro als „vollumfänglich bestätigt“ an. Abzuziehen seien davon drei Millionen Euro, die die Krankenkassen nach der Inhaftierung Stadtmanns einbehalten hatten. Es dränge sich außerdem die Frage auf, warum es nach der Verhaftung Priorität gehabt habe, die Apotheke an die Mutter zu übergeben. Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz betont, dass auch gegen die „Herrscherin des Kellers und ihren Ehemann wegen Betrugs ermittelt“ werde. Auch die Nebenklage-Anwältin Eva Kuhn erwähnt in ihrem Plädoyer Stadtmanns Mutter und betont, dass kurzfristige Vermögensübertragungen anfechtbar seien.

  • Staatsanwalt fordert lebenslanges Berufsverbot. Jakubowski fordert ein lebenslanges Berufsverbot für Peter Stadtmann. Es sei unvorstellbar, dass „dieser Mann noch einmal als Apotheker arbeite“. Zusätzlich fordert der Staatsanwalt, dass Peter Stadtmann die Prozesskosten der Nebenklage bezahlen müsse.

  • „Was spricht gegen die Höchststrafe? Nicht viel“. So leitet Staatsanwalt Jakubowski seine Ausführungen zu möglichen strafmildernden Umständen ein. Für den Angeklagten spreche lediglich, dass er nicht vorbestraft sei. Der Staatsanwalt  nimmt auch Bezug auf die Medienberichterstattung zum Fall. Immer wieder hatten Stadtmanns Anwälte eine Vorverurteilung ihres Mandanten beklagt. Jakubowski sagt, im Vorfeld habe es zwar eine teilweise vorverurteilende Berichterstattung gegeben. Diese habe sich jedoch im Laufe des Gerichtsprozesses ausdifferenziert. Der Gesundheitszustand des Angeklagten komme hingegen für strafmildernde Umstände nicht in Betracht.

  • Nebenklage will Verurteilung wegen Mord. Die Anwälte der Nebenklage fordern, Peter Stadtmann für Mord und versuchten Mord zu verurteilen. So ist der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach der Auffassung, dass eine Verurteilung wegen Mordes in einer nicht genau festzustellenden Anzahl von Fällen möglich sei. Er richtet das Wort direkt an den Angeklagten: „Sie, Herr Stadtmann, haben meine Mandantin um die Chance betrogen, diese Krankheit zu besiegen und das kann man nicht anders als versuchten Mord werten.” Einige Anwälte der Nebenklage fordern ein höheres Strafmaß als der Staatsanwalt. Der Anwalt Tobias Degener beantragt die Verurteilung von „nicht unter 14 Jahren”. Anwalt Manuel Reiger fordert zusätzlich zum Berufsverbot ein Verbot jeder Tätigkeit im Labor. Dieses Verbot solle durch eine elektronische Fußfessel überwacht werden. Außerdem solle dem Angeklagten verboten werden, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten.

  • Gab es ein System Stadtmann? Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach wirft dem Angeklagten ein „System von Unterstützern” vor. Von diesen Personen dürfe niemand unbehelligt bleiben, der das System des Apothekers mitgetragen habe. Das sei das Gericht allen Patienten schuldig. Denn diese müssten auch in Zukunft darauf vertrauen können, dass ihre Therapien ordnungsgemäß hergestellt werden. Mit den Unterstützern meint Goldbach offenbar insbesondere die Mitarbeiter der Apotheke, den Steuerberater Stadtmanns und seine Eltern. Goldbach führt aus, die Mitarbeiter hätten von Unterdosierungen gewusst, der Steuerberater habe offenbar von nicht erklärbaren Gewinnen berichtet und davon vermutlich auch die Eltern Stadtmanns unterrichtet. Die seien zudem noch aktiv in die Arbeit der Apotheke eingebunden gewesen und hätten offensichtliche Verletzungen der Herstellungsvorschriften ihres Sohnes hingenommen.

  • Behördenversagen im Fall Stadtmann. Immer wieder kritisieren die Nebenkläger in ihren Plädoyers den Umgang der Behörden mit dem Fall der Alten Apotheke. Der Anwalt Sebastian Bessler spricht von einem „schweren Fall von Behördenversagen”. Der Anwalt Salih Erdil fordert ein Urteil mit abschreckender Wirkung. Schließlich sei Stadtmann nicht der Erste und nicht der Letzte, der die Schwächen der Überwachungsbehörden erkenne. Eine hohe Strafe sei notwendig, wenn der Staat seine „Zähne zeigen wolle”, sagt der Anwalt Tobias Degener.

