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Wie der Mensch im Ruhrpott so tickt – ein Erklärungsversuch

Das ist er wieder, der kleine Mann hier unten. Er blickt durch, während die da oben die einfachsten Dinge nicht kapieren. Aber was kann der kleine Mann schon machen? Der Durchschnittsbürger hat nicht nur nichts zu sagen – er ist anti-elitär, oder was man dafür hält, und stolz darauf. Konrad Lischka nervt diese Anti-Haltung.

von Konrad Lischka

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Das letzte Spiel der Hinrunde im Georg-Melches-Stadion: Vier Tore für Rot-Weiß Essen an diesem Abend Ende November 2010, keins für Kleve, fast 6000 Zuschauer trotz Temperaturen unter null. Die Fans drängen sich auf gerade mal noch zweidreiviertel Tribünen. Die Westtribüne links ist seit 1994 weg (Baufälligkeit), die Stufen der Nordkurve enden seit 2009 abrupt, durch die Lücke schaut man ins Niemandsland: Strommasten am Horizont, irgendwo die Emscher und die Aluminiumhütte.

2012 soll das neue Stadion fertig sein, warum hat man mit dem Abriss der Nordtribüne nicht etwas gewartet? Ich frage das einen alten Herren im Parka neben mir, er winkt ab: „So ein Schwachsinn! Die oben machen, was sie wollen. Können kein neues bauen, aber Geld für die Oper ist da!“ (Anmerkung von correctiv.ruhr: Mittlerweile spielt Rot-Weiß Essen in einem neuen Stadion, wegen dessen Finanzierung es zahlreiche Probleme gibt.)

Das ist er wieder, der kleine Mann hier unten. Er blickt durch, während die da oben die einfachsten Dinge nicht kapieren. Einfach mal ein bisschen Tribüne abreißen ohne da was Neues hinzustellen – ich glaub, es hackt! Aber was kann der kleine Mann schon machen? Mir geht dieses Geschimpfe auf die oben und die damit verbundene Kleinmacherei auf die Nerven. Ich höre die Sprüche seit Jahren.

Selber tun kann man nichts

Als ich in der Grundschule war, auf der Margarethenhöhe in Essen, kam ich mit einem Spielkameraden auf die Idee, das Gras zwischen den Pflastersteinen auf dem Fußweg in unserer Straße wegzukratzen. Wir waren mit unseren Schäufelchen zugange, Nachbarn kamen vorbei und schauten. Ein Kommentar hat sich mir eingeprägt: „Dafür ist doch die Stiftung zuständig!“ Gemeint war die „Margarethe-Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge“, der das gesamte Viertel gehört. Ist eine Schande, dass die den Bürgersteig nicht grasfrei halten.

All diese Reaktionen entspringen einem Bild der Welt, die vor allem durch Zuständigkeiten strukturiert ist. Für alles gibt es einen Verantwortlichen, und wenn der Mist baut, kann man sich darüber beklagen und alles besser wissen – tun kann man nichts, weil Inkompetenz nicht die Autorität infrage stellt.
 
Wenn jemand über die Idioten da oben schimpft wie der Opa im Stadion, passieren zwei interessante Dinge: Einerseits stärkt so jemand sein positives Selbstbild. Ich weiß, was falsch läuft, ich sag das ehrlich und direkt. So setzt man sich hier unten positiv von den Typen in charge ab. Das geht damit einher, dass der ehrliche kleine Mann sich sehr, sehr klein macht. Die eigene Rolle ist definiert durch die Machtlosigkeit: Die Idioten oben sind unfähig, aber zuständig. Was sie entscheiden, ist gegeben – da kann man meckern, aber was soll man sonst tun? 

Kann ja sein, dass niemand auf den Opa im Stadion gehört hätte, wäre er vor Jahren auf die Straße gegangen oder zur WAZ oder zu Radio Hafenstraße oder zur Mitgliederversammlung des Vereins, um mal allen zu erzählen, was für ein Unsinn der Teilabriss der Tribüne ist. Hat er aber nicht gemacht – weil er nicht zuständig ist.

Kleinmacherei vor Autoritäten

Helge Schneider hat in einem seiner Ruhrgebietshörspiele diese Kleinmacherei vor den zuständigen Autoritäten in einem wunderbaren Dialog ins Absurde überspitzt. Da trifft Klaus den Erwin nach einiger Zeit wieder, an der Bude wahrscheinlich und Klaus erzählt von seiner Operation: 

„Guck ma hier unterm Mantel, wasse sie mit mir gemacht haben! Hamse mir n Bein abgenommen! Schweine! Meinen, ich hätt zu viel geraucht.“

In einer so geordneten Welt hat jeder seinen Platz und deshalb schöpfen nur wenige ihre Freiheitsrechte aus. 

Der Autor Erik Reger, der in den 1920ern einige Jahre lang als „Bilanzkritiker“ (vornehmes Wort für Pressereferent) bei Krupp arbeitete, beschreibt diese verklärte Kleinmacherei in seinem Ruhrgebietsroman „Das wachsame Hähnchen“. Er nennt die Kruppianer „eine bemerkenswerte Geistesströmung, die eine allgemeine Versicherung gegen die Zufälle des Lebens und ein hierarchisches System der Selbstentäußerung zugunsten der festen Lebensstellung erstrebte“.