  • Kein Täter-Opfer-Ausgleich. Weder einen Entschädigungsfonds, noch Ausgleichszahlungen habe Peter Stadtmann angeboten, kritisiert die Anwältin Eva Kuhn. Sie betont, dass dies juristisch auch ohne ein Geständnis möglich gewesen wäre. Der Angeklagte habe weder über seine Anwälte, noch über das Gericht oder außergerichtlich einen Täter-Opfer-Ausgleich angestrebt. Das sei bei der von ihm erzielten Gewinnspanne besonders verwerflich. Auch der Nebenklage-Anwalt Schulz betont, dass ein Geständnis des Angeklagten und ein Täter-Opfer Ausgleich eine geringere Bestrafung und ein anderes Bild von ihm und seiner Familie in der Öffentlichkeit ergeben hätten.

  • Welches System steckte hinter den Unterdosierungen? Die Betroffenen und ihre Anwälte hatte besonders eine Frage im Prozess beschäftigt: Welche Proben wurden warum unterdosiert. Der Anwalt Aykan Akyildiz bedauert, dass wohl nie geklärt werde, wer wann und warum von welchen Unterdosierungen betroffen gewesen sei. Im Falle seiner Mandantin sei nicht geklärt worden, warum die für sie bestimmte und beschlagnahmte Infusion statt Trastuzumab den Wirkstoff Pertuzumab enthielt, obwohl letzterer im Einkauf teurer sei. Der Nebenklage-Anwalt Erdil stellt die Frage nach dem Motiv. Seinen Mandaten sei es nicht um die Vermögensvorteile Stadtmanns gegangen, sondern vor allem um die Beantwortung einer Frage: Warum jemand einer erkrankten Patientin die letzte Hoffnung auf Heilung nimmt? Diese Frage bleibe nun unbeantwortet. Der Staatsanwalt Jakubowski vergleicht in seinem Plädoyer die Umständer der mutmaßlichen Unterdosierungen mit „Forest Gump und seiner Pralinenschachtel: man wusste nie, was man bekommt“.

  • Vergleich mit KZ-Arzt. Eine Externalisierung von moralischer und rechtlicher Verantwortung wirft der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz indirekt in seinem Plädoyer dem Angeklagten vor. Schulz vergleicht Stadtmann indirekt mit dem KZ-Arzt Mengele, dem das Schicksal seiner Opfer egal gewesen sei. Dabei verweist er auf die von Zeugen im Gericht wiedergegebene Äußerungen Stadtmanns, der über Patienten gesagt haben soll, „die sterben doch eh“.  Auch auf die Rolle des Harry Lime im Film „Der dritte Mann“ spielt Schulz an. Dieser strecke im Film Penizillin, um Gewinne zu maximieren und rechtfertige das mit der Bedeutungslosigkeit des Lebens Einzelner.

  • Ähnlicher Fall in den USA? Der Nebenklage-Anwalt Schulz verweist in seinem Plädoyer auch auf einen vergleichbaren Fall in den USA. Dieser zeige verblüffende Parallelen. Dabei handele es sich um den Zyto-Apotheker Robert Courtney aus Kansas City im US-Bundesstaat Missouri. Er sei wegen der Unterdosierung in 98.000 Fällen zwischen 1992-2001 in den USA angeklagt und zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Es sei verblüffend, dass sowohl das FBI in den USA und die Ermittlungsbehörden NRW zunächst sehr zurückhaltend auf den jeweiligen Tatverdacht reagiert hätten. Die Ermittler in beiden Ländern hätten sich wohl ein Verbrechen dieser Dimension einfach nicht vorstellen können. Die us-amerikanische Justiz habe jedoch „robuster und konsequenter“ als bisher die deutsche reagiert. Cortney habe zivilrechtlich Schadensersatz von 2,2 Milliarden US-Dollar zahlen müssen. Die Ausfechtung der zivilrechtlichen Ansprüche stehe Peter Stadtmann noch bevor.

  • Machte sich einer der Verteidiger strafbar? Der Anwalt Schulz wirft die Frage auf, ob ein Verteidiger Stadtmanns die Grenzen anwaltlicher Interessenvertretung überschritten habe und an Straftaten beteiligt gewesen sei. Der indirekte Vorwurf: Der Verteidiger habe 2014 aufgrund der ersten Anzeige erklärt, sein Mandant Stadtmann würde niemals unterdosieren, weil es ihm um das Wohl der Patienten gehe und er ein guter Mensch sei. Obwohl der Steuerberater Stadtmanns, der ein Kanzleikollege des Anwalts sei, gesagt habe, dass die Gewinne des Angeklagten steuerlich nicht erklärbar seien.