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Anti-elitär und stolz darauf

Aus dem einfachen Arbeiter ist heute der ehrliche Steuerzahler geworden. Es gibt kein Standesbewusstsein mehr, das sich aus manueller Tätigkeit speist oder speisen könnte. Die Selbstdefinition des kleinen Mannes, des ehrlichen Steuerzahlers läuft auch hier über die Abgrenzung: Der Durchschnittsbürger hat nicht nur nichts zu sagen – er ist anti-elitär, oder was man dafür hält, und stolz darauf.

Wurst und Fritten statt Sterneküche?

Diese anti-elitären Reflexe kann man im Ruhrgebiet ganz gut in der Küche beobachten: Wer kennt nicht die Legende vom vermeintlichen Sternekoch, der eine Pommesbude übernommen hat, weil er sich nicht länger mit dem Firlefanz der Sterneküche herumschlagen wollte. Den Plot dieser Geschichte hat jeder verinnerlicht: Wurst und Fritten sind ehrliche, einfache Küche hier, das meiste andere elitär. Ein traditionell-bodenständiges Gericht wie Steckrüben-Cremesuppe mit Blutwurstkrapfen bringt dieses Koordinatensystem durcheinander. Vor 60 Jahren wäre so etwas im Ruhrgebiet als Imbiss durchgegangen, während frittierte Kartoffelstangen den Argwohn erregt hätten. 

Die Mischung aus Kleinmacherei, vermeintlicher Bodenständigkeit und diffusen anti-elitären Reflexen kann sehr unangenehm werden. Das kann man bei fast jedem Artikel zu Kunst im öffentlichen Raum auf derwesten.de nachlesen. Exemplarisch ist da der Streit um den Stahlkringel am Rand des Essener Kennedy-Platzes, die sogenannte Spitzer-Plastik. Sie steht da seit Mitte der Neunziger, ein 500 Meter im Kreis nach obenhin aufgewickeltes Stahlband, insgesamt etwa acht Meter hoch. 

Immer, wenn ich an dem Werk vorbeilief, schaute ich zwischen den Stahlbändern in den Innenraum hinein, was sich da angesammelt hatte — zum Laub kamen irgendwann Flaschen, Kissen und zerknüllte Poster dazu. Man kriegte — mit einem guten Wurf – leicht etwas rein, aber weit weniger einfach wieder heraus. Vielleicht war das eine Analogie des Künstlers auf die Folgen der Industrialisierung im Ruhrgebiet.

Hass auf den Stahlkringel

14 Jahre lang verkam die schwere Skulptur, Möchtegern-Sprayer verewigten sich mit ungelenken Tags, Müll sammelte sich im Innenraum und lange war das der Mehrheit wurscht. Dann beklagte die Inhaberin eines Innendekorationsgeschäfts in der Nähe, die zugleich Vorsitzende der örtlichen Interessengemeinschaft war, der „Schandfleck“ müsse weg. Die Stadt solle die „Mülltonne“ gefälligst entfernen. Und: „An ihrer Stelle könnte man besser ein Hinweisschild auf die Fachgeschäfte der Umgebung aufstellen.“

Der Common Senf in den Kommentaren zu diesem Artikel klingt dann zum Beispiel so: „Verschrottet die stinkende Toilette und baut was Gescheites dort hin oder lasst den Platz einfach frei. Ruhr2010 ist schon schlimm genug, wo es doch an allen Ecken und Enden in der Stadt brennt (Leute entlassen, aber sich in den oberen Etagen für Ruhr2010 feiern lassen, ist schon großes Kino), was müssen wir uns im Sinne der Kultur noch alles gefallen lassen?“

Alles ist Mist, alles bleibt Mist

Die Lokal-Lobbyisten der Einzelhändler, der RWE-Fans und die Nachbarn auf der Margarethenhöhe haben mit Sicherheit wenig gemeinsam außer dieser speziellen Mischung von Kleinmacherei, anti-elitärem Reflex und einer daraus gewonnen positiven Selbstwahrnehmung als Teil der ehrlichen, bodenständigen, benachteiligten Mehrheit. Wer so denkt, spricht sich jede Möglichkeit zum Gestalten ab – alles ist Mist, alles bleibt Mist, das hab ich ja immer schon gesagt, aber nichts getan.

Auf diese Dumpfheit hat der Schöpfer der als „Mülleimer“und „Elefantenklo“ beschimpften Stahlspirale in der Essener Innenstadt 2010 die beste Antwort gefunden. Er verblüffte. Nein, einer Verlagerung würde er nicht zustimmen, sagte Serge Spitzer der WAZ. Sein Vorschlag: „Vor Ort verbuddeln, das würde zum Konzept passen.“

Natürlich steht die Plastik immer noch da. Verbuddelt oder gereinigt hat sie keiner der Kritiker – dafür ist ja die Stadt zuständig.


Konrad Lischka (*1979) hat mit Frank Patalong (*1963) vor einigen Jahren ein Buch übers Großwerden im Ruhrgebiet geschrieben – zwei Generation erzählen vom Leben im Provisorium, der Einzigartigkeit des Reviers und seiner wunderbaren Bewohner: Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach, Lübbe, 256 Seiten, 16,99 Euro. pilskendanach.de

Dieser Text ist zuerst im Heft Ruhrbarone #4 erschienen. Hier geht’s zum Blog der Ruhrbarone.