  • Gericht bestätigt Sachverständige. Vor Beginn der Plädoyers lehnt das Gericht die Ablehungsanträge der Nebenklage und der Verteidigung gegen die Sachverständigen Faustmann und Schiffer ab. Damit werden die Aussagen beider Sachverständigen im Urteil berücksichtigt. In ihrer Begründung betont die Kammer, dass die Verteidigung selbst Schiffer als Sachverständigen vorgeschlagen habe.

  • Vier offene Beweisanträge der Verteidigung. Offen sind nun noch vier Anträge der Verteidigung, die erst im Urteil entschieden werden. Die Nebenklage hat alle Anträge zurückgezogen. Die vier Anträge der Verteidigung sind folgende: Antrag auf Anhörung des Architekten Stadtmanns als Zeugen und Antrag auf Anhörung zweier Mitarbeiter des Bottroper Spendenlaufs als Zeugen. Beide Anträge wurden schon am 41. Prozesstag gestellt. Mit der Anhörung der Zeugen wollen die Verteidiger offenbar belegen, dass Stadtmann Aufgaben aufgrund seines Gesundheitszustandes delegierte. Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach dreht dieses Argument um: Wenn Stadtmann Aufgaben delegiert habe, habe er offenbar, anders als dargestellt, eine klare Vorstellung seiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit gehabt. Der dritte Antrag wurde ebenfalls bereits am vorherigen Prozesstag gestellt und heute weiter ausgeführt: die Verteidigung will den Sachverständigen Faustmann zur Begutachtung der Schuldfähigkeit berufen. Die Begründung: Die Qualifikation des Sachverständigen Schiffer sei nicht ausreichend, um die Einschränkungen in Folge der Hirnschädigung zu bewerten. Er habe keine neurologische oder medizinischer Ausbildung. Der vierte noch offene Antrag ist die heute gestellte Forderung der Verteidigung nach einem weiteren pharmazeutischen Gutachten zu den Untersuchungen des PEI und LZG. Dafür führen Stadtmanns Anwälte die bereits bekannten Gründe an. Sie werfen den beiden Instituten vor, deren Untersuchungsmethoden entsprechen nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

  • Vorwurf der „Verschleppungsabsicht“ und „Strafvereitlung“. Nachdem die Verteidigung am Morgen seitenlange Anträge verliest, werfen der Staatsanwalt und die Nebenklage Stadtmanns Anwälten vor, den Prozess bewusst in die Länge zu ziehen. „Bisher habe ich diesen Begriff vermieden, aber das ist jetzt im Bereich der Verschleppungsabsicht”, sagt Staatsanwalt Jakubowski. Der Antrag einen weiteren Sachverständigen zu den Gutachten des LZG und PEI zu hören entwerte zudem indirekt die Sachverständigen Kinzig, Sörgel und Blume. Der Nebenklage-Anwalt Khubaib-Ali Mohammed geht noch weiter. Er wirft der Verteidigung indirekt einen Anfangsverdacht von Strafvereitelung vor.

  • Verteidigung scheitert endgültig an Verlängerung der Antragsfrist. Die Verteidigung versucht am Morgen erneut mit dem letzten verbliebenen Mittel einer Gegenvorstellung vergeblich gegen die Beweisantragsfrist des Gerichtes vorzugehen. Das Gericht hält an dem Beschluss fest und bestätigt die Frist. Alle offenen Anträge werden somit erst im Urteil beschieden.

  • Nutzt Peter Stadtmann die Möglichkeit des Schlusswortes? Mehrere Anwälte der Nebenklage werfen dem Angeklagten vor Möglichkeiten der Aufklärung ungenutzt gelassen zu haben. Insbesondere sein Schweigen sei für die Opfer schwer zu ertragen. Die Anwältin Iris Gerdau appelliert eindringlich und emotional an Peter Stadtmann die letzte Möglichkeit, das Schlusswort des Angeklagten, zu nutzen, um sich noch zu äußern.

  • Urteil frühestens am Freitag. Richter Hidding stellt klar, dass mit einem Urteil frühestens am Freitag zu rechnen sei. Vorher müssen noch die restlichen Nebenklage-Anwälte und die Verteidigung ihre Plädoyers halten.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Donnerstag werden voraussichtlich die letzten Plädoyers gehört. Das Urteil könnte dann am Freitag fallen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 5. Juli und 6. Juli.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 41

Die Verteidigung fordert, Stadtmann frei zu lassen. Der Staatsanwalt wirft der Nebenklage vor, das Urteil zu verzögern. Richter Hidding kündigt Plädoyers an.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann kommt verspätet zur Verhandlung. Der Transport stand im Stau. Als er von dem Tod einer der Nebenklägerinnen hört, reagiert er zunächst nicht. Dann fängt er an intensiv mit seinen Anwälten zu reden.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind zwei Betroffene im Gericht. Bis zum Ende bleiben sie nicht. Anfangs verfolgen vier Zuschauer und vier Journalisten den Prozess. Am Abend sind es noch ein Zuschauer und zwei Journalisten.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Nebenklägerin verstorben. Eine der Nebenklägerinnen ist verstorben. „Ich muss Ihnen eine traurige, bedauerliche Nachricht überbringen“, sagt Richter Hidding zu Beginn der Verhandlung. Ein Anwalt habe ihn vom Tod einer der Nebenkläger unterrichtet. Ihr Ehemann, der heute nicht im Gerichtssaal sitzt, sei nun neuer Nebenkläger.

  • Staatsanwalt Jakubowski wettert gegen Nebenklage. Die Nebenklage stellt erneut Beweisanträge. Dem Staatsanwalt platzt daraufhin der Kragen: „Ich kann nicht verstehen, warum die Nebenklage sich daran beteiligt zu verzögern, dass dieser Mann verurteilt wird.“ Dabei dreht sich Jakubowski zu den Nebenklägerinnen um und schüttelt den Kopf. Nebenklageanwalt Goldbach hatte beantragt, seine Mandantin als Zeugin hören. Außerdem fordert er, für den Fall, dass Faustmann nicht abgelehnt wird, einen IQ-Experten zu vernehmen.

  • Antragsfrist bestätigt. Richter Hidding sieht in einigen Anträgen eine Verzögerungstaktik. Er hatte letzte Woche eine Frist für Anträge gestellt. Bis Mittwoch, den 27.06. sollten alle Beweisanträge eingegangen sein. Die Kammer bestätigt heute nachträglich den Beschluss. Grund: Die Beweisaufnahme sollte  schon im Februar geschlossen werden. Weil nun Beweisanträge sehr viel später gestellt werden, vermutet Hidding eine Verzögerungstaktik. Am Dienstag plant Hidding die Beweisaufnahme endgültig zu schließen. Nur glaubhaft begründete Anträge hätten dann vielleicht noch eine Chance.

  • Verteidigung fordert Haftentlassung. Stadtmanns Anwälte fordern, dass der Haftbefehl aufgehoben wird. Faustmanns Gutachten habe eine Hirnstörung bestätigt, die zu unbewussten Fehlleistungen führen könne. Die Argumentation: Falls Stadtmann unbewusst falsch dosiert hat, ist die Anklage nicht zu halten und der Haftgrund fällt weg. Die Verteidiger wollen außerdem noch den Architekten Stadtmanns und andere Zeugen hören. Sie sollen belegen, dass Stadtmann auch außerhalb des Zyto-Labors Einschränkungen hatte und irrationale Entscheidungen getroffen habe. Wenn Schiffer nicht abgelehnt wird, wollen sie Faustmann als offiziellen Gutachter zu Schuldfähigkeit hören.

  • Gericht ist nicht befangen. Die Kammer aus Ersatzrichtern hat den Befangenheitsantrag gegen das Gericht abgelehnt. Nebenkläger hatten einen Ablehnungsantrag gegen Richter Hidding und die gesamte Kammer gestellt. Der vorsitzende Richter Hidding war bereits am vergangenen Verhandlungstag vom Vorwurf der Befangenheit entlastet worden. Dies gilt nun auch für die gesamte Kammer. Damit geht der Prozess weiter und wird nicht neu aufgerollt.

  • Nebenklage und Verteidiger lehnen gegenseitig Gutachter ab. Die Nebenklage lehnt den psychiatrischen Gutachter Pedro Faustmann wegen Befangenheit ab. Staatsanwalt Jakubowski will sich nicht zu Faustmanns Aussage äußern. Stadtmanns Anwälte lehnen ihrerseits den Gutachter Schiffer ab, obwohl sie ihn selbst vorgeschlagen hatten. Sie hätten seine Qualifikation besser prüfen müssen, sagen die Verteidiger und räumen dies als Fehler ein. Staatsanwalt Jakubowski lehnt beide Anträge ab. Er wirft Verteidigung und Nebenklage vor, lediglich inhaltliche Kritik am Ergebnis der Gutachten zu äußern.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Richter Hidding könnte am Dienstag die Beweisaufnahme schließen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage könnten dann mit ihren Plädoyers beginnen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 03.07., 05.07. und 06.07.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 40

Der psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann sagt erneut aus. Der Saal diskutiert über IQ-Werte und Schmerztropfen. Ersatzrichter müssen nun entscheiden, ob die ganze Kammer befangen ist.

weiterlesen 4 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute ruhig. Als seine Verteidiger nach dem Zitat einer Zeugin suchen, blättert er in den großen Aktenordnern herum und sucht danach. Ansonsten lehnt er sich große Teile der Verhandlung zwischen seinen Verteidigern zurück und sieht geradeaus.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Am Anfang des Tages sind sechs Betroffene im Gericht. Bis die Sitzung mit fast vierstündiger Verspätung beginnt, sind fünf davon gegangen. Am Ende des Tages sitzen nur noch Anwälte auf den Bänken der Nebenklage. Zwei Zuschauer und zwei Journalisten verfolgen den Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Ersatzrichter müssen über Befangenheit entscheiden.Teile der Nebenklage haben nach Richter Hidding auch die komplette Kammer abgelehnt. Den Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Hidding wies die Kammer heute zurück. Doch über einen Antrag gegen die anderen beiden Berufsrichter und die zwei Schöffen in der Kammer müssen nun andere befinden. Nach einem komplexen System ist festgeschrieben, welche Richter in so einem Fall über welche Kollegen entscheiden. Die drei Richter des Landgerichts Essen, die ausgewählt wurden, setzen eine Frist. Bis morgen, 13 Uhr, dürfen alle dazu Stellung nehmen. Danach werden sie sich beraten. Lehnen sie die Kammer wegen Befangenheit ab, müsste das Verfahren mit neuer Besetzung wiederholt werden.

  • Die IQs von amerikanischen Apothekern 1945. Ein Streitpunkt ist und bleibt die Einschätzung von Stadtmanns IQ. Bereits der psychologische Sachverständige Boris Schiffer hatte kritisiert, dass sich Faustmann auf ungewöhnliche Vergleichsgruppen beziehe. Faustmann hatte gesagt, Stadtmann habe in einigen Tests einen für ihn auffällig niedrigen IQ-Wert von 100-115 erzielt. Der IQ von Apothekern liege durchschnittlich bei 120-125 Punkten. Diesen Vergleichswert hat Richter Hidding herausgesucht. Er stamme aus einer US-Untersuchung aus dem Jahr 1945. Dort sei auch aufgeführt, dass ein Bäcker einen niedrigeren IQ als ein Konditor habe, sagt Hidding. „Vielleicht weil er auf Kuchen schreiben muss“, sagt der Richter, und fragt, ob solche Zahlen überhaupt einen Aussagewert hätten. Faustmann bejaht, es seien ja nur Mittelwerte. Hidding ist dies nicht genug. Die Frage sei berechtigt, wenn Faustmann ihm mit solchen uralten Studien käme. Der Sachverständige erwähnt eine Studie von 2001, dort seien keine Apotheker, jedoch Pharmazeuten mit einem Wert von 116 eingetragen. Die Nebenklage hakt nach: „Ist es nicht nur Ihre eigene Einschätzung, dass der Angeklagte einen höheren IQ gehabt haben muss?“ Faustmann antwortet, er beziehe das aus dem Beruf, dem Bildungsweg und dem Abiturschnitt.

  • Eingeschränkt nur im Zytolabor? Richter Hidding versteht nicht, wie das ganze Leben Stadtmanns so toll laufen konnte und dann ein so winziger Teil nicht. Er habe schließlich erfolgreich gearbeitet, ein Haus gebaut und Charity betrieben, sagt Hidding. Genau darin läge die Schwierigkeit, sagt Faustmann. Man merke oft nicht, wenn die Einschränkung in einem ganz spezifischen Bereich sei. Es müsse die Situation unter Zeitdruck mit vielen Wiederholungen in Folge gegeben sein, sagt Faustmann. Sonst würde man die Einschränkungen in anderen Teilen des Alltags wohl nicht bemerken. Es sei bei Stadtmann auch zu keiner Wesensveränderung gekommen, sagt Faustmann. Leistungseinschränkungen seien bei dem hohen Selbstbild und der gehobenen Stimmung Stadtmanns nicht leicht zu erkennen. In Belastungssituationen würden sich dann die Einschränkungen zeigen. Ob dies nur im Zyto-Labor der Fall gewesen sei, könne er auch nicht sagen.

  • Wusste Stadtmann, was er tat? Laut Faustmann könnten unbewusste Unterdosierungen in der Stresssituation von Zyto-Herstellungen passiert sein. Die unterschiedlich unterdosierten Proben passten in ihrer Bandbreite zu der Theorie. Stadtmann habe gesagt, er könne vom Protokoll her einschätzen, ob eine Wirkstoffmenge richtig für die Person sei, sagt Nebenklageanwalt Goldbach. Die Äußerung stamme aus dem Gutachten Schiffers. Wie habe er dann mutmaßlich viel zu geringe Mengen hineintun können, fragt Goldbach. Er sei ja im Alltag nicht gestört gewesen, sagt Faustmann. Nur unter bestimmten Anforderungen arbeite er schnell, fühle sich dabei gut, mache aber qualitative Fehler. Nebenklageanwalt Schulz hakt nach. Eine Zeugin habe Stadtmann das Zitat „Die sterben doch eh alle“ zugeschrieben. Wie würde das ins Bild passen, wäre es dann nicht vorsätzlich? Faustmann argumentiert wieder mit der Stresssituation. Nach fünf Nachfragen, sagt er: „Wenn jemand das während der Herstellung sagen würde, also eine Metaebene aufmacht, dann müsste man das anders bewerten.“ Die Argumentation der Nebenklage: Wenn eine Person darüber reflektiert, während sie die Handlung ausführt, dann liegt ein Vorsatz nahe.

  • Kritik an Tests von Schiffer. Die Verteidigung befragt Faustmann zum Gutachten von Professor Schiffer. Wie Faustmann damit umgehen würde, wenn ein Proband vor dem Termin Neuralgin gegen Kopfschmerzen genommen hätte? Das sei für Faustmann ein „absolutes No Go“. Die Untersuchung müsste abgebrochen werden, sagt Faustmann. Man könne dann keine validen Tests mehr machen. Der Richter korrigiert: Die Tropfen seien laut Schiffer nur vorbeugend gewesen. Im Gerichtssaal wird über das Medikament diskutiert. Ein Arztbrief von 2006 weise auf mögliche psychische Nebenwirkungen der Tropfen hin, sagt Faustmann. Auch zu den Fragen Schiffers wollen Stadtmanns Anwälte Faustmanns Einschätzung. Wie fände er es, dass Schiffer dem Angeklagten Zeugenaussagen vorgehalten habe? Er würde davon abraten, es sei nicht die Aufgabe des Gutachters zu ermitteln, sagt Faustmann.

  • Keine Vereidigung. Obwohl alle Beteiligten eine Vereidigung des Sachverständigen beantragten, lehnt die Kammer das ab. Staatsanwalt Jakubowski machte den Vorschlag, Nebenklage und Verteidigung schlossen sich an. Richter Hidding war dagegen: „Wir machen hier keine Vereidigungen. Ich will nicht sagen es wäre Quatsch, aber…“. Die Kammer schließt sich dem Vorsitzenden an. Es benötige keine Vereidigung, um ein unparteiisches Gutachten sicherzustellen.

  • Verteidiger zweifeln Herstellungsprotokolle an. Die Verteidigung beantragt, 27 der beschlagnahmten Infusionsbeutel zu sehen. Stadtmann soll diese Proben selbst hergestellt haben. Seine Anwälte wollen beweisen, dass hier nicht das Kürzel „PS“ markiert wurde. Dann seien die Herstellungsprotokolle der einzige Hinweis auf Stadtmann als Hersteller. Hier will die Verteidigung einen Graphologen hören, der bestätigen soll, dass die Kürzel auf den Protokollen nicht Stadtmanns Unterschrift sind.  

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Der Verhandlungstag am Donnerstag wird abgesagt. Das Programm am Freitag ist noch nicht klar. Zumindest will die Kammer aber am Freitag darüber beraten, ob die Frist für Anträge verlängert wird.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

